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Hexengold und andere Erzählungen

Elisabeth Werner: Hexengold und andere Erzählungen - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorElisabeth Werner
titleHexengold und andere Erzählungen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger G.m.b.H.
year
illustratorM. Flashar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080923
projectid86a408db
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Arnold hatte im Uebermut seines Glückes gar keine Schonung für den armen Max, der noch immer wie vernichtet dastand, aber jetzt doch begriff, daß die Sache ernst war, und nun brach seine ganze Wut und Enttäuschung aus.

»Sie sind verlobt mit Frau von Maiendorf? Deshalb also kamen Sie wieder nach Heilsberg, deshalb haben Sie sich hier eingeschlichen, um mir –«

»Oho, Maxl, nimm dich in acht!« unterbrach ihn der Major, der sich plötzlich hoch und drohend aufrichtete. »Du bist der Bruder meines liebsten Freundes, und ich möchte es dem Ernst ersparen, daß wir beide uns mit der Pistole gegenüberstehen, aber wenn du mir so kommst!« –

Er rückte sehr energisch dem jungen Maler auf den Leib, der ebenso energisch zurückwich, dabei aber in hochgradiger Empörung rief: »Ich werde gehen! Ich bleibe nicht länger in einem Hause, wo man meine Gefühle so schonungslos verhöhnt.«

»Erst nimmst du das schändliche Wort zurück!« fiel ihm Hartmut in die Rede. »Eingeschlichen! Denkst du, ein Offizier läßt sich dergleichen sagen? Zurücknahme auf der Stelle – oder wir sprechen uns morgen früh!«

Max Raimar schien eine gewisse Abneigung gegen Pistolen zu hegen, und die Augen, die so drohend dicht vor den seinigen blitzten, waren ihm offenbar sehr ungemütlich, aber er zog sich sehr gut aus der Sache. Er legte die Hand über die Augen und stieß einen tiefen Seufzer aus.

»Wollen Sie mit einem Verzweifelnden rechten, Herr Major? Sie sehen es ja doch, wie mich Ihre Nachricht getroffen hat, und da – nun ja, da habe ich mich übereilt mit jenem Worte. Ich nehme es zurück.«

»So – nun, das genügt allenfalls!« sagte Arnold, aber dabei streifte ein unendlich verächtlicher Blick den tapferen Maxl. »Deine Verzweiflung kannst du behalten, dies Geseufze aber, das meiner Braut gilt, verbitte ich mir. In dem Punkte verstehe ich keinen Spaß, da bin ich sogar sehr empfindlich – merke dir das!«

Er wollte gehen, aber gerade in dem Augenblick kam Herr Notar Treumann den Gang herauf, augenscheinlich in sehr vergnügter Stimmung, denn er winkte und rief schon von weitem: »Aber Herr Major, was hört man da für Geschichten! Sie wollen uns unsere kleine Gutsherrin entführen? Offiziell ist mir das freilich nicht mitgeteilt worden, aber Lisbeth hat geplaudert, sie hat mir bereits von ihrem neuen Papa vorgeschwärmt, und da mußte Frau Wilma beichten. Das nennt man ja im Sturme siegen. Nun, ich gratuliere von ganzem Herzen!«

Damit streckte der alte Herr, der, sobald Neustadt nicht in das Spiel kam, aller Welt das Beste gönnte und sich mit aller Welt freute, ihm die Hand hin. Diesmal war er nicht im Vertrauen und hatte keine Ahnung davon, daß sein lieber Maxl wieder einmal abgefallen war. Der Major, dessen gute Laune sofort zurückkehrte, schlug kräftig ein.

»Ich danke, Herr Notar! Finden Sie nicht, daß ich mich als Bräutigam vorzüglich ausnehme? Aber wo ist denn Ernst? Er weiß vermutlich noch nichts, ich muß ihm doch die große Neuigkeit mitteilen.«

Treumann, der inzwischen seinen Neffen begrüßt hatte, wendete sich um und zeigte eine höchst ärgerliche Miene.

