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Hexenkessel

Rudolf Stratz: Hexenkessel - Kapitel 17
Quellenangabe
pfad/stratz/hexenkes/hexenkes.xml
typefiction
authorRudolph Stratz
titleHexenkessel
publisherAugust Scherl G. m. b. H.
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1927
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080909
projectid2cc64912
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17

Im Handelskontor der »Nowaja Rossija« am Königsplatz saß unbewegt der Lette Uhkeneek, schweigsam, flachsbärtig, flachsmähnig vor der Seitentüre auf einem Stuhl und bewachte wie ein mürrischer Schloßhund das Privatbüro seines Herrn. Durch das Klappern der Schreibmaschine, das Rasseln der altmodischen östlichen Rechenbretter im Vorraum klang von da drinnen das Knarren zweier Stiefel rastlos über den Teppich seit einer Stunde auf und nieder – auf und nieder. Schmelke Machalles, der junge Galizier, schlurfte geschäftig an Jakob Uhkeneek vorbei. Seine Rechte schwang ein paar vielgewanderte und vielgeprüfte Wechsel des Ostens, an deren Streifen noch angeklebte Papierfahnen flatterten, um die Unterschriften aller möglichen Menschen zwischen Danzig und Narwa zu fassen. Er steckte den kränklich-gelben, verschmitzten Kopf durch den Türspalt und riß ihn, die Schultern bis zu den Ohren hochziehend, erschrocken zu dem Letten zurück.

»Eu weh! Seh der ehm on!« verkündete er wispernd. »Der Herr is meschügge geworden! Gibt der Warmwasserleitung e Fußtritt nach dem andern! Mitten in de Röhren!«

»Was willst du, du Hund?« grollte es heiser von innen.

»Nenne Sie mich nix e Hünd!«

»Bleib' draußen! Schick' mir Uhkeneek!«

Der Vertraute trat düster und wortlos ein und schloß die Türe hinter sich. Drinnen lief Serge Ssilin langbeinig und schnell, wie ein Menagerietier hinter Gittern, im Zimmer hin und her. Dessen Boden war mit Zigarettenstummeln besät. Die Türe des Geldschranks stand offen. Papiere überschütteten in unordentlichen Haufen Tische und Stühle. Der Inhaber der »Nowaja Rossija« fingerte sie ungeduldig durcheinander.

»Nicht einmal verbrennen kann man lästige Briefe,« sagte er heftig, »in diesen westlichen Wohnungen! Nur Warmwasser! Keine Kachelöfen wie bei uns!«

»Warum wollen Sie verbrennen?« frug der Lette eintönig.

»Weil ich Berlin verlassen will! Ich sagte es dir schon vor ein paar Stunden!«

»Es eilt nicht so, Herr!«

»Doch! Es duldet keinen Aufschub!« Serge Ssilin zuckte zusammen. Er machte ganz plötzlich mitten im Zimmer halt und schielte lauernd über die Schulter, als könnte jemand da hinter ihm stehen.

»Sie sehen Gespenster!« sagte langsam die tiefe Stimme des anderen.

»Ja. In mir ist auf einmal eine Unruhe ... Du hattest vorhin recht: Es kommt durch den Wald! ... Noch sieht man nichts ... noch hört man kaum etwas ... Aber es kommt ... Es ist Zeit ...« Der Mann aus dem Osten atmete entschlossen auf. »Ich reise heute Nacht noch, Uhkeneek!«

»Und wohin wird Gott Sie führen?«

»Hier!« Serge Ssilin warf ein dickes, mit Bindfaden zusammengeschnürtes Banknotenbündel aus dem Safe auf den Tisch. »Hier hast du ein paar Lot deutscher Kreditbillette! Geh und hole mir eine Schlafwagennummer nach Warschau! Ich kann immer noch in Poznan den Zug wechseln – nach Süden fahren – in die Donauländer ... Oder halt: Nimm lieber eine Karte nach Riga! Ich werde in Kaunas aussteigen – in den Zug nach Wilna ...«

»Warum wollen Sie Haken schlagen wie ein gehetzter Hase ...?«

»... Oder nein ... So bleibe doch stehen, wenn man dich ruft! ... besorge alle diese Karten zusammen ... Ich werde dann heute abend eine davon wählen ...«

»Ich höre ...«

»Oder auch keine davon ...« Serge Ssilin warf sich keuchend auf einen Stuhl und das grobschlächtige, heißgerötete Gesicht über die Tischplatte. Er ballte die wuchtigen, noch von der Leibeigenen-Fronde früherer Geschlechter ausgearbeiteten Bauernfäuste. Sein vierschrötiger, knochiger Körper wand sich unter dem englischen Homespun eines Sakkoanzugs von neuester Frühjahrsmode. Der Lette trat näher.

