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Hexengold und andere Erzählungen

Elisabeth Werner: Hexengold und andere Erzählungen - Kapitel 27
Quellenangabe
typenarrative
authorElisabeth Werner
titleHexengold und andere Erzählungen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger G.m.b.H.
year
illustratorM. Flashar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080923
projectid86a408db
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»Wenn Sie damit eine einfache Empfehlung meinen –« Ulrich zuckte gleichgültig die Achseln. »Rosner erwähnte zufällig, daß seine Frau eine Stütze im Hause und bei den Kindern wünschte, und da habe ich ihn darauf aufmerksam gemacht, daß Sie demnächst frei würden. Das ist mein ganzer Anteil an der Sache, und das werden Sie mir hoffentlich erlauben, denn im Grunde trage ich doch allein die Schuld an Ihrem Zerwürfnis mit meiner Tante.«

Einen Augenblick wurde Paula schwankend dieser bestimmten Ableugnung gegenüber, dann aber richtete sie sich entschlossen auf.

»Herr von Berneck, versuchen Sie nicht, mich jetzt noch zu täuschen. Ich weiß, daß Professor Rosner auf Ihren Ruf kam, daß er nur Ihren Auftrag vollzog mit seinem Anerbieten, weiß, daß ich unter dem Namen einer Erzieherin nur ein Gast in seinem Hause sein soll – durch Ihre Großmut!«

»Was soll das heißen!« fuhr Ulrich in voller Gereiztheit auf. »Wie kommen Sie auf solche Ideen? Hat Rosner etwa –«

»Nein, er hat sein Wort nicht gebrochen!« fiel das junge Mädchen rasch ein. »Er that im Gegenteil alles, um mich an einen Zufall glauben zu lassen, und ich ließ mich ja auch täuschen. Aber vorhin erzählte mir Ullmann ahnungslos von dem Telegramm, das Sie nach Dresden sandten, um den Professor herzurufen, solange ich noch in Restovicz war – und das übrige habe ich erraten!«

Berneck stand da mit tiefverfinstertem Gesicht und fest zusammengepreßten Lippen, der alte feindselige Ausdruck erschien wieder in seinen Zügen, als er antwortete: »Ich werde dem alten Schwätzer, dem Ullmann, nachdrücklichst den Text lesen. Er scheint da auf eigene Hand den Spion gespielt und Ihnen allerlei Unsinn vorgeredet zu haben. Wenn ich meinen einstigen Lehrer bat, nach Restovicz zu kommen, was in aller Welt geht denn das Sie an, mein Fräulein, und wie kommen Sie zu solchen Voraussetzungen? Ich bedaure, Ihnen nicht mitteilen zu können, was wir verhandelten, aber auf Sie hatte es jedenfalls keinen Bezug. Ich muß den Verdacht, in dem Sie mich haben, ganz entschieden ablehnen. Bitte, verschonen Sie mich damit!«

Er sprach mit einer fast beleidigenden Schroffheit, offenbar in der Absicht, jede weitere Erörterung unmöglich zu machen, aber er erreichte seinen Zweck nicht. Paula wußte ja, was sich hinter dieser Schroffheit barg, und jetzt hatte sie keine Furcht mehr davor. Langsam hob sie die Augen zu ihm empor.

»Das glaube ich Ihnen nicht, Herr von Berneck. Nein, und wenn Sie mich noch so zornig anblicken! Oder – können Sie mir Ihr Wort darauf geben?«

Er versuchte es, ihrem Blick zu begegnen, nur eine Sekunde lang, dann wandte er sich ab und stampfte in wilder Ungeduld mit dem Fuße, aber er schwieg.

»Ich wußte es!« sagte das junge Mädchen leise.

