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Hinter Pflug und Schraubstock

Max Eyth: Hinter Pflug und Schraubstock - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
titleHinter Pflug und Schraubstock
authorMax Eyth
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart
year1958
printrun377. - 408. Tausend
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20020512
modified20150625
firstpub1899
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Blut

Der folgende Tag ließ mir keine Zeit, an das gewünschte Testament zu denken. Ich hatte auf der Insel, welche der sich spaltende Nil vor Schubra bildet, die Lage eines Pumpwerks und die allgemeine Richtung der Hauptbewässerungskanäle auszustecken. Die Gesira, wie man das kleine Gut auch nannte, umfaßte sechshundert Hektar ärmlichen Weizen- und Kleelands, das der vom linken Nilufer herüberwehende Wüstensand gründlich verdorben hatte. Dieser Boden sollte durch reichliche Bewässerung so rasch als möglich in gute Baumwollfelder umgewandelt werden. – Schon vom Nachmittag an waren vierzig Fellachen an der Arbeit, die Gräben für die Fundamentmauern des Pumpenhauses auszuheben, so daß ich erst spätabends wieder über den Nil setzen und nach Hause kommen konnte: wolfshungrig und in munterer Arbeitslaune. Das neue Pumpwerk, die erste Zentrifuge in Ägypten, sollte der alten Pumpe in Schubra zeigen, was in unsern Tagen wasserspeien heißt. Die Stimmungsnebel vom Tag zuvor waren in den sechsunddreißig Grad Réaumur der schattenlosen Insel völlig verdampft.

Koch und Dragoman berichteten gemeinsam und abwechselnd, daß zwei Besuche dagewesen seien und ein Herr aus dem Palast ein kleines Papier geschickt habe. Das letztere erwies sich als eine Visitenkarte Bridledrums, der Halim Pascha besucht haben mochte, und blieb vorläufig unerklärlich. Zum freundlichen Austausch von Visitenkarten schienen die Verhältnisse doch kaum geeignet zu sein.

Der erste Besuch sei ein bleicher, schwarz gekleideter Herr gewesen, der eine ganze Stunde lang auf midi gewartet habe. Er sei auf einem schlechten Eselchen gekommen, das zwei Okkas meiner Pferdebohnen gefressen habe. Der Herr habe nichts angenommen. Einige weitere Fragen ließen keinen Zweifel, daß ich Häberles Besuch versäumt hatte, der sich sichtlich der inneren Mission zuwandte, seitdem ihm die äußere so wenig Freude machte. Armer Häberle! Es regnet zwar in Kairo fast nie, und doch schien er in Gefahr zu sein, aus dem Regen in die Dachtraufe zu kommen.

Dann sei der große Herr mit dem langen Schnurrbart und dem roten Gesicht erschienen und habe ein Kästchen gebracht. Der habe eine Flasche Ungarwein getrunken und dem Bleichen auch etwas davon gegeben, aber nicht viel. In diesen Dingen waren die Berichte meines abessinischen Hausvogts stets von peinlichster Genauigkeit. Darauf hätten sie sich ein wenig gestritten. Der Bleiche habe das Kästchen wieder mitnehmen wollen; der Rote habe dies nicht gelitten. Schließlich seien sie ohne das Kästchen zusammen nach Hause geritten. Der neugierige Koch hatte es schon geöffnet. Es enthielt zwei englische Bulldoggpistolen und den nötigen Zubehör. Meine beiden Freunde hatten, jeder nach seiner Art, liebevoll für mich gesorgt. Trotzdem schlief ich nach dem üblichen Kampfe mit den Moskitos, die sich unter den Gazevorhängen eingeschlichen hatten und erst erlegt werden konnten, nachdem sie bis zur Flugunfähigkeit in Blut geschwelgt hatten, den Schlaf des Gerechten und erwachte wohlgemut und kampfbereit, aber auch fest entschlossen, Bridledrum heute noch nicht zu ermorden. Er war ein ungeschickter Lump, ohne Zweifel, und die Ehre verlangte, daß die Sache mit dem nötigen Ernst behandelt wurde. So weit hatte Beinhaus recht. Auch Häberle hatte recht, dabei konnte es möglicherweise ein Unglück geben. Aber kann es nicht auch ein Unglück geben, wenn ich einer Riemenscheibe zu nahe komme oder Bridledrum einen bösartigen Esel besteigt? Leben wir nicht in einem Lande, guter Häberle, in dem Joseph und seine Brüder angesichts verschiedener Gefahren mit heiler Haut davonkamen und sogar ihr Glück gemacht haben? An Vertrauen in eine gütige Vorsehung übertraf ich den wackeren Missionar fühlbar.

