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Hexengold und andere Erzählungen

Elisabeth Werner: Hexengold und andere Erzählungen - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorElisabeth Werner
titleHexengold und andere Erzählungen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger G.m.b.H.
year
illustratorM. Flashar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080923
projectid86a408db
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»Natürlich meine ich! Sehen Sie das hohe Dach da drüben, zwischen den Bäumen? Das ist Gernsbach! Ein schönes, einträgliches Gut, vornehmes altes Herrenhaus, prächtiger Park. – Ernst ist Rechtsvertreter der jungen Witwe, kennt die Verhältnisse ganz genau und wird, glaube ich, gar nicht ungern gesehen. Ein anderer hätte da längst einen Antrag riskiert, aber ihm fällt das natürlich nicht ein. Ich habe ihn mir einmal vorgenommen deswegen, aber da bin ich schön angekommen! ›Ich verkaufe mich nicht, Onkel! Ich will nicht von dem Gelde meiner reichen Frau leben! Das ist unwürdig‹ – Punktum! Und als wir das nächste Mal zusammen in Gernsbach waren, benahm er sich wie der steinerne Gast und öffnete kaum den Mund.«

»Da hat er recht!« erklärte der Major. Treumann sah ihn überrascht an.

»Was? Würden Sie es Ihrer Frau vielleicht zum Vorwurf machen, wenn sie reich wäre?«

»Zum Vorwurf – nein! Denn erstens ist Reichtum etwas, wofür der Mensch nicht kann, und zweitens ist er eigentlich auch kein Unglück. Aber ihm den Beruf opfern, um sich von einer reichen Frau füttern zu lassen, und in der Ehe eine Nebenperson zu sein, das ist erbärmlich, und das würde weder Ernst noch ich fertig bekommen, höchstens der Maxl.«

»Oho!« rief der Notar, beleidigt durch diese Mißachtung seines Lieblings. »Maxl ist ein Talent, ein großes! Der bringt seiner künftigen Frau das Genie als Morgengabe, den Künstlerruhm, den er sich erwerben wird, das ist etwas anderes. Er verkehrt übrigens viel im Marlowschen Hause und hat mir bereits anvertraut, daß die junge Millionärin ihm gar nicht abgeneigt ist – der Teufelsjunge! Da werden wir noch etwas erleben, der Maxl ist ja bildhübsch und hat fabelhaftes Glück bei den Frauen.«

»Möglich,« sagte Hartmut trocken, »aber die Millionärin bekommt er nicht.«

»So? Und warum denn nicht?«

»Weil er ihr zu dumm ist.«

»Aber, Herr Major!«

»Viel zu dumm!« bekräftigte der Major, ohne den Empörungsruf zu beachten. »Die verlangt mehr von ihrem Manne, als daß er ein paar Bilder malt und im Kunstverein ausstellt, sie sieht ganz danach aus, und mit einem Wechsel auf die Zukunft gibt sie sich schwerlich zufrieden. Was übrigens das Zukunftsgenie, den Maxl, betrifft, so sage ich dasselbe, wie Sie bei Ihrem Nabob! Warten wir erst ab, wie die Geschichte endigt! und im übrigen gebe ich Ihnen mein Wort darauf, Ernst hat im kleinen Finger mehr Genie als der Maxl in seinem ganzen hübschen, dummen Kopfe! – Aber da sind wir am Stadtthor, ich gehe über den Wallgraben. Ich empfehle mich Ihnen, Herr Notar.«

Damit schlug sich Hartmut seitwärts und ließ den ganz verblüfften alten Herrn stehen. Dieser war bisher mit dem Freunde seines Neffen recht gut ausgekommen, jetzt aber neigte er sich doch der Ansicht Maxls zu, der ihm gleich bei dem ersten Besuche erklärt hatte, Major Hartmut sei einfach unerträglich geworden.

Auf der Terrasse des Herrenhauses von Gernsbach befand sich Bankier Marlow mit seiner Tochter. Er war erst vor einigen Stunden von Steinfeld eingetroffen und hatte zugleich eine kurze Gastfreundschaft für Herrn Felix Ronald erbeten, der ihm heut noch folgen und erst morgen abend wieder abreisen wollte. Frau von Maiendorf sagte mit Vergnügen zu. So fern sie auch persönlich den Finanzkreisen stand, war sie doch nicht unempfindlich gegen die Auszeichnung, den Vielgenannten, Vielbeneideten, dessen Name in aller Munde war, als Gast in ihrem Hause zu beherbergen, zumal bei solchem Anlaß, denn sie wußte sich diesen Besuch zu deuten. Sie traf in aller Eile noch einige Anordnungen; wenn ein Ronald erwartet wurde, machte man natürlich mehr Umstände als bei anderen, gewöhnlichen Menschenkindern.

