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Hexenkessel

Rudolf Stratz: Hexenkessel - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/stratz/hexenkes/hexenkes.xml
typefiction
authorRudolph Stratz
titleHexenkessel
publisherAugust Scherl G. m. b. H.
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1927
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080909
projectid2cc64912
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4

Nü wird der Herr – er soll mer lebe ...! miach nicks mehr an Hünd heißen!« Schmelke Machalles stand am nächsten Vormittag triumphierend, die schmierige Pelzmütze zwischen den Händen, im Handelskontor »Nowaja Rossija« am Königsplatz vor dem finsteren Letten Uhkeneel. Der verzeichnete sich stirnrunzelnd, mit ungelenker Hand, auf ein Blatt: »Alpenrose! ... Tölzer Straße 10.«

»Gut! Ich werde es Gospodin Ssilin melden!« sprach er rauh.

»Wos is? Seien Sie nicks breuges! Aber iach will es ihm selber sogen ... Er ist nicks da? Eseu! Er kümmt heute auch nicks hierher? Lauf' ich zu ihm! Sogen Sie mir endlich seine Wohnung!« »Die braucht keiner außer mir zu wissen!«

»Zerspring!« murmelte der junge Schmelke erbittert.

»Geh jetzt und telephoniere mir sofort, wenn du etwas Neues von dem Fräulein Büttner hörst! Marsch!«

»Bleiben Sie gesünd!« Schmelke Machalles verschwand erbittert. Die beiden, der Galizier und der Lette, hatten Mühe gehabt, sich in ihrem Jiddisch und gebrochenem Kurisch-Deutsch miteinander zu verständigen. Jakob Uhkeneek stieg gleich nach dem Schlemihl, an den Friderizianischen Ahnenbildern des verlassenen deutschen Palais vorbei, die Treppe hinab. Er schritt nach der Friedrichstraße und fuhr mit der Stadtbahn bis zum Bahnhof Alexanderplatz. Als er von dort zu Fuß in die Grenadierstraße einbog, war er mit einem Schlag in einem Ghetto des Ostens. Er sah auf dem Bürgersteig die langen Kaftane, die Ringellöckchen und schwarzen Käppchen Lodomiriens. Er hörte um sich Jiddisch, Polnisch, Russisch. In Berlin lief man. Hier stand man und fuchtelte mit den Händen. In Berlin lagen die Waren in den Schaufenstern. Hier in den Hausfluren, in den Zimmern, in denen ganze Familien hausten, kochten und schliefen. Junge Männer erkundigten sich murmelnd nach alten Kleidern und boten goldene Uhren an. In den Ecken wurden lose Diamanten in der hohlen Hand aus der Hosentasche geholt. Silbersachen gegen das Licht gehalten. Man konnte Seife und Schokolade kaufen, Zigaretten und Tuchreste. Der Eingang der schmierigen Mietskaserne, in die der Lette trat, war ein Trödelkram von alten Stiefeln, gelöcherten Matratzen, verrosteten eisernen Bettstellen. Der Händler, ein dicker Mann mit brennend rotem Vollbart, stand davor. Seine stechend schwarzen Pupillen wiesen nach der ersten Seitentüre im Flur.

»Heute ist der einzige Tag, wo er hier ist!« sprach er auf polnisch. »Den Rest der Woche ist er auf seiner Geschäftstour in der Provinz! Gestern abend ist er gekommen!«

An der Türe, gegen die die schwere Faust des Letten pochte, hing eine Karte: »Fritz Reuter. Handelsvertreter.« In dem kahlen, schmutzigen kleinen Zimmer, in das Jakob Uhkeneek trat, stand der Geschäftsreisende Reuter, den zerdrückten, alten Filz noch auf dem rotblonden Borstenhaar, und hängte gerade den schäbigen Mantel in den Schrank. Seine abgewetzte Ledermappe lag auf dem Tisch. Er musterte durch seine dunkelgefärbte Hornbrille kurzsichtig und mißtrauisch den Besucher. Dann nahm er beruhigt die Augengläser ab.

