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Hinter Pflug und Schraubstock

Max Eyth: Hinter Pflug und Schraubstock - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
titleHinter Pflug und Schraubstock
authorMax Eyth
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart
year1958
printrun377. - 408. Tausend
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20020512
modified20150625
firstpub1899
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Druckerschwärze

Auch mir war es nur halb wohl, als ich am nächsten Morgen mit dem ersten Zug nach Alexandrien fuhr. Klarheit wollte ich mir verschaffen, koste es, was es wolle, und büßen sollte der, der in so schändlicher Weise, mit Lug und Trug, in mein ehrliches Schaffen eingriff. War es Jackson, der Redakteur selbst, so hatte ich ihm mindestens den Kragen umzudrehen. War er es nicht, so mußte er zum Geständnis gebracht werden, wer den Schandartikel geschrieben hatte, dessen schlimme Folgen sich so rasch fühlbar zu machen schienen. Sechs Stunden in einem glühenden Eisenbahncoupé zwischen Kairo und Alexandrien, ein Ungarweinfrühstück den Tag zuvor und eine schwergeschädigte große Sache, die gerettet werden mußte – dies alles zusammen gibt eine so warme Mischung, daß meine wiedererwachende, blutdürstige Stimmung vielleicht zu entschuldigen war.

Um vier Uhr erreichte ich eine der elenderen Nebenstraßen des Mohammed-Ali-Platzes und stand in einem dumpfigen, tiefverstaubten Hause vor Jacksons Zimmertüre. Man gelangte an dieselbe durch eine kleine Druckerei, die einer unglaublich schmutzigen, alten Rumpelkammer glich, in welcher zwei müde Setzer über ihren Setzkästen schliefen. Ich kannte den Herrn Redakteur nur oberflächlich, obgleich er mich seit einem Jahr um Abonnements, Anzeigen und Beiträge für sein »Weltblatt des Orients« genügend gequält hatte: ein großer, fetter Mann, der in einem kälteren Klima würdig genug ausgesehen haben würde. Hier machte er den Eindruck eines übervollen Schmalztopfes, den der Zufall zu nahe ans Küchenfeuer gestellt hatte.

Ich legte mein Gesicht in Falten, die ich dem Umgang mit Beinhaus verdanke. Leider fehlte meinem Schnurrbart die erforderliche Länge und die Fähigkeit, an warmen Tagen mit den Spitzen nach oben stehenzubleiben. Um so ernster war mir's zumute, als ich klopfte.

»Herein!« Natürlich auf englisch.

Jackson saß matt, in Hemdärmeln und kragenlos in einem gebrechlichen, aber riesigen Bureaustuhl, ein feuchtes Taschentuch über den kahlen mächtigen Schädel geklebt, eine Schere am Daumen hängend, umgeben von einem Gebirg von Papierschnipfeln und drei großen Gummitöpfen.

»Was wollen Sie? – ich schlafe!« stöhnte er, kaum hörbar, während ein imponierendes Schnarchen ruhig weiterarbeitete. Dann wachte er plötzlich auf: »Ach, sehr angenehm, sehr angenehm, Herr Mac Id, Herr Oberingenieur Mac Id aus Schubra! Sehr angenehm. Mit was kann ich dienen? Bitte, nehmen Sie Platz.«

Er glänzte von fettiger Freundlichkeit. Ich versuchte ihn mit einem Blick zu vernichten, fand aber, daß man Schmalztöpfe nicht mit Blicken vernichtet. Er lächelte nur um so freundlicher.

»Ich komme von Kairo, Herr Jackson,« sagte ich herbe, »um ein ernstes, sehr ernstes Wort mit Ihnen zu sprechen.«

»Was Sie sagen!« rief er ganz erfreut. »Nehmen Sie etwas Whisky, oder Brandy gefällig, Herr Mac Id? Beides hier, in nächster Nähe.«

Ich würdigte diesen Bestechungsversuch keiner Antwort.

