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Hexenkessel

Rudolf Stratz: Hexenkessel - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/stratz/hexenkes/hexenkes.xml
typefiction
authorRudolph Stratz
titleHexenkessel
publisherAugust Scherl G. m. b. H.
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1927
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080909
projectid2cc64912
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15

Früh am nächsten Tage schob die Austrägerin das Morgenblatt unter die Türspalte des vierten Stockwerks, in dessen Dachkammern der Witwe Peereboom sich erst wasserplätschernd, pfeifend und trällernd, gähnend und durch die dünnen Wände schwatzend, das Leben ihrer Mieter regte. Nur der stud. agr. Vollbrecht stand schon fertig angekleidet, bleich und erregt im Flur und wartete auf die Zeitung. Er hob sie hastig vom Boden auf, entfaltete sie, überflog, an die Wand gelehnt, fiebernd die letzten Nachrichten. Von der offenen Küche her, wo sie einen fragwürdigen Kaffee für ihre möblierten Herren und Damen braute, drehte die Mutter Peereboom ihren unfrisierten grauen Wuschelkopf nach dem jungen Mann.

»Sie kieken woll nach dem neuesten Mord im Blättchen – wat?«

»Ja ... vielleicht ...«, sprach der Student geistesabwesend und blätterte angstvoll die nächste Seite auf.

»Können Sie jenießen! Darin haben wir 'ne Forsche in Berlin!«

»Nein – Gottlob – diesmal nicht ...« Bernd Vollbrecht ließ das Blatt sinken. Die schlampige Quartiermutter nahm es ihm aus der Hand.

»Nanu – wat die Morde sind – die sind doch sonst bei uns nich zu knapp! Na – Sie sind wohl bei Pfeiffer'n die Abendschule jegangen? Da: Überfall im Zigarrenladen ... Da: Ein Nachtwächter tot aufgefunden ... Da haben Sie's ja ...«

»Aber nicht das, was ich meine ... zum Glück ...«

»Wat Sie meinen?« frug die Zimmervermieterin mißtrauisch.

»Das heißt ...« Der blonde, junge Landwirt faltete die Morgennummer nervös wieder zusammen. »Eigentlich beweist das ja auch nichts! Denn wenn so was erst nach Mitternacht passiert – nicht wahr –, dann kann es ja noch gar nicht am nächsten Morgen in der Zeitung stehen?«

»Sie haben wohl selber heut' nacht jemanden kalt jemacht?« Mutter Peereboom schmierte gleichmütig Margarine auf die Schrippe. »Aussehn duhn Sie wenigstens ... det schreit nach der Polizei.«

»... und an den Litfaßsäulen kann es auch noch nicht steh'n! Und da kleben sie es ja auch nur an, wenn sie nicht wissen, wer's war ...«

»Die Polizeiwache ist jleich querüber!« Die Quartiermutter klapperte mit Löffeln und Untertassen. »Dort müssen Sie sich melden! Die Brieder behalten sie jleich da ...«

»Lassen Sie doch die dummen Witze!« Bernd Vollbrecht griff nach Hut und Mantel. »Morgen!«

»Eben is der Kaffee fertig!«

»Ach, schlabbern Sie Ihre Zichorie alleine! Der Ribbentropp schnarcht noch! Sagen Sie ihm, ich hätte weggemußt – in die Tölzer Straße!«

Dort klingelte der Studiosus Vollbrecht, atemlos vom Laufen und Treppensteigen, bei der Pension »Alpenrose«. Er wußte: Meistens öffnete der nächste beste, der sich gerade innen in der Nähe der Türe befand. Er war finster entschlossen, sofort seinen Stiefelabsatz in den Spalt zu klemmen, damit man sie ihm nicht gleich wieder vor der Nase zuschlug. Aber die fremde junge Dame, die ihm aufmachte, schaute ihn sehr friedlich an. Sie war groß und auch jetzt, in einem verschnürten alten Herrenschlafrock, beängstigend schlank. Ein Papyrosstummel glimmte schief in ihrem nervösen, fremdartig-hübschen, nicht mehr ganz jungen Gesicht. Sie hatte, trotz des genial unordentlichen, aschblonden Haargewirrs, die Haltung einer Frau von Welt. Sie frug gähnend, zwei Finger, mit der Zigarette dazwischen, vor dem Mund:

»Be–libben?«

»Ich muß Fräulein Büttner sprechen!« Bernd Vollbrechts Fuß schob sich schnell zwischen Tür und Schwelle.