»Ernst ist gar nicht mehr in Gernsbach,« berichtete er. »Er ist wieder einmal unbegreiflich! Denken Sie nur, eine Viertelstunde von hier begegne ich ihm, allein und zu Fuße. Ich lasse natürlich anhalten und frage ihn – was bekomme ich zur Antwort? Er sei auf dem Rückwege nach Heilsberg und habe den Wagen für Sie zurückgelassen. Er selbst könne nicht bleiben, müsse schleunigst nach Hause, dringende Geschäfte – und damit läuft er im Sturmschritt davon. Was soll Frau von Maiendorf davon denken, und Sie hat er auch im Stich gelassen. Mein Herr Neffe leistet jetzt wirklich das Möglichste in der Rücksichtslosigkeit!«

Hartmut blickte mit einem etwas boshaften Lächeln auf den ganz ergrimmten alten Herrn. Ernst hatte ihm heut morgen erklärt, daß mit dem heutigen Tage das Geheimnis seiner Autorschaft zu Ende sei auch für Heilsberg, und nun beschloß der Herr Major, sich ein Extravergnügen zu machen.

»Das müssen Sie ihm diesmal schon verzeihen,« bemerkte er. »Ernst ist jetzt wirklich sehr in Anspruch genommen, vermutlich hat er Depeschen aus Berlin erhalten.«

»Depeschen aus Berlin?« wiederholte Treumann erstaunt. »Ja, was hat denn Ernst mit Berlin zu thun?« »Das werden Sie schon erfahren. Die Berliner Abendzeitungen kommen ja wohl morgen früh nach Heilsberg, da wird Ihnen die Geschichte zum Frühstück serviert. Aber eigentlich kann es Ernst nicht verantworten, daß Sie, der leibliche Onkel, es erst nachträglich und durch die Zeitung erfahren.«

Jetzt wurde Max auch aufmerksam, der Notar aber schüttelte ratlos den Kopf. »Ich verstehe Sie nicht, Herr Major,« gestand er. »Was ist denn los mit Ernst?«

»Das sollten Sie doch wissen,« spottete Arnold. »Sie sind ja eigens mit Maxl nach dem Goldenen Löwen gegangen, um ihn zu feiern. Das hätten Sie freilich näher haben können, denn er stand gerade vor Ihnen im Garten. Aber Sie kanzelten ihn ab und erklärten, an ihm sei Hopfen und Malz verloren, und gleich darauf ließen Sie ihn unlogischerweise hochleben, den Ritter Sankt Georg, wie Sie sich so schön ausdrückten, den Verfasser von ›Hexengold‹.«

.

»Das ist doch nicht etwa E–Ernst?« Der junge Maler stotterte vor Aufregung bei der Frage.

»Freilich E– E– Ernst!« stotterte ihm der Major nach. »Das greift dich wohl an, Maxl? Ja, du bist jetzt nicht mehr die einzige Berühmtheit in der Familie. – Herr Notar, ich sehe, daß Sie mir noch immer nicht glauben. Nun denn, ich gebe Ihnen mein Wort darauf, der Verfasser von ›Hexengold‹ heißt Ernst Raimar und bekennt sich heut öffentlich dazu. Und nun entschuldigen Sie mich, meine Herren, ich muß zu meiner Braut!«

Er weidete sich noch einige Sekunden an der völligen Fassungslosigkeit der beiden, machte dann kehrt und ging davon.

Onkel und Neffe standen sich noch immer wie zwei Salzsäulen gegenüber, endlich fragte der erstere halblaut, mit fast versagender Stimme: »Maxl – Maxl, was sagst du dazu?«

»Es ist nicht wahr! Es ist wieder eine von den Possen des Majors,« behauptete Maxl, der sich an diese Möglichkeit förmlich zu klammern schien.

»Er hat sein Wort darauf gegeben – es ist wahr!« brach der alte Herr aus, der jetzt zum vollen Begreifen kam. »Und das ist mein Neffe! Maxl, du mußt heut mit zur Stadt, heut abend ist Sitzung im historischen Verein, und da werde ich eine Rede halten. Meine Herren, werde ich sagen, ich bringe Ihnen eine große Neuigkeit! Wir haben diesen Verfasser von ›Hexengold‹ gesucht in Berlin, in Steinfeld, überall, alle Welt hat ihn gesucht, und nun ist er da! Hier aus Heilsberg ist das Gericht ergangen über diese Neustädter und ihren Pascha, mitten unter uns ist er auferstanden, dieser Sankt Georg – und ich bin sein Onkel!«

Es blieb unentschieden, ob der Herr Notar diese letzten Worte als Schlußeffekt seiner Rede leisten wollte, oder ob sie nur seinem augenblicklichen Hochgefühl entstammten, aber er schleuderte sie triumphierend heraus, Max dagegen sprach kein Wort, er war wütend, denn es dämmerte ihm doch das Bewußtsein auf, daß er nun abgesetzt sei als Familiengenie.

