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Hexengold und andere Erzählungen

Elisabeth Werner: Hexengold und andere Erzählungen - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorElisabeth Werner
titleHexengold und andere Erzählungen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger G.m.b.H.
year
illustratorM. Flashar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080923
projectid86a408db
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Er hatte recht mit seinem Vorwurf, Edith fühlte es und machte den Versuch, den Eindruck zu verwischen.

»Sie tragen selbst die Schuld an meiner Ueberraschung,« entgegnete sie. »Ich glaubte nicht, daß Sie überhaupt leidenschaftlich empfinden könnten, Sie zeigten sich mir bisher von einer ganz anderen Seite.«

»Bisher! Da trafen wir uns nur im Salon, vor Fremden, da zeigt man nicht sein wahres Gesicht. Die Welt hält mich freilich für eine Art Rechenmaschine, die nur Zahlen kennt – haben Sie das auch gethan?«

Es klang wie bitterer Hohn in seinen Worten, und doch bebten sie in unterdrückter Leidenschaft, als er fortfuhr: »Da sind Sie doch im Irrtum gewesen. Der kluge, kühle Geschäftsmann, der nur rechnet und abwägt, das ist Ihr Vater, Edith. Ich bin es nicht, bin es nie gewesen, und damit erzwingt man auch nicht eine Laufbahn wie die meinige, die Erfolge eines ganzen Menschenlebens in wenigen Jahren! Sie kennen ihn freilich nicht, den dunklen, dämonischen Drang, der in manchen Naturen liegt und sie rastlos vorwärts treibt, durch alle Hindernisse, über alle Schranken hinweg. Ich habe diesen Dämon schon gekannt, als ich noch arm und unbekannt war, und er allein hat mich emporgetragen. Ich wollte ihm nicht folgen, ich mußte. Ihr Vater hat mir oft gesagt: ›Sie rechnen zu kühn! Das sind keine Rechnungen, Wagnisse sind es!‹ Aber sie glücken immer, wenn man nur den Mut hat, sich ganz und voll dafür einzusetzen, und die Energie, sie durchzuführen bis ans Ende. Schreckt Sie das, Edith? Ich glaubte, Sie würden es begreifen!«

»Ja, ich begreife es,« sagte Edith, deren Augen jetzt an seinen Lippen hingen. Das war in der That eine Sprache, die sie verstand, die sie mächtig fesselte, die Sprache des stolzen Selbstbewußtseins, des rücksichtslosen Wagemutes.

Ronald sah das, und sein beleidigter Stolz hielt nicht mehr stand, die Leidenschaft für das schöne Mädchen siegte. Er trat langsam wieder an ihre Seite, und jetzt sank seine Stimme zu einem heißen Flüstern herab. »Die Welt nennt das unerhörtes Glück, Ich bin nicht glücklich dabei gewesen und habe auch nicht viel danach gefragt, denn bei mir hieß die Losung immer nur: Vorwärts! Aufwärts! Da lernte ich Sie kennen, Edith, und da wurde es anders. Sie wollen ja die Meine werden, aber ich verlange mehr als dies kühle, förmliche Ja, mit dem Sie sich vorhin zu meiner Braut erklärten, weit mehr. In der ruhelosen Hetzjagd meines Lebens habe ich nie Zeit gehabt für das Glück, aber jetzt fordert es sein Recht, gewaltsam, unwiderstehlich. Willst du es mir geben? Du kannst es, du allein!«

Das war der volle, echte Ton der Leidenschaft, und Edith hätte kein Weib sein müssen, wäre sie gleichgültig dabei geblieben. Sie war geblendet, hingerissen, und all die warnenden, widerstreitenden Empfindungen, mit denen sie vorhin gekämpft, gingen unter darin. Mit einem tiefen Atemzuge richtete sie sich empor.

