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Hexenkessel

Rudolf Stratz: Hexenkessel - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/stratz/hexenkes/hexenkes.xml
typefiction
authorRudolph Stratz
titleHexenkessel
publisherAugust Scherl G. m. b. H.
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1927
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080909
projectid2cc64912
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3

Nun erzählst du mir in den zwei Stunden, seitdem du hier bist, nur von deinem armen, seligen Mischa!« sagte in der Pension »Alpenrose« die große, kräftige Lisa Altschüler resolut in ihrem harten Russisch-Deutsch zu ihrer Base. »Nimm es einem praktischen Frauenzimmer wie mir nicht krumm! Du weißt: Ich bin immer ein bißchen derb und geradezu! ... Also: Jetzt wollen wir 'mal auf uns lebendige Menschenkinder kommen! Jetzt rede 'mal von dir!«

Luja Büttner hob langsam das blasse, schwarzgescheitelte Köpfchen. Es dunkelte unergründlich in den Tiefen ihrer großen, schönen, grünlich-braunen, von dichten, schwarzen Wimpern überschatteten Augen. Die zarte Gemme ihres Kindergesichts schimmerte in der Dämmerung weiß und leblos wie ein ausgegrabenes antikes Alabasterbild aus einer der einstigen Doriersiedlungen nahe Sebastopol, am Strand des Schwarzen Meeres.

»Von mir ... ?« versetzte sie teilnahmslos, in deutsch-russischem Tonfall wie die andere. »Mischa starb ...«

»Nun – ja ... leider Gottes ...«

»... und ich saß da ... Der Vater starb ... im Gefängnis ... und ich saß da ... Die Mutter starb ... und ich saß da ... immer in der Hölle ... immer in der Hölle...Du kennst ja Sebastopol ... Nein ... Du kennst es nicht, wie es jetzt war ...«

Vor dem starren Blick der kleinen Deutsch-Russin stand in der Abenddämmerung des Berliner Zimmers geisterhaft das Traumbild einer fernen Stadt: Mastengewirr und Schlotqualm in der langen, schmalen, tiefeingeschnittenen Bucht. Über den gelbweißen Häusern und grünbeschatteten Straßen drüben, jenseits des Südhafens, der flache, niedere, weltgeschichtliche Trümmerhügel des Malakow ... Weit draußen das schaumweiße Blau des Schwarzen Meeres ...

»Weißt du, wo ich meinen Mischa zuletzt gesehen habe?« begann die bleiche, kleine Brünette ... »Oben auf dem Historischen Boulevard. Wir gingen nach dem Rowossilplatz, und er sagte ...«

Ihre Base, die gar nicht sentimentale Lisa, tauschte einen stummen Blick mit ihren Eltern in der Ecke: Der Luja hat's den Verstand verschlagen! Sie kommt von dem seit Jahren vermoderten Inscheneer-Mechanik Michael Sax auf dem »Joann-Slatoust« nicht los ... Der Vater Altschüler nickt mechanisch mit dem kurzen, weißen Rundbart. Das Gesicht des alten Apothekers aus Cherson war verwittert und verhärmt wie das seiner Frau. Sie saßen den ganzen Tag stumpf und still, Hand in Hand, und schauten vor sich hin ...

»Luja, wach' auf: Also nach dem Tod deiner Mutter...«

»Da bin ich hierher ...«, Luja Büttner fuhr plötzlich leidenschaftlich auf. »Und ich geh' nicht aus Berlin weg ... das sag' ich gleich ... Ich hab' hier zu tun ...«

»Gewiß doch ... Man wird sehen ... Die ganze Pension hier ist voll geflüchteter Deutsch-Russen. Herrgott ja ... Richtig ...« Lisa Altschüler schlug die großen, kräftigen Hände zusammen und zeigte amüsiert die prachtvollen Zähne. »Paul Gritsch wohnt auch hier ... Du weißt doch ... Der das große Schafgut hatte, bei Melitopol, schon jenseits der Krim, in der Nogaischen Steppe – an der Molotschnaja, wo auch die vielen anderen Mennoniten sind ... Da am Asowschen Meer ...«

»Lasse mich mit ihm zufrieden!« sprach die schöne, kleine Kusine feindselig.

