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Hexengold und andere Erzählungen

Elisabeth Werner: Hexengold und andere Erzählungen - Kapitel 26
Quellenangabe
typenarrative
authorElisabeth Werner
titleHexengold und andere Erzählungen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger G.m.b.H.
year
illustratorM. Flashar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080923
projectid86a408db
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»Fragen Sie mich nicht – ich weiß es nicht! Es war ein einziger, unseliger Augenblick. Mein Schuß krachte – und es war geschehen!«

Paula wagte in der That nicht, weiter zu fragen, sie sah es ja, daß er totenbleich war und daß seine Lippen zuckten, wie im Krampfe.

Erst nach einer langen, qualvollen Pause begann er wieder: »Da heißt es immer, es gebe Ahnungen, Warnungsstimmen im Innern des Menschen, wenn er vor einem Unheil steht! Uns warnte nichts, keine Ahnung, kein Zeichen, wir waren vielleicht nie so glücklich, so jugendfroh gewesen, wie an jenem Tage, wo wir hinauszogen in den frischen Herbstmorgen – die letzte, glückliche Stunde meines Lebens! Es war die alljährliche große Jagd in Auenfeld, zu der stets die ganze Nachbarschaft geladen wurde, Hans und sein Vater selbstverständlich auch, und diesmal sollte auf Hochwild gepirscht werden, das bei uns ja selten ist. Ich hatte ein paar prächtige Stück in meinem Revier, die geschont worden waren für den großen Jagdtag. Hans und ich waren allen voran. Ich sehe ihn noch vor mir, den schönen, lebensvollen Jungen, mit seinem sprühenden Übermut. ›Heut geben wir uns nicht ab mit dem niederen Zeug, Ulrich!‹ rief er mir jubelnd zu. ›Heut jagen wir Edelwild! Und das bringen wir heim!‹ Dabei lachte ihm die helle Weidmannslust aus den Augen, und ich lachte mit, wir ahnten ja nicht, wie furchtbar das Wort zur Wahrheit werden sollte! So zogen wir hinein in den herbstlichen Wald, wo der Reif noch auf dem Boden glitzerte und die ersten Sonnenstrahlen mit den Frühnebeln kämpften. Und da drinnen lauerte der Tod auf ihn und auf mich – noch Schlimmeres!

Das Treiben begann, Hans und ich hatten unseren Stand dicht bei einander, die anderen Jäger hatten sich im Walde verteilt und schossen, sobald sich nur ein Wild blicken ließ. Ich rührte mich nicht, ich wartete auf einen Hirsch, der kommen mußte, und er kam auch. Aber Hans war schneller als ich, er schoß zuerst und ich sah das Tier zusammenbrechen. Was dann geschehen ist, das weiß Gott allein! Hans scheint in der Freude über sein Jagdglück alle Vorsicht vergessen und die sichere Deckung verlassen zu haben. Er wollte wohl zu seiner Beute. Ich hätte das ja vielleicht sehen können, sehen müssen, aber der Jagdeifer machte mich taub und blind gegen alles andere. Ich sah nur, daß eben der zweite Hirsch durchbrach, und legte an. – Das Wild entkam, aber ein anderes, ein Edelwild fiel unter meiner Kugel – Hans lag blutend am Boden!«

»Er war – tot?« fragte das junge Mädchen kaum hörbar.

»Tödlich verwundet! Die Hilfe war ja augenblicklich da, denn unser Arzt befand sich unter den Jagdgästen, aber er konnte auch keine Rettung bringen! Es war ein Sterbender, den wir aufhoben und in das Forsthaus trugen. Eine Stunde hat es noch gedauert, aber solche Stunde schließt eine Ewigkeit von Qual in sich! Wenn man das Liebste auf der Welt rettungslos verbluten sieht und weiß, daß die eigene Hand dies Blut vergossen hat, wenn man diese Augen brechen sieht im Todeskampfe, das letzte Röcheln hört –«

Die Stimme versagte ihm, er sprang plötzlich auf und wandte sich ab, die geballte Faust gegen die Stirn gedrückt, als erliege er der Erinnerung.

Paula saß stumm und bleich da, sie fühlte, daß jedes Wort, jeder Trost machtlos war, diesem furchtbaren Verhängnis gegenüber. –

Es dauerte lange, dies Schweigen, endlich wandte sich Berneck um.

