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Hexenkessel

Rudolf Stratz: Hexenkessel - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/stratz/hexenkes/hexenkes.xml
typefiction
authorRudolph Stratz
titleHexenkessel
publisherAugust Scherl G. m. b. H.
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1927
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080909
projectid2cc64912
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11

Bernd – hast du Wanzen?« grollte es im Dunkeln aus der eisernen Bettstelle des cand. ing. Ribbentropp.

»Wieso ...? ... Warum ... Inwiefern?« Der stud. agr. Vollbrecht setzte sich verstört im Bett auf.

»Na – du schmeißt dich in der Klappe hin und her und stöhnst ganze Arien im Schlaf! Da kann ja kein Christenmensch pennen ...«

»Findest du's auch so blödsinnig heiß hier, Paule? ...«

»I wo! ... Kalter Muff ...«

»So dicke Luft ...? und Stockfinsternis ...? ... Es nimmt einem ordentlich die Puste ... Ich hab' ein Gefühl: Irgendwas ist um einen los ... Rußland ist los ... Paule! ... Auf mich losgelassen ...«

»Schlaf, Kindchen – schlaf!«

»Irgend etwas steht morgen bevor ...«

»Uah! ... Gib jetzt Ruhe, Kerlchen! ... Es ist zwei Uhr nachts ... Ich muß morgen in aller Herrgottsfrühe ins Polytechnikum.«

Die beiden, der Türsteher und der Weinkellner aus dem »Kolokól« – verstummten. Es war überall still in den Dachkammern der Mutter Peereboom. »Die Lisa ist ein Hauptkerl!« murmelte der Riese Ribbentropp noch einmal träumerisch beseligt vor sich hin. Dann versank er in den bleiernen Unschuldsschlaf eines Säuglings in der Wiege.

Aber sein Stubenbursche, Bernd Vollbrecht, lag wach und schaute mit offenen Augen in das Pechschwarz der Nacht ... Eine Erinnerung aus dem Krieg. Der sonderbare Schauer der Front ... Rings rührt sich nichts und doch der Russe ganz nah ... ganz nah ... Man kann ihn gehen hören ... drüben ... auf den Fußspitzen über die Bodenbretter seines Schützengrabens ... Man hört ihn raunen ... Nein: das sind die Zimmernachbarn. Das gräfliche Steptänzerpaar: Marmoll und Macca. Sie kolken in ihrer böhmischen Muttersprache. Sie, die Gräfin, flennt wieder leise. Das tut sie jede Nacht. Sie zählt ihr Geld: jedenact – dwanact – patnact ... Das tut sie auch jede Nacht. Davon wird es auch nicht mehr. Im Gegenteil: jeden Tag weniger ...

Was will nur Rußland von mir ...? Der blonde deutsche Landwirt Vollbrecht hört sein Herz hämmern ... Ausgerechnet von mir? Einem harmlosen jungen Kerl wie tausend andern? ... Und ich komme von Rußland nicht mehr los! ... Ich habe mich selbst, durch mein Ehrenwort, an dies geheimnisvolle Rußland, hier mitten in Berlin, gekettet ...

Jetzt wird es auch in der Mansarde zur Linken lebendig. Die beiden Kellnerinnen, die da hausen, kehren nach vollbrachtem Tagewerk heim. Eine melodische Mädchenstimme zur andern:

»Sagt der olle Potsdamer: ›Ich bin nämlich fremd hier, Fräulein!‹ Und ich zu ihm: ›Det wußt' ich jar nicht, daß ihr in Dalldorf auch unter der Woche Ausgang habt!‹ – Na – und so kamen wir ins Jespräch ...«

Die Luja ... Die süße, kleine Luja ... Wenn man nur zusammen ein Häuschen hätte – auf dem Lande – ein bißchen Acker und Wiese ... Aber es ist etwas mit der Luja ... Etwas, was sie nicht sagt ... Man ahnt nur Unbestimmtes ... Sie kommt aus dem ungeheuren, roten Weltbrand im Osten. In ihren Augen ist manchmal etwas vom Osten ... von roten Rätseln ... von Feuer in der Nacht ...

