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Hinter Pflug und Schraubstock

Max Eyth: Hinter Pflug und Schraubstock - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
titleHinter Pflug und Schraubstock
authorMax Eyth
publisherDeutsche Verlagsanstalt
addressStuttgart
year1958
printrun377. - 408. Tausend
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20020512
modified20150625
firstpub1899
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Nachspiel

Drei Tage später hatte der jüngste meiner Heizer auf Grund seines Backschisch geheiratet. Achmed lief bereits wieder ohne Lehmüberzug umher und zeigte mir täglich die Fortschritte, die seine neue Haut machte. Er war nicht so vergnügt, als man hätte erwarten sollen, nachdem ihm Halim Pascha, dem ich sein heißes Heldenstückchen in warmen Worten geschildert hatte, ein aufmunterndes Lächeln und die unerhörte Summe von fünf Pfund zugeworfen hatte. Der Grund seines Leids mitten im Glück war Liebeskummer. Auch er wollte heiraten, oder, um genauer zu sein, er wollte, da er bereits verheiratet war, seinen kleinen Harim verdoppeln, wozu er in seiner Lage als hochangesehener Dampfpflugmaschinenwärter und Kapitalist mit einem Vermögen von über siebenhundert türkischen Piastern vollauf berechtigt war. Aber er konnte mit seinem zweiten künftigen Schwiegervater nicht handelseinig werden. Denn obgleich dessen Stellung als allgemeiner, wenig brauchbarer Handlanger und als Belastungsgewicht auf dem Balancepflug eine nur untergeordnete war, machte er doch als Familienvater und Besitzer einer niedlichen Tochter unerschwingliche Ansprüche. Er verlangte von Achmed für die Ehre, sein Schwiegersohn zu werden, nicht nur fünfhundert Piaster in barem Geld, sondern auch einen großen wertvollen Esel, welchen beide kannten und den sein derzeitiger Besitzer im benachbarten Dorfe Damanur nicht unter sechshundert Piaster ziehen lassen wollte. Dies überstieg Achmeds Kräfte, und so ging er trotz seiner vielbeneideten Lage mit düsterer Miene umher und beklagte sich plötzlich unnötig viel über seine verbrannten Hände, obgleich sie bereits wieder dienstfähig waren. Dies bezeugte sein künftiger Schwiegervater seinerseits laut klagend, denn Achmed habe ihm beim Pflugwenden von der Maschine herunter absichtlich ein großes Stück Kohle an den Kopf geworfen. So ist es auch unter Fellachin manchmal schwerer, sein Glück als das Unglück zu tragen.

Ich war eben im Begriff, mit Hilfe des Dragomans Abu-Sa die Geschichte des erwähnten Kohlenklumpens mit den heftig erregten Nächstbeteiligten des näheren zu erörtern, oder richtiger gesagt, mehr und mehr zu verwickeln, als Freund Beinhaus über das Feld geritten kam und mir schon aus der Ferne ein großes Stück Papier entgegenschwenkte. »Haben Sie das schon genossen?« fragte er mit der Miene tiefen Ernstes, als ob es gälte, sein Jahrhundert in die Schranken zu fordern. Sein mächtiger Schnurrbart war länger und stand wütender gen Himmel als je. »Sie können pflügen, bis Sie schwarz werden,« fuhr er fort. »Ernten werden andere. Das ist nun einmal unsre deutsche Art. Lesen Sie!«

Er warf mir eine Zeitung zu: die neueste Nummer des englischen Klatschblättchens, das seit einigen Monaten in Alexandrien erschien, der »Egyptian Times«.

»Hier ist es zu hell und zu heiß; gehen wir heim,« sagte ich und überließ den schwarzbraunen Familienzwist nicht ungern seiner eignen weiteren Entwicklung. Auf dem Heimweg war Beinhaus kaum zu bewegen, den Mund zu öffnen. »Lesen Sie!« war alles, was er mir zuwarf. Er blieb stumm wie ein Vulkan vor dem Ausbruch.

Ein Wagen stand vor meinem Haus; auch hier waren Besuche angekommen, von denen Beinhaus nichts wußte. Als wir in das Dunkel meines Empfangszimmers traten, fanden wir O'Donald auf dem Diwan sitzend, eine Flasche meines Ungarweins vor sich – die meisten meiner Freunde wußten, wo die Flaschen standen – und weit ausgebreitet auf dem Tisch ein zweites Exemplar der »Egyptian Times«.

