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Hexengold und andere Erzählungen

Elisabeth Werner: Hexengold und andere Erzählungen - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorElisabeth Werner
titleHexengold und andere Erzählungen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger G.m.b.H.
year
illustratorM. Flashar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080923
projectid86a408db
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Im Garten des Notars Raimar blühten statt des Flieders nun die Spätrosen, sonst hatte sich nichts geändert seit dem Frühjahr; hier in Heilsberg änderte sich ja überhaupt nichts. Rechts und links die hohen Giebel, die dem Gärtchen etwas so Beengtes, Gedrücktes gaben, an der Rückseite das Haus mit seiner Steintreppe und nach vorn ein Blick auf den alten Wallgraben mit seinen Mauern und Türmen. Und wie damals saß auch heute Major Hartmut seinem Freunde gegenüber, stattlich und kraftvoll wie immer, nur noch etwas mehr gebräunt von der Sonne.

»Ja, diesmal habe ich es gemacht wie der Maxl und bin dir auch wie eine Bombe in das Haus gefallen!« sagte er lachend. »Nun, wenigstens zeigte mir dein Gesicht bei der Ueberraschung, daß ich willkommen bin.«

»Und wie!« rief Ernst, dem in der That die helle Freude aus den Augen leuchtete. »Ich glaubte gar nicht, daß du schon vom Manöver zurück seiest.«

»Ich komme auch geradeswegs daher. Vorgestern sind wir wieder eingerückt, einen Urlaub hatte ich zur Verfügung, da dachte ich mir, Ernst wird dich nicht gerade hinauswerfen, wenn du ihm über den Hals kommst – und da bin ich!«

»Ein höchst gescheiter Einfall! Hoffentlich hast du diesmal die Uniform mitgebracht, denn wir stehen hier vor einer großartigen Festlichkeit. Der historische Verein feiert sein Jubiläum, und Onkel Treumann hat es sich in den Kopf gesetzt, Heilsberg müsse nun auch einen historischen Festzug haben wie andere Städte. Das ganze alte Waffengerümpel aus dem Rathause soll da paradieren, vielleicht schleppen sie auch die berühmte Folterkammer mit.«

Hartmut sah ganz verwundert seinen Freund an. Er war es gar nicht gewohnt, einen Scherz von ihm zu hören, aber er ging fröhlich darauf ein.

»Da werde ich das moderne Kriegsheer vertreten! Uebrigens habe ich die Uniform wirklich eingepackt, weil – nun man kann ja nicht wissen, wie man sie einmal braucht, um Effekt zu machen.«

»Hier in Heilsberg? Was fällt dir ein?« »Nun oder irgendwo in der Umgegend! Aber wie siehst du denn eigentlich aus, Ernst? Du bist ja ganz menschlich geworden.«

»Sehr artig von dir! War ich das vielleicht früher nicht?«

»Nein, du warst in deiner hochwohllöblichen Kanzlei schon halb zur Mumie geworden. Jetzt scheint der Mumienprozeß zum Stillstand gekommen zu sein – Gott sei Dank!«

Der Major hatte recht, mit Raimar war eine Veränderung vorgegangen, nicht gerade auffallend, aber dem Freundesauge doch erkennbar. Die Müdigkeit war verschwunden aus seinen Zügen und seiner Haltung, die Augen hatten Leben gewonnen, und in seinem ganzen Wesen lag ein neuer, fremder Zug, der sich nicht enträtseln ließ, aber er hatte nichts mehr gemein mit der früheren düsteren Gleichgültigkeit.

»Du siehst ja ordentlich verjüngt aus,« fuhr Hartmut fort. »Was ist denn passiert? Bist du vielleicht Vizepräsident des historischen Vereins geworden?«

»Hier in Heilsberg passiert nichts, das weißt du doch,« versetzte Ernst ausweichend. »Aber jetzt erzähle du. Wie war's beim Manöver?«

»Nun, wir sind diesmal scharf ins Zeug gegangen, so scharf, daß ich wirklich ein paar Wochen Erholung brauche – und die denke ich mir hier zu holen.«

Um Raimars Lippen spielte ein spöttisches Lächeln, während er den Freund musterte.