+++

Ernst Raimar war in der That nach Heilsberg zurückgekehrt und hatte nur eine kurze Nachricht für Arnold zurückgelassen. Er wollte ihn nicht stören in seiner Werbung, aber er konnte es nicht mit ansehen, dies Glück des Freundes, das in derselben Stunde aufkeimte, wo er Abschied nahm von dem seinigen. Er saß jetzt in seinem Arbeitszimmer am Schreibtische, den Kopf in die Hand gestützt. Heute abend war sein Name in aller Mund, da trat er persönlich ein in den heißen Streit des Tages und stellte sich dem Sturme, den er selbst entfesselt hatte; aber der helle, frohe Kampfesmut, der aus seinen Augen blitzte damals, als er sich dem Freunde entdeckte, war verschwunden. Die alte Düsterheit lag wieder auf seinen Zügen, er wußte jetzt erst ganz und voll, was ihn dieser Kampf kostete. Die Abschiedsstunde hatte es ihn gelehrt.

Da trat einer seiner Schreiber ein und meldete: »Herr Notar, es ist ein Herr aus Steinfeld da, der Sie zu sprechen wünscht. Er will sich nicht nennen, es sei eine Privatsache –«

Er kam nicht weiter in seinem Berichte, denn der Fremde, der ihm gefolgt war, trat jetzt aus dem anstoßenden Zimmer und sagte befehlend: »Genug, es bedarf keiner weiteren Anmeldung. Ich und der Herr Notar kennen uns.«

Raimar saß in sprachloser Ueberraschung da, als er Felix Ronald erkannte, aber schon in der nächsten Minute erhob er sich mit anscheinender Ruhe.

»Jawohl, ich kenne den Herrn. Gehen Sie!«

Ein Wink verabschiedete den Schreiber, der den Gebieter von Steinfeld nicht persönlich kannte und sich nur über die kurze, herrische Art des Fremden wunderte. Er gehorchte und entfernte sich.

»Sie haben wohl nicht erwartet, mich hier zu sehen?« begann Ronald.

»Nein!« sagte Ernst kalt. »Aber Sie erraten vielleicht, was mich herführt?«

»Allerdings. Meine Erklärung ist heute morgen in Berlin eingetroffen, zum Abdruck für die Abendzeitungen, und Sie haben die Nachricht jetzt schon erhalten, man hat sie Ihnen vermutlich telegraphisch zugesandt. Auf Ihr persönliches Erscheinen war ich allerdings nicht gefaßt, aber da Sie hier sind –«

Er deutete auf einen Stuhl. Ronald machte eine hochmütig ablehnende Bewegung.

»Ich danke, wir verhandeln besser stehend miteinander. Ich gestehe, daß es mich überrascht hat, Ihren Namen als den des Verfassers von ›Hexengold‹ zu hören. Bisweilen ist mir wohl der Gedanke gekommen, aber ich verwarf ihn immer wieder, ich hielt Sie – offen gesagt – nicht für bedeutend genug zu einem solchen, nach jeder Richtung hin meisterhaft geführten Angriff. Ich mache Ihnen mein Kompliment darüber.«

Er sprach mit kaltem Hohne, und in seiner Haltung lag die ganze hochmütige Ueberlegenheit eines Mannes, der seines Sieges vollkommen sicher ist, nur seine Augen redeten eine andere Sprache, es brannte eine unheimliche Glut darin.

»Sind Sie nur gekommen, um mir das zu sagen?« fragte Raimar, der seine Gelassenheit bewahrte.

