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Hinter der Welt

Alfred Schirokauer: Hinter der Welt - Kapitel 4
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typefiction
authorAlfred Schirokauer
titleHinter der Welt
publisherJ. Engelhorns Nachf. Stuttgart
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3

Am nächsten Morgen blies ein schneidiger Wind herüber von den Eismassen, die Grönlands Küsten umgürten. Es ward ein seltener Glückstag für Sigfus Thorsteinsson. Drei große Tiere erlegten sie ohne Verluste an Mannschaften und Booten.

Noch einmal, am Vormittage, war Helga Helaason in Arnis Schaluppe mit hinausgefahren. Noch einmal durchlebte sie, jetzt schon bewußter und erfahrener, die fiebernde Spannung des Beschleichens, die hinstürmende Hast des ersten Harpunenschusses, das zagende Starren auf das schrill im Gleiten pfeifende Seil, den Triumph auf sichere Beute, als es ermattete, den Schrecken, der das Blut gerinnen machte, als der erschöpfte Wal jäh emportauchte, den wirbelnden Taumel des Ausweichens, Fortbiegens und Anstürmens gegen das peitschende todwunde Tier. Und die rieselnden Schauer dieses gigantischen Todeserstarrens.

Doch als sie durch das rotschäumende Meer zum Schiff zurückruderten, packte sie der Ekel über dieses grausame Abschlachten und Mitleid mit dem armen hilflosen Kolosse.

Jetzt, da die erste Erregung des Abenteuers verzittert war, sah sie nur noch das Häßliche der Todeshatz.

Wenn sie auch am Nachmittage die erneute Jagd von Bord aus mit dem Fernglase verfolgte, und wenn es doch wieder an ihren Nerven riß, als Arni Einarsson dem brüllenden Tiere die Lanze aus prachtvoller Fechterstellung in die Lunge jagte, das Ganze erfüllte sie doch mit widerstrebendem Abscheu.

Als kurz darauf der wohlbekannte Ruf der Topmastwache »Wal ahoi!« aufs neue die Mannschaft in die Boote warf, wandte sie sich ab und ging in ihre Kabine.

Es war ein hübscher kleiner Raum, den der Kommandor ihr hier oben aus dem Reservesteuerraume geschaffen hatte.

Sie setzte sich auf die Koje, stellte einen Fuß auf ihren kleinen Handkoffer, legte das Kinn in die linke Handfläche und grübelte. Ihre reine kluge Stirn zerfurchte sich in dunklen Falten.

Durch das offene Ochsenauge drang der Lärm des Kampfes, der draußen auf den Wassern tobte, aufscheuchend herein.

Diese Reise war ein trübes Fiasko. Helga wußte wohl, warum der Vater sie erklügelt hatte. Doch diese grausame Wikingerfahrt bannte die Gespenster nicht.

Ja, die »Gespenster« hatte der Bezirkshauptmann von Hlidarendi austreiben wollen. Die unseligen Geister seiner jungen Ehe.

In Kopenhagen hatte der Rechtskandidat Jonas Helaason die pikante kleine Sprachlehrerin Mademoiselle Juliette Denola kennen gelernt. Sie stammte aus sehr reichem, jäh verarmtem Marseiller Hause und war nach dem Norden gekommen, ihr Brot zu verdienen. Hier hatte sie sich in den großen stattlichen Isländer mit dem stolzen glattrasierten Munde verliebt. So sehr verliebt! Das Tagebuch aus jenen Tagen jubelte und sang. Und dann war sie mit ihm nach seinem Amtssitze Hlidarendi in Island gezogen. Damals wäre sie ihm bis zum Nordpol gefolgt.

Aber dann war der Rausch wohl verflogen. Das Tagebuch trauerte dunkel über Enttäuschungen. Und über die Öde des Landes und die Einsamkeit und die Fremde. –

Das Tagebuch war ein verzweifeltes Klagelied der Verbannten, und ein Sehnsuchtsschrei nach der Helle und dem Glanze des Lebens dort weit, weit draußen in der sonnigen Wärme der Provence und der Lichtstadt Marseille.

Helga Helaason kannte das geliebte Buch auswendig, Wort für Wort. Keiner außer ihr konnte es lesen, auch Vater nicht, der Isländisch und Dänisch, Deutsch und Englisch sprach, aber die Heimatslaute seiner Frau nicht verstand. Doch Helga hatte sie schon als einjähriges Kind gelallt.

Ein Satz dieses abgegriffenen schwarzen Buches ging Helga nach, Tag und Nacht.