»Du siehst wirklich recht erholungsbedürftig aus. Merkwürdig, Heilsberg scheint nachgerade Kurort zu werden. Max ist auch wieder da und behauptet, daß er sich hier ›erholen‹ müsse, aber er wird uns diesmal nicht stören. Er wollte heute zur Stadt kommen, im übrigen aber ist er schon seit acht Tagen in Gernsbach.«

»Was hat der dumme Junge denn in Gernsbach zu suchen?« fuhr der Major heftig auf. »Wie kommt er dahin?«

»Er malt die kleine Lisbeth, und da bei der Lebhaftigkeit des Kindes die Sitzungen nicht immer glücken, hat ihn Frau von Maiendorf eingeladen, damit er das Bild in aller Ruhe vollenden kann. Was hast du denn, Arnold? Die Einladung ist doch nicht auffallend.«

»So? Mir fällt sie sehr auf! Aber ehe wir weiter reden, ein offenes Wort zwischen uns beiden, Ernst. Dein Onkel Treumann erzählte mir im Frühjahr von gewissen Heiratsplänen, auf die du allerdings damals nicht eingehen wolltest. Ich muß jetzt wissen, wie die Sache steht, also gerade heraus – hast du Absichten auf die junge Witwe? Ja oder nein?«

Raimar runzelte die Stirn und machte eine unwillig abwehrende Bewegung.

.

»Was fällt dir ein, Arnold! Von einer Neigung meinerseits war nie die Rede, und eine bloße Geldheirat traust du mir hoffentlich nicht zu. Lieber zeitlebens Notar in Heilsberg bleiben, als von der Gnade einer reichen Frau leben.«

»Nun, bei mir trifft das nicht zu,« sagte der Major ruhig. »Ich bin und bleibe Soldat und heirate nicht nach Vermögen, aber wenn meine künftige Frau zufällig mit einem Rittergut behaftet wäre, so würde ich ihr das großmütig verzeihen. Also du hast keine Absichten? Freut mich außerordentlich! Ich habe sie nämlich.«

»Du willst heiraten?« fragte Raimar erstaunt. »Aber du hast ja stets das Junggesellenleben für den einzig menschenwürdigen Zustand erklärt.«

»Hast du denn nie in deinem Leben eine Dummheit gesagt?« rief Hartmut ärgerlich. »Ich bin eben erst im Schwabenalter klug geworden. Kurz und gut, die kleine, blonde Frau mit ihren blauen Kinderaugen hat es mir angethan. Ich bin die Geschichte den ganzen Sommer nicht los geworden, und jetzt hielt ich es überhaupt nicht mehr aus. Als das Manöver vorbei war, packte ich auf und kam hierher, um mein Glück zu versuchen. Jetzt weißt du es!«

Ernst lächelte und streckte ihm herzlich die Hand hin.

»Glückauf, Arnold! Es heißt, die junge Frau hätte schon einige Anträge ausgeschlagen, um ihres Kindes willen, aber wenn du anrückst – du bist ja ein stattlicher Freiersmann!«

»Meinst du?« fragte Hartmut etwas bedenklich. »Nun, die ausgebrannte Kraterseele, den Maxl, werde ich wohl aus dem Felde schlagen, denn daß der Junge da wieder Unfug anrichten will, steht fest. Bei seiner Millionärin scheint er gründlich abgefallen zu sein, jetzt ist er bescheidener und will als Rittergutsbesitzer den Kampf um das Dasein weiter kämpfen.«

»Du könntest recht haben,« sagte Raimar nachdenklich. »Ich habe bisher noch nicht daran gedacht, aber dem Maxl ist das schon zuzutrauen. Ihm ist die Heirat ja überhaupt nur Spekulation.«

»Also ist keine Zeit zu verlieren,« ergänzte der Major. »Wir fahren morgen nach Gernsbach, da sondiere ich vorläufig das Terrain, und wenn euer Familiengenie sich wirklich untersteht, da ›Absichten‹ zu haben, dann werde ich ihm das Handwerk legen. Abgemacht!«

Da wurde die Hausthür geöffnet, und das »Familiengenie«, von dem eben die Rede war, erschien in eigener Person mit dem Onkel Treumann, aber sie traten nicht mit der gewohnten Begrüßung ein, sondern stürzten sich förmlich in den Garten.

