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Hexenkessel

Rudolf Stratz: Hexenkessel - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/stratz/hexenkes/hexenkes.xml
typefiction
authorRudolph Stratz
titleHexenkessel
publisherAugust Scherl G. m. b. H.
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1927
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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6

Na – wird's, oller Dussel?« rief ein Chauffeur grimmig einige Stunden später dem vor dem Kabarett »Kolokól« verschlafen vor sich hindösenden Portier zu. Der Silberbetreßte kam zu sich. Er hatte jetzt noch – gegen Mitternacht – kaum neue Gäste mehr erwartet. Er schlurfte pomadig zu dem haltenden Auto und rief gähnend hinein:

»Nischt zu machen! Alles besetzt!«

»Hat man dich gefragt – he?« Der rüde von innen mit einem Fußtritt aufgestoßene Wagenschlag prallte dem Pförtner wuchtig vor die Silberknöpfe der Livree. Ein langer, hagerer Herr stieg aus. Ein zweiter gewichtiger, bleicher, dickbäuchiger Mann mit schwarzen Bartkoteletten kletterte hinterher und folgte dem andern in das Foyer. Dort herrschte der erste den gerade geschäftig vorbeischießenden Manager an:

»Was ist das da draußen für ein Vogel? ... Jagen Sie ihn! ... Ist der Tisch für Serge Ssilin reserviert ...?«

»Gehorsamster Diener! ...« Der Baron Zechhorn hatte plötzlich ein Scharnier im Kreuz. Er klappte wie ein Taschenmesser zusammen. »Alles selbstverständlich tip-top! Die Herren haben nur leider den größten Teil unseres fabelhaften Märzprogramms versäumt!«

»Geschäfte ... Nun – ich werde von jetzt ab öfters kommen!«

Der Inhaber des Handelskontors »Nowaja Rossija« am Königsplatz schob nachlässig dem eleganten Empfangsherrn ein Bündel deutscher Inflationsnoten in die hohle Hand. »Für Sie ... Es werden einige Millionen sein ... Genügt das ...?«

»Zu Befehl ...« Der übernächtige Betriebsleiter des »Kolokól« dienerte verwirrt. »Zu gnädig ... Heißen Dank ...« Er dämpfte vertraulich die Stimme: »Wenn die Herren irgendwelche Damenbekanntschaften wünschen – ich bitte ganz über mich zu verfügen ... Ich mache da die schwierigsten Sachen, ohne alle Apparate ...«

»Bitte – verschonen Sie mich mit Ihren Weibern! ...« Der Halbrusse trat in den kleinen, heißen, von Zigarrenrauch, Speisegeruch, Parfümwolken, Menschendunst schwälenden Raum. Seine blaugrauen, gläsern-kalten Augen überflogen suchend das Gedränge der mit Weinflaschen und Sektkühlern bestandenen, von männlichen Nachtschwärmern und weiblichen Nachtfaltern umklebten Tischchen, von denen nur eins ganz vorn leer und verlassen dastand. Dort puffte Alfons, der schwitzende, dicke, alte Oberkellner hastig einen blonden, blauäugigen, frischen, jungen Kollegen in die Rippen.

»Fritze ... Sie wollen doch hier auf den Namen Fritze hören – nicht ...? Oder war's August ...? – Nee – also doch Fritze ... man wird schon ganz verdreht ... Also Fritze: Da drüben kommt der Wollonkel doch noch ... mit noch 'nem Schieber! Flugs einen zweiten Sessel! ... Rücken Sie den miesen Japaner mit seinem Verhältnis 'n Eckchen nach hinten, damit es Platz gibt! ... Nun geben Sie sich mit der Bedienung Mühe, Fritze: Für 'nen Anfänger stellen Sie sich gar nicht so dumm an!«

»Darf ich gehorsamst bitten!« Baron Zechhorn schob eigenhändig die Sessel zurecht. Serge Ssilin nahm Platz. Er wies mit einer weltmännischen Bewegung der plumpen, breiten Hand seinem Gast den Stuhl ihm gegenüber an. »Belieben Sie drüben, Herr Berith! Ich muß hier sitzen und das Orchester im Auge behalten! Wie ...?« Er hob den knochigen, rötlich wuchernden Schädel zu dem blonden, jungen Kellner neben ihm empor und fuhr auf Russisch fort: »Du sprichst Russisch? ... Gut ... Höre, Mensch: Bring' Sekt!«

Dann wandte er sich wieder an Baal Berith, den gewaltigen Finanzmann aus der Njemetzkaja in Wilna, gegenüber der Synagoge, der sich mit einem rotseidenen Sacktuch die Schweißperlen von der schwarzumlöckelten Elfenbeinglatze wischte und, das Programm studierend, den goldenen Zwicker auf den scharfgebogenen Nasenrücken schob. Die zwei – der halbrussische Lette und der hebräische Litauer – verständigten sich in hartem Deutsch besser als in ihren beiden eigenen, einander verwandten Muttersprachen.

