Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Elisabeth Werner >

Hexengold und andere Erzählungen

Elisabeth Werner: Hexengold und andere Erzählungen - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorElisabeth Werner
titleHexengold und andere Erzählungen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger G.m.b.H.
year
illustratorM. Flashar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080923
projectid86a408db
Schließen

Navigation:
.

Max bemühte sich in der That aus allen Kräften, interessant zu sein. Das war sonst eigentlich nicht sein Fall, aber er wußte, daß die junge Dame es verlangte, wenn sie jemand der Ehre ihrer Gesellschaft würdigte, also war er interessant. Sein gutes Gedächtnis kam ihm dabei zu Hilfe, er hatte wirklich all die modernen Schlagworte im Kopfe und wußte sie geschickt anzubringen, verwendete auch gelegentlich die Aussprüche von Berühmtheiten, die er in den Salons gehört hatte, als eigenes Erzeugnis. Da man nun gerade auf dem Lande war, fing er auch an poetisch zu werden und von Rosen und Nachtigallen zu sprechen, obgleich die Rosen noch gar nicht blühten und die Nachtigallen jetzt im hellen Sonnenscheine nicht schlugen. Ihn störte das nicht weiter, aber Edith schien jetzt zu finden, daß der junge Herr unbequem werde, und schüttelte ihn ohne weiteres ab. Sie entdeckte auf einmal, daß es hier in dem schattigen Parke recht kühl sei, und bedauerte, ihr Tuch auf der Terrasse gelassen zu haben. Max stürzte natürlich schleunigst davon, um es zu holen und ließ die beiden allein.

»Eine Frage, Herr Raimar! Haben Sie sich wirklich der künstlerischen Richtung Ihres Bruders widersetzt?« begann Edith.

»Nein,« sagte Raimar kalt.

»Er ließ mich glauben, daß er sich seine Laufbahn erst habe erkämpfen müssen, daß er sich bei seinen Studien, seiner ganzen Existenz auf die eigene Kraft gestellt habe. Er scheint sehr behaglich in Berlin zu leben und hat doch bis jetzt nur einige Studien ausgestellt. Woher stammen denn seine Mittel – von Ihnen vielleicht?«

Ernst streifte mit einem langen düsteren Blick die Fragende, aber er schwieg.

»Nun?« wiederholte sie ungeduldig.

»Ich bitte – erlassen Sie mir die Antwort.« »Sie wollen Ihren Bruder nicht herabsetzen in meinen Augen? Aber er scheute sich nicht, Sie vor mir herabzusetzen.«

»Um sich bei Ihnen interessant zu machen, allerdings auf meine Kosten! Das war ja nicht sehr brüderlich, aber doch gerade keine Todsünde.«

»Nein – aber eine Erbärmlichkeit!« sagte Edith mit unverschleierter Verachtung.

Raimar war im Grunde genau derselben Meinung. Er hatte es schon nach der ersten Begegnung gewußt, daß Maxls verwegene Hoffnungen nur Luftschlösser gewesen waren, die seine Eitelkeit baute, aber es war ihm peinlich, daß die junge Dame seinen Bruder jetzt ebenso klar durchschaute wie er selbst, und er versuchte abzulenken.

»Sie dürfen mit ihm nicht so streng ins Gericht gehen,« versetzte er. »Max ist noch jung, ein leichtsinniges Künstlerblut, ohne viel Gedanken und Ueberlegung. Die Sache war wohl nicht so schlimm gemeint.«

»Die Verleumdung eines Bruders, dem er alles verdankt? Sie opferten Ihre ganze Zukunft für ihn und Ihre Familie, und er –«

»Woher wissen Sie denn das, gnädiges Fräulein?« unterbrach Ernst, sie groß und erstaunt ansehend. Edith zuckte leicht zusammen, aber die unvorsichtigen Worte waren nun einmal gesprochen und konnten nicht zurückgenommen werden.