»Weißt du es, Ernst?« rief der Notar schon von weitem. »Hast du es schon gehört? Nein, er weiß noch gar nichts, sonst würde er nicht so gemütlich dasitzen. – Ah, Herr Major Hartmut, Sie sind in Heilsberg? Kommen Sie aus Berlin? Dann wissen Sie es natürlich schon, ganz Berlin ist ja voll davon!«

»Was ist denn los?« fragte überrascht der Major, während Raimar nicht das geringste Zeichen von Neugierde oder Teilnahme gab.

»Der Teufel ist los!« erklärte Max, der sich augenscheinlich in höchst vergnügter Stimmung befand und darüber sogar den Aerger vergaß, daß sein ewiger Widersacher so urplötzlich auftauchte. »Drüben in Steinfeld nämlich! Ich wußte auch gar nichts; aber als ich heut von Gernsbach hereinkam und den Onkel besuchte, da erfuhr ich die Geschichte.«

»Ja, ich habe es, ich habe es!« schrie der alte Herr, indem er ein ziemlich umfangreiches, gedrucktes Heft hervorzog und triumphierend schwenkte. »Das ›Hexengold‹ habe ich! Jetzt geht es den Neustädtern und ihrem Pascha an den Kragen, diesem Menschen, der anständige Leute hinauswirft und das Gras wachsen lassen will in den Straßen von Heilsberg. Jetzt wird es in seinem Steinfeld wachsen, fußhoch, und in Neustadt auch, denn Neustadt ist gar nichts ohne die Steinfelder Werke!«

Hartmut sah erst den Onkel, dann den Neffen an, der ebenso aufgeregt war, und schüttelte den Kopf.

»Verehrter Herr Notar, es gibt doch, soviel ich weiß, keine Taranteln in Heilsberg,« bemerkte er, »Sie sind ja ganz außer Rand und Band und der Maxl desgleichen. Wollen Sie uns denn nicht endlich sagen, was eigentlich los ist?«

Treumann stellte sich dicht neben ihn und hielt ihm das Heft vor die Nase.

»Können Sie lesen, Herr Major?«

»Einigermaßen ja,« versetzte dieser, indem er das Heft nahm. »›Hexengold! – Ein Warnungsruf in letzter Stunde!‹ – So viel buchstabiere ich noch zusammen, aber ich kann nicht behaupten, daß mir die Sache klar geworden ist.«

»Den Ronald geht es an!« erläuterte Max eifrig. »In der Broschüre da werden ihm die unerhörtesten Dinge vorgeworfen, die ganze Schwindelwirtschaft in Steinfeld wird aufgedeckt – das geht nieder wie ein Hagelwetter!«

»Nein, wie ein Schwefelregen!« sagte der Notar feierlich, »Ich habe es ja prophezeit in der ›Burgwarte‹, und dies elende ›Tageblatt‹ wollte sich ausschütten vor Lachen und nannte mich ein Fossil aus der prähistorischen Zeit, jetzt wird ihnen das Lachen schon vergehen, den Herren Neustädtern. Jetzt kommt das Gericht!«

Der sonst so gutmütige alte Herr sah so grimmig aus, als wolle er in eigener Person dies Gericht vollziehen. Hartmut aber war ernst geworden.

»Gegen Ronald richtet sich die Flugschrift?« fragte er. »Nein, ich weiß nicht das geringste davon, ich komme direkt aus meiner Garnison. Und du, Ernst?«

»Ich auch nicht – man wird ja wohl Näheres darüber hören,« versetzte Raimar mit einem gleichgültigen Achselzucken und trat zu dem Rosengebüsch in der Mitte des Gartens, wo er den anderen fast den Rücken kehrte. Sein Onkel geriet darüber in helle Entrüstung.