»Haben Sie das schon gesehen?« rief er überströmend vor Vergnügen mir entgegen. »Kapitaler Stil; vielleicht etwas gefärbt, aber nicht ungeschickt! Lesen Sie! Ich bin expreß heruntergefahren, um Ihnen eine Freude zu machen.«

»Nur hübsch langsam!« ermahnte ich und sorgte dafür, daß Beinhaus und ich auch noch etwas von O'Donalds Flasche bekamen. Dann las ich:

»Der berühmte Howardsche Dampfpflug hatte gestern auf den Gütern Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Halim Pascha seine vortrefflichen Leistungen einem gewählten Publikum vorzuführen. Der Prinz leitete die außerordentlich interessanten Versuche selbst, indem er dem Vertreter der Howardschen Fabrik seine Wünsche persönlich mitteilte, die dieser selbstverständlich in jeder Hinsicht zu erfüllen wußte. Gleichzeitig wurde auch ein Fowlerscher Apparat gezeigt, was das Interesse der Prüfung erhöhte; indem hierdurch die Vorteile des Howardschen Pfluges noch deutlicher hervortraten. Nachdem auf Befehl Seiner Königlichen Hoheit die Arbeiten für beendet erklärt worden waren, ergab sich, daß der Howardsche Pflug in ungefähr einer Stunde 8350, der Fowlersche 3800 Quadratmeter Land, respektive 30 und 22 Zentimeter tief aufgebrochen hatte. Es erscheint sicher, nach dem Eindruck, den alle Anwesenden mit nach Hause nahmen, daß durch die geplante Einführung der Howardschen Dampfpflüge und mit Heranziehung der hohen Intelligenz des Vertreters jener weltberühmten Fabrik eine neue Ära für die vieltausendjährige Landwirtschaft Ägyptens anbrechen wird. Namentlich dürfte Seine Königliche Hoheit der Vizekönig keinen Augenblick länger zögern, sich dieser erstaunlichen Erfindung der neuesten Zeit zu bemächtigen, um den Fortschritt und die Zivilisation des Landes der Pharaonen einem niegeahnten Aufschwung triumphierend entgegenzuführen.«

Nun kochte es auch in mir. Das gehörte denn doch zum stärksten türkischen Tabak, den ich bis jetzt im Orient zu rauchen gezwungen wurde. Doch wollte ich nicht gleich zu dampfen anfangen.

»Schade, daß die Zahlen verdruckt sind!« sagte ich, nachdenklich das Blatt zerreißend. »Sie sind übrigens richtig, nur versetzt. Das übrige kann jedes Kamel von sich geben.«

»Auch verdauen?« fragte Beinhaus.

»So genau kenne ich Kamele noch nicht,« erwiderte ich, wurde aber immer nachdenklicher. O'Donald, der jedes Erlebnis, das die Einförmigkeit seines Kontorlebens zu unterbrechen versprach, mit Jubel begrüßte, selbst auf die Gefahr hin, ein Bein oder das Bein eines guten Freundes zu brechen, beobachtete mich mit aufmunterndem Lachen, Beinhaus finster und ungeduldig, nach seiner Art.

»Ist es Bridledrums Stil?« fragte ich O'Donald, auf die Papierstückchen deutend, die am Boden lagen. »Sie kennen das Englisch Ihrer Landsleute.«

»Unmöglich zu sagen,« entgegnete mein irischer Freund. »Der alte Jackson, der Redakteur, ist jeder Spitzbüberei fähig; aber umsonst begeht er keine. Das spricht für Bridledrum.«

»Vor allen Dingen müssen Sie herausfinden, wer den Artikel geschrieben hat,« meinte Beinhaus entschlossen.

»Oder bezahlt,« warf O'Donald ein.

»Oder bezahlt,« gab Beinhaus zu. »Und dann – «

»Und dann?« fragte der Engländer strahlend. »Natürlich – «

Sein irisches Blut geriet sichtlich in Wallung. Beinhaus gab seinem Schnurrbart eine Drehung nach oben, die mehr sagte als die blutigsten Worte. Ich nickte.