Er beherrschte jetzt wieder seine Stimme, aber man sah es, wie gewaltsam er sich zur Ruhe zwang.

»Was dann geschah, davon weiß ich nicht viel mehr,« sagte er in dem früheren gedämpften Tone. »Ich weiß nur, daß Dahlen, der Vater selbst, mir die Büchse aus der Hand riß, als ich seinem Sohne – folgen wollte, und daß sie mich dann Tag und Nacht bewachten. Über die ersten Wochen und Monate half mir eine schwere Krankheit hinweg, und als ich wieder zur Besinnung und zum Leben erwachte, da jagte es mich fort aus Auenfeld. Ich ging auf Reisen, um da draußen, in der Ferne zu vergessen oder doch wenigstens das Dasein zu ertragen. Ich habe das jahrelang versucht und die halbe Welt durchstreift, aber die Erinnerung ging mit mir, es wurde nur schlimmer mit der Zeit. Ich habe es auch versucht, nach Auenfeld zurückzukehren, aber da litt es mich vollends nicht. Ich glaube, ich wäre wahnsinnig geworden an dem Orte, wo Hans begraben lag!

.

Da griff ich zum letzten Mittel. Ich verkaufte mein Erbe, riß mich gänzlich los von der Heimat und ging hierher, in die ›Selbstverbannung‹, wie meine Tante es nennt. Sie hat ja recht, aber ich fand hier, was mir not that – Arbeit, die mich gar nicht zur Besinnung kommen läßt. Es ist keine leichte Aufgabe, dieses Restovicz der Kultur zuzuführen. Es ist ein ewiger Kampf mit der Natur selbst und mit dem Boden. Sie, die bei uns daheim dankbar jede Mühe lohnen, muß ich hier immer erst unterwerfen, ehe ich sie mir dienstbar machen kann. Und denselben Kampf führe ich Tag für Tag mit meinen Leuten, die in mir den Fremden hassen und auf die ich doch angewiesen bin. Sie müssen auch immer wieder von neuem zum Gehorsam gezwungen werden. Das spannt Geist und Körper bis aufs äußerste an, das läßt mir keine Zeit zum Denken und Grübeln, und abends bin ich dann so todmüde, daß der Schlaf ungerufen kommt. Solche Arbeit habe ich noch auf Jahre hinaus, und das genügt einstweilen.« –

Sie hatten es beide nicht bemerkt, daß die Dämmerung immer mehr wuchs. Am Himmel blinkten schon matt die ersten Sterne, und Berge und Wälder verschwammen im Zwielicht. Ueber dem See lag noch das weiße, wallende Dunstmeer, das langsam immer höher stieg, als wolle es alles überfluten.

»Nun wissen Sie es!« schloß Berneck mit einem tiefen Atemzuge. »Fürchten Sie mich immer noch?«

Paula antwortete nicht, sie hatte sich auch erhoben und streckte ihm jetzt plötzlich beide Hände hin, eine wortlose, aber fast leidenschaftliche Abbitte. Ulrich verstand sie, seine Hände schlossen sich fest um die ihrigen.

»Und nun vergessen Sie die Thorheit, die ich ja bereits gebüßt habe, als ich gestern zuhörte,« sagte er ernst und ruhig. »Ich habe an keine Ehe gedacht, denn ich wußte, daß ich nicht mehr für Glück und Liebe taugte. Da kam meine Tante – mit Ihnen – und da habe ich trotz alledem einen Traum von Glück geträumt. Er war kurz genug, dann kam das Erwachen! Das soll kein Vorwurf für Sie sein, Paula. Sie mit Ihrer sonnigen Jugend und Heiterkeit konnten ja einen Mann wie ich nicht lieben, aber ich will wenigstens einen Platz in Ihrer Erinnerung haben. Deshalb sagte ich Ihnen, was ich noch keinem gesagt habe, und ließ Sie einen Blick thun in die eine Stunde, die über mein Leben entschied. – Und nun lassen Sie uns gehen! Es dunkelt bereits, wir müssen nach Haus.«