»Ich habe Sie bisher noch gar nicht gekannt, Ronald –«

»Felix!« unterbrach er sie. »Laß mich doch endlich meinen Namen hören von deinen Lippen!«

»Felix,« wiederholte sie leise. »Wir müssen es ja erst lernen, einander zu verstehen!«

Er schloß sie in die Arme, nicht so wild und stürmisch wie vorhin, er fürchtete offenbar, sie wieder zu verletzen. Aber diesmal entzog sich Edith nicht seiner Umarmung. Marlow war inzwischen draußen auf der Terrasse allein geblieben. Wilma hatte sich mit ihren Hausfrauenpflichten entschuldigt. Sie wollte noch einige Anordnungen für den Abend treffen und nahm ihre Kleine mit sich. Der Bankier wandelte langsam auf und nieder und schien sich nur dem behaglichen Genuß seiner Zigarre hinzugeben. Aber sein Blick streifte im Vorüberschreiten öfters die offen gebliebene Glasthür, und jetzt mochte er wohl bemerkt haben, daß da drinnen alles in erwünschter Ordnung war. Er warf die Zigarre weg und trat in den Salon.

Ronald führte ihm seine Braut entgegen, und nun folgten die üblichen Umarmungen, die Glückwünsche und das erste vertraute Zusammensein mit dem neuen Schwiegersohn. Aber hier fehlte das erste süße Geplauder eines Brautpaares mit der nun offen hervorbrechenden Zärtlichkeit des Mannes und der noch halb scheuen Hingebung des Mädchens. Ronald konnte wohl leidenschaftlich, aber nicht zärtlich sein und Edith war überhaupt nicht angelegt für weiche Hingebung. Auch Marlow bewahrte seine kühle Gelassenheit, die ihm zur zweiten Natur geworden war, obgleich er mit dieser Verlobung seinen höchsten Wunsch erfüllt sah. Nach fünf Minuten sprachen die drei bereits von sehr realen Dingen.

»Verzeih, daß ich so spät kam,« sagte Felix. »Ich wollte natürlich mit deinem Vater kommen, wurde aber im letzten Augenblick noch zurückgehalten.«

»Edith kennt den Grund bereits,« warf der Bankier ein. »Ich sagte ihr schon von der Depesche des Ministers, der sofortige Antwort verlangte.«

»Ja, und eine sehr ausführliche,« bestätigte Ronald. »Ich habe erst Berichte diktieren, Ergänzungen hinzufügen müssen, und das hat ein paar Stunden gedauert. Aber du wirst die Verspätung entschuldigen, Edith, sie ging zum Teil auch dich an.« »Mich?« fragte Edith, die noch immer mit einem gewissen Zögern sein Du erwiderte. »Ich verstehe dich nicht.« –

»Nun, du wirst doch künftig meinen Namen tragen, und der spielt auch eine Rolle dabei. Hast du etwas dagegen, wenn dieser lautet: Felix Freiherr von Ronald?«

Die junge Dame fuhr in lebhafter Ueberraschung auf und blickte erst ihren Verlobten, dann den Vater an, dessen Lächeln zeigte, daß er bereits unterrichtet war.

»Man will dir den Adel erteilen?« rief sie.

»Man will das nun gerade nicht,« sagte Ronald mit einem spöttischen Auflachen. »Vermutlich verursacht der Entschluß einige Beklemmung an maßgebender Stelle, trotzdem wird man sich dazu bequemen müssen. Es handelt sich um gewisse finanzielle Schwierigkeiten bei der neuen Anleihe, die man möglichst schnell heben möchte. Ich habe die Fäden zum Teil in der Hand und kann nötigenfalls einen Druck auf die großen Banken und die Berliner Finanzwelt ausüben. Wenn ich mit meinem ganzen Einfluß eintrete, geben sie voraussichtlich ihre Zurückhaltung auf und folgen.«

»Sie werden zweifellos folgen,« stimmte Marlow bei. »Wir haben hinreichend vorgearbeitet, und das wissen die Herren da oben sehr genau.«

Edith hörte mit lebhafter Spannung zu. Als Tochter ihres Vaters war sie vertraut genug mit diesen Dingen, um sie zu verstehen; jetzt fragte sie: »Du hast den Adel gefordert?«

»Nicht direkt, so etwas wird überhaupt nicht gefordert und ausgesprochen, aber man versteht sich trotzdem. Ich habe meine Wünsche hinreichend angedeutet und ebenso diskret die Zusage erhalten. Die Sache ist abgemacht, muß aber einstweilen noch Geheimnis bleiben. Und nun begreifst du vielleicht meinen Wunsch, daß auch unsere Verlobung geheim bleibt bis zum Herbst – dann bringe ich meiner Braut die Freiherrnkrone als Morgengabe mit!«

Die Augen der jungen Braut blitzten in stolzer Genugthuung. Das war der erste glanzvolle Gruß der Zukunft, die ihrer wartete, und sie war viel zu sehr ein Kind der großen Welt, um ihn nicht als einen Triumph zu empfinden.