»An dir ist Hopfen und Malz verloren!« eiferte er. »Ein solches Ereignis! Das geht nicht nur uns und die Neustädter, das geht die ganze Welt an, das rettet die Moral – und da stehst du wie ein Stock und sagst: Man wird ja Näheres hören? Ernst, du verknöcherst noch ganz und gar!«

Ernst erwiderte keine Silbe, während Hartmut in dem Hefte blätterte und nochmals den Titel ansah. »Anonym erschienen – nur Veritas unterzeichnet – wer mag dahinterstecken?«

»Das wird man schon erfahren!« rief Treumann wieder ganz begeistert. »Ein mutiger Mann ist's, ein Sankt Georg, der tapfer dem Drachen zu Leibe geht. Recht hat er, wenn er sagt: Es liegt ja alles vor diesem Götzenbilde des Mammon auf den Knieen –«

Der Major stutzte bei den Worten und schickte einen raschen, funkelnden Blick zu seinem Freunde hinüber, der bemüht war, die welken Blätter aus dem Rosengesträuch zu entfernen, während der alte Herr fortfuhr: »Ja, eine Sprache hat das Ding, einen Schwung, ein Feuer! Ich habe dem Maxl die schönsten Stellen vorgelesen, er war ganz weg davon – gelt, Maxl?«

»Großartig!« bestätigte Max, der ebenfalls hochbefriedigt war von diesem Angriff auf den ›Zerstörer seines Glücks‹. »Einfach großartig!«

»Herr Notar,« sagte Hartmut in einem eigentümlich erregten Tone, »lassen Sie mir die Flugschrift auf einige Stunden, ich interessiere mich mehr dafür als Ernst – bitte!«

»Mit Vergnügen, Herr Major. Der Doktor hat noch ein zweites Exemplar, das macht die Runde durch Heilsberg, und ich habe gleich in Berlin ein Dutzend bestellt. So etwas muß in das Volk gebracht werden, ja in das Volk! – Komm, Maxl, jetzt gehen wir in den Goldenen Löwen und trinken eine Flasche vom Allerbesten! Wir wollen ihn leben lassen, den mutigen Mann, den Sankt Georg! Hoch soll er leben! Dreimal hoch!«

Der Herr Notar sang im Übermaß seiner Freude die letzten Worte ganz laut, dann nahm er den ebenso vergnügten Maxl unter den Arm, und sie zogen beide ab nach dem Goldenen Löwen.

Im Garten herrschte einige Minuten lang völliges Schweigen. Ernst stand noch immer bei seinen Rosen, und der Major verharrte auf seinem Platze und blickte schweigend zu dem Freunde hinüber, endlich aber trat er zu ihm und sagte halblaut: »So bedanke dich doch!«

»Wofür?« fragte Raimar befremdet.

»Für den Toast, den sie dir ausbringen wollen, und für den Sankt Georg.«

»Aber Arnold, ich bitte dich! Was soll –«

.

»Duckmäuser!« brach der Major los. »Willst du auch mir eine Komödie vorspielen? Götzenbild des Mammon, vor dem

alles auf den Knieen liegt – deine eigenen Worte auf der Rückfahrt von Gernsbach! Darum also stecktest du fortwährend in Neustadt und in Steinfeld, Studien für dein ›Hexengold‹ hast du da gemacht. Und von mir läßt du dich ausschelten und bedauern als angehende Mumie, während du schon mitten drin stehst im Leben, im Kampfe des Tages – schäme dich!« Trotz all der Vorwürfe klang es wie Jubel in den Worten, aber Raimars Antlitz blieb ernst und düster, als er antwortete: »Du hättest es noch heute abend von mir erfahren, aber die Sache ist ernster als du glaubst. Es handelt sich hier um keinen gewöhnlichen Angriff und um keinen Gegner gewöhnlicher Art, Ich bin mir vollkommen bewußt, daß ich meine ganze Existenz dabei auf das Spiel setze. Noch ist Ronald allmächtig in den Kreisen, auf die es hier ankommt, und er wird diese Macht bis aufs äußerste brauchen gegen mich, muß sie brauchen, denn wenn er mich und meine Anklagen nicht vernichtet, dann stürzt er selbst. Es wird ein Kampf auf Leben und Tod!«

»Den du doch nicht unternommen hättest ohne die Ueberzeugung des vollen Rechtes?« fiel Hartmut ein.

