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Himmelwärts und andere Prosa aus dem Nachlaß

Ödön von Horváth: Himmelwärts und andere Prosa aus dem Nachlaß - Kapitel 7
Quellenangabe
typemisc
authorÖdön von Horváth
titleHimmelwärts und andere Prosa aus dem Nachlaß
publisherSuhrkamp Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume3347
printrunErstausgabe
editorKlaus Kastberger
year2001
firstpub2001
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070212
projectidc75e4f6f
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Ohne Geld

Man weicht mir aus.

Denn meine Schuhe sind zerrissen und mein Anzug ist auch nicht so ganz in Ordnung. Die Hose ist mir zu kurz, der Rock zu lang, der Hut zu klein, die Schuhe zu groß. Bis gestern trug ich noch eine Krawatte. Die war allerdings sehr schön und neu. Aber ich hab sie weggeschmissen auf Anraten eines Kameraden, der mir sagte: »Diese Krawatte muß logischerweise die Aufmerksamkeit eines jeden Gendarmen erregen. Sie paßt nicht zu Dir. Man sieht doch schon von meilenweit, daß Du sie gestohlen hast.« »In der Tat?« fragte ich. »Natürlich«, sagte er.

Er war ein alter, erfahrener Landstreicher mit über fünfzehn Vorstrafen. Es waren aber nur so kleinere Strafen, meistens Mundraub oder unberechtigtes Betreten fremder Grundstücke. Gewalttat war keine dabei. Er war ein alter, weiser Mann.

Ich folgte ihm, denn ich wollte mit der Gendarmerie nichts zu tun haben. Ich kenne die schon. Zweimal habens mich schon eingesperrt. Und wegen so einer neuen Krawatte – also das steht nicht dafür!

Ich schmiß also die Krawatte weg. Sie war zu schön für mich.

Es ist Mittag, und die Sonne scheint. Um die Mittagszeit ist es am besten, auf der Landstraße zu gehen, denn dann fahren die wenigsten Autos. Um die Mittagszeit herum essen die Autofahrer und dann ist die Straße am leersten und menschenwürdigsten.

Wir zwei, der Alte und ich, gingen nun über die Straße. Es war ein hügeliges Land.

Radfahrer kamen uns entgegen und überholten uns. Die Frauen sahen meistens starr und ängstlich an uns vorbei. Der Alte sah immer grimmig drein, dann hatten sie Angst. Das freute ihn.

Wir gingen nicht schnell. Es ist eine bestimmte Art, langsam zu gehen, wenn man weit kommen möcht. Und wir wollten weit kommen, hatten aber kein direktes Ziel.

Heut gingen wir noch nicht viel. So zirka fünfzehn Kilometer.

Wir hatten bei einem Bauern übernachtet. Er sagte uns, wir könnten übernachten, müßten ihm aber dafür am nächsten Tage beim Heu helfen. Wir sagten natürlich zu. Aber ganz in der Frühe schlichen wir uns heimlich davon und hauten ab.

Ins Heu sollten wir? Was denn nicht noch!

Wir werden doch nicht arbeiten, wir sind ja nicht blöd!

Ja, wenn man gleich eine Arbeit bekam, mit der man viel Geld verdienen könnt, dann natürlich schon! Aber das Geld reicht höchstens für ein Essen. Und das können wir uns auch erbetteln. Oder stehlen. Leider kann man sichs nicht stehlen, daß die Schuhe geflickt werden. Aber darauf legen wir auch keinen solchen Wert.

Die sogenannten anständigen Menschen, sie sollen uns nur ausweichen! Wir haben kein Geld, bekommen kein Geld und brauchen auch kein Geld!

Ich hab überhaupt noch nie Geld gehabt.

Seit ich mich erinnere, hatte ich immer nur das, was ich gerade gebraucht habe. Ich lebte immer von heut auf morgen. Auch bei meinen Eltern war das so. Mal hatte mein Vater Arbeit, mal nicht. Mal meine Mutter, mal nicht. Mal hatten beide nichts, mal beide. Dann hatte mein Vater einen Rausch.

Ich bin ein Findelkind. Eine alte Bäuerin hat mich gefunden, in einem Korb mit einem Zettel, daß die Mutter eine arme Frau ist. Das glaub ich ja nicht ganz. Vielleicht bin ich das Produkt eines Skandals.

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