»Wie du willst, Felix,« entgegnete sie lächelnd. »Ich füge mich ganz deinen Wünschen, aber weshalb hast du denn heut schon gesprochen?« »Weil du den ganzen Sommer fern sein wirst, und wer weiß, was dir da alles naht und dich umschwärmt. Ich hatte Furcht davor, Edith, ich wollte mir deine Hand sichern vor unserer Trennung. In drei bis vier Monaten wird jene Angelegenheit erledigt sein und damit auch die meine. Ich will erst als Felix von Ronald öffentlich um dich werben!«

.

»Du kannst immerhin darauf stolz sein, mein Kind,« mischte sich der Bankier ein, dem man selbst den geschmeichelten Stolz und die hohe Befriedigung ansah. »Solch eine Standeserhöhung ist selten genug bei uns.«

»In unserem schwerfälligen, pedantischen Deutschland allerdings,« sagte Ronald mit herbem Spott. »Da gilt ja nicht der Mann und seine Erfolge, da fordert man erst noch alle möglichen ›Garantien‹ für die Zukunft. Wenn man mich nicht so notwendig brauchte! Ich weiß, wie hoch ich diese ›Anerkennung‹ anzuschlagen habe.« –

»Gleichviel, der Welt gegenüber behält sie ihre volle Geltung,« erklärte Marlow gelassen. »Aber nun werde ich Wilma holen, sie will dir doch auch Glück wünschen, Edith. Sie wird freilich nicht sehr überrascht sein, denn sie kennt den Grund Ihres Besuches, Felix.« Er stand auf und verließ den Salon, Edith wandte sich zu ihrem Verlobten.

»Du scheinst gar keinen so großen Wert auf diese Standeserhöhung zu legen,« bemerkte sie.

»Doch, den allergrößten, aber Freude habe ich nur um deinetwillen daran. Mich soll es nur decken gegen all die feindseligen Einflüsse – doch das geht mich allein an. Laß mir die Arbeit und die Sorge, dich soll nur der Glanz umgeben!«

»Das heißt, ich soll nur ein glänzendes Schmuckstück deines Hauses sein, und der Ernst deines Lebens soll mir ferne bleiben? Felix, du kennst mich nicht, wenn du mir eine solche Rolle zumutest.«

Das klang vorwurfsvoll, aber es war nicht der zärtliche Vorwurf einer Braut, die ihren Anteil fordert an den Sorgen des künftigen Gatten, und der Strahl, der eben wieder heiß aufflammte in den Augen des Mannes, erlosch vor den kühlen, ernsten Worten.

»Ich weiß, daß du mir mehr sein kannst,« sagte er, sich zur Ruhe zwingend. »Aber es ist im Grunde nichts Neues, was du hören wirst. Die alte Geschichte von Neid und Mißgunst, von Haß gegen den ›Emporkömmling‹, der sie alle überflügelt hat. Ich habe nie viel danach gefragt, aber jetzt regt es sich an allen Ecken und Enden, jetzt wird überall gewühlt und gehetzt gegen mich, im geheimen natürlich. Offen wagt es keiner, gegen mich aufzutreten, und ich wollte es auch keinem raten, aber diese Maulwurfsarbeit ist gefährlicher als ein offener Kampf. Es mußte irgend etwas geschehen, um dem Gesindel da unten Respekt beizubringen. Das Adelsdiplom gilt in unseren Kreisen noch immer für die höchste Auszeichnung, das gibt man nicht irgend einem glücklichen Spekulanten, der heut der Held des Tages ist und morgen verschwindet, und das gibt mir auch den nötigen Rückhalt nach oben hin. Felix Ronald konnte man fallen lassen, wenn der Wind einmal aus anderer Richtung weht – den Freiherrn von Ronald nicht! Den hat man in die eigenen Kreise aufgenommen und muß diese Wahl vertreten.«

Edith folgte mit steigender Betroffenheit seinen Worten. Sie hatte auch nur den Glanz gesehen in dieser meteorartigen Laufbahn, und nun blickte sie in eine dunkle Tiefe, wo sich allerlei feindselige Gewalten regten. »Ich habe nicht gewußt, daß du auf so schwankendem Boden stehst,« sagte sie leise.