Sie wandten sich zum Gehen und betraten den Waldweg, der schon völlig dunkel war, aber es wurde kein Wort weiter gesprochen. Ulrich ging voran und bog von Zeit zu Zeit die Zweige zurück, die den Pfad beengten. Aber er bot die Führung nicht an, und seine junge Gefährtin bedurfte in der That keiner Stütze. Sie stieg leicht und sicher aufwärts, und doch war ihr das Herz so schwer, als liege eine Last darauf. Sie hatte ja soeben einen Blick gethan in die Seele des Mannes, den sie so lange für kalt und hart und hochmütig gehalten hatte. Jetzt wußte sie, daß er eine Wunde mit sich herumtrug, die noch immer blutete und die sie hätte heilen können. Er liebte sie ja, wie tief und leidenschaftlich, das hatten sein Blick und sein Ton verraten, als er von dem »Traum von Glück« sprach. Paula bebte leise zusammen bei der Erinnerung an diesen Ton. Ihr war zu Mute, als habe sie die Glocke aufklingen hören, die der alten Sage nach da unten in der schweigenden Tiefe ruhte. Voll und mächtig klingen, als flehte sie um Erlösung – sie hatte vergebens gefleht.

Die nächsten Tage vergingen in Restovicz in gewohnter Weise. Frau Almers hütete sich, ihrem Neffen zu verraten, was sie gegen seinen Willen zur Sprache gebracht hatte, denn Ulrich war vielleicht der einzige Mensch auf Erden, den sie scheute. Aber auch Paula gegenüber berührte sie jenen Punkt mit keiner Silbe. Sie wollte ihr Zeit lassen, »zur Vernunft zu kommen«, und das so auffallend schweigsame und gedrückte Wesen des jungen Mädchens bestärkte sie in ihrer Voraussetzung, daß dies bereits geschehen wäre. Sie ahnte weder, daß Ulrich Zeuge jenes Gespräches gewesen war, noch daß er selbst mit Paula gesprochen hatte.

Unter anderen Verhältnissen würde die stolze Frau diese Verbindung ihres Neffen mit einer armen Waise, der Gesellschafterin seiner Tante, für höchst unpassend erachtet und scharf bekämpft haben. Sie hatte in früheren Zeiten ganz andere und sehr hochfliegende Pläne für ihn gehegt. Aber wie die Dinge nun einmal lagen, hielt sie es für ein Glück, wenn er sich überhaupt noch zu einer Heirat entschloß. Den jungen Damen ihrer Kreise, die »Ansprüche machen konnten«, wäre der Reichtum des Freiers allerdings sehr willkommen gewesen, aber keine einzige hätte sich mit ihm in die Einsamkeit von Restovicz vergraben und seine finsteren Eigentümlichkeiten hingenommen.

Also wurde Paula Dietwald ausersehen, die für das ihr gebotene Glück dankbar sein mußte. Daß sie es nicht war und sich sogar zu einer energischen Weigerung aufraffte, zog ihr die volle Ungnade ihrer Beschützerin zu. Berneck hatte recht, seine Tante verzieh es nicht, wenn man ihr gegenüber einen eigenen Willen zeigte, das durfte er allein sich erlauben. Er selbst hatte sein Benehmen gegen Paula nicht im geringsten geändert, er war ernst und schweigsam wie sonst, aber kein Wort, kein Blick erinnerte sie an jene Stunde, wo er ihr sein Innerstes erschlossen hatte, das schien versunken und vergessen. Sie sollte ja auch seine »Thorheit« vergessen, und er ging ihr mit dem Beispiel dazu voran.

Aber die peinliche Spannung, die über dem ganzen kleinen Kreise lag, wurde doch von jedem empfunden, und jeder atmete auf, als sich eine unerwartete Ablenkung fand in Gestalt eines Besuches, der den Schloßherrn überraschte.

Der ehemalige Hauslehrer Ulrichs, der vier Jahre lang in dieser Eigenschaft in Auenfeld gelebt hatte, jetzt ein Mann in Amt und Würden, tauchte urplötzlich in Restovicz auf. Er hatte jahrelang nicht einmal brieflich mit seinem einstigen Zöglinge verkehrt, der alle Beziehungen mit der Heimat abgebrochen hatte, jetzt aber, wo eine Ferienreise ihn zufällig in die Gegend führte, wo Bernecks Besitzungen lagen, suchte er diesen wieder auf, und Ulrich schien sich wirklich über den Besuch zu freuen, denn er lud ihn zum Bleiben ein.