»Nein, aber ich hielt es für nützlich, wenn wir beide uns einmal unter vier Augen sprechen, ehe wir uns da draußen treffen vor aller Welt. Sie gestehen mir hoffentlich dies Recht zu. Wir sind ja – alte Feinde!«

»Das sind wir!«

»Also zur Sache! Was bezwecken Sie eigentlich mit diesem Angriff? Wollen Sie mich vielleicht stürzen? Das wäre doch ein etwas kühnes Unterfangen. Ich rate Ihnen nicht dazu.«

Ernst lehnte mit verschränkten Armen an seinem Schreibtische, das Auge fest auf seinen Gegner gerichtet, und seine Antwort klang in vernichtender Ruhe.

»Ich will ein System stürzen, dessen Führer und Vertreter Sie sind, das schon so vielen zum Unglück geworden ist, wenn sie es auch noch nicht wissen, denn die Augen werden ihnen zu spät aufgehen. Ihre anscheinend so mächtigen und riesenhaften Unternehmungen, die Ihren Namen in alle Welt hinausgetragen haben, sind auf Flugsand gebaut. Die stützt und hält nur der blinde Glaube der Menge an Sie und Ihre Macht, Steine in Gold zu verwandeln, dieser Glaube, der Ihnen immer wieder neue Quellen zuführt, wenn die alten längst versiegt sind. Wankt er einmal, dann stürzt das ganze Gebäude zusammen, muß zusammenstürzen – das wissen Sie am besten!«

»Wirklich?« fragte Ronald mit einem höhnischen Auflachen. »Wollen Sie mich belehren in Finanzangelegenheiten, Herr Notar von Heilsberg? Wo haben Sie denn Ihre Studien darüber gemacht?«

»In Steinfeld habe ich sie gemacht, es liegt uns ja nahe genug,« sagte Raimar, ohne sich durch den herben Spott beirren zu lassen. »Es war die erste Ihrer großen Schöpfungen, und sie wird auch zuerst dem Verhängnis verfallen. Sie wollten das freilich nicht abwarten und sich mit der Aktiengesellschaft decken – das dürfte jetzt nicht mehr möglich sein.«

»Sie meinen durch Ihr Pamphlet!« rief Ronald. »Sie haben allerdings mein Steinfeld als eine Art Mördergrube geschildert, wo die größten Schandthaten verübt werden und der Bankrott vor der Thür steht; den Beweis sind Sie natürlich schuldig geblieben. Herr Notar, Sie machen sich lächerlich mit solchen haltlosen Behauptungen! Die Steinfelder Werke sind jedem zugänglich, dort sind Tausende von Arbeitern, Hunderte von Beamten. Sie werfen mir freilich vor, ich hätte sie blind und fühllos gemacht mit meinem ›Bann‹. Wir leben doch nicht mehr in einer Märchenwelt!«

»Nein, wir leben in einer höchst realen Welt; aber die Bannworte sind geblieben, sie heißen jetzt nur: Furcht und Mitschuld. Ich glaube es wohl, daß Ihre Oberbeamten schweigen, sie werden sich nicht selbst an das Messer liefern, aber all die anderen hält nur die Furcht, und jetzt ist der Bann gebrochen, jetzt werden sie reden.«

»Da sie einen so vorzüglichen Anwalt finden, der ihnen die Worte in den Mund legt – vielleicht! Solche Menschen lassen sich nur zu gern hetzen gegen den, der ihnen jahrelang Arbeit und Brot gegeben hat. Und Sie machen sich ja mit Vorliebe zum Anwalt der ›Unterdrückten‹. Sie haben schon damals Sensation damit gemacht, bei Ihrem ersten Auftreten in dem großen Streikprozeß, nun, jetzt können Sie Ihre Rednergaben in eigener Sache verwenden. Ich werde natürlich die Klage auf Verleumdung stellen, das haben Sie doch wohl erwartet?«

»Gewiß, das habe ich sogar bezweckt. Ein Streit wie der unsere kann nur in vollster Oeffentlichkeit ausgefochten werden.« Ronald trat plötzlich dicht vor ihn hin und maß ihn verächtlich vom Kopf bis zu den Füßen.

