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Hexengold und andere Erzählungen

Elisabeth Werner: Hexengold und andere Erzählungen - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorElisabeth Werner
titleHexengold und andere Erzählungen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger G.m.b.H.
year
illustratorM. Flashar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080923
projectid86a408db
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Edith stand regungslos und lauschte den Tönen, die sie noch nie gehört. Der Amselschlag erklang ja nur in der Stille, der Einsamkeit, und das gab es nicht in ihrem glänzenden, bewegten Leben. Da gab es auch nicht so seltsame Stunden, wie diese hier, so ernst, zwischen den halbversunkenen Gräbern, und so traumhaft schön mit ihrem leisen Frühlingsweben, eine Stunde, wie aus einem Märchen emporgestiegen.

Es war ein minutenlanges Schweigen eingetreten. Edith fühlte, daß die Augen ihres Gefährten unverwandt auf ihr ruhten, es war kein neugieriges Anstarren, das sie verletzte, aber es wachte eine rätselhafte, halb beklemmende Empfindung auf unter diesem Blicke, als übe er irgend einen Zwang aus. Sie empfand das, ohne sich Rechenschaft davon zu geben, und in diesem langen Schweigen lag auch etwas Lastendes, Bedrückendes. Sie brach es deshalb mit der in gleichgültigem Gesprächston hingeworfenen Frage: »Sie kannten den kleinen Waldfriedhof bereits?«

»Jawohl!« lautete die ruhige Antwort. »Ich versuchte vorhin, die alte Inschrift dort zu entziffern, es ist aber nicht mehr möglich, nur ein einziges Wort ist noch erkennbar.«

Er wies auf das verwitterte, moosbedeckte Denkmal an der Kirchenmauer, Edith folgte der Richtung seiner Hand.

»Erwachen!« las sie halblaut. »Ein verheißungsvolles Wort!«

»Für die Toten, gewiß!« ergänzte Raimar mit schwerer Betonung.

»Nun, für die anderen gilt es auch nicht,« sagte die junge Dame in ihrer kühlen, bestimmten Art. »Wer noch mitten im Leben steht, der muß wach sein und wach bleiben.«

»Es gibt aber viele, die abseits stehen vom Leben. Wen das Schicksal zum Beispiel an einen ›weltverlorenen Ort‹ wie dies Heilsberg versprengt hat –«

»Ich sprach von Menschen, die etwas sein und bedeuten wollen im Leben,« unterbrach Edith, »Die anderen zählen nicht.«

»Ganz recht, die zählen nicht! Aber der Wille ist nicht immer allmächtig und nicht jeder erreicht das ersehnte Ziel. Sie, mein Fräulein, stehen vielleicht auf den Höhen des Lebens. Dort sehen Sie nur die Sieger im Kampfe, nicht die Unterliegenden. Die verschwinden im Dunkel und gehen irgendwo zu Grunde.«

Edith hob mit einer stolzen Bewegung den schönen Kopf.

»Nun, wer ein solches Los ertragen kann, der mag es thun. Ich halte es mit denen, die auch im Lebenskampfe zu siegen oder zu fallen wissen. Wer ihn feig verläßt vor der Entscheidung, der ist eben ein Feigling.«

Raimar zuckte leise zusammen, als habe das schmachvolle Wort ihm gegolten, und sein Auge heftete sich düster und vorwurfsvoll auf sie, als er halblaut sagte: »Sie urteilen sehr schonungslos.«

»Ich urteile nur nach meinem eigenen Gefühl, und das sagt mir, wie ich handeln würde, wenn ich ein Mann wäre. Ein energischer Wille weiß sich Bahn zu schaffen im Leben. Sie wollen ja nach Steinfeld – dort haben Sie ein Beispiel, was ein solcher Wille vermag.«

»Sie meinen den Herrn der großen Steinfelder Werke, Felix Ronald?« Die Frage klang eigentümlich herb.

