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Hexenkessel

Rudolf Stratz: Hexenkessel - Kapitel 20
Quellenangabe
pfad/stratz/hexenkes/hexenkes.xml
typefiction
authorRudolph Stratz
titleHexenkessel
publisherAugust Scherl G. m. b. H.
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1927
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080909
projectid2cc64912
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20

Der Student Vollbrecht schob sich mit schonenden Ellbogenstößen zwischen Yankees, Japs, Mijnheers, Levantinern, Kreolen durch den Flur der Pension »Luna« der offenen Türe zu. Der vertrocknete alte Mr. MacTilloch, den er auf die Hühneraugen getreten, murmelte erschüttert hinter ihm her: »Ich bin traurig zu sehen, Herr, daß ein Gentleman in diesem Augenblick noch lächeln kann!« Der junge Deutsche wandte sich um und schaute ihn strahlend an. Er sprang in federnden Sätzen die Treppe hinab. Die war, in den oberen Stockwerken, still und leer. Von unten schallte verworrenes Geschrei aus dem Stiegenhaus, strudelten Köpfe. Die beiden Sipos, die das Haustor hatten schließen sollen, waren vom Hof her durch einen Stoßtrupp eingedrungener Neugieriger im Rücken umgangen worden. Sie hatten sich auf den ersten Treppenabsatz zurückgezogen und kämpften von da gegen den die Stufen aufwärtsflutenden, halb geschobenen, halb drängenden Menschenschwall. Sie konnten es nicht verhindern, daß Bernd Vollbrecht sich ganz dünn machte und von hinten her in dem Geschiebe und Gestoße der gegeneinander gepreßten Körper an ihnen vorbeiquetschte.

»Halt! ... Halt! ... Es darf niemand von oben hier durch!« »Sie haben den Mörder ja dort längst geklappt, Herr Sipo!« schrie der Studiosus Bernd, bereits im Getümmel ein paar Stufen abwärtsgerissen. Er strebte weiter in die Tiefe. Er landete unten, noch im Hause, vor dem offenen Tor. Weiter konnte er nicht. Von hier ab stauten sich die Leute, auf den Bürgersteig und Fahrdamm hinaus, wie die Mauern. Der ganze Yorkplatz war nur noch, im Dunkel, ein großer, dumpf lärmender, wellenbewegter, schwarzer See von vielen Hunderten von Hüten und bloßen Köpfen, über dem aufgeregt die paar Laternen funkelten.

Und da – dicht vor sich – innen im Haus – neben dem Tor – im dicksten Gedränge – da sah Bernd Vollbrecht das zerknutschte Reisemützchen auf dem zarten, brünetten Kinderkopf. Die kleine Büttner hatte sich zäh bis hierher durch den Volksauflauf vorwärtsgearbeitet. Ihr Freund steuerte auf sie zu, das elastische Auf und Nieder des an den Sipos oben brandenden menschlichen Wellenschlags benutzend. Er wurde jählings von hinten gegen Luja gedrückt. Seine frischen Züge und das seine, weiße Antlitz vor ihm berührten sich fast. Aufgerissen flackernd drüben die grünblaunen Augen. Leidenschaftlich offen der weiche Kindermund. Heiß der Atem zwischen den kleinen, weißen Zähnen:

»Ist Ssawa Kol tot?«

»Na und ob! Der ist erledigt!«

»Hast du ihn gesehen?«

»Er liegt der Länge nach mausetot auf dem Boden! Der Fürst Wolski hat ihn erschossen!«

»Mischa ...« Die kleinen Fäuste lösten sich von der Messingstange und falteten sich, vor die Brust erhoben, zu einem wilden Stoßgebet. »Mischa ... er hat dich gerächt ...«

»Komm jetzt heraus hier, Luja ...«

»Warum hat er es tun dürfen, Mischa ...?«

»Halte dich an mir fest, Luja! Wir wollen schauen, wie wir uns in die freie Natur hinausdrängeln ...«

»Mischa ... Mein Mischa ...«

»Vorwärts doch!« rief der Student ungeduldig.

»Warum war ich nicht gewürdigt, dich zu rächen, Mischa?«

»Lobe deinen Schöpfer im Himmel, daß es der Wolski statt deiner getan hat!«

»Mein Mischa da oben – wirst du mir verzeihen, daß ich zu schwach war?«

»Herrgott – Ssilin ist tot ... Das ist die Hauptsache!« Bernd Vollbrecht versuchte, das junge Mädchen durch eine Menschenlücke hindurchzulotsen. Aber sie blieb stehen. Ihr alabasternes Gesichtchen rötete sich in einem blinden Rausch der Rache. Sie schloß halb die Augen. Sie legte den dunklen Kopf zurück, um im Geist nach oben zu schauen. Ihr kleiner Mund öffnete sich verzückt:

»Hast du gehört, Mischa? ...«

»Marsch ... Marsch, Luja!«

»Mein Gelöbnis hat sich doch noch erfüllt! ... Mischa ... mein Mischa ... Dein Mörder ist hingerichtet!«

»Wenn man dich so sieht, möchte man wirklich schon beinahe glauben, du wärst es selbst gewesen!« schrie Bernd ärgerlich, eifersüchtig auf den toten Sebastopoler Leutnant, dem starren, kleinen Menschenbild an seiner Seite zu und rüttelte Luja am Arm. »Komm zu dir! ... Halt dich dicht hinter mir! Wir müssen 'raus! Ja, Kuchen! Nun stehen sie alle und rühren sich nicht und glotzen nach oben!«

Im leeren Stiegenhaus, oberhalb der Siposperre, beugte sich der erregte Wuschelkopf eines Dienstmädchens über das Geländer. Ihre aufgerissenen Augen suchten unten irgendwo einen Freund. Fanden ihn. Sie legte die roten Hände an den Mund und trompetete mit heller Stimme hinunter:

»Willem – nu hör' doch ... Det is er ja jar nich – der Mörder dort oben ...«

»Na wat denn? Sie haben ihn doch ...«

»Jotte doch – nee! ... Im Zimmer is doch 'n Schuß gefallen! Und wat der tote Russe is – wie sie den eben uffknöppen, da hat er doch weiß Gott 'nen Stich im Leib ...verstehste ...? statt 'ner Kugel ...«

Der Student Vollbrecht hörte es. Er brachte kein Wort heraus. Er wandte ganz langsam, zögernd, den Blondkopf. Er sah Luja an. Scheu von der Seite. Nun war sie auf einmal wieder ganz blaß geworden. Ihr Profil still. Ihr Mund fest geschlossen. Er konnte nicht erraten, was in ihr vorging.