»Nun, dann hätten Sie uns beiden diese Stunde ersparen sollen!« brach Ulrich jetzt mit vollster Heftigkeit aus, »Haben Sie denn wirklich geglaubt, ich würde Sie allein und schutzlos hinausgehen lassen in eine ungewisse Zukunft, zu fremden, herzlosen Menschen, die in Ihnen nur eine Dienende sehen und Ihnen nur Bitterkeit und Demütigungen zu kosten geben? Ich habe Sie ja doch geliebt, Paula! Soll ich da nicht einmal das Recht haben, Sie zu schützen? Versuchen Sie nicht, mir das zu verweigern, ich lasse es mir nicht nehmen. Ich erzwinge es mir nötigenfalls von Ihnen!«

Das klang alles so herb und drohend, wie mühsam zurückgehaltener Groll, und doch redeten die Augen des Mannes eine ganz andere Sprache, eine Sprache, die Paula verstehen gelernt hatte in jener Stunde am See.

»Ich kann aber nicht!« rief sie außer sich. »Beschämen Sie mich doch nicht so tief! Sie müssen es doch fühlen, daß ich das nicht aus Ihrer Hand nehmen kann und darf.«

»Wenn ich Sie nun aber bitte!« Es klang zum erstenmal etwas wie Weichheit auf in seiner Stimme. »Oder fürchten Sie vielleicht mein Kommen? Ich werde das Rosnersche Haus nie betreten, ich komme überhaupt nicht wieder nach Deutschland, mein Wort darauf! Denken Sie, ich werde betteln um eine Liebe, die mir einmal versagt worden ist? Da kennen Sie mich nicht!«

Er stand in der Mitte des Zimmers, gerade unter der Hängelampe, die jede Linie seiner Gestalt, jeden Zug seines Gesichtes scharf und voll beleuchtete. Paula stand seitwärts im Schatten, sie kämpfte längst schon mit sich selber. Ein Wort, ein Geständnis konnte alles ändern, aber es wollte nicht über ihre Lippen, und seine letzten Worte nahmen ihr vollends den Mut dazu. Er würde ihr nicht glauben, sie kannte ja jetzt sein finsteres Mißtrauen, und das Nein, das sie einmal gesprochen hatte, stand wie eine drohende Schranke zwischen ihnen.

Draußen war es längst dunkel geworden. Eine finstere Nacht brach herein mit schwer bewölktem Himmel, der mit Regen drohte. Man sah kaum einige Schritte weit, und jetzt erhob sich auch der Wind, und ein kalter Luftzug wehte herein durch die offene Thür, welche nach der Terrasse führte. Unwillkürlich blickte Paula dorthin und zuckte plötzlich zusammen.

Die Lampe warf einen breiten Lichtstreif auf die Terrasse, der weiterhin in ungewisse Dämmerung verschwamm, und dort hinten regte sich etwas, schattenhaft und undeutlich, die Umrisse einer menschlichen Gestalt, die eben wieder zurücktauchte in die Dunkelheit. Aber jetzt erhob sich langsam etwas anderes aus diesem Dunkel, matt aufblinkend, als es in jenen Lichtkreis kam, und richtete sich auf den Schloßherrn, der der Thür den Rücken kehrte – der Lauf einer Büchse!

Ein Augenblick und das junge Mädchen hatte alles begriffen. Es war zu spät zu einem Ruf, einer Warnung, der todbringende Lauf lag schußbereit, der nächste Atemzug entschied. Hier konnte nur eins retten! Das fuhr mit der Schnelligkeit des Blitzes durch Paulas Seele, und in der nächsten Sekunde hatte sie dies eine bereits gethan. Sie stürzte auf Ulrich Berneck zu, warf sich an seine Brust und, beide Arme um seinen Hals schlingend, riß sie ihn mit der Kraft der Todesangst seitwärts.

.

Fast in demselben Augenblick krachte der Schuß! Pfeifend flog die Kugel durch das Gemach, dicht an den Häuptern der beiden vorüber, und schlug, da sie freie Bahn fand, in die gegenüberliegende Wand. Draußen klang es wie ein halbunterdrückter Fluch, dann ein schwerer Fall oder Sprung von der Terrasse, das Krachen und Brechen der Gesträuche, durch die ein Fliehender sich den Weg bahnte – dann tiefe Stille.