»Gewiß, der Name ist ja jetzt in aller Munde. Ein so schwindelnd schnelles Emporsteigen und so ungemessene Erfolge ist man in Deutschland nicht gewöhnt.«

»Nein. Ein so schwindelhaftes Glück ist bei uns in der That unerhört.«

»Hier handelt es sich doch wohl um mehr als blindes Glück,« sagte die junge Dame, gereizt durch den Ton, in dem etwas beinahe Verächtliches lag. »Ronald war arm, in abhängiger Stellung, ohne einflußreiche Verbindungen, er verdankt all seine Erfolge nur sich selbst und seiner rastlosen Energie. Freilich, um das zu erreichen, muß man nicht nur ein energischer, sondern auch ein genial beanlagter Mann sein.«

»Oder ein –« Raimar brach plötzlich ab und preßte die Lippen zusammen, als habe er bereits zu viel gesagt.

»Nun – oder? Weshalb fahren Sie nicht fort?«

»Verzeihung, mein gnädiges Fräulein, aber wir geraten da auf ein ganz persönliches Gebiet, Sie kennen Herrn Ronald vielleicht näher, jedenfalls bewundern Sie ihn und seine Erfolge, da habe ich weder das Recht noch den Wunsch, Ihnen mein Urteil aufzudrängen. Es kann Sie ja auch durchaus nicht interessieren, da wir uns völlig fremd sind.«

Er sprach wieder mit jener höflich kühlen Zurückhaltung, wie im Anfange der Begegnung, aber dies jähe Abbrechen reizte Edith nur noch mehr, denn sie fühlte, daß es etwas Beleidigendes war, was er vorhin unterdrückt hatte. Dieser Fremde konnte ja freilich nicht ahnen, daß der Mann, von dem eben die Rede war, um sie warb, und daß sie auf dem Punkte stand, diese Werbung anzunehmen, aber anstatt nun auch ihrerseits das Gespräch abzubrechen, das eine so eigentümliche Wendung nahm, beharrte sie dabei. Es verletzte sie und hatte doch einen eigenen, unerklärlichen Reiz

»Sie sind ein Gegner Ronalds?« fragte sie, ohne sein Ausweichen zu beachten. »Vielleicht sogar ein Feind?«

Ernst schwieg, er schien nicht gewillt, das hier zu erörtern, aber da sah er, wie die Lippen der jungen Dame sich verächtlich kräuselten, er las in ihrem Gesichte, daß sie glaubte, er wage es nicht, sich als Feind des Mannes zu bekennen, der in manchen Kreisen allmächtig war, und das entschied. Er richtete sich plötzlich hoch und fest auf und sprach: »Ja!«

Es war nur ein einziges Wort, aber es lag eine finstere, drohende Energie darin, und die bisher so verschleierte Stimme klang jetzt voll und laut. Edith blickte betroffen, fast bestürzt auf den Mann, der ihr mit jeder Minute rätselhafter wurde. Er stand ja auf einmal als ein ganz anderer vor ihr. Aber dies drohende »Ja« galt dem Namen, den auch sie dereinst tragen sollte, da fühlte sie sich mit beleidigt.

»Ein sehr aufrichtiges Geständnis!« sagte sie kalt, aber mit dem ganzen hochmütigen Stolze, der ihr so meisterhaft zu Gebote stand, wenn sie jemand in seine Schranken zurückweisen wollte. »In einer Stellung, wie Ronald sie einnimmt, hat man natürlich Gegner und Feinde, und gegen eine offene, ehrliche Feindschaft ist ja auch nichts einzuwenden, aber die Feindschaft entstammt meist anderen Quellen. Man verzeiht es dem Manne nicht, daß er so hoch emporgestiegen ist, daß er Sieger blieb in einem Kampfe, wo andere unterliegen und ›im Dunkel verschwinden‹! Der Neid freilich – –«

Sie hielt plötzlich inne, denn Raimar war aufgefahren und seine Augen sprühten. Das war nicht jenes unwillige Aufblitzen wie vorhin, da schlug eine Flamme auf – Edith Marlow war nicht furchtsam, aber sie erschrak vor diesem Blick, vor diesem Ton, der anfangs noch halb erstickt klang vor Erregung und sich dann zu voller glühender Empörung steigerte.