»Kennen Sie dies?« fragte ich mit erhobener Stimme und zog meine »Times« aus der Brusttasche, die mir schon zum zweitenmal als wirkungsvoller Revolver dienen mußte.

Er warf einen schielenden Blick auf das Blatt. Einen Augenblick zuckte es wie ein verlegener Ärger um seine dicken Lippen; dann lachte das ganze rote Gesicht wieder in ungetrübter Fröhlichkeit.

»Whisky oder Brandy? Sagen Sie, was es sein soll?« rief er. »Meine Zeitung – vom 13. März – « er stockte, nachdenklich – »Aha!« schrie er plötzlich frohlockend: »Der Artikel über Ihren prächtigen Dampfpflug! Gewiß, gewiß – Herr Mac Id – «

»Und nun sagen Sie mir, Herr Jackson,« fuhr ich mit schwer zurückgehaltener Entrüstung fort, »haben Sie diesen verleumderischen Schandartikel von Herrn Bridledrum erhalten? Von Herrn Bridledrum, dem Vertreter der Fabrik Howard in Bedford, oder haben Sie das Zeug selbst gebraut?«

»Ha, ha, ha!« lachte er aus vollem Hals, »selbst gebraut! Sehr gut! – Nein, mein verehrtester Herr Mac Id, selbst gebraut habe ich ihn nicht. Wir brauen hier nichts selbst, grundsätzlich. Zeit ist Geld. Wir haben von beiden nichts übrig.«

Er schwang freudig seine Schere; es war keine schlechte Verteidigungswaffe, wenn unsre Besprechung handgreiflicher werden sollte, was mehr und mehr wahrscheinlich wurde.

»So hat Ihnen Bridledrum den Artikel eingesandt!« rief ich hitzig. »Also doch! Und Sie haben ihn ohne jede Kritik, ohne alles Verständnis abgedruckt?«

»Den Artikel – den Artikel –?« Jackson legte sinnend den Finger an die Nase und schielte wieder nach dem Blatt, das ich auf den Tisch geworfen hatte. – »Bridledrum? – ja, hat er Ihnen denn nicht gefallen? Alles über Dampfpflüge; über Ihr Werk in Schubra; über Ihre großartigen Erfolge!«

»Donnerwetter, Herr Jackson!« rief ich in wachsender Erregung über das Schafsgesicht, das der Redakteur annahm, wenn er nachzudenken versuchte, »sind Sie nicht bei Trost? Der Artikel ist eine infame Verleumdung von A bis Z. Er kann der Sache, für die ich mich abquäle, den größten Schaden tun.«

»Glauben Sie das nicht! Glauben Sie das nicht!« rief Jackson eifrig. »Kein Mensch liest das Zeugs! Sehen Sie, Sie sind noch jung. Ein Mann voll Enthusiasmus und Feuer und so weiter. Ich bin ein Mann von Erfahrung, der das Leben kennt. Kein Mensch hat den Artikel gelesen, außer Ihnen. Ich gebe zu, das war ein kleines Malheur. Ich glaube, der Artikel war nicht für Sie bestimmt. Aber er ist nicht schlecht, lieber Herr Mac Id: flott geschrieben und anschaulich, daß sogar ich ihn verstand.«

»Ich ließ mir ja alles gefallen,« sagte ich, etwas besänftigt, »wenn Sie wenigstens jedem der zwei Pflüge die richtigen Zahlen mitgegeben hätten. Aber Sie lassen Howard achttausendsiebenhundert Quadratmeter –« »Ich bitte Sie, das sind Druckfehler!« unterbrach er mich hastig und nicht ohne einige Entrüstung, »nichts als Druckfehler! Redigieren Sie einmal eine Zeitung bei dieser Hitze! O Gott, ist es heute wieder heiß! Haben Sie schon gebadet? Ich meine draußen in der See?«

»Es sind keine Druckfehler!« rief ich mit neuerwachendem Ingrimm. »Die Zahlen sind richtig, aber versetzt. Was Howard geleistet hat, lassen Sie Fowler leisten, und umgekehrt. Da steckt Bridledrum dahinter, ich nehme Gift darauf!«