»Büttner ...? Wie sieht sich Büttner aus? ... Zierlich? Dunkel? Hübsch? ... Oh – schwarzes Kätzchen aus Sebastopol? Ich weiß sie ...« Die Russin drehte belustigt ihren zigeunerhaft biegsamen Oberkörper in der Richtung nach Lujas Tür.

»... Hören Sie Geschrei?« Sie fegte sich plastisch mit den langen aristokratischen Fingern durch ihre krause, edelgelbe Mähne. »Büttner bekommt Kopf gewaschen ... von Verwandten – weil kleiner Windhund nachts nicht nach Haus gekommen ... Erst vor halber Stunde! Seitdem große Szene! ... Ich höre zu ... Ganze Pension hört zu ... Tut mir leid – armes Büttner!«

Die Stimme der Kusine Lisa Altschüler war schon für gewöhnlich tief und stark. Jetzt hallte ihre Strafpredigt so schallend durch die geschlossene Tür, daß niemand innen das Klopfen des Jungmanns vernahm. Er klinkte kurzerhand auf und trat ein. Er hörte gerade noch aus dem Munde der Base den entrüsteten Satzschluß:

»Ein feiner Kavalier, der dich zum Souper einladet, und, wenn die Kronsoldaten das saubere Nachtasyl stürmen, sich heimlich drückt! ... Und wo ist er geblieben?«

»Gott weiß es!« sagte die Kleine trotzig. »Ich glaube, mit anderen Ausländern zum Fenster hinaus! Auf der Polizei war er jedenfalls nicht mit!«

»Aber du.«

»Kann ich dafür, daß man mich hinbrachte? Übrigens – man hat uns fein im Auto kutschiert! Es kostete nichts. Die Spazierfahrt zahlten uns die Deutschen aus ihrer eigenen Tasche.«

»Schämst du dich denn nicht?« Die sonst so stille Frau Altschüler schnaubte sich geräuschvoll vor Kummer.

»Wie soll ich, Tantinka? Ich habe nichts getan!«

»Erst im Chambre séparée – dann im Nachtarrest!« lispelte bitter der schattenhafte, verwitterte Oheim Altschüler, der einstige Apotheker aus Cherson. »Es ist weit mit dir gekommen, Luja!«

»Ich leide, was Gott schickt! Mein Gewissen ist rein!« Die kleine Büttner zuckte verächtlich die Achseln. Sie stand wachsbleich, noch in Mütze und Mantel, mitten im Zimmer und inmitten der Empörung ihrer Verwandten. Die Base Lisa rang die derben Hände.

»Also ein Unschuldsengel! Und kommt dabei schnurstracks aus dem behördlichen Gewahrsam!«

»Nun eben! ... Hätte ich was ausgefressen, so hätte mich der Stadthauptmann doch nicht laufen lassen!«

»Sei nicht noch schnippisch!«

»So aber – – Man wollte meinen Paß haben! Als ich sagte: Ich verdiene ehrlich mein Salz und Brot als Musikantin. Ich bin elternlos ... mit Lebensgefahr aus Rußland entronnen ... von deutscher Abstammung – da wurden sie freundlich. Sie schrieben meinen Namen und meine Adresse auf ...«

»Vorhin haben sie sich telephonisch vom Alexanderplatz erkundigt, ob sie wirklich hier wohnt!« ächzte Frau Mickott, die Pensionsinhaberin.

»... und wie sie das wußten, sagten sie: Pascholl, kleines Fräulein! Aber lassen Sie es sich zur Lehre dienen! Krauchen Sie lieber künftig abends in die Klappe statt in die Nachtdielen! Und ich machte eine Verbeugung und bedankte mich und fuhr mit der Straßenbahn hierher! Gut! ... Und nun geht! Ich will mich waschen!«

»Und die Nacht – was hast du denn die ganze Nacht auf der Polizei getrieben?« grollte Lisas Altstimme.