»Luja ...«, begann er endlich mühsam. »Was bedeutet das?«

»Ich weiß es nicht!«

»Luja ...«

»Ich weiß es nicht!«

Sie schüttelte nicht den Kopf, während sie ihre Worte wiederholte. Sie schaute gerade vor sich hin. Sie sprach ganz leise.

»Luja ... blick' mir ins Auge ...«

Es war, als ob sie ihn gar nicht hörte. Er sah nur, daß der letzte Blutschimmer aus der weichen und vollen, ihm zugewandten Wangenrundung gewichen war. Er wollte die Hand auf ihren Nacken legen, ihr Antlitz zu sich herumdrehen. Aber er konnte den Arm nicht mehr heben, so gewaltsam keilten sich jetzt die Menschen zusammen und preßten ihn und Luja gegen die Wand. Ein ganzer Trupp Schutzmannschaft war draußen von einem Lastauto herabgesprungen und erkämpfte sich den Eingang in das Haus. Ein energischer, schnurrbärtiger Herr, ein dünnes, elastisch wippendes Spazierstöckchen mit Bleiknopf in der Hand, ließ sich von Beamten in Zivil den Weg zur Treppe freimachen. Von oben eilte ihm der Polizeileutnant entgegen.

»Die Geschichte ist nicht so einfach, wie ich anfangs telephoniert hab', Herr Kommissar«, rief er. »Der Tote hat 'nen Dolchstich. Weder bei dem vermeintlichen Täter selbst, noch sonst im Zimmer haben wir eine taugliche Waffe gefunden. Aus dem Fenster sie 'rauszuwerfen, hatte er keine Zeit. Die Leute kamen ja gleich herein ...«

»Na – vor allem mal die Neugierigen hier 'raus!«

»Nun behauptet der Russe oben steif und fest, der andere sei schon schwer verwundet in das Zimmer getaumelt ... schon mit 'nem Andenken von irgendwo draußen her ...«

»Wird sich ja zeigen! Soweit wie die Menschen von der Straße herein in das Haus vorgedrungen sind, sind natürlich alle Spuren vertrampelt und verwischt! Das ist ja das alte Elend! ... Aber von hier ab ...« Der Kriminalkommissar blieb neben der Treppenwache stehen und schaute mit einem flüchtigen und geübten, berufsmäßigen Blick durch das leere Stiegenhaus über ihm empor. Gleich darauf trat er interessiert zwei Stufen höher und beguckte die Wand.

»Na – also bitte ...« sagte er dann, sich zu den anderen Beamten umwendend. »Was haben wir hier? ... Den Abdruck einer blutigen Hand ... Fünf Finger einer auffallend großen und plumpen Männerhand ... Ganz frisch und feucht ...«

»Das stimmt mit der Hand des Toten oben. Der hat 'ne überlebensgroße Handschuhnummer ...«

»Der Ermordete hat also offenbar hier unten die Hand auf die Wunde gepreßt gehabt und sich dann mit der Hand im Aufwärtssteigen an der Wand gestützt! ... Er hat also spätestens bereits im Treppenhaus, da wo wir jetzt stehen, die Wunde empfangen!«

»...dann wäre der russische Fürst oben ja aus der Sache 'raus!«

»Also vor allem nun mal die Schlachtenbummler auf den Trab!« befahl der Kommissar. Ein dunkler Sturzbach von Menschen strudelte unter dem Druck der langsam von innen vorrückenden Tschakos durch das sich schließende Haustor auf die Straße. Bernd und Luja wurden mit im Schwall hinausgeschwemmt. Draußen riß der Student das junge Mädchen mit sich fort, aus dem Geschimpfe, Geschiebe, Gestoße heraus. An den Seiten des Yorkplatzes, wo die Straßenzüge ausstrahlten, lichtete sich das schwärzliche, lärmende, pfeifende Gekribbel. Unter einer Laterne blieb der Jungmann stehen – zwei Schritte von der kleinen Büttner entfernt – so als wollte er ihr nicht mehr nahekommen...

»Luja...« sagte er leise und entsetzt.

Sie schaute ihm verständnislos in die verstörten, jungen Züge.

»Luja... Großer Gott im Himmel...« Sie schwieg.

»Luja...« Er dämpfte seine Stimme zum Flüstern: »Jetzt weiß ich es: Du hast Ssilin getötet...«

»Nicht ich...« Luja Büttner fuhr sich geistesabwesend mit der Hand über die dunklen Wimpern.

»Mir wenigstens solltest du es gestehen ...«

»Nicht ich ...«

»Ssilin stieg vor meinen Augen aus dem Auto. Trat ins Haus. Warum hat er dich dort an die Wand geschleudert?«

»Ich weiß nicht ...«

»... so daß du noch betäubt dalagst, wie ich hereinkam ...«

»Gott weiß es...« Luja strich sich wieder über die Stirne.

»Du hast dich drinnen plötzlich aus der Ecke auf ihn geworfen ... mit einem Schrei ... Ich hab' ihn bis auf die Straße gehört ...«

»Ja. Aufgeschrieen hab' ich...« »Du hast zugestoßen – mit dem Dolch, den du bei dir hattest ...«

»Nein!«

»Du hast gut getroffen!«

»Ich wollte, ich hätte...«

»Er hat nur noch die Kraft gehabt, dich mit aller Gewalt von sich zu stoßen und die Treppe hinauf zu flüchten... mit deinem Dolchstich im Leib ...«

»Nicht mein Dolch...«

»Hast du den Dolch in der Tasche? Zeig' ihn mir ... Nein – Zeig' ihn mir nicht ...« Bernd Vollbrecht hielt schnell das schmale Handgelenk drüben fest. »Es könnte es jemand sehen! Dann wirst du verhaftet! Die Menge lyncht dich! Um Gottes willen... Zeig' den Dolch nicht ...«

»Ich hab' ihn gar nicht mehr ...«

»Wo ist er?«

»Ich hab' ihn weggeworfen ...«

»Wann?«

»Jetzt eben habe ich ihn mitten im Gedräng' auf den Boden fallen lassen...«

»Warum?«

»Ich brauch' ihn doch nicht mehr! Ssawa Kol ist tot ...«

»Durch deine Hand!«

»Nein!«

»Deine Hand ...« Der Student ließ jäh die Rechte des jungen Mädchens sinken und wich verstört einen Schritt zurück. »Luja... Ich brauche deinen Dolch nicht mehr zu sehen! Ich sehe auch so schon genug!«

»Was denn?«

»Luja... um Gottes willen... Luja ... Luja ...«

»Warum schaust du so auf meine Hand?«

»An deiner Hand ist ja Blut...«

»Ja... da... richtig... und da auch ...«

»Und da sind Blutspritzer vorn an deinem Mantel!«

»Das ist Ssawa Kols Blut!«

»Und das sagst du ganz ruhig?« »Er ist ja mit blutigen Händen die Treppe hinaufgetappt. Er hat mich vorher unten mit seinen blutigen Händen angepackt ...«