»Pah! Ein Schiff auf der hohen See schwankt immer. Das kümmert den Kapitän nicht, aber er sichert es gegen den Sturm. Ich wußte, was ich that, als ich nicht den einfachen Adel, sondern den Freiherrn forderte. Ob widerwillig zugestanden oder nicht, es ist eine Thatsache, und sie setzt Beziehungen und Verbindungen voraus, die meine Gegner zum Schweigen bringen werden. Jetzt wagen sie sich nicht mehr an mich!«

Er sprach mit hochmütigem Siegesbewußtsein, aber die junge Braut schwieg. Ihre anfängliche freudige Genugthuung war vorbei, seit sie wußte, wie jene »Auszeichnung« errungen war und welchem Zweck sie dienen sollte. Es war überhaupt ein so seltsames Gespräch in der ersten Stunde der Verlobung. Da war nur von Haß und Feindschaft die Rede, von Kämpfen, die man bestehen, Stürmen, gegen die man sich sichern müsse. Edith dachte an die flammenden, drohenden Augen, die sie vorhin gesehen hatte, und fast unwillkürlich kam ihr die Frage auf die Lippen: »Felix, was liegt zwischen dir und diesem Raimar?«

Ein schnelles, blitzähnliches Aufzucken ging über die Züge Ronalds bei dieser jähen, unvermittelten Frage, aber schon in der nächsten Minute zeigten sie nur noch einen kalt verächtlichen Ausdruck.

»Raimar?« wiederholte er, als müsse er sich erst besinnen. »Ah so, du meinst den Notar von Heilsberg! Und was zwischen uns liegt, willst du wissen? Das weiß ich doch nicht, ich gebe mich nicht ab mit solchen untergeordneten Persönlichkeiten. Aber du scheinst ihn ja fast auf eine Stufe mit mir zu stellen – recht schmeichelhaft in der That!«

»Du kanntest ihn aber doch,« beharrte Edith, ohne sich durch den wegwerfenden Ton beirren zu lassen. »Er benahm sich eigentümlich feindselig bei der Begegnung.«

»Natürlich kenne ich ihn.« Ronald zuckte nachlässig die Achseln, »Ich habe ja meine kaufmännische Laufbahn im Bankhause seines Vaters begonnen. Das wußtest du nicht? Es ist auch nicht der Mühe wert! Er hat damals Vermögen und Lebensstellung eingebüßt und es überhaupt zu nichts gebracht in der Welt, sonst würde er nicht in Heilsberg sitzen. Ich bin emporgekommen – Grund genug für solche Menschen zum ohnmächtigen Groll und Haß gegen den einstigen Untergebenen, der jetzt so hoch über ihnen steht. Ich finde das im Grunde natürlich, aber man nimmt doch nicht weiter Notiz von solchen Erbärmlichkeiten.«

»Scheint dir dieser Raimar so verachtungswert?« fragte Edith langsam. »Vielleicht unterschätzest du ihn doch. Furchtsam wenigstens ist er nicht, es lag ja fast eine Herausforderung in seiner Haltung, und du – ließest das hingehen.«

Ronald streifte mit einem raschen, funkelnden Blick seine Braut, dann lachte er laut auf, aber es war ein grelles, nervöses Lachen.

»Du hast ja eine unheimlich scharfe Beobachtungsgabe! Hast du das alles herausgefunden in den paar Minuten, wo der Herr Notar uns hier mit seiner Gegenwart beehrte?«

.

»Sie bestätigten mir nur, was ich bereits wußte, daß er dein Feind ist. Ich habe es aus seinem eigenen Munde gehört.«

Die Wirkung dieser unvorsichtigen Worte war eine ganz ungeahnte. Ronald fuhr auf, als habe er einen Schlag in das Gesicht erhalten. Er faßte plötzlich die Hand seiner Braut und preßte sie mit so wildem Druck, daß es schmerzte.

»Das hat er gewagt, dir zu sagen?« stieß er hervor. »Und du hast das angehört? Was hat er dir gesagt; antworte, Edith! Was hat er angedeutet?«

Mit einer energischen Bewegung machte Edith ihre Hand frei und trat zurück. »Du bist außer dir, Felix!« rief sie, mehr entrüstet als erschrocken über diesen wilden Ausbruch.