»Dwacet – padesát.« ... Zwanzig ... Fünfzig ... Gestern waren es noch zehn Schweizer Franken mehr ... Arme gräfliche Tangotänzerin drüben ... Man hört sie weinen – ihren Mann, den schwindsüchtig-hageren, glatzköpfigen Gent, husten ... Ach ja, Kinder: das Leben ist lausig ...

Ach wo! Das Leben ist lustig! Man muß nur mitten durch den Dreck, daß er spritzt ... Der Student schloß lächelnd die Augen ... Die Luja an der Hand ... wir kommen schon durch ... und drüben, auf der anderen Seite, hoch ... Und die Sonne scheint ... und dieser ganze russische Alpdruck war ein Traum ...

Bernd Vollbrecht schlummerte ein. Er hörte noch im Halbschlaf durch die Türe links den Bericht der Schankmaid: »Nu fragt mich der olle Affe: ›Lieben Sie mich?‹ – ›Na – selbstmeckernd!‹ sage ich. ›Bei mir: Hagenbeck!‹« Der Jungmann vernahm nichts mehr. Er atmete tief und schwer. Unruhig ... Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen ... Immer wieder Halbasien drüben, das man vom Krieg her kennt. Immer wieder die Gestalten Halbasiens ... Ein krauser Wirrwarr. Ein Geistertanz. Aber was da schattenhaft durcheinanderhuscht, ist immer irgendwie Serge Ssilin oder hat etwas mit Serge Ssilin zu tun ... Die Berührung einer schweren Hand an der Schulter. Der stud. Vollbrecht fuhr auf. Die Dachkammer war taghell. Das Bett des Freundes Ribbentropp drüben leer. Aber hier, vor dem zweiten Bett, stand ein fremder, glattrasierter Herr mit Hornbrille und Schlapphut, die Aktenmappe unterm Arm, gut bürgerlich wie ein Buchhalter oder Geschäftsreisender gekleidet. Die lange, kolbige Nase – die weißen Zahnreihen zwischen den aufgeworfenen, breit-brutalen Lippen – das borstenartig aufstehende rötliche Haar über den fast wimperlosen, gläsern graublauen Augen – Bernd Vollbrecht kannte dies Gesicht. Kein Lächeln auf dessen grobkantigen Zügen. Eher eine lauernde Drohung um die verkniffenen Mundwinkel.

»Herr Ssilin ...«

»Ja – wie denn? ...« Der hagere, knochige, heute viel schlichter als sonst angezogene Halbrusse rüttelte in kaum gezügelter Wut und Ungeduld den Langschläfer am Arm. Barsch wie der rauhe Griff seiner plumpen Hand polterte sein heftiges, hartes Deutsch. »Wachen Sie auf! ... Erzählen Sie! Was soll das bedeuten? Man bestellt Sie! Man erwartet Sie! Sie kommen nicht! Sie lassen nichts von sich hören ...«

»Heute vormittag wollte ich ganz bestimmt zu Ihnen, Herr Ssilin!«

»Und wer sagt Ihnen, daß ich noch Lust habe, Sie überhaupt zu empfangen!« Serge Ssilin wendete sich mit einem moskowitisch hochfahrenden Schulterzucken ab. Er zündete sich, zwischen den breiten, kurznägeligen Fingern, eine Papyros an. Er murmelte paffend geringschätzig, kaum hörbar, durch die hohle Hand: »... Wer sind Sie denn? Machen Sie es sich klar: Sie sind für mich ein Sperling auf der Straße ... ohne jede Bedeutung ...«

»Dann wären Sie doch nicht schon früh am Morgen die Hühnertreppe zu mir 'raufgeklettert!« Der Student sprang kampflustig mit beiden Beinen aus dem Bett und fuhr in seine Kleider. Serge Ssilin drehte ihm wieder den länglichen Kopf mit den großen, abstehenden Ohren zu. Er lachte. Er sah unheimlich aus – trotz der schmiegsamen, plötzlich beinahe unterwürfigen Biegung des Oberkörpers.