Marlow war ein Mann in den Fünfzigern, mit schon ergrauten Haaren, kühl, zurückhaltend und etwas förmlich, ganz der vornehme Bankier, der, ohne mit seinem Reichtum zu prahlen, sich doch dessen und seiner Stellung vollkommen bewußt ist. Er hatte erst jetzt nach Tische Gelegenheit zu einem Alleinsein mit seiner Tochter gefunden und war in angelegentlichem Gespräche mit ihr. »Ronald wollte mich natürlich begleiten,« sagte er soeben, »aber gerade im letzten Augenblick trafen noch einige Depeschen ein, die sofortige Verfügungen erforderten und ihn zurückhielten. Er kommt aber jedenfalls noch heute, und es ist dir wohl kein Geheimnis mehr, Edith, was er dir zu sagen hat.«

»Nein, Papa,« erwiderte Edith ruhig, »Ich bin längst auf diesen Antrag vorbereitet. Er hat sich dir bereits erklärt?«

»Erst gestern, und ich habe meine Einwilligung gegeben, unter Vorbehalt der deinigen, die du ja wohl nicht versagen wirst, du weißt, was Ronald dir bieten kann.«

»Ja, ich weiß es, und hatte bereits vor der Abreise meinen Entschluß gefaßt. Ich werde seine Hand annehmen.«

Der Ton dieser Worte zeigte hinreichend, daß die junge Dame gewohnt war, selbst zu entscheiden, und daß der Vater weder den Willen noch die Macht hatte, ihr darin Vorschriften zu machen. Jedenfalls kam sie in diesem Punkte seinen Wünschen entgegen, und auf seinen Zügen lag der Ausdruck höchster Befriedigung, als er antwortete: »Daran habe ich nie gezweifelt, du bist ja stets mein kluges, mein verständiges Kind gewesen, und eine glänzendere Partie findest du überhaupt nicht. Aber du kommst auch nicht mit leeren Händen zu deinem künftigen Gatten, und wenn das Unternehmen, das ich jetzt mit Ronald im Auge habe, in das Leben tritt, wird sich mein Vermögen – dereinst das deinige – nahezu verdoppeln.«

»Du meinst die Umwandlung der Steinfelder Werke in eine Aktiengesellschaft?« fragte die junge Dame sehr verständnisvoll.

»Ganz recht, wir haben den Plan dazu bereits in seinen Hauptzügen festgestellt und denken im Herbste die Sache in Angriff zu nehmen. Dann soll auch eure Verlobung veröffentlicht werden.«

»Erst im Herbst? Weshalb?« fragte Edith etwas befremdet.

Marlow lächelte: »Das möchte dir Ronald selbst sagen. Ich will ihm darin nicht vorgreifen, glaube aber, du wirst mit seinem Wunsche einverstanden sein, wie ich, wenn du den Grund erfährst. Wir überlassen dir natürlich die Entscheidung, und jedenfalls feiern wir heut abend die Verlobung im engsten Familienkreise.«

Damit küßte der Bankier sein »kluges, verständiges Kind«, und damit war die Sache erledigt. Gefühlsscenen waren nicht üblich zwischen ihnen, auch nicht bei solchem Anlaß. Wer den Verkehr zwischen Vater und Tochter sah, der begriff vollkommen, daß Edith Marlow so kühl und verstandesklar geworden war, wie sie sich eben zeigte. Er liebte ja zweifellos sein einziges Kind und war stolz darauf, aber Wärme und Herzlichkeit lagen nun einmal nicht in seinem Charakter, Edith war für die Welt erzogen und vollkommen befähigt, dort die glänzende Rolle zu spielen, die ihr jetzt geboten wurde, das genügte, Herzensbedürfnisse gab es da nicht.

Das Rollen eines Wagens machte die beiden aufmerksam. Sollte das schon Ronald sein? Nein, es saßen mehrere Herren in einem offenen Wagen, der dort an dem Parkgitter entlang fuhr und dann in den Hof einbog. Der Bankier runzelte die Stirn.