»Beinahe hättest du mich nicht mehr getroffen!« sagte er in fließendem Lettisch. »Meine Geschäfte waren diesmal rasch beendet. Eben wollte ich gehen!«

»Es war mir zu gefährlich, ein Auto zu nehmen, Gospodin Ssilin! Ich könnte dadurch einmal Ihr Absteigequartier verraten!«

»Nimm dich ja in acht! Nun – was hast du da?«

Jakob Uhkeneel reichte Serge Ssilin, seinem Brotherrn aus dem Kontor der »Nowaja Rossija« in dem Palais am Königsplatz, schweigend den Zettel. Die dicht beisammenstehenden, fast wimperlosen, ausdrucksleeren, blaugrauen Augen des anderen überflogen hastig die paar Worte. Er zeigte grimmig lächelnd ein weißes Wolfsgebiß.

»Gib dem Schmelke Machalles von mir hunderttausend Mark Belohnung!« sagte der Mann, den die kleine Büttner tags zuvor Ssawa Kol genannt hatte. »Aber er soll ihre Spur nicht wieder verlieren!«

»Keine Sorge, Gospodin Ssilin! Es betreibt da ein junger Mensch, ein gewisser Sebald, eine Wechselstube in der Friedrichstraße. Schmelke trifft ihn jetzt eben dort! Er hat ihn gestern abend, gegen einiges Teegeld in Edelvaluta, für uns gewonnen! Dieser Iwan Sebald wohnt in der Pension ›Alpenrose‹. Er wird uns alles mitteilen, was das Fräulein Büttner tut und treibt!«

Der Inhaber des Handelskontors »Nowaja Rossija« am Königsplatz nickte zufrieden. Er nahm einen eleganten, dunklen Paletot aus dem Schrank und vertauschte seinen Filz mit einer modernen, runden, schwarzen Melone. Dann steckte er sich vor dem Spiegel eine Wappennadel in den Schlips. Er hatte jetzt, in der neuen Kleidung, auch in den Bewegungen etwas von einem Weltmann, trotz des ungeschlachten, eckigen Gesichts mit der kolbigen, großen Nase, dem grob aufgeworfenen, breiten Mund, den abstehenden, großen Ohrmuscheln. Er verschloß sorgfältig mit den plumpen, breitgeformten Händen Schrank und Tisch und dann das armselige Stübchen.

»Du weißt, wo du mich telephonisch erreichst!« Er winkte draußen, an der Ecke der Münzstraße, einem vorbeifahrenden Auto. »Halte mich stündlich durch Schmelke über dies Mädchen auf dem laufenden! ...Fuhrmann ...

Kennen Sie das russische Traktir – die Zentrálnaja ... nahe an der Weidendammer Brücke? Nun – ich werde an die Scheibe klopfen ...«

Zum Restaurant »Zentrálnaja« stieg man ein Dutzend Kellerstufen hinab. Unten erhellte gedämpftes elektrisches Licht das Büffet mit den vielen Sakuska-Schüsseln und Schnapsflaschen. Die Holztische waren jetzt, gegen Mittag, fast alle schon besetzt. Sie standen ziemlich weit auseinander, wie um den Verkehr von einem zum andern zu erschweren. Es saßen an ihnen fast nur Russen. Man merkte an ihren Blicken, daß sie beinahe jeden neu Eintretenden kannten. Aber sie grüßten sich nur selten. Sie unterhielten sich noch leiser als sonst an jedem Tisch, damit die Nachbarn nichts hörten. Alles, was einst da drüben, im heiligen Rußland, erbittert um die Macht im Staat miteinander gerungen hatte – in den Wandelgängen der Duma, in den Vorgemächern des Zaren, im Kriegsausschuß der russischen Industrie und im Verband echt-russischer Leute, im Ministerkomitee und im Reichsrat und Senat, in den Semstwos und Adelsklubs –, was da während des Krieges mit Deutschland gegeneinander intrigiert, sich gegenseitig gestürzt und abgelöst hatte, das aß jetzt hier gemeinsam, aber immer noch durch alten Haß geschieden, das Brot der deutschen Fremde.