»Luxus und Eleganz, Herren im Frack und Damen in grande Toilette und glitzernder Schmuck auf marmorglatten Nacken, Theater und dieser erregende Duft der Welt – ach ja, ich weiß, es sind wohl kleinliche Dinge. Aber nur für diejenigen, die sie besitzen. Für den, der sie gekannt hat und darin groß geworden ist und sie dann in fremder Einsamkeit entbehren muß, werden sie zum verlorenen Paradiese.«

Und dann, kaum fünfundzwanzigjährig, war die Mutter gestorben. An Lungenentzündung, sagte der Vater. Bei der Rückkehr von einem Besuch in der Nachbarschaft waren sie in einen Schneesturm geraten. Oh, Helga wußte es besser, woran die Mutter gestorben war. An Sehnsucht und Heimweh, an der Kälte und Leere ihres Lebens war sie gestorben. Daran war sie vergangen.

Das wußte Helga jetzt. Auf der Handelsschule in Reykjavik war sie noch eine echte bodenstämmige Isländerin gewesen. Und nur der Hang, ihre rohwollene Kleidung und ihr Haar mit allerhand Bändchen und Spitzen zu schmücken, ein fremdländischer Schönheitssinn und die ranke Grazie ihrer jungen Glieder hatten sie von ihren grobknochigen Freundinnen unterschieden. Aber als sie dann in das Heimatsdorf Hlidarendi heimkehrte, dem Vater die Wirtschaft zu führen, war es über sie gekommen. Aus dem Nachlaß ihrer Mutter stieg es auf. Aus all den Büchern, die Mama aus Paris bezogen hatte, und aus ihren hinterlassenen Schriften. Und da war die Mutter der Tochter, die äußerlich immer mehr das Ebenbild des Vaters wurde, in diesem sagenverehrenden Lande zu einer mystisch rauschenden Sehnsuchtssage geworden.

Der Bezirkshauptmann Helaason sah es voll Kummer. Und als Helga eines Tages vor ihn trat und ihn bat, sie in die Fremde zu schicken, packte ihn ein lähmendes Entsetzen. Er dachte an die bleichen Wangen der Mutter und ihre irrenden blanken schwarzen Augen, die in Sehnsucht brannten.

Schroff lehnte er ab. Vor dieser Heimatlosigkeit wollte er sein Kind bewahren. Hier in Island sollte sie leben und glücklich werden nach Isländer Art.

Helga warf ein, ihre Reykjaviker Schulfreundinnen wären auch ins Ausland gegangen. Asta Asmundsdatter nach England, Thyri Thorarinsson nach Berlin.

Er sei nicht wohlhabend genug, wich der Vater aus.

Helga erkannte die unkluge Ausflucht. Was der Beutel der beiden Reykjaviker Fischer vertrug, gestattete wohl auch des Bezirkshauptmanns Schatulle.

Sie schwieg und versuchte, sich in ihre Umgebung und ihr Land einzuleben. Aber gerade die Schönheit der Heimat nährte immer von neuem ihre Sehnsucht. Die linde klare Morgenstimmung über der Heide, der purpurblaue Abendhauch auf den Basaltbergen ringsum erweckte ein in die Ferne bangendes Verlangen. Die über dem Hekla schwimmende rote Wolke trieb ihr törichte Tränen des Hinausbegehrens in die Augen.

Eines Tages sagte der Vater: »Helga, ich glaube, es wird dir gut sein, einige Zeit aus dem Ort heraus zu kommen.«

Sie sah überrascht zu ihm auf. Röte erwartungsvollen Jubels überzog ihre Wangen.

»Ich habe mit meinem alten Schulfreunde, Sigfus Thorsteinsson gesprochen. Er fährt jetzt einen geräumigen Kasten. Wenn du willst, nimmt er dich gern einmal mit.«

»Wohin?« stieß sie hervor. Die Ader oben im Halse zuckte vor Erregung.

»Nach Spitzbergen und Grönland zur Waljagd.«

Da entfärbte die Enttäuschung ihre Wangen. Aber sie ehrte den Vater. Er war so stolz, so ritterlich und so kernhaft. Sie zwang sich zur Freude und willigte lebhaft ein.

Doch als sie jetzt in ihrer Kabine saß und draußen das Todesbrüllen des verröchelnden Wals die Polarstille durchschütterte, wußte sie, sie würde heimkehren, heimatlos, wie sie gegangen war.