»Die Vorstellung ist bald zu Ende!« meinte, den Zettel hinlegend, der große Baal. »Wir kommen spät ...«

»... Weil Sie mich mit Ihren Geschäften aufhielten ...«, antwortete Serge Ssilin schroff und halb geistesabwesend. Seine groben, wie in ungeschlachter Urform erstarrten, bartlosen Züge röteten sich langsam. Er starrte unverwandt hinüber nach der ganz nahesitzenden Balalaika-Truppe. Deren Saiten ruhten jetzt. Auf der Bühne, gerade über den beiden Männern aus dem Osten, beschwor, in herbstlich-wehmütigen Versen, ein steinalter, zahnloser Roué des achtzehnten Jahrhunderts, die Liebesgeister seiner Jugend. Baal Berith ließ sich von dem Tapergreis da oben nicht stören. Er sagte schallend, durch die letzten Worte des sterbenden Casanova im einsamen böhmischen Waldschloß:

»Ich muß diese Querstraße hier kaufen. Seit ein paar Tagen sind die Spanier mehr wie je auf dem Markt und verderben die Preise. In den Cafés in Barcelona handelt man nachmittags mit Berliner Häusern wie mit Streichhölzern!«

Auf dem Überbrettl erschien, in eine schwache Andeutung von durchsichtigem Flor gehüllt, die Göttin der Liebe und drückte dem einstigen Liebling der Frauen die Augen zu.

»Lev vel!« weinte unten, mitten im Parkett, aus einer Tafelrunde von Skandinaviern ein gerührter Norweger. Die Freunde beschwichtigten ihn. Man hörte etwas von »fuld« – betrunken ...Der Nordländer schob mit dem Ellbogen ein paar leere Likörflaschen von dem in Champagner schwimmenden Tisch und erhaschte den vorbeieilenden jungen Kellner am Frackzipfel. »Fritze! Opvarter! ... Jeg er terstig!«

»Gleich! Gleich, mein Herr!« Es war nicht leicht für den stud. Vollbrecht, sich mit der Pulle und zwei Gläsern, die Serviette über dem Arm, zwischen den Stühlen durchzuwinden. Er passierte, auf dem Weg nach vorn, halb Europa ... Afrika ... Asien ... Amerika... Mulatten saßen da. Bebrillte, von einem Londoner Schneider eingekleidete Chinesen. Ein New-Yorker Geschäftsmann mit seinem über den Ozean mitgebrachten Tippfräulein. Engländer ... Belgier ... Franzosen ... Samuel Congo, der pechschwarze Zimmerherr der Geheimrätin Henke, in orchideengeschmücktem Frack mit goldknöpfiger, weißer Weste, eine bereits fast leere Kognakflasche vor sich, streitsüchtig das Weiß der Augäpfel rollend, von künstlich blonder Weiblichkeit umtreut. Weiter vorn ein Tisch mit vornehmen, schweigsamen, alten Russen. Der Osten, der Balkan in dutzendfacher Gestalt. Damen: Tief entblößt – im neuesten Modespinnweb die einen – im billigen Laufkleid aus der Konfektion die andern. Nicht zu erkennen, wer sie eigentlich waren. Die Männer mit weißer Hemdbrust oder im grauen Straßenrock, wie es jedem gefiel.

Der junge Kellner goß vorn Serge Ssilin und seinem Gast Sekt in die Schalen und eilte flink weiter. Die Beiden beachteten ihn nicht. Baal Berith hatte den wuchtigen Leib halb auf dem Stuhl gewendet und schaute nach der russischen Kapelle. Die spielte jetzt das Volkslied aus der Heimat, das die Winogradowa schon an diesem Vormittag im Glashaus draußen geklimpert hatte. Die Saiten schwirrten und sangen in wirbelndem Takt von Wehmut zu Wildheit und wieder zu weinendem Weh. Der große Baal aus Wilna summte gefühlvoll mit. Er schlug am Schluß heftig klatschend die fleischigen, kostbar beringten Hände zusammen. Er drehte sich zu Serge Ssilin hinüber.

»Wie doch der Zufall spielt ...«, sprach er. »Belieben Sie doch einmal, diese entzückende kleine Person im Orchester zu betrachten ... Die Dritte von links ... die mit dem naiven Kindergesicht ... Oh – euch kennt man ...«

Er merkte nicht, daß sein Geschäftsfreund vom Königsplatz nicht zuhörte, sondern, ohne sich zu regen, ohne einen Ausdruck auf dem hartkantigen, grobgeschnittenen Gesicht, in das Orchester starrte. Er fuhr fort:

»Mit diesem kleinen Windhund fuhr ich gestern im selben Zug von Eydtkuhnen nach Berlin! ... Ich wollte mich ihrer väterlich annehmen ... Haha ... Sie begreifen ...Mein Gott – was haben Sie?«

Baal Berith fuhr zurück. Ihm war, als stierte ihn von drüben ein Wolf an – so grünlich glomm es in den Augensternen auf – so grimmig entblößten sich zwischen den wulstigen Lippen eine Sekunde lang zwei scharfe Eckzähne. Dann ging dag in ein weltläufiges Lächeln über. In ein blasiertes Petersburger Blinzeln. Serge Ssilin sprach gleichgültig:

»Ja – ganz niedlich ... dies Geschöpf ... In der Tat ...«

»Das Jüngferchen ist zum Anbeißen! Dies Köpfchen – ganz Milch und Kohle! Wie fromm sie es beim Spielen über ihre Guitarre neigt – artig wie ein junges Pensionsfräulein. Und wie behende diese spitzen Fingerchen spielen ...Die Kleine wird bald ihr Glück hier machen ... glauben Sie mir ...«

»Ich denke auch ...« Serge Ssilin sagte es halblaut. Er wendete das fast wimperlose, längliche Antlitz mit der langen, kolbigen Nase und den großen, abstehenden Ohren nicht von der farbigen Musikantengruppe. Er sog das Mädchenbild in deren Mitte in seine glühenden Pupillen ein. Er riß es in Gedanken an sich. Er verschlang, mit seinen Sinnen, dieses russische Lämmchen – diese tiefbrünette, kleine Madonna, die in Feuereifer, ganz dem Takt der Melodie hingegeben, ohne einen Blick in das Publikum, ihre Laute schlug.