Serge Ssilin überschaute mit lässiger Sicherheit den Raum und begrüßte dann an einem Tisch mit vertraulichem Händedruck die dort sitzenden Herren. Nur einer, ein vornehmer junger Mann von dem langen, schmalschulterigen, aristokratischen Großfürstenschlag war ihm fremd. Einer der Russen wies auf Ssilin und sagte zu jenem anderen:

»Belieben Sie, Erlaucht, daß ich Ihnen hier einen der zuverlässigsten Gesinnungsgenossen von uns Männern der äußersten Rechten vorstelle: Baron Johannes Robbe aus Kurland! ... Dies hier, lieber Baron, ist Fürst Wolski – eben mit wichtigen Nachrichten aus Paris gekommen!«

»Der Name Ihrer Familie ist mir bekannt!« sagte der Fürst in reinem, langsamem Deutsch, durch das etwas wie ganz leises Mißtrauen drang. In seinen Pupillen war ein sonderbarer starrer und fanatischer Glanz. »Man findet ihn auch bei uns im inneren Rußland ...«

»Gewiß: Es ist die Seitenlinie unseres Geschlechts, die Axel Robbe um die Mitte des vorigen Jahrhunderts gründete. Er heiratete eine Nemilow ... aus dem Moskauer Fürstenhaus ...«

»Richtig.«

»Die Nachkommen wurden orthodox! Sie begreifen, Erlaucht: Man verlor, von unseren baltischen Landen aus, den Zusammenhang. Ein Wassilij Robbe befand sich, wenn ich mich recht entsinne, im Krieg als General an der Kaukasusfront ...«

»Er und sein Bruder ...«

»Dimitri ... der dann fiel der die Güter im Orelschen Gouvernement besaß ...«

»... und in Tula ...«, versetzte der Fürst Wolski höflich. Sein Argwohn schien geschwunden. Er berichtete halblaut von Paris. Es war da eine neue Sammlung aller zarentreuen Elemente im Gang ... Der Baron Johannes Robbe hörte aufmerksam zu. Dann erhob er sich auf ein Raunen des Kellners.

»Verzeihung! Man ruft mich an das Telephon!«

Durch das Schallrohr berichtete die harte Stimme des Letten:

»Dieses Fräulein wurde heute morgen von einer Russin abgeholt. Beide sind mit der Vorortbahn nach einem Glashaus weit draußen vor Berlin gefahren. Schmelke ist gleich mit einem Auto hinterher. Er wird früher dort sein als jene beiden ...«

Draußen pfiff der Märzwind über die weite märkische Ebene. Ein breitausgetretener, geschlängelter Sandweg lief durch sie von der Station drüben auf die mächtige, einsam auf freiem Feld stehende Glashaus zu. Autos flitzten auf der Straße von Berlin und nach Berlin hin und her. Hunderte von Männern und Frauen pilgerten zu Fuß. Unter ihnen kämpften, mit flatternden, kurzen Röcken, Luja Büttner und die Soldaténkowa gegen den Sturm.

»Das ist wirklich wie in Rußland!« sagte das junge Mädchen erstaunt, als ihre Gefährtin sie, nach kurzem Wortwechsel mit dem Türhüter, in das Innere des Ateliers gelotst hatte. Man stand da unter der taghellen, gläsernen Dachwölbung wie in einer großen, märzkühlen Bahnhofhalle. Aber in diesem nüchternen Riesenraum leuchteten knallrot, zitronengelb, himmelblau angestrichene russische Holzhäuser. Echt grüne junge Fichten buschten sich, im Boden festgeschraubt, zu einem Wäldchen. Ein zottiges, russisches Dreigespann mit Krummholz und Glöckchen hielt vor dem Posthaus. Russische Bauern bummelten, in umgedrehten Schafpelzen, roten Hemden, hohen Transtiefeln. Russische Dorfmädchen schlenderten mit buntem Kopfputz, gestickter Schürze, weiten, kurzen Röcken. Immer mehr kamen dazu. Die Soldaténkowa sah auf die Wanduhr, erschrak und rief: »Ich muß mich schnell kostümieren! Warten Sie inzwischen hier!«

