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Hexengold und andere Erzählungen

Elisabeth Werner: Hexengold und andere Erzählungen - Kapitel 24
Quellenangabe
typenarrative
authorElisabeth Werner
titleHexengold und andere Erzählungen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger G.m.b.H.
year
illustratorM. Flashar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080923
projectid86a408db
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»Ich habe nichts zu gestehen,« entgegnete Paula mit aufsteigendem Trotz. »Wenn ich eine Neigung hätte