Ulrich und Paula sahen und hörten freilich nichts mehr nach dem Schusse. Sie lag noch bleich und bebend an seiner Brust und flüsterte jetzt erst mit versagender Stimme: »Zarzo! Er war es – ich habe ihn gesehen!«

Berneck achtete kaum darauf. Was kümmerte ihn Zarzo und sein Mordplan in diesem Augenblick, es war etwas anderes, was ihm den Atem stocken ließ, als er halblaut sagte: »Paula – allmächtiger Gott! Das hätte Sie treffen können!« »Was that das – Sie waren doch gerettet!« brach das junge Mädchen aus. Es lag ein stürmisch aufwogendes Glück in diesem Ausruf, der alles verriet, selbst wenn die That noch nicht gesprochen hätte.

»Paula, hast du dich geängstigt um mich?« fragte er leidenschaftlich. Sie antwortete nicht, sie hob nur die Augen zu ihm empor, aus denen jetzt ein heißer Thränenstrom stürzte, und barg das Köpfchen dann wieder an seiner Brust, und er brauchte auch keine andere Antwort.

Da wurde die Thür aufgerissen, und Ullmann, der den Schuß gehört hatte, stürzte herein. »Herr Ulrich – barmherziger Gott!« schrie er, verstummte aber jäh beim Anblick der Gruppe und stand da, als sei er in eine Salzsäule verwandelt.

»Ja, Alter, das galt mir!« sagte Berneck, indem er sich emporrichtete, ohne Paula aus den Armen zu lassen. »Gib dich zufrieden, es ist ja nichts geschehen. Wir sind beide unversehrt!«

Der alte Diener war fast ebenso erschrocken über das, was er vor Augen sah, als über den Mordanfall, den er bei dem Schuß sofort geahnt hatte. Als ihm die Besinnung zurückkam, eilte er zunächst nach der Terrasse und schloß die Außenthür, die feste Laden hatte, aber er zitterte noch an allen Gliedern.

»Ich habe es ja gewußt!« rief er. »Das war der Zarzo und kein anderer!«

»Jawohl, da sitzt seine Kugel!« sagte Ulrich, indem er nach der Wand blickte, wo die Tapete durchgeschlagen und der Kalk abgebröckelt war. »Er schießt gut, und ich war verloren ohne den Schutzengel, der neben mir stand. Schau ihn dir nur an, Ullmann, der hat mich gerettet!«

Er ließ jetzt erst das junge Mädchen aus den Armen, und nun erschien auch Frau Almers, die allerdings nicht ahnte, was geschehen war, aber sie kam doch in voller Unruhe.

»Was ist denn vorgefallen?« fragte sie. »Das war ja ein Schuß, in unmittelbarer Nähe des Schlosses! Hast du es auch gehört, Ulrich? Es hat doch kein Unglück gegeben?«

»Nein, aber es sollte eins geben,« versetzte Ulrich. »Erschrick nicht, Tante, erfahren mußt du es ja doch! Es war ein Racheakt, der mir galt. Ich habe kürzlich einen meiner Förster fortgejagt, und dafür wollte er mich nun niederschießen. Man macht hier zu Lande nicht viel Umstände, wenn man eine Büchse führt.« »Um Gottes willen!« rief die alte Dame in vollstem Entsetzen und sank mehr in einen Sessel, als sie sich niederließ, aber schon in der nächsten Minute gewann ihre energische Natur wieder die Oberhand.

»Und da stehst du so gelassen da und läßt den Mordbuben entkommen? So laß ihm doch nachsetzen, rufe die Leute zusammen! Er kann ja nicht weit sein.«

»Der ist längst in Sicherheit,« erklärte Berneck mit einer Ruhe, die seiner Tante unbegreiflich erschien. »Er kennt hier alle Schleichwege, und meine Leute holen ihn gewiß nicht ein, sie helfen ihm höchstens bei der Flucht. Denen wäre es schon recht gewesen, wenn er getroffen hätte.«

»Das sind ja furchtbare Zustände in deinem Restovicz!« rief Frau Ulmers halb angstvoll und halb empört. »Ulrich, wie kannst du das nur ertragen! Wie kannst du nur daran denken, allein zu bleiben unter solchen Menschen!«

Ulrich lächelte, und der herbe Zug in seinem Antlitz verschwand unter diesem Lächeln.