Selbst der Weg nach den Garderoben, den sie einschlug, war durch russische Lettern bezeichnet. Ein langhaariger Pope harrte und gähnte. Breitschulterig, mit wallendem Bart, lehnte der Starost, der Dorfälteste, vor der Kronsbude mit dem Adlerwappen und den langen Reihen gesiegelter Wodkafläschchen. Es war alles täuschend echt so wie jenseits der Beresina. Es fehlte nur der allrussische Geruch von Schafpelzen, Holzrauch, geschmiertem Leder, Papyrossen. Dafür klimperte drüben träumerisch eine einzelne Balalaika ein schwermütiges, russisches Volkslied. Ein ganzes Orchester von Dorfmusikanten rastete da. Männer und Frauen, in ländlicher Tracht. Ein paar der jungen, farbig geputzten und grell geschminkten Bauernmädchen traten auf Luja zu und reichten ihr die Hand. Sie erkannte in ihnen erst jetzt wieder die Russinnen, mit denen sie gestern abend im »Café Jewrópa« zusammengewesen war. Die eine erläuterte:

»Der Gedanke ist: Der Gutsherr gibt zu seinem Namenstag den Bauern ein Fest und hat eine Kapelle kommen lassen, damit sie tanzen können! Dies dort drüben ist ein wirkliches, künstlerisches Orchester aus Angehörigen der russischen Sphären! Es spielt jeden Abend im ›Kolokól‹ am Kurfürstendamm.« Das buntkostümierte Bauernmädchen ging plötzlich in ein weiches Französisch über: »Winogradowa – wissen Sie nicht, was aus der Worótschka geworden ist?«

»Es geht ihr gut!« Die blasse, blonde Balalaikaspielerin näherte sich, ihr Instrument in der Hand. »Sie ist Platzanweiserin in der ›Eremitage‹ – dem neuen russischen Kabarett!«

Die Musikantin sprach ebenso gepflegtes Pariserisch wie die Bäuerin. Die erklärte der kleinen Deutsch-Russin: »Winogradowa stammt aus Petersburg. Ihr Vater war dort Senator. Er starb nach dem Umsturz in der Peter-Pauls-Festung. Zum Glück versteht sie, auf diesem Musikinstrument zu klimpern!«

»Oh – die Balalaika ist etwas Edles!« sagte Luja Büttner schüchtern. Sie nahm die bauchige Guitarre, die die andere auf einen Stuhl neben sich gelegt, und wiederholte auf den Saiten mit ihren dünnen Kinderfingern das schwermütige Volkslied, wie sie es eben von der Winogradowa gehört. Die hob erstaunt den Kopf. Auch der Leiter der Kapelle, ein vornehmer, schnurrbärtiger, jüngerer Mann in farbiger Bauerntracht, trat heran.

»Spielen Sie das aus dem Gedächtnis?«

Das weiße Gemmengesichtchen unter dem schwarzen Madonnenscheitel bewegte sich bejahend. Die kleinen Hände fingerten feuriger. Eine klagende Melodie entschwebte ihnen wie das Weinen des Windes in weißem Birkenwald und endlos verschneiter Steppe, und ging jäh, sprunghaft wie die russische Seele selber, in wirbelnden Tanztakt toller Lustigkeit über und verklang in einem langen, nachzitternden Akkord.

»Aber das machen Sie ja sehr nett!« sagte die Petersburger Senatorentochter und wechselte einen Blick mit den andern.

»Ich habe im Sommer auf der Datsche immer gespielt!« Luja gab ihr die Balalaika zurück.

»Sie sind sehr musikalisch ... Können Sie Noten lesen?«

»Gewiß doch!«

»... und vom Blatt spielen ...?«

»Nun ja ...«

»Und dabei ein Bild – aus dem Rahmen geschnitten – eine Miniatüre ...«, rief die russische Bäuerin, faßte Luja Büttner ohne Umstände rechts und links an den Ohren und hielt ihr naives, dunkeläugiges Kindergesicht der Kapelle zur Besichtigung hin. »Da hat das Publikum auch noch 'was fürs Auge! Diese kleine, brünette Prinzessin muß zu euch!«

»Nun – wo ist sie – die Deutsche?« frug, aus der Garderobe kommend, die Soldaténkoma – jetzt auch ländlich-festlich in perlengeschmückter Haube und purpurnem Rock. Für sie war die Tochter eines schwäbisch-russischen Uhrmachers aus Sebastopol eben doch eine Njemétzkaja – eine Fremdstämmige – eine Deutsche. Ein junger Hilfsregisseur in weißem Kittel ging neben ihr. Er wandte sich höflich an Luja Büttner.