»Kann man Ihnen denn gram sein?« sprach er leicht und liebenswürdig. »Sie sind ein Kind. Sie wissen nicht, was Sie tun! Sie brachen Ihr vorgestriges Versprechen ...«

Nicht nur vorgestern ein Versprechen ... Bernd Vollbrecht hörte, während er, den Schnürschuh in der Hand, dasaß und schwieg, das Sturmläuten seiner eigenen Gedanken im Ohr: ... Du hast gestern dein Ehrenwort gegeben – zweimal hintereinander – nachmittags und abends – Luja mit Ssilin bekanntzumachen – Dein Ehrenwort mußt du heute einlösen ...«

»Sie spielen mit Ihrer Zukunft, junger Mann!«

... Und was wird aus den Eltern – aus der Schwester – den Vertriebenen – den Gestrandeten – die ihren letzten Zufluchtsort, das Zimmer drüben bei der Geheimrätin, räumen müssen, sowie der kranke Nigger Samuel Congo sich wieder Berlin bei Nacht um die Ohren schlagen kann?

»Sie denken nicht an Ihr Lebensglück, Herr Vollbrecht – Ihres und das jener jungen Dame – das zu schaffen in meiner Hand liegt ...«

Eine Vision plötzlich – eine lächerliche Vision: Der unheimliche Mann vom Osten mit der Hornbrille auf den vierschrötigen Zügen ist plötzlich ein zottiger, aufrechter Tanzbär aus dem russischen Birkenwald. Ein süßer, schwarzer, kleiner Kobold macht ihm eine lange Nase und führt ihn am Nasenring im Kreis und läßt ihn stehen, und läuft ihm lachend davon, Hand in Hand mit dem Studiosus Bernd ...

Serge Ssilin näherte sich und zupfte den jungen Kellner vom »Kolokól« wohlgelaunt am Ohr.

»Ich hätte allen Grund, verstimmt zu sein!« Ein kurzer Handwink in die leere Luft hinaus, dessen Leichtigkeit wieder den Weltmann verriet. »Es lohnt nicht der Mühe! Lassen wir es! Ich bin bereit, Ihnen Ihre Nachlässigkeit noch einmal zu verzeihen! ... Ich bin heute den Tag über in Geschäften von Berlin abwesend. Deswegen kam ich vorher noch bei Ihnen vorbei, um Ihnen die Sorge über meine Stimmung zu benehmen!«

»Ich danke Ihnen, Herr Ssilin!«

»Nun – für heute Abend ...,« Serge Ssilin verfiel in einen vertraulichen Plauderton, »richten Sie meinen Tisch im ›Kolokól‹«

»Sehr wohl!«

»Man wird pünktlich da sein ...« Der Leiter des Handelskontors »Nowaja Rossija« nickte liebenswürdig und beugte sich lauernd und lächelnd etwas vor. »Man wird sich erlauben, Ihrer reizenden Braut in dem Balalaika-Orchester die kleine Hand zu küssen.« Er hob die Schultern und spreizte, mit einer entschuldigenden Geste, wie ein Angeklagter vor Gericht, die flachen Handteller. »Was wollen Sie: Ich muß euch doch kennen lernen, wenn ich euch helfen soll! Und dies letztere ist, vor Gott, meine Absicht! Ich überweise Ihnen bei mir eine Stellung, mein lieber Vollbrecht, auf die hin Sie sofort mit Ihrer kleinen Freundin vor den Priester treten können!«

»Ich ... ich ...« Der junge Deutsche hatte sich völlig angekleidet und ging aufgeregt durch das Dachzimmer, bis er mit der Stirne an die Deckenschrägung anstieß. »... Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen meine Gefühle ausdrücken soll ...«

»Nur darf natürlich ...,« Serge Ssilin warf gleichmütig den Zigarettenstummel hinter sich auf den Boden, »darf natürlich das Fräulein – wie heißt sie doch gleich? – aha: Fräulein Büttner ... darf also Fräulein Büttner mir die Hand, über die ich mich respektvoll beuge, nicht, in irgendwelcher Laune, entziehen!«

»Seien Sie unbesorgt ...« Der Student lachte kurz auf.

»Sie begreifen – solch ein Refus ... vor eurem Publikum da ...«

»Sie haben keine Ablehnung zu befürchten!«

»Sie sind dessen sicher, junger Freund?« Der Halbrusse blinzelte mißtrauisch durch die Spalten der zusammengekniffenen Lider.

»Luja Büttner freut sich, Sie kennenzulernen! Sie hegt den heißen Wunsch danach! Sie hat es mir selbst gesagt!«

»Nun – denn auf heute Abend! Bitte mein Kompliment Ihrer kleinen Göttin!« Ein herzlicher Händedruck des Mannes mit der Hornbrille. Er schritt eilig und lautlos auf Gummischuhen, mit langen Beinen zur Türe hinaus. Unten surrte ein Auto.