»Ich begreife,« sagte er mit tief aufquellender Bitterkeit. »Ihr Herr Vater hat Sie inzwischen aufgeklärt. Ich hätte das vorhersehen können.«

»Mein Vater spricht mit der höchsten Achtung von Ihnen,« fiel Edith ein. »Er sagte mir –«

»Daß ich Mitleid und Schonung verdiene – nicht wahr? Herr Marlow war in der That sehr gütig und rücksichtsvoll, ich bin nur leider eine so unglücklich angelegte Natur, daß ich nicht dankbar sein kann für solche Schonung und Großmut. Sie begreifen vielleicht nicht, daß es Menschen gibt, die von Fremden eher eine Beleidigung ertragen können als Mitleid. Ich bin damals geflohen vor diesem Mitleid, mit dem man sehr freigebig war – ich kann es noch heut nicht ertragen!«

Die Worte verrieten, wie der Mann gelitten hatte bei jener Begegnung, wenn er dabei auch äußerlich ruhig erschien. Es lag ein wilder, mühsam beherrschter Groll darin, ein verzweifeltes Aufbäumen gegen jenes wohlfeile, herablassende Mitleid, das eine stolze, leidenschaftliche Natur als Entehrung empfindet. Edith verstand das nur zu gut, sie hätte genau ebenso empfunden.

Sie schwiegen beide, die anderen mußten weit voraus sein, denn man hörte nicht einmal mehr ihre Stimmen. Es war still, ganz still in dem großen Park, der im lichten Maiengrün stand. Auch hier regte sich überall das Frühlingsleben, in den Gebüschen ringsum flüsterte, summte und zwitscherte es, und durch die Luft kam ein leises Wehen und Duften, das die beiden schmeichelnd umfing, als wolle es sie mahnen, die Schatten und das Weh des Menschenlebens doch nicht hineinzutragen in diese sonnige Lenzespracht.

Das schöne Mädchen freilich, das im vollen Sonnenglanze des Lebens stand, wußte noch nichts von jenen Schatten, die so schwer und düster auf der Stirn des Mannes dort lagerten, aber sie wußte jetzt, was auf ihm lastete. Der Sohn eines Betrügers! Das also hatte ihn fortgetrieben aus der Welt, wie ein todwundes Wild hatte er sich in diese Abgeschiedenheit und Dunkelheit geflüchtet und barg sich dort scheu vor fremden Augen. Ja, er hatte recht, es gibt Schicksale, die den Menschen wehrlos machen, gegen die er nicht kämpfen kann – und er stand unter einem solchen Verhängnis!

Das Schweigen hatte minutenlang gedauert, jetzt hob Edith langsam das Auge empor, aber der Ausdruck, der darin lag, war dem stolzen, kalten Mädchen bisher so fremd gewesen, wie die weichen, bebenden Laute, die jetzt von ihren Lippen kamen.

»Ich habe Ihnen damals wehe gethan, Herr Raimar. Ich weiß es jetzt, aber ich ahnte ja nicht, wem meine Worte galten und welche Wunde sie berührten. Wir sind an jenem Tage so herb und feindlich geschieden. Wollen wir das vergessen? Beide vergessen? Ich – ich bitte Sie darum!«

Sie bot ihm die Hand, da flammte es wieder auf in den Augen des Mannes, aber diesmal nicht in Zorn und Empörung. Ein heißer, leidenschaftlicher Strahl des Glückes brach daraus hervor, und wie ein sonniges Leuchten ging es über seine düsteren Züge. Er schloß die dargebotene Hand so fest in die seinige, als wolle er sie nie wieder loslassen und rief mit stürmisch aufwogender Empfindung: »Ich danke Ihnen, Edith!«

Edith! das sprach ein Mann, den sie zum zweitenmal sah in ihrem Leben, aber sie hatte kein Zeichen der Entrüstung, der Abwehr dafür. Sie war völlig im Bann eines bisher nie gekannten, nie geahnten Gefühls, das sie halb süß, halb beängstigend durchschauerte und das sie noch nicht einmal verstand.