»Sprechen Sie Deutsch? Ja? ... Ja – sehen Sie ... Das ist so eine Sache! Wir reißen heute noch das ganze Dorf ab und bauen um und fangen morgen mit Interieuraufnahmen an: Der Gutsherr und seine Frau im Salon mit ihren Gästen – dem russischen Landadel der Nachbarschaft! Hierzu sind für die Damen Gesellschaftstoiletten unerläßlich ...«

»Ich habe keine ...«

»Ja. Dann tut es mir wirklich leid ...«

»Aber so nehmt sie doch in euer Balalaika-Orchester!« drängte die kleine Russin.

»Darüber beraten wir ja eben!« Der schnurrbärtige Leiter der Truppe trat wieder heran. Auch er sprach geschmeidiges Petersburger Französisch. »Wir hatten in letzter Zeit Lücken. Wir sind nicht vollzählig. Wir könnten Sie brauchen! Nun: haben Sie Lust ...?«

»Erbarmen Sie sich!« schrie die Soldaténkowa. »Sie ist ja am Verhungern! Sie wird es sich lange überlegen!«

»Muß ich aus Berlin weg?« frug die schwarze, kleine Schönheit hastig.

»Wie das? Für die nächsten Monate sind wir Abend um Abend fest dem Kabarett ›Kolokól‹ – hier im Berliner Westen – verpflichtet!«

»Dann belieben Sie über mich zu verfügen!« sagte die kleine Büttner mit einem sanften, dankbaren Lächeln, das sie noch reizender erscheinen ließ. »Sie sind mein Wohltäter! ... Ich werde jeden Eifer zeigen!«

»Aber macht rasch!« erhitzte sich Nadeschda Soldaténkowa ... »Sie liegt ihren Verwandten auf der Tasche! Sie besitzt nur das Hemd auf dem Leib!«

»Man wird Ihnen Kakoschnik, Sarafan, Baschmaki und sonst alles Nötige für Ihr Kostüm geben. Die eine Ihrer Vorgängerinnen war, durch Gottes Gnade, zufällig auch solch ein altsächsisches Figürchen an Wuchs! Wie ist es: Haben Sie heute abend schon Zeit?«

»Wie man es befiehlt ...«, versetzte die kleine Büttner weich.

»Dann seien Sie um sieben Uhr im ›Kolokól‹. Man wird vor der Vorstellung noch alles Nähere ordnen! Rasch die Noten mit Ihnen durchgehen! Es wird sich schon machen ...«

»Euer Publikum ist nicht so kritisch!« rief die Soldaténkowa verächtlich. Drüben in der Halle klatschte jemand schallend in die Hände. Eine starke Stimme befahl auf deutsch: »Antreten!« Eine zweite übersetzte es beinahe gleichzeitig ebenso laut auf russisch. Die Mitglieder des Balalaika-Orchesters nahmen ihre Holzbank neben dem Kornbranntwein-Ausschank ein. Die Muschiks und ihre Weiber und Töchter gruppierten sich malerisch vor den farbigen Häusern.

»Sie sind jetzt hier überflüssig!« Nadeschda schob ihre Schutzbefohlene in die Kantine nebenan. »Nun, Gott hat Ihnen geholfen! Setzen Sie sich hier! Trinken Sie Tee! Warten Sie! Sie finden sich nicht allein nach Berlin zurück! Ich nehme Sie nachmittags wieder mit heim!«

Draußen in der Halle schwirrten und schwangen jetzt vieltönig, im lockenden Takt der Wéßejanka, des Frühlingstanzes, all die verschiedenartig geformten Zupfgeigen der Kolokól-Truppe. Deutsche Rufe des Regisseurs klangen herüber ... Wie ein Echo die russische Übertragung hinterher. Luja Büttner fuhr sich noch halb ungläubig mit der Hand über die dichten, schwarzen Brauen. Sie holte tief Atem. Sie lächelte ein paarmal, in Gedanken, leidenschaftlich vor sich hin. Dann saß sie ganz still auf ihrem Fensterplatz.