»Denn sehen Sie,« meinte O'Donald, ohne daß es nötig schien, ein weiteres Wort zu verlieren, »in diesem Lande hat man keine andern Mittel. Verklagen? Bei wem und weshalb? Wer will Jackson hindern, zu drucken, was Bridledrum gelogen hat? Gehen Sie zum englischen Konsul, so lacht er Sie aus, gehen Sie zum preußischen, so schickt er Sie zum Österreicher, kommen Sie zu dem, so sagt er: ›Mochen S' mir kane G'schichten‹ und schickt Sie nach Hause. Ja, wenn Bridledrum und Jackson ein paar Fellachen wären, ließe sich etwas ausrichten, oder wenn Sie das Glück hätten, ein waschechter Engländer zu sein, was Sie beinahe verdienen.«

Beinhaus richtete sich auf wie ein Löwe, der brüllen will. Der letzte Satz des heiteren Iren hatte die Ehre seines Vaterlandes berührt. Ich legte besänftigend die Hand auf seine Schulter. Man mußte O'Donald verstehen – der beste Mensch der Welt; aber was ihm in den Kopf kam, das haspelte er heraus, ohne Ansehen der Person.

»Selbst ist der Mann!« rief Beinhaus auf deutsch mit wuchtigem Pathos und schien einiges Schillersche beifügen zu wollen.

»Das vertrackte Kauderwelsch!« unterbrach ihn unser Freund ärgerlich, suchte aber gleichzeitig mit ihm anzustoßen. »Sprechen Sie wenigstens eine Sprache, die vernünftige Wesen wie unser Eyth und ich gleichzeitig verstehen können. Er fängt ja bereits an einzusehen, was allein zu tun übrigbleibt. Unangenehm; aber, Donnerwetter, 3750 Quadratmeter in der Stunde, das kann er auf sich und Fowler nicht sitzen lassen.«

Er hat wahrhaftig recht!, sagte ich mir im stillen, im weiteren Verlauf des Gesprächs, nicht ohne leise Skrupel. Mahnende Erinnerungen stiegen in mir auf, mit denen ich über Land und Meer hätte wandern müssen, um ihre Heimat zu finden. Dazu war keine Zeit. Selbst ist der Mann. Vor allem aber war ich's meinen alten Freunden, den Fowlers, schuldig, sie nicht in dieser Weise um Ruf und Recht betrügen zu lassen. Es mußte etwas geschehen.

Schließlich, über der zweiten Flasche Ungarwein, kamen wir zu einem Entschluß. Ich wollte am nächsten Tage im Hotel Shepheard zu Mittag essen und konnte mich Bridledrum gegenübersetzen lassen. Beim Nachtisch durfte ich nur die »Egyptian Times« herausziehen – wir hatten ja noch ein unzerrissenes Exemplar – und das Ehrenwort von ihm verlangen, daß er nichts mit dem infamen Artikel. zu tun gehabt habe. Das Weitere mußte sich dann wohl zeigen.

Als mich meine Gäste verließen, war O'Donald glückselig in der Hoffnung, daß morgen etwas passieren werde. Beinhaus spielte in finsterer Entschlossenheit mit den Spitzen seines Schnurrbarts. Sie setzten sich trotzdem brüderlich im Wagen des Engländers zusammen; die Zeit war zu aufregend, um kleine Temperamentsunterschiede beachten zu können. Der Esel, auf dem Beinhaus gekommen war, wurde hinten an die Droschke gebunden, was ihm nicht gefiel, bis er wenigstens seinen eigenen Eselstreiber tragen durfte. Dann erst erfolgte der Aufbruch ohne weitere Schwierigkeiten.

Unser Programm – Beinhaus nannte es unsern Schlachtplan – schien sich mit schneidiger Pünktlichkeit abspielen zu wollen. Im März beginnt Shepheards Hotel sich zu leeren. Die europäischen Wandervögel, denen es zu heiß wird, ziehen ihrer Heimat zu. Der große Speisesaal war nur mäßig besetzt von etwa fünfzehn Fremden und vielleicht ebenso vielen Herren der europäischen Kolonie Kairos. Dies war O'Donalds Leistung. Er war bei allen seinen Bekannten herumgeritten und hatte ihnen dringend empfohlen, heute bei Shepheard zu Mittag zu essen. Man werde beim Nachtisch etwas Ungewöhnliches erleben, Natürlich waren es meist Engländer; junge Kaufleute, ein paar Eisenbahnbeamte, der Telegraphendirektor Fred George, ein Arzt, der Stallmeister des Vizekönigs und andre: ein Kreis, wie man ihn in einer deutschen Kleinstadt nicht besser zusammenfinden kann. jedermann kannte sich. Jedermann war äußerst neugierig auf das von O'Donald versprochene Ereignis.