Beinhaus kam trotz seines Hessentums mit preußischer Pünktlichkeit, als ich gerade zu Ende war, ein Dutzend Fellachen mit ihren Weisungen für die Vormittagsarbeiten abzufertigen. Er ritt, der Ehre des Tages zuliebe, eines der wenigen Maultiere, die in Kairo zu mieten sind, und bestand darauf, daß ich aus demselben Grunde mein Pferd statt meines Fest- und Sonntagsesels vorführen ließ. Mein Sais trug das Kästchen mit den Mordwerkzeugen. Heuglin, der verschlafen war, wollte mit dem Zahnarzt und den Herren der feindlichen Partei direkt nach dem Obelisk kommen. Es war dies nicht richtig, wie mir Beinhaus auseinandersetzte, weil zu befürchten stand, daß ihn O'Donald, Bridledrums Hauptsekundant, in seiner unpassenden Weise auf dem Wege in heitere Gespräche verwickeln würde. Aber es sei nun einmal nicht anders zu machen gewesen, da kein Mensch Heuglin aufwecken könne, wenn er über sechs hinaus schlafe. Man müsse in Ägypten ja manchmal fünf gerade sein lassen. So bestehe O'Donald darauf, daß draußen gelost werden müsse, welche Pistolen zu gebrauchen seien, und er werde seine sarazenischen Mordwerkzeuge aus dem siebzehnten Jahrhundert jedenfalls mitbringen. Hoffentlich werde ich hiergegen ein definitives Veto einlegen.

Trotz des herrlichen Morgens, in den wir plaudernd hinaustrabten, wurde ich nun doch etwas ernster. Das Unglück, das Häberle voraussah, das Kästchen, welches mein Sais übermütig in der Luft schwang, manches andre ging mir ein wenig im Kopf herum. Bridledrum hatte eine Mutter und vier Schwestern; ich hatte eine Mutter und eine Schwester, zusammen zwei Mütter und fünf Schwestern, die alle keine Ahnung davon hatten, was uns in den nächsten fünf Stunden bevorstand. Natürlich: der kleine schwatzhafte Bridledrum mit seinem erbärmlichen Pflug war seines Lebens sicher genug. Seine Mutter und Schwestern verdienten keine Teilnahme. Aber ich – wer weiß! – und die Welt ist so schön, namentlich morgens.

Wir hatten Schubra, seine grünen und schwarzbraunen, frisch gepflügten Felder hinter uns. Auch an Howards Pflug waren wir vorbeigekommen, der noch trostlos an derselben Stelle stand, genau wie in dem Augenblick, in dem der Bleipfropf in der Feuerbüchse seiner Lokomobile ausgebrannt war. Die englischen Arbeiter schienen spurlos verschwunden zu sein. Fowlers Pflüge arbeiteten längst wieder in verschiedenen Ecken des Gutes. Manchmal hörte man aus weiter Ferne das Pfeifen der Dampfmaschinen. Wir ritten an einem vertrockneten Kanal entlang und näherten uns der gelben, glänzenden Wüste, die sich bis an den Horizont ausdehnt. Jetzt sah man die Spitze des Obelisken über einer Tamariskengruppe in einem ärmlichen, versandeten Kleefeld auftauchen. In drei weiteren Minuten hatten wir alles erreicht, was von der heiligen Sonnenstadt der alten Ägypter noch übrig war.

Neben dem Obelisken stand eine halbzertrümmerte Droschke. Die Wege nach Heliopolis waren in jenen Tagen kaum befahrbar und die einzige Hoteldroschke in einem chronischen Zustand des Geflicktwerdens. Doch auch unsere Gegner hatten gefühlt, daß der feierliche Augenblick, dem wir alle entgegengingen, eine besondere Ehrung erfordere. Trotz Zechs Warnungen – Zech war der Besitzer von Shepheards Hotel – wurde die Droschke hervorgezogen und auf Bridledrums Rechnung gesetzt.