Gleich darauf riß der Student Vollbrecht seine Mütze vom Haken und rannte die Straßen westwärts bis zur Wohnung seines Freundes Alfred. Auf sein Klingeln öffnete eine junge Dame dann, eine Küchenschürze über dem Hauskleid, mit bloßen weißen Armen. Der Bruder musterte kritisch den hübschen blauäugigen Rotkopf und meinte:

»So wie du heute aussiehst, Vicke – da geht's! Gestern – nach der Nachtfahrt – warst du unter der Kanone!« Vicke Vollbrecht zeigte lachend die weißen Zähne. Sie blühte, ausgeschlafen und abgeseift, als Unschuld vom Lande. Ihr feuriges Haar war liebevoll gewellt. Auf der milchweißen, kaum merklich sommersprossigen Haut erschien eine sanfte Wangenröte.

»Wozu der Mensch eigentlich Brüder hat ...«, sagte sie weich. »Papa ist schon abgetrabt – Stellung suchen! Mama schläft noch! Ich betätige mich hier als Küchendragoner. Ich hab' schon Stiebel gewichst, Kaffee gekocht, Semmeln geholt, mit der Portierfrau Krach gekriegt ... Du willst zu Alfred? Alfred ist nicht mehr da ...«

»Alfred?«

»Nun ja ...«, sprach die Schwester harmlos. »Wir haben gestern abend beschlossen, uns Alfred und Vicke zu nennen. Er sagte, das sei in Berlin jetzt allgemein so, daß sich die jungen Männer und Mädchen duzen und gut Freund sind – statt der früheren Affigkeit und Zimperei! Und ob die alten Semester darüber Krämpfe kriegten – das sei total piepe! Alfred muß es doch wissen – nicht? Alfred ...«

»Na – weißt du ... du scheinst ja ...«

»Der Alfred ...« Ein schwärmerischer blauer Augenaufschlag drüben. »Du – hör' mal ... Der ist ja ein ganz wundervoller Mensch ...«

»Findest du ...?«

»Du kannst dir gratulieren, so jemanden zum Freund zu haben! ... hast du ihn auch in seinem ganzen Wert erkannt?«

»Ich werde dir gleich 'nen Kübel kaltes Wasser über deinen Rotkopf gießen ...«

»Wir haben uns gleich verstanden! Er hat es so tief in sich ... Es geht Wärme von ihm aus, Bernd!«

»Wärme? ... Es brennt!«

»Er ist eine so fein empfindende Seele – so recht für Frauen ... Da sieht man wieder, wie wenig man auf Äußerlichkeiten geben darf! Man kann Zähne ziehen und Würstchen verkaufen und dabei das edelste Gemüt von der Welt besitzen! Das ist dem Alfred sein Fall! Du glaubst nicht, wie geistig nahe wir uns gestern abend gekommen sind ...«

»Doch! Ich merk's ja ...«

»Lache nicht so gefühllos! ... Die Sache ist ernst! Sie hat auch ihre praktische Seite. Alfred meint, der Gedanke, mich auch als Gehilfin in einem zahnärztlichen Institut auszubilden, sei gar nicht so dumm! ... Das lerne sich mit Lust und Liebe bald ...«

»Na – an der Liebe scheint es ja nicht zu fehlen ...«

»... und ich sei ganz geeignet dafür, und die Laufbahn böte Aussicht auf baldige Anstellung – wo doch Papa einen Posten im hintersten Hinterpommern auf dem Kieker hat! ... Soll ich mich da mit vergraben oder mich hier in Berlin auf eigene Füße stellen! Der Mensch hat doch auch Pflichten gegen sich selbst! Das muß sehr, sehr überlegt werden, Bernd!« »Wollen wir auch, Schwesterken! Ich werd' mit dem Alfred reden! Mit dem Papa!«

»Ja – tu das!« rief die Vicke stürmisch.