Es machte sich wie von selbst, daß ich Bridledrum gegenüber Platz nahm. Neben ihm saß O'Donald und der dicke, gutherzige Fred George, neben mir Beinhaus und Heuglin, wir drei die einzigen Deutschen am Tisch, mit Ausnahme eines kleinen schwarzen Männchens am untersten Ende der Tafel, dessen Gesicht mir dunkel erinnerlich war. Ich hatte vor dem Essen Bridledrum auf der Veranda getroffen, im Begriff, drei Damen das abgegriffene Exemplar einer »Egyptian Times« vorzulesen. Er unterbrach jedoch seine Unterhaltung sofort und begrüßte mich mit überströmender Höflichkeit. Bei Tisch sprachen wir von allem möglichen, mit Ausnahme der Pflugprüfung in Schubra: vom Suezkanal, von Halims Pferden, von dem drückenden Mangel unverschleierter Frauen, von der steigenden Hitze und der Unmöglichkeit, in Ägypten nach dem 1. März eine Woche lang zu leben. Nur O'Donald, der angenehm auf Nadeln saß, spielte ein- oder zweimal auf die Dinge an, die uns allen schwül im Kopf herumgingen, und konnte durch einen gelegentlichen zermalmenden Blick von Beinhaus kaum im Zaum gehalten werden.

Doch der entscheidende Augenblick kam endlich heran. Der Engländer hatte eine Riesenflasche Sekt, eine Spezialität Shepheards, in Eis stellen lassen. Eine nicht ganz mißlungene Nachahmung von Plumpudding, in Kognak brennend und köstlich anzusehen in der Glut eines ägyptischen Nachmittags, war erloschen. Wir waren bei Apfelsinen und Mandeln angelangt. Beinhaus durchschnitt eine Blutorange und zeigte mir, mit seinem tiefernsten Blick und dem Messer lautlos, wie rot sie war. Ich fühlte, was er sagen wollte.

»Herr Bridledrum!« sprach ich ernst und aufstehend, während der unverbesserliche O'Donald an sein Glas klopfte, um der Sache die Weihe einer Tischrede zu geben. Dieses frivole Benehmen in einem so feierlichen Augenblick ärgerte mich doch; der Mensch hatte auch gar keinen Takt! Etwas schärfer begann ich aufs neue:

»Herr Bridledrum, kennen Sie diese Zeitung?«

Bridledrum warf einen schiefen Blick auf das Blatt und sagte mit leichtfertiger Gleichgültigkeit:

»Nein! – ach ja, die ›Egyptian Times‹ – jawohl! – Bitte, Herr George, wollen Sie mir die Mandeln heraufgeben? – Was ich erzählen wollte – «

»Herr Bridledrum!« unterbrach ich ihn, während mir Beinhaus half, das kleine Männchen mit unsern Blicken auf den Stuhl zu nageln. »Kennen Sie diesen Artikel?« Damit hielt ich ihm das Blatt vors Gesicht.

»Einen Artikel? – Was meinen Sie – über die englische Flotte in Malta? Danke sehr, Herr George! Die Mandeln sind wirklich zu erbärmlich – darf ich nochmals bitten – Kellner, die Nüsse!«

»Nein, nicht die englische Flotte!« fuhr ich hartnäckig fort. »Diesen Artikel hier: über unser Pflügen in Schubra.«

»Ach so,« sagte Bridledrum, wie erleichtert, daß er mich endlich verstanden habe. »Jawohl, jawohl! Etwas ungeschickt – ich gebe es zu – aber ohne alle Bedeutung! Ich habe ihn kaum angesehen.«

»Herr Bridledrum!« – ich erhob jetzt meine Stimme, daß die ganze Tafel aufhörte, Orangen zu schälen und Nüsse zu knacken; der entsetzliche O'Donald klopfte trotzdem wieder an sein Glas und glänzte vor Vergnügen. »Ich bitte Sie, mir Ihr Ehrenwort zu geben, daß Sie mit diesem Schandartikel nichts zu tun gehabt haben.«

Bridledrum wurde jetzt plötzlich krebsrot und fuhr von seinem Stuhl auf.