Professor Rosner, der gegenwärtig ein Gymnasium in Dresden leitete, war einer jener jovialen, warmherzigen Menschen, die sich und aller Welt das Beste gönnen und von aller Welt das Beste glauben. Von der gnädigen Frau, die er noch von Auenfeld her kannte, und die auch heute noch etwas herablassend gegen ihn war, hielt er sich einigermaßen fern und beschränkte sich auf die nötige Artigkeit, dagegen schloß er sich gleich im Anfange mit vollster Vertraulichkeit an Paula an. Er plauderte mit ihr, ging mit ihr spazieren und war ungemein offenherzig in seinen Mitteilungen. Er lebte in angenehmen Verhältnissen, führte eine äußerst glückliche Ehe und besaß ein ganzes Häuflein Kinder, die er zärtlich zu lieben schien. Es wurde dem jungen Mädchen manchmal wehe um das Herz bei diesen Erzählungen. Sie that da Blicke in ein Haus und eine Familie, wo Glück und Sonnenschein, Liebe und Freude heimisch waren – das alles kannte sie längst nicht mehr.

Es war auf einem dieser Spaziergänge, als der Professor, anscheinend ganz harmlos, fragte, ob sie sich denn auch glücklich fühlte in ihrer Stellung bei der alten, sehr anspruchsvollen Dame, die so gar kein Verständnis für die Jugend habe. Paula schwankte einen Augenblick lang, dann aber gestand sie, daß sie im Begriff wäre, Frau Almers zu verlassen, und knüpfte daran die schüchterne Frage, ob der Herr Professor in seinem großen Bekanntenkreise vielleicht irgend jemand wüßte, der eine ähnliche Stellung zu vergeben hätte. Er ließ sie kaum ausreden, »Aber liebes Fräulein, das trifft sich ja prächtig!« rief er, »Wir suchen ja gerade eine junge Dame zur Stütze für meine Frau und zur Aufsicht für unsere Kleinsten, die noch nicht schulpflichtig sind! Kommen Sie zu uns, wir nehmen Sie mit tausend Freuden auf!«

Das junge Mädchen verstummte vor freudiger Ueberraschung. Das Anerbieten bedeutete ja für sie ein ganz unverhofftes Glück. Es nahm die bange Sorge um die nächste Zukunft von ihrem Herzen und befreite sie von der bitteren Notwendigkeit, im Hause ihres Vormundes ein lästiger Gast sein zu müssen und herbe Vorwürfe anzuhören. Professor Rosner aber schien ihr Schweigen für Bedenken zu halten und drang förmlich in sie, seinen Vorschlag anzunehmen. »So vornehm und glänzend wie bei Ihrer Gnädigen ist es ja freilich nicht bei uns,« sagte er in einem halb entschuldigenden Tone. »Wir sind nur einfache Professorleute und haben nicht eine Million zur Verfügung. Aber dafür scheint bei uns auch die Sonne, und bei der gnädigen Frau ist ewige Nordpolstimmung, Ich kenne das noch von Auenfeld her, sie brachte immer so eine gewisse Eistemperatur mit, ich glaube, das Thermometer sank um einige Grade, wenn sie anrückte. Kommen Sie zu uns, Fräulein Paula, Sie werden es nicht bereuen. In dem Hause, wo meine Frau regiert, da ist gut sein, und ich bin schließlich auch ein Mensch, mit dem sich leben läßt. Unsere kleine Bande wird Ihnen ja manchmal zu schaffen machen mit ihrer Wildheit, aber schlimm ist sie nicht. Wie die Kletten werden sich die kleinen Rangen an Sie hängen mit ihrer Zärtlichkeit. Machen wir die Sache gleich auf der Stelle ab – schlagen Sie ein!«

Er streckte ihr fröhlich die Hand hin, und Paula schlug ein – wie gern! Sie machte kein Hehl aus ihrer freudigen Dankbarkeit. Zwar stutzte sie ein wenig, als der Professor von den Bedingungen sprach, die er nur so obenhin berührte, denn sie waren glänzend, aber das junge Mädchen war viel zu glücklich, um darüber nachzudenken, sie wäre ja mit dem geringsten Gehalt zufrieden gewesen. Der Professor dagegen schien seelenvergnügt über ihre Zusage, meinte aber, die Gnädige brauchte vorläufig noch nichts davon zu wissen, es wäre Zeit genug, wenn sie es bei der Trennung erfahre. Paula stimmte auch diesem Vorschlage sofort zu.