»... wie er seinen Teil von dir gekriegt hatte! Da ist sein Blut auf dich gespritzt...«

»Es war nicht so. Ich weiß nicht, wie es war ...«

»Aber ich weiß es... Komm – schnell... Die Straße hinauf... ehe hier jemand die Spuren bei dir bemerkt ...«

»Ich habe Zeit!... Es ist alles geschehen! Ssawa Kol ist tot!«

»Nach Hause... Alles wegwaschen, damit kein Verdacht auf dich fällt ... Ich bring' dich heim...«

»Es tut nicht not ...«

»Es ist der letzte Liebesdienst, den ich dir erweise! Dann ... Luja ... Dann kann ich nicht mehr ...«

»Verlange ich etwas von dir?«

»Dann trennen sich unsere Wege... für immer...«

»Wie du willst, Bernd ...«

»... und wenn mir das Herz bricht... aber das geht über meine Kraft... Das Blut steht zwischen uns, Luja...«

»Wenn du das glaubst – nun – so lasse mich ...«

»Ich hab' dich geliebt... Ich lieb' dich... Aber ich bin ein ehrenhafter, junger Kerl... Es gibt einen Punkt, da hört für einen Menschen, der so wie ich erzogen ist und so wie ich denkt, alles auf.«

»Geh, kleiner Bernd...«

»Mit einer Mörderin habe ich nichts gemein! Davor graut es mir!... Du rückst mir in weite Ferne...«

»Geh nur – geh!... Ich habe es dir oft genug gesagt, daß ich es nicht war. Ich sage es nicht noch einmal...«

»Du eine Mörderin... Luja... du ...«

»Lasse mich meines Wegs allein gehen!... Ich finde ihn schon! Ich brauche deinen Schutz nicht!... Und Ihren auch nicht, Gritsch!... Immer sind Sie da, wenn man nicht nach Ihnen begehrt!«

Die Straße, an deren Schnittpunkt mit dem Yorkplatz die beiden miteinander flüsterten, lief vor ihnen lang und gerade mit zwei flimmernden Laternenreihen in die Nacht hinaus. Lose Gruppen aufgeregter Leute standen auf ihr noch weit hinauf, längs der Häuser hin. Von dort kam, zwischen den zusammengelaufenen Menschenklumpen durch, schnellen Schrittes die straffe, schnurrbärtige Gestalt des Schafzüchters vom Asowschen Meer. Seine tiefliegenden, an den Blick über die endlose Steppe gewöhnten Augen hatten, unter ihrer finsteren Brauenwölbung, schon aus der Ferne die kleine Deutsch-Russin im Schein der Laterne erkannt. Er trat heran und sagte, vom raschen Gehen außer Atem, den Schlapphut lüftend, streng und vorwurfsvoll zu Luja Büttner:

»Und was machen Sie hier?... Wir sind in der Pension in größter Sorge um Sie!«

»Dankt Gott, wenn ihr keinen andern Kummer habt!«

»Hier – dieser Herr deutsche Studiosus – der sich, wie ich von dem Kollegienrat von Kubisch weiß, tiefer in allerhand russische Händel eingelassen hat, als ihm gut ist ...«

»Da muß ich Ihnen zum erstenmal, seit wir uns kennen, recht geben, Herr Gritsch!« sagte der Student.

»...und der auch jetzt furchtbar bleich aussieht und vielleicht schwere Geheimnisse mit sich herumträgt ...«

»Er glaubt wenigstens solch ein Geheimnis zu wissen!« Luja Büttner schaute kalt, aus leeren Augen, nach dem drüben undeutlich in der Nacht brausenden und wimmelnden Yorkplatz.

»Herr Studiosus Vollbrecht hatte also gewiß seine ganz bestimmten und besonderen Gründe, als er vorhin Ihre Kusine beschwor, Sie, Luja, heute – gerade heute – unter keinen Umständen aus dem Haus zu lassen ...«

»Nun ... Die Gräfin lieh mir doch ihren Schlüssel!«

»... und Sie liefen doch wieder wie gestern in die Nacht hinaus ...«

»Wichtige Dinge riefen mich...«

».Jawohl, zu einem ukrainischen Edelmann von Laskarew...« »Das sagte ich Ihnen ja selber, Gritsch!«

»... nach der Pension ›Luna‹ – hier am Yorkplatz...«

»Welcher Prophet hat Ihnen auch das offenbart?«

»Sie sprachen laut genug am Telephon, daß ich es in meinem Zimmer hören konnte! Ich berichtete es Ihrer Base Altschüler! Sie flehte mich an. Ihnen zu folgen und Sie wieder heimzubringen. Sie ist in größter Angst um Sie, Luja...«

»Nun – Lisa hat doch sonst Nerven wie ein Tatar!« sagte die Kleine.

»...in Todesangst, weil Sie sich wieder mit diesem Herrn Ssilin treffen wollten – diesem selben Ssilin, der Sie gestern ...«

»Man wird mich nicht mehr mit Serge Ssilin treffen!« Luja Büttners kleine, blutbespritzte Hand deutete hinüber nach dem Yorkplatz. »Sehen Sie die unzähligen Menschen vor dem Haus da?«

»Ja. Was ist da geschehen?«

»In diesem Haus ist die Pension ›Luna‹. Und in der Pension ›Luna‹ liegt Serge Ssilin steif und tot. Der Böse holte seine Seele ...«

»Er ist plötzlich gestorben?«

»Ermordet ...«, sprach der Student zwischen den Zähnen.

»Leb' wohl, Luja... Ich geh'... Ich geh' von dir! Du hast ja jetzt hier Schutz ...«

»Ermordet? Von wem, Herr Akademiker?«

»Fragen Sie mich nicht... Ich kann nicht reden... Leb' wohl, Luja... Gott möge mit dir... Gott möge... also... leb' wohl!«

»Was ist denn mit Ihrem deutschen Freund?« Paul Gritsch blickte finster und kopfschüttelnd dem Studenten nach. »Da läuft er Ihnen davon... mit schwankenden Schlitten... dem Yorkplatz zu...«

»Er fürchtet sich vor mir!« sagte Luja.

»Vor Ihnen? Warum?«

»Da ...« Eine kleine Hand hob sich im Schein der Laterne.