»Glauben Sie etwa, daß ich Sie fürchte?«

»Ja, Sie fürchten mich – sonst wären Sie nicht hier!« sagte Raimar, den Blick ebenso zurückgebend. »Sie wollen wissen, wie weit meine Kenntnis reicht, und was ich etwa noch verschweige. Geben Sie sich keine Mühe, bei einem Gegner wie Sie ist man auf seiner Hut.«

»Daran thut man recht. Mit mir ist nicht leicht zu kämpfen, – ich heiße Felix Ronald!«

Er richtete sich hoch und drohend auf, aber in den Worten lag mehr als der gemeine Hochmut des Emporkömmlings. Das ganze mächtige Selbstbewußtsein, die eiserne Energie, die den Mann emporgetragen und groß gemacht hatte, sprach daraus. Er stand da, als habe er in der That die Macht, alles, was sich gegen ihn erhob, in den Staub zu treten.

Aber hier traf er auf einen ebenbürtigen Gegner, der ihm nicht einen Fuß breit wich, auch der richtete sich jetzt empor, und auch in dessen Augen flammte es drohend und vernichtend, als er kalt und fest antwortete: »Und ich heiße Ernst Raimar!«

Ronald biß sich auf die Lippen. Er schien denn doch nicht gefaßt zu sein auf eine solche Kühnheit, mit der der »Notar von Heilsberg« sich auf gleiche Stufe mit ihm stellte, dann aber flog ein unheimliches Lächeln über seine Züge, und er wiederholte langsam, mit scharfer Betonung: »Raimar – jawohl! Der Name wird Ihnen doch hinderlich sein in der Oeffentlichkeit. Sie persönlich sind ja einwandfrei, aber ich fürchte, man wird Ihnen trotzdem nicht das Recht zugestehen, in solchen Dingen den idealen Standpunkt zu vertreten und sich zum Sittenrichter aufzuwerfen.«

Der Hieb glitt wirkungslos ab, Ernst zuckte nicht einmal dabei, er blieb ruhig.

»Das heißt, Sie wollen Ihren Anhang und die Presse, die Sie beeinflussen, gegen mich hetzen und ihnen das Losungswort geben, mich gerade an der Stelle schonungslos anzugreifen? Sie wollen mir die Waffen aus der Hand winden, indem Sie der Welt klarmachen, daß ich überhaupt kein Recht mehr habe, eine Waffe zu führen?«

»Was ich thun werde, ist meine Sache!«

»Ganz recht, aber was ich dann thue – Felix Ronald, es ist nicht das erste Mal, daß wir beide uns so treffen. So standen wir uns schon einmal vor zehn Jahren gegenüber, und die Worte, die damals fielen, haben Sie so wenig vergessen wie ich.«

»Nein, aber Sie thäten gut, mich nicht daran zu erinnern,« sagte Ronald eisig, er schien auf einmal seine ganze Ruhe wiedergefunden zu haben, »Sie waren damals völlig unzurechnungsfähig in Ihrer Verzweiflung, und mit einem Tollen rechtet man nicht – sonst hätten Sie mir jene Stunde büßen müssen.«

»Nun, ich habe es doch schon damals gewußt, daß man der Welt nicht mit Behauptungen, nur mit Beweisen kommen darf.« Ernst sprach nur halblaut, aber der Klang seiner Stimme, sein ganzes Aussehen verriet, daß es etwas Furchtbares war, was er da berührte. »Was ich in meiner Schrift behaupte und vertrete, dafür wird Steinfeld selbst den Beweis liefern, aber ich wiederhole es Ihnen, zügeln Sie Ihre Presse! Wenn sie die angebliche Schuld meines Vaters gegen mich ins Feld führt, wenn man diese Wunde schonungslos wieder aufreißt, dann reißt man auch mich fort über die Grenzen der Besonnenheit. Dann, beim ewigen Gott, schleudere ich das, was bisher nur einmal über meine Lippen gekommen ist, in die Welt hinaus, ohne Beweise! Jetzt glaubt man mir vielleicht doch!«

Es war das letzte Aufbäumen einer lang getragenen Qual, Ronald erwiderte kein Wort auf diesen stürmischen Ausbruch, und in seinem Gesicht zuckte keine Muskel, nur die Augen loderten in wildem dämonischem Haß, und seine Rechte machte sich wie zufällig an der Brusttasche des Rockes zu schaffen. Raimar sah das und trat einen Schritt zurück.

»Was soll das?« fragte er scharf und laut.