Nach acht Tagen reiste Professor Rosner wieder ab, und Berneck brachte ihn selbst nach der Bahnstation. Er schien überhaupt die alte Vertraulichkeit mit seinem einstigen Lehrer wieder aufgenommen zu haben, zur Verwunderung von Frau Almers, welche sich diese ungewohnte Liebenswürdigkeit ihres sonst so schroffen und unzugänglichen Neffen nicht erklären konnte. Sie fand, daß der Besuch ungemein günstig auf ihn gewirkt hätte.

Es war am Tage nach der Abfahrt Rosners, gegen Abend, als die beiden Damen von einem Spaziergange zurückkehrten, den sie in der näheren Umgebung des Schlosses unternommen hatten. Diese Spaziergänge waren jetzt nichts weniger als angenehm für Paula. Frau Almers hatte einen verletzend eisigen Ton, wenn sie ungnädig war, und den bekam das junge Mädchen jetzt immer zu hören, sobald Berneck nicht zugegen war. Heute nun hatte man ihr, als von der bevorstehenden Abreise die Rede war, einen sehr deutlichen Wink gegeben, daß die ihr gewährte Bedenkzeit nunmehr abgelaufen wäre. Paula hatte das schweigend hingenommen, ohne Widerspruch, zur großen Genugthuung der alten Dame, die in dem Schweigen den Beweis dafür erblickte, daß der »Trotzkopf« seine Thorheit eingesehen hätte und bereute. Das stimmte sie so gnädig, daß sie abwehrte, als das junge Mädchen sie wie gewöhnlich begleiten wollte, um ihr vorzulesen, und es klang zum erstenmal wieder etwas wie Güte in ihrer Stimme, als sie sagte: »Ich brauche dich heute nicht, mein Kind. Bleibe noch eine Stunde auf der Terrasse, du siehst recht blaß aus und klagst ja auch über Kopfschmerz. Die kühle Abendluft wird dir gut thun.«

Damit ging sie, und Paula atmete auf bei der ihr gewährten Erlaubnis. Sie empfand es trotz alledem als eine Art Unrecht, daß sie ohne Wissen und Willen ihrer bisherigen Beschützerin über ihre Zukunft verfügt hatte, aber Frau Almers hatte ihr ja bereits mit der Trennung gedroht und würde zweifellos Ernst machen, wenn sie bei ihrem Nein blieb. Gott sei Dank, daß sie nun nicht ziellos hinauszugehen brauchte unter Fremde! Kurz vor der Abreise Rosners war noch ein Brief seiner Frau gekommen, die er benachrichtigt hatte. Sie erklärte sich ganz einverstanden mit seiner Wahl und hieß die künftige Hausgenossin in den herzlichsten Worten willkommen. Ebenso herzlich war der Abschied des Professors selbst gewesen. Paula wußte gar nicht, womit sie all diese Güte und Freundlichkeit verdient hatte, man schien ihr ja fast die Stellung einer älteren Tochter anzuweisen.

Sie hätte doch nun sehr glücklich und dankbar sein müssen bei dieser unverhofften Wendung, und war es auch, wenigstens sagte sie sich das immer wieder von neuem, aber mitten in diesem Glück und dieser Dankbarkeit quoll oft ein heißes Weh, das sie nie vorher gekannt hatte, in ihrem Inneren auf. Vielleicht war es das Bangen vor der letzten, unvermeidlichen Auseinandersetzung mit Frau Almers, in der sie doch nur zu wiederholen brauchte, was sie bereits so energisch ausgesprochen hatte. Aber wohin war der Mut gekommen, mit dem sie sich damals gewehrt hatte gegen den fremden, den ungeliebten Mann, den man ihr aufdrängen wollte! Eine einzige Stunde hatte ihn vernichtet. Es war eine so düstere Stunde gewesen, dort an der Marienkapelle, in dem Weben der Dämmerung, an dem nebelatmenden See, wo das weiße Dunstmeer wogte und wallte. Was sie enthüllte, war noch düsterer gewesen und doch war aus all diesen finsteren Schatten etwas so Süßes emporgetaucht, das Paula auch noch nicht gekannt hatte – das Bewußtsein, geliebt zu werden!