»Ich – Sie –,« er stotterte in steigender Erregung – »ich bin nicht verpflichtet, Herr Eyth – Sie sind nicht berechtigt – der Ton, in dem Sie sich erlauben, mir an öffentlicher Tafel eine Frage vorzulegen – «

»Ich bitte Sie wegen meines Tones um Entschuldigung,« sagte ich mit erheuchelter Ruhe. »Aber der Artikel enthält eine so infame Entstellung von Tatsachen, an denen mir viel gelegen ist, daß ich die Frage wiederholen, daß ich auf einer Antwort bestehen muß. Haben Sie mit diesem Artikel etwas zu tun gehabt? Haben Sie dem Redakteur Jackson das Material dazu geliefert? Ich will nicht glauben, daß Sie ihn selbst geschrieben haben. Ja oder nein?«

O'Donald schob ihm ein Glas Champagner hin, das er rasch zu sich nahm. Dann rief er mit frisch angefeuchteter, entschlossener Stimme:

»Sie haben kein Recht, Herr Eyth, mich zu examinieren. Ich werde Ihnen nicht antworten. Ich antworte niemand, der mich in dieser Weise ausfragt.«

»Und ich erkläre den Mann, der diesen Artikel geschrieben hat, für einen Schuft!«

»Sie haben kein Recht, zu vermuten, daß ich den Artikel geschrieben habe.«

»Ich habe nicht gesagt, daß Sie ihn geschrieben haben, aber ich verlange die Versicherung, daß Sie ihn nicht geschrieben haben.«

»Ich weigere mich, auf eine solche impertinente Frage zu antworten!«

»Das genügt!« warf Beinhaus ein, mit einer Stimme, die Hamlets Geist Ehre gemacht hätte.

»Gsch, gsch, gsch!« zischte O'Donald, der sich nicht mehr halten konnte.

»Es ist nicht nötig, gsch, gsch; gsch zu machen!« schrie Bridledrum jetzt in ungeheucheltem Zorn. »Wenn Sie mich einen Schuft nennen, dann – dann – dann sind Sie auch einer!«

Dies war nicht gerade geistreich. Beinhaus stand auf. »Kommen Sie,« sagte er mit seiner Grabesstimme. »Sie sind mit Ihren Orangen fertig: ich auch.«

Wir gingen gemessenen Schrittes an der langen Tafel hinunter, an der eine Stille herrschte, daß man ein Messer hören konnte, das durch einen Apfel schnitt. Auch auf der Veranda war es still und noch leer. Die untergehende Sonne vergoldete die Spitzen der Palmen auf der Esbekieh, die damals noch mit ihrem undurchdringlichen Buschwerk unter mächtigen Sykomoren eher einem versumpften Urwald glich als dem eleganten Park, der heute aus ihr geworden ist. In den schwülen, schwarzen Schatten der hereinbrechenden Dämmerung flimmerten schon, wie Irrlichter, einzelne Lämpchen, und das zitternde, näselnde Kreischen eines arabischen Sängers tönte schläfrig aus derselben Richtung herüber. Unter mir in der stillen Straße saß ein verspäteter Schlangenzauberer, der, sobald er mich sah, seine glatten, zierlichen Freunde aus dem Sack holte, sie mir entgegenschüttelte und sein: »Backschisch, Backschisch, o Herr!« zischelte. Die ersten Atemzüge des Nachtwindes kühlten unsre Stirnen.

Einige Minuten später gesellte sich auch Heuglin zu uns. »Ausweichen kann er jetzt nicht mehr,« sagte Beinhaus. »Wenn nicht in fünf Minuten einer seiner Freunde herauskommt, muß ich für Sie hinein und die ersten Schritte tun.«

»Gehen Sie,« bat ich. »Je schneller solche Torheiten abgemacht sind, um so angenehmer ist es.«

Er ging. Heuglin blieb und, was ich noch nie an ihm bemerkt hatte, sah nach dem aufgehenden Mond. Auch er hatte damals seine stillen Gedanken, die mit Fräulein Tinne, seiner holländischen Araberin, und ihrem Sarazenenschloß in Alt-Kairo zusammenhingen. Doch das ist eine andre Geschichte und gehört nicht hierher. Aber wer kann es hindern, wenn sich manchmal die Erinnerungen kreuzen wie Träume und sich verwirren, fast wie das wirkliche Leben selbst.