»Besuch? Und das gerade heut! Wie lästig, hier kann man sich ja nicht einmal verleugnen lassen. Nun, hoffentlich bleiben sie nicht lange, und Ronald trifft vermutlich erst gegen Abend ein. Noch eins, Edith, wir müssen natürlich Wilma in das Vertrauen ziehen, aber wir werden ihr Schweigen auferlegen gegen jeden Fremden, und jetzt werde ich mich einstweilen zurückziehen. Ich habe gar keine Eile, diese Herrschaften – wahrscheinlich doch Heilsberger – kennen zu lernen.«

Er ging nach seinem Zimmer. Edith fand es auch sehr lästig und unbequem, sich heut zu einer Unterhaltung mit den Heilsberger Bekannten ihrer Cousine herablassen zu müssen, und beschloß gleichfalls, ihnen ihre Gegenwart vorläufig zu entziehen. Nicht, daß sie besonders aufgeregt war, weil heut ihr künftiger Gatte kommen wollte, um sich das Jawort von ihr zu holen, darauf war sie ja längst vorbereitet, der Besuch störte und langweilte sie nur. Edith Marlow wußte nichts von all dem Träumen, Sehnen und Hoffen, das sich sonst an eine solche Stunde knüpft, obgleich diese Verlobung ganz nach ihrem Wunsche war und ihren Stolz und Ehrgeiz vollkommen befriedigte. Es war doch wahrlich keine Kleinigkeit, einen Ronald zu fesseln, dessen genialer Unternehmungsgeist jeden zur Bewunderung zwang, dessen ungemessener Reichtum ihm eine fast unbegrenzte Macht gab, vor dem sich alle beugten!

Alle? Nein! Einen gab es, der beugte sich nicht, der bekannte sich offen und rückhaltlos als Feind des fast allmächtigen Mannes, der wagte es sogar, ihm zu drohen, denn es war eine Drohung gewesen, die in den Augen, in der ganzen Haltung jenes Fremden lag, wenn er sie auch nicht ausgesprochen hatte.

Seltsam! Edith konnte die Erinnerung nicht los werden, und sie war doch nichts weniger als angenehm, denn jene Begegnung endigte mit einer Zurechtweisung, die das stolze Mädchen als Beleidigung empfand. Es war eine quälende Erinnerung, die oft genug unwillig fortgewiesen wurde, aber sie kam immer wieder. Auch jetzt kam sie herangeschlichen, leise, unmerklich und spann ihre unsichtbaren Fäden und legte auf das schöne kalte Antlitz der jungen Dame einen Ausdruck von Träumerei, der ihr sonst ganz fremd war.

Da tauchte wieder der kleine Friedhof auf, der so einsam und vergessen tief im Walde lag, wo der Sonnenschein hinflutete über halbversunkene Hügel und zerfallene Mauern, wo Tod und Leben sich so seltsam einten in dem Blühen und Duften, das über Gräbern erwuchs. Da tönte wieder das Summen der wilden Bienen, das wie ferne Musik klang, und der Gesang der Amsel, das jauchzende Maienlied. Und da stand auch die Gestalt des Mannes mit den düsteren Augen, die doch Blitze sprühen konnten, mit dem Aufflammen der Empörung, als man es wagte, ihn zu beleidigen. Das alles war erst vor ein paar Tagen geschehen und lag doch so fern wie ein Märchen, das man irgendwo gehört oder geträumt hat und das nichts zu thun hat mit der hellen, nüchternen Wirklichkeit.

Da tönten Stimmen im Gartensaal, und Edith erwachte. Sie hatte diesen störenden Besuch ganz vergessen und wandte sich nun halb unwillig um, zuckte aber plötzlich zusammen, denn sie erblickte dieselbe Gestalt, die eben noch so deutlich vor ihrem inneren Auge gestanden hatte. Dort aus der Glasthür, die auf die Terrasse führte, trat Frau von Maiendorf mit mehreren Herren, Major Hartmut, Max Raimar und – der Fremde vom Waldfriedhofe!

Max eilte schleunigst zu der jungen Dame, um sie zu begrüßen, und pries dabei sehr wortreich den »Zufall«, der ihn gerade jetzt nach Heilsberg geführt habe. Der Major erneuerte die Bekanntschaft vom Burgberge, und jetzt näherte sich auch Wilma mit dem Fremden und sagte unbefangen: »Sie kennen meine Cousine ja noch nicht. Liebe Edith, erlaube – Herr Notar Raimar aus Heilsberg – Fräulein Marlow.«

Ernst Raimar war wohl der einzige, der es sah, daß die junge Dame für einen Moment die Fassung verlor, als sein Name genannt wurde. Er verneigte sich artig, aber völlig fremd.