Die scharfe Mahnung brachte ihn zur Besinnung.

»Du hast recht, ich bin überreizt. Das kommt von der Überarbeitung, ich habe in der letzten Zeit ja immer die Nacht zum Tage machen müssen und kaum ein paar Stunden Schlaf gehabt, das rächt sich jetzt. Aber ich muß wissen, was da gesprochen worden ist. Wie kamst du überhaupt zu einem solchen Gespräch mit Raimar? Du sahst ihn ja zum erstenmal?«

Die Worte klangen ruhiger, aber in seinem Blick lag noch immer die fieberhafte Unruhe. Es vergingen einige Sekunden, bevor Edith antwortete, es warnte sie etwas in ihrem Innern, jener ersten Begegnung im Walde zu erwähnen, so umging sie denn die Antwort.

»Er wäre wohl nicht nach Gernsbach gekommen, wenn er geglaubt hätte, dich hier zu finden,« erwiderte sie. »Wir sprachen von Steinfeld, natürlich auch von dem Herrn der Steinfelder Werke, und da verriet er seine Feindschaft gegen dich. Er hatte ja keine Ahnung, in welchen Beziehungen wir stehen.«

Ronald stützte die Hand auf die Lehne des Sessels, an dem er stand, aber seine Augen hafteten unverwandt auf dem Gesichte seiner Braut, als wollte er darin lesen.

»So? Also nur ein gleichgültiges, zufälliges Gespräch?« fragte er endlich. »Gleichviel, ich bitte dich, dafür zu sorgen, daß sich das nicht wiederholt. Ihr wollt zwar in der nächsten Woche abreisen, aber Heilsberg ist nahe. Du wirst einsehen, daß ein Mann, der sich offen als meinen Feind bekennt, meiner Braut nicht wieder nahen darf.«

»Ich sehe nur, daß du diesen Mann fürchtest!« sagte Edith kalt.

Das grelle, höhnische Auflachen kam wieder von den Lippen Ronalds, aber er gab es auf, die Sache noch ferner als gleichgültig zu behandeln.

»Fürchten?« wiederholte er. »Er soll mich fürchten! Ich pflege nicht viel Umstände zu machen mit meinen Feinden, und mit diesem Ernst Raimar habe ich noch abzurechnen von früher her. Er verschwand damals völlig aus der Welt, ich wußte gar nicht, wo er überhaupt vegetierte; wenn er aber jetzt versucht, meinen Weg zu kreuzen – er soll sich hüten! – Ich zertrete ihn!« Die letzten Worte klangen halb erstickt, fast wie ein Zischen, und dabei sprühte es auf in seinen Augen – Edith war nicht furchtsam, aber es durchschauerte sie eisig unter diesem Blick. Sie sah den Dämon, von dem er vorhin gesprochen, sich jetzt aufbäumen in dem Manne, dem sie eben ihre Hand zugesagt hatte, jenen Dämon, der ihn emporgetragen, weil er erbarmungslos alles zertrat, was sich ihm in den Weg stellte, sie wußte es jetzt!

Das völlige Verstummen seiner Braut mochte Ronald daran erinnern, wie weit er sich hatte fortreißen lassen. Er nahm seine gewohnte Haltung wieder an und trat zu ihr.

»Das erschreckt dich, Kind?« fragte er halblaut. »Du hast freilich noch keinen Blick gethan in die Tiefen des Lebens, du kennst ihn nicht, den wilden, erbitterten Kampf, wo einer den anderen fortzustoßen sucht von seinem Platze, wo man unterliegen oder selbst niederwerfen muß, ich kenne ihn zur Genüge. Aber du siehst, es ist nicht so leicht, meine Gefährtin und Vertraute zu sein, wie du es forderst.«

»Ja, ich sehe es!« sagte Edith tonlos.

»Und nun fort mit all diesen unerquicklichen Dingen!« rief Ronald, sich emporrichtend mit einer Bewegung, als werfe er alles weit hinter sich. »Wie kommen wir denn gerade heut darauf? Sieh nicht so ernsthaft aus, Edith, steh nicht so eisig da! Du hast mir dein Wort, deine Hand gegeben, nun laß mich auch endlich, endlich einmal glücklich sein!«

Es war ein heißes, stürmisches Flehen, wie ein Aufschrei nach Glück klang es in den Worten, die ganze Leidenschaft des Mannes brach wieder hervor, als er seine Braut umfing.