»Warum schluchzen Sie?« sagte er. »Warum beißen Sie in die Tischkante? Es wird Ihren Zähnen schaden ...«

Sein Herr bleckte ihm, den rotborstigen Schädel hebend, das weiße Wolfsgebiß zwischen den wulstigen, verzweifelt schiefgezogenen Lippen entgegen. Die Augen schwammen feucht in einem trüben graublauen Wasser.

»Kann ich denn fort?« stöhnte er. Er nahm ein Papiermesser aus sibirischer Bronze und zerknickte es, um seiner Atemnot Luft zu schaffen, mit Bärenkraft wie einen Strohhalm zwischen den Fingern. »Ich kann nicht! ... Nie finde ich die Stärke, jetzt abzureisen!«

»Was hält Sie?«

»Das fragt er noch – dieser Pferdedieb! ... Warum bliebst du denn nicht Lederschmuggler – he – wenn dein Verstand für Höheres nicht genügt?«

»Dies Mädchen aus Sebastopol ...«

»Ja. Sie ...« Serge Ssilins Augen glühten naß auf. »Sie. Sie ...«

»Dies schwarze Mädchen brachte Ihnen das Unglück ...«

»Glücklich soll sie mich machen!« Der Mann aus dem Osten warf dem andern seinen erloschenen Zigarettenstummel ins Gesicht. »Ich bin ein Mensch ... Ich bin wahnsinnig ... Ich bin in dies Mädchen verloren ...«

»Seitdem diese Grünäugige hier ist, zieht sich die Gefahr über Ihnen zusammen.«

»Kann ich von ihr lassen? ... Weg von ihr? ... Bin ich ein Heiliger? ... Nein ... Ein Mensch von Fleisch und Blut ...«

»Diese Deutsche aus Sebastopol wird noch Ihr Verderben!«

»Ich bleibe bei ihr, in Berlin ...« Serge Ssilin setzte sich an den Tisch und stützte müde den Kopf in die flache Rechte. »Ich bleibe ...«

»... bis es zu spät ist ...«

»Weißt du, warum ich bleibe? Weil ich muß ...«

»Herr ... Die Katzenäugige hat Sie behext.«

»Was verstehst du davon? ... Mein Herz steht still – ohne sie ... Ja ... Runzele nur verächtlich die Stirne ... Auch ich habe ein Herz ... wie alle Söhne Adams ... ein blutiges Herz ...«

»Herr! ... Treten Sie an das Fenster und sehen Sie auf den Platz hinunter. Erkennen Sie, wer da steht: Der Petersburger Knjäs, den Sie mir in der Grenadierstraße zeigten ...«

»... Wolski ... Da ist er wieder ...« sprach der oben leise zwischen den Zähnen.

»Und neben ihm der junge Deutsche, den Sie vorhin verjagten! ... Er hat dem Fürsten den Weg hierher gewiesen ...«

»Wie haben sich diese beiden Vögel nur gefunden ...?« Serge Ssilin starrte, durch die Gardine gedeckt, hinunter. Langsam wurden seine grobkuntigen erhitzten Züge bleich.

»Die zwei gehen um das Palais herum!« sagte der Lette. »Sie wissen, wer darin ist! Sie betrachten es von allen Seiten! ...«

»Jetzt entfernen sie sich langsam ... da ... um die Ecke ...«

»Sie wissen für heute genug! Sie werden morgen wiederkommen! Herr ... Sie müssen heute noch weg!«

»Weg!« wiederholte Ssilin dumpf. Er stand und schichtete mechanisch die zerstreuten Papiere, ohne sie anzusehen, in säuberliche Stöße.