»Paul Gritsch – dein alter Verehrer ...«

»Kann ich dafür? ... Es ist ja lächerlich ... Ich war ja noch halb ein Kind – eben erst eingesegnet – wie er im Krieg nach Sebastopol kam, um seine fetten Hammel an die Krone zu verkaufen!«

»Aber er hat seine Werbung beharrlich wiederholt ... Er sprach jetzt noch immer von dir ... schwärmerisch ... ganz mit der alten Liebe! Er hat dich nicht vergessen! ...«

»Habe ich ihm nicht die Zunge herausgesteckt?« Luja Büttner warf erbittert den dunklen Madonnenscheitel zurück.

Das reizende Kindergesicht blinzelte kampflustig wie das einer Katze. »Habe ich ihm nicht hundertmal gesagt, er soll gehn?«

»Ja – ich war oft genug dabei, wenn du ihn den heiligen Menno genannt und ausgelacht hast!«

»Er und seine Taufgesinnten sind Heilige. Mag sein, daß sie deswegen die dicksten Schweine in der Krim züchteten! Aber ich passe nicht zu ihm! Ich bin keine Heilige! Im Gegenteil! Ihr werdet noch 'was erleben!«

»Immerhin, Luja – die Zeiten sind schwer ...«

»Ach – was du sagst ...«

»Die Mennoniten halten doch in allen Ländern zusammen. Paul Gritsch wußte Bescheid, wie wir andern noch ganz ahnungslos waren. Er hat sein Gut rechtzeitig verkauft und das Geld nach Holland in Sicherheit gebracht. Damit will er sich jetzt als Farmer in den Vereinigten Staaten ansiedeln. Er wartet hier nur, bis er die Einwanderungserlaubnis kriegt ...«

»Nun – Gott mit ihm!« sagte die kleine Deutsch-Russin gleichgültig.

»Luja – eine Kirchenmaus ist noch reich gegen dich!«

»Ich brauche deinen frommen Gritsch nicht! Ich habe anderes vor! Ich muß mich selber durchs Leben schlagen!«

»Gott wird helfen!« sprach plötzlich automatisch aus der Ecke die alte Frau Christine Altschüler, nachdem sie seit vier Stunden geschwiegen. Lujas nachtdunkles Köpfchen fuhr wildlachend zu ihr herum.

»Wem half denn der liebe Gott? Meinem Mischa? ... Meinem Vater? ... Meiner Mutter? ... Mir ...? Oder dir, Onkel Eduard?«

»Ich hatte meine ›Europäische Apotheke‹ in Cherson!« sprach der alte Herr eintönig. »In bester Lage, mitten in der Stadt, am Potemkin-Boulevard. Ich habe mein Leben lang gearbeitet. Ich ging jeden Sonntag in die lutherische Kirche. Ich ehrte den Zaren. Ich zahlte meine Steuern. Ich erzog meine Kinder. Da bin ich nun! Alt und arm in der Fremde! Warum strafte mich Gott?«

»Warum schuf der Herrgott diese Erde?« schrie das junge Mädchen, »... wenn es so auf ihr zugeht?«

»Lästern Sie nicht Gott ...«, sprach eine rauhe Stimme von der Türe. »Der Ruhm des Gottlosen steht nicht lang, heißt es bei Zophar von Naema, und er wird umkommen wie ein Dreck ...« Ein kräftiger, mittelgroßer Mann zu Anfang Dreißig, mit dunklem Haar und dunklem Schnurrbart näherte sich Luja Büttner. Er hatte tiefliegende Augen unter einer hohen, gewölbten Stirne, die seinem gebräunten, energischen Antlitz einen finsteren Ausdruck gaben. Jetzt, als er mit einem glückseligen, stillen Lächeln die Rechte des jungen Mädchens schüttelte, verschönten sich plötzlich die harten Züge.