»Nun – es war ganz nett!« Die kleine Lautenspielerin warf geringschätzig das feine, dunkle Köpfchen zurück. »Wir saßen alle eng beisammen auf Holzbänken und schliefen aneinandergelehnt und erzählten uns dazwischen was – es waren da Menschen aller Völker – Herren und Damen – jeder hatte schon irgend etwas erlebt! Jeder wußte etwas zu melden!«

»Das kann ich mir lebhaft vorstellen!« eiferte zornmütig die Galoschenverkäuferin. Die blechern-brüchige Fistelstimme ihres Vaters hüstelte unter dem schütteren Graubart.

»Konnte man in der guten alten Zeit je so etwas träumen: Eine Bürgertochter auf der Polizei?«

»Rief ich die Polizei?« Luja Büttner streckte erbittert den Zeigefinger nach der offenen Tür aus. »Da ... da steht Gritsch auf der Schwelle! Fragt doch Gritsch! ... Gritsch ist der allein Schuldige! ... Dieser Heilige hat heute nacht die allgemeine Unordnung verursacht! Gestehen Sie, Gritsch: Haben Sie den ›Monrepos‹ der Behörde angezeigt?«

»Ich tat es!« sagte der Mennonit.

»Hört ihr? ... Erst ließ er mich dort allein, der tapfere St. Georg ...«

»Ich rannte nach den Stadtsoldaten, um Sie zu retten, Luja, solange es noch Zeit war! Denn Sie saßen da, wo geschrieben steht: ›von Gottlosen kommt Untugend‹! ...«

»... dann lieferte er mich auf die Polizeistube, der fromme Herr ...«

»... wo Sie in Sicherheit waren! Geschützt gegen sich selbst!« sprach der Taufgesinnte.

»Danke! Aber es geschieht mir ganz recht!« Luja Büttner maß den Schafzüchter aus der Nogaischen Steppe mit zornfeuchten Augen von Kopf bis zu Fuß: »Warum nahm ich auch ein Kind wie Sie, Gritsch, der nichts von der Welt versteht, mit in den ›Monrepos‹?«

»Auf einen wahren Tanzplatz der Teufel!« sagte Paul Gritsch. »Ich deutete Ihnen an, Fräulein Altschüler, was ich mit eigenen Augen da sah ... Diese Flortänzerinnen ... fast ohne Flor ...«

»... und du ganz kreuzfidel mittenmang in dem Familienfreibad! Am liebsten möcht' ich dir eine 'runterhauen!« Die lange, rüstige Kusine Lisa vollführte einen handgreiflichen leeren Luftschwung mit der kräftigen Rechten. »Aber künftig hat's mit dem Soupieren in Herrengesellschaft geschnappt! Das sage ich dir im Guten! Da passe ich jetzt auf!«

»Wie denn? Ich werde tun, was ich will!« sprach die Kleine störrisch.

» ... Reizend ... Und dich womöglich wieder mit solch einem Ritter ohne Furcht und Tadel treffen?«

»Mit demselben Herrn wie gestern.« Lujas Gesichtchen war patzig und böse. »Ja – sperrt nur die Augen auf... Das werd' ich! Ich bin mündig ...«

»Und dabei Kinstlerin!« pflichtete von der offenen Schwelle die dünne, aschblonde Russin bei, die vorhin Bernd die Türe geöffnet. »Kinstlerin ist freier Voggel! Ich bin auch!«

»Das heißt: Tanzen tun Sie ... Nachts ... im Kabarett!« rief die robuste Altschüler mit tiefer Stimme.

»Muß lebben! Früher nicht! ... Bin Gräfin ...«

»Das sagt jede von euch, die aus Rußland kommt – wenn sie sich nicht gleich Fürstin schimpfen läßt!«

»Aber in diesem Fall – ich kenne doch, noch von Petersburg her, hier die Gräfin Borissowski!« Der greise, feine Kollegienrat Constant von Kabisch steckte, vom Lärm herbeigelockt, neugierig den weißen Spitzbart in das Zimmer. »Ihr Vater war kaiserlicher Hofmeister!«

»Gofmestr! Beim Zaren!« nickte die Russin.