»... weg von diesem Mädchen ...«

»Warum?« Serge Ssilin lachte verbissen auf. Er schritt stürmisch, die Fäuste hochgereckt, durch das Zimmer. Er keuchte heiß mit weit vorgequollenen Augen. »Wenn ich gehe – soll sie mit mir! ...«

»Man könnte fürchten, Sie hätten zuviel getrunken! ...«

»So ist mir auch zumute ...« Ssilin schlug wild und triumphierend mit der Faust auf die Tischplatte. »Ich spüre Kraft in mir! Wagelust! ... Ich bin verwegen wie ein Kosak! ... Sie wird mit mir reisen – verstehst du wohl – diese kleine Waise vom Schwarzen Meer.«

»Wollen Sie sie rauben?«

»Ich werde sie dazu bringen, freiwillig mit mir zu gehen ... Ich verspreche ihr goldene Berge ... ich verspreche ihr die Heirat ... Was verläßt sie denn hier? ... Einen weggejagten, kleinen deutschen Weinkellner? ... Oh, – sie wird ihren Vorteil begreifen ... Sie kam mir ja gestern schon schnurrend entgegen, das Kätzchen!«

»Nehmen Sie sich in acht!«

»Du, laufe jetzt und hole die Fahrkarten! Für zwei!«

Kaum hatte sich der Lette getrollt, so warf sich Serge Ssilin in den Schreibsessel, schob mit dem Ellbogen die lästigen Briefstöße von der Tischplatte zu Boden und malte keulenartige, zitterige Schriftzüge auf das erste beste Stück Papier.

»Luja: Ich werde Sie unbedingt in den nächsten Stunden sehen und sprechen müssen! Dieser Tag heute ist Ihr Lebenstag. Er entscheidet über Ihr insgesamtes Leben, solang sie es nach Gottes Willen erleben werden. Man führt Sie heute aus der Unruhe, Armut, Sorge heraus, in der Sie jetzt leben. Ihnen öffnet sich die Zukunft einer großen Herrin, mit der Achtung aller Menschen, und mit Geld im Überfluß. Man wird an der Riviera leben. In der Schweiz. In Ägypten. Man wird nur die feinsten Automarken Amerikas fahren. Nur aus Paris werden Sie Schmuck und Kleider beziehen. Kavaliere werden Ihnen die Hand küssen. Reiche Damen der Noblesse werden Ihr Umgang sein. Alles, was Ihnen dienlich ist, wird in den Ehevertrag hineingeschrieben. Sie gehen behördlich sicher.

Telephonieren Sie mir gleich, wo ich Sie unverzüglich treffen kann! Denn die Sachlage erfordert rasche Entschlüsse. Aber telephonieren Sie nicht an mich nach dem Königsplatz. Ich bin dort nicht zu finden. Ich muß weg. Telephonieren Sie an meinen Freund, den Edelmann Igor von Laskarew in der Pension ›Luna‹ am Yorkplatz! Er wird die Bestellung aufschreiben und mir mitteilen! Ich hole mir bei Laskarew Ihre Antwort, Luja, wo Sie mich erwarten werden! Sie können Laskarew unbedingt vertrauen! Nun stärke Sie Gott in der wichtigsten Stunde Ihres Lebens! Auf den Knien – zu Ihren Füßen – Ihr Freund – Ihr Sklave – Ssilin.«

Dann ein barsch dröhnendes »Schmelke!« und, als der fahle, neugierige, junge Ahasverkopf in der Türe erschien, ein vertraulicher Griff nach dessen Ohrläppchen. »Du wirst diesen Brief, so schnell wie möglich, in die Hände Büttners bringen! Verstehst du: Nur in ihre eigenen Hände! Wie, das ist deine Sache! Nun fort mit dir!«

Serge Ssilin beförderte den jungen Machalles mit einem Rippenstoß über die Türschwelle. Er stülpte sich mit fieberig bebenden Händen den Hut auf. Er fuhr in den Mantel. Er stopfte den Stoß geheimer Briefe, den er hier nicht verbrennen konnte, in seine Aktenmappe und klemmte sie sich krampfhaft unter den Arm. Er verlöschte sich mit seinem unregelmäßigen, schweren Atem dreimal selbst das zitternde Zündholz an der Zigarette. Er schlürfte durstig einen Schluck abgestandenes Wasser aus der staubigen Karaffe auf dem Mitteltisch. Er spähte noch einmal blinzelnd auf das Pflaster unten. Er sah keinen Feind. Er schlich aus dem Haus wie ein Fuchs aus dem Bau. Er nahm ein paar Straßenecken weiter erst, nachdem er sich immer wieder unauffällig umgeblickt hatte, ein Auto zur Fahrt durch den Tiergarten. Er entließ es plötzlich an der Charlottenburger Allee-Brücke. Er ging zu Fuß, zuweilen stehen bleibend und die Schaufenster als Spiegel für die Dinge hinter ihm benutzend, nach dem Yorkplatz und stieg, an dem, seit Wochen von dem Hausherrn, einem Spanier, außer Betrieb gelassenen Lift vorbei, mit langen, lautlosen Schritten die drei Treppen zu der Pension »Luna« empor.