Durch die Scheiben sah man hinaus in das große, fremde, deutsche Land. Es war, wie im Süden Rußlands, flach wie eine Tenne. Ein paar Windmühlen drehten ihre Flügel. Ein paar Bäume bogen sich im Märzsturm. Die schwarzen Rauchfahnen aus den Fabrikschloten in der Ferne wehten schief durch die graue Luft. Dicht am Fenster lagen am Boden Kisten, farbige Gipsstücke, Stroh, Bretter. Ab und zu kam jemand vorbei: Atelierarbeiter – ein Depeschenbote – ein gelangweilter Chauffeur. Das junge Mädchen achtete nicht darauf. Sie starrte, ohne sich zu rühren, in Gedanken verloren vor sich hin.

Da verdunkelte plötzlich ein Schatten, ganz nahe, das Licht des Fensters. Irgend jemand stand gerade davor und bemühte sich, durch das Glas in das Innere zu spähen. Luja Büttner fuhr empor. Sie sah das fahle Gesicht des jungen Schlemihl von gestern unter der mottigen Pelzmütze neugierig auf sie niederblinzeln. Sie wurde blaß. Aber sie blickte ihm fest, verächtlich in die stechenden Augen. Es war wie eine Kampfansage an den grinsend und geschäftig um die Ecke sich trollenden Sohn des Ostens: Erzähle nur dem, der dich geschickt hat, wo ich zu finden bin – wenn ich nur weiß, wo ich ihn – zu seiner Zeit – finde ...

Jetzt, um eben diese Stunde, stieg der Mann, dem ihr Rachebrüten galt, drüben im Berliner Westen, am Dorfplatz, aus einem Auto – vor demselben Hause, wo gestern der überlebensgroße Transatlantikkoffer des Yankees auf Paul Ribbentropps, des Polytechnikers und Sackträgers, Riesenschultern zu der Ausländerpension »Luna« im dritten Stock hinaufgeschwankt war. Der, der jetzt kam, hatte kein Gepäck. Er öffnete, mit der Sicherheit des Pensionsgastes, mit seinen Schlüsseln Haustor und Flurtüre oben. Im Gang lächelte ihm aus dem offenen, allgemeinen Salon zur Rechten herzlich das zerknitterte Pergamentantlitz eines ältlichen, hageren Angelsachsen entgegen. Ein herzhaftes Händeschütteln. Der Brite sagte:

»Ich sah Sie unten vorfahren, mein teurer Herr von Laskarew!«

»Oh – Willkommen, Mr. MacTilloch!« Das grobknochige, nur aus dem Rohesten zurechtgeschnittene lettische Urwaldgesicht aus dem Handelskontor »Nowaja Rossija« am Königsplatz zeigte mit der Verbindlichkeit eines Weltmanns die weißen Wolfszähne. Die Bewegung der plumpgeformten Hand nach einer der nächsten Türen rundete sich mit Petersburger Leichtigkeit. »Treten wir in mein Wohnzimmer! ... Hübsche Aussicht – nicht wahr? ... Ich wohne hier schon seit einem Vierteljahr ... Machen Sie es sich bequem, Sir! Zigarre? ... Verzeihen Sie nur bitte mein schlechtes Englisch ...«

»Für einen Ausländer wahrlich ein sehr gutes ...«

»Nun – ich reiste in meinen früheren Jahren viel zur See! Da fliegt einem Ihre Muttersprache an!«

»Immerhin: Für einen Russen...«

»Es gibt Russen und Russen!« Der Hausherr warf seinen langen, hageren Körper lässig in einen Klubsessel. »Ich bin, wie Sie wissen, ein Edelmann aus der Ukraine. Wir Kleinrussen sind doch etwas fortgeschrittener! Wir stehen Europa näher. Das eben verbindet uns ja mit der aufgeklärten, demokratischen westlichen Intelligenz!«

»Haben Sie Nachrichten aus Ihrer Heimat – von Ihren Gütern?«

»Trübe!« sprach Igor von Laskarew und rauchte. »Es ist da vorläufig alles verloren. Meine Zuckerfabriken im Poltawa'schen scheinen von Moskau beschlagnahmt zu sein! Nun – was hilft das Klagen? Man muß versuchen, sich als Flüchtling nützlich zu machen!«