»Täglich, seit Jahren habe ich für Sie gebetet!« sagte er einfach. »Nun sendet Sie Gott ...«

»Ich bin nicht so fromm wie Sie, Herr Gritsch!« Die kleine Hand löste sich rasch aus seinen kräftigen Fingern eines arbeitsgewohnten Landwirts.

»Deswegen sucht der Herr Sie heim, Luja! Aber er wird alles zum Besten richten! ... Mein Gott – welch ein Glück!« Der Mennonit blickte dem jungen Mädchen mit einer zähen, beharrlichen, tief in sich verschlossenen Innigkeit in das abwehrend umwölkte Gesichtchen. »Ich komme vom amerikanischen Konsulat nach Hause – ich höre, Sie sind da ... ich eile her ... Verzeihen Sie ... Ich vergaß in meiner Freude sogar anzuklopfen ... Nun – haben Sie kein Wort des Wiedersehens für mich ...?«

»Was helfen Worte?« sagte die kleine Büttner in stillem Trotz. »... Soll ich Ihnen um den Hals fallen, Gritsch? Sie wissen, wie ich denke ...«

»Wie ging es Ihnen?«

»Wie allen heutzutage! Den Bösen geht es gut! Den Guten geht es schlecht! Gott sieht zu! Nun – man kann ja auch böse werden! ... Ich sage Ihnen das gleich, damit Sie sehen, wie wenig wir uns zu sagen haben ...«

»Sie wollen mich bei unserem ersten Zusammentreffen kränken ...«

»Nein. Nur meine Freiheit will ich! Ich brauche sie! ... Nur nicht wieder die Geschichten von früher! Ich habe keine Zeit dafür ...«

»Luja ...«

»Es macht mich nervös! Ich kann auch biblisch reden: Ihre Wege sind nicht meine Wege – und meine Wege sind nicht Ihre Wege! ... Die muß ich allein gehn! Sie sind viel zu gottselig dazu ... Mehr kann ich Ihnen nicht verraten ...«

Paul Gritsch, der Mennonit, schwieg einen Augenblick. Dann begann er mit seiner rauhen Stimme, in der verbissene Leidenschaft zitterte:

»Fühlen Sie nicht, daß Gott mich Ihnen schickt ... wo Sie allein und verlassen sind ...?«

»Nein. Sie sind der Letzte, der mir helfen kann ... gerade Sie ...«

Grüblerisch forschend drüben die Sterne der tiefliegenden Augen. Ein langsames:

»Ich fürchte für Sie, Luja ...«

»Pah...«

»Es ist etwas bei Ihnen ... ich weiß nicht was ... ich fühle es nur ... Aber es ist nicht vom Erbe der Reinen ...«

»Das habe ich auch nie gesagt ...«

»Es brütet irgend etwas Verborgenes, Dunkles in Ihnen ... Luja ... Denken Sie an Gott ...«

»Nun – lassen wir es jetzt! Sie sind nicht mein Beichtvater, Gritsch!«

»Aber Ihr Freund ...« Der Taufgesinnte trat näher: »Ich will Ihnen beistehen ...«

Die kleine Büttner schaute schweigend, mit einer spöttischen und fanatischen Ruhe zu ihm auf. Dann wendete sie sich mit dem kurzen, kokett-verächtlichen Schulterrümpfen einer russischen Tanzzigeunerin von ihm ab und lachte über die Achsel zurück:

»Also ich dank' Ihnen schön, heiliger Menno!«

»Zur Suppe!« dröhnte vom Flur eine kräftige Männerstimme. Andreas Mickott, der frühere Direktor der Bierbrauerei Bawarija in Nischnij-Nowgorod, ein breitschulteriger Fünfziger mit geblähten Naslöchern, großer Glatze und langem Schnurrbart, versorgte im Eßzimmer eigenhändig von Stuhl zu Stuhl sein Dutzend Pensionäre mit den Tellern, die seine Frau in der Küchenschürze an der Türe aus der Schüssel füllte. Dabei leitete er über den Tisch hin die allgemeine Unterhaltung.