.

Sie hatte ja die Hand des Mannes zurückgewiesen, der ihr das nun endlich verriet. Freilich, da kannte sie ihn noch nicht, aber er hatte doch jene herbe Abweisung gehört und verzichtet, wie ernst es ihm damit war, das zeigte er ihr täglich. Es war vorbei – und dem jungen Mädchen war zu Mute, als hätte das Glück, von dem sie so oft geträumt, das sie sich retten wollte mit jenem Nein, so lange neben ihr gestanden, unerkannt, ungeahnt – und sei nun entflohen!

Da fiel ein matter Lichtschein auf die Terrasse. Ullmann hatte drinnen im Salon, wo es schon dunkelte, die große Hängelampe angezündet und trat nun heraus zu dem jungen Mädchen, das still und träumerisch an der Brüstung lehnte.

»Eben ist Herr Ulrich zurückgekommen,« sagte er. »Ich bin immer froh, wenn er da ist, solange es noch tageshell ist. Er reitet ja oft genug allein und im Dunkeln durch die Wälder, da helfen weder Bitten noch Vorstellungen.«

»Ist denn das gefährlich?« fragte Paula. »Ich dachte, die Umgegend von Restovicz wäre sicher.«

»Das kommt darauf an,« versetzte der Alte. »Sie können ganz ruhig im Walde spazieren gehen, Fräulein Paula, Ihnen geschieht nichts, aber der Herr – das ist eine andere Sache. Und nun ist auch noch der rabiate Bursche, der Zarzo, wieder da und treibt sich hier herum. Was hat er denn noch zu suchen in Restovicz?«

»Der Förster Zarzo? Ich denke, er ist bereits entlassen.«

»Jawohl, schon in der vorigen Woche, und es hieß ja auch, er wäre auf und davon gegangen. Ich dankte Gott, daß wir den tückischen Kerl endlich los waren, aber weit kann er nicht gewesen sein. Heut morgen hat ihn der Janko gesehen und das in seiner Dummheit verraten. Dahinter steckt etwas, da heißt es, die Augen offen halten!«

»Haben Sie das denn Herrn von Berneck nicht gesagt?« fragte das junge Mädchen mit erwachender Unruhe.

»Natürlich habe ich es gethan, aber er zuckte die Achseln und sagte: ›Er soll sich nur hüten, mir vor Augen zu kommen!‹ Das war alles! Er kennt eben keine Furcht und keine Vorsicht, aber ich habe es Ihnen ja schon gesagt, Fräulein Paula, man ist seines Lebens nicht sicher unter dieser Bande. Sie taugen alle nichts, aber Zarzo ist einer von den Schlimmsten. Der führt, nichts Gutes im Schilde, darauf will ich meinen Kopf verwetten!«

Paula schwieg, sie hatte es so »unbarmherzig« gefunden, daß Berneck damals den Bitten und Beteuerungen des Försters ein hartes, unbeugsames Nein entgegensetzte, es schien doch jetzt, als wäre er im Rechte gewesen mit seiner Strenge.

»Und nun ist Herr Professor Rosner auch wieder fort,« hob Ullmann von neuem, in einem wehmütigen Tone an. »Es war ein so freundlicher Herr, immer lustig und vergnügt, und man dankt ja überhaupt Gott, wenn man einmal wieder irgend etwas aus Deutschland zu sehen und zu hören bekommt. Aber eine merkwürdige Geschichte ist das doch mit dem Besuche!«

»Ich finde das gar nicht merkwürdig,« sagte Paula unbefangen. »Daß der Professor seinen einstigen Schüler besucht, wenn er auf seiner Ferienreise gerade in die Nahe von Restovicz kommt, das ist doch nur natürlich.«

Der Alte nahm eine geheimnisvolle Miene an und schüttelte den Kopf. »Er ist aber gar nicht auf der Reise gewesen. Er saß noch ruhig in Dresden, als das Telegramm von Herrn Ulrich abging, und darauf ist er spornstreichs nach Restovicz gekommen.«