»Sollen diese Worte mir gelten? dann weise ich sie zurück! Sie haben kein Recht, einem Fremden, dessen Beweggründe Sie nicht kennen, Niedrigkeit und Gemeinheit zuzutrauen, weil er sich als Feind eines anderen bekennt, und ich habe meine Gründe. Was wissen Sie überhaupt vom Kampfe des Lebens? Ihnen ist er doch schwerlich je genaht! Wer frei und glücklich dasteht, der hat es leicht, den Stab zu brechen über andere, die nicht kämpfen konnten, weil sie die Arme nicht frei hatten. Lernen Sie erst verstehen, was ›Schicksal‹ heißt, das plötzlich über einen Menschen hereinbricht und ihn wehrlos macht gegen feindliche Mächte, und dann verurteilen Sie!«

Edith stand wie erstarrt vor diesem jähen Ausbruch, sie fand im Augenblick gar keine Antwort darauf. Wer war denn eigentlich dieser Fremde, dessen Haltung im Anfange so müde schien, der so düster und entsagungsvoll vom Leben sprach, als läge es bereits hinter ihm? Jetzt hatte er auf einmal Blitze in diesen müden, düsteren Augen, jetzt führte er eine Sprache, wie sie das verwöhnte, vielumworbene Mädchen noch nie gehört, das jetzt mitten in der Entrüstung, der Empörung über die empfangene Zurechtweisung doch etwas wie Bewunderung empfand. Aber das dauerte nur einen Moment, dann gewann die Entrüstung die Oberhand.

»Ich glaube, wir müssen diese Unterredung endigen, sie führt uns allzu weit!« sagte die junge Dame in einem eiskalten Tone, und dabei traf ein vernichtender Blick den Mann, der es wagte, so mit ihr zu reden, aber hier blieb das wirkungslos. Jene dunklen Augen hielten den ihrigen stand, und die Flamme loderte noch immer darin. So standen sie einige Sekunden lang, ohne daß ein Wort gesprochen wurde, dann neigte Edith mit einer kaum merklichen Bewegung das Haupt, und mit der Miene einer beleidigten Fürstin wandte sie sich ab, um zu gehen.

Ernst Raimar verharrte an seinem Platze. Er sah, wie sie über den Friedhof eilte, das Gitter öffnete und im Walde verschwand, dann atmete er tief auf und strich mit der Hand über die Stirn. Es kam ihm erst jetzt zum Bewußtsein, wie er sich hatte fortreißen lassen. Also das war der Dank eines Bruders, für den er sich aufgeopfert, so stand er da in den Augen des Mädchens, zu dem Max seine Blicke erhob. Ein alter, verknöcherter Hagestolz, der Höheres gar nicht begriff und in spießbürgerlicher Beschränktheit den jungen Künstler festketten wollte an den eigenen Lebenskreis! Noch gestern hätte er eine derartige Erfahrung mit einem bitteren Lächeln und einem Achselzucken hingenommen, jetzt biß er die Zähne zusammen, und auf seiner Stirn lagerte es wie eine Wetterwolke, als er der Enteilenden nachblickte.

»Sie muß in irgend einer Beziehung zu diesem Ronald stehen!« murmelte er halblaut. »Das war nicht die Parteinahme einer Fremden, gleichviel, was geht es mich an! Sie werden freilich wie eine Meute über mich herfallen von allen Seiten, wenn ich wage, was jeder wagen darf, dessen Name rein ist, aber was liegt an mir, wenn es nur erreicht wird. Einer muß das Wort sprechen, und da sich kein anderer findet« – er richtete sich empor mit einer Bewegung, als werfe er eine lang getragene Last von sich – »ich will nicht länger ein Feigling sein, der »im Dunkel verschwindet«. Jetzt ist es entschieden! Werde daraus, was da will!«

Er ging, da tönte wieder der helle Ruf der Amsel, und jetzt schwirrte sie hervor aus den zerfallenen Mauern und hinein in den Wald, in das Frühlingsleben da draußen. Still und einsam lag der kleine Friedhof wieder da, aber die Sonnenstrahlen spannen ihre goldenen Fäden über das alte, verwitterte Gestein, wo unter Moos und Epheuranken das verheißungsvolle Wort stand:

Erwachen!

