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Himmelwärts und andere Prosa aus dem Nachlaß

Ödön von Horváth: Himmelwärts und andere Prosa aus dem Nachlaß - Kapitel 6
Quellenangabe
typemisc
authorÖdön von Horváth
titleHimmelwärts und andere Prosa aus dem Nachlaß
publisherSuhrkamp Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume3347
printrunErstausgabe
editorKlaus Kastberger
year2001
firstpub2001
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070212
projectidc75e4f6f
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Der römische Hauptmann

An einem Vorfrühlingstag nachmittags war die Exekution beendet. 33 Jahre nach Christi Geburt. Die drei Kreuze standen gegen den Himmel vor der Stadt. Das Volk, das der Exekution beigewohnt hatte, kehrte nach Hause zurück und unterhielt sich angeregt. Der Friseur Brantl sagte, er sei gegen die Todesstrafe. Es waren keine Kinder dabei, die wußten noch nichts von der bösen Welt. Und ein Liebespaar.

Die drei Leichen hingen an den Kreuzen. Es war ein politischer und zwei kriminelle Delinquenten.

Auch die Henker gingen nach Hause. Und die Soldaten auch, die die Ordnung aufrecht erhalten haben. An der Spitze der Herr Hauptmann, in einer feschen Uniform die Leutnants. Mit Musik.

Der Hauptmann war mit Leib und Seele Soldat. Er kümmerte sich sein Leben lang [um] nichts, als soldatische Bücher. Er hatte die Kadettenschule besucht.

Ansonsten war er unverheiratet. Er sprach wenig und war beliebt wegen seiner Gerechtigkeit.

Im letzten Krieg tötete er vierzehn Feinde in einer Schlacht, konnte aber keiner Fliege etwas zu leide tun.

Die Exekution war ihm peinlich. Er liebte derartige Schaustellungen nicht. Er war natürlich absolut für die Staatsautorität.

Hätte er Christus, den Nazarener, nicht hingerichtet, sondern wäre bereits Christentum gewesen, wäre er sicher ein Heiliger geworden.

Der römische Hauptmann hat es erkannt: Nicht Zweifel über die Berechtigung der Hinrichtung, sondern Zweifel daran, ob der Gekreuzigte nicht Recht gehabt hatte. Das Herandämmern einer neuen Zeit, der Untergang einer anderen.

Nie waren ihm solche Gedanken gekommen, aber jetzt standen sie plötzlich vor ihm. –

Zu Hause angelangt, zog er sich um. Dann ging er ins Kasino.

Dort traf er Kameraden.

Dann Schlaf. Soll er die Konsequenzen ziehen? Soll er Christ werden? Verzichten? Soll er den bunten Rock ausziehen?

Dann schreibt er einen Brief.

Dann geht er sich rasieren.

Dann Dienst.

Dann zum Tee zur Gräfin.

»Man sollte was unterschlagen«, sagte der Hauptmann, »nur weg! Weg!«

An dem Busen seiner Geliebten vergißt er die ganze Geschichte mit der Kreuzigung.

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