»Blut ...?«

»Ja!«

»Und auch da vorn – am Mantel...«

»Auch da ...«

»Ssilins Blut?«

»Ja...«

»Luja...«

»Und deswegen glaubt der kleine Bernd, ich hätte Ssilin ermordet...«

»Sie sagen ja selbst: Es ist sein Blut.«

»... und doch hab' ich es nicht vergossen ...«

»Ja – wer denn sonst?«

»Ich weiß es nicht. Aber der kleine Bernd glaubt mir nicht, daß ich es nicht war!«

»Und wer soll es Ihnen glauben?«

»... und flieht vor mir... Nein: da kommt er ja plötzlich wieder zurück.

»... vom Yorkplatz her!«

»Er hebt die Hand...«

»... als wollte er Sie vor etwas warnen, Luja!«

»Ach – laßt mich doch!« Die kleine Büttner zog fröstelnd und ungeduldig die schmalen Schultern unter dem Mäntelchen hoch. »Quält mich doch nicht immer weiter, ihr beide...«

»Sein Gesicht ist voll Angst ...«

»Wovor denn? Es ist ja alles getan, Ssawa Kol ist tot!«

»Luja ...« Der blonde Jungmann stürmte heran. Blieb stehen. Sein Atem flog. »Da bin ich noch einmal...«

»Du hast doch schon Abschied genommen, Bernd!«

»Noch einmal, um dich zu retten! Überall auf dem Platz suchen sie nach dir!«

»Mögen sie!«

»Sie haben herausgekriegt, daß der Fürst oben es nicht war! Nun haben die Chauffeure dich ins Haus treten sehen. Und Ssilin gleich hinterher ...«

»So war es ja auch!«

»Unmittelbar darauf bin ich ins Haus und kurz darauf wieder mit dir herausgekommen!«

»Lasse doch diese langweiligen Dinge ...«

»Du standest furchtbar aufgeregt mitten auf dem Platz! Die Chauffeure, die drüben hielten, haben dich beobachtet ...«

»Und was liegt an ein paar Iswoschtschiks?« frug die Kleine müde und gereizt.

»Dann wie der Mord entdeckt war, hat man uns wieder im Haus gesehen – mich oben in der Pension – und dich unten im Flur! Nun halten sie nicht nur dich, sondern auch mich für die Täter ...«

»Und wir waren es doch beide nicht!«

»... und nun fahnden sie überall nach uns ...«

»Armer, kleiner Bernd ...«

»... wir könnten noch nicht weit sein – heißt es...«

»Nun – wenn Gott will, werden sie mich finden!«

»Nein doch... Herrgott... mach', daß du von hier wegkommst... Schnell, schnell. Verkrümele dich mit mir gleich in die nächste Seitenstraße hinein!«

»Du mußt allein fliehen, Bernd!«

»Herrgott – ich darf dich doch nicht hier im Wurstkessel lassen!«

»Du hast mich ja schon verlassen, Bernd! Du hast dich von mir losgesagt!«

»So mach' doch! Jeden Augenblick können sie dich ja hier am Schlafittich kriegen!«

»Sie finden mich auch in der Pension! So eine arme, kleine Ausländerin wie ich kann sich in Berlin nicht verstecken!«

»Zum Kuckuck – man muß doch wenigstens probieren ...«

»Und wenn dann aller Anschein gegen mich spricht, und ich steh' vor Gericht und werd' verurteilt...«

»Luja... fackele jetzt nicht so lange!«

»... und es kommt vor dem Gericht heraus, daß du draußen Wache gestanden und mich nachher aus dem Hause geholt hast, – dann wird man dich auch für schuldig finden und verurteilen!« sagte Luja Büttner ruhig und weich. »Und du bist doch so unschuldig, kleiner Bernd, wie ein Kind an der Mutterbrust! Du hast doch alles versucht, um mich heute abend daheim zu halten!«

»Das hab' ich weiß Gott getan!«

»Aber man wird es dir nicht glauben! Man wird es für eine List erklären! Du bist durch ein Unglück in unsere Handel geraten – damals, wie du mich vor einer Woche – auf der Bank im Tiergarten gefunden hast... Ich bin schuldig: – Ich bin damals mit dir weitergegangen...«

»Gehe jetzt mit mir weiter! Vertrödele nicht die Zeit ...«

»Ich hab' dich in unsere russischen Dinge hineingerissen! Was gehen sie dich an? Du bist ein Deutscher...«

»Schnell doch... schnell ...«

»Warum sollst du die Schuld von Ausländern auf dich nehmen, wo du doch unschuldig bist? Ich werde vor dem Kronsgericht deinen Namen nicht nennen! Niemand wird etwas erfahren...«

»Aber du sollst auch nicht vor Gericht, Luja!«

»Was liegt an mir! Ich bin allein. Du hast Pflichten! Gegen dich! Du hast deine Eltern zu ernähren! Deine Schwester!... Tu mir die letzte Liebe: Geh – kleiner Bernd – geh!«

»Und du sollst hier allein bleiben? – Nein!«

»Wie denn allein? Sie haben vorhin selber zu Fräulein Büttner den Ausspruch getan: ›Du hast ja jetzt hier Schutz!‹ ...« mischte sich der Steppenkolonist Gritsch mit seiner tiefen, dunklen, russisch gefärbten Stimme in den Wortwechsel. »Sie haben damit mich gemeint. Sie haben Fräulein Büttner in meine Obhut befohlen! Gut! Ich danke Ihnen! Ich gelobe Ihnen, Herr Akademiker: Eher soll meine Hand verdorren, als daß ich sie von Fräulein Büttner lasse ...«

»Lasse mich schon in Gottes Namen mit dem Gritsch, Bernd!« sprach die kleine Büttner. »Was tut ein guter, frommer Junge wie du da? Fliehe... Kind, fliehe!«

»Mit dir...«

»Hältst du mich für eine Mörderin oder nicht?« »Gott verzeih' mir: Ja.«

»Verabscheust du nicht den Mord?«

»Ja. Ich habe es gesagt!«

»Also: Was tust du noch bei mir?« Die kleine Büttner reckte sich kalt und verächtlich empor. »Ich brauche kein Mitleid von Menschen, die mich verabscheuen! Paß auf! Da heb' ich zwei Finger und schwöre: Wenn du jetzt nicht vernünftig bist... und deine Freiheit und deine Ehre und deine Zukunft rettest... und gehst und in dein Deutschland zurückkehrst, aus dem du zu mir gekommen bist – dann schrei' ich aus vollem Hals über die Straße den Leuten zu: Da seht! Da steh' ich – unter der Laterne! Holt die Gorodowois!... Nehmt mich fest...!...«

»Luja ...«

»Ich bin dazu imstande! Du kennst mich! Ich bin hartköpfig wie ein Dromedar! Wenn du bleibst, erreichst du nur das Gegenteil von dem, was du willst! Vergiß mich, kleiner Bernd!... Vergiß alles! Denke, es sei nur ein garstiger Traum gewesen! Wache wieder in Deutschland auf! Gute Nacht, Bernd!«

»Seien Sie versichert: Ich werde Fräulein Büttner den rechten Weg führen!« sprach Paul Gritschs harte, energische Stimme hinter dem Studenten her, der sich langsam, mit gesenktem Blondkopf, ohne sich noch einmal umzuschauen, entfernte. Dann faßte der Schafzüchter aus der Nogaischen Steppe Luja Büttner am Arm.