Das junge Mädchen sah den Sprechenden verwundert und völlig verständnislos an. »Da müssen Sie sich irren, Ullmann, die beiden Herren sprachen ja immer nur von einem zufälligen Besuche, und welchen Grund hätten sie denn auch gehabt, eine etwaige Verabredung zu verschweigen?«

»Das weiß ich nicht,« sagte Ullmann. »Das erfährt man überhaupt bei Herrn Ulrich nicht. Was der thun will, das thut er auf eigene Hand, warum und weshalb, das weiß kein Mensch, Nicht einmal mir hat er das Telegramm anvertraut, der Janko mußte es nach der Station tragen, und ein Heidengeld hat er dafür bezahlt, denn es war zwei Seiten lang, ein förmlicher Brief. Er hat es mir gezeigt, aber ich konnte nur die Adresse lesen: Herrn Professor Rosner in Dresden. Das andere war französisch, damit es niemand verstehen konnte. Morgens ging die Depesche ab und abends war die Antwort da, und zwei Tage darauf war der Herr Professor da. Er muß die Kurierzüge genommen haben.«

Paula hörte mit steigendem Befremden zu, noch begriff sie nichts, aber es begann sich doch eine dunkle Ahnung in ihr zu regen. »Dann muß es sich doch um etwas Wichtiges gehandelt haben,« warf sie ein.

»Natürlich!« bestätigte der alte Diener, der beleidigt war, daß man ihn nicht ins Vertrauen gezogen hatte und in seinem Aerger darüber Dinge ausplauderte, über die er sonst wohl geschwiegen hätte, »Um nichts und wieder nichts fährt man doch nicht hundert Meilen von Dresden nach Restovicz und fährt nach kaum acht Tagen wieder ab. Die beiden Herren steckten ja auch immer zusammen, und Herr Ulrich, der sonst Besuche nicht ausstehen kann – unter uns gesagt, Fräulein Paula, er war gar nicht entzückt, als seine Frau Tante sich anmeldete, und hätte am liebsten abgeschrieben, wenn's nur gegangen wäre – der war diesmal förmlich liebenswürdig und hat den Professor geradezu auf Händen getragen, und was ich bei der Abreise hörte –«

»Was haben Sie gehört? Bitte, Ullmann, sagen Sie es mir!« fiel das junge Mädchen mit einer beinahe angstvollen Spannung ein. Er zuckte die Achseln.

»Ja, verstanden habe ich es nicht, aber merkwürdig war es auch. Ich wollte melden, daß der Wagen vorgefahren wäre, und da hörte ich im Vorzimmer, wie Herr Ulrich drinnen sagte: ›Und nun lassen Sie mich noch einmal, nein, tausendmal danken für Ihre Einwilligung! Sie waren der einzige, an den ich mich wenden konnte! Auf Ihr Schweigen verlasse ich mich unbedingt, ich habe ja Ihr Wort, und was Ihre Frau betrifft –‹ ›Die plaudert nichts aus, dafür bürge ich Ihnen, Ulrich!‹ sagte der Professor. Darauf schüttelten sie sich die Hände, und dann mußte ich hinein und den Wagen melden. Die Frau Professor da in Dresden ist also auch mit dabei! – Nun frage ich Sie, Fräulein Paula, ob das nicht eine merkwürdige Geschichte ist?«

Ullmann erhielt keine Antwort auf seine Frage und wunderte sich darüber, es war bereits zu dunkel, als daß er hätte sehen können, wie totenbleich das junge Mädchen auf einmal geworden war. Da ertönte die Klingel in Bernecks Zimmer, der alte Diener wandte sich um.

»Ja so, ich muß zu dem Herrn! Kommen Sie lieber mit hinein, Fräulein Paula, es ist recht kühl heut abend, und vom See steigen schon die Nebel herauf. Sie werden sich erkälten in dem leichten Sommerkleide, kommen Sie!«

Paula folgte, noch halb betäubt von dem, was sie soeben gehört hatte, und während Ullmann zu seinem Herrn ging, blieb sie allein im Salon. Das große Gemach mit den dunklen Ledertapeten wurde von der Hängelampe nur teilweise erleuchtet, die Tiefe blieb im Schatten, und in eine dieser dunklen Ecken flüchtete Paula und warf sich auf das kleine Sofa, das dort stand.