Das Leben, das sie so gut aus den Büchern der Mutter kannte, rief und lockte. Sie hatte Balzac und Anatole France, Zola, Peladan, Prévost, Daudet und Maupassant gelesen. Sie war in allen Pariser Quartiers zu Hause. Sie brauchte nur die dunklen Opalaugen zu schließen, um den Lichterglanz der Pariser Salons, den Rampenschein der erleuchteten Bühnen zu schauen. Sie hörte bestrickt Seidenroben knistern und fühlte ahnend, wie es ist, wenn gepflegte nervöse Männerhände über weiches blondes Haar streicheln.

Sie dachte mit geringschätzig zusammengepreßten Lippen an die Männer, die ihr bei den heimischen Festlichkeiten derb die Hände schüttelten. Im Grunde sahen auch die Nobelsten immer aus wie verkleidete armselige Handwerker. Und ihre eigene Kleidung! Wie hatte die Mutter zuerst über diese Unmöglichkeiten gelacht! Und dann getrauert.

Gewiß, gewiß, sie wußte, Kleider und all diese Äußerlichkeiten sind nicht das Leben. Das wußte Helga Helaason so gut wie jeder beseelte Mensch. Aber die Mutter hatte recht! All diese Dinge, die nicht von ihrer Welt waren, sind kleinlich und nichtig nur für den, der sie besitzt. Dem Entbehrenden werden sie in seiner verlangenden Phantasie zu des Lebens wahren Symbolen.

Der Triumphschrei der beutereichen Jäger draußen riß sie aus ihren Sinnen. –

Als Helga dann später in der niedrigen Kantine beim Abendschmause neben Sigfus Thorsteinsson saß und über all diese vom Siege erhitzten wagekühnen Seemannsköpfe unter der traulich schwelenden Öllampe hinblickte und diese schlichte, oft treffend sarkastische Sprache hörte, kam eine ehrliche Freude an dieser nordischen Reckenschaft über sie und ein stolzes Gefühl der Zusammengehörigkeit. Sie sah jetzt nicht die rauhen frostzernagten Hände, noch die groben kampfzerwirkten Kittel.

Leise, fast schuldbewußt, huschte sie hinauf in ihre Kabine, nahm die geliebte isländische Laute aus der Umhüllung und eilte zurück zu der Kantine. Kommandor und Mannschaft saßen nach beendetem Mahle jetzt munter schwatzend beisammen. Ein lautes »Heil« empfing Helga Helaason.

Sie setzte sich auf einen Schemel, präludierte kurz und sang mit ihrer kräftigen, wohlgeschulten Altstimme uralte, nordische Heldenlieder, die, seit Tausenden von Jahren von Geschlecht zu Geschlecht vererbt, ehrfürchtig verehrt, in den dunklen Winterstuben Islands gegen die niedrigen Moosdecken hallen.

Die Männer wagten nicht zu atmen und blickten mit strahlenden Augen zu dem jungen Weibe hinüber, das ihnen erschien wie die Leben gewordene heilige Saga.

Dem Harpunier Arni Einarsson wurden die Augen feucht. So herrlich und lieblich zugleich war Helga Helaason ihm nie zuvor erschienen. Er sah nicht die zu stark vorspringenden nordischen Backenknochen und die allzukecke Wikingernase. Er sah, daß sie schön war wie das Nordlicht. Sie hatte die typisch reine hohe Isländerstirn unter dem weichen goldblonden Haare, das sich sanft um die klugen Schläfen schmiegte. Und als sie jetzt keck ein Bein über das andre warf, die Laute fest an die junge pralle Brust preßte und einen wilderregenden ahnenalten Kriegsmarsch auf den Saiten wirbelte, da lohte die patriotische Begeisterung rotglühend auf unter diesen Seehelden.

Sie sahen die nordisch blitzenden Augen des jungen Weibes und sie sahen die wundervoll herbe, rhythmische Bewegung des schönen Armes und das leise taktmäßige Schwingen der hängenden Röcke. Sie wußten nicht, daß diese bestrickende Grazie der Bewegung nicht ihrem geliebten Heimatlande entstammte. Sie sahen nur ihre Helga Helaason, nur die leidenschaftliche Tochter ihres feuerdurchglühten herrlichen vulkanischen Heimatlandes.

Es war spät geworden, fast Mitternacht. Als Helga Helaason die letzten Akkorde ihres Kriegsliedes schlug, fiel ein Sonnenstrahl über ihr Haar. Goldrot glühten ihre Pupillen auf.

»Die Mitternachtssonne!« rief alles durcheinander.

Sie stoben hinaus aufs Deck, das alte, oft geschaute, ewig neue begeisternde Schauspiel zu sehen.

