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Hexensabbat

Ludwig Tieck: Hexensabbat - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDer Hexensabbat
authorLudwig Tieck
year1988
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-028478-3
titleHexensabbat
pages5-218
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1831
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Der alte Beaufort warf der Redenden einen ernsten Blick zu, er schwieg eine Weile nachdenkend und sagte dann: Ihr mögt recht haben, im wesentlichen, und wir sollen unser Glück mit Dank erkennen. Doch ist mir eigentlich nur wohl, wenn ich mich aller dieser Gedanken entschlage. Vieles vergessen, noch mehr nicht sehen, über das, was man sieht, nicht zu viel denken, unterkriechen, wenn Sturm und Platzregen kommen, lieber kleines Unrecht dulden, als sich im Bewußtsein der gerechten Sache zu männlich widersetzen – das ist, was ich immer befolgt, und wobei ich und mir ähnliche Männer uns wohl befunden haben. Sprechen wir lieber noch von jenem Mondstein.

Recht! sagte Labitte, die Politik und das Räsonieren über Staat und Fürst ist immer verdrießlich; wir wollen philosophieren – und so denke ich denn von jenem Stein eigentlich ganz anders als der gelehrte Küster. Nicht wahr, ihr alle kennt das Sprichwort, womit alle Menschen so oft die zu weit getriebene Ängstlichkeit abweisen: wenn der Himmel einfällt! – Mancher sagt: dann werden die Lerchen wohlfeil; andere: dann brauchen wir keine Schlafmützen mehr – und dergleichen unnütze Redensarten: – diese Begebenheit zeigt uns aber, daß wohl einmal unter gewissen Umständen der Himmel einfallen könne, und dieser große, ungeratene und unbrauchbare Stein ist eben ein Stück aus dem Himmel, und ein scharfes Auge würde droben auch wohl das Loch entdecken können, wo er eigentlich hingehört.

Nun, das wäre mehr als ein Wunder! rief Friedrich!

Junger Mensch, sagte der blasse Alte, der Ihr Euch gar zu gern verwundert, – es gibt gar kein Wunder; alles, was geschieht, geschieht ganz natürlich, einfach, wenn auch nicht alltäglich, nach notwendigen Gesetzen, wenn auch unsern dummen oder verwöhnten Sinnen nicht immer begreiflich. Sollte die Luft nicht das älteste Element sein? In der Schrift scheint es wenigstens vor dem Licht das Majorat zu haben. Die Erde war im Anbeginn bloß hart, wüst, unbrauchbar, vielleicht wie jener Mondstein, nur im Großen; Licht war nicht, die Luft, die zarte, bewegliche, sich dehnende, ziehende, belebende und tiefatmende, hatte wohl auch damals, vor dem Anfange der Zeiten, den starren Klumpen, im Schreck über die werdende Schöpfung ausgestoßen. Die Wasser bewegten sich, die immer eins und dasselbe Gemüt mit der Luft sind, nur im andern Kleide. Mit dem neuen Spielgenossen, Licht, fing nun erst recht das sonderbare Hantieren an. Da wurde dem starren Erdklumpen so zugeredet, geliebkost, er ward gedrückt, gewiegt, geschüttelt, verkehrt und bekehrt, daß er es sich denn gefallen ließ, aus seinem starren Wesen nachgiebig und durch all das wunderliche Wesen gerührt, die Gartenerde in sich zu zerbröckeln, und so den Bäumen, Gräsern, Halmen und Blumen den mütterlichen Boden anzuweisen. Aber die alten Träume und Tücken kamen wieder; aus den Launen brachen von unten aus der Tiefe die Gebirge hervor, und strebten und wuchsen hinauf, um Wald und Wiese zu beschämen und zu verhöhnen; aber die Liebe kletterte nach, und hing ihre grünen Kränze fast bis in die gerunzelte, weiße, verdrießliche Stirn der Alpen hinein; zurückgeschreckt blieb das Grün in scheuer Entfernung, aber die heitere Luft gab den ernsten, blendenden Schnee, und die muntern, kindischen Quellen, die beredsamen Bäche, die mutigen Ströme tanzten doch oben um den Alten her, der keinen Spaß verstehen und von keiner Liebe was hören wollte. Wer steht uns denn dafür, daß nicht damals auch die Luft, in welcher sich alles gebärt, auch Steine, Berge, Gebirge niedergeworfen hat, um jenen harten Launen und scharfen Einfällen der Erde entgegenzukommen? Die Luft zieht das Wasser, das als Regen niederfällt; alles Wasser kann Dunst, Wolke, Luft werden; alle Nebel, Wolkenmassen, und auch die klarste, blaueste Luft, kann, angesteckt, angerührt, durch die Umstände persuadiert, zu Wasser werden. Warum denn nicht zu Stein? Nun, hinauf muß es rieseln, herunter muß es grieseln; fügen muß sich's, und dann ist es wenigstens ebenso natürlich und begreiflich, als daß die Pflanze in der Erde aus dem verfaulten Keime wächst. Ja, es kann geschehen, wenn sich der Himmel so verhärtet, daß einmal eine turmhohe Kruste herunterfällt, und Städte, Wälder, ja ganze Länder zudeckt. Weil die uralten Ungezogenheiten und groben Späße der Elemente und ihrer Geister aufgehört haben, weil das Volk wohlerzogen scheint, muß es darum immer so bleiben? Vielleicht schlummern sie, vielleicht sind sie bei der Mama in der Putzstube in feiner, artiger Gesellschaft, und schneuzen höchstens einmal mit einem kleinen Trompetenton die Nase. Aber sie können wohl wieder einmal ins Bengelhafte geraten, und nicht darauf achten, ob sie die neuen Manschetten und Halskrausen zerreißen. Die uralten Geister, die auf Pension sitzen, fabeln gewiß, unsre sanfte, geregelte Welt sei der Untergang der Welt, und die Erde nichts Besseres als ein Käse, den Millionen Würmer und Maden durchfressen und zermürbt haben. Geht für uns die Welt unter, so munkeln sie wohl, nun finge die wahre Schöpfung erst wieder an, und die alte Ordnung würde wiederhergestellt. Essen wir, trinken wir, solange etwas da ist und wir noch Zähne haben, von denen mir die meisten fehlen; respektieren wir die Luft, wie ich gesagt habe, und bedenken, daß, wenn es nach meinem Glauben Luftgebirge gibt, die Menschen nicht völlig zu verachten sind, die auf Luftschlösser rechnen und sie zu bauen suchen. – Alles jedoch sei mit Vergunst meines großen Meisters gesagt und seiner höhern Einsicht unterworfen. –