»Ich bleibe ja nicht mehr allein!« sagte er. »Ich habe ja jetzt mein Glück zur Seite. Das stand vorhin neben mir, als die Kugel uns beinahe streifte, und dem will ich auch ferner vertrauen. Paula, du weißt es ja nun, welche Gefahren Restovicz birgt. Es war nicht die erste, die mir drohte, und wird auch nicht die letzte sein. Hast du trotz alledem den Mut, hier mit mir zu leben, oder hast du Furcht davor?«

Es lag doch noch eine verhaltene Angst in der Frage, aber die Antwort klang wie in ausbrechendem Jubel.

»Ich fürchte nichts, gar nichts, Ulrich, wenn ich bei dir bin! Ich bleibe bei dir im Leben und Tod!«

Da ging ein Aufleuchten über die Züge des Mannes, das sie lange, lange nicht gekannt hatten. Er nahm »sein Glück« in die Arme und schloß es so fest an die Brust, als wolle er es nie wieder von sich lassen.

Die alte Dame bot jetzt einen ähnlichen Anblick wie Ullmann vorhin, sie saß wie erstarrt da. Was sie vor sich sah und hörte, das war ja ihr Wunsch und Wille, und sie begriff es auch, daß Ulrich nun endlich selbst gesprochen hatte, aber was er und Paula, von der sie doch höchstens Gehorsam erwartete, da verrieten, das hatte sie nicht geahnt, als sie ihren klugen Plan entwarf, das ging weit über ihr Programm hinaus. Berneck führte seine junge Braut zu ihr, und jetzt wurde seine Stimme wieder tiefernst.

»Du weißt es ja noch gar nicht, Tante, was eigentlich geschehen ist. Ihr allein dankst du mein Leben, ohne sie läge ich jetzt sterbend dort am Boden. Zarzo fehlte nie, und er hätte auch mich getroffen, aber Paula sah ihn, in dem Augenblick, wo er anlegte. Warnen konnte sie mich nicht mehr, da warf sie sich an meine Brust und riß mich aus der Gefahr. Nur einen Schritt weniger, und die Kugel hätte sie getroffen, sie deckte mich ja mit ihrem eigenen Leibe!«

Die sonst so kalte, stolze Frau war bleich geworden bei diesem Bericht. Das brach endlich das Eis. Ihr Neffe war das einzige, was sie überhaupt liebte in der Welt, das einzige, dessen Verlust sie nie verwunden hätte. Sie streckte dem jungen Mädchen beide Arme entgegen.

»Paula, mein Kind – du hast mir meinen Ulrich erhalten? Komm zu mir! Ich muß dir doch danken dafür!«

Paula wußte nicht, wie ihr geschah, sie fühlte ein paar Thränen auf ihrer Stirn, einen warmen Kuß, und es war die Umarmung einer Mutter, die ihr jetzt zu teil wurde.

»Nun, Ullmann, jetzt darfst du auch kommen und uns Glück wünschen,« sagte Berneck, indem er sich zu seinem alten Getreuen wandte, der noch immer an der Thür stand und sich mühte, das Unerhörte zu begreifen. »Deine allerhöchste Sanktion zu unserer Verlobung werden wir wohl erhalten, du hast ja von jeher geschwärmt für deine künftige Herrin, und wirst dich geduldig unter ihrem Scepter beugen. Ich gedenke dir darin mit gutem Beispiel voranzugehen.«

Ullmann kam heran und faßte mit beiden Händen die dargebotene Rechte, aber er blickte fast erschrocken zu seinem Herrn auf, aus dessen Munde zum erstenmal seit Jahren wieder ein Scherz kam.

»Herr Ulrich!« rief er endlich mit ausbrechender Freude. »Ich gratuliere ja tausendmal! Herr Ulrich, ich glaube, die alten Zeiten kommen wieder zurück bei uns!«

Berneck lächelte. »Ich glaube es auch, Alter! Du hattest ganz recht mit dem ›Sonnenschein‹ Ich habe ihn auch gespürt, und den behalten wir ja jetzt in Restovicz. Und nun sollst du auch wieder deutsche Gesichter sehen im Hause, hast dich ja oft genug danach gesehnt!« »Das weiß der Himmel!« sagte Ullmann mit einem Stoßseufzer. »Wir sind ja selbst fast wie die Wilden geworden hier unter dem Volk! Herr Ulrich, Sie wollten wirklich –«