»Gewiß nicht; aber wenn ich allein bleibe mit dieser Überzeugung, wenn die öffentliche Meinung mich im Stiche läßt, dann bin ich es, der unterliegt. Ronald hat zu viele Interessen an sich gefesselt, um nicht einen mächtigen Anhang zu haben, der mit ihm steht und fällt. Du ahnst nicht, mit welchen Mitteln da gearbeitet wird. Was nur irgendwie gefährlich werden kann, das ist entweder erkauft oder geknebelt. Sonst wären auch Verhältnisse, wie die drüben in Steinfeld, nicht möglich. Ich kenne sie, ich habe dies Steinfeld ja wachsen sehen und habe mich nie blenden lassen.«

»Es gehen da freilich allerlei Gerüchte um, schon seit Jahr und Tag,« warf der Major ein. »Aber es sind eben Gerüchte geblieben.«

»Weil keiner den Mut hatte, zu reden! Sie brachten ja alles zum Schweigen, und bisher ging es doch in erster Linie Ronald an. Wenn er va banque spielte, so that er es auf seine Gefahr. Jetzt aber sollen die Aktien tausendweise hinausgeworfen werden in unsere ohnehin schon arme Bevölkerung, jetzt sollen die kleinen Leute, die vielleicht ihr ganzes Leben lang gespart und gedarbt haben, das bißchen Habe hingeben für den erlogenen Gewinn, um dann alles zu verlieren – jetzt wäre es ein Verbrechen, noch zu schweigen. Schon im Frühjahr, als jener Plan auftauchte, faßte ich den Entschluß, die Schrift da ist die Arbeit der letzten drei Monate.«

Sie waren an den früheren Platz zurückgekehrt, und Hartmut nahm das Heft wieder auf.

»Hexengold! In dem Titel allein liegt schon die schwerste Anklage, aber du selbst hast dich nicht genannt? Das wirst du doch früher oder später thun müssen. Täusche dich nicht, Ernst, in solchem Kampfe streitet man nicht mit geschlossenem Visier.«

»Das ist auch nie meine Absicht gewesen,« lautete die feste Antwort. »Denkst du, ich treffe einen Feind aus dem Hinterhalt und bleibe selbst im Dunkel? Für den Augenblick mußte ich es, wenn ich meiner Flugschrift die Wirkung sichern wollte.«

»Du mußtest? Warum?«

»Weil ich der Sohn meines Vaters bin! Diese Schrift, mit meinem Namen unterzeichnet und hinausgeschickt, wäre von vornherein verurteilt. – Ernst Raimar – wer ist das? Ah so, der Sohn des Bankrotteurs, der sich an fremden Geldern vergriff und sich dann mit einer Pistolenkugel der Rechenschaft entzog. Und der will sich zum Moralprediger aufwerfen in solchen Dingen, der will die Stellung eines Ronald erschüttern? Der Mann trägt selbst einen Makel auf seinem Namen und versucht es, die Ehre anderer anzugreifen! – So hätte es gelautet, und damit wäre mein Werk gerichtet und abgethan gewesen.«

Die Worte klangen wieder in herber Bitterkeit, aber sie waren nur allzu wahr, und der Freund stimmte, wenn auch widerstrebend, bei.

»Ich fürchte, du hast recht, so ungefähr hätte die Welt geurteilt. Jetzt ist das Geheimnis streng gewahrt?«

»Unbedingt, und deshalb ist die Wirkung eine ungeheure, wie mir mein Verleger aus Berlin schreibt. In den Finanzkreisen ist man außer sich, die sämtlichen Zeitungen besprechen die Schrift, das ganze Publikum liest sie, jetzt ist es nicht mehr möglich, diese Anklagen zu unterdrücken oder totzuschweigen. Ronald muß Rede stehen, und sobald er öffentlich antwortet, nenne ich mich – das ist beschlossene Sache.«

