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Hexengold und andere Erzählungen

Elisabeth Werner: Hexengold und andere Erzählungen - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorElisabeth Werner
titleHexengold und andere Erzählungen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger G.m.b.H.
year
illustratorM. Flashar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080923
projectid86a408db
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Wer aber war dieser Warner, der da so urplötzlich aufstand und den gefürchteten Ronald so kühn angriff? Er nannte sich nicht, aber er wies auf die Thatsachen in Steinfeld selbst hin. Man solle sich dort die Beweise holen, man solle die Beamten, die Arbeiter, die bisher nicht zu sprechen wagten, zum Reden bringen, und in dem Schlußworte wurde dem Publikum zugerufen: Das ist eine der Schöpfungen des unheilvollen Mannes! Seht euch die anderen an, sie tragen alle den Zusammenbruch in sich!

Dies »Hexengold« war in einem geradezu glänzenden Stile geschrieben und es wirkte beim Lesen wie eine flammende, hinreißende Rede von der Tribüne aus. Man riet bald auf einen Journalisten, bald auf einen Abgeordneten, bekannte und berühmte Namen wurden genannt und die Betreffenden direkt und indirekt ausgeforscht. Sie lehnten alle mit der größten Entschiedenheit die Autorschaft ab, und das steigerte noch das allgemeine fieberhafte Interesse.

Ronald antwortete später, als man erwartete, er ließ eine volle Woche verstreichen, dann aber kam die Antwort mit gewohnter Energie. Er erklärte, ohne sich auf Einzelheiten einzulassen, alles für Verleumdung, für eine erbärmliche Intrigue, um die in der Bildung begriffene Aktiengesellschaft unmöglich zu machen, und dann wandte er sich gegen den »feigen Verleumder«, der die Ehre und die Stellung anderer zu untergraben suche und nicht einmal den Mut habe, sich zu nennen. Mit einem Namenlosen lasse er sich überhaupt nicht ein, der Angriff sei dadurch allein schon gerichtet.

Der Sturm, der da eben in Berlin losbrach, hatte auch das stille Gernsbach in Mitleidenschaft gezogen. Frau von Maiendorf wußte ja von der Verlobung, die in ihrem Hause geschlossen, im übrigen aber ein Geheimnis geblieben war. In einigen Wochen, im Laufe des Oktober, sollte die Standeserhöhung Ronalds und zugleich die öffentliche Ankündigung der Verlobung erfolgen, und nun kam dieser Schlag.

Wilma, die durch die Zeitungen von der Sache erfuhr, hatte sofort an Edith geschrieben, die noch in Interlaken weilte, während ihr Vater sich schon seit einigen Wochen in Berlin befand. Statt der Antwort kam ein Telegramm, in dem Edith sich zu einem kurzen Besuch in Gernsbach anmeldete, sie werde auf ihrer Rückreise den Umweg machen.

Der jungen Frau kam das zwar überraschend, aber sie fand es erklärlich, Ronald war nach Steinfeld geeilt, wahrscheinlich um dort seine Maßregeln gegen jeden Angriff zu treffen, und Steinfeld lag nur einige Stunden entfernt. Da wollten die Verlobten natürlich hier zusammentreffen, sie hatten sich ja seit Monaten nicht gesehen.

Die beiden Damen saßen wieder auf der Terrasse des Herrenhauses, aber nicht im ruhigen, behaglichen Geplauder wie damals im Frühjahr. Zwar zeigte Edith äußerlich die gewohnte Selbstbeherrschung, sie fragte nach allerlei gleichgültigen Dingen und erzählte von ihrer Reise, aber das war nicht mehr die kühle, vornehme Weltdame, die zu einem Besuche auf dem Lande war und die Menschen hier so unglaublich spießbürgerlich und unbedeutend fand. Sie sah bleich und überwacht aus, als liege eine schlaflose Nacht hinter ihr, und so lebhaft sie auch sprach, man sah es, daß sie mit ihren Gedanken ganz anderswo war. Die junge Frau saß befangen und beklommen neben ihr. Sie hatte den Zweck des Besuches noch mit keiner Silbe berührt, jetzt aber brachte ihn Edith selbst zur Sprache.