»Na meinetwegen! Aber jedenfalls geht Sie das hier den Kuckuck was an, Fräulein Gräfin ... Ich habe hier nur mit meiner Kusine Luja zu schaffen ...«

»Abber ich fiehle Mitgefiehl mit armes Büttner!«

»Und dir, Luja, sage ich kurz und bündig: Ich bin eine kernsolide Person! Ich habe keine Lust, mit einem leichtsinnigen Lebejüngferchen mein Zimmer zu teilen! Also, wenn du hier bei mir bleiben willst, unterwirfst du dich von jetzt ab meiner strengen Aufsicht!«

Die kleine Büttner antwortete gar nicht. Sie kniete verbissen nieder, zerrte aus einem Kommodenwinkel einen vermotteten Reiseplaid und fing an, die paar Habseligkeiten, die sie sich in Berlin in diesen Tagen gekauft, in ihn hineinzuknoten. Die Base guckte verdattert, die Hände in den Hüften, zu ihr hinab.

»Was soll denn das, du Zigeunerin – he?«

»Wo man mich jagt, da gehe ich!« sprach die Kleine böse und packte weiter. Schwammbeutel, Zahnbürste, Kamm waren schon verschwunden.

»Falls Sie wirklich aus der ›Alpenrose‹ ausziehen, Luja ...« Der Taufgesinnte beugte sich über ihren schwarzen Scheitel. »Lassen Sie mich Sie in ein christliches Heim bringen!«

Die zierliche, brünette Schönheit am Boden sah nicht auf, sondern tat nur nach hinten einen ungeduldig scheuchenden Luftstoß mit dem Fuß. Sie wickelte ein dünnes Taschenalbum, das nur Photographien ihres Mischa enthielt, in ein Stück Zeitungspapier und verstaute es sorgsam in dem behelfsmäßigen Rucksack. Von der Türe her dröhnte der cholerische Baß des Pensionsvaters, des Nishny-Nowgoroder Bierbrauers Andreas Mickott:

»Überlegen Sie sich's, Fräulein Büttner! Ich hab' sonst kein Loch für Sie frei! ... In das große Eckzimmer, aus dem Herr Wetzel und seine Familie gestern nach Rußland zurück ist, ist heute früh die Gräfin Borissomski eingezogen ...«

»Gutt! Kleine macht Musik für Brot. Ich mache Tanz für Brot!« Die Russin ging, lässig den aschblonden, hübschen, blassen Wirrkopf wiegend, nach dem Feldbett in der Ecke. »Ist dieses Nachthemd Ihriges? Habben wir alles? Karaschô! Kommen Sie! Kind zieht zu mir!«

»Luja!«

»Kind darf bei mir machen, was es will! Kinstlerin braucht weite Brust ...«

»Sie fehlen meiner Nichte gerade noch!« weimerte der alte Apotheker aus Cherson, der wie die Mumie eines Mannes, fröstelnd, die Hand der Lebensgefährtin in der seinen, auf dem Sofa kauerte.

»Serr weite Brust!« Die Borissowski umschrieb mit einer tänzerisch malerischen Rundung ihrer dünnen Arme den Spielraum einer Kunstpriesterin. »Kind kann jedden Abend mit Ritter St. Georg soupieren! Beifall!«

»Du wirst den Kerl nicht mehr zu Gesicht kriegen!« Der Studiosus Vollbrecht trat rauh und entschlossen aus der Ecke an der Tür vor, wo er die ganze Zeit gestanden – wohl bemerkt von Luja – das hatte er gesehen – aber ohne daß sie ihn bisher ihrer Veachtung gewürdigt hatte. Jetzt fuhr sie plötzlich auf ihn los wie eine gereizte Katze.

»Du schweige! ... Oh ... Du schweige! Du bist an dem ganzen Unheil schuld! Nicht Gritsch! Was will man von Gritsch erwarten? Es war mit Gritsch – mein Fehler! Warum beging ich ihn? Weil du nicht hast mitkommen wollen, Bernd!«

»Du weißt wahrhaftig, warum ... !«

»Du hast mich elend sitzen lassen ...«

»Wir beide wissen mehr als die anderen im Zimmer, Luja!... Gott hat es noch gnädig gefügt!«

»Nun – sehen wir weiter!« Lujas zarte, nervöse Züge zuckten spöttisch in einem kalten Fieber. »Noch ist nicht aller Tage Abend!«

»Doch! Jetzt ist Schluß! Ich werde Schluß machen!«

»Gehe doch! Dich braucht man nicht mehr!«

»Ja – ich gehe jetzt auf der Stelle zu dem Kerl ... Er hat mich ja schon lange genug um einen Besuch gebeten ...«

»Nun ist die Visite nicht mehr nötig!«

»... und rede 'mal deutsch mit ihm! Aber feste! ... So, daß er dich künftig in Ruhe läßt, oder er hat's eklig mit mir zu tun ...«

»Mische dich nicht in meine Dinge!« schrie Luja.