Fünf Herren bildeten eine feierliche Gruppe um das Fuhrwerk. O'Donald, Fred George, Heuglin, Weller und neben einem Eselchen, das sehr viel besser aussah als die Droschke, in ernstem Schwarz, aber mit ungewöhnlich heiterem Gesicht, Häberle, der sein geduldiges Lasttierchen noch nie so unchristlich mißhandelt hatte wie heute. Galt es doch, der Droschke nachzukommen und vielleicht im letzten Augenblick noch dem Blutvergießen Einhalt zu tun!

Aber wo war Bridledrum, der Mittelpunkt des Ganzen, um den sich alles drehen sollte?

Wir sprangen ab. Beinhaus drehte seine Schnurrbartspitzen zornig nach oben, denen der Ritt auf dem Maultier nicht zugesagt hatte. Dann nahm er seine ernsthafteste Miene an und begrüßte O'Donald, der ihm, in knabenhafter Fröhlichkeit erstrahlend, entgegenkam. Daß der Mensch nie ernsthaft sein konnte!

»Es tut mir pyramidal leid,« sagte er, auch mir die Hand schüttelnd, »Herr Bridledrum mußte heute früh plötzlich in Geschäften nach Alexandrien abreisen. Halim Pascha hat ihm gestern nachmittag seinen Pflug abgekauft. Er ist halb verrückt vor Freude und hat nun alles mögliche anzuordnen.«

»Namentlich einen neuen Bleipfropf herbeizutelegraphieren,« sagte ich grimmig. Ich fühlte, daß das Schicksal seinen Spott mit mir trieb. Das ging denn doch über das Lachen, wenn es nun meine Aufgabe werden sollte, mich mit dem vernichteten Howardschen Pflug herumzuschlagen. Aber es konnte ja nicht wahr sein!

»Und dann,« fuhr O'Donald fort, »habe ich auszurichten, daß er sich Ihnen bestens empfehlen läßt und das Mißverständnis von vorgestern auf das lebhafteste bedaure, namentlich, da er jetzt in weitere angenehme geschäftliche Beziehungen zu mir zu treten die Ehre haben werde. Wenn irgend etwas, etwa eine hastige, wenn auch gutgemeinte Äußerung zurückzunehmen sei: er nehme mit Vergnügen alles zurück. Und er gebe mir die Versicherung und sein heiliges Ehrenwort, daß er den Artikel, der mich mit Recht gekränkt habe, Herrn Jackson, dem Redakteur der ›Egyptian Times‹ – Sie hören, meine Herren, Herrn Jackson,« rief O'Donald, jedes Wort scharf betonend, »weder übergeben noch zugesandt, am allerwenigsten denselben verfaßt oder gar geschrieben habe.«

Häberle konnte sich nicht länger halten. Er stürzte auf mich zu, drückte mir beide Hände mit aller Macht, und ich glaube, er hätte mich geküßt, wenn Beinhaus ihn nicht erschreckt hätte. Er kannte die Armbewegung des alten Teutonen und sprang hastig auf die Seite.

»Ich weiß nicht,« sagte jener mit seiner tiefsten Baßstimme und mit zitternden Schnurrbartspitzen, »ob diese Erklärung unter den vorliegenden Umständen als genügend angesehen werden kann.«

»Ich weiß nicht, was wir mehr verlangen können,« meinte ich mit mühsam errungener Fassung. Das Ende der Pfluggeschichte arbeitete in meinem Innern wie ein Chininpulver. Ein Sturm brauste in meinen Ohren, aber ich fühlte, daß es meine Pflicht war, in diesem schweren Augenblicke, in dem ich nach dem glänzendsten Siege einer unbegreiflichen Niederlage gegenüberstand, mich wenigstens äußerlich als Mann zu zeigen. »Bridledrum hat das Äußerste getan, was wir verlangen können: er hat uns auf Ehrenwort seiner Unschuld versichert, hat den ›Schuft‹ zurückgenommen und ist durchgebrannt. Ich weiß jetzt, an wen ich mich zu halten habe. – Bei Gott!« – der Pflugverkauf regte sich aufs neue – »Jackson in Alexandrien soll mir Rede stehen!«

»Nein, nein!« rief Häberle entsetzt. »Lassen Sie die Sache jetzt endlich ruhen, lieber Herr Landsmann. Sehen Sie doch eine Fügung in der Wendung, die die schreckliche Geschichte heute genommen hat. Seien Sie mit mir dankbar – «

Wieder griff Beinhaus ein. Seine Armbewegung, auch in achtbarer Entfernung, genügte, Häberle mitten in einem Satz zum Schweigen zu bringen.