»Du hast ja auch mich hier in Berlin zum Schutz ...«

»Ach ... Bernd. Du bist nett ...«

»Also darüber später mehr! Aber nun sei du auch 'mal nett und sause sofort in die Tölzer Straße 10! Du steigst an der Ecke in die Russenschaukel – das ist der Autobus mang den Kurfürstendamm. – Wenn Platz ist, dürfen auch Deutsche 'rein! Aber pass' auf! Es fahren immer ganze Klubs von Taschendieben mit – immer 'rauf und 'runter ...«

»Und in der Tölzer Straße?«

»Da dringst du in die Pension ›Alpenrose‹ ein – Herrenbesuche dulden die Kaffern da nämlich nicht – da findest du ein ganz entzückendes Mädchen ... natürlich nicht mit so 'ner Fuchstolle wie du, sondern ganz, ganz schwarz – und klein und zierlich wie 'ne Prinzessin in der Muschel ... Luja Büttner heißt sie ... Warum prustest du denn so heraus, du Schaf?«

»Dabei will er mir Wasser über'n Kopf gießen!« Die Vicke lachte, daß ihre blanken, blauen Augen feucht glänzten.

»Ja – na – das so wie so! ... Also der Luja sagst du, du seist meine Schwester, und es sei alles in Ordnung! Er käme heute Abend in den ›Kolokól‹!«

»Natürlich kommst du doch an deine Brotstelle!«

»Nein: Er!«

»Na – du bist doch ihr ›Er‹! Das sieht doch ein Blinder durch drei Ballen!«

»Vicke – sei nicht begriffsstutzig! Sonst darfst du nicht in Berlin bleiben, und es wird mit deinem Alfred Essig! Der, von dem du der Luja melden sollst – das ist ein anderer ›Er‹!«

»Um Gottes willen – sie hat doch nicht zwei auf Lager?«

»Das ist unser Wohltäter – verstehst du – ein Reichmeier aus dem Osten – 'ne Seele von 'nem Wollonkel – der sich freut, wenn die Liebe blüht wie junger Flieder. – Also, was soll ich dir sagen: Ohne den alten Knaben wären wir glatt aufgeschmissen – die Luja und ich! Der verschafft mir 'nen Posten für Frau und sieben Kinder! ... Du darfst beim ersten Pate stehn ...«

»Übergeschnappt!« sagte die Schwester.

»Heute hat er sich entschlossen! ... Deswegen erscheint er heute abend auf der Bildfläche... Die Luja weiß schon ... Du – da wirst du 'mal ein schönes Mädchen sehen ...«

»Danke!« sprach die Vicke mit einem Blick in den Flurspiegel.

»Und du sagst ihr – Er – verstehst du – Er – möchte sie heute abend persönlich kennenlernen und läßt sie schön grüßen! Die Luja wird springen und tanzen, wenn du ihr das erzählst! Pelle dich an, Vickchen! Trab! Trab! Ich hüte inzwischen hier für dich das Haus ...«

Vicke Vollbrecht stand in der Pension ›Alpenrose‹ vor der ihr gewiesenen Zimmertüre. Das Poltern einer rauhen Männerstimme innen übergrollte ihr Pochen. Sie wunderte sich. Also doch Herrenbesuch? Der Pensionsvater, der einstige deutsch-russische Direktor der Bierbrauerei Bawarija in Nishnij-Nowgorod, erriet ihre Gedanken. Der breitschulterige, glatzköpfige Fünfziger blähte cholerisch die Nasenlöcher.

»Dies ist ein Herr aus der Pension!« erläuterte er. »Er ist keiner von den Windhunden, meine Dame! Er gehört zu den Stillen im Lande!«

»Na – dafür schreit er aber tüchtig!«

Der Lärm innen schien auch Herrn Andreas Mickott zu verdrießen. Er öffnete ohne weiteres die Türe.

»Gehen Sie nur hinein!« brummte er und schob die Besucherin über die Schwelle. Innen stand mitten im Gemach ein kräftiger, mittelgroßer, junger Mann – mit einem dunklen Schnurrbart in dem sonnengebräunten Gesicht. Seine tiefliegenden, schwarzen Augen rollten zürnend zu einer zierlichen Mädchengestalt hinüber, die lässig wie ein Kätzchen auf einem Schemel an dem Fenster kauerte und ihm verächtlich den Rücken zuwandte.