»Komm!« sagte er ruhig. Er nannte sie auf einmal ›du‹. Sie achtete nicht darauf. Sie frug müde:

»Wohin denn, Gritsch?«

»Dein Student da wollte, daß du fliehst! So raten die Kinder der Welt! Aber niemand, Luja, kann vor sich selber fliehen! Du magst zu Hause deinen Mantel stundenlang ausreiben und die Hände die halbe Nacht unter die Wasserleitung halten – es bleibt doch Abels Blut!«

»Also das glauben auch Sie ...«, sagte Luja Büttner gleichgültig. »Ich sehe ja an dir dies Blut! Es gibt nur ein Mittel, es abzuwaschen!... Du sollst nicht fliehen, Luja! Du sollst das Gegenteil tun! Komm mit mir! Ich führe dich hinüber in das Haus am Yorkplatz! Dort trete vor die Obrigkeit und sprich: Da bin ich! Ich war's!...«

Die kleine Deutsch-Russin hob rasch das dunkle, bleiche Köpfchen. Sie öffnete halb die Lippen. Es war, als wollte sie wieder antworten: ›Ich war es nicht!‹ Aber sie hielt an sich. Sie streifte nur die kräftige Gestalt des Kolonisten neben ihr mit einem seltsamen Blick und sagte dann langsam:

»Oh – Sie heiliger Mann...«

»Wir sind alle Sünder, Luja ...«

Ein trauriges Lächeln drüben auf dem blassen Gesichtchen.

»Einander gleich seid ihr euch alle.«

»Ich will dich den Weg der Sühne führen ...«

»So ist der Bernd... So sind Sie... Jeder sagt, er liebt mich – und jeder nimmt den ersten Stein und wirft ihn auf mich ...«

»Ich wahrlich nicht!«

Ein schicksalergebenes, müdes Achselzucken der zarten Schultern.

»Aber den örtlichen Richtern werden Sie mich übergeben? Und dann? Und Sie? Nun – Sie haben dann das Ihre getan ...«

»Ja.«

»In diesen Tagen geht Ihr Schiff nach Amerika! Mit Gott, Gritsch! Fahren Sie hinüber! Heiraten Sie drüben! Haben Sie viele, viele Kinder! Erziehen Sie sie so fromm, wie Sie sind!«

»Dies Schiff wird ohne mich nach Amerika gehen ...«

»Wie denn?«

»... und ebenso das nächste! Und alle die andern ...«

»Ja – wie lange wollen Sie denn warten?«

»So lange, bis du wieder frei bist, Luja ...«

Luja Büttner schaute den andern wortlos an. Der Mennonit fuhr fort:

»Was glaubst du von mir, Luja? Ich liebe dich seit vielen Jahren. Du hast mich verlacht und von dir gestoßen. Jetzt kann ich dir meine Liebe zeigen – von der es beim Apostel heißt: ›Sie verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles‹ ...«

»Ja aber ... Gritsch ...«

»Wenn du im Gefängnis bist, Luja, so sollst du wissen, daß da draußen einer ist, der immer mit seinen Gedanken bei dir ist – immer bei dir – und jeden Tag für dich betet ...«

»Das sagen Sie mir, Gritsch?«

»Das soll dein Trost sein, daß du nicht allein und verlassen bist, sondern einen Freund in deiner Nähe weißt – der dir zuweilen schreiben darf – dich manchmal sehen darf ...«

»Gritsch ... sind wirklich Sie das, der so spricht? Ich hab' ...«

»... rede nur, Luja ...«

»Seien Sie nicht böse! Ich hab' Sie bisher immer für einen alltäglichen Menschen gehalten!«

»Das bin ich, weiß Gott!«

»Nein ...«

»... Was hat das damit zu schaffen, daß ich nicht nach Amerika fahre?«

»Aber, wenn ich – wenn ich nun wirklich unschuldig eingesperrt werden sollte – was wollen Sie dann die ganze Zeit hier tun?«

»Auf dich warten!«

»Das kann aber ... vielleicht ... lange dauern ...«

»Ich werde nicht müde werden zu warten.«

»Vielleicht viele Jahre ...«

»Ich werde die Zeit hier schon mit irgendeiner Tätigkeit ausfüllen ...«

»Und wenn ich schließlich freikomm' – ach Gott – wie schau' ich denn dann aus ...«

» ... und wenn deine Haare grau geworden sind und du bist verblüht – dann will ich dich erst recht lieb haben, Luja ... Denn es steht wiederum geschrieben: ›Die Liebe höret nimmer auf‹ ...«

»Gritsch ... Wer sind Sie denn ...?«

»Dann fahren wir zusammen nach Amerika. Dort weiß keiner, was war. Dort sollst du es als meine Frau den Rest deines Lebens gut bei mir haben.«

»Das sagen ... Sie? ...«

»Ja!«

»Sie denken doch, ich hab' den Mord begangen?«

»Wie kann ich anders?«

»Sie sind doch so furchtbar fromm! Wenn schon der kleine Bernd vor einem Mord schaudert – wie müssen Sie sich erst davor entsetzen!«

»Jeder Christ muß es – nach Gottes Wort: ›Du sollst nicht töten!‹«

»Also müssen Sie sich doch auch vor einer Mörderin entsetzen!«

»Nein!«

»Wie können Sie darüber hinaus? Gerade Sie?«

»... weil von dir geschrieben steht: ›Dir wird viel vergeben. Denn du hast viel geliebt‹! Du hast deinen Mischa viel geliebt ...«

»Gritsch ... Sie wachsen vor mir ... so hoch ...«

»Deine viele Liebe zu deinem Mischa hat dich in die Ine geführt ...«

»Sie wachsen so hoch über mich hinaus ... Gritsch ... Was ist das mit Ihnen?«

»... und dieselbe viele Liebe, die du zu deinem Mischa hattest, dieselbe Liebe habe ich zu dir! Nimm diese viele Liebe von mir an ... Obwohl du mich nicht liebst ... Ich weiß es. Ich verlange es nicht von dir ... Wenn Gottes Gnade es mir vielleicht einmal doch geben will, aus deiner Hand ... so wird sein Wille es fügen ... später einmal ... zu seiner Zeit.«

»Du bist ein heiliger Mann ...«

»Du sagst ›du‹ zu mir, Luja ...«

»Ja ... du ...«

»Luja ...«

»Jetzt ahne ich, wer du bist ... Gib mir deine Hand«.