»Nun kroch dieser Schmetterling aus der Larve!« versetzte wohlgefällig der große Baal. »Sie hätten sie gestern in der Eisenbahn sehen sollen ...In einem Bettelmäntelchen – verfroren und zerzaust – Ein entlaufenes Waisenmädchen ...und trotzdem reizend ... Aber was ist das gegen diesen kleinen Pfau jetzt? ... Merkwürdig, wie viel der Putz bei den Weibern macht!«

Luja Büttner trug die Kirchgangstracht eines großrussischen Bauernmädchens. Den Sarafan – den Rock von feurigem Rot, das farbig gestickte weiße Jäckchen. Die zarten Knöchel waren mit verschnürten, dünnen, weißen Tüchern umwickelt. Die kleinen Füße staken in buntbenähten Schuhen. Das blasse Gesichtchen mit dem herzförmig geschürzten weichen Mund und den dichten, dunklen Brauen krönte der Kokóschnik, die hohe, mit zwei Zipfeln seitwärts die Ohren umschließende Mütze aus unzähligen Flußperlen, deren kleinste in vielen dünnen Schnüren über der niederen Stirne schaukelten.

»Zum Malen ...« Baal Beriths Lippen schmatzten am Rand der Sektschale ... »Sie sehen mich wahrhaft beruhigt, Herr Ssilin! Stellen Sie sich vor: Ich hatte Sorge, dies Mädchen würde im Zug eine Unüberlegtheit begehen! Sie trug einen Revolver bei sich ...«

»So ...? Einen Revolver? ...« frug der andere zerstreut.

»Ich ermahnte sie noch, diese Waffe vor den örtlichen Behörden zu verbergen! ... Auf dem Bahnhof Friedrichstraße verlor ich sie dann leider aus dem Auge! Das Kind hatte es eilig wie ein Pferdedieb! ... Ich fürchtete nichts Gutes! ... Nein – Meine Sorge war unbegründet!«

Der Mann vom Königsplatz erwiderte nichts. Er blickte unverwandt Luja Büttner an. In einer schweigsamen, lauernden, lähmenden Ruhe. Ihr Platz im Orchester war kaum fünf Schritt von ihm entfernt. Sie hatte ihn jetzt gesehen. Das hatte er bemerkt – in einem Augenblick, in dem sie, als Neuling etwas aus dem Takt gekommen, unwillkürlich den schnurrbärtigen Kapellmeister vorn suchte. Seitdem schaute sie nicht mehr von den Saiten auf. Alle Balalaiken sangen und schwangen in einem schwirrenden, brausenden Schlußakkord und verzitterten und verstummten. Gleich darauf sättigte sich der dicke, heiße Rauchschleier über den Tischen von dem jetzt wieder hörbaren babylonischen Sprachgewirr der Gäste.

»Oh – det var kjedelig!« lallte laut und unzufrieden aus der Mitte des Parketts der bekneipte Norweger und schwenkte mit feuchten Äuglein sein Glas zu einer der wasserstoffblonden Treuhänderinnen des Negers Samuel Congo am Nebentisch. »Fröken ...« Er goß den Inhalt auf ihr Wohl hinter die Binde. Der schwarze Gentleman drüben blähte eifersüchtig die breiten Nüstern. Die weißen Augäpfel kollerten beinahe aus dem nächtlichen Rund seines Wollkopfs. Vorn in dem Raum winkte Serge Ssilin den Geschäftsführer heran und gab ihm einen kurzen Befehl. Der Baron mit dem Einglas stürzte davon. Gleich darauf erschien er inmitten des Balalaika-Orchesters. Er trug eigenhändig zwei Sektflaschen, zwei andere unter den Achseln. Der dicke Alfons und der junge Kellner Fritze folgten mit einer weiteren Anzahl Pullen und den Gläsern. Der Manager wandte sich an den Studenten:

»Übersetzen Sie den Damen und Herren von der Kapelle: Der Herr dort am Tisch bittet sie als russischer Landsmann, mit ihm ein Glas auf sein Wohl zu trinken! ...«

»Es ist kein richtiggehender Russe ...«, sagte der blonde Kellner. »Die Beiden quatschen Deutsch und manchmal ein paar Worte Lettisch miteinander!«

»Halten Sie gefälligst den Rand! Wer 'ne Lage Sekt schmeißt, kann wegen mir 'n Hottentotte sein! ...Es gibt keine Ablehnung ...Polken Sie das man dalli der Russengesellschaft da auseinander ... Es geht ums Geschäft ...«

Bernd Vollbrecht füllte mit dem greisen Oberkellner die Schalen. Als er zu der kleinen Büttner kam, hob sie ihren Perlenputz zu ihm auf und sagte, mit starrer Miene und einem sonderbaren Ausdruck in den großen grünbraunen, dunkelüberschatteten Augen:

»Gießen Sie mein Glas nur recht voll – voll bis zum Rand!«

Drüben an dem Tischchen erhob sich Serge Ssilin halb von seinem Sitz und trank, ganz geschmeidiger Weltmann von der Newa, höflich den Herren, mit einer ritterlichen Verbeugung den Damen zu. Sein Blick glitt über die buntgewandeten Russen und Russinnen und blieb, wie durch Zufall, lächelnd auf Luja Büttner haften. Sie hatte gehorsam, gleich den anderen, ihr Glas an die Lippen geführt. Er sah, daß sie schlürfte. Durstig schlürfte. Er sah, daß über den Kristallrand hin ihre Augen fest, in kalter Todfeindschaft, in den seinen ruhten. Sie leerte die schäumende Schale bis zur Neige. Sie setzte ab. Er sah: Sie lächelte. Sie erwiderte sein Lächeln – immer mit einem Blick auf ihn: ›Zwinge mich nur, vor dem Mörder meines Bräutigams lustige Weisen zu spielen! Zwinge mich nur, auf das Wohl des Mörders meines Bräutigams zu trinken! ... Zeige mir nur deine Macht! ... Warte nur, wer zuletzt lacht ... Ssawa Kol.‹

»Fritze ... Mensch ... stehn Sie nicht 'rum!« Das Rattengesicht des schnaufenden Oberkellners glänzte scheckig vor Schweiß. »Immer Betrieb! Sehen Sie 'mal dort: Herr Ssilin sitzt vor einem leeren Glas ...«

Der blonde Kellner trat an den Tisch der beiden Männer aus dem Osten. Der mit den schwarzen Bartkoteletten nickte ihm vielsagend zu. Er hielt eine Visitenkarte und einen Hunderttausendmarkschein in der schwerberingten Hand. Um die spannten sich jäh, mit einem krallenden Griff über das weiße Tischtuch hinüber, die vierschrötigen, mit kurzen Nägeln bewachsenen, peinlich manikürten fünf Finger der Rechten Serge Ssilins.

»Lassen Sie das, Herr Berith ...«, sagte er leise zwischen den Zähnen. Der Ton klang dem großen Baal unheimlich im Ohr. Er furchte fragend die Stirne.

»Nun – was denn ...?«

»Wir müssen Lettisch sprechen, damit dieser junge Kerl da, der uns eben Champagner eingießt, uns nicht versteht!« versetzte der Inhaber des Handelskontors »Nowaja Rossija« jetzt wieder ganz ruhig. »Ich werde sehr langsam und deutlich reden – so daß Sie Zeit haben, sich den Sinn in das Litauische zu übertragen ...«

»Es wird zur Not gehen. Aber ich verstehe nicht, Herr Ssilin ...«

»Ich weiß, was Sie vorhaben ...«, unterbrach der Halbrusse, scharf jede Silbe betonend. »Sie wollen sich durch diesen Kellner bei jener kleinen Balalaika-Spielerin drüben als ihr Reisegenosse in Erinnerung bringen lassen ...«

»Nun – und wenn es so wäre ...« frug der Mann aus Wilna fettlächelnd und kämmte sich unternehmend mit den Fingern seine Bartkoteletten. »Das ist ein appetitlicher Bissen! Ist Liebe ein Verbrechen?«

»Wir machen hier in Berlin Geschäfte zusammen, Herr Berith ...«

»Hoffentlich recht gute ...«

»Ich werde mich bemühen ... durchaus ...in Ihrem Interesse! Aber erweisen Sie mir dafür auch von Ihrer Seite eine Gefälligkeit: ...Lassen Sie von dieser kleinen Musikantin dort drüben! ...Es gibt Frauenzimmer genug in Berlin! Aber ich dulde nicht – verstehen Sie wohl, Herr Berith: Das sagt ein Mann wie ich, mit dem nicht zu spaßen ist – ich dulde nicht, daß man gerade an dieses Mädchen rührt ...«

Oh – Baal Berith begriff sofort sehr gut ... Er war nicht schwerhörig! Er schmunzelte nachsichtig und pfiffig.

»Ihnen, Herr Ssilin!« sprach er geschäftsmäßig, so als habe er soeben auf der Börse ein Wertpapier weitergehandelt. »Meine Hochachtung! ... Das ging schnell! Gestern erst kam das schwarze Kind an, und heute schon legten Sie Ihre Hand auf sie ...«

Serge Ssilin schaute hinüber nach der kleinen Deutsch-Russin. Sie hatte das Haupt mit dem Perlenaufbau gesenkt und stimmte leise ihr Instrument. Sie blickte nicht auf. Er sagte langsam:

»Was nicht ist – wird werden ...«

»Von mir aus, Herr Ssilin ... bitte ... gehört sie Ihnen!«

»Noch nicht ...«, sprach der Halbrusse, immer auf lettisch, mit heiserer Stimme ... »aber bald ...«

»Viel Glück ...«

»Ich pflege das Glück zu erzwingen! ... Das wird das Vögelchen dort drüben merken ...« Serge Ssilin ging in das Russische über und drehte den rötlichen, ausgebeutelten Schädel nach rückwärts: »Kellner! ... Nun – da steht er ja noch hinter uns! ... Habt ihr Malossol? Bringe! Den ganzen Blechkasten in Eis!«

Die Hände des blonden, jungen Kellners zitterten, als er die Platte auf den Tisch setzte. Er hielt sie schief. Der große, gefrorene Kristallblock, in dem die Kaviarschachtel eingebettet lag, wäre umgekippt, wenn nicht Serge Ssilins breite Hand ihn aufgefangen hätte. Der Halblette murmelte unwirsch auf russisch etwas von »Durak« ... Du Narr! Hinter ihm rieb sich der dicke Alfons unterwürfig die runzeligen Hände vor dem Schmerbauch.