Da ließen sich Schritte vernehmen, Raimar fuhr auf und trat rasch zurück, in der nächsten Minute bog auch schon Marlow um das Gebüsch.

»Ich suchte dich, Edith,« sagte er hastig. »Soeben ist Herr Ronald angekommen. Ich werde ihn einstweilen empfangen, du kommst wohl mit Wilma nach. Entschuldigen Sie, Herr Raimar, ein Freund, den wir heute erwarteten – bitte, lassen Sie sich nicht stören!«

.

Er ging in ungewohnter Eile, und die beiden waren wieder allein, aber jetzt waren sie erwacht. Der Traum, der sie eben noch umfing, zerrann vor dem grellen Strahl der Wirklichkeit, der da so plötzlich hereinbrach, Ernst hatte mit keinem Laut, keiner Bewegung seine Ueberraschung verraten, aber er war bleich geworden, und es schien wie ein Eishauch über seine Züge hingegangen zu sein, so starr und kalt waren sie, als er jetzt das Wort nahm, »Sie erwarteten Herrn Ronald – hier in Gernsbach?«

»Ja, er wollte uns hier aufsuchen. Er hat meine Cousine in unserem Hause kennen gelernt und versprach schon damals den Besuch, wenn er nach Steinfeld käme.« Edith wußte selbst nicht, weshalb sie sich bemühte, diesen Besuch, der ja ein zufälliger sein konnte, so ausführlich zu erklären oder vielmehr zu verschleiern, aber sie sah, daß Ernst sich dadurch nicht täuschen ließ, obgleich er höflich zustimmend das Haupt neigte.

»Dann wollen wir nicht länger stören. Wir wollen ja ohnehin bald aufbrechen. Sie gestatten wohl, gnädiges Fräulein, daß ich mich empfehle, ich möchte den Wagen bestellen.«

»Sie stören durchaus nicht,« sagte Edith, gereizt durch die jähe Veränderung in seinem Wesen.

»Der Besuch des Herrn Ronald – gilt Ihnen!« ergänzte er mit herbem Nachdruck. »Frau von Maiendorf sagte mir schon früher, daß ihre Bekanntschaft mit dem Herrn eine sehr flüchtige sei, und Ihr Herr Vater kommt ja eben von Steinfeld – es bedarf da wirklich keiner Erklärung.«

»Ich wüßte auch nicht, wem ich sie zu geben hätte,« sagte die junge Dame, sich stolz emporrichtend. »Ihnen doch wohl nicht, Herr Raimar, mir sind uns ja völlig fremd.«

Das klang in herber Zurechtweisung und erinnerte ihn nachdrücklich daran, daß er sich vergessen hatte mit jener Andeutung. Aber Ernst Raimar war jetzt nicht in der Stimmung, eine solche Zurechtweisung hinzunehmen, jetzt richtete auch er sich empor und gab Blick und Ton genau ebenso zurück.

»Gewiß, gnädiges Fräulein, und als ein Fremder habe ich mich auch damals zu einer Erklärung hinreißen lassen, die nie ausgesprochen worden wäre, hätte ich geahnt, daß Sie in näheren Beziehungen zu Herrn Ronald stehen. Ich habe mich offen als sein Feind bekannt und kann und will das nicht zurücknehmen, aber ich begreife vollkommen, daß ich damit das Recht verwirkt habe, Ihnen wieder nahen zu dürfen. Wir sind nun einmal vom Schicksal bestimmt, uns feindlich gegenüber zu stehen – also bleiben wir dabei!«

Er verneigte sich tief und fremd und ging. Edith stand regungslos und sah ihm nach.