Mein Abgesandter schien nicht so rasch zum Ziel zu kommen, wie wir erwartet hatten. Nach fünfzehn Minuten endlich kam er wieder, aber nur um Heuglin zu holen. Bridledrum habe sich in sein Zimmer zurückgezogen und die Angelegenheit seinen Freunden O'Donald und Fred George übertragen. Ein ganz korrektes Vorgehen. O'Donald sei ein Mann, mit dem sich ein Wort reden lasse. Ich wußte das. Er hatte einen Onkel gehabt, der bei Balaklawa in der Krim gefallen war, und mancherlei abenteuerliche Anverwandte und Vorfahren irischen Bluts. Dies neben dem fröhlichen Blutdurst eines leidenschaftlichen Sportsman gab ihm den erforderlichen moralischen Halt, wenn die Dinge ernster wurden. Fred George, der Telegraphendirektor, einer meiner besonderen Freunde, weil er in seinen zahllosen Freistunden wunderhübsch zeichnete, wollte dagegen schlechterdings nicht begreifen, daß die ganze Sache kein Scherz war. Wenn die Deutschen boxen könnten wie von Gott mit Vernunft begabte Wesen, meinte er, so wäre die Angelegenheit im Hotelgarten in zehn Minuten geregelt und könnte im schlimmsten Fall einen Zahn und ein paar geschwollene Augen kosten. Aber mit diesen Deutschen sei eben nichts zu machen; es fehle ihnen von Geburt am gesunden Menschenverstande. Bei Eyth habe er bisher geglaubt, wenigstens Spuren hiervon zu entdecken. Er müsse leider zugeben, daß er sich getäuscht habe. Pistolen! – Unsinn!

So ganz unrecht hatte Fred George vielleicht nicht. Aber wie war die Sachlage zu ändern? Wir hatten uns an der öffentlichen Gasthoftafel zwei Schufte an den Kopf geworfen. Wenn Bridledrum mich nicht ebenso öffentlich um Verzeihung bat und die Entstehung des erlogenen Zeitungsartikels so erklärte, daß ich den Redakteur Jackson an den Ohren nehmen konnte, war kein andrer Ausweg denkbar. Allerdings, totschießen konnte ich das kleine Männchen unter keinen Umständen. So weit war ich mit Fred George einverstanden. Nur durfte dies Beinhaus nicht wissen, denn vorläufig mußte zum mindesten der Schein gewahrt werden. Dies schien den Engländern gegenüber notwendig zur Ehre unsres deutschen Vaterlandes, das wir damals, im Jahre 1864, noch unter dem Herzen trugen und heißer liebten als manchmal später nach seiner Geburt.

Ich lag immer noch auf dem Geländer der Veranda, ruhiger und etwas müde werdend, und sog die köstliche Nachtluft in vollen Zügen ein. Über mir hatte sich der ägyptische Sternenhimmel geöffnet. Unter den schwarzen Bäumen der Esbekieh irrlichterte es lebhafter. In die näselnden Triller arabischer Musik mischten sich jetzt die pausbackigen Klänge einer böhmischen Damenkapelle aus etwas weiterer Ferne. Die stille Harmonie einer orientalischen Nacht wurde von diesen leichten Dissonanzen kaum gestört. Erst nach einer Weile bemerkte ich, daß sich ein kleiner, schwarz gekleideter Herr neben mir auf das Geländer stützte, so daß mein Arm den seinen fast berührte. Ich sah in das bleiche, weltverlorene Gesicht des Mannes, den ich vor einiger Zeit zum erstenmal vor Meiers Bierwirtschaft in der Muski bemerkt und für einen kranken Missionar gehalten hatte. Er sah auch heute noch so aus.

»Ich bin ein Landsmann von Ihnen,« sagte er etwas schüchtern, mir noch näher rückend. »Ich heiße Häberle.«

»Sehr erfreut,« erwiderte ich etwas geärgert. Der Friede und die Stille der Nacht waren mir für den Augenblick lieber als Herr Häberle.