Herr Notar Treumann war eine sehr beliebte Persönlichkeit in Heilsberg, wo er, obgleich er sein Amt schon vor Jahren niedergelegt hatte, noch die erste Rolle spielte. Er hatte in einer beinahe dreißigjährigen Amtsführung ein Vermögen erworben, das für seine bescheidenen Bedürfnisse ausreichend war, besaß außerdem ein hübsches Haus nebst Garten und lebte dort, da er Junggeselle war, unter der Pflege einer alten Wirtschafterin sehr behaglich und zufrieden.

Jedermann hatte den alten Herrn gern, der die Gutmütigkeit und Dienstfertigkeit selbst war. Es gab nur einen Punkt, wo diese Eigenschaften versagten und sich sogar in das Gegenteil verkehrten, und das trat unfehlbar ein, wenn jemand sich erlaubte, Heilsberg den gebührenden Zoll der Achtung und Bewunderung zu versagen. Der Notar liebte die Stadt, in der er geboren war und wo er bereits die zweite Generation aufwachsen sah, mit einem förmlichen Fanatismus. Was man ihm selbst anthat, das konnte er verzeihen, und wenn es das Aergste war, aber Heilsberg – da wurde er wild.

Er hatte damals, als das Unglück über die Familie seiner Schwester hereinbrach, gethan, was nur in seinen Kräften stand. Er war schleunigst nach Berlin gekommen und hatte die Witwe nebst ihrem jüngsten Sohne mit nach Heilsberg genommen, um sie all dem Schweren zu entziehen, was der Katastrophe unmittelbar folgte. Ernst blieb zurück, um das Notwendigste zu ordnen, eine furchtbare Aufgabe für den jungen Mann, der nur den völligen Ruin feststellen konnte und verzweifelte, aber vergebliche Anstrengungen machte, wenigstens den ehrlichen Namen seines Vaters zu retten. Dann trat die zweite schwere Aufgabe an ihn heran, für Mutter und Bruder eine Existenz zu schaffen, und da war es wieder Onkel Treumann, der helfend eingriff.

Er legte das Notariat zu Gunsten seines ältesten Neffen nieder, früher als es ursprünglich seine Absicht gewesen war, führte ihn in das Amt ein und erleichterte ihm in jeder Weise den Eintritt in den neuen Wirkungskreis. Daß der junge Jurist, der bereits als Verteidiger seinen ersten Lorbeer errungen hatte und von einer großen Zukunft träumte, das als den geistigen Tod ansah, kam dem Onkel nicht in den Sinn, aber er stand immer auf einer Art von Kriegsfuß mit ihm. Er hatte Ernst in Verdacht, mit einer geheimen Geringschätzung auf seine Umgebung und auf Heilsberg herabzublicken, und damit hatte dieser verspielt bei dem Herrn Notar, der das düstere, verschlossene Wesen Ernsts seit jener Katastrophe überhaupt unbegreiflich und undankbar fand. Die Sache war ja doch nun längst überwunden, man hatte ihm eine behagliche, gesicherte und ziemlich einträgliche Stellung verschafft – was wollte er denn noch mehr?

Der erklärte Liebling des Onkels war sein jüngster Neffe, den er um die Wette mit seiner Schwester verzog und verhätschelte. Er hielt ihn für ein Talent ersten Ranges, hegte die ungemessensten Erwartungen von seiner Zukunft und behandelte ihn schon ganz als künftige Größe. Max ließ sich das natürlich gefallen, der »Erbonkel« hatte ohnehin Anspruch auf seine Liebenswürdigkeit und hatte auch stets eine offene Hand für ihn, wenn er, wie gewöhnlich, nicht auskam. Da ließ er denn auch seinerseits diese Liebenswürdigkeit nicht vermissen, und die beiden standen auf dem allerbesten Fuß miteinander.

Jetzt, wo Ernst auf zwei Tage nach Neustadt gefahren war, fühlte sich Treumann verpflichtet, dem Freunde seines Neffen die Honneurs von Heilsberg zu machen. Er schleppte ihn in der ganzen Stadt herum, zeigte ihm alles, natürlich auch die berühmte Folterkammer, und gab als Vorstand des historischen Vereins auch die nötigen Erklärungen. Er merkte es dabei gar nicht, daß der Major sich über ihn und sein Steckenpferd lustig machte, und nahm dessen ironische Bewunderung für bare Münze.