»Mein gnädiges Fräulein, gestatten Sie mir, den Dank auszusprechen für die gütige Aufnahme, die mein Bruder in Ihrem Hause gefunden hat. Er hat mir viel davon erzählt.«

»Ja, sehr viel!« bestätigte Max eifrig. »Ernst weiß, wie hoch ich das Glück schätze, Ihrem Kreise angehören zu dürfen, gnädiges Fräulein,«

Edith hatte sich bereits wieder gefaßt und erwiderte einige gleichgültige Worte, aber dabei traf ein Zornesblick den Mann, der es gewagt hatte, so mit ihr zu spielen. Er lächelte fast unmerklich, er wußte ja so genau wie sie jedes Wort, das über den »verknöcherten Hagestolz« gefallen war.

Das Gespräch wurde jetzt allgemein. Herr Notar Treumann war nicht mitgekommen und ließ sich bedauernd entschuldigen. Es wurde irgendwo in der Nähe irgend etwas ausgegraben, und da mußte er natürlich dabei sein. Der Major neckte sich wieder mit der kleinen Lisbeth, die ihm jubelnd entgegengelaufen war und ihm kaum von der Seite ging. Das Kind zeigte, ganz im Gegensatz zu der Scheu, die es noch immer vor der schönen Tante Edith hegte, seinem Retter die vollste Zutraulichkeit. Max, der jetzt ganz in seinem Elemente war, spielte den Liebenswürdigen, und auch sein Bruder zeigte sich lebhafter als sonst, aber kein Wort, kein Blick erinnerte daran, daß er Edith Marlow bereits früher gesehen hatte, er bewahrte ihr gegenüber die völlige Fremdheit.

Inzwischen war im Gartensaal der Theetisch gedeckt worden, und Frau von Maiendorf bat ihre Gäste, einzutreten. Hartmut und Max folgten ihr, und Ernst war im Begriff, das gleiche zu thun, als ein halblauter Ruf ihn zurückhielt.

»Herr Raimar!« Er wandte sich um. »Sie befehlen, gnädiges Fräulein?«

»Auf einen Augenblick – ich bitte!«

Raimar blieb stehen und blickte fragend auf die junge Dame, deren Züge einen Ausdruck unverkennbarer Gereiztheit trugen, und dieselbe Gereiztheit verriet sich in ihrem Tone, obgleich sie gedämpft sprach.

»Sie scheinen vergessen zu haben, daß wir uns nicht ganz fremd sind.«

Ernst verneigte sich leicht. »Ich glaubte damit Ihren Wünschen entgegenzukommen, und ich wußte ja auch nicht, ob Sie sich jener Begegnung überhaupt noch erinnerten.«

Das Spottlächeln, das dabei um seine Lippen spielte, ärgerte die junge Dame unbeschreiblich. Als ob sich eine derartige Zurechtweisung vergessen oder verzeihen ließe! Und mitten in ihrem Aerger sah sie es doch, wie sehr das Gesicht dieses Mannes gewann, wenn er lächelte.

»Sie ließen mich damals absichtlich im Irrtum über Ihre Persönlichkeit,« sagte sie mit voller Schärfe, »obgleich Sie wußten, daß dies Inkognito sich schon in den nächsten Tagen lüften würde. Ich weiß in der That nicht, wie ich ein derartiges Spiel nennen soll –«

»Bitte, mein Fräulein,« unterbrach sie Raimar ruhig, aber mit Nachdruck. »Ich habe mir sicher nie erlaubt, mit Ihnen zu spielen, denn ich hatte weder jenes Gespräch angeregt, noch konnte ich voraussehen, welche Wendung es nehmen würde. Daß ich mich nicht noch nachträglich vorstellte, als Sie die Güte hatten, meiner Persönlichkeit zu erwähnen, ist wohl verzeihlich. Ich wollte uns beiden eine gewisse – Verlegenheit ersparen.«

»Uns beiden!« Edith biß sich auf die Lippen, sie wußte es, auf wessen Seite hier die Verlegenheit war, aber sie bemeisterte rasch die ungewohnte Empfindung und parierte den Hieb. »Ich sprach von einem Unbekannten!«