Ronald schien sich zu besinnen, er ließ langsam die Hand wieder sinken.

»Sie haben recht, es thut nicht gut, wenn wir beide uns unter vier Augen sprechen, das könnte noch einmal ein Unglück geben. Das weitere wird sich ja finden. Also – auf Wiedersehen!«

Damit ging er, mit hoch erhobenem Haupte und festem Schritt, stieg in seinen draußen harrenden Wagen und rief dem Kutscher zu: »Nach Gernsbach!«

Ernst Raimar blieb allein, aber die Düsterheit, die Träumerei von vorhin waren verschwunden. Diese Begegnung hatte ihm gezeigt, daß jetzt keine Zeit war, um verlorenes Glück zu trauern. Er atmete tief auf, aber es war etwas wie Erlösung in diesem Aufatmen, und laut und fest sprach er: »Nun denn hinein in den Kampf – in das Leben!«

+++

Major Hartmut war als glücklicher Bräutigam nach der Stadt zurückgefahren, und Notar Treumann war gleichzeitig aufgebrochen, nicht minder glücklich im Besitz der »großen« Neuigkeit, die er zuerst nach Heilsberg brachte. Max hatte sich dem Onkel angeschlossen, begreiflicherweise in sehr gedrückter Stimmung, denn auch diese Landidylle endete für ihn mit einer Niederlage. Keiner von ihnen ahnte, daß in dem geschlossenen Wagen, der vorüberfuhr, Felix Ronald saß. Es dämmerte bereits, als dieser in Gernsbach eintraf.

Die Begrüßung in Wilmas Gegenwart war vorüber, die beiden Verlobten traten soeben in Ediths Zimmer, und jetzt, wo sie allein waren, zog Ronald die Braut leidenschaftlich an seine Brust.

»Ich danke dir!« sagte er. »Ich wollte dich nicht um diese Zusammenkunft in Gernsbach bitten, aber ohne deinen Entschluß hätten wir unser Wiedersehen noch länger hinausschieben müssen. Ich kann jetzt nicht fort von Steinfeld und gehe voraussichtlich erst in vierzehn Tagen nach Berlin. Ich danke dir, daß du gekommen bist, meine Edith!«

Es klang eine stürmisch aufwogende Freude in seiner Stimme, Edith hatte die Umarmung hingenommen, ohne sie zu erwidern, jetzt machte sie sich los, fast mit einer Bewegung der Ungeduld, und sagte hastig: »Ich mußte dich auch sprechen, Felix, wir haben uns brieflich ja nur ganz flüchtig verständigen können. Du hast jetzt mehr als je zu thun, ich weiß es, und wollte dich nicht quälen mit Fragen und Drängen. Nun aber sage mir – was hast du beschlossen?«

Sie wollte ihn neben sich auf das Sofa niederziehen, aber Felix blieb stehen. Er schien doch etwas anderes erwartet zu haben, in der ersten Stunde des Wiedersehens, nach mondenlanger Trennung, als diese hastigen, ungeduldigen Fragen. Seine eben noch so leidenschaftlich erregte Stimme hatte auf einmal einen kühlen, scharfen Ton, als er fragte: »Wovon redest du denn eigentlich? Ich verstehe dich nicht.«

Edith sah ihn mit der äußersten Betroffenheit an.

»Wovon ich rede? Aber ich bitte dich, Felix, gibt es denn jetzt für uns ein anderes Interesse als den Angriff, womit jene Flugschrift dich bedroht?«

»Bedroht? Mich?« wiederholte er in dem gleichen Tone. »Du scheinst der Sache eine ganz unverdiente Wichtigkeit beizulegen. Es ist eine geschäftliche Intrigue, in erster Linie gegen die Aktiengesellschaft gerichtet, deren Bildung man verhindern will. Natürlich werden dabei auch ich und mein Steinfeld angegriffen, das gehört eben dazu, aber es ist doch nicht weiter bedrohlich. Ich habe meine Maßregeln bereits genommen und werde die Antwort nicht schuldig bleiben.«

Ediths Augen hafteten noch immer befremdet und fragend auf seinen Zügen, als wolle sie darin lesen, ob diese kühle Ruhe natürlich oder erzwungen sei, endlich sagte sie halblaut: »Papa nimmt die Angelegenheit sehr ernst, das weißt du vermutlich.«