»Halten zu Gnaden! ... Der junge Mensch ist noch neu!«

»Das merkt man ...« Der Mann vom Königsplatz gab dem Studenten einen befehlenden Kopfwink. »Gieße auch drüben ein ... bei den Russen ... Siehst du das Püppchen in der Mitte? ... Die Dritte? ... Willst du sie verdursten lassen, du Räuber? ... He? ... Spring!«

Luja Büttner legte, als der junge Kellner vor ihr stand, abwehrend die flache Hand über ihre leere Champagnerschale. Er beugte den Blondkopf lächelnd zu ihr nieder, als wollte er ihr zureden, und flüsterte dabei mit zitternder Stimme:

»Lassen Sie sich bitte von mir einschenken! Ich muß Ihnen etwas sagen ...«

Sie schaute ihn mit großen Augen an und nahm zögernd die Hand vom Glas. Während die Schale sich mit dem weißen Schaum füllte, murmelte Bernd Vollbrecht – er wußte: die umsitzenden Russen vermochten ihn nicht zu verstehen; sie konnten nur ein paar Brocken Deutsch –:

»Nehmen Sie sich um Gottes willen vor diesem Schubiak von Champagneronkel in acht!«

Das buntgeputzte Bauernmädchen wandte scheinbar gleichgültig ihre schönen, düstern, braungrünen Augen hinüber zu Serge Ssilin, der jetzt eben ausnahmsweise nicht auf sie hinstarrte, sondern seinen Rotkopf mit Baal Beriths schwarzumkrauster Glatze zusammensteckte. Man hörte sein rauhes, fremdländisches Deutsch:

»Sie müssen sich diese ganze Straßenseite hier im Westen morgen früh notariell sichern, ehe die Spanier ...«

»... daß der Kerl euch alle hier unter Sekt setzt – das gilt ausschließlich Ihnen, Fräulein Büttner!« flüsterte der Student.

»Nun – und deswegen sind Sie so bleich wie der Tod?« Die kleine Büttner drehte fast spöttisch ihr zartes, immer blasses Gesichtchen Bernd Vollbrecht zu.

»Dieser Kunde ist nur wegen Ihnen hier ...«

Er sah eine Sekunde einen Schein eines ihm rätselhaften Triumphs über ihr Antlitz hinleuchten ... Nein – Es war wirklich nur ein Schein. Er hatte sich geirrt. Er setzte leise hinzu und achtete nicht darauf, daß der Sekt schon über den Rand der Schale strömte:

»Er ist in Sie verliebt ...«

»Wirklich?«

Nein – nun war es keine Täuschung ... Ein Husch von wilder Freude wetterleuchtete jäh über das weiche Kindergesicht. Ließ es eine Sekunde unheimlich fremd – hart – heiter erscheinen. Bernd Vollbrecht stand, die Flasche in der Hand, mit offenem Mund. Die Balalaikaspielerin lachte. Lachte leichtsinnig – und blinzelte befriedigt mit den Lidern – in einer seltsamen, lauernden Katzenart ...

»Fräulein Büttner – Sie nehmen das nicht ernst ...«

»Nun – ist es denn nicht komisch? Solch ein Mensch mit dem Äußeren eines sibirischen Sträflings ... Beachten Sie seine Ohren ...«

»... und es wäre ja auch ein Wunder, wenn sich jemand nicht in Sie verschösse! ... Aber dieser faule Kopp dort führt dabei Böses gegen Sie im Schild.«

Nun lag auf den klaren, feinen Mädchenzügen ihm gegenüber wieder eine sanfte, fast träumerische Ruhe. Der stud. Vollbrecht fuhr gedämpft fort:

»Ich lag im Krieg ein Jahr lang in Kurland in den lettischen Dörfern in Quartier. Ich habe dabei etwas Lettisch aufgeschnappt. Der Kerl drüben sprach sehr langsam und deutlich Lettisch – Wort für Wort ... Ich habe das meiste verstanden! ... Er hat Sie dem andern – dem glatzköpfigen Jobber – förmlich abgekauft! Er verfügt kaltlächelnd über Sie ... so als ob Sie ihm gehörten ... oder in nächster Zeit gehören würden ... Ja – und da lachen Sie dazu ...?«

»Nun – so viel Frechheit amüsiert mich ...«

»Sie sagen das ganz naiv ... Aber Sie haben dabei einen Ausdruck, vor dem man erschrecken könnte ...«

»O nein ...« Der gesenkte schwarze Madonnenscheitel unten bewegte sich abwehrend, in sanftem Kopfschütteln.

»... und Ihr Gefühl sagt Ihnen sehr richtig: Es ist da eine Gefahr! ... Diese Kanaille schmeißt ja mit Geld um sich. Er tyrannisiert hier das ganze Lokal. Solchen Valutahyänen gehört ja augenblicklich Berlin. Wissen Sie, was er wörtlich gesagt hat?«

»Erzählen Sie mir doch alles haarklein! bitte ... bitte ...«

»Er habe Mittel und Wege genug, ein Vögelchen wie Sie zu zwingen! ... Ja – schreit denn das nicht zum Himmel? ... Mitten in der deutschen Hauptstadt sitzt solch ein dreckiger Halbasiate und erklärt ein anständiges, deutsches Mädchen, – wenn Sie auch aus Rußland kommen – Sie sprechen Deutsch ... Für mich sind Sie eine Deutsche! – erklärt Sie mir nichts, dir nichts für vogelfrei!«

»Was soll ich dagegen machen?« Die kleine Büttner verschränkte die Hände über dem Instrument in ihrem Schoß. »Mit der Balalaika da kann ich ihn nicht totschlagen!«