Friedrich lachte laut; doch dessen Vater blieb ernsthaft und sagte dann: Meister Labitte, alles, was man von Euch erzählt, sowie das, was ich jetzt von Euch gehört habe, ist höchst sonderbar. Es scheint, daß Ihr das meiste in der Welt aus einem andern Gesichtspunkt betrachtet, als die übrigen Menschen.

Geehrter Herr, erwiderte Labitte, indem sich sein bleiches Antlitz zu einem übertriebenen Lächeln verzog, das ist meine Art so; wie ich mich etwas krumm halten muß, von Alter und Schwäche, wie ich übertrieben mager bin, wie mein Bart nur dünn und mein weniges Haupthaar fast ganz ausgefallen ist, wie ich eine beinahe zu lange Nase habe, und meine Lippen beim Sprechen und Schweigen in ihrer Blässe immerdar zittern, so ist es auch mit meinem Geist, meiner Sprache und meiner Art mich auszudrücken, beschaffen. Glaubt mir nur, die menschlichen Gedanken sind wie das Wetter. Oft ist es recht blau und hell in mir, aber wenn ich eben an etwas anderes als an die Gedanken denke, so weiß ich es selber nicht, daß ich nachdenkliche Sachen und weise Sentenzen von mir gebe; erzählen mir nach einigen Tagen meine jungen Freunde davon, so erbaue ich mich selbst an meinen Aussprüchen und lerne viel aus ihnen. Dann kommen dichte Wolken und Hagelschauer und verfinstern meine Seele. Drinnen kochen und gären dann wieder zukünftige Gedanken, und wenn ich gerade bei Laune bin, sehe ich selber diesem tollen Wesen zu. Ach! Sonnenschein! Freunde! das ist etwas Großes! Wer hat ihn immer? Und könnte ihn immer brauchen, wenn es uns auch vergönnt wäre? –

Ja, dann, in diesen herrlichen Momenten, bin ich wirklich sehr gescheit, und nicht nur klüger wie die andern Menschen, sondern ich übertreffe mich sogar selbst. Ich habe es oft gesagt, ich hätte es zu etwas Außerordentlichem gebracht, auch in meiner Kunst, wenn es nicht ein Ding mir unmöglich gemacht hätte, und zwar etwas recht Erbärmliches, was die Menschen eine Kleinigkeit nennen, und die es doch wahrlich nicht ist. Aber blind und verworren bleiben sie freilich immer in ihren Bestrebungen.

Und das ist? fragte lächelnd Catharina. Schade ist es doch immer, daß Ihr nicht so vortrefflich geworden seid, wie es Euch, Euren Aussagen gemäß, so nahe lag.