»Den Ihnen mein Bruder so liebevoll geschildert hatte! Ich weiß, aber ich bin nicht so kühn, zu glauben, daß die persönliche Bekanntschaft Ihr Urteil geändert hat. Ich beuge mich ganz Ihrem damaligen Spruche und – der Menschenkenntnis meines Bruders.«

Der schonungslose Spott raubte der jungen Dame völlig die vornehme kühle Haltung, die sie auch diesmal angenommen hatte. Dieser Notar von Heilsberg ließ sich nun einmal nicht von oben herab behandeln, sondern verkehrte mit ihr auf dem Fuße völliger Gleichheit, und dabei benahm er sich bei dem Wortgefecht, als komme er direkt aus den Berliner Salons. Dieser Kleinstädter behandelte sie, die Weltdame, mit einer ironischen Ueberlegenheit, die geradezu unerträglich war, und sie war auch nicht gesonnen, das zu ertragen. Sie griff jetzt auch ihrerseits zum Spott.

»Ihr Bruder scheint Sie allerdings sehr wenig zu kennen,« bemerkte sie, »Vielleicht beurteile ich Sie richtiger, Herr Raimar, und jedenfalls bewundere ich Ihr Heimatsgefühl, das Sie an einen so idyllischen Ort wie dies Heilsberg kettet.«

»Heilsberg ist nicht meine Heimat. Ich sagte Ihnen ja bereits, daß ich aus Berlin stamme.«

»Um so mehr! Es gehört ein sehr – beschaulicher Charakter dazu, einen solchen Aufenthalt für die Lebenszeit zu wählen, denn Ihre Stellung hier ist doch wohl eine dauernde?«

Das Lächeln in dem Antlitz Raimars erlosch, und die alte Düsterheit legte sich wieder darüber, als er mit aufquellender Bitterkeit fragte: »Glauben Sie, daß man freiwillig in die Verbannung geht? Doch ich fürchte, gnädiges Fräulein, da kommen wir wieder auf den Streitpunkt, der uns schon einmal entzweit hat. Ich denke, wir lassen ihn ruhen.«

Er brach ab, zum großen Mißvergnügen Ediths, für die das Gespräch jetzt wieder etwas von dem seltsamen Reiz gewann, der sie damals im Walde so gefesselt hatte, wenn sie es sich auch nicht eingestand. Der Mann war ihr jetzt, wo sie seinen Namen und seine Lebensstellung kannte, fast noch rätselhafter als früher. Da erschien Marlow, der sich in den Gartensaal zu der Gesellschaft begeben wollte, auf der Terrasse. Er stutzte beim Anblick des Herrn, der dort im Gespräch mit seiner Tochter stand, und kam dann langsam näher.

Ernst Raimar hatte sich umgewandt. Er wußte doch zweifellos, daß er den Onkel der Frau von Maiendorf diesmal in Gernsbach treffen werde, trotzdem schien ihm dies Zusammentreffen peinlich zu sein. Marlow streifte ihn mit einem langen, erstaunten Blick und schien seiner Sache nicht ganz sicher zu sein, denn es lag eine Frage in seiner Anrede: »Wenn ich nicht irre – Herr Notar Raimar?« Dieser verneigte sich zustimmend. Der Bankier schien einen Augenblick zu zögern, dann reichte er ihm die Hand.

»Ich wußte bereits durch Ihren Bruder, daß Sie sich in Heilsberg niedergelassen haben. Wir haben uns lange nicht gesehen, Sie kommen ja nie nach Berlin.«

.

In dem Antlitz Raimars stieg eine jähe Glut auf, die ebenso schnell wieder verschwand, und sein Auge suchte den Boden, als er antwortete: »Mein Amt läßt mir wenig Zeit übrig, ich muß mir das Reisen größtenteils versagen.«

»Du kennst Herrn Raimar, Papa?« fragte Edith, aufs höchste erstaunt.

»Jawohl, mein Kind, aber unsere Bekanntschaft liegt ziemlich weit zurück. – Sie haben einen sehr begabten Bruder, Herr Raimar, er wird Ihnen noch Freude machen mit seinem Talent. Der junge Mann ist ja oft ein Gast unseres Hauses,« und damit ging der Bankier gänzlich auf Max über und sprach so ausführlich über ihn und sein Talent, wie er es noch nie gethan hatte.