Sie wußte jetzt alles! Die letzten Worte jener Erzählung hatten ihr verraten, von wem das Anerbieten kam, das sie für einen glücklichen Zufall, für eine gütige Fügung des Schicksals gehalten hatte. Jetzt auf einmal tauchten all die Dinge vor ihr auf, die ihrer Unerfahrenheit bisher völlig entgangen waren. Der Professor hatte ja gar nicht gefragt, weshalb sie Frau Almers überhaupt verlasse, er hatte sich nicht einmal erkundigt, ob sie auch befähigt sei für die Stellung in seinem Hause, sondern ihr die Zusage förmlich abgedrungen, und ein Gymnasialprofessor, der ein ganzes Häuflein Kinder besaß, konnte unmöglich Bedingungen gewahren, wie er sie angeboten hatte. Hinter dem allen stand ein anderer, stand der Mann, dem sie so namenlos wehe gethan hatte, und der nun ihr Geschick in die Hand nahm und es eigenmächtig lenkte.

In dem Sturm von widerstreitenden Empfindungen, der durch die Seele des jungen Mädchens wogte, stand nur eins klar vor ihr. Sie durfte das um keinen Preis annehmen, sie mußte es sofort mit aller Entschiedenheit zurückweisen. Da gab es kein Zögern und Bedenken, und als sich jetzt die Thür öffnete und Berneck selbst eintrat, war sie entschlossen, das auf der Stelle zu thun. »Meine Tante ist wohl in ihren Zimmern?« fragte er, im Begriff, mit einem flüchtigen Gruß vorüberzugehen. »Ich wollte noch auf eine halbe Stunde zu ihr.«

Paula hatte sich erhoben, aber sie blieb im Schutze des Halbdunkels, denn sie fühlte, daß die stürmische Erregung sich in ihren Zügen verriet. Es gelang ihr wenigstens, das Beben ihrer Stimme zu beherrschen, als sie sagte: »Herr von Berneck – darf ich Sie um einige Minuten bitten?«

Er blieb sofort stehen. »Bitte, mein Fräulein!«

Es schien, als versagten dem jungen Mädchen die Worte, und sie mußten doch gesprochen werden. Es galt, volle Gewißheit zu haben.

»Sie wissen vielleicht, daß Herr Professor Rosner mir eine Stellung in seinem Hause angeboten hat?« hob sie an.

»Jawohl, er hat es mir erzählt, und Sie haben angenommen, wie ich höre,« war die ruhige Antwort. »Ich glaube, Sie werden es nicht bereuen. Rosner war kurz nach der Hochzeit mit seiner jungen Frau zum Besuch in Auenfeld, und da habe ich sie gleichfalls kennengelernt. Es sind liebenswürdige Menschen, und es scheint auch ein glückliches Familienleben im Hause zu sein.«

Er sprach mit voller Gelassenheit, wie man von fernliegenden, gleichgültigen Dingen spricht, die ein paar höfliche Redensarten erfordern. Aber Paula ließ sich dadurch nicht beirren.

»Ich muß nun leider meine Zusage zurücknehmen,« fuhr sie fort. »Ich werde das dem Herrn Professor morgen mitteilen.«

Ulrich trat einen Schritt zurück und streifte sie mit einem raschen, fragenden Blick, aber er bewahrte seine Ruhe.

»Haben Sie so plötzlich Ihren Sinn geändert? Das ist ja merkwürdig und, offen gestanden, ich finde es geradezu beleidigend für den Professor.«

»Ich habe geglaubt, das Anerbieten käme von ihm persönlich,« erklärte Paula fest. »Jetzt weiß ich, daß das nicht der Fall ist, und deshalb kann ich es nicht annehmen.«

»Was wissen Sie?« fragte Berneck kühl. Aber seine Augen richteten sich dabei mit durchbohrender Schärfe auf das junge Mädchen, das ihn zur Rede stellen wollte und jetzt doch wie schuldbewußt das Haupt senkte, mit der leisen Erwiderung: »Das brauche ich Ihnen doch nicht erst zu sagen,«

»Warum nicht mir? Ich verstehe Sie wirklich nicht, mein Fräulein.« »Weil ich den Entschluß des Professors Ihnen allein verdanke.«

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