»Ich werde dem Kunden 'mal frisch vom Faß die Wahrheit verzapfen! Das wird ihn schon kurieren!«

»Bernd ...« Luja Büttner rannte dem Studenten auf den Flur nach. Ihr Gesicht war von Todesangst verzerrt. »Bernd ... Du hast mir geschworen, daß du kein Wort von dem weitersagst, was ich dir in der Diele gestern ...«

»Das Geheimnis von ›Onkel Toms Hütte‹ werde ich nicht verraten!« sprach Bernd Vollbrecht zwischen den Zähnen und blieb stehen. »Darauf kannst du dich verlassen: Von dir – und was du vorhattest – kommt keine Silbe über meine LippenI Ich rede mit Ssilin nur von mir aus – als Mann zu Mann – laß gefälligst meine Hand los ... Du wirst mich nicht halten ... zwick' nicht so, zum Donnerwetter ... Na also ... Adieu ...«

Er hatte sich ungestüm aus dem nervösen Gekralle der kleinen Finger losgerissen. Er stürmte durch die Tölzer Straße, sprang auf die Elektrische, vor dem Brandenburger Tor in voller Fahrt wieder ab, nahm am Königsplatz im Laufschritt die hallenden Steintreppen des verlassenen altpreußischen Palais, von dessen verstaubten Kalkwänden die Krieger des großen Fridericus in Zopf und Dreispitz auf ihn niederschauten, und klingelte heftig oben am Kontor der »Nowaja Rossija«.

»Zu Gospodin Ssilin? ...« Ein einfacher, bärtiger Mann mit flachsfarbenem Langhaar und vorstehenden Backenknochen musterte düster den Besucher, den Schmelke Machalles, der kränklich-bleiche junge Galizier, in den Vorraum geführt. »Wer sind Sie?« ... Er ging aus dem Russischen in hartes Deutsch über. Er erhob sich schwerfällig und öffnete selbst die Nebentüre: »Belieben Sie!«

»Wen bringst du da, Uhkeneek?« frug innen eine Stimme, rauh wie ein Reibeisen, und kippte plötzlich geläufig in ölglatte Fisteltöne um. »Sie, lieber Vollbrecht! Endlich schickt Sie Gott! Eben noch dachte ich an Sie und wodurch ich wohl Ihre Gunst verscherzte, daß Sie gestern nicht meiner Einladung in das ›Monrepos‹ folgten! Bitte – nehmen Sie Platz, mein Bester? ... Zigarren ... ? ... Papyros? ... Hier!«

Serge Ssilin bot, allein mit seinem Gast, eigenhändig Feuer. Er drückte ihn an den Schultern in den Klubsessel, er setzte sich ihm verbindlich lächelnd, mit übergeschlagenem Bein, gegenüber. Er blätterte geschäftig, die wimperlosen, gläsernen Augen halb zukneifend, in ein paar Papieren, hob den plumpen, rötlichen Stoppelschädel und begann schnell und herzlich:

»Werden Sie glauben, daß ich gerade nach Ihnen schicken wollte? Ich brauche Sie dringend, mein junger Freund! Ich versprach Ihnen, Sie bei mir zu beschäftigen! Nun – hier bietet sich Ihnen die schönste Gelegenheit: Eine kleine Spritztour nach dem Osten!«

»Ja ... nach dem Osten ...« Ssilin wiederholte es langsam, in kaufmännische Gedanken versunken, und prüfte stirnrunzelnd das Notizblatt in seiner ungeschlachten Rechten. »Es ist da ein Handelsabschluß zu betätigen! Niemand darf wissen, daß ich dahinter stehe! Es muß ein junger Mann als Scheinkäufer auftreten, den niemand kennt – ein Deutscher ... Sie erhalten Paß und Vollmachten ... Sie finden in Radsiwillischki – Sie kennen den Ort ... ?«