Spottet nur! rief der Alte, Ihr bleibt doch mein Liebchen, und die holdseligste Kreatur, die ich jemals gekannt habe. Um Euch aber die Sache deutlich zu machen, muß ich Euch erzählen, daß ich, wenn mich die Toren auch oft ketzerisch nennen, eine viel zu große Ehrfurcht vor dem Schöpfer, und eine so innige, liebevolle Anbetung seiner Herrlichkeit habe, daß ich dem Gesellen, der ihm gegenüber arbeitet, nicht die Macht und ungeheure Wirkung und Furchtbarkeit zutrauen kann, die ihm die unwissende Menge, aus abergläubischer Angst vor ihrer eigenen Torheit, zuschreiben will. Durch kleine Erbärmlichkeiten macht sich dieser Geist Luft, und hindert freilich auch durch diese das Große und Edle. Wenn ich so recht mit meinem Geiste einverstanden bin und ihm zuhöre, in der Sabbatstille meines ausgeklärten Gemütes immer schönere und feinere Gedanken und Bilder aufsteigen, wenn ich dann mein Sein und Fühlen ausstrecke, weiter, immer weiter, und ich schaue und weiß, jetzt ist das Rechte und Beste unterwegs, und wird gleich in die aufgeräumte Putzstube meiner Seele anlangen – brtsch! ist alles weg, denn ich muß niesen; wenigstens einmal, oft auch in drei Repetitionen. Der Moment nimmt mir das Bewußtsein, ich bin auf einen Augenblick nicht mehr als ein Pfahl oder Stock, – und, wie nüchtern, arm, düster, jammervoll ist es nachher in meinem Innern; alles, was glänzte, liegt wie altes, widerwärtiges Getrödel in einer Polterkammer durcheinander, mit Staub und Spinnweben überzogen, so daß ich keinen der Fetzen, die eben noch Gedanken und Entzückungen waren, aus dem Gerümpel hervorlangen mag, um mir nicht die Hände meines kümmerlichen Bewußtseins zu beschmutzen. Denn meine Dummheit ist wenigstens noch besser als das Denken und Anschauen, was ich jetzt treiben könnte. So ist es mir auch immer beim Malen ergangen. Ich habe mir mehr wie einmal eingebildet, wenn ich vor meiner Tafel saß, ich könnte die Werke meines Freundes Johann, des von Eyck, erreichen; ich war selig in der Arbeit, die Farben wurden immer glänzender, die Mienen immer heller und menschlicher, – nun kommt mit eins jenes verdammte Niesen, aus ist alles, tot; wenn ich die Augen wieder brauchen kann, stehn Fratzen und schmierige Ölflecke auf dem Holze, und alle Anmut ist in dieses hineingeschlagen; ich sehe im Pinsel, den ich noch eben in Freude fliegen ließ, nur einen Teil des unsaubern Schweines, von dem er genommen ist. Das hat immerdar mein Leben verkümmert. So weiß ich nun schon, streckt einmal der Geist sich in mir so aus, daß ich nahe daran bin, die Bande zu zerreißen, so werde ich augenblicklich niesen, – und oft, wenn ich zerstreut bin und an gar nichts denke, so weiß ich am Niesen, wenn es mich befällt, daß soeben in meinem Innern der Festkuchen gebacken wurde, um dem verlornen Sohn in Prozession entgegenzugehen. Nun fällt Kuchen und Kalb, Sohn und Vater, Sünder und Gerechter zugleich in den Brunnen. Man kann wohl auch fragen, ob es nicht selbst so feine, geistige Wahrnehmungen gibt, die ohne weiteres, wie ein zu scharfes Licht, auf die Nase wirken, und sie zum innerlichen Krampfe zwingen. Es kommt aber auf dasselbe hinaus, ob ich es physisch, ob geistig betrachte. Diese Gedanken sind mir einmal nicht gegönnt; statt im Gehirne eine höhere Stelle zu suchen, rennen sie abwärts und erlöschen in jenem Kitzel, der in einem Ton ausbricht, welcher aller Musik sich durchaus feindlich entgegenstellt. – Daß der Fliegengott, Beelzebub, dem Denker und Andächtigen oft eine Fliege sendet, um ihn zu stören und zu empören, das haben selbst fromme Theologen eingesehen und ausgesagt.

Guter, lieber Schwätzer, sagte der alte Ritter, indem er ihm die Hand gab, gehe es Euch recht wohl in den letzten Jahren Eures Lebens, und möge diese krause Laune Euch nie verlassen. Was Eure Zunge bei diesen Erzählungen allein verschuldet, wieviel aus Eurem Herzen kommt, das möchte schwer zu unterscheiden sein.

Er beurlaubte sich von der Wirtin und der übrigen Gesellschaft. Er versteht dich nicht, sagte Friedrich, der gute Vater. Er meint, alles Denken müsse immer geradeaus gehen. Er ist auch kein Freund der Dichtkunst. Deine Gedichte kennt er gar nicht.

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