»Fräulein Büttner kommt eben aus Leningrad!« verkündete er, und dann zu seiner Frau: »Martha, hole Suppe! ... Sie war in Moskau ... Sie reiste von der Krim durch ganz Rußland ...«

»Haben Sie etwas Näheres von meinem Schwager Barthel, dem leitenden Arzt des Sanatoriums Miramar in Yalta, vernommen?« frug in einem Kellerbaß vom anderen Ende des Tisches ein wirrbärtiger, dickbäuchiger Greis mit knolliger Nase.

»Das ist ein durch China hierher geflüchteter Pfarrer Waldmann, von der lutherischen Kirche in Bernaúl am Ob, in der Nähe von Krasnojarsk!« erläuterte leise Lisa Altschüler. Luja schaute zu dem deutsch-sibirischen Geistlichen hinüber, neben dem, fern von ihr, Paul Gritsch saß, und nickte ihm stumm und vielsagend zu. Das hieß: tot. Es war ein Schweigen ...

»... und wissen Sie etwas von meinen Verwandten ... den bekannten Baumschulbesitzern – den Sebalds in Charkow?« erkundigte sich ihr Gegenüber, ein übernächtiger, junger Elegant. »Sie flohen auf dem ›Oleg‹ von Sebastopol nach Konstantinopel ...«

»Fräulein Büttner ist doch nicht allwissend!« rief der glatzköpfige Exdirektor der Bierbrauerei Bawarija und goß, die Stühle entlanggehend, seinen Gästen Wasser in die Gläser.

»Auf dem ›Oleg‹ brachen, auf der Reede von Stambul, Seuchen aus!« sagte das junge Mädchen stumpf. »Viele starben. Ob auch die Ihren, weiß ich nicht. Die ganze örtliche Intelligenzia in unserer Gegend ist ermordet oder verschollen ...«

»Trau' diesem Iwan Sebald nicht über den Weg!« flüsterte die Base. »Er war Kommis bei der Kommerzbank in Jekaterinoslaw. Jetzt hält er hier in der Friedrichstadt eine kleine, wilde Wechselstube! Ich glaube, er spielt auch des Nachts!«

Um sie lärmte das Gespräch. Luja hörte von drüben Paul Gritschs rauhe Stimme:

»Und Sie wollen wirklich nach Rußland rückwandern, Herr Wetzel?«

»Deutschland ist mir zu klein!« sprach der langbärtige, schwäbische Wolga-Kolonist, der mit Frau und einer vielköpfigen Kinderschar die Mitte des Tisches füllte.

»Kommen Sie lieber mit nach Amerika!« riet der Mennonit aus der Nogaischen Steppe.

»Gibt man mir in New York Land? Nein! Aber in Moskau wird man mir mein Land bei Baronsk wiedergeben! Soll ich es den Tataren oder den Altgläubigen überlassen?«

»Aber das jetzige Moskau ...«

»Was geht mich, an der Wolga, dies Moskau an? Auch unter dem Zaren war nicht alles in Ordnung. Ich baue meinen Boden und kümmere mich um nichts.«

Zur Linken Lujas saß ein kleiner, hagerer Herr mit weißem Spitzbart und goldenem Zwicker. Er war mit peinlicher Sorgfalt gekleidet. Er hüstelte zurückhaltend und versetzte dann leise und höflich:

»Und was bringen Sie sonst für Neuigkeiten aus unserem armen Rußland, Fräulein Büttner?«

Das junge Mädchen schaute ihm geistesabwesend in das rosige, gerunzelte Gesicht.