»Du hast mich noch gar nicht gefragt, Wilma, weshalb ich dich so unvermutet überfalle,« sagte sie. »Vermutlich hast du es schon erraten.«

»Ich glaube ja,« entgegnete Wilma etwas unsicher. »Ich wollte dich aber gestern abend bei deiner Ankunft nicht gleich mit Fragen quälen. Ronald ist ja in Steinfeld, und da habt ihr hier eine Zusammenkunft verabredet, nicht wahr?«

»Verabredet – nein! Ronald weiß es natürlich, daß ich hier bin. Ich habe ihm Nachricht gesandt, und er wird wohl herüberkommen, sobald er sich frei machen kann.«

Die junge Frau sah sie betroffen an. Keine Verabredung? Und Ronald wurde nicht einmal bestimmt erwartet – was aber führte dann ihre Cousine her? Diese ließ ihr jedoch nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, sondern fuhr hastig fort: »Zunächst handelt es sich um etwas anderes: Herr Raimar wird heute vormittag nach Gernsbach kommen. Du entschuldigst es wohl, wenn ich ihn allein empfange.«

»Unser Notar?« Wilma fiel von einem Erstaunen in das andere. »Er wollte mir allerdings den neuen Pachtkontrakt selbst bringen, aber –«

»Sein heutiger Besuch gilt mir,« unterbrach sie Edith. »Ich habe ihn darum ersucht; bitte, sorge dafür, daß ich ihn ungestört sprechen kann.«

»Du willst seinen Rat hören, wegen jener – jener peinlichen Angelegenheit?« fragte die junge Frau, die sich diese seltsame Einladung nicht anders zu erklären wußte. »Raimar ist allerdings Jurist und ziemlich bekannt in Steinfeld, aber du selbst kennst ihn ja kaum.«

»Ich bitte dich, überlaß das mir,« sagte Edith, offenbar gepeinigt durch diese Fragen. »Ich wünsche nur eine Auskunft, die mir Herr Raimar am besten geben kann und wohl auch geben wird – unsere Unterredung wird nicht lange dauern.«

Sie stand auf, trat an die steinerne Brüstung und begann die roten und gelben Blätter der dort rankenden Weinreben zu zerpflücken. Es lag eine nervöse Hast in dieser Bewegung, eine mühsam verhaltene, aber fieberhafte Unruhe in ihrem ganzen Wesen. Wilma war ihr gefolgt und wagte es jetzt endlich, den Hauptpunkt zu berühren.

»Du hast natürlich die Flugschrift gelesen, das ›Hexengold‹?«

»Ja, mein Vater sandte es mir – du kennst es auch?«

»Ich erhielt es durch den Notar Treumann, – Edith, um Gottes willen, das sind ja furchtbare Dinge, die Ronald da vorgeworfen werden! Was wird er thun?«

»Was er thun wird?« Es blitzte drohend auf in den Augen des schönen Mädchens. »Den Kampf aufnehmen. Das ist doch selbstverständlich. Er wird die Antwort darauf nicht schuldig bleiben.«

»Er hat ja bereits geantwortet, aber er erklärt, sich mit einem solchen Gegner nicht einlassen zu wollen.«

»Mit dem Namenlosen!« Es klang wie bitterer Hohn in den Worten. »Nun, vielleicht zwingt man ihn doch noch, sich zu nennen. – Ah, da kommt ein Wagen! Herr Notar Raimar scheint pünktlich zu sein.«

Sie deutete auf die Allee, die zum Herrenhause führte, und in die jetzt ein offener Wagen einbog. Wilma blickte gleichfalls hinüber.

.

»Ja, er ist es,« bestätigte sie. »Aber ich glaube – ich glaube, Major Hartmut sitzt neben ihm.« Die junge Frau war dunkelrot geworden und wandte sich ab, um ihre Verwirrung zu verbergen, aber Edith bemerkte das nicht.

Sie hatte sich emporgerichtet und blickte mit fest zusammengepreßten Lippen und finsteren Augen dem Wagen entgegen, als erwarte sie einen Feind.