»Ja, ich weiß,« Ronald zuckte verächtlich die Achseln. »Wir haben sie ja ausführlich erörtert, ehe ich nach Steinfeld ging. Er war ganz außer sich darüber. Dein Vater ist eben ein Geschäftsmann alten Schlages, der solche Zwischenfälle gar nicht kennt und überhaupt keinen persönlichen Feind hat. Ich habe von jeher mit dem Haß meiner Gegner rechnen müssen und bin noch immer mit ihnen fertig geworden. Ich werde es auch diesmal – verlaß dich darauf!«

»Hier handelt es sich aber um mehr als bloße Feindseligkeit,« fiel Edith erregt ein. »Man greift nicht nur deine Schöpfungen, man greift dich und deine Ehre an, das kann und darf dir nicht gleichgültig sein. Du mußt diese Anklagen vernichten, ohne Zögern vernichten, wenn du ihnen nicht erliegen willst.«

Ronald stand finster mit zusammengezogenen Brauen da, die Mahnung aus dem Munde seiner Braut schien ihn zu verletzen, aber in seiner Antwort lag eine furchtbare Bestimmtheit.

»Sei ruhig! Ich werde sie vernichten und meinen Feind mit ihnen! Aber ich sehe, daß du dich hier ganz von deinem Vater beeinflussen laßt, der die Tragweite der Sache völlig überschätzt. Ihr habt euch brieflich bereits verständigt, wie es scheint, da wird er dir wohl auch mitgeteilt haben, daß ich mit seinem Vorschlag durchaus einverstanden bin.« »Mit welchem Vorschlage?« fragte Edith erstaunt. »Was meinst du damit?«

»Nun, hinsichtlich unserer Verlobung. Sie sollte ja in allernächster Zeit veröffentlicht werden, und dein Vater wünscht das natürlich jetzt nicht, er verlangt im Gegenteil, daß sie unbedingt Geheimnis bleibe. Er ist eben immer und überall der kluge, vorsichtige Geschäftsmann und wird es auch dir wohl hinreichend klar gemacht haben, daß man – erst abwarten müsse.«

»Felix, du bist im Irrtum,« unterbrach ihn Edith, aber er fuhr, ohne das zu beachten, fort: »Ich finde das ja ganz natürlich, aber es wäre rücksichtsvoller gewesen, wenn ihr mir den Vorschlag überlassen hättet, ihr konntet darin wirklich meinem Takte vertrauen.«

Er sprach mit anscheinender Ruhe, aber um seine Lippen zuckte eine grenzenlose Bitterkeit. Edith begriff erst jetzt, um was es sich handelte, mit einer raschen Bewegung erhob sie sich und sagte fest und bestimmt: »Mein Vater hat mir nichts Derartiges geschrieben, und ich würde auch nicht zugestimmt haben. Ich sehe keinen Grund, die ursprüngliche Bestimmung zu ändern, und ich denke, wir bleiben dabei. Sobald du in Berlin eintriffst, erklären wir öffentlich unsere Verlobung und versenden die Anzeigen.«

Felix fuhr auf, ein Strahl heißen, wilden Glückes flammte in seinen Augen, und mit stürmisch hervorbrechender Leidenschaft rief er: »Edith, das wolltest du? Gerade jetzt!«

»Hast du daran gezweifelt?« fragte sie stolz und ruhig. »Mein Platz ist jetzt an deiner Seite, ich kenne meine Pflicht.«

Ronald hatte eine Bewegung gemacht, als wolle er seine Braut an sich reißen, jetzt ließ er die Arme wieder sinken, und der Strahl in seinem Auge erlosch so jäh, wie er aufgeflammt war.