»Und dann werden sie dich wieder bis aufs Blut peinigen mit der alten, unseligen Geschichte!« rief der Major mit unterdrückter Heftigkeit. »Wirst du da standhalten? Man erspart dir das nicht, verlaß dich darauf.«

»Ich weiß es,« sagte Ernst fest und ruhig, »Ronald wird seine ganze Presse wie eine Meute gegen mich hetzen, und gerade an dem Punkte werden sie einsetzen, denn es ist der einzige, wo ich angreifbar bin; aber fürchte nichts, Arnold! Das habe ich durchgekämpft und überwunden, ehe ich meine Schrift in die Welt hinaussandte. Jetzt ist der Würfel gefallen, jetzt stehe ich auf dem Kampfplatze, und nun mögen sie herankommen.«

Er hatte sich hoch aufgerichtet. Da war auch nicht eine Spur mehr von der einstigen düsteren Ergebung, nur noch energischer Wille, der das ganze Wesen des Mannes zu durchdringen schien.

»Bist du endlich wieder der alte!« brach Hartmut triumphierend aus, »Nun, dann will ich den Kampf segnen, wenn er dich dir selbst zurückgibt! Aber nun her mit deiner Flugschrift: Wir haben lange genug darüber geredet, jetzt will ich sie endlich lesen.«

»Hier ist sie.« Ernst reichte ihm das Heft. »Ich lasse dich jetzt allein. Ich war eben im Begriff, nach Berlin zu schreiben, als du ankamst, und der Brief muß noch heute fort. In einer Stunde komme ich und hole mir dein Urteil.« –

Eine volle Stunde war vergangen, und Major Hartmut saß noch immer wie gebannt an seinem Platze und las. Jetzt schlug er die letzte Seite um, las die Schlußworte und schloß dann das Heft. Aber seine Kritik bestand nur in einem einzigen Worte: »Donnerwetter!«

Er zog sein Taschentuch hervor und fuhr sich damit über die Stirn, erst nach einem minutenlangen Schweigen sagte er mit einer gewissen Wehmut: »Da hat dieser Mensch, der Ernst, nun zehn Jahre lang in Heilsberg gesessen, mitten unter den Philistern, und ich habe ihm vorgehalten, daß er auch einer geworden ist, und jetzt geht er so ins Zeug und schlägt unter die ganze edle Raubrittergesellschaft, daß die Funken nur so fliegen! Das sind ja fürchterliche Dinge, die er diesem Ronald da in das Gesicht schleudert! Und die geehrten Herren von der Hochfinanz bekommen auch bittere Wahrheiten zu hören!«

Er sprang plötzlich auf und jetzt schlug seine Stimmung in hellen Jubel um.

»Das ist er wieder, wie er leibt und lebt, mein alter Jugendgenosse! So stand er damals vor den Schranken, als er die armen Teufel verteidigte, die in den Streik hineingehetzt waren und nun wegen Landfriedensbruch verurteilt werden sollten. So riß er einst mit seinen flammenden Worten alles hin und berief sich auf die Menschenrechte gegen den starren Buchstaben des Gesetzes. – Ja, ja, Onkel Treumann, dir und deinen braven Heilsbergern werden die Augen übergehen, wenn ihr ihn erst zu Gesicht bekommt, euren Sankt Georg, aber behalten werdet ihr ihn nicht lange mehr in eurem historischen Neste. Jetzt ist er los von dem Bann, jetzt ist er aufgewacht! Der geht euch durch, so wahr ich Arnold Hartmut heiße! Hurra!«

Er schwenkte das Heft ebenso triumphierend wie vorhin der Herr Notar, aber es kam ein ganz merkwürdiges Echo zurück.

»Hurra, Onkel Hartmut!« tönte eine helle Kinderstimme. Droben auf der Steintreppe stand die kleine Lisbeth von Maiendorf und schwenkte mit beiden Händen ihr Strohhütchen, dann sprang sie die Stufen herab und eilte dem Major jubelnd entgegen.