»Major Hartmut?« wiederholte sie. »Gleichviel, es wird sich ja wohl irgend ein Vorwand finden, Raimar allein zu sprechen.«

Als die Herren zehn Minuten später in den Salon traten, fanden sie beide Damen dort. Die Begrüßung zwischen Edith und Raimar entsprach der Kürze ihrer Bekanntschaft, sie war zurückhaltend und fremd. Hartmut wunderte sich allerdings, als er Fräulein Marlow erblickte; aber die Erklärung, daß sie auf der Rückreise von der Schweiz ihrer Cousine einen Besuch mache, klang sehr wahrscheinlich, er zweifelte nicht daran. Diese Reise und seine Ankunft gaben hinreichenden Stoff zu dem kurzen Gespräch, mit dem man der äußeren Form Rechnung trug, dann bat Frau von Maiendorf den Major, die neuen Wagenpferde zu besichtigen, die sie kürzlich gekauft hatte, sie wünschte ein sachverständiges Urteil darüber.

Er ging mit vollem Eifer darauf ein und bemerkte es kaum, daß sein Freund zurückblieb. Der gute Arnold hatte viel zu sehr seine eigenen Angelegenheiten im Kopfe, um ein scharfer Beobachter zu sein.

Edith und Raimar waren allein. Er hatte die anderen beiden bis zur Thür begleitet und kehrte nun zurück, aber ohne seinen Platz wieder einzunehmen. Er blieb stehen, der jungen Dame gegenüber, deren Augen wie mit einer finsteren Frage auf seinen Zügen ruhten.

Sie sah es freilich, daß er ein anderer geworden war in den letzten Monaten. Was sich bei der Ankunft Hartmuts nur erst andeutungsweise verriet, das prägte sich heute scharf und unverkennbar aus – das Freiwerden einer lang gefesselten Natur. Jetzt waren die Fesseln abgeworfen, Ernst wußte es freilich, daß er auch hier in einen Kampf ging, und hatte sich gewaffnet. Er war nicht im Zweifel über das, was zur Sprache kommen sollte bei dieser seltsamen Einladung.

»Sie haben befohlen, gnädiges Fräulein,« begann er. »Ich erhielt Ihren Brief und beeilte mich, Ihrem Wunsche nachzukommen.«

»Ich möchte eine Frage an Sie richten,« sagte Edith, die jede Einleitung für überflüssig zu halten schien. »Vielleicht können Sie mir die Antwort geben, vielleicht auch nicht. In jedem Falle bitte ich um ein offenes Ja oder Nein.«

Er verneigte sich schweigend.

»Sie kennen vermutlich die Flugschrift, die vor etwa acht Tagen erschienen ist und jetzt das Tagesgespräch bildet – ›Hexengold‹?«

»Ja, gnädiges Fräulein.«

»Und Sie kennen auch den Verfasser?«

»Ja!«

Edith fuhr auf, ein so unumwundenes Zugeständnis hatte sie doch nicht erwartet. »Nun, ich kenne ihn auch! In der Stunde, wo ich die Schrift las, erriet ich auch den Verfasser – er heißt Ernst Raimar!«

»Ganz recht,« erwiderte Raimar kalt. »Ich bekenne mich dazu; aber nun gestatten auch Sie mir eine Frage. Meine Schrift richtet sich gegen Herrn Ronald, gegen ihn allein, und Sie stellen mich zur Rede darüber?«

Edith zögerte, nur eine Sekunde lang, es war, als raube ihr etwas den Atem, dann aber kam die Antwort klar und fest von ihren Lippen: »Ich bin die Braut Felix Ronalds.«

Ernst gab kein Zeichen von Ueberraschung, er hatte ja das auch längst erraten, in der Stunde erraten, wo Ronald hier in Gernsbach erschien; nur etwas bleicher wurde er, als er die Bestätigung hörte.

»Dann bin ich also auch in Ihren Augen gerichtet,« sagte er mit völlig beherrschter Stimme. »Ich sprach es Ihnen ja bereits aus, gnädiges Fräulein, wir sind nun einmal vom Schicksal dazu bestimmt, uns feindlich zu begegnen, und ich hätte es mit dieser Ueberzeugung sicher nicht gewagt, Ihnen wieder zu nahen. Sie waren es, die mich herrief.«

»Ich wollte Gewißheit,« erklärte Edith, die sich jetzt auch erhob. »Für mich gab es freilich kaum noch einen Zweifel. Sie haben Wort gehalten, Herr Raimar. Sie wußten den Mann zu treffen, als dessen Feind Sie sich vor mir bekannten, und Sie führen Ihre Waffen meisterhaft.«