Edith hörte mit steigendem Befremden zu. Sie fühlte deutlich, daß ihr Vater, der sonst wenig Notiz von dem jungen Maler nahm, mit diesem Lob über irgend etwas anderes hinwegkommen wollte, und sie bemerkte auch die eigentümliche Unsicherheit Raimars. Wo war die überlegene Haltung geblieben, mit der er ihr noch vor wenigen Minuten gegenüberstand? Er schien förmlich aufzuatmen, als jetzt die kleine Lisbeth gelaufen kam, um die Säumigen zu holen.

Drinnen am Theetisch entspann sich eine sehr lebhafte und anregende Unterhaltung, bei der Major Hartmut die Hauptrolle spielte. Max machte zwar, seinem Programm getreu, einige krampfhafte Versuche, »sich in den Vordergrund zu stellen«, aber der Major drängte ihn völlig in den Hintergrund. Hartmut hatte stets in großen Garnisonen gestanden und auch sonst viel gesehen und erlebt. Er wußte sehr lebendig und anschaulich zu schildern, und obgleich er sich vorzugsweise an Frau von Maiendorf wandte, fesselte er doch die ganze Gesellschaft mit seinen Erzählungen. Auch Marlow hörte mit Interesse zu und fand offenbar Vergnügen an der neuen Bekanntschaft.

Als man endlich aufstand, schlug Wilma einen Spaziergang durch den Park vor. Sie trat aber vorher noch mit den Herren in das Gewächshaus, um ihnen eine besonders schöne Orchidee zu zeigen, von der eben die Rede gewesen war, während Marlow und seine Tochter, die das Prachtexemplar schon kannten, langsam vorausgingen.

»Der Besuch wird uns nicht weiter stören,« sagte der Bankier, der in sehr behaglicher Stimmung war. »Sie wollen ja schon um sechs Uhr abfahren, und bis dahin kann Ronald kaum hier sein. – Ein gescheiter, interessanter Mann, dieser Major Hartmut! Da hat man sich auf die Heilsberger Kleinstädterei gefaßt gemacht und verlebt nun ein paar recht angenehme Nachmittagstunden.«

»Papa – was ist es mit diesem Raimar?« fragte Edith, ohne die Worte zu beachten, ganz unvermittelt.

»Wen meinst du? Den älteren Bruder, den Notar?«

»Ja, es liegt irgend etwas zwischen dir und ihm, ich sah es. Woher kennst du ihn? Er hat früher in Berlin gelebt?«

»Allerdings, bis vor etwa zehn Jahren, aber ich hätte ihn kaum wieder erkannt. Was ist aus dem Manne geworden, der damals nur so sprühte von Leben und Heiterkeit! Freilich solch eine Katastrophe – doch davon weißt du nichts, du warst ja damals noch ein Kind, und es kann dich auch nicht interessieren.«

»Doch, es interessiert mich,« sagte die junge Dame rasch. »Du sprichst von einer Katastrophe? Du hast mir doch damals, als der junge Raimar bei uns eingeführt wurde, nicht die leiseste Andeutung gemacht.« »Nein, denn ich wollte eine alte, längst abgethane Geschichte nicht wieder auferwecken und dem jungen Manne seine Stellung in der Gesellschaft nicht unnötig erschweren. Die Sache ist in unseren Kreisen noch nicht vergessen, und es hat sich ihm daraufhin manche Thür verschlossen. Ich halte es für ein Unrecht, man soll die Kinder nicht eine Schuld des Vaters büßen lassen, an der sie keinen Anteil haben. Dem ältesten Sohne hat es ohnehin die Carriere gekostet. Er konnte doch nicht vor den Schranken das Recht vertreten und verteidigen, wenn der Vater ein offenkundiger Betrüger war.«

»Ein Betrüger?« wiederholte Edith betroffen, fast bestürzt. Marlow zuckte die Achseln.