»Geschäfte rufen mich auf eine Reise!« sagte er im Flur auf englisch zu dem alten, wie ein Winterapfel verschrumpften Mr. MacTilloch. »Sie zwinkern: politische? In der Tat: Unsere Zusammenkunft von geflohenen Söhnen der Ukraine, nahe der Grenze – im Vertrauen: in Jassy – dürfte in Moskau zu denken geben! Doch verzeihen Sie: Ich muß jetzt meine paar Habseligkeiten ordnen!«...

... Serge Ssilin schloß den gepackten Koffer. Er saß und horchte seit einer Stunde auf das Telephon. Noch rührte sich nichts. Er zuckte die Achseln. Er musterte grimmig seine dicke Mappe. Die lag trag auf dem Tisch. Die war, wie eine Giftschlange nach dem Fraß, gebläht von allerhand Inhalt, der besser Asche als schwarz auf weiß war. Er schaute sich hoffnungslos in seinem elegant möblierten Salon um. Wieder diese verfluchte Warmwasserheizung! ... Nirgends eine Möglichkeit, das lebensgefährliche Zeug in der Ledermappe zu verbrennen! Über die Grenze, zur Zolldurchsuchung? – Gerade so gut hätte man eine Dynamitpatrone mitnehmen können ... Es hier lassen ...? diese Briefe alle in fremde Hände ...? wieder in die des Fürsten Wolski – der Gedanke daran war schon halber Selbstmord! ... Wohin damit –? Wohin? Das kam von diesem Nachgeben der Nerven ... von diesem plötzlichen Entschluß zur Flucht ...

Das Telephon schwieg weiter. Serge Ssilin trocknete sich die Stirne. Gähnte vor Erregung. Sah nach der Uhr. Es waren jetzt schon mehrere Stunden vergangen, seitdem er den jungen Schmelke ausgeschickt. Früher Nachmittag. Er saß. Trommelte mit den Fingern auf dem reisefertigen Koffer, rauchte, sprang ungeduldig auf, horchte in den Schalltrichter des Fernsprechers. Nichts. Er lief planlos im Kreis durch das Zimmer. Trat, die Hände in den Hosentaschen, an das Fenster. Duckte sich plötzlich ... riß in blinder Wut einen Revolver heraus ... zielte, mit zitternder Hand durch die Scheibe auf die Straße ... Er wußte dabei selbst ganz genau, daß er nicht wirklich schießen würde! So viel Vernunft besaß er noch: Ein Pistolenknall ... mitten in Berlin ... am hellen Tag ...

Die Polizei ... Er malte sich nur, zähneknirschend und die Waffe langsam wieder einsteckend, in Gedanken aus – wenn jetzt einer von den beiden sich da unten auf dem Bürgersteig in seinem Blute wälzen würde – oder alle zwei – der Fürst Wolski und der junge Vollbrecht ...

Aber dies Paar Feinde unten kam näher und näher. Sicheren Schrittes, ohne erst die Hausnummer zu prüfen! Der Student wußte Bescheid. Er blieb stehn und wies auf das Gebäude. »Hier sind wir an Ort und Stelle!« sagte er. »Hier habe ich mit meinen Freunden erst vor ein paar Tagen einem ollen Engländer seine Koffer in die Pension ›Luna‹ hinaufgetragen!«

»Und in der Pension ›Luna‹ ist der angebliche Edelmann Laskarew!« Die fanatischen Augen des Knjäs überfunkelten starr die Fensterreihe im dritten Stock. »Ich bekenne meine Reue. Man hat oft in Rußland über die deutsche Ordnungsliebe gespottet! Aber wie jetzt? Ihr Einwohnermeldeamt! In zwei Stunden gab man uns die Adresse Laskarews! Ich bin schuldig ... Ihr Deutsche seid ganz verfluchte Kerle ... Nun – wohin wollen Sie? ...«