Er erriet oder ahnte doch zweifellos die Bedeutung dieses Besuches, den sie während der letzten halben Stunde – vergessen hatte. Ja, sie hatte es in der That vergessen, daß der Mann, dem sie durch den Vater ihre Hand bereits zugesagt hatte, auf dem Wege nach Gernsbach war. Er kam nun, um auch von ihr das Jawort zu fordern, und sie dachte ja auch nicht daran, es zu versagen – aber warum mußte er denn gerade in dieser Stunde kommen! Felix Ronald war inzwischen von seinem künftigen Schwiegervater empfangen und in den Salon geleitet worden, wo sie die Damen erwarteten. Marlow hatte ihm bereits mitgeteilt, daß Besuch aus Heilsberg da sei, den man habe annehmen müssen, hier in Gernsbach könne man sich ja leider nicht verleugnen lassen.

»Warum denn nicht?« fragte Ronald, der die Gegenwart Fremder sehr unliebsam zu empfinden schien. »Wer wird denn Umstände machen mit diesen Heilsberger Kleinstädtern, wenn sie stören, wie gerade heut! Man schickt sie einfach fort.«

»Meine Nichte hat aber manche Beziehung in der Stadt,« warf der Bankier ein. »Da war doch einige Rücksicht geboten. Uebrigens wollen die Herren in einer Stunde wieder abfahren, und dann sind wir ganz unter uns.«

Die Beschwichtigung nützte nicht viel und wurde nur mit einem ungeduldigen Achselzucken aufgenommen, der neue Gast war es offenbar nicht gewöhnt, auf andere Rücksicht zu nehmen, während er für sich selbst die höchste Rücksicht forderte.

Felix Ronald war nicht mehr jung, etwa vierzig Jahre und konnte nicht einmal für stattlich gelten, denn seine Gestalt erreichte kaum die Mittelgröße. Trotzdem war seine äußere Erscheinung interessant, ja bedeutend, denn die Energie, welche die ganze Laufbahn dieses Mannes kennzeichnete, prägte sich unverkennbar darin aus. Ein scharfgezeichnetes Gesicht, mit hoher Stirn, stahlgraue, durchdringende Augen, die alles sahen, alles erfaßten, eine Haltung voll hochmütigen Selbstbewußtseins und doch nichts von der prahlerischen Art des gewöhnlichen Emporkömmlings. Eine gewöhnliche Natur war dieser Ronald nicht, das sah man auf den ersten Blick, aber es lag ein Zug nervöser Ueberreizung in seinem ganzen Wesen. Es verriet die fieberhafte Rastlosigkeit eines Menschen, der die Ruhe überhaupt nicht kennt, dessen Geist unaufhörlich arbeitet an neuen Plänen und Entwürfen.

»Edith und meine Nichte werden sogleich hier sein,« hob Marlow wieder an. »Was übrigens den Besuch aus Heilsberg betrifft, so ist er Ihnen nicht ganz fremd. Sie haben ja wohl den jungen Maler Max Raimar in meinen Salons gesehen?«

Ronald war an die Glasthür getreten und blickte zerstreut auf die Terrasse hinaus.

»Ich glaube ja,« sagte er nachlässig. »Ein hübscher, unbedeutender Junge, soviel ich mich erinnere. Eine Art Schützling von Fräulein Edith, die ja überhaupt die Kunst protegiert.«

»Ganz recht, aber auch Ernst Raimar ist hier.«

»Wer?«

»Der ältere Bruder, der jetzt als Notar in Heilsberg lebt. Sie haben ihn ja doch auch gekannt.«

Ronald hatte sich jäh umgewandt, als der Name genannt wurde, und eine sichtlich unangenehme Empfindung malte sich in seinen Zügen, als er entgegnete: »O ja! Der junge Herr hat mir damals genug zu schaffen gemacht, als die Katastrophe im Hause seines Vaters eintrat. Er wollte die Sache durchaus ›aufklären‹, wie er es nannte – als ob sie nicht klar genug gewesen wäre – und als ich auf seine tollen Hirngespinste von Diebstahl der Depots und dergleichen nicht einging, gerieten wir ernstlich aneinander. Er verstieg sich einmal sogar bis zur Beleidigung gegen mich – ich habe ihm das heute noch nicht vergessen!«

Die Worte klangen in voller Gereiztheit, aber Marlow schüttelte ernst den Kopf.