»Leider! Die Sache hat damals viel Aufsehen gemacht, denn das Haus Raimar galt für solid und ehrenwert. Es soll da eine große Spekulation mißglückt sein, das kommt ja öfter vor, und ein solides Haus überwindet solche Krisen. Raimar stürzte und – nahm sich das Leben. Er ersparte seiner Familie wenigstens die Schande, ihn im Gefängnis zu wissen, denn als der Bankrott ausbrach, fanden sich die ziemlich bedeutenden Depots nicht mehr vor. Sie waren vermutlich längst angegriffen und veruntreut, die Deponenten haben nie einen Pfennig zurückerhalten.«

Der Bankier berichtete das alles in seiner kühlen, gelassenen Art, ohne besonderes Gewicht darauf zu legen. Edith erwiderte keine Silbe, aber ihre Augen hingen in atemloser Spannung an den Lippen des Vaters, der jetzt fortfuhr: »Ich habe mich stets über die Unbefangenheit gewundert, mit der dieser Max Raimar in unseren Kreisen verkehrt. Er war ja damals noch sehr jung, etwa sechzehn oder siebzehn Jahr, aber später ist ihm doch die volle Tragweite der Sache klar geworden. Uebrigens hat er recht, solchen Dingen muß man die Stirn bieten, sonst hängen sie sich wie ein Bleigewicht an das ganze Leben, aber es gehört doch eine gewisse Keckheit dazu. Der ältere Bruder scheint anders geartet zu sein, der hat Berlin seitdem nicht wieder betreten und empfindet selbst die Berührung mit seinen früheren Lebenskreisen peinlich, ich sah es bei unserer Begegnung. Er hat den Schlag noch heut nicht überwunden.«

»Warum blieb er denn überhaupt in Deutschland?« fragte die junge Dame mit einer beinahe gereizten Aufwallung, so daß sie der Vater erstaunt anblickte. »Er konnte ja nach Amerika gehen und dort die ganze Vergangenheit hinter sich werfen.«

»Nein, das konnte er nicht,« entgegnete Marlow ruhig. »Er hatte für die Existenz seiner Familie zu sorgen, der selbstverständlich nichts geblieben war. Die Stellung in Heilsberg gab ihm die Möglichkeit dazu, und als Notar hatte er ja auch nur das rein Geschäftliche der Rechtspraxis zu vertreten. Da entfielen die idealen Gesichtspunkte, die es ihm unmöglich machten, Verteidiger zu bleiben. In Heilsberg wird man wohl auch die näheren Umstände des Bankrotts nicht so genau gekannt haben. Schade um den Mann! Er war talentvoll, seine erste Rede vor den Schranken hatte einen geradezu sensationellen Erfolg – und nun muß er hier in einer untergeordneten Stellung verkümmern!«

Mit diesem kühlen Bedauern und einem Achselzucken war die Sache abgethan für den Bankier. Seine Tochter schien eine Erwiderung auf den Lippen zu haben, aber in diesem Augenblick kam Wilma mit den anderen Gästen und schloß sich ihnen an.

Der Spaziergang in dem großen Park mit seinen prächtigen alten Bäumen und schattigen Wegen wurde ziemlich lange ausgedehnt. Marlow ging mit seiner Nichte und dem Major Hartmut voraus, die anderen folgten, aber Max Raimar, der es noch nicht verwunden hatte, daß der Major ihn vorhin mit seiner Unterhaltungsgabe so vollständig in den Schatten gestellt, wußte es so einzurichten, daß sie scheinbar zufällig zurückblieben. Er machte die junge Dame auf einen schönen Durchblick aufmerksam, wo sich gerade der Burgberg mit dem alten Schlosse zeigte, und hielt sie dort einige Minuten lang fest, bis die anderen ziemlich weit voraus waren. Nun behauptete er allein das Feld, denn Ernst hatte sich wieder in seine alte Schweigsamkeit gehüllt und sprach nur so viel, als die unumgängliche Höflichkeit erforderte.

Der junge Maler redete desto eifriger. Jetzt endlich stand er im Vordergrunde und nützte das gehörig aus, dabei entging es ihm nur leider, daß die Dame seines Herzens gar nicht zuhörte. Edith hatte in der That ganz andere Gedanken im Kopfe, und während ihr Ohr mechanisch hin und wieder ein paar Worte von dem Redeschwall auffing, und sie ebenso mechanisch antwortete, streifte ihr Auge bisweilen mit einem fragenden, halbscheuen Blick den schweigsamen Begleiter zu ihrer Rechten.

Der Widerspruch zwischen seiner Persönlichkeit und seinem jetzigen Lebenskreise war ihr nun freilich gelöst, sie hatte es ja vorhin gesehen, wie ihm die Scham dunkelrot in die Stirn stieg bei dem Zusammentreffen mit ihrem Vater, der um jenen Makel wußte. Der jüngere Bruder, den die Sache doch ebenso nahe anging, schien sie allerdings viel leichter zu nehmen und ließ sich den Lebensgenuß nicht dadurch verkümmern.

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