So waren sie denn auch heute auf den Burgberg gestiegen, wo die Ruine des alten Schlosses lag. Der Herr Notar hatte die ganze Chronik des betreffenden Grafengeschlechts zum besten gegeben und war dabei so tief in das Mittelalter geraten, daß er sich gar nicht wieder herausfand, jetzt schloß er mit einer großartigen Handbewegung: »Ja, wir stehen hier auf historischem Boden! Jeder Stein, jeder Fuß breit in und um Heilsberg zeugt von einer großen Vergangenheit. Das ist es, was wir voraushaben vor all den anderen Städten in der Provinz – wir sind durch und durch historisch!«

»Aber Neustadt hat die Bahn,« warf der Major etwas nüchtern ein, »und die Steinfelder Werke gehören ja doch auch dazu, damit hat es Heilsberg längst überflügelt.«

Treumann, der noch im sechzehnten Jahrhundert schwelgte, tauchte urplötzlich daraus empor und war mit einem förmlichen Ruck mitten in der Gegenwart.

»Neustadt?« wiederholte er. »Ja freilich, das möchte sich jetzt als Großstadt aufspielen, weil es ein paar tausend Einwohner mehr hat. Lächerlich! Kennen Sie dies Neustadt?«

»Nur als Bahnstation. Ernst hat mich dort erwartet, und wir sind hindurchgefahren. Ein stattlicher Ort!«

»Finden Sie das?« fragte der alte Herr in sehr gereiztem Tone. »Nun, vor acht Jahren war es noch ein jämmerliches Oertchen, das gar nicht den Namen einer Stadt verdiente, bis es dem großmächtigen Herrn Ronald gefiel, seine Werke dort anzulegen, und dann setzte er natürlich auch die Bahn durch. Der setzt ja alles durch! Stattlicher Ort? Pah, Arbeiterbevölkerung, Menschen ohne Bildung – Kohlenstaub und Maschinenlärm – gemeines Alltagsleben – das ist Neustadt, und das ist gar nichts!«

Hartmut lächelte, er wußte bereits aus gelegentlichen Gesprächen, daß zwischen Neustadt und Heilsberg grimmige Fehde herrschte, die zum Glück nur theoretisch ausgefochten wurde. Die Neustädter verspotteten die »historischen Heilsberger«, und diese verachteten die »moderne Schwindelstadt«, wie sie den Nachbarort wegen seines schnellen Wachstums nannten. Der Herr Notar stand natürlich vorn im Kampfe, und seine sonst so freundlichen Augen leuchteten in einem förmlichen Ingrimm, als er fortfuhr: »Und Ernst ist schon wieder hinübergefahren, in Geschäften, wie er behauptet. Wenn ich nur wüßte, was das für Geschäfte sind! Sie haben doch drüben ihre eigenen Notare und ihre eigene Gerichtsbarkeit. Werden nächstens noch Gesetze erlassen, die Herren Neustädter! Aber aus dem Ernst ist nichts herauszubekommen, nicht das geringste.«

»Vermutlich Privatangelegenheiten. Amtsgeheimnis – er kommt ja schon heut abend zurück. Haben Sie übrigens in der Zeitung gelesen, daß Ronald in diesen Tagen auf seinen Werken erwartet wird?«

»Natürlich habe ich es gelesen, die Zeitungen melden das ja so gewissenhaft, wie die Ankunft irgend einer Fürstlichkeit. Dieser Nabob, der schon die ganze Berliner Finanzwelt regiert, spielt ja auch in unserer Provinz den Pascha. Es ist die reine Paschawirtschaft bei ihm und seiner Umgebung. Wochenlang vorher muß man sich um die Gnade einer Audienz bewerben, stundenlang muß man im Vorzimmer warten, und wenn man ihn dann endlich zu sehen bekommt, dann wirft er einen hinaus – mich hat er auch hinausgeworfen!«

»O, wie kam er denn dazu?« fragte der Major erstaunt. »Kennen Sie ihn denn überhaupt?«