»Im Kampfe braucht man eben die Waffen,« versetzte Ernst, ohne den verächtlichen Ton merken zu wollen, den sie auf jenes Wort legte. »Und Herr Ronald wird den Kampf wohl aufnehmen.«

»Gegen wen?« rief Edith mit flammenden Augen. »Gegen einen namenlosen Feind, der sich feig im Dunkel birgt und von dort aus seine Angriffe, seine Beschimpfungen auf einen Mann schleudert, der allen sichtbar dasteht? So kämpft kein ehrlicher Gegner! Ronald hat recht, der Angriff ist durch sich selbst gerichtet!«

Sie schienen die Rollen getauscht zu haben, heut war sie es, die sich von ihrer Erregung fortreißen ließ, während er ihr völlig unbewegt gegenüber stand, selbst die Beleidigung glitt ab an dieser eisigen Ruhe.

.

»Sie sind im Irrtum, gnädiges Fräulein,« antwortete er, »Ich habe mich bereits genannt! Ich hatte schwerwiegende Gründe, die Schrift ohne meinen Namen hinauszusenden; anonym zu bleiben, war nie meine Absicht. Ich wollte nur die öffentliche Antwort abwarten. Diese ist gestern erfolgt, und die heutigen Abendzeitungen in Berlin bringen bereits meine Erklärung, in der ich mich zu der Autorschaft bekenne. Herr Ronald hat ja seine eigenen Quellen und erfährt das jedenfalls früher als das Publikum. Er weiß vermutlich schon in dieser Stunde, wer sein Gegner ist.«

Der Angriff war abgeschlagen, Edith stand wortlos da, aber sie atmete tief und erleichtert auf, als er sich von jenem Vorwurf der Feigheit reinigte, als sei ihr damit eine Last von der Brust genommen.

»Das konnte ich in der That nicht ahnen,« entgegnete sie endlich. »Dann allerdings war diese Unterredung überflüssig – ich bedaure, Sie bemüht zu haben.«

Raimar neigte nur leicht das Haupt. »Vielleicht lassen Sie mir nun persönlich Gerechtigkeit widerfahren, mehr darf ich ja nicht fordern – leben Sie wohl!«

Er ging, wollte wenigstens gehen, aber da begegneten sich ihre Augen, und wie gebannt von diesem Blick blieb er stehen. Der eisige Ton war verschwunden aus seiner Stimme, sie hatte wieder den alten, verschleierten Klang, als er sagte: »Mein Fräulein – ein Wort noch!«

Mit einer abwehrenden Bewegung trat Edith zurück.

»Ich glaube, Herr Raimar, wir haben uns nichts mehr zu sagen.«

»Doch, eine Warnung habe ich Ihnen noch zu sagen! Sie haben den Mann nicht gekannt, dem Sie sich verlobten. Er hat Sie geblendet mit seinen mächtigen Erfolgen, wie er Ihren Vater, wie er alle Welt blendete. Sehen Sie sich das Bild an, das ich von ihm gezeichnet habe, es ist das wahre. Wollen Sie wirklich diesem Manne Ihre Zukunft, Ihr Glück anvertrauen?«

»Sie sind sein Feind!« erklärte Edith herb und bitter, »Sie haben alles in das Schlimmste gedeutet. Es mag sein, daß er über manches hinausgegangen, daß er sich über vieles hinweggesetzt hat – er ist eben Felix Ronald! Den darf man nicht mit dem gewöhnlichen Maße messen, der kann es fordern, daß man ihm und seinen Schöpfungen andere Gesetze zugesteht. Sie sehen in ihm nur den Spekulanten –«

»Das thue ich nicht!« fiel Ernst mit vollem Nachdruck ein. »Ich habe es nicht versucht, meinen Gegner zu verkleinern, ich habe offen und rückhaltlos den großen, genialen Zug anerkannt, der in dem Manne wie in seinen Unternehmungen liegt; aber es liegt auch ein Dämon in ihm, der anderen und vielleicht ihm selbst noch einmal zum Verderben wird. Hüten Sie sich davor!«

Ein leichtes Beben ging durch die Gestalt des Mädchens. Das waren ja fast Ronalds eigene Worte, er hatte ja selbst von dem Dämon gesprochen, der ihn emporgetragen und dem er folgen mußte. Edith dachte an seinen Ton und Blick, als er drohte, den Feind zu zertreten, wenn dieser seinen Weg kreuze. Da hatte sich jene dunkle Macht geregt, und es hatte ihr gegraut davor, aber gleichviel, jetzt war es zu spät zur Warnung und zur Reue.