»Kleiner Wildfang, weißt du es schon, daß man einstimmen muß, wenn Hurra gerufen wird?« fragte er lachend, indem er sie auffing. »Wo kommst du her, Lisbeth? Ist die Mama auch hier?«

»Die Mama ist bei dem Onkel Notar in der Kanz–lei,« berichtete Lisbeth, der das Wort noch einige Mühe machte. »Und da hat der Onkel gesagt, ich sollte in den Garten laufen zu dir, er käme nach mit der Mama. O da bin ich gelaufen! Ich bin so froh, daß du wieder da bist!«

»Ich auch,« sagte Hartmut sehr aufrichtig und hochbefriedigt von der Mitteilung. Er nahm die Kleine auf seine Kniee; sie fing sofort an, mit der größten Zutraulichkeit zu plaudern und mit sichtbarem Stolze zu erzählen, daß sie jetzt gemalt werde.

»Ein so großes, schönes Bild! Und ein weißes Kleidchen hab' ich an und einen Strauß in der Hand –«

»Und der Max Raimar malt dich,« ergänzte Arnold. »Ja, ich weiß es schon. Magst du ihn denn leiden, das angehende Genie – den Maxl meine ich?«

Lisbeth verzog schmollend das Gesicht und schüttelte sehr entschieden das Köpfchen.

»Nein, ich mag ihn gar nicht. Er will immer nur bei der Mama sein und mit ihr reden. Mit mir will er nie spielen. Er ist so dumm!«

»Was das Kind schon für eine Menschenkenntnis hat!« sagte der Major bewundernd. »Also er spricht immer mit der Mama, auch wenn er dich malt?«

»Ja immer, und dann macht er solche Augen,« und Klein-Lisbeth verdrehte ihre hellen Äuglein in einer ganz beängstigenden Weise, um den schwärmerischen Aufblick des jungen Künstlers wiederzugeben.

»Dachte ich es doch! Ich drehe dem dummen Jungen noch nächstens den Hals um!« rief Hartmut wütend, ohne daran zu denken, daß die Kleine zuhörte; diese aber sagte ganz ernsthaft: »Das darfst du nicht thun, dann wird ja das schöne Bild nicht fertig.«

»Das male ich fertig,« behauptete der Major mit unfehlbarer Sicherheit, »und den Maxl brauchen wir dann nicht mehr, der fliegt hinaus!«

Lisbeth guckte ihn von der Seite an, sie schien doch einiges Mißtrauen in seine malerische Begabung zu setzen, plötzlich aber lachte sie hell auf. Sie fand es äußerst belustigend, daß der Maxl aus Gernsbach hinausfliegen sollte.

Nach zehn Minuten war bereits ein Spiel im Gange. Das kleine Fräulein von Maiendorf lernte, mit einem Stock bewaffnet, die militärischen Griffe und den Parademarsch, und Herr Major Hartmut war so entzückt von ihren Fortschritten, daß er einmal über das andere versicherte: »Lisbeth, du verdientest wahrhaftig ein Soldatenkind zu sein!«

Sie waren beide so vertieft, daß sie es gar nicht bemerkten, wie Raimar mit Frau von Maiendorf in den Garten trat, bis der erstere lachend rief: »Aber Arnold – übst du hier Rekruten ein?«

»Ach, gnädige Frau – ich bitte um Verzeihung!« fuhr Arnold auf, Wilma lächelte nur. Als ob es bei einer Mutter der Entschuldigung bedürfte, wenn man ihrem Kinde eine Freundlichkeit erweist! Aber sie erwiderte seinen Gruß mit einer gewissen Befangenheit, und nun stellte sich auch noch Lisbeth vor sie hin und sagte in einem sehr vorwurfsvollen Tone: »Mama, Onkel Hartmut sagt, ich verdiente ein Soldatenkind zu sein – warum bin ich denn kein Soldatenkind?«

Die junge Frau wurde purpurrot, und ein Blick des Majors, den sie auffing, steigerte noch ihre Verwirrung; glücklicherweise kam ihr Ernst zu Hilfe.