»Man hat meinen Bräutigam getötet!« versetzte sie dann verwirrt und schnell. Der feine, kleine Greis schnalzte bedauernd mit der Zunge, schwieg und weichte sich, seines schadhaften künstlichen Gebisses wegen, Brotstückchen in der Suppe. Von der anderen Seite erläuterte Lisa gedämpft:

»Du ...! Herr von Kabisch ist ein großes Tier! Er war Intendantursekretär beim Rechnungswesen des Großfürsten Wladimir Michailowitsch in Petersburg – du weißt – den sie in dem blutigen Januar mit den drei andern Großfürsten erschossen haben ...Er hat hier überall noch eine Menge Verbindungen in Berlin ...«

Der alte Petersburger Kollegienrat merkte, daß man von ihm sprach. Er wiegte den kleinen, vertrockneten, klugen Kopf und forschte dann weltmännisch-vorsichtig:

»Und was werden Sie nun beginnen, Fräulein Büttner?«

»Darüber zerbrech' ich mir schon die ganze Zeit den Kopf!« antwortete statt Lujas ihre Base mit ihrer starken Stimme und erhob sich in ihrer ganzen robusten Länge von der frugalen Mahlzeit. »Ein handfestes Frauenzimmer wie ich kommt überall durch! Aber dies Püppchen da kann man doch nicht hinter den Ladentisch stellen! Sie ist auch viel zu zart. Gelernt hat sie nichts. Nun bitte ...«

»Du bist also einfach für die meisten Sachen viel zu hübsch!« fuhr die große, blühende Base in dem Flur fort, wo eine Dame am Telephon ein langes und leidenschaftliches Gespräch in baltischer Mundart mit einem Spediteur in Eydtkuhnen wegen ihrer an der Grenze festliegenden Möbel führte. »Ich hab' nur eine einzige Idee: Diese richtigen Russen hier in Berlin – die sind nie um einen Ausweg verlegen! Die haben hundert Talente. Sie treten als Tänzer auf. Sie musizieren. Sie gründen kleine Theater ...«

»Was hilft mir das?«

»Schönheit ist auch ein Talent. Das hast du. Ich kenne hier in Berlin zufällig die Soldaténkowa – eine fidele Haut! Wir gingen zusammen in Cherson in das Mädchengymnasium. Später war ihr Mann Gehilfe des Polizeimeisters. Er kam oft mit ihr zu uns in die Apotheke. Marsch – zieh dich an, Luja! Wir gehn schnell 'mal um die Ecke in das Cafe Jewrópa!«

Der kleine, dämmerige Raum voll dichtbesetzter Tische träumte im Papyrossenrauch und dem kaum hörbaren Stimmengemurmel in der Melancholie des Ostens. Lange, schmale Gesichter der Ukraine, grobknochige Züge der Großrussen, aristokratischer Petersburger Typ. Der »Golos« auf der Marmorplatte. Der »Rul«. Offene Schalen – trotz der Teuerung – mit staubgrauem, kaffeebraungesprenkeltem Streuzucker, aus denen sich jeder mit seinem Löffel bediente. Lisas Blick suchte zwischen den heißen, menschengefüllten vier Wänden.

»Da sitzt die Soldaténkowa!« rief sie. »Da drüben – an dem Ecktisch – ja – da: das halbe Dutzend Russinnen beisammen ... Das sind alles kleine Hauptmanns- und Beamtenfrauen! Die meisten haben ihre Männer in Rußland verloren. Ein paar haben ihre noch hier mit!« Und dann auf russisch: »Guten Abend, Nadeschda!«

»Ei – sind Sie es, Lisa!« Die Soldaténkowa streckte ihr freundschaftlich über die Schulter die Hand hin. Sie nannte sie nicht nach echtem, russischem Brauch »Lisa Eduardowna«. Die Altschüler war wohl russische Flüchtige wie sie und Leidensgefährtin – aber doch eine Lutheranerin – eine Fremdstämmige. Nadeschda Soldaténkowa hatte ein rundes, blasses, slawisches Gesicht, um dessen Ausdruck sich die schwermütigen Augen mit den üppig geschürzten Lippen stritten.