»... Ja – muß man sich das also einfach gefallen lassen?«

»Töten Sie ihn doch ...!«

Luja Büttner schaute ruhig zu ihm auf. In ihrer halblauten Stimme war keine Erregung. Er stand keines Wortes mächtig. Das junge Mädchen ergänzte einfach:

»Sie haben als Kellner leicht ein spitzes Bratenmesser zur Hand ...«

»Fräulein Büttner – um Gottes willen – was phantasieren Sie da ...?«

»Sie kommen, wenn Sie bedienen, ohne Aufsehen in seine Nähe ... Sie stehen hinter seinem Stuhl ... Er spricht ... Er achtet nicht auf Sie ...«

»Sie haben zu viel Champagner getrunken, Fräulein Büttner! Werden Sie sich klar ... Er ist doch schließlich sozusagen auch noch ein Mensch ...«

»Ein Mensch ...? Wie denn das? Es ist ein Tier aus dem russischen Walde ... Begreifen Sie wohl: Ein Tier ...«

»Kennen Sie ihn denn?«

»Das ist ja gleich ...«, sprach unten die schläfrige Kinderstimme. »Aber man muß ihn beseitigen ... Das ist der Wille Gottes ...«

»Ich glaube immer, ich höre nicht recht, Fräulein Büttner ... Das sind doch nicht Sie ... die da plötzlich die Gäste mitten im Lokal abschlachten lassen will wie die Hühner ...«

»Ruhe da vorn – bei der Musik ...«, rief heiser aus der Mitte des Parketts der einzige Deutsche zwischen den Ausländern – ein Herr von der Konfektion am Hausvogteiplatz mit seinen Geschäftsfreunden aus der Londoner City.

Der winzige Zuschauerraum des »Kolokól« hatte sich verdunkelt. Der Vorhang war aufgegangen. Maivollmondschein überdämmerte geisterhaft einen Friedhof. Die verstorbenen Nonnen kauerten in ihren schwarzen Kutten vor den Grabsteinen. Vor den Leichen tanzte und fiedelte, eine grinsende Knochenmaske über dem Antlitz, der Tod, in der Gestalt eines jungen Weibes, hauptsächlich nur mit zwei Fledermausflügeln an den Schultern bekleidet. Sein nackter Oberkörper drehte und wand sich weißleuchtend wie eine große Schlange zum Kastagnettengeklapper der Gerippe im Zwielicht.

»Das ist knorke!« urteilte laut und beifällig der Berliner im Parkett. Die mitternächtige Lebewelt unten gähnte, rauchte Havannas, kippte Kognaks, brach Hummerscheren aus und ließ sich die müden Nerven von dem prickelnden Schauer des Gegensatzes aufpeitschen: das memento mori dort oben – das »Morgen wieder lustick« hier unten ...

»Doch 'mal 'was fürs Jemüt, Kinder!« entschied der Herr vom Hausvogteiplatz. Bernd Vollbrecht stand neben ihm im Seitengang. Er konnte während des dämmerigen Mitternachtsspuks nicht servieren. Er fühlte: er hätte jetzt auch nur Dummheiten gemacht. Es wirrte in seinem Kopf. Es klang ihm im Ohr ... dies klare – selbstverständliche: »Töten Sie ihn doch ...« Natürlich ein schlechter Witz der Kleinen! Sie verulkte die Aufregung solch eines guten, deutschen, dummen Jungen wie er ... Sie hatte in Rußland so viel an Mord und Blut erlebt ... Sie spaßte unbefangen mit Sachen, bei denen einem eine Gänsehaut überlief ...

Ein leises Frösteln inmitten dieser Ausländer – dieser Russen ... Halbrussen ... Fremdstämmigen des Ostens ... Ein unbestimmtes Grauen: Es kam wie ein Augenblick blitzartiger Erkenntnis über den stud. Vollbrecht: Rußland hat von dir Besitz ergriffen – mitten in Berlin – hier im »Kolokól«, das Chaos von Rußland reißt dich mit in seinen mächtigen Strudel. In den unterirdischen Kampf aller gegen alle, voll Rätsel, Rache, Haß, Hoffnung, Hinterlist ... Was geht das dich an? Du bist ein Deutscher! Was tust du hier?

Die gutbezahlte Vrotstelle aufgeben? Wieder Hungerpfoten saugen? Und selbst wenn: Der Student lächelte verächtlich: Er schlich auf den Fußspitzen den Seitengang entlang nach vorn, um Luja näher zu sein. Er sah in dem Zwielicht nur undeutlich ihr perlengekröntes Köpfchen. Aber einerlei – wenn er nur bei ihr, in ihrer Nachbarschaft, war und blieb ...

Und nun erblickte er in leuchtendem Licht, plötzlich verklärt, wie das einer kleinen Heiligen, ihr Gemmenprofil. Der mitternächtige Kirchhof hatte sich mit einem Schlag blendend erhellt. Die elektrische Sonne strahlte auf den bacchantisch hüpfenden nackten Tod. Der hatte Maske und Flügel abgeworfen. Ein blutjunges Mädchen tanzte dionysisch-ausgelassen. Das Leben tanzte und lockte die toten Nonnen. Deren Kutten flogen in die Kulisse. Sie hatten darunter fast nichts an. Heringsdünne, sechzehnjährige Geschöpfe, faßten sie sich an den Händen und wirbelten, in weißer Blöße schimmernd, in fröhlichem Frühlingsreigen um die Grabkreuze. Lachend, in federnden Sprüngen, ihnen voraus der nackte Tod. Im Saal des »Kolokól« prasselten die Handflächen, tönte das »Brawa! ... Karaschó!... Noj buena ...« Dann, während der Vorhang zu beiden Seiten zusammensurrte, ein jäher Krakeel im Parkett. Samuel Congo, der bezechte Neger, hatte entdeckt, daß der weinselige Norweger nebenan in der Dunkelheit mit seiner Wasserstoff-Blondine fußelte. Er sprang ihn an und holte mit mächtiger Faust zu einem Kinnhaken aus. Aber der Nordländer hielt nichts vom regelrechten Boxen. Er beutelte den Othello an der Gurgel. Die beiden torkelten zwischen den umstürzenden Tischen. Die Weiber quietschten. Der Manager zeterte:

»Wo ist der Kammacher? Wo ist der Portier? ... Wo ist der Rausschmeißer? ... Das feige Luder drückt sich ... Jetzt holt der Hosenkönig auch noch 'nen Sipo ... Bringt mir die Polizei ins Lokal ...«

Samuel Congo hatte sich freigemacht. Er senkte den Wollkopf und stürmte wie ein Stier gegen die Magengrube des Feindes. Aber das Bein des Norwegers war länger. Der farbige Gentleman erhielt einen Fußtritt vor den Bauch, daß er rücklings hinschlug und, als er wieder zu sich kam, sich ächzend, schmerzgekrümmt mit seinen Freundinnen entfernte. Am Eingang beschwichtigte Baron Zechhorn den Schutzmann:

»Nicht der geringste Grund zum Einschreiten, hochverehrter Herr Oberwachtmeister! ... Warum man Sie rief? Kindischer Racheakt des Türstehers, den ich wegen Unfähigkeit entlassen muß! Liefern Sie auf der Stelle Ihre Livree ab, Mensch, und verschwinden Sie! Gute Nacht, Herr Oberwachtmeister! ... Entschuldigen Sie man jehorsamst! Dank des Vaterlands! ... Bitte, meine Herrschaften ... Dieser kleine Wortwechsel zwischen zwei Kavalieren stört nicht die Jemütlichkeit! Es steigt die Schlußnummer unseres Bombenprogramms.«

»Bosche Tsaria Kraniê!« Alle Balalaiken sangen vollstimmig, getragen wie Harfenklang, die feierlich innige Weise. Das Herz der heimatlosen Spieler schlug in den Saiten mit. Zum fünftenmal schon wirbelten fern in Sibirien die Schneeflocken über die Birkensümpfe und Minenschächte bei Jekaterinburg, wo der letzte Selbstherrscher aller Reußen ein dunkles Ende gefunden. Aber hier, in der Bummelnacht des Berliner Westens, hallte es noch einmal auf: »Gott schütze den Zaren!« Die alten, vornehmen Russen vorn an dem Tisch hatten sich bei den ersten Tönen ihrer Nationalhymne von den Stühlen erhoben. Die geflüchteten Generale, Edelleute, Senatoren standen während des ganzen Musikstücks unbewegt, stumme Andacht auf den verwitterten Gesichtern. Um sie war schon das Gewirr des Aufbruchs. Der Saal leerte sich. Serge Ssilin zahlte. Er gab ein Trinkgeld, daß bei den Verbeugungen des alten Alfons nur noch seine Kehrseite mit den Frackschößen oben, in Höhe des Stuhlrands, sichtbar war. »Man wird mir von jetzt ab jeden Abend diesen Tisch bereit halten!« befahl er dem über das ganze Rattengesicht grinsenden Dickwanst. Dann stand er auf und pfiff den jungen Hilfskellner heran wie einen Jagdhund. Er zupfte ihn gutgelaunt am Ohrläppchen.

»Nun – du Schlingel!« sagte er. »Mit wem hast du denn vorhin so lange im Orchester geschwatzt? Glaubst du, ich habe es nicht gesehen? ... Ihr kennt euch also – du und dies Püppchen? – Nun gut – höre ...« Er führte Bernd beiseite. »Hier hast du Geld! ... Valuta ... Spanische Peseten, mein Sohn – nicht eure bedruckten Lappen ... Dafür wirst du mir ein Auge auf dies Mädchen haben – ich kann nicht immer während der ganzen Vorstellung hier sein – du wirst aufpassen, daß sie nicht in schlechte Gesellschaft gerät ... mit niemandem aus dem Publikum anbandelt ...«

»Das tut sie nicht ...«

»... du wirst mir, was du siehst und hörst, berichten! Es soll dein Schaden nicht sein! ... Hast du deine Pflicht begriffen?« Serge Ssilin frug den jungen Mann nicht erst, ob er einverstanden sei. Er schritt mit seinem Gast aus Wilna dem Ausgang zu. Der große Baal forschte pfiffig:

»... Und auf diesen jungen Menschen sind Sie nicht eifersüchtig? Es ist ein hübscher Junge! Die Weiber mögen diese frische, blonde Sorte ...«

»Ein Kellner ...«, sprach der halblettische Geldmann verächtlich. »Erbarmen Sie sich: Ein Kellner! ... Dies dort ist ein scheues, hochmütiges Prinzeßchen ... Nein – wenn Gott mir keine anderen Sorgen schickt ...«

Er ging – mit einer geschmeidigen und höflichen, weltläufigen Verbeugung gegen die Balalaikatruppe. Er sah dabei Luja nicht an. Sie schien auf einmal für ihn Luft. Der Baron Zechhorn geleitete den neuen Gönner des »Kolokól« dienernd bis auf die Straße und öffnete ihm selbst den Autoschlag.