»Wenn Sie mich gebrauchen können, wackrer Freund,« sagte er mit tiefem Ernst, »stehe ich Ihnen überall und jederzeit zur Verfügung. Die Pistolen sind in vortrefflicher Ordnung.«

»Vorläufig brauche ich Sie in andrer Weise. Herzlichen Dank!« sagte ich, mich zusammennehmend. »Ich brauche Sie alle, meine Herren. Kommen Sie mit mir nach Schubra zurück. Nach diesem Morgenritt kann uns ein kleines Frühstück nichts schaden. Schade, wirklich schade, daß uns Herr Bridledrum nicht begleiten kann.«

Zehn Minuten wurden dem Studium des ehrwürdigen Monoliths gewidmet, der mit unerschütterlicher Ruhe auf uns herabsah, wie er in seiner einsamen Größe auf die letzten viertausend Jahre herabgesehen hatte. Häberle, der sich trotz aller Schwierigkeiten von Beinhaus unwiderstehlich angezogen fühlte, erklärte diesem die halbverwitterten Hieroglyphen des Pharao Usertesen, der ohne Zweifel der Pharao des Auszugs gewesen sei. So versicherte wenigstens Häberle. »Wenn man bedenkt,« sagte er andächtig, »daß der Pharao, der mit dem heiligen Manne Moses verkehrte, der die Wunder Ägyptens am eignen Leibe erfuhr und der schließlich im Roten Meer ertrank, diese Adler und Messer und Augen in den Granit einhauen ließ, den ich jetzt berühre, ich, der Kandidat Häberle aus Ingelfingen im Hohenloheschen.«

Wir fühlten alle die Größe dieser Tatsachen mit dem kleinen wackeren Manne, der in seiner Herzens- und Friedensfreude überaus gesprächig geworden war. Dann setzte sich die Karawane in Bewegung. Ich ritt neben der Droschke, um mit meinem technischen Rat an ihrer Fortbewegung teilzunehmen; denn es ist nicht leicht, ein Wagenrad, welches Hitze und Wegeshindernisse in seine Bestandteile aufzulösen begonnen haben, mit Stricken zusammenzuhalten. Beinhaus und Häberle bildeten die Nachhut. So kamen wir glücklich in Schubra an, wo uns ein einfaches, aber wohlgemeintes Frühstück empfing und die Todesahnungen des Morgens rasch vergessen ließ. O'Donald konnte sich nach zwei Stunden fröhlichen Plauderns überzeugen, daß mein Ungarwein kein Testament mehr nötig hatte. Die letzte Flasche entkorkte Häberle uns dazu von dem herrlichen Gewächs seines Vaters zu Ingelfingen am Kocher. Nur wer in fernen Ländern, bratend am Rande der Wüste oder zähneklappernd im ewigen Eise, gesessen, weiß, was er in der Heimat besaß.

Beinhaus berichtete später mit weitaufgerissenen, entsetzten Augen, wie Häberle, der gute, fromme Häberle, sich auf dem Heimweg in der Schubraallee betragen habe. Dort erzählte er der Gesellschaft, daß er in seiner Kindheit dem Drang, Kunstreiter zu werden, kaum habe widerstehen können, und bestand darauf, Beinhaus zu zeigen, wie weit er es durch Beharrlichkeit und Selbstunterricht in dieser Richtung gebracht habe. Daß er schließlich in dem weißen, sechs Zoll tiefen Straßenstaub saß und mit verwunderten Blicken seinem davoneilenden Eselchen nachsah, möge verschwiegen bleiben. Ein tiefer Seelenschmerz lagerte sich auf seinen ernsten bleichen Zügen, wenn jemand grausam genug war, ihn in späteren Zeiten an jenen unvergeßlichen Augenblick zu erinnern.

Die anderen hätten ihn liegenlassen. Beinhaus hob ihn auf, stäubte ihn ab und brachte ihn nach Hause. Sie hatten beide den guten Kern ineinander erkannt.

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