»Also sie hat uff'n Yorkplatz dagestanden und jebibbert!« sagte eine laute Männerstimme in einiger Entfernung ... »Ejal hat sie jebibbert, so daß ick noch jesagt hab', det Mächen hat's mit de Nerven!«

Ein Chauffeur stapfte über den Fahrdamm, rechts und links von ihm zwei Männer in unauffälliger, dunkler Bürgerkleidung, und schaute suchend nach beiden Seiten.

»Wenn ick det Mächen wiederseh'!« sprach er. »Det war so 'ne kleene, proppere, schwarze, polnische Katze ... ick erkenn' sie sofort ...«

Die drei näherten sich der Laterne, unter der Luja stand. Sie sah sie kommen. Sie rührte sich nicht. Sie schaute gleichgültig gerade vor sich hin. Der schnurrbärtige Kraftwagenführer machte halt. Er faßte sie scharf ins Auge. Er gab seinen Begleitern mit kaum merklich erhobener Hand und bedeutungsvollem Augenplinkern ein Zeichen. Gleich darauf trennte sich der eine der beiden Männer von den andern. Er schlenderte gemächlich auf den Bürgersteig hinüber und beschrieb dort einen Vogen, so daß er in Lujas Rücken stand. Nun trat der erste auf sie zu. Er lüftete nicht den Hut. Er hielt in der nach oben gedrehten rechten Hohlhand eine talergroße Metallscheibe.

»Überzeugen Sie sich: Kriminalpolizei!« sagte er gedämpft in ruhigem Gesprächston. »Sie sind verhaftet! ... Kommen Sie mit uns! .... Machen Sie keine Zicken! In Ihrem eigenen Interesse! ... Die Leute könnten versuchen, tätlich zu werden!«

»Wenn Sie wollen, können wir auch, für Ihr Geld, ein Auto nehmen!« ergänzte der andere. »Ja? ... Gut! Da kommt gerade eines vorbei! Halt!«

»Sitzt du denn uff den Ohren, Mensch? So stopp' doch!« rief der Chauffeur zu Fuß seinem Berufsgenossen zu. Der schüttelte den Kopf. Er hupte heftig. Er fuhr weiter und scheuchte die Menschengruppen auf dem Fahrdamm rechts und links wie die Hühner.

»Halt! Zum Donnerwetter!« rief der eine Beamte ihm nach.

»Ich kann nicht!«

»Sie sind doch frei!«

»Aber mein janzer Wagen is versaut! Da kann keener 'rin! ... Lassen Se mir!«

Das Auto rollte die Straße hinab, dem dunkel brausenden und wogenden Yorkplatz zu. »Können Sie denn nicht wo anders fahren, Männeken?« Schimpfworte, Pfiffe, Flüche antworteten dem fortwährenden stoßweisen Heulen der Hupe. »So ist's recht! Nur immer mang die Leute, wo sie am dicksten stehn. Aber die Benzinbrüder jloben, ihnen jehört Berlin ...«

»Hier – vor diesem Haus – dürfen Sie nicht halten!« Ein Schutzmann sprang vor dem verschlossenen Eingangstor der Pension »Luna« auf das Auto zu. Der Chauffeur beugte sich vom Führersitz.

»Ick muß doch! ... Ich hab' Frau und Kinder! ... Ick kann's nich zahlen ...«

»Was denn?«

»Innen, der janze Wagen is verdreckt! Kucken Sie mal: Der schöne, jraue Rips ... Allens voll Blut ...«

»Blut? Nanu?« Der Beamte wurde lebhaft. Er beschrieb eine flügelartige Bewegung mit den Armen. »Platz da! ... Beiseitetreten!« Er drängte die Menschen rechts und links zurück. »Ja – bitte – das gilt auch für Sie, mein Herr!« Er sagte es zu einem jungen blonden Mann, der halb geistesabwesend in der Menge stand. Bernd Vollbrecht wußte selbst nicht, wie er, nach der Trennung von Luja, wieder vor das Haus am Yorkplatz geraten war. Seine Füße hatten ihn, ohne seinen Willen, wieder hingetragen. Niemand achtete jetzt in dem Gewühl auf ihn. Alles umdrängte das Auto. Sein Führer erklärte dem Sipo und wendete sich dazwischen immer wieder aufgeregt an die Menge.

»Det war 'n Ausländer ... so 'n Rußki – hier is er ausjestiegen und hat jezahlt! Ick fahr' weiter! 'n Herr und 'ne Dame winken mir und wollen einsteigen. Da schreit die Dame: ›O pfui! Da ist ja alles voll Blut!‹ ... Nu beaujenscheinigen Sie 'mal die Bescherung da drinnen! Det muß der Ausländer da oben blechen ...«

»In dem Auto ist Blut?« Der Student Vollbrecht schrie es. Er stieß die Neugierigen, zwischen denen eingekeilt er nach Atem rang, mit rücksichtslosen Ellbogenpüffen beiseite. Er stürzte an den Schlag des geschlossenen Wagens. Er schaute mit weit aufgerissenen Augen in dessen matt von einem elektrischen Deckenlämpchen erhelltes Innere. Er kämpfte mit dem Schutzmann, der ihn am Arm packte und anherrschte:

»Was fällt Ihnen denn ein, sich hier vorzudrängeln?«

»Sehen Sie doch nur ... Gott im Himmel ... sehen Sie doch nur ...«

»Was geht Sie denn das an?«

»Er ist schon verwundet vor dem Haus angekommen ...«

»Wer sind Sie denn?«

»Er ist nicht erst da drinnen verwundet worden!«

»Wer Sie sind, will ich wissen!«

»Na – Sie kenn' ick doch wieder, junger Mann!« rief der Chauffeur. »Sie haben doch noch heimlich hinter dem Ausländer her ins Haus wollen, und er hat Ihnen das Tor vor der Neese zujebumst ...«

»Det is ja der mit dem schwarzen Mächen!« schrie eine Stimme.