»Verzeihen Sie, ich bin aus Ingelfingen gebürtig,« fuhr er nach einer Pause fort und stockte wieder.

»Ich verzeihe Ihnen dies von ganzem Herzen,« versicherte ich, da er sichtlich eine Bemerkung erwartete und ich zu weich gestimmt war, um den bleichen Mann schroff abweisen zu können.

»Und Sie haben Ihre Jugend in Schöntal verlebt, nur drei kleine Stunden von Ingelfingen. Das habe ich vom Hoteldirektor erfahren, der ja auch ein Württemberger ist. Und Sie, verzeihen Sie doch, Sie wollen einen Mord begehen. Lieber Herr Eyth, hier in dem Lande, in dem Joseph und seine Brüder gelebt haben.«

»Woher wissen Sie das?« fragte ich etwas scharf.

»Vom Joseph?« fragte er erschrocken.

»Nein, vom Mord.«

»Ich habe ausnahmsweise auch bei Shepheard zu Mittag gegessen,« erklärte der Bleiche. »Der Arzt hat mir dies geraten. Dabei habe ich die ganz entsetzliche Einleitung mit anhören müssen. Und dann war ich eben bei Herrn Bridledrum in dessen Zimmer. Ich glaube, er bereut es tief, so leidenschaftlich gewesen zu sein. Herr Eyth, Bridledrum hat eine Mutter, eine Mutter im fernen England, in seiner Heimat.«

»Eine Mutter habe ich auch, Herr Häberle,« sagte ich ganz ernsthaft.

»Und vier Schwestern!« fuhr Häberle eindringlich fort. »Da fühlte ich, daß ich nicht schweigen dürfe. Ich fühlte, daß es für mich eine Gewissenssache sei, mit Ihnen zu sprechen.«

»Ich habe nur eine Schwester,« gestand ich. »Sie ist mir aber lieber als die vier Fräulein Bridledrum, das dürfen Sie mir glauben.«

»Sehen Sie!« triumphierte Häberle mit Milde. »Dabei denken Sie an Mord. Dabei, höre ich, seien Sie entschlossen, diesem unglücklichen, aber offenbar wackeren jungen Mann mit einer scharfgeladenen Pistole entgegenzutreten. Einem Mitmenschen, der Ihnen eigentlich nichts getan hat, der sich in der Übereilung – ich gebe es ja zu – eine Übereilung zuschulden kommen ließ. Er gebrauchte vielleicht das Wort blackguard; – blackguard heißt ›Schuft‹, habe ich mir sagen lassen, ein Ausdruck, den Sie übrigens ja selbst in das Gespräch einflochten. Oh, Herr Eyth, hier im Lande, in dem Joseph und seine Brüder gelebt haben!«

»Soll ich Ihnen etwas anvertrauen, Herr Häberle?« fragte ich sehr leise.

»Wenn Ihr Gewissen sich rührte,« rief er heftig, »wenn es mir gelungen sein sollte, an Ihr Gewissen zu klopfen und es zu wecken! Sprechen Sie! Sagen Sie mir, daß es mir beschieden war – «

»Sie meinen es gut, aber schreien Sie nicht so! Ich glaube,« flüsterte ich ihm ins Ohr, »auch im schlimmsten Fall wird unser Freund Bridledrum mit dem Leben davonkommen. Ich glaube das! Wissen Sie, was glauben heißt, fest glauben, in einem solchen Fall?«

»Aber – aber – « flüsterte Häberle dringend und keinen Augenblick an meinem Ernst zweifelnd, »wenn ein Unglück passieren sollte – «

Beinhaus stand plötzlich hinter uns und schob den kleinen Herrn mit einer brüsken Bewegung seines langen Armes auf die Seite, scheinbar ohne ihn zu sehen.