»Sie sprechen von meinem Verlobten, Herr Raimar! Er hat mein Wort!«

»Und auch Ihr Herz?«

Edith schwieg, sie hatte ja sagen wollen, nur um diesem Gespräch ein Ende zu machen, um diesen Augen nicht länger Rede stehen zu müssen, aber die Lüge wollte nicht über ihre Lippen. Jetzt trat Ernst näher.

»Edith! – Nein, weichen Sie nicht so zurück vor mir! Ich spreche ja nicht für mich. Ich habe abgeschlossen mit dem Hoffen, als ich jenen Schritt that, denn ich ahnte längst, wie es stand, und wußte, Sie würden mir das nie verzeihen. Vielleicht siegt Ronald in dem Kampfe, vielleicht bringt er meine Anklagen zum Schweigen. Er hat mächtige Bundesgenossen, ihm steht das Gold schrankenlos zu Gebote, und ich stehe allein. Aber wenn er auch droben bleibt, ich habe ihn der Welt gezeigt in seiner wahren Gestalt, und das löscht er nicht aus, auch bei Ihnen nicht, das tötet jedes Vertrauen. Edith, um Ihrer selbst willen, machen Sie sich los von dem unheilvollen Manne, fordern Sie Ihr Wort zurück! Machen Sie sich frei, um jeden Preis!«

»Nein!« sprach Edith, ohne ihn anzusehen, aber mit unbeugsamer Festigkeit.

»Edith!«

»Nein!« wiederholte sie. »Ich gab ihm mein Wort, die Zusage meiner Hand, als er noch sicher auf seiner Höhe stand. Er liebt mich, er legte mir alles zu Füßen, was er erreicht und errungen hatte, und ich habe das hingenommen als ein Recht, das mir gebührte. Und jetzt, wo ein Sturm heranzieht, der ihn bedroht, jetzt soll ich dies Wort brechen, soll die erste sein, die ihn in der Gefahr verläßt? Muten Sie mir das im Ernste zu? Sie wußten es ja doch im voraus, wie meine Antwort lauten würde.« »Ich habe es gefürchtet!« sagte Raimar leise.

»Und nun kein Wort weiter! Wir dürfen uns nichts mehr sagen – gehen Sie!«

Ernst gehorchte, sein Blick streifte noch einmal düster das schöne Antlitz, dann ging er, ohne Lebewohl, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen. Edith war allein, sie stand unbeweglich und blickte mit heißen, starren Augen auf die Thür, die sich geschlossen hatte hinter ihm – und ihrem Glücke.

+++

Dort gingen zwei Menschen voneinander in derselben Stunde, wo sich zwei andere fanden. Am Ende des Parkes lag eine kleine Laube, halb versteckt im lauschigen Grün, ein Lieblingsplatz Wilmas, und dort saß Major Hartmut neben seiner Braut.

Er hatte sich heute noch gar nicht erklären wollen, die kurze Bekanntschaft gab ihm ja eigentlich noch kein Recht dazu. Er wollte nur das Terrain sondieren, dann in hergebrachter Weise werben und, wenn er seiner Sache sicher war, mit dem Antrage herausrücken. Eigens zu diesem Zwecke hatte er ja die Uniform eingepackt, aber es war nichts mit dem Hergebrachten und dem ganzen weisen Plane. Als er da neben der jungen Frau saß und ihr in die Augen blickte, da war ihm das Herz mit dem Kopfe durchgegangen, und das Geständnis war urplötzlich über seine Lippen gekommen.

Wilma hatte gar nichts gesagt, sondern ihm nur beide Hände hingestreckt, und da hatte er dann natürlich nicht die Hände, sondern die ganze kleine, blonde Frau in seine Arme und an sein Herz genommen, und jetzt sahen sie beide aus, als säßen sie mitten im Paradiese.