Treumann schien nicht recht zu wissen, ob er die Begegnung, bei der er eine so merkwürdige Rolle gespielt hatte, erzählen oder verschweigen sollte, aber sein Mitteilungsbedürfnis war überwiegend, und so sprudelte er denn mit gewohnter Lebhaftigkeit die ganze Geschichte heraus. »Es war im vorigen Jahre und es geschah nur Heilsbergs wegen. Sehen Sie, Herr Major, hier in unserem Boden schlummern zweifellos noch eine Menge von historischen Schätzen aus dem Mittelalter, vielleicht aus der Römerzeit. Man müßte nur große, umfangreiche Nachgrabungen veranstalten, aber dazu gehört Geld, sehr viel Geld, und das haben wir nicht. Da kam ich auf den Gedanken, mich an Ronald zu wenden, für den Nabob sind ja die Summen, die wir brauchen, eine Kleinigkeit. Ich wollte ihm einen Vortrag halten und ihm klar machen, daß er hier etwas Großes vollbringen könnte für die Welt, für die Wissenschaft, aber er ließ mich gar nicht zu Worte kommen.«

»Das kann ich mir denken!« warf Hartmut trocken ein.

»Gleich im Anfange fiel er mir in die Rede und erklärte mir kurz und bündig, er habe mit der Gegenwart zu thun, nicht mit dem Staub und Moder der Vergangenheit, er habe weder Zeit noch Geld für solche Narrheiten. Da wurde ich natürlich auch gereizt, und das nahm der Pascha übel, denn er wurde grob und sagte mir die empörendsten Dinge ins Gesicht. Die erste beste Torfgrube wäre ihm lieber als der ganze historische Boden von Heilsberg. Ich solle doch sehen, was er aus Neustadt gemacht habe, Neustadt werde in zehn Jahren ein großer Industrieort sein und Heilsberg würde ein jammervolles kleines Nest bleiben, wo das Gras in den Straßen wachse. Ja, das – das hat er mir gesagt – wörtlich!«

Hier versagte dem alten Herrn vor Empörung die Sprache, er schluckte ein paarmal heftig und sah den Major an, der mühsam das Lachen unterdrückte. Er stellte sich die urkomische Scene vor, wie der praktische Nabob den »historischen« Besuch zur Thür hinausbeförderte, aber er that diesem den Gefallen, mit ein paar kräftigen Worten in seine Entrüstung einzustimmen.

»Und dieser Mensch war vor zehn Jahren noch Prokurist meines Schwagers Raimar und wurde Sonntags zu Tische eingeladen!« rief Treumann, noch immer ganz außer sich. »Das wissen Sie doch?«

»Ja, ich weiß,« sagte Hartmut nachdenklich. »Ich habe ihn dort kennen gelernt, aber seitdem nicht wieder gesehen. Herr Raimar hielt sehr viel von dem kaufmännischen Talent seines damaligen Prokuristen, eine solche Carriere freilich hat er wohl nicht geahnt.« »Eine Schwindelcarriere!« erklärte verächtlich der Notar, dem seine sonstige Gutmütigkeit ganz abhanden kam, sobald von Neustadt oder von dem »Nabob« die Rede war, »Nichts als Schwindel! Auf ehrliche, solide Weise kann man doch die Millionen nicht so ohne weiteres aus dem Boden stampfen und in ein paar Jahren ein Dutzend Unternehmungen hinstellen, von denen jede einzelne ein Menschenalter braucht, um zu gedeihen. Wenn Sie nur wüßten, was man da alles flüstert! Laut wagt keiner etwas zu sagen, es ist ja alles bestochen, geknebelt, mundtot gemacht. Warten wir erst ab, wie die Geschichte endigt! Das habe ich dem Ernst schon oft gesagt, aber der zuckt die Achseln und schweigt, der kümmert sich überhaupt nicht darum. Ernst hat für gar nichts mehr Interesse.«

»Ja, Gott sei's geklagt!« brummte der Major, fuhr aber plötzlich auf und beugte sich über die Mauerbrüstung, an der sie standen. Dort ertönte der Schrei einer Kinderstimme und gleich darauf ein lauter Angstruf von unten her. In demselben Augenblick setzte Hartmut aber auch schon mit einem Sprunge über die niedrige Mauer, brach durch die Gebüsche, die den Abhang bedeckten, und dann hörte man seine Kommandostimme: »Festhalten! Nicht loslassen! Ich komme schon!«

Der alte Herr droben wußte gar nicht, was geschehen war, und lief ängstlich auf und nieder, während er vergebens versuchte, durch das Gebüsch zu schauen; aber schon nach wenigen Minuten tauchte sein Begleiter wieder auf, ein kleines Mädchen in den Armen, das er bis zur Ruine trug und dann auf den Boden stellte.