»Der Eisenbahnknotenpunkt in Kurland ... Ich war im Krieg dort ...«

»Richtig! Sie finden da, am Bahnhof, meinen örtlichen Vertrauensmann! Sie fahren mit ihm weiter! Er wird Ihnen sagen, wohin! Sie erfahren durch ihn alles Nähere! Also treffen Sie schleunigst Ihre Vorbereitungen, mein lieber Vollbrecht! Noch heute, mit dem Nachtschnellzug, müssen Sie reisen! Nun – warum sehen Sie mich so streng an? Warum legen Sie die Zigarette ungeraucht beiseite?«

»Herr Ssilin: Ich kann nicht in Ihre Dienste treten!«

»Wie das?«

»Ich möchte überhaupt völlig aus Ihrem Gesichtskreis verschwinden!«

»In der Tat?« Aus dem schläfrigen Antlitz drüben zuckten zwei stechende Strahlen zwischen halbgeschlossenen Lidern. Sonst schliefen die grobschlächtigen Züge still wie ein Sumpf.

»... und ebenso ist es mein Wunsch, daß Sie unter keinen Umständen weiter meinen Lebensweg kreuzen ...«

»Gibt es etwas Unbedeutenderes für mich als Sie und Ihr Dasein?« Die plumpe Hand drüben machte eine verächtliche Bewegung, als scheuchte sie eine Fliege.

»Mag sein! Aber ich gehe meinen Weg nicht allein. Ein junges Mädchen geht ihn mit mir, die, sobald es die Umstände gestatten, meine Frau werden soll. Auch dieses Mädchen wird künftig für Sie nicht mehr existieren, Herr Ssilin!«

Der Mann aus dem Osten wurde nicht zornig. Das weiße Wolfsgebiß lächelte. Der Student fuhr fort:

»Ich will mich möglichst – höflich ausdrücken, Herr Ssilin! Aber ich möchte auch kein Mißverständnis übriglassen! Also – kurz und bündig – und ein- für allemal mit aller Deutlichkeit gesagt: Dies junge Mädchen gehört mir! Mir allein! Daran lasse ich nicht tippen!«

Er machte eine Pause und wartete auf Antwort. Aber Serge Ssilin schwieg und hörte neugierig zu. Der junge Mann holte Atem und sprach weiter:

»Sie wissen nicht, welchen ungeheuren Dienst ich Ihnen – gerade Ihnen – mit meiner kategorischen Forderung erweise, künftig von der Luja zu lassen! Sie würden starr sein, wenn Sie das Nähere hörten! Aber ich schweige darüber! Ich erkläre nur: Ich bin für die Luja verantwortlich! Ich kann das nicht mitansehen, daß Sie das unerfahrene Ding in Lokale schleppen, wo sie weiß Gott nichts zu suchen hat – ach – reden Sie doch nicht – das ›Monrepos‹ ist 'ne aufgelegte, polizeiwidrige Lotterbude – das weiß jeder Waisenknabe am Kurfürstendamm!«

Der Inhaber des Handelskontors »Nowaja Rossija« paffte seelenruhig seine Havanna und sprach keinen Ton. Er nickte nur, als wollte er den andern aufmuntern, weiter sein Herz auszuschütten. Dem stieg beim Reden das Blut in den blonden Hitzkopf. Aber er versetzte immer noch leidlich verbindlich:

»Und daß Sie dann, wie die Polizei anturnte, das dumme Mädel einfach in der Patsche sitzen ließen und unter dem Schutz der Dunkelheit einen strategischen Rückzug durch das Fenster antraten – das, geben Sie selbst zu – das war doch nicht gerade schön! Na – das ist ja nun geschehen! Es darf sich nur nicht wiederholen! Und deswegen richte ich die ganz energische Bitte an Sie, Herr Ssilin – Es gibt ja Damen genug in Berlin – solche und solche – warum soll es denn gerade die arme Luja sein, die sich gar nichts aus Ihnen macht? – Also – nicht wahr – künftig lassen Sie meine Braut, Fräulein Luja Büttner, ungeschoren?«

Serge Ssilin lachte letzt breit. Er saß gemächlich, die Hände in den Hosentaschen, die langen Beine weit ausgestreckt.