Drüben der Horizont sprühte in gelben und roten Flammen. Das war kein umgrenzter Sonnenball mehr, das war ein Farbenbacchanal in Rot und Gelb. Der Himmel im Zenit war zartblau. Kleine rosa Wölkchen segelten kindlich lieb in dieser Lindheit. Weiche Frühlingsdämmerung lag über der Welt. Von allen Seiten, soweit das Auge nach Norden trug, trieben weiße zackige Eisblöcke, rosa überhaucht, auf dem seltsam teichartig stehenden grauen Meere.

Aber dort zur Rechten, dicht neben ihnen, schwamm in den Strahlen der Flammensonne ein goldenes Wunder. Alles starrte märchenumsponnen hinüber. Dort, keine zweihundert Meter von ihnen entfernt, lag eine schlanke weiße Lustjacht. Man konnte mit bloßem Auge das blinkende Gestänge, die weißen Planken des Verdecks erkennen. Und Menschen standen dort an der goldig glänzenden Reling, Damen und Herren, und riefen und schwenkten Tücher und Schleier.

Die Mannschaft des »Eisvogels« überkam ein jäher Taumel. Sie rissen die Mützen vom Kopfe und wirbelten sie hoch in die Luft und schrien wie Trunkene.

Es war eine spontane Menschheitsverbrüderung in dem Gefühl des Zusammengehörens und Zusammenstehens alles Lebenden hier oben in der erstarrten Einöde des Polarmeeres, gegen die grimme Feindin Natur. Hier schwieg die Volkszugehörigkeit, hier schrie das Blut nach dem strömenden Blute. Man reckte sich hüben und drüben im Rausche der Begeisterung die Hände entgegen. Man wollte sich fassen und umarmen im Freudentaumel des Begegnens, als Kinder dieses Erdballes.

Jetzt schwebte auf der weißen Jacht grüßend der isländische weiße Falke im blauen Felde empor, sich wie zum Symbol verflatternd in die im Winde stehende deutsche Flagge. Oho, Sigfus Thorsteinsson kannte Komment. Wenige Augenblicke später tanzte am Top des »Eisvogels« das schwarz-weiß-rote Banner mit dem schwarz-rot-goldenen Gösch. Ein donnerndes Hurra schallte zu der weißen Jacht hinüber. Und während die beiden Schiffe sacht nebeneinander durch das stille Wasser herglitten, tönte in das Schweigen der Polarnacht aus fünfzig wackeren Islandskehlen huldigend zu der kleinen Jacht das Deutschlandlied hinüber.

Drüben entblößten die Herren die Köpfe, die Damen warfen Kußhände.

Helga Helaason beugte sich bleich über die Reling und starrte zu dem goldumsäumten Schifflein hinüber. Ein Gefühl eisiger Kälte schmiedete sich wie ein Reif um ihr Haupt. Das – das dort – drüben fast greifbar nahe – diese weiße Jacht – das war ja die Verkörperung ihrer Sehnsucht. Dort drüben, auf diesem schlanken feinen Schiffe glitt die Welt dahin, nach der sie so schmerzlich verlangte.

Mit einem Male schien ihr Arni Einarssons Stimme, die mächtig über die Wogen ihr Hurra sandte, häßlich rauh und ungebärdig. Ein schmerzhaftes Gefühl törichter Eifersucht packte sie. Was hatte er mit seiner dröhnenden Stimme hinüber zu brüllen zu ihrer weißen Jacht!

Der schwarze Kasten des »Eisvogels« erschien ihr beschämend schmutzig und würdelos.

Jetzt wandte drüben die Jacht ihren feingebauten Kiel. Ein buntes Flaggensignal stieg flatternd empor: »Glückliche Fahrt!« Noch ein Hurra hüben und drüben – ein Schwenken und Winken – dann verglitt die weiße Jacht goldzerfließend hinein in den flammenden Horizont.

Lange stand Helga Helaason an der Reling und starrte in die Gluten, bis schwarze Punkte vor ihren Augen tanzten. Sie sah nicht, wie die Sonne wieder stieg, wie der wunderhelle Tag aus dem Wasser tauchte. Die Farbenorgie drüben zog sich zu einer roten Feuersäule zusammen, die vom Meere hoch aufwuchs in den Himmel hinein. Sie sah nicht, wie die Eisblöcke sich zu weiten rotblühenden Feldern zusammenschlossen. Sie stand und starrte mit weiten hungrigen Augen der entschwindenden, schwimmenden Verkörperung ihrer Sehnsucht nach.

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