Da kam jemand durch den Park gestürmt. Lisbeth war drüben im Pachthofe gewesen, um ihre Spielgefährtin, die kleine Tochter des Pächters, zu besuchen, die im gleichen Alter stand, und hatte erst bei der Rückkehr gehört, daß die Herren aus Heilsberg da seien. Zwar aus dem ernsten, schweigsamen Raimar machte sie sich nicht viel, aber Onkel Hartmut war auch mitgekommen und befand sich mit ihrer Mama im Parke. Nun rannte sie atemlos und mit fliegenden Locken durch die Gänge, um die beiden zu suchen, hörte Stimmen in der Laube und stürzte eiligst dorthin. Aber das kleine Fräulein blieb wie angewachsen am Eingange stehen und sperrte das rosige Mündchen weit auf vor Erstaunen.

.

Da saß Onkel Hartmut, der ihre Mama in den Armen hielt und sie küßte, und die Mama ließ sich das ganz ruhig gefallen.

»O!« kam es endlich von Lisbeths Lippen, und nun fuhren die beiden auf.

»Da ist sie – unser Mädel!« rief Hartmut. »Was meinst du, Wilma, wir werden Fräulein von Maiendorf wohl um ihre Sanktion zu unserer Verlobung ersuchen müssen?«

Wilma streckte der Kleinen die Arme entgegen und zog sie an sich.

»Um Lisbeths willen wollte ich ja allein bleiben,« flüsterte sie. »Aber als ich dich das erste Mal sah, Arnold, da hattest du mein Kind in den Armen und bewahrtest es vor dem tödlichen Sturze. Du wirst es lieb haben, ich weiß es!«

»Und wie!« bekräftigte Arnold. »Komm her, Lisbeth! Du wolltest ja gern ein Soldatenkind sein. Ich werde deine Mama heiraten – willst du mich zum Papa? Dann bist du ein Soldatenkind.«

Die kurze und bündige Auseinandersetzung fand volles Verständnis bei Lisbeth und erregte ihre höchste Zufriedenheit. Die Hurrascene von neulich hatte ihr aber sehr gefallen, und sie fand diese Gelegenheit zur Wiederholung äußerst passend. Sie schwenkte daher wieder ihr Hütchen und rief jubelnd: »Hurra Papa und Mama!«

»Das ist ein Mädel!« sagte Hartmut in höchster Bewunderung. »Solch ein Mädel gibt es überhaupt gar nicht zum zweitenmal. Hurra, mein Fräulein Tochter!«

Damit faßte er die Kleine und hob sie hoch empor, während Wilma mit feuchten Augen und glückseligem Lächeln dabei stand.

Die Meldung, daß Herr Notar Treumann soeben angelangt sei, unterbrach das Beisammensein und verursachte dem Major einen gelinden Aerger.

»Der hat gewiß wieder irgendwo etwas ausgegraben,« sagte er mißvergnügt, »und nun rückt er mit den verschiedenen Jahrhunderten vor. Ich bin aber heut gar nicht historisch angelegt; können wir ihn nicht los werden, Wilma?«

»Aber ich habe ihn ja selbst eingeladen, er kommt zu Tische,« erklärte die junge Frau; »damals wußte ich freilich noch nichts von Ediths Besuch und« – sie blickte mit einem schelmischen Lächeln zu ihrem Bräutigam hinüber – »von einem gewissen anderen Ereignis. Ich muß ihn doch begrüßen – nein, Arnold, laß mich mit Lisbeth vorausgehen und komme erst in einer Viertelstunde nach. Du verrätst dich, und wir können doch unsere Verlobung nicht so Hals über Kopf proklamieren.«

Arnold sah das zwar durchaus nicht ein, aber er blieb gehorsam zurück und zog die Uhr heraus, um die Viertelstunde gewissenhaft einzuhalten. Da tauchte urplötzlich Max Raimar auf, der von einem Spaziergange zu kommen schien, denn er trat durch die kleine Hinterpforte in den Park.

Der junge Maler war heut einigermaßen verstimmt und nicht ohne Grund, Edith Marlow hatte gestern abend fast gar keine Notiz von ihm genommen und ihm deutlich gezeigt, daß er bei ihr noch immer in Ungnade war. Max wurde freilich jetzt nicht mehr gekränkt durch diese »Herzlosigkeit« der einst Angebeteten, denn er steuerte bereits einen anderen Kurs; aber der Besuch störte ihm die Gernsbacher Idylle, und es war auch nicht leicht, sich vor den beiden Damen in seiner Doppelrolle zu behaupten.