»Deine Pflicht?« wiederholte er, in ganz verändertem Tone. »Ja so –«

»Mein Vater wird vielleicht widerstreben,« fuhr Edith fort, ohne den Ton bemerken zu wollen, »aber er muß nachgeben, denn hier haben nur wir beide zu entscheiden. Ich gehe übermorgen nach Berlin, soll ich jetzt schon Andeutungen machen oder wollen wir warten bis zu deiner Ankunft? Ich bin zu allem bereit.«

»Das sehe ich!« sagte Ronald herb. »Zu allem, nur zu dem einen nicht, worauf ich warte, seit wir allein sind, auf ein einziges warmes und inniges Wort aus deinem Munde! Hättest du mir gesagt: mein Vater hat recht, laß uns schweigen, bis der Sturm vorüber ist, aber ich bleibe dein, Felix, ich habe dich lieb! – Ich hätte dir gedankt, gedankt, wie ein Verschmachtender, dem man den frischen Trunk reicht. Und nun stehst du vor mir, so fremd, so eisig, als läge eine endlose Kluft zwischen uns, und bietest mir ein kaltes Opfer der Pflicht, das ich nicht will! Ich nehme kein Almosen der Großmut, das mir so geboten wird!«

Edith stand halb verletzt, halb beschämt da, während er sich mit vollster Heftigkeit abwendete und an das Fenster trat. Er hatte ja recht mit seinen Vorwürfen, es lag kein Hauch von Liebe oder auch nur von Wärme in ihrer Erklärung, das eine Wort, das er forderte, wollte nicht über ihre Lippen, sie konnte es nicht aussprechen. Es lag wie eine Eiskluft zwischen ihr und dem Manne, dem doch ihr ganzes Leben gehörte. »Du thust mir unrecht,« sagte sie endlich leise. »Ich wollte dich nicht kränken, aber ich – – Du kannst nicht anders!« ergänzte Ronald, sich langsam wieder umwendend, »Du hast ja recht, ich sollte es doch nun endlich wissen! Aber ich habe geglaubt, ich könnte es erzwingen mit meiner Leidenschaft, habe es immer wieder versucht, und immer wieder trafen Eis und Feuer zusammen. Du kannst nun einmal nicht lieben, nicht heiß und voll empfinden! Es ist nicht deine Schuld, aber mein Verhängnis ist es, daß ich dich, gerade dich lieben muß!«

Es klang fast wie Groll und Haß aus den Worten, und doch lag der Mann völlig im Banne der so spät erwachten Leidenschaft, die jetzt sein ganzes Sein und Wesen beherrschte. Selbst der Sturm, der so drohend gegen ihn heranzog, blieb machtlos diesem Banne gegenüber. Die junge Braut bebte leise zusammen. »Du kannst nicht lieben!« Sie wußte es besser, und vielleicht war es ein geheimes Schuldbewußtsein, was ihrer Stimme diesen weichen Klang gab, als sie erwiderte: »Laß uns doch nicht um Worte rechten! Ich zeige es dir ja, daß ich die Deine bin und bleiben will. Wozu denn diese Bitterkeit und diese Vorwürfe, du thust mir weh damit.«

Der Ton, so neu und ungewohnt in dem Munde seiner Braut, verfehlte nicht den Eindruck auf Ronald. Sein Antlitz hellte sich auf, er trat wieder zu ihr und preßte, ohne ein Wort zu sprechen, in heißer, stummer Abbitte seine Lippen auf ihre Hand. Diesmal ließ er es auch geschehen, daß sie ihn an ihre Seite niederzog, während sie fortfuhr: »Du bist furchtbar gereizt, Felix, und ich finde das nur zu begreiflich. Es handelt sich hier doch um kein Opfer. Wir hatten ja stets den Anfang des Oktober für die Erklärung unserer Verlobung bestimmt.«

»Nein, wir hatten den Zeitpunkt meiner Standeserhöhung dazu bestimmt,« sagte Ronald finster, »Das ist einstweilen verschoben worden! Also verschieben wir auch jene Erklärung.«

»Man hält dir nicht Wort?« fragte Edith betroffen. »Du hieltest die Sache doch für vollkommen gesichert.«

»Sie war beschlossen und genehmigt und sollte in diesen Tagen vollzogen werden, ich weiß das mit Bestimmtheit. Da kam jener Angriff, und da wuchs plötzlich ein ganzes Heer von Ausflüchten und Vorwänden aus dem Boden hervor. Mir lag aber gerade jetzt alles an diesem Beweis des Vertrauens von oben, ich wollte es erzwingen und stieß endlich auf ein unverhülltes Nein. Die Angelegenheit müsse ruhen, bis auf weiteres, ich müsse mich erst rechtfertigen gegen jene Anklagen.«

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