Edith duldete das schweigend, aber sie erwiderte seine Liebkosungen nicht, und sie atmete tief und erleichtert auf, als in diesem Augenblick ihr Vater mit Wilma eintrat. –

Es war Abend geworden; die Verlobung wurde freilich im allerengsten Familienkreise gefeiert, aber sie sollte doch einen festlichen Anstrich haben. Im Eßzimmer überblickte Frau von Maiendorf noch einmal den Abendtisch und hatte dabei Mühe, den neugierigen Fragen ihres Töchterchens stand zu halten, das durchaus wissen wollte, warum die Mama heut, wo doch keine große Gesellschaft war, all das Silberzeug und die schönen Blumen aufstellte. Draußen auf der Terrasse plauderte Marlow in der behaglichsten Stimmung mit seinem Schwiegersohn, und Edith hatte sich in ihr Zimmer zurückgezogen, um noch etwas an ihrem Anzug zu ändern, wie sie erklärte.

.

An dem offenen Fenster, das nach dem Park hinausging, stand die junge Braut, aber sie schien nicht an ihre Toilette zu denken, sondern blickte wie traumverloren hinaus in den dämmernden Maiabend. Der Himmel war noch licht und hell, aber im Park lagerten schon graue Schatten, und von den Wiesen her kamen die Nebel gezogen und woben leichte, duftige Schleier um Bäume und Gesträuch. All das Flattern, Zwitschern und Summen da drüben war verstummt, ringsum herrschte tiefe Abendstille.

Nun war das Los gefallen, das bindende Wort gesprochen, aber es lag nichts von bräutlichem Glück auf dem Antlitz des schönen Mädchens, das da so regungslos am Fenster lehnte und dem sich die Zukunft doch jetzt so weit und glanzvoll öffnete. Marlow war ja reich nach gewöhnlichen Begriffen, er nahm eine hochgeachtete Stellung ein, aber es war doch etwas anderes, die Gemahlin des künftigen Freiherrn von Ronald zu sein, den ein märchenhafter Reichtum umgab, und der es eben wieder zeigte, daß seine Macht bis in die höchsten Kreise hinaufreichte. Seine Gattin brauchte sich keinen Wunsch zu versagen, sie konnte, wenn sie wollte, Fürsten verdunkeln mit der Pracht ihres Hauses.

Der Traum des Ehrgeizes, den Edith Marlow seit Monaten geträumt, war erfüllt, übertroffen! Und sie wurde geliebt von dem Manne, dessen Braut sie heut geworden war, so glühend und leidenschaftlich geliebt, wie sie es nie geahnt hatte. Auch dies Höchste wurde ihr gegeben – was wollte sie denn noch?

Da klang drüben in dem dämmernden, nebelduftigen Park noch eine einzelne Vogelstimme. Eine Amsel sang dort ihr spätes, einsames Lied, fern und leise kamen die Töne herüber, halb verweht im Abendwind, und dann verstummten sie. Der kleine Sänger ging zur Ruhe mit dem Maientage – und am Fenster lag die junge Braut auf den Knieen und weinte, wie sie seit ihren Kindertagen nicht geweint hatte. In diesen heißen, verzweifelten Thränen, da kam es – das Erwachen! Monate waren vergangen, der Sommer war vorüber, und mit dem September hatte der Herbst bereits seinen Einzug gehalten, Heilsberg führte das gewohnte Dasein als halbverschollene, historische Merkwürdigkeit, und Neustadt-Steinfeld stand mehr als je im Vordergründe, denn der längst entworfene Plan, die Steinfelder Werke, deren Besitzer Felix Ronald war, in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln, wurde jetzt in Angriff genommen.