»Nehmen Sie kein Gift, Verehrtester; höchstens in dieser ziemlich harmlosen Form.« Er füllte zwei Gläser mit goldgelbem irischem Whisky und sehr wenig Wasser. »Bridledrum hat mit dem Aufsatz nichts zu tun,« fuhr er dann mit der größten Ruhe fort, wie wenn wir beide freundschaftlich die gleichgültigste Sache besprächen. »Kennen Sie meine Tochter Lucy? Die Hand aufs Herz – Lucy hat ihn geschrieben.«

Ich starrte ihn ungläubig an.

»Ein Goldmädchen, Herr Mac Id, die ihrem alten Papa den schweren Lebensabend tragen hilft, wie es wenige tun würden. Sie war eine Woche in Kairo und hat im Hotel Shepheard auf der Veranda drei Tage lang dampfgepflügt, mit Schnupftabaksdosen, wie sie mir erzählt. Was weiß ich? jedenfalls kam sie als völlig ausgebildeter Ingenieur zurück. Ein Goldmädchen! Sie schreibt die meisten Leitartikel in der ›Egyptian Times‹, die wir selber brauen, wie Sie es nennen. Sind Sie abonniert? Fritz, der Herr will abonnieren.«

Einer der verschlafenen Setzer kam herein und notierte Herrn Mac Id oder richtiger Mc Eid, so sehr ich auch versicherte, daß ich ganz anders heiße. In den englischen Kreisen Alexandriens blieb ich von jenem Tage an »McEid«; selbst in den deutschen zu Kairo begann man sich nach einiger Zeit zu streiten, ob ich berechtigt sei, meinen ehrlichen deutschen Namen zu führen.

»Und nun ans Geschäft, lieber Herr Mac Id,« rief Jackson mit väterlichem Wohlwollen. »Der Artikel hat Ihnen nicht gefallen. Schön. Ich bin bereit, gutzumachen, was etwa nicht ganz einwandfrei gelesen sein könnte. Hier ist Tinte, Feder und Papier. Schreiben Sie, was Sie wollen. ich schätze, ich achte Sie hoch, ich drucke, was Sie schreiben. Mehr kann ich wahrhaftig nicht tun.«

Er hatte soweit recht. Ich setzte mich und schrieb eine kurze Berichtigung, wobei ich nur die Zahlen feststellte, deren Verdrehung mein technisches Rechtsgefühl so tief verletzt hatte.

Jackson trank seinen Whisky, mir von Zeit zu Zeit zunickend. Ich gab ihm den Zettel.

»Sehr gut! Sehr gut! Nur etwas zu kurz; wirklich nicht lang genug,« meinte er. »Das soll morgen früh vor – beachten Sie wohl, Herr Mac Id – vor dem Leitartikel über die Lage der konföderierten Armee stehen. Lesen Sie den, bitte! Den hat Lucy auch geschrieben. Ich werde nur gewöhnliche Inseratengebühr berechnen, billigsten Satz. Sehen wir einmal: das macht« – er sah jetzt mein Papier mit merklicher Aufmerksamkeit an – »das macht etwa zweiunddreißig Zeilen, sagen wir vierzig; und eine flammende Überschrift, – sie brauchen eine flammende Überschrift, fett gedruckt, mit großen Initialen – etwa ›Recht muß Recht bleiben‹, oder ›Blut und Eisen‹ oder ›Pflug und Schwert‹, denn Sie scheinen mir ein Mann zu sein, mit dem nicht zu spaßen ist und dem es nicht darauf ankommt, Blut für sein Eisen zu vergießen, wie Wasser. – Guter Gott, ich glaubte wirklich, Sie wollten mir den Hals abschneiden, als Sie eintraten. – Na, wir verstehen uns jetzt. Wollen Sie kein Klischee darüber setzen? Ich habe ein sehr passendes Klischee: eine Faust, die der ganzen Welt zu trotzen scheint. Für Sie bin ich zu allem bereit. Das macht zusammen dreißig Schilling; ein Pfund zehn Schilling. Eigentlich würde es das Doppelte kosten, aber für Sie – «