»Det is er, Herr Wachtmeister! Det is er!«

»Na ... da haben wir Sie also! Sie sind verhaftet!«

»Det kommt dem Jungen noch komisch vor ...«

»Na – wenn der Mord nicht da drinnen geschehen ist, dann war ich es doch nicht!« Der Student holte aus tiefster Brust Atem. »Und euer schwarzes Mädchen auch nicht.«

»Ja. Das ist allerdings ...«

»Das schwarze Mädchen schon erst recht nicht!« Bernd Vollbrechts frisches Antlitz wurde plötzlich verstört. Er schrie dem Sipo zu, den Neugierigen auf dem Bürgersteig, den Leuten in den offenen Fenstern: »Ich hab' ihr unrecht getan! Wir alle! Das Auto ist ihr Zeuge! Sie hat so wenig den Mord auf dem Gewissen wie der Fürst da ...«

Das Haustor hatte sich von innen geöffnet. Fürst Wolski stand, lang und schmächtig, das längliche, schwermütige Aristokratengesicht von einer Papyros verschleiert, in Hut und Mantel auf der Schwelle. Neben ihm der Kommissar, der eben schloß:

»... Wenn Sie sich nur noch bis auf weiteres in Ihrem Hotel als Zeuge zur Verfügung halten wollen! Ein Verfahren gegen Sie kommt nicht mehr in Frage! Wir ...«

»Aber so hören Sie doch, was Herr Vollbrecht da ruft.« Der Petersburger Grandseigneur unterbrach ihn und verlor seine blasierte Ruhe. »Kommen Sie mit an den Wagen, Herr Kommissar!«

Der Kriminalbeamte blickte in das Auto. Blickte auf den Chauffeur. Frug:

»Wo ist der Fahrgast, den Sie hier abgesetzt haben, eingestiegen?«

»In der Münzstraße!«

»Ist das nicht in der Nähe der Grenadierstraße?« rief der Fürst hastig dazwischen.

»Jerade die Ecke!«

»Dann weiß ich Bescheid! Steigen Sie ein, Herr Kommissar! Dort stehn Autos ... Ich führe Sie!«

»Wohin?«

»Nun – sagen wir: zu dem Geschäftsreisenden Fritz Reuter in der Grenadierstraße! ... Aber nehmen Sie auch den Herrn Studiosus mit ...«

»Der ist ja schon verhaftet!«

»Um so sicherer haben Sie ihn in Ihrer Obhut! Er wird Ihnen alle Aufschlüsse geben! Er kennt Herrn Fritz Reuter, wenn auch unter anderem Namen, viel besser als ich!«

Das Auto sauste durch Berlin gen Osten – die drei Herren in seinem Innern, ein Kriminalbeamter auf dem vierten Platz, ein anderer draußen neben dem Fahrer. Der Fürst trommelte in der spärlich erleuchteten Grenadierstraße an die Vorderscheibe und ließ halten. Er eilte den anderen voraus in eines der niederen Häuser. Er klinkte drinnen im Flur an der Türe rechts ... Sie war verschlossen. Niemand antwortete von innen. Einer der Beamten bückte sich und öffnete geübt mit einem Nachschlüssel. Der Kommissar trat zuerst ein, machte Licht und kniete sich, die Hände flach aufstützend, mit gesenktem Kopf auf die Dielen des dürftigen, kleinen Gemachs nieder und spähte:

»Überall frische, rote Spritzer ...«, murmelte er ... »Da haben sich Leute durch die ganze Bude hin gebalgt – von der Türe bis zum Ofen ...«

»Der Ofen ist voll verbrannten Papieres!«

»Und die Flasche daneben am Boden?«

»... ist leer, Herr Kommissar! Da war, nach dem Geruch, Petroleum drin ...«

»Damit hat Herr von Laskarew die Briefe verbrannt!« Der Fürst blickte nach der offenen Mappe auf dem Tisch, dessen weit aufgerissene Schublade leer gähnte. »Die ich nachher, bei seiner Rückkehr in die Pension ›Luna‹, von ihm haben wollte!«

»Aufgepaßt! Wir sind ja nicht allein im Zimmer!« schrie plötzlich einer der Beamten und machte sich schußfertig.

»Was denn?«

»Dort, hinter dem Vorhang am Fenster, steckt ja einer!«

»Man sieht 'n Stück von einem Stiebel ...«

»Kommen Sie 'mal zum Vorschein ... Sie da hinten ...«

Nichts rührte sich.

»Alter Freund ... Wir sehen Sie doch ... Das hilft Ihnen doch nischt mehr ...«

Die plumpe Schuhspitze unter den Falten des Kattunvorhangs blieb unbewegt.

»Na – wird's?«

»Der Kunde will nicht!«

»Keine Müdigkeit vorgeschützt!« Der Kommissar hielt sein Stöckchen mit Bleiknopf schlagbereit in der Rechten. Mit der Linken riß er rasch den dünnen, grellbedruckten Stoff beiseite und schüttelte den Kopf.

»Da hockt der Kerl mit hochgezogenen Knien an der Wand und tut, als ginge ihn die ganze Geschichte nichts an ...«

»Schlafen kann er doch nicht!«

»Der ist betrunken!«

»Nein! Der ist tot!« Der Kommissar lüftete mit der Hand den wirren, flachsfarbenen Bart, der den weitoffenen Mund und das ganze wachsgelbe und finstere, grobknochige Gesicht des Mannes am Boden umwucherte. »Da bitte ... Diese Fingereindrücke, wenn ich den Hals freilege ... Die Faust, die den gewürgt hat, die war nicht von Pappe ...«

»... solche Handschuhnummer zehneinhalb hat der ja auch – der andere ... der am Yorkplatz!« sagte der eine Beamte. Sein Gefährte holte, aus dem Trödellager alter Fahrräder und Bettstellen im Flur, einen rotbärtigen, schwarzäugigen Mann im Kaftan herein. »Na – nur bei!«

»Jach farcht' mich!«

»Ach was! Kennen Sie den Toten da?«

»Eb iach ihn kenn'! Er ist oft gekümme!«

»Heute auch? Zusammen mit dem Herrn Reuter?«

»Erst is der Reuter gekümme und is bald wieder gegange! Dann is der da gekümme und is schnell in die Stub'! Dann is der Reuter zurückgekümme, mit einer Flasch' in der Hand, und is hinein! Dann is der Reuter wieder allein weggegange ... Mehr weiß iach nicks ...«

»Wissen Sie, wie der Mann hier heißt?«

»Wie soll iach nix wissen? Er is ein Lette. Er heißt Uhkeneek!«

»Und dieser Uhkeneek glaubte, daß Laskarew nicht wiederkommen, sondern abreisen würde!« sagte der Fürst. »Er sprengte die Tischschublade auf und wollte die Mappe mit den Papieren stehlen. Er wurde von Laskarew überrascht, der nur schnell Petroleum zum Verbrennen der Briefe geholt hatte, und derart gewürgt, daß er sein Messer aus der Tasche langte und zustach ...«

»Da liegt das Messer ...« Ein Beamter bückte sich.