»Ich lasse Sie jetzt auf diesem Beobachtungsposten, Durchlaucht!«

»Wie denn? Allein?«

»Bis es dunkel wird, kann man doch nichts machen! Er sieht uns kommen! Läßt sich verleugnen!«

»Aber ich brauche Sie ...«

»Der Abend ist ja nicht mehr fern! Dann bin ich wieder hier!«

»Und wohin müssen Sie jetzt?«

»Zu Fräulein Büttner!«

»Wieso eilt das derart! Sie haben mein Wort: Die Dame bleibt außerhalb dieser Affäre!«

»Trotzdem muß ich sie sprechen! Die Probe im ›Kolokól‹ geht jetzt zu Ende!«

»Nun – und was wollen Sie Fräulein Büttner so hastig erzählen? ... Doch kein Wort von dem, was Sie und ich hier gegen Ssilin ...«

»Keine Silbe! Nur das verhindern will ich, daß sie mit Ssilin weiterhin noch in Verbindung tritt, bis wir beide – Sie und ich – mit ihm im reinen sind!«

»Können Sie denn das?«

»Ich weiß ein Mittel, sie zurückzuhalten! Aber wenn ich es gebrauchen will, muß ich mich eilen und ihr ...!«

»Da! Eben! ... Haben Sie gesehen?« sagte der Fürst leise. »Eben schaut dieser Sträfling oben vorsichtig durch die Scheiben ...«

»Er erkennt uns ...«

»Mag er ...«

»Lassen Sie ihn nur nicht aus dem Auge ...«

»Ich stehe hier Posten, wie die erfrorene Schildwache auf dem Schipkapaß im Schnee ... Kennen Sie Wereschtschagins berühmtes Bild ...?«

»Ich war selbst oft genug im Krieg bei euch drüben im russischen Winter auf Posten, Durchlaucht! In einer Stunde bin ich wieder hier!«

Der Studiosus Bernd lief durch den Berliner Westen dahin. Das waren die gleichen nüchternen Häuserreihen wie jeden Tag, dieselben Eckdestillen und Plättkeller, Litfaßsäulen und Zeitungskioske wie immer, die gewohnten ausdruckslosen Werktagsgesichter unter dem grauen Märzhimmel. Aber dieser Himmel dünkte den Studenten Vollbrecht fahlgelb verfärbt. In der dicken, trüben Luft schien ihm ein unheimliches, rötliches Leuchten zu flimmern. Sie zitterte um ihn in unsichtbaren Schwingungen – erfüllt von einer Unruhe der Atome, als stünde irgendein gewaltiges Naturereignis bevor – als sollte heute noch die Welt untergehen. Der junge Bernd eilte blindlings seines Wegs. Er dachte nicht mehr an Ssilin, sondern an Luja. Nicht an Mord, sondern an Mitleid, nicht an Rache, sondern an Rettung. An die Befreiung der kleinen Luja aus dieser Welt der Dielen und der Dirnen. Aus diesem Tod des Tingeltangels. Der Studiosus Vollbrecht lachte im Laufen. Die Brust weitete sich ihm von hämmernder, hilfsbereiter Kraft ... »Oh, Verzeihung!« Er war unversehens auf dem Bürgersteig an eine Dame angeprallt und griff an den Hut und wollte weiter. Aber das junge Mädchen prustete ihm unbefangen ins Gesicht.

»Also der reine Nachtwandler am hellichten Tag!« sagte sie zu ihrem Begleiter. Und nun kam Bernd Vollbrecht zu sich.