»Wollen Sie auch Buchweizenkuchen essen?« frug sie auf russisch. »Gleich werden sie kommen! Wir warten schon alle darauf. Wen haben Sie da? Eine Kusine? Gut! Belieben Sie, sich zu setzen! ... Wie, Lisa? ... Was ich jetzt treibe? ... Nun – wir alle hier spielen jeden Tag russische Bauernmädchen – in einem enorm großen Glashaus – weit draußen vor der Stadt ... Man photographiert uns – Sie begreifen ... für einen Film ...«

»Könnte da nicht auch meine kleine Kusine hier ... Sie ist doch solch ein niedliches Tierchen ...«

»Sie ist reizend!« urteilte die Russin, die Zigarette zwischen den Lippen ... »Nun – da bringt man die ersten Blinis! Kaviar und Schmand müssen wir uns dazu denken, meine Liebe ... Trotzdem ... geben Sie schnell, Mensch ... geben Sie doch auch mir!«

Es waren eigentlich nur glühend heiße, kleine Kuchen ohne Zutat, die im Laufschritt aus der Küche gebracht und herumgereicht wurden. Aber doch ein Gruß aus der Heimat. Die Soldaténkowa hatte sich den ganzen Tag durch Fasten vorbereitet. Sie verschlang einen der Blinis nach dem andern und blinzelte kauend zu Luja Büttner hinüber. Die saß zwischen den andern jungen Frauen, unterhielt sich leise auf russisch mit ihnen und zeigte ihnen das Medaillon ihres Mischa ...

»Kind –, Sie sind eine Schönheit ...«, sagte Nadeschda Soldaténkowa ... »Aber für da draußen ...Haben Sie gute, neue Kleider? Nichts? ... Gott erbarme sich!«

»Verlangt man das unbedingt?« frug Luja.

»Wie denn nicht. Wir sind heute Dorfdirnen – morgen aber feine Damen im Ausland – an der Spielbank in Monte Carlo – in Paris ... wie Gott es gerade den Deutschen eingibt ...«

»Lassen die Deutschen denn auch Ausländerinnen mitspielen? Ich stamme doch aus Rußland!«

Die Slawinnen lachten. Nadeschda zündete sich eine neue Papyros an.

»Sie werden glauben, draußen in Rußland zu sein!« sagte sie ... »Wir werden es versuchen! Viel Hoffnung kann ich Ihnen nicht machen! Ich hole Ihre kleine Kusine morgen früh ab, Lisa!«

Die beiden Basen wanderten die leere, dunkle Straße heimwärts. Die ältere schlang unverzagt ihren kräftigen Arm um den dünnen Ellbogen der anderen.

»Wir werden dich schon durchschleppen!« sagte sie mit ihrer starken Stimme. »Geht's da nicht, geht's woanders ... Warum zitterst du denn auf einmal?«

»Lisa ... Es schleicht jemand hinter uns her ... ganz nahe.«

»Der soll sich nur bei mir melden!« sprach die große, stramme Altschüler unbekümmert und laut.

»... ganz leise ... Auf Gummischuhen ...«

»Mein Artikel – im Warenhaus ...«

»Gummischuhe bei dem trockenen Wetter ... Das trägt nur jemand, der aus Rußland stammt!«

»Er kann 'was mit dem Hausknochen da besehen!« Lisa Altschüler machte vor der Pension »Alpenrose« halt, holte die Hausschlüssel hervor und sperrte das Tor auf. »Nein – er zieht sich geräuschlos in die dunkle Ecke drüben zurück! Du hast recht: solch eine mottige Pelzmütze im März – das trägt kein Berliner ...«

»Ich erkenne ihn wieder ...«, flüsterte das junge Mädchen. »Der junge Mensch ist mir schon nachmittags – auf dem Weg zu dir – gefolgt! Jetzt hat er glücklich meine Spur wiedergefunden!«

»Du wirst noch mehr Eroberungen machen in Berlin ...« Die Base stieg phlegmatisch innen im Haus die Treppe empor. »Da mußt du dich daran gewöhnen!«

»Aber auf diesen Verehrer brauche ich nicht gerade stolz zu sein ...« Die kleine Deutsch-Russin lachte plötzlich laut und aufgeregt und trat hinter ihrer Gefährtin in den Flur. »Mein Gott ... Gritsch ... Was stehen Sie denn da schon wieder im Weg?«

»Ich habe auf Sie gewartet ...«, sprach der Mennonit verbissen.