»... und nun machte ihm Laskarew in seiner Wut den Garaus ... und hatte wirklich noch so viel Kraft, die Briefschaften zu verbrennen ...«

»... und fuhr dann, mit seiner Wunde, nach dem Yorkplatz ...«

»... und hatte, als Fräulein Büttner dort im Hausflur schnell auf ihn zutrat, die Angst vor einem neuen Angriff und schleuderte sie beiseite ...« Der Fürst schaute auf den flachsbärtigen Mann, der still und unbewegt am Boden hockte. »Laskarew traute niemandem auf der Welt als diesem Menschen da! Und gerade der war offenbar schon lange sein heimlicher Todfeind und Verräter.«

»Aus welchem Grund?«

»Dieser Laskarew,« der russische Große machte mit dem schmalen, leicht gelichteten Haupt eine Bewegung gegen Osten, in die Ferne, »oder Ssilin oder Robbe oder Reuter mußte selbst aus Moskau wegen seiner Schandtaten fliehen! Aber Moskaus Auge reicht weit ... Man hat ihn auf Schritt und Tritt durch den Toten hier bewacht, ohne daß er es ahnte ... bis jetzt zum Ende ...«

»... und Luja Büttner hatte Gott sei Dank nichts mit seinem Ende zu tun!« sagte der Student Vollbrecht ...

Früh am nächsten Morgen drang er mit dem Bollejungen in die Pension »Alpenrose« ein.

»Ich muß Luja sofort sprechen, Fräulein Altschüler!« sagte er ungestüm in der Küche zu der Base, die sich da, schon zum Weggehen in das Warenhaus fertig, den Mittagskaffee in die Thermosflasche füllte. »Ich muß Luja auf den Knien um Verzeihung bitten! Ich habe ihr gestern abend so furchtbares Unrecht getan! Ich nicht allein! Alle Leute! Die Polizei suchte schon nach ihr, um sie zu verhaften!«

»Luja wird ja jeden Abend von der Polizei festgenommen!« Die lange, kräftige Altschüler schraubte frostig die Flasche zu. »Gestern hat man sie wenigstens nach einer Stunde wieder laufen lassen ...«

»Also ist sie hier?«

»Sie ist vorhin mit ein paar Mennonitenfamilien, die nach Amerika auswandern, nach Hamburg gefahren. Es sind Verwandte von Gritsch. Er hat sie ihnen anvertraut. Er selbst reist heute abend hinterher, sobald er Lujas Papiere in Ordnung hat. Übermorgen gehen sie alle in See. Der Gritsch und die Luja wollen schon an Bord heiraten, damit er sie drüben als seine Frau ans Land kriegt« ...

Der Student Vollbrecht ging. Planlos des Wegs. Durch das Bayerische Viertel. Durch den alten Westen. In den Tiergarten hinein. In dem war es still. Die Luft feucht und grau. Es tropfte von den kahlen Zweigen. Der Boden dünstete herb. Man schritt lautlos auf seinem welken Laub. Bernd Vollbrecht blieb stehn ... Es schien ihm unfaßbar, daß er Luja Büttner nie in seinem Leben wiedersehen würde ...

Vor ihm am Weg stand eine leere Bank. Er schaute sie an. Plötzlich kam ihm eine Erinnerung: Es wurde alles um ihn herum seltsam hell. Das war die Bank, auf der Luja gesessen hatte, als er sie zum erstenmal erblickte – bleich und erschöpft – im Mäntelchen und Mützchen – den Sipo und die Neugierigen um sie herum. Das war gerade eine Woche her. Ihm schien es ein Leben ...

Er spürte einen derben Schlag auf den Arm. Ein breitschulteriger, wettergebräunter, graubärtiger Mann stand da, eine kleine Reisetasche in der Hand, und schaute dem jüngeren aus hellen, weitsichtigen Augen in das verstörte Gesicht. »Das ist auch 'n Witz, daß ich hier auf dem Weg zum Bahnhof meinen Filius treffe!« sagte der alte Vollbrecht. »Ich mache heute eine Spritztour nach Pommern – nach meinem künftigen Wirkungskreis! Junge – du siehst ja aus wie Braunbier mit Spucke! Hast du die Nacht durchgeschwiemelt? ... In was für einer Gesellschaft warst du denn?«

»Ich war in Rußland, Vater ... Eine Woche lang ... Jetzt komm' ich langsam zurück ...«

»Aus Rußland?«

»Ja. Mein Kopf ist noch so wirr. Später einmal werde ich es dir erklären ...«

»Na schön! Ich will mich nicht in deine Geheimnisse drängen! Ich muß jetzt auch auf die Bahn!« Der Gutsinspektor aus Ostelbien sah auf die Uhr. »Ich will dir nur eines sagen: Bernd, ich hab' nichts gegen Rußland! Wir brauchen Rußland! Wir haben in Deutschland unser Glück und unsere Ausdehnung immer nur nach Osten gehabt – nie nach Westen! Aber ich will dir ein Geheimnis für den Umgang mit Rußland verraten: Wir müssen immer stärker sein als Rußland! Im Großen und im Kleinen! Sonst frißt es uns auf ...«

»Es hat mich nicht gefressen! Da bin ich ja wieder ... Weißt du, Vater: Ich hab' dieser Tage meinen Freunden gesagt: Das ist wie auf dem Blocksberg! Einmal muß doch der Hahn krähen, und es wird Tag ...«

»Ist ja auch hell um uns ...«

Es war ein wolkenschwerer Morgen. Aber doch schon das feuchte Wehen des März. Schwellender Trieb in den Ästen. Saft in den Knospen. Ahnung des neuen Frühlings. Bernd Vollbrecht schaute umher. Er wachte wie aus einem Traum auf. Es ging ihm durch den Kopf, wie er einst im Primanerstübchen seinen »Faust« auswendig gelernt: ›Wolkenzug und Nebelflor erhellen sich von oben ...‹

»Na – du bist nicht in der Stimmung zu Gesprächen! Ich überlasse dich deinen Gedanken!« sagte der Vater ...

›... Luft im Laub und Wind im Rohr – und alles ist zerstoben‹

»Adieu, Junge! Leg' dich in die Klappe!«

Bernd Vollbrecht blickte dem Fünfziger nach, wie der rüstig, mit festen Tritten, das Köfferchen in der Hand, seinem neuen Lebenskampf entgegenschritt.

»Nee – Papa ... Ich lass' mich nicht von dir beschämen!« rief er hinter ihm her. »Ich geh' jetzt auch an die Arbeit! Sofort such' ich mir welche!«

»Immer feste!« Der Vater winkte zurück.

»... und ich krieg' welche und studier' so weiter ... So gut wie meine Freunde sich durcharbeiten und hochkommen! Nee – da kannst du unbesorgt sein: Wir schaffen's!«

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