»Es ist geordnet,« sagte er dumpf. »Das war eine Komödie mit den verfluchten Engländern, von denen keiner eine Idee von Komment hat. Der Telegraphendirektor hofft immer noch, daß Sie sich mit Ihrem Gegner boxen werden. Er will Ihnen Stunden geben, wenn Sie nichts davon verstehen sollten. O'Donald ist ein Gentleman und vernünftig, soweit dies einem Engländer möglich ist. Pistolen, zweimaliger Kugelwechsel auf fünfundzwanzig Schritt. O'Donald wollte fünfzig haben, aber er ließ mit sich handeln. Dann wollte er ein Paar prachtvolle arabische Pistolen aus dem siebzehnten Jahrhundert gebraucht wissen, die er von einem entfernten Onkel geerbt haben will, der die Mameluckenschlachten gegen Napoleon mitgemacht hat. Ziselierter Silberbeschlag, Feuerschlösser, eine Mündung wie eine Posaune, zum Um-die-Ecke-schießen! Hier gab ich nicht nach. Wir nehmen die meinen, mit denen schon einmal in Baltimore ein Redakteur über den Haufen geschossen wurde. Ort und Zeit: am Obelisk von Heliopolis, übermorgen früh um acht Uhr. Als wir so weit im reinen waren, fragte mich O'Donald, wie wenn wir alle unter einer Decke steckten, ob ich wirklich glaube, daß es Ihnen Ernst sei. Diese Engländer!«

Häberle, der mit allen Nerven gehorcht hatte, sah mit gefalteten Händen und einer wahren Jammermiene an den Mond hinauf.

»Kann nichts geschehen?« stöhnte er. »Guter Gott, kann wirklich nichts geschehen, um diesen Mordplan zu vereiteln?«

Mit einer zweiten seiner großen Armbewegungen fegte Beinhaus, auch diesmal ohne ihn zu berühren, den Verzweifelnden in den Schatten der Veranda, in dem er laut- und spurlos verschwand, um Bridledrum noch einmal aufzusuchen, wie ich später hörte.

»Heuglin und ich werden Sie übermorgen früh um sieben Uhr in Schubra abholen,« fuhr Beinhaus fort. »O'Donald und Fred George nehmen Bridledrum von hier mit. Am Obelisken treffen wir zusammen. Es wird den alten Monolithen freuen, wenn er auch wieder etwas zu sehen kriegt.«

»Und der Arzt?« fragte ich. Häberles Prophezeiung, daß auch dem Kurzsichtigsten ein Unglück passieren könne, ging mir doch durch den Kopf.

»Ich wollte heute abend noch zu Riehl,« antwortete Beinhaus. »Das ist der einzige Doktor hier, der noch etwas aus seiner Studentenzeit weiß. Er sei aber verreist, in Alexandrien. O'Donald will einen Engländer bringen, einen Kerl namens Wilkens, Walker, Weller oder wie er heißen mag.«

»Weller!« rief ich halb entsetzt, halb entzückt. Das war ein mir wohlbekannter Jagdfreund O'Donalds, ein englischer Zahnarzt, der sich seit drei Monaten in Kairo niedergelassen und bis jetzt vergeblich auf kranke Zähne gewartet hatte.

Selbst Beinhaus' grimmige Züge erhellte ein leises Lächeln, als ich ihm dies erklärte. Heuglin, der wie traumverloren bis jetzt am andern Ende der Veranda gestanden hatte, kam zum Vorschein.

»Man muß sich in diesem dunkeln Weltteil behelfen, so gut man kann, das ist das Alpha und Omega für ganz Afrika,« sagte er. »Wer weiß, vielleicht schießt ihr euch in die Zähne, dann ist der Mann in seinem Element.«

»Und Sie können Vögel häuten, wie es kein Chirurg in Europa besser zustande brächte,« rief Beinhaus tröstend. »Mit Ihnen und diesem Weller auf dem Plan können wir dem Schlimmsten beruhigt entgegensehen.«

Es war spät geworden. Schon seit einer Stunde wartete mein Pferd mit dem neben ihm schlafenden Sais vor der Veranda auf den Heimritt. Ich dankte Beinhaus und Heuglin für ihre unbezahlbaren Freundesdienste und nahm rasch Abschied. Als ich mich in den Sattel schwang, sah O'Donald über das Verandageländer heraus.

»Adieu, adieu!« rief er mir lachend zu. »Wenn Sie morgen Ihr Testament machen, denken Sie auch an mich!«

»Die Reste meines Ungarweins!« rief ich und setzte den Araber in Bewegung.

»Die bekomme ich sowieso!« schallte es mir nach. Dann war ich auf meinem gewohnten stillen Wege unter den Sykomoren, die im sanften Nachtwind die ernsten Köpfe schüttelten, als sie mich kommen sahen.

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