»Schade um die Zeit ...«

»... weil ich Ihnen etwas auszurichten habe ...«

»Danke ...«

»Sie waren kaum weg – da erschien hier ein junger, deutscher Student ...atemlos und strahlend ... Ich habe ihn nicht selbst gesehen! Aber ich übernahm es, die Bestellung auszurichten! Er wollte Ihnen einen Dollar bringen!«

»Ich habe ihn nicht darum gebeten!«

»Wirklich? Aber er kannte Sie, wie es scheint! Er will morgen wiederkommen! ... Luja – was bedeutet das? Was brauchen Sie von Deutschen sich Dollars schenken zu lassen!«

»Pst – nicht so laut, Herr Gritsch! ... Sie wecken ja die ganze Pension!« mahnte Lisa Altschüler.

»Ich habe Dollars genug, Luja ...! Wieviel soll ich Ihnen holen?«

»Nichts ...«

»Sofort aus meinem Zimmer!« begann der Schafzüchter wieder hartnäckig. Seine tiefliegenden Augen glühten bittend und heiß.

»Nun ist er weiß Gott auch noch eifersüchtig – auf irgendeinen gleichgültigen, deutschen Universitätsschüler!« seufzte die dunkle, blasse, kleine Schönheit zu ihrer Base.

»Vertrauen Sie sich nicht fremden Menschen in einer fremden Stadt an! Ich bin vom Herrn berufen, Sie zu schützen – wo Sie auch hingehen ...«

»Da können Sie nicht mit, Gritsch!« sagte das junge Mädchen sanft. »Dazu sind Sie viel zu fromm!«

»Seien Sie es auch! – Bleiben Sie auf der Seite der Gerechten!«

»Sie hatten ja auch schwarze Schafe – am Asowschen Meer – unter Ihren Herden! Ich bin ein schwarzes Schaf! Gute Nacht!«

Nach einer Stunde wachte die Apothekerstochter auf. Sie schaute um sich. Das Zimmer dämmerte, von der Straße her, im Zwielicht. Die zweite Hälfte des Bettes war leer. Da hatte, als sie einschlief, Luja Büttner gelegen, mit geschlossenen Lidern und gelösten schwarzen Flechten, die Rechte fest auf der leise atmenden, weißen Brust um das Bild ihres toten Mischa geschlossen. Nun lehnte sie drüben im Hemd am Fenster und spähte auf die Straße hinab.

»Die ganze Zeit steht er vor dem Hause Posten!« flüsterte sie.

»Der Mensch von vorhin?«

»Ja. Jetzt ist jemand aus dem Haus getreten. An den hat er sich herangemacht!«

»Das ist dieser Iwan Sebald, vor dem ich dich schon beim Essen warnte!« Die Altschüler blickte der Jüngeren über die Achsel. »Der geht jetzt spielen!«

»Sie verhandeln miteinander ...«

»Das wird 'was Schönes sein! Nun nickt der gute Iwan und trollt sich!«

»Gib acht! Der andere guckt herauf!«

Die beiden Mädchen traten rasch hinter die Gardine. Unten beobachtete Schwelke Machalles noch einmal die schlafende Fensterfront im dritten Stock. Dann schob er die Fäuste in die Taschen und trottete, in den Schultern schaukelnd, den Kopf mit der hohen Pelzmütze vorgestreckt, eilig hinaus in die Nacht.

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