»Sie tun es wahrhaftig! Ihre Informationen aus Rußland sind für uns, zu beiden Seiten des Atlantik, von ganz außerordentlichem Wert! Sie verfügen über ausgezeichnete Verbindungen in diesem Chaos, das man das heutige Rußland nennt! Ich konnte es kaum erwarten, Sie zu sprechen! Ich traf gestern schon ein!«

»Und leider – ich bin so traurig – war ich gerade für einen Tag in gewissen Angelegenheiten nach Hamburg gefahren und kehrte eben erst zurück ... Nun – da läutet der Gong! ... Seien Sie bitte heute zu Mittag mein Gast!«

Die vielen kleinen Speisetische der »Pension Luna« waren alle von Ausländern besetzt. Man hörte nur dann ein paar gebrochene deutsche Worte, wenn ein Gast einem der bedienenden Mädchen eine Weisung gab. Belgier, Pariser und Balkanvolk unterhielten sich auf französisch, Südamerikaspanisch und portugiesisch, die Dänen, Holländer und Skandinavier auf englisch mit den Briten und Yankees. Alles kannte sich und plauderte von Tisch zu Tisch und rief sich Scherzworte zu.

»Man speist hier in der Tat vortrefflich!« sprach Mr. MacTilloch, als ihm das Mädchen zum drittenmal die getrüffelte Pute anbot. »Mein Gott – noch zwei Gänge ... Man merkt hier wahrlich nichts von der angeblichen Teuerung in Berlin.«

»Im Gegenteil ... !« Der geflüchtete Edelmann aus der Ukraine goß seinem Gast schweren alten Rheinwein in den Römer. »Man lebt täglich billiger. Der Dollar stieg heute, ich glaube, auf 31000. Es ist alles lächerlich wohlfeil.«

»Aber die Deutschen ...« »Was gehen mich die Deutschen an? ... Mögen sie hungern! Sehen Sie, da unten zieht solch ein Trupp! Sie tragen eine tote Katze an einer Stange ...«

»Was bedeutet das ...?«

»... wahrscheinlich, daß sie die nächste Brot- oder Wurstbude plündern werden! ... Nun – lassen wir sie ... Bedienen Sie sich mit Schlagrahm, Sir! ... Ja – um auf unsere Angelegenheit zurückzukommen: Sie sehen in mir einen wahrhaft liberalen – einen modernen Russen im guten Sinn ... Ich stehe links – ich leugne es nicht ... aber in einer gemäßigten – einer besonnenen Art ...«

»Das eben verbindet uns mit Ihnen und Ihren Freunden!«

»Und diese Freunde sind zahlreich! ... Ich bitte Sie: alle diese geflüchteten Großindustriellen – diese neuzeitlich denkenden Würdenträger ... Es ist ein Unglück, daß die rote Welle in Rußland über uns hinwegflutete. Aber das darf uns nicht hindern, den Weg der Mitte zu gehen, auf dem allein ein neuer, freiheitlicher Aufbau Rußlands geschehen kann! Wie ich das Glück habe, Ihnen hier gegenüber zu sitzen, Sir, ist mir das Treiben unserer Russen der äußersten Rechten – der echt russischen Leute, die es leider auch hier in Berlin gibt – ebenso verhaßt wie die Herrschaft der roten Dschingiskhane auf dem Kreml! Wir brauchen Anlehnung an westliche Kultur, westliches Kapital ...«

»... über das Geld sprechen wir nachher, mein lieber Herr von Laskarew ...«

»Ich danke Ihnen, Sir! ... Entschuldigen Sie eine Minute ... Ich werde leider gerade jetzt am Telephon gewünscht ...«

Durch das Hörrohr knurrte die Stimme Jakob Uhkeneeks:

»Das Fräulein, das Euer Gnaden den Kopf heiß macht ...«

»Schwatze nicht ...«, herrschte der andere auf russisch hinein.

»... Schmelke Machalles hat draußen in Erfahrung gebracht, daß sie von heute abend an als Lautenspielerin im Orchester des ›Kolokól‹ – eines Lokals am Kurfürstendamm – mitwirken wird!«

»Gut!«

»Und wenn weitere Nachrichten nötig sind – wo treffe ich Euer Gnaden heute abend?«

»Frage nicht erst, du Dummkopf! ... Im ›Kolokól‹!«

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