»Das hätte schlimmer ablaufen können!« sagte er. »Kleine Gemse, wer hieß dich denn da hinaufklettern? Hast du dir weh gethan?«

Die Kleine war noch blaß vor Schrecken, aber sie schrie und weinte nicht, sondern betrachtete nur ihr Aermchen, auf dem eine große dunkelrote Schramme sichtbar war.

»Es thut gar nicht sehr weh,« sagte sie tapfer, zu dem Major aufblickend.

»Braves Mädel!« lobte dieser. »Das heult nicht noch nachträglich, wenn es in Sicherheit ist. Zeig her! Das ist ja eine bloße Schramme, nicht der Rede wert!«

Er zog sein Taschentuch hervor und trocknete ein paar Blutstropfen ab, die sich an dem kleinen Arme zeigten; jetzt kam Treumann auch herbei.

»Das ist ja die kleine Lisbeth von Gernsbach!« rief er überrascht. »Lisbeth, was hast du angefangen?«

»Da bin ich heraufgeklettert,« sagte die Kleine, auf den steilen Abhang zeigend. »Und da fielen die Steine – und ich auch.«

.

»Ja, und da hing sie an dem Fliederstrauch, den sie glücklich noch erwischt hatte,« ergänzte Hartmut, »aber der gab schon nach, und wenn sie losließ oder ich zwei Minuten später kam, dann lag sie unten im Steinbruch, und dann war's aus!«

Er beschäftigte sich noch mit dem Kinde, als dies ihm entwischte und mit dem Rufe »Mama! Mama!« einer Dame entgegenlief, die jetzt atemlos auf der Höhe erschien. Sie brach fast in die Kniee, als sie der Kleinen die Arme entgegenstreckte und sie an ihre Brust zog.

»Beruhigen Sie sich, gnädige Frau, es ist ja nichts geschehen,« tröstete der Notar, und eine andere Dame, die unmittelbar folgte, mahnte halblaut: »Fasse dich, Wilma. Wir sahen es ja schon von unten, wie Lisbeth aufgefangen und emporgetragen wurde von diesem Herrn – « »Major Hartmut,« stellte Treumann vor. »Er war zum Glück in der Nähe, als die Kleine stürzte.«

Die junge Frau war noch totenbleich und völlig unfähig zu sprechen, sie reichte nur dem Retter ihres Kindes die Hand, während ihr die Thränen aus den Augen stürzten.

»Bitte, gnädige Frau, es war ja kaum der Rede wert,« lehnte Hartmut den stummen Dank ab. »Wir Soldaten sind gewohnt, rasch zuzugreifen, und das Allerbeste hat das tapfere kleine Fräulein selbst gethan. Jede andere hätte, als der Fliederstrauch zu brechen anfing, mit lautem Jammergeschrei losgelassen, sie that keinen Muck und hielt fest auf meinen Zuruf, bis ich herankam.«

Lisbeth war offenbar sehr stolz auf dies Lob, und Frau von Maiendorf faßte sich denn auch so weit, die beiden Herren ihrer Cousine, Fräulein Edith Marlow, vorzustellen, der sie den Burgberg hatte zeigen wollen. Der Major horchte auf bei dem Namen, und auch Treumann schien gewisse Andeutungen von seinem Neffen erhalten zu haben, denn er machte der jungen Dame eine ungemein respektvolle Verbeugung und war hochbeglückt, als sie den Wunsch zu erkennen gab, etwas Näheres über die alte Grafenburg zu hören. Er stürzte sich schleunigst wieder in das Mittelalter, und als Edith, die sich in der That für solche Dinge interessierte, seine Führung durch die Ruine annahm, war der Vorstand des historischen Vereins auf seiner vollen Höhe.