Bei dem riesigen Umfange der großen Industriestätten gestaltete sich das zu einem Ereignis für die Finanzwelt und vor allem für die betreffende Provinz. Man wollte die Aktien in möglichst geringen Beträgen ausgeben, weil dabei hauptsächlich auf den Mittelstand und die »kleinen Leute« gerechnet wurde. Die Agenten Ronalds und die Blätter, die er beeinflußte, arbeiteten mit Hochdruck, um dem Publikum die Vorzüglichkeit und den unberechenbaren Gewinn dieser Kapitalanlage klar zu machen. Sie hatten auch die öffentliche Meinung bereits gewonnen, und in Berlin that man jetzt eben die nötigen Schritte, um dem bereits gesicherten Unternehmen die gesetzliche Form und Anerkennung zu geben.

In Heilsberg war Max Raimar wieder aufgetaucht, nachdem er seinen Besuch im Frühjahr ziemlich kurz abgebrochen hatte, aber jetzt beglückte er die so lange vernachlässigte Heimat schon wieder mit seiner Gegenwart. Die Empfindlichkeit gehörte nicht zu den Fehlern des jungen Künstlers, er nahm nur da etwas übel, wo es ihm keinen Nachteil brachte. Trotzdem Ernst ihm damals so gründlich den Text gelesen hatte und ihn seit jener Zeit überhaupt sehr kühl behandelte, kam er ganz unbefangen wieder und befleißigte sich sogar einer besonderen Liebenswürdigkeit, denn er war leider noch immer abhängig von dem Bruder.

Maxls Hoffnung auf die Million mit dazugehöriger Heirat hatte sich als trügerisch erwiesen, er war ganz plötzlich bei seiner Dame in Ungnade gefallen. Als er das nächste Mal nach Gernsbach kam, nahm ihn Fräulein Marlow gar nicht an, und als er sie in Berlin wiedersah, ließ sie ihm keinen Zweifel über diese Ungnade. Der junge Maler, der von jener Unterredung mit seinem Bruder nichts wußte und nicht ahnte, daß Edith jetzt über das »ringende, kämpfende Genie« im klaren war, fand aber eine andere Erklärung dafür – der Nabob, dieser Ronald, war an allem schuld!

Mit der Stunde seines Eintreffens in Gernsbach hatte die junge Dame ihr Benehmen geändert. Zwar verlautete noch nichts von den vorausgesetzten näheren Beziehungen, Marlow war den größten Teil des Sommers mit seiner Tochter in der Schweiz gewesen, Ronald war in Berlin geblieben, aber Max ließ sich seinen Argwohn nicht nehmen und warf seinen ganzen Haß auf diesen »Zerstörer seines Glückes«, wie er ihn nannte.

»Wenn Millionen winken, dann freilich wird ein armes, verratenes Künstlerherz in den Staub getreten!« sagte er tragisch, als er dem Onkel Treumann sein Herz ausschüttete, und der alte Herr gab seinem lieben Maxl vollkommen recht, um so mehr, als er nun einen Bundesgenossen gegen den verhaßten Ronald hatte. Er tröstete das verratene Künstlerherz nach Kräften mit einem reichlichen Zuschuß aus seiner Tasche und einigen Privatsitzungen im Goldenen Löwen, der bekanntlich einen sehr guten Tropfen schenkte. Da schimpften sie denn gemeinsam auf den »Nabob, den Pascha, den Schwindelkönig von Neustadt und Steinfeld« und wühlten in ganz Heilsberg gegen ihn und das Aktienunternehmen, das ihn wieder einmal bereichern sollte.

Herr Notar Treumann erklärte es öffentlich für eine patriotische Pflicht, dagegen Front zu machen. In Heilsberg dürfe keine einzige Aktie gekauft werden, man müsse dem vor Hochmut völlig übergeschnappten Neustadt zeigen, daß es noch Manneswürde gebe. Die Neustädter prahlten in der That sehr mit dem neuen Unternehmen, von dem sie sich noch größere Vorteile versprachen, und ärgerten ihre liebe Nachbarstadt bis aufs Blut. Zwischen dem Neustädter »Tageblatt« und der Heilsberger »Burgwarte« brach eine wütende litterarische Fehde aus, in der sie sich gegenseitig die ärgsten Grobheiten an den Kopf warfen, und der Herr Notar, der natürlich Mitarbeiter der »Burgwarte« war, verstieg sich in einem Leitartikel bis zu der gewagten Behauptung, es werde nächstens ein Schwefelregen auf diese moderne Schwindelstadt herabgehen, wie einst auf Sodom und Gomorrha.

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