»Dich hätt' ich allerdings an deiner roten Tolle erkennen können, Vicke!« sprach er zu der hübschen Schwester und begriff, daß er vor dem Haus der Geheimrätin Henke, schräg gegenüber der Pension »Luna« drüben am Yorkplatz, stand. »Und dich auch, oller Wurstmaxe! Kinder – was ist denn mit euch los? Ihr macht so unheimlich schlaue Gesichter: Seid ihr am Ende schon richtiggehend verlobt?«

»Seit zweiundzwanzig und einer halben Minute.« Die träumerischen Augen des Zahnbeflissenen Alfred Henke leuchteten verklärt unter dem Zwicker. Er und die Vicke schleppten gemeinsam einen Henkelkorb mit Bierflaschen und kalter Küche, die sie zum Abendbrot für die weißen und farbigen möblierten Ausländer bei der Geheimrätin oben eingeholt. »Du bist der erste Mensch, Bernd, der gewürdigt ist, die große Neuigkeit zu hören!«

»Na – meinen Segen habt ihr, Kinder!« Der Student nickte großmütig und drückte den beiden je eine freie Hand. »Verzeiht nur eine dumme Frage: Wovon wollt ihr denn eigentlich leben?«

»Wir werden arbeiten!« versetzte der zarte Zahnbeflissene knapp und entschieden. »Und sobald wir – bildlich und berufsmäßig gesprochen – von der Hand in den Mund leben können, steigen wir aufs Standesamt!«

»Und seid dann von da ab gemeinsam auf die Menschheit losgelassen?«

»Als Wohltäter der Menschheit!« berichtigte der Freund. »Ein schmerzloses Ehepaar – ich meine – was Wurzelfüllungen betrifft! Wir bauen den Menschen goldene Brücken! Wir setzen ihnen Kronen auf! Wir erheitern sie durch Lachgas! Wir sind sozusagen Freudebringer in dieser schweren Zeit!«

»Drückt er das nicht herrlich aus?« rief die Vicke schwärmerisch.

»Ja. Er hat von jeher so 'ne künstlerische Ader in sich!« sagte der Bruder. »So etwas Weiches, Sinniges. Wahrscheinlich braucht man das, wenn man den Leuten den ganzen Tag mit den Fingerspitzen an den Nerven 'rumpetert. Diese Lieblichkeit des Gemüts beim Alfred kommt dir am Feierabend dann auch zugute, meine alte, ehrliche Vicke! Ach ja, Kinder: Ihr habt's gut! Ihr seid verliebt!«

»Na – du etwa nicht!« Die rotblonde Schwester riß empört die blanken Blauaugen auf. »Dich braucht man doch wahrhaftig bloß anzugucken ...«

»Was weißt du denn?« sprach der Student Vollbrecht langsam und verstört, plötzlich wieder in seine Gedanken versunken ... »Nichts weißt du! Und ich weiß auch nicht, was mit mir passiert! Ich bin in einer ganz verzweifelten Verfassung! Aber das hilft nichts! ...Ich muß fort! ... Herrgott ... Ich muß fort!«

»Papa! Der Bernd hat zu stramm gefrühstückt! Er kriegt schon das heulende Elend!« meldete Fräulein Vollbrecht sachlich ihrem eben aus dem Hause tretenden Vater. Der Gutsinspektor wandte das energische, wettergebräunte, vollbärtige Gesicht dem Sohn zu. Seine weitsichtigen, hellen Augen musterten ihn prüfend wie ein Fohlen auf der Koppel.

»Nee – das ist nicht der Suff! Das ist die Liebe!« entschied er. »Komm mal beiseite! Viel Zeit hab' ich nicht. Mein neuer hinterpommerscher Brotherr erwartet mich im Hotel! Also: kurz und bündig: Schäm' dich was! Wer stellt sich denn so an – bloß weil ihm 'ne Marjell über'n Weg gelaufen ist? ... Wie mein Großvater 'n Hemdenmatz war, da war's Mode, sich als Schmachtlappen zu gebärden! Da wirkte das auf die Weiber! Aber heutzutage muß ein junger Mensch ...«

»Hast du denn eine Ahnung, Vater, was mit mir los ist?«

»... wirklich schwer zu erraten, mein Sohn ...«

»Bei mir ist der Deubel los!« sprach der Student laut und ratlos. »Ja, Vater – also wirklich und wahrhaftig der Deubel!«

»So? In was für eine Gesellschaft bist du denn geraten?«

»Das frage ich mich auch! Aber ich bin darin! Die Geschichte geht ihren Gang! Ich kann dir jetzt nichts erzählen! Morgen vielleicht! Aber heute abend – Dies ist kein Abend wie andere ...Das ist ein Abend – an dem muß sich alles entscheiden ... In den nächsten Stunden muß es sich entscheiden! Ich darf jetzt springen! Sonst gibt's ein Unglück! ... Adieu, Vater! ... Adieu! ...«

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