In den Marlowschen Salons war er nämlich der moderne Mensch gewesen, der mit allen Illusionen abgeschlossen hatte, und nebenbei das ringende Genie, das sich mit seinen – erst zukünftigen – Thaten nur auf den Boden der Wirklichkeit stellte. Hier auf dem Lande, der jungen, etwas schwärmerisch angelegten Frau gegenüber, war der Idealismus bei ihm ausgebrochen. Er sprach von Unsterblichkeit, schwelgte in hohen Gefühlen und machte »solche Augen«, wie Lisbeth sich ausdrückte. Der Maxl war eben eine vielseitige Natur. Der Anblick Major Hartmuts überraschte ihn nicht, er wußte ja, daß die Herren heut oder morgen nach Gernsbach kommen wollten.

»Sieh da, Maxl!« empfing ihn Hartmut, »Wo hast du denn den ganzen Vormittag gesteckt? Man bekommt dich ja erst jetzt zu Gesicht.«

»Ich war im Walde,« versetzte der junge Mann. »Ich bin heut morgen mit den entsetzlichsten Kopfschmerzen aufgewacht und mußte mich beim Frühstück entschuldigen. Das geht leider bei mir nicht so schnell vorüber. Ich glaube, Herr Major, es ist das beste, ich fahre mit Ihnen und Ernst nach Heilsberg zurück, nur auf zwei Tage. In diesem Zustande kann ich ja doch nicht malen.« »Du Armer!« sagte der Major bedauernd. »Da kommst du ja ganz um den interessanten Besuch, Fräulein Marlow wird auch nur zwei Tage hier bleiben, wie ich hörte, und da willst du in Heilsberg sein? Sag einmal, wie stehst du denn eigentlich mit deiner Millionärin? Du sprichst ja gar nicht mehr davon.«

Max war innerlich wütend über die Frage, aber er wollte um keinen Preis seine Niederlage eingestehen und zuckte daher nur die Achseln.

»Erinnern Sie mich nicht daran – das ist vorbei! Wer ist nicht einmal einem gleißenden Irrlicht gefolgt, das ihn verlockte! Ich bin noch rechtzeitig zur Besinnung gekommen und habe mich losgerissen. Ich folge jetzt einem anderen, milderen Sterne!«

»Maxl, du wirst poetisch!« bemerkte Arnold kopfschüttelnd. »Freilich, du machst ja jetzt in Idealismus, ich habe es schon gemerkt, und der milde Stern ist dir wohl hier in Gernsbach aufgegangen? Schönes Rittergut, was? Ist auch nicht zu verachten, wenn es auch nicht gerade eine Million ist. Bist du schon wieder auf der Jagd – beichte einmal!«

Der junge Maler sah ihn mißtrauisch von der Seite an. Dieser rücksichtslose Spötter war im stande, der Frau von Maiendorf von jenen früheren Plänen zu erzählen; da galt es vorzubeugen.

»Daran habe ich nicht gedacht,« erklärte er. »Ich frage diesmal nicht nach Geld und Gut. Ich weiß nur, daß ich liebe, daß ich erwacht bin aus jenem wüsten Traum. Ich scheue mich nicht, einen Irrtum, eine Verirrung offen einzugestehen. Ja, ich liebe die junge Herrin von Gernsbach, ich bete sie an!«

Um die Lippen des Majors zuckte es ganz eigentümlich, aber sein Gesicht blieb vollkommen ernst, während er dem jungen Manne anerkennend und ziemlich derb auf die Schulter schlug.

»Brav von dir, Maxl! Sehr brav! In dem ausgebrannten Krater deiner Seele sproßt ja jetzt der reine Blumengarten. Also die junge Herrin von Gernsbach hat dir den Idealismus beigebracht? Sehr schön – aber zur Frau bekommst du sie nicht.«

»Und warum nicht?« fragte Max gereizt, indem er sich die Schulter rieb.

»Weil sie meine Frau wird!«

Der junge Maler fuhr zusammen und starrte den Redenden ganz fassungslos an. »Herr Major, ist das Scherz oder –?« »Bitte, das ist vollkommener Ernst. Vor einer Stunde habe ich mich mit Wilma von Maiendorf verlobt, und wir werden baldigst heiraten. Du bist freundlichst eingeladen zur Hochzeit, kannst uns die Tischkarten zeichnen.«

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