»Nun, einem Sohn muß man es schon verzeihen, wenn er an die Schuld des Vaters nicht glauben will; ihm kam der Schlag ja ganz unerwartet. Jedenfalls werden Sie es nicht vermeiden können, ihm heut zu begegnen.«

»Meinetwegen, wenn er es nicht vermeidet!« sagte Ronald hochmütig, aber in diesem Augenblick traten die Damen ein, denen Major Hartmut und Max folgten, das machte dem Gespräch ein Ende.

Die Begrüßung konnte selbstverständlich noch keine vertrauliche sein, das entscheidende Wort sollte ja erst gesprochen werden, man blieb also in den Schranken des gewohnten Verkehrs, Hartmut berührte mit keiner Silbe die einstige Bekanntschaft im Raimarschen Hause und ließ sich als Fremder vorstellen, und Ronald wollte sich offenbar jener früheren Begegnung nicht mehr erinnern, aber er war immerhin artig und verbindlich dem Offizier gegenüber. Dagegen machte er mit Max nicht die geringsten Umstände, dieser wurde mit einem kurzen Kopfnicken und einem sehr herablassenden: »Ah, Herr Raimar, wie geht es Ihnen?« abgefertigt und die Antwort wurde gar nicht abgewartet. Ernst schien sich draußen im Parke verspätet zu haben, das Gespräch war schon im vollen Gange, als er endlich eintrat.

.

Ediths Augen richteten sich gespannt auf die beiden Männer, deren Begegnung ihr ein Rätsel lösen sollte, es wurde auch teilweise gelöst, denn schon in der nächsten Minute wußte sie, daß die Feindschaft eine gegenseitige war.

Wilma stellte Herrn Notar Raimar vor, und Ronald, der dessen Eintritt kaum zu bemerken schien, mußte nun notgedrungen Notiz von ihm nehmen. Er wandte sich um, mit einer sehr nachlässigen Bewegung und zweifellos in der Absicht, den älteren Bruder mit derselben beleidigenden Nichtachtung zu behandeln, wie vorhin den jüngeren, aber hier scheiterte der Versuch völlig.

Ernst Raimar stand ihm gegenüber in einer so eisigen Haltung, mit einem so unnahbaren Stolze, daß er sich wenigstens zur äußeren Form der Höflichkeit herbeiließ. Er grüßte kalt und gemessen, und der Gruß wurde ebenso förmlich erwidert, aber dabei begegneten sich die Blicke der beiden Männer mit einem Ausdruck, daß Edith unwillkürlich an zwei sich kreuzende Schwerter denken mußte. Sprühender Haß auf der einen Seite, drohendes Aufflammen auf der anderen! Das war keine Gegnerschaft, wie zwei Todfeinde standen sich die beiden gegenüber, Auge in Auge und maßen einander, wortlos, aber als gelte es einen Kampf auf Leben und Tod.

Das dauerte freilich nur Sekunden, und zu Worten kam es überhaupt nicht, denn Raimar wandte sich sofort an die Frau vom Hause.

»Wir möchten uns Ihnen empfehlen, gnädige Frau, wir müssen aufbrechen. – Arnold, der Wagen ist bereits vorgefahren.«

Der Major sah etwas überrascht aus bei dieser Ankündigung, man hatte ja erst in einer Stunde fahren wollen, aber er stimmte sofort zu. Marlow dagegen atmete erleichtert auf; nach dieser Begegnung hätte sich ein längeres Zusammensein allerdings sehr unerquicklich gestaltet.