»Seit heute morgen besitze ich die Einwanderungserlaubnis nach Amerika!« sagte er in hartem Russisch-Deutsch, ohne auf die eingetretene Fremde zu achten. »Gott der Herr hat alles zum Besten gefügt – auch für Sie, Luja! Ein neues Leben öffnet sich Ihnen! Heute klimpern Sie nicht mehr im ›Kolokól‹«

»Heute und alle Tage!«

»Meiden Sie endlich dieses Babel!«

»Sie kennen es ja gar nicht, Gritsch!« Die Kleine drehte sich geringschätzig zu ihm herum. »Es geht da sehr nett zu! Überzeugen Sie sich ... Kommen Sie doch 'mal einen Abend!«

»Ich werde es tun – heute oder morgen noch – um Ihre Seele zu retten! Aber eines versprechen Sie mir inzwischen, Luja ...«

»Sehen Sie denn nicht, Gritsch, daß eine Dame hinter Ihnen steht?«

»... lassen Sie sich nicht wieder ...« Der Schafzüchter aus der Nogaischen Steppe dämpfte seine Stimme und schluckte vor Aufregung, »... von diesem jungen Deutschen nach Hause bringen ...«

»Von Ihnen gewiß noch weniger!«

»Ich werde Ihre Kusine Lisa bitten, daß sie Sie abholt!« Der Mennonit trat nach der Türe. Luja Büttner verabschiedete ihn mit einem spöttischen Knicks.

»Mit Gott, Gritsch! ... Gottlob – jetzt ist er draußen ... Was wünscht die Dame? ... Wie herrlich: Bernds Schwester!« Zwei kleine Hände streckten sich stürmisch aus und zogen den Gast auf einen Stuhl. »Sie sehen ihm ähnlich – nur noch viel hübscher natürlich! Nun begreife ich unsern Herrn von Kabisch: Er schwärmte gestern Mittag schon von einer gewissen Beauté mit venezianischem Blond ...«

»Na – sagen wir ehrlich: knallrot!« sprach die junge Vicke Vollbrecht. »Also, liebes Fräulein – ich muß sofort wieder weg! Ich bin nämlich, in unserer Pension, gegen Kost und Logis Mädchen für alles! Das heißt augenblicklich an meiner Stelle mein Bruder! Er schickt mich! Ich soll Ihnen sagen, er – nicht der Bernd, sondern ...«

»Er! ... Er ... ich weiß ...«

»– ja – der ›Er‹ kommt heute in den ›Kolokól‹ ...«

»Weiter ... weiter ...«

»... und möchte sehr gern dort Ihre persönliche Bekanntschaft machen und läßt inzwischen schön grüßen ... Mein Gott ... was haben Sie?«

»Nichts!« sagte die kleine Büttner und lächelte. Der letzte Blutstropfen war aus ihrem zarten Kindergesicht geschwunden.

»Der Bernd hat gemeint – Sie würden vor Freude außer sich sein!«

»Ich kann es auch kaum erwarten ...« sprach die zarte, tiefbrünette Deutsch-Russin atemlos und halblaut. Ein leises Zittern lief ihr von dem Madonnenscheitel bis zu den abgetragenen Pantöffelchen über die zierliche Gestalt. Das deutsche Mädchen neben ihr stand auf.

»Wenn man Sie so sieht, möchte man sich fast vor Ihnen fürchten ...«, versetzte sie unsicher und beklommen.

»Wie denn?« Luja Büttner schaute unschuldig in die Höhe. Ihr kleines, weißes Antlitz war lammfromm. »Was beunruhigt Sie an mir?«

»Ach nichts ... Seien Sie nur nicht böse ... Ich bin ja eine unerfahrene Gans aus der Provinz: Sie hatten – nur eine Sekunde – etwas im Blick ...«

»Sie müssen bedenken: Ich komme aus Rußland ...« Luja Büttner begleitete ihren Gast zur Türe ... Rußland ...« Ihre schmalen Schultern schauderten leise zusammen. »... Wer das nicht erlebt hat ... man kann es nicht begreiflich machen ... Man kann nur um Nachsicht bitten ... für die Nerven ... Fräulein Vollbrecht ... Und sagen Sie bitte dem Bernd« – ein wilder Druck der kleinen Hand – »ich wäre glücklich ... glücklich, unsern Wohltäter kennenzulernen ... Ich wollte nur, es wäre schon Abend ...«

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