Ich legte das Geld auf den Tisch, das Jackson mit einer gewandten Handbewegung und mit der Miene eines Mannes einstrich, der sich nur aus Gefälligkeit mit Kassengeschäften befaßt. In diesem Augenblick öffnete sich eine Zimmertüre etwas stürmisch. Eine junge Dame trat ein, mit einem schwarzen Lockenkopf, kohlschwarzen, verständigen, durchdringenden Augen und einem Gesichtchen wie ein kleiner Engel von zehn Jahren. Für einen solchen war sie jedoch viel zu groß, und die Volants ihres Rosakleides – wir lebten in der Krinolinenzeit – füllten das kleine Bureau in beängstigender Weise. Das war Lucy, der Leitartikelschreiber der »Egyptian Times«.

Jackson stellte mich vor.

Lucy nickte mir zu. Sie hatte ein besseres Gedächtnis als ihr zärtlicher Vater und erinnerte sich der Orangen in meinem Garten. »Und siehst du, mein Liebling,« sagte er, »dieser Herr Mac Id ist mit deinem Dampfpflugbericht nicht einmal zufrieden gewesen.«

Sie sah mich mit ihren schwarzen Kinderaugen an, halb neckisch, halb vorwurfsvoll. Ich fühlte, daß meine Lage verzweifelt wurde.

»Ihr Papa hat mich offenbar nicht ganz richtig verstanden, Miß Jackson!« sagte ich in meiner Not. »Der Artikel war reizend geschrieben, wunderbar sachlich für eine junge Dame, nur – «

»Nun also! Hörst du, Papa?«

»Wenn Sie nur die Zahlen – «

»Zahlen!« rief sie verächtlich. »Zahlen mache ich immer falsch. Das verlangt auch Papa nicht anders von mir. Kein Mensch verlangt, daß Zahlen richtig sein sollen. Gehen Sie weg!«

Ich schwieg vernichtet. Sie lächelte mich wieder an. Es war, wie wenn ein wirklicher Sonnenstrahl von dem Gesichtchen ausginge. Aber das wechselte wie Aprilwetter.

»Natürlich, ein eigentlicher gelehrter Dampfpflüger bin ich nicht geworden,« fuhr sie mit dem niedlichsten Trotz um die purpurnen Lippen fort. »Aber die Aufstellung mit den Tabaksdosen habe ich doch sehr gut begriffen, besser als der alte General bei Shepheard, der die Sache erst verstand, als ich sie ihm erklärte. Übrigens, Herr Bridledrum ist sehr viel liebenswürdiger als Sie. Er ist wieder hier, Papa. Er fand meinen Artikel ganz vortrefflich, auch die Zahlen, Herr Mac Id, und hat mir vor einer Viertelstunde eine reizende Brosche geschenkt. Ich kam nur herein, um sie dir zu zeigen, Papa. Entzückend – nicht wahr?«

Sie nestelte das Ding von ihrem Kleide. Es war eine kleine Sphinx, von einer goldenen Adlerklaue gehalten; ein wunderliches Modell. Wir brachen in Bewunderung aus; ihre Augen funkelten vor Vergnügen. Sie war wirklich ein erstaunlich hübsches Kind, trotz der Leitartikel und des entsetzlichen Papas. Muß dieser Bridledrum mir überall in den Weg kommen?

Ich raffte mich auf. Wo sollte das hinführen? Ich erinnerte mich an Häberle und seine Mahnung, daß wir in dem Lande wohnten, in dem Joseph und seine Brüder so mancherlei erlebt hatten. Hatte nicht jener wackere Jüngling auch einmal sehr rasch Abschied nehmen müssen? Ich tat das gleiche. Die Kinderaugen verfolgten mich die elende Treppe hinunter, bis auf den Bahnhof. Dort erreichte ich gerade noch den Nachmittagszug und hatte Alexandrien hinter mir, ehe ich ganz zur Besinnung gekommen war.

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