Der Abschied war ziemlich kurz, man bedauerte den schnellen Aufbruch der Gäste, der im Grunde allen erwünscht war, machte aber keinen Versuch, sie zurückzuhalten. Nur Klein-Lisbeth war sehr betrübt, daß ihr Freund schon fort wolle und hing sich schmeichelnd an ihn mit der Bitte, doch noch zu bleiben. Er versicherte lachend, die Aufmerksamkeit der jungen Dame sei ihm unendlich schmeichelhaft, aber fünf Minuten später saß er bereits mit den anderen im Wagen.

Anfangs herrschte ein unbehagliches Schweigen. Hartmut lehnte verstimmt in der einen Ecke des Wagens, Ernst stumm und düster in der anderen, während Max mit einem sehr langen Gesichte dasaß. Erst als man das Haus und den Park hinter sich hatte, fing der Major an.

»Das war ja eine nette Ueberraschung! Was zum Kuckuck hat dieser Ronald in Gernsbach zu suchen? Wir waren gerade mitten in der vollsten Gemütlichkeit. Frau von Maiendorf lachte mit ihrer Lisbeth um die Wette – sie hat etwas so kindlich Frohes, wenn sie lacht – und sogar der steifleinene Bankier wurde ganz menschlich vergnügt bei einigen lustigen Kriegsgeschichten, die ich zum besten gab. Da wird der ›Nabob‹ gemeldet und sprengt wie ein böser Geist uns alle auseinander! – Was soll denn das alles bedeuten?«

»Daß ich kein längeres Zusammensein mit dem Herrn Felix Ronald wünschte!« sagte Ernst kurz, aber mit vollster Schärfe.

Hartmut zuckte die Achseln.

»Nun ja, ich begreife, daß dies Zusammentreffen mit eurem ehemaligen Prokuristen und jetzigen Milliardenbesitzer dir nicht gerade angenehm war, aber deshalb brauchten wir doch nicht so über Hals und Kopf davonzugehen. Was soll Frau von Maiendorf denn davon denken! – Maxl, du bist ja so merkwürdig still geworden, was sagst du eigentlich zu der Geschichte?«

Max war nicht bloß verstimmt, sondern tief beleidigt. Anstatt im Vordergrunde zu stehen, wie er sich geschmeichelt, war er heut überall beiseite geschoben worden und hatte das natürlich sehr übel genommen.

»Ich sage, daß dieser Besuch sehr eigentümlich ist! Herr Ronald läßt sonst nur wenigen Auserwählten die Gnade seines Erscheinens zu teil werden, für gewöhnlich empfängt er, und wenn ihm das gerade nicht paßt, läßt er die Ersten und Vornehmsten abweisen. Bei den Marlows war er freilich oft, und jetzt fährt er vier Stunden von Steinfeld hierher und scheint tagelang zu bleiben, denn ich hörte, wie Frau von Maiendorf dem Diener befahl, den Koffer des Herrn nach dem Fremdenzimmer zu tragen. Ihr gilt das natürlich nicht, Ronald kennt sie ja kaum – man kommt dabei wirklich auf ganz eigene Gedanken!«

»Oho, bist du eifersüchtig?« rief Hartmut lachend. »Übrigens könntest du recht haben, mir kam die Begrüßung auch etwas verdächtig vor. Da heißt es tapfer sein, Maxl! Vorwärts! Schlag die Milliarde aus dem Felde und sichere dir die Million. Dir ist das ja eine Kleinigkeit.«

»Die Sache ist durchaus nicht scherzhaft, Herr Major,« versetzte Max in gereiztem Tone. »Wenn ein Ronald als ernstlicher Bewerber auftritt, hat ein anderer kaum noch Hoffnung neben ihm, denn da entscheidet natürlich nicht die Persönlichkeit oder das Talent. Da triumphiert einzig das schnöde Geld – erbärmlich!«