»Natürlich will ich! Denkst du, ich werde die junge gnädige Frau nur mit Slowenen umgeben, die uns eben erst eine solche Probe ihrer Liebenswürdigkeit gegeben haben? Die ganze Schloßdienerschaft wird deutsch, und das andere wird sich später finden. Du kannst einstweilen den Majordomus von Restovicz spielen und die Gesellschaft in Ordnung halten.«

»Gott sei Dank!« Der alte Diener faltete förmlich andächtig die Hände bei dieser Ankündigung. Die künftige »junge gnädige Frau« wirkte ja schon Wunder, noch ehe sie das Regiment hier angetreten hatte! Aber auch Frau Almers blickte mit unverhehltem Erstaunen auf ihren Neffen, der Ton und Blick erinnerten so ganz an den Ulrich Berneck von einst, und auch in ihrem Innern klang ein unausgesprochenes: Gott sei Dank! –

Es war am Morgen des nächsten Tages. In der Nacht war ein schwerer Regenschauer niedergegangen, aber jetzt lagen Restovicz und seine Umgebung im hellen Frühlichte. In dem Terrassenzimmer stand der Schloßherr mit seiner jungen Braut, er hatte den Arm um sie gelegt, und sie schmiegte sich, noch halb scheu ob der ungewohnten Vertraulichkeit, an ihn, die rosige Jugend mit ihrer sonnigen Heiterkeit an den ernsten, düsteren Mann, von dem freilich jetzt die Düsterheit gewichen war. Eine Kugel hatte ihm damals vor Jahren die ganze hoffnungsreiche Zukunft vernichtet – und eine Kugel hatte ihm jetzt sein Glück in die Arme geworfen. Nun hielt er es fest!

»Du meinst, Zarzo wäre nicht mehr zu erreichen?« fragte Paula, während sie noch mit einem leisen Schauer nach der Stelle blickte, wo der Tod gestern an ihnen vorübergeflogen war, so nahe, daß sein Hauch sie fast berührte. »Wenn er sich nur nicht irgendwo in der Nähe verborgen hält und es noch einmal –«

»Der kommt nicht mehr zurück!« unterbrach sie Ulrich mit voller Bestimmtheit. »Ich kenne den feigen Burschen. Er wagt so etwas nur einmal, und auch nur dann, wenn er sich sicher glaubt vor der Entdeckung. Er weiß, daß er erkannt worden ist und verloren ist, wenn er in der Nähe bleibt, da sucht er sein Heil nur in schleuniger Flucht. Der geht so weit als möglich, Restovicz ist sicher vor ihm!« »Und ich nahm damals noch seine Partei,« sagte das junge Mädchen gepreßt, »Du freilich kanntest ihn besser.«

»Jawohl, ich ahnte so etwas, als ich ihn entließ, aber ich werde den Buben doch nicht behalten, aus Furcht vor seiner Rache? Er hat auch einmal ›Edelwild‹ gejagt, aber er war glücklicher als ich. Er fehlte – ich traf!«

Paula blickte bittend zu ihm auf.

»Ulrich, wirst du das denn nun endlich überwinden?«

»Wenn du bei mir bleibst, ja!« sagte er mit einem tiefen Atemzuge. »Ich bin immer so allein gewesen mit der furchtbaren Erinnerung und mein armer Hans würde mir nicht zürnen, wenn ich sie nun endlich begrabe. Ich will es ja lernen, wieder Mut zum Leben zu haben und Freude am Leben – ich habe ja dich!«

Aus der Tiefe, wo der blaue Morgenduft noch alles dicht umschleierte, stieg jetzt ein Ton herauf, leise und geheimnisvoll, wie ein Gruß aus weiter Ferne. Die Glocke der Marienkapelle klang über den See hin, und der Klang, halb verweht im Morgenwinde, fand doch den Weg empor zu den alten grauen Mauern von Restovicz, die jetzt im goldenen Frühlicht standen. Es war so düster gewesen da drinnen, jahrelang, jetzt war es hell geworden!

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