»Komm, Lisbeth, da drüben im Gartenhause sind die jungen Kätzchen mit ihrer Mutter, mit denen sollst du spielen. – Es bleibt dabei, gnädige Frau, ich lasse sofort den neuen Pachtvertrag aufsetzen und bringe ihn dann selbst nach Gernsbach. Arnold, du mußt mich einstweilen hier vertreten, ich habe noch Geschäftliches zu erledigen.«

Damit nahm er die Kleine an die Hand und führte sie nach dem Gartenhäuschen, wo die Katzenfamilie sofort ihre ganze Aufmerksamkeit fesselte. Arnold sandte seinem Freunde einen dankbaren Blick nach und widmete sich dann mit vollem Eifer der »Vertretung«. Er schien auch Glück damit zu haben.

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Ernst Raimar stand inzwischen am Fenster seines Wohnzimmers, das im oberen Stock lag, und blickte mit verschränkten Armen hinab in den Garten. Er hörte das Lachen des Kindes das sich mit den Kätzchen herumjagte, hinter dem Rosengebüsch schimmerte das helle Kleid der jungen Frau, und daneben war die Gestalt Hartmuts sichtbar.

Ernst wandte sich jetzt plötzlich mit einer jähen Bewegung ab. Er nahm den Brief nach Berlin, der zum Abgehen fertig lag, von seinem Schreibtisch, um ihn fortzusenden, aber um seine Lippen zuckte es dabei wie mühsam verhaltene Qual. Er hatte ja auch geträumt, einen kurzen Frühlingstraum von wenigen Tagen, dann war ein bitteres Erwachen gekommen. Freilich ein Erwachen zum Kampf, zum Leben, aber das Glück – das ging doch in Trümmer dabei!

Hexengold! Ein seltsamer Titel! Man hatte die Flugschrift mit Kopfschütteln zur Hand genommen, aber schon auf der ersten Seite wurde die Aufmerksamkeit gefesselt, denn da war ein Name genannt, den jeder kannte. Felix Ronald, dessen Glück fast sprichwörtlich geworden war, der alles, was er berührte, in Gold zu verwandeln schien. Wie ein Meteor war er aus dem Dunkel emporgestiegen und von Erfolg zu Erfolg geschritten, hatte alles, was ihm anfangs noch feindlich oder mißtrauisch gegenüberstand, in seinen Bannkreis gezogen und übte jetzt eine unbestrittene Herrschaft in diesem Kreise aus.

Die Steinfelder Industriewerke, sein erstes großes Unternehmen, das jetzt in die Hände der Aktiengesellschaft übergehen sollte, galt für eines der glänzendsten und gewinnreichsten, und das rechtfertigte die riesigen Summen, die dafür gefordert und bewilligt wurden. Die Ausgabe der Aktien deckte ja das alles und war mehr als gesichert.

Man fand es begreiflich, daß Ronald von der Leitung zurücktrat. Der Mann erlag ja fast unter der Last all seiner Unternehmungen, er mußte sich wenigstens zum Teil davon frei machen, wenn er sich, wie es den Anschein hatte, jetzt den Aufgaben der hohen Finanz zuwenden wollte. Man wußte, daß er beim Abschluß der neuen Anleihe eine hervorragende Rolle gespielt hatte, und munkelte von einer besonderen Auszeichnung, die ihm zugedacht sei.

Und nun kam auf einmal diese Flugschrift mit ihren Enthüllungen, die wie ein Blitz niederfuhren in das ahnungslose Publikum. Nun wurden auf den Steinfelder Werken Verhältnisse aufgedeckt und Dinge an das Licht gezogen, die ganz unglaublich schienen. Die glänzenden Jahresabschlüsse sollten Trug und Schwindel sein und die Werke schon seit Jahren mit Verlust arbeiten. Das Schweigen aller, die durch ihre Stellungen einen Einblick in die Sache haben mußten, sei erkauft, die anderen seien mit unlauteren Mitteln eingeschüchtert, und gegen die Arbeiter werde ein Ausbeutungs- und Bedrückungssystem ohnegleichen geübt. In einem Gebäude, das so sicher und festgegründet zu stehen schien, wurden jetzt Thüren und Fenster aufgerissen, und nun sah man die klaffenden Risse und Spalten in den Mauern, die wankenden Pfeiler – das brach ja rettungslos zusammen!

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