»Oh – bitte – keinen Dank ...«, komplimentierte er dabei untertänig. »Ich habe den Türschweizer weggejagt. Ich muß heute seine Stelle vertreten!« und dann, während der Wagen davonschoß, wieder innen im Foyer des »Kolokól« zu seinem Vertrauten – dem dicken Alfons: »Was? Dieser Kammacher – dieses Luder von Portier – hat gedacht, er geht auf die Polizei und zeigt uns an – wegen Preiswuchers? ... Na – da hört doch die Weltgeschichte auf! ... Natürlich: Sie, mein guter Alfons, haben wieder die Gaste geneppt ...«

»Nur 'n paarmal ... In der Eile ... Wie's so geht ... Aber es kann uns ja nischt passieren! Der Mann hat ja keine Beweise ... Die Herrschaften werden sich hüten – so am hellichten Tag als Zeugen in Moabit – nee – dazu sind unsere Kunden viel zu fein ... da kriegen sie kalte Füße ...«

»Aber es ist eine Lehre! Man kann nicht vorsichtig genug sein!«

»Nur vor allem jetzt nicht wieder so 'n Klamauk wie heute abend!«

Der betrunkene Norweger wankte taumelnd in der Mitte seiner Gefährtinnen an den beiden vorbei zum Ausgang, den Hut schief auf einem Ohr. Er hielt einen Sektkühler unter dem Arm und versuchte, den Leuten vor ihm das geschmolzene Eiswasser ins Genick zu schütten.

»Morgen ich soll wiederkommen!« versprach er tröstend in gebrochenem Deutsch, während ihm der Manager schonend, aber voll stiller Wut, den schweren, neusilbernen Kübel entwand, und trollte sich. Das Einglas des Barons funkelte ihm nach.

»Der Kerl darf unter keinen Umständen noch einmal herein!« knirschte er. »Wir müssen bis morgen einen absolut zuverlässigen Portier haben, statt dieser Transuse ... Na – was stehen Sie denn da und horchen, Fritze? Ich hab' Sie nicht gerufen ...«

»Ich kann Ihnen sofort einen tadellosen gebildeten Hausknecht liefern!« sagte der blonde, junge Kellner atemlos. »Treu wie Gold. Phlegmatisch wie 'ne Auster! ... Ribbentropp schreibt sich der Mann ...«

»Stark ...?«

»Na – er geht mit den Schultern gerade noch durch die Türe! Mit dem Kopf stößt er freilich oben an! Mehr als drei Zentner auf einmal hebt er allerdings nicht! Wenn Sie das kolossale Spiel der Natur 'mal besichtigen wollen ...«

»Ein Freund von Ihnen? Was ist er?«

»Polytechniker und Sackträger in einem Spreespeicher. Das letztere möchte er aufstecken! Er sucht einen stillen Posten für die Abendstunden! Ich soll ihn morgen früh gleich 'ranschleppen? Wird gemacht, Herr Baron ...«

Als der Kellner Fritze mit dem nächtlichen Abräumen der Tische fertig und in seinen Straßenanzug geschlüpft war, hatte sich auch die kleine russische Lautenschlägerin wieder in eine Motte in braunem Mäntelchen verwandelt. Sie traten zusammen aus dem nächtig dunkel und verlassen daliegenden »Kolokól«. Draußen leuchtete, lärmte und lebte immer noch in einem erzwungenen, gewaltsamen Bummelfieber der Kurfürstendamm. Auf seinem Bürgersteig, gegenüber dem Kabarett, stand ein schmächtig gewachsener, junger fliegender Wursthändler – den dampfenden Blechkasten an Tragbändern vor dem Leib. Er hatte ein feines, nervöses Gesicht mit blondem Schnurrbärtchen und trug einen Zwicker vor den kurzsichtigen Augen. Er machte durch diesen vergoldeten Kneifer Aufsehen. Seine Ware ging flott ab. Zwei Dämchen winkten schon von weitem:

»Pst! Kleener! ... 'n Paar Hottehüh!« und dann, als er den dazugehörigen Senf auf das Zeitungspapier geklext hatte und einen Haufen Papierscheine herausgeben wollte, die eine, Achtzehnjährige, großartig im Weiterpendeln: »Behalten Sie 'mal den Rest, junger Mann!«

»Darf ich die Herrschaften bekanntmachen!« sprach der Student. »Mein Freund Alfred Henke. Wenn man das Insekt bei Tageslicht zwischen zwei Finger nimmt, angehender Zahntechniker ... Alfred ... stehe hinter deinem Wurstkessel stramm: Du hast hier das unverdiente Glück, Fräulein Büttner kennenzulernen! Du weißt ...«

Oh – Alfred Henke wußte. Er reichte Luja freundlich die Hand.

»Sie haben 'was Schönes angerichtet, Fräulein ... mit dem Bernd ...«, versetzte er. »Aber Sie können ja nichts dafür! .... Essen Sie ein Paar Knobländer... Du auch... ihr seid großmütig eingeladen ... Ich kann es mir leisten ... Es sind nämlich die letzten ... Ausverkauft! ... Das Geschäft ist richtig! Dabei bleib' ich!«

Die Drei, der Kellner, der Wursthändler und die Musikantin, schlenderten einträchtig der Gedächtniskirche zu und futterten im Gehen aus der Hand. Und der Gastgeber in der Mitte sprach:

»Kinder! Die Welt ist rund und dreht sich! Wir leben in einer doppelten Gestalt – einer Volksausgabe für die Nacht und einer Zukunftsausgabe für den Tag! Und hol' mich der Deibel, wenn mir's nicht in der Zukunft schaffen!«

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