Major Hartmut zog es vor, der jungen Frau Gesellschaft zu leisten, in der noch der Schrecken von vorhin nachzitterte, und die draußen auf der Steinbank zurückgeblieben war. Dabei neckte er sich mit Lisbeth, die den Sturz und die Schramme bereits vergessen hatte und lustig umhertollte. Die beiden waren schon die allerbesten Freunde, als Edith mit ihrem Führer zurückkehrte. Die Damen machten nun Anstalt, aufzubrechen; nach dem Vorgefallenen war es eigentlich selbstverständlich, daß der Major eine Einladung nach Gernsbach erhielt, und Herr Notar Treumann wurde als alter Freund des Hauses auch gebeten, mitzukommen.

»Komm aber recht bald,« sagte die kleine Lisbeth, ihrem Retter zutraulich das Händchen bietend. »Es ist sehr schön bei uns.«

»Zu Befehl, gnädiges Fräulein!« versetzte Hartmut mit militärischem Gruße. »Ich werde nicht verfehlen, mich nach Hochdero Befinden nach der unfreiwilligen Bergfahrt zu erkundigen.«

Die Kleine lachte fröhlich auf bei dem Scherz und lief zur Mutter, die sie diesmal fest an der Hand nahm. Dann trennte man sich, die Damen schlugen einen Fußweg ein, der in den Wald hineinführte, wo sie ihren Wagen gelassen hatten, und die beiden Herren kehrten auf dem eigentlichen Burgwege nach der nahen Stadt zurück.

»Das war also die junge Millionärin!« sagte Treumann, hoch befriedigt von der Begegnung. »Dieser Marlow hat nämlich auch eine Million, aber der steht auf soliderer Grundlage als der Hexenmeister Ronald. Altes Bankhaus, schon vom Großvater gegründet, Maxl kennt die Verhältnisse genau. Wie finden Sie Fräulein Marlow? Eine Schönheit, nicht wahr?«

»Gewiß, ein schönes Mädchen!« stimmte der Major ziemlich kühl bei. »Aber für meinen Geschmack etwas zu großartig und selbstbewußt. Frau von Maiendorf kann sich ja in der äußeren Erscheinung nicht mit ihrer Cousine messen, aber sie ist viel anmutiger.«

»Jawohl, ein liebes, sanftes Frauchen!« bestätigte Treumann, »und die kleine Lisbeth ist allerliebst. Aber mit dem Ernst ist ja nichts anzufangen, Sie sollten ihm doch einmal ins Gewissen reden.«

»Ich? Weshalb denn?« fragte Hartmut, der sich diesen plötzlichen Gedankensprung nicht erklären konnte.

Der Notar hatte sich längst schon vorgenommen, dem Freunde seines Neffen einmal sein Herz auszuschütten, und ergriff nun eifrig diese Gelegenheit. Er begann in empfindlichem Tone: »Ich habe damals doch gewiß das möglichste gethan, als ich das Notariat mit der ganzen Praxis an Ernst abtrat, aber dankbar ist er mir nie dafür gewesen. Das war ihm alles viel zu unbedeutend und kleinlich. O, ich habe das gemerkt, wenn er auch nie darüber sprach. Ja, als Verteidiger Reden halten, von denen dann alle Welt spricht, sich als Berühmtheit in den Reichstag wählen lassen, und dann zum Schluß womöglich den Ministersessel – das hat er im Kopf gehabt! Das möchte wohl mancher, aber nicht jeder hat das Zeug dazu.«

»Ernst hatte es!« sagte der Major kurz und herb. »Es war ein Unglück, daß er damals aus seiner Laufbahn gerissen wurde, um hier –« Frondienste zu leisten, wollte er sagen, unterdrückte es aber, mit Rücksicht auf den alten Herrn, der doch aus reiner Herzensgüte gehandelt hatte. Dieser glaubte, er meine nur den Bankrott des Raimarschen Hauses und stimmte bei.

»Ja, das war allerdings ein Unglück, aber dagegen ließ sich doch nun einmal nicht aufkommen. Das Notariat, das Ernst übernahm, war doch der einzige Rettungsanker für die Familie. Es ist ihm zuwider, ich weiß es längst, nun er kann sich ja davon losmachen und den großen Herren spielen, wenn er will. Das Glück liegt ihm ja gerade vor der Nase, er braucht nur zuzugreifen.«

»Ach so, Sie meinen –?« sagte Hartmut, der jetzt anfing zu begreifen.

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