»Und die erste Voraussetzung dafür, Herr Ssilin, ist: Sie kommen künftig nicht mehr in den ›Kolokól‹. – Mit keinem Fuß mehr! Sie sind bereit, mir das zu versprechen?«

Serge Ssilin gähnte.

»Ich werde jetzt gleich dem Baron ins ›Kolokól‹ telephonieren lassen, daß er dich wegjagt!« sprach er gleichgültig ... »Lauf nicht erst noch mal hin! Man wirft dich vor die Türe! Man hat schon einen andern Kellnerburschen eingestellt, wenn du kommst ...«

»Was ...? ... Was unterstehen Sie sich?« Der Student erhob sich. Er war noch ganz verwirrt. Der drüben blieb kaltblütig sitzen. Nur sein Zeigefinger mit dem dicken Siegelring wies nach der Türe.

»Hinaus jetzt mit dir ...!«

»Sind Sie übergeschnappt?« Der junge Mann sprang zornzitternd auf Serge Ssilin zu. Der zwinkerte ihn von unten an und sprach, zerstreut mit der linken Hand nach einer Zeitung greifend:

»... und untersteh dich nicht, mich noch einmal zu belästigen, indem du dich zwischen mich und das Fräulein aus Sebastopol drängst! Dann setzt 's was – verstanden?«

Der Student zielte blindlings mit der Faust nach dem verächtlich grinsenden Urwaldgesicht drüben. Serge Ssilin wich emporspringend, federnd gewandt dem Hieb aus, stand aufrecht, riß die Hand aus der Tasche – einen Revolver mit – hielt ihn blinzelnd und schußbereit vor dem rechten Auge.

»Sieh dich um!« murmelte er.

Unwillkürlich tat es der Student. An der offenen Türe zum Nebenzimmer stand, ebenso mit erhobener Pistole, der finstere Lette Jakob Uhkeneek und, ebenso geräuschlos eingetreten, noch ein zweiter Schatten Ssilins, die Mündung der Waffe auf den Eindringling gerichtet.

»Eine Bewegung, du frecher deutscher Hofjunge,« sprach Serge Ssilin, »... und du wirst niedergeschossen! Wir sind in der Notwehr ...«

Bernd Vollbrecht blickte bleich vor Wut von einem zum andern. Überall die kleinen, runden, schwarzen Mäuler der Revolver...

»Pascholl ...« gebot es von drüben barsch.

Er fuhr sich in die Tasche ... Aber er wußte ja. Da stak keine Waffe ...

»Pascholl! Oder ich lasse dich die Treppe hinunterwerfen!«

Im Vorzimmer standen, aus einem Nebengemach erschienen, noch ein paar Männer mit feindselig erwartungsvollen Mienen. Der stud. Vollbrecht wandte sich ab.

»Das sollen Sie mir büßen!« sagte er halblaut zu Serge Ssilin – weiter nichts – und ging.

Vom Fenster schaute der Mann aus dem Osten dem jungen Deutschen nach, wie er, kampfbereit in den Schultern gereckt, den Kopf im Genick, die Fäuste der schlenkernden Arme geballt, über die Straße eilte.

»Schade ...« murmelte er.

Jakob Uhkeneek neben ihm schwieg. Nach einer Weile die rauhe Stimme des anderen:

»Ich wäre ihn so bequem losgeworden ... für alle Zeit ...dort hinten... Es wäre nicht der erste, den ich nach dem Osten geschickt habe und der nicht wiederkam ...«

Sein Vertrauter nickte stumm und zuckte die Achseln.

»... Der Bursche wird mir womöglich hier noch Scherereien machen, Uhkeneek!«

»Nicht er allein!« sprach der Vertraute dumpf. »Es nähert sich von verschiedenen Seiten durch den Wald! Sie sind wie ein Wolf mitten im Treibjagen ...«

»Auch ich höre Äste knacken! ... Dieser Petersburger Knjäs – dieser Wolski.« Serge Ssilin wandte sich langsam in das Innere des Büros zurück. »Ich glaube, Uhkeneck, ich verlasse lieber in den nächsten Tagen still Berlin...«

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