»Ja, das Geld ist immer erbärmlich, wenn man es nicht haben kann,« bemerkte der Major philosophisch. »Bei dir ist übrigens diese Verachtung des schnöden Reichtums ganz neuen Datums, früher dachtest du sehr hochachtungsvoll darüber. – Was meinst du, Ernst, glaubst du an derartige Pläne? Marlow ist ja selbst reich, da wird seine Tochter sich doch nicht verkaufen um des Geldes willen.«

»Warum denn nicht?« sagte Ernst mit schneidender Bitterkeit. »Vielleicht reizt sie weniger das Gold als die Macht, die es verleiht. Es beugt sich ja alles vor diesem Ronald, diesem Götzenbilde des Mammon! Warum sollte es da ein Mädchen nicht reizen, sich an seine Seite zu stellen und sich auch anbeten zu lassen!«

»Nun, ihr seid ja heut beide in einer liebenswürdigen Stimmung!« brach Hartmut ärgerlich aus. »Was hast du denn eigentlich, Ernst? Du hast doch nicht auf die Millionärin spekuliert und benimmst dich gerade so wütend wie der Maxl. Mir ist es höchst gleichgültig, wen dieser Nabob mit seiner Hand und seinem Mammon beglückt, aber ich habe mich tagelang auf diese Fahrt nach Gernsbach gefreut, und nun –« er brach plötzlich ab und biß sich auf die Lippen, als habe er sich übereilt, aber weder Raimar noch Max achteten darauf. Sie hingen schweigend ihren eigenen Gedanken nach, und so lehnte sich denn der Major zurück und schwieg als der Dritte im Bunde.

In Gernsbach war mit der Abfahrt der Gäste der Zwang gefallen, den man sich vor ihnen auferlegen mußte, und Marlow stellte die Geduld seines künftigen Schwiegersohnes auf keine harte Probe. Nachdem man noch eine Viertelstunde geplaudert hatte, nahm er die kleine Lisbeth an der Hand, um mit ihr draußen auf der Terrasse die Tauben zu füttern. Wilma folgte ihnen, und damit war die gewünschte Gelegenheit zur Erklärung gegeben.

Edith und Ronald waren im Salon zurückgeblieben, aber ein Fremder hätte schwerlich erraten, daß es hier eine Brautwerbung galt. Da gab es kein plötzliches Verstummen auf der einen Seite, kein Erröten und keine Verwirrung auf der anderen, wie wohl sonst bei einem ersten Alleinsein, aber hier handelte es sich ja auch um keine romantische Scene. Die junge Dame, die in ihrer gewohnten kühlen Haltung auf dem Sofa saß, sollte einen Antrag entgegennehmen, den der Vater in ihrem Namen bereits angenommen hatte, und der Mann ihr gegenüber wußte es ja, daß er ein Jawort erhalten würde. Die Sache vollzog sich so durchaus korrekt und nüchtern, wie gewöhnlich solche Verbindungen in der großen Welt.

Noch vor wenigen Stunden hatte Edith dieser Unterredung so ruhig, so sicher und hochbefriedigt entgegengesehen; äußerlich schien sie das ja auch jetzt zu sein, und doch lag es auf ihr wie ein beklemmender Druck, wie eine rätselhafte Angst vor dieser doch lang erwarteten Entscheidung. Für den Augenblick freilich sprachen sie noch von gleichgültigen Dingen.

»Sie wollen im Sommer nach der Schweiz?« fragte Ronald. »Herr Marlow sagte mir schon, daß er einen längeren Aufenthalt in den Berner Alpen beabsichtige. Wer sich doch auch so losreißen könnte von den Sorgen und Arbeiten des Tages!«

»Werden Sie sich denn im Sommer gar keine Erholung gönnen?« fragte Edith.

»Ich kann nicht. Wer im Mittelpunkte so vieler Unternehmungen steht wie ich, der wird schließlich ein Sklave seiner eigenen Schöpfungen. Man muß immer auf dem Platze sein, wenn man Herr bleiben will über all dies Getriebe. Ich habe keine Zeit zur Erholung.«

»Nein, Sie haben nur Zeit für die Arbeit, wie es scheint.«

»Bis jetzt, ja,« sagte Ronald langsam. »Aber nun möchte ich endlich auch Zeit für – etwas anderes haben.«

Er hielt inne, als erwarte er eine Antwort; als diese aber nicht kam, erhob er sich und trat an die Seite der jungen Dame.

»Sie haben mir erlaubt, nach Gernsbach zu kommen, und nun komme ich mit einer Frage, einer Bitte zu Ihnen, die Sie vielleicht schon erraten haben. Ihr Vater hat mir eine Hoffnung gegeben, deren Erfüllung bei Ihnen allein steht, und ich möchte nun mein Urteil von Ihren Lippen hören. Ich biete Ihnen meine Hand, Edith – darf ich hoffen?«

Es war ein Antrag in aller Form, in klaren, kühlen Worten, aber in dem Ton lag eine mühsam verhaltene Erregung, und die Augen des Bewerbers hingen mit verzehrender Unruhe an dem schönen Mädchen, das mit der Antwort zögerte.

Da war sie wieder, die rätselhafte Angst, die sich vorhin so dunkel und beklemmend regte. Jetzt im Augenblick der Entscheidung flammte sie auf mit jäher Gewalt und schloß die Lippen, die das bindende Wort sprechen sollten, sie blieben stumm.

»Edith, ich warte – ich bitte!« mahnte Ronald. Das kam aus dem Munde eines Mannes, der jetzt nur noch zu befehlen gewohnt war. Hier lag wirklich eine Bitte in seiner Stimme, und hier gab es ja überhaupt keine Wahl mehr. Mit ihrer ganzen Willenskraft entriß sich Edith jenem beklemmenden Druck und warf all die widerspruchsvollen Empfindungen hinter sich.

»Wenn mein Vater Ihnen bereits Hoffnung gegeben hat, so werde ich sie wohl bestätigen müssen,« sagte sie mit einem Lächeln. »Nun denn ja – hier ist meine Hand!«

.

Sie wollte ihm die Hand reichen, aber da fühlte sie sich plötzlich von seinen Armen umschlungen, an seine Brust gerissen, fühlte heiße, wilde Küsse auf ihrem Antlitz, auf ihren Lippen. Es war, als breche aus dem Innern des Mannes urplötzlich eine Flamme hervor, die über sie hinwehte und sie versengte mit ihrem glühenden Atem. Bestürzt, halb betäubt duldete sie das einige Sekunden lang, aber schon in der nächsten Minute riß sie sich los und stieß ihn von sich.

»Herr Ronald!«

Das klang nicht angstvoll, sondern entrüstet: als gelte es eine Beleidigung abzuwehren. Ronald zuckte zusammen und trat einen Schritt zurück.

»Was soll das, Edith?« fragte er mit drohender Heftigkeit. »Ich dächte, Sie hätten sich soeben zu meiner Braut erklärt!«

Edith stand bleich mit bebenden Lippen da. Sie war einer unwillkürlichen, halb unbewußten Regung gefolgt, ohne zu wissen, was sie damit verriet. Ronald sah sie noch immer unverwandt an, und ein seltsamer Blick schoß aus seinen Augen.

»Ist das Ihre Antwort auf die erste Umarmung des Bräutigams? Ich meine doch, ich hätte jetzt ein Recht dazu. Aber das sah ja aus wie – wie Widerwille!«

»Sie haben mich erschreckt mit diesem stürmischen Aufflammen,« sagte Edith leise.

»Erschreckt? Sie sind doch sonst nicht schreckhaft! Welche Zeremonien erwarteten Sie denn bei unserer Verlobung? Sollte ich Ihnen nach allen Regeln der Etikette die Hand küssen und für die gütige Zusage danken? Darf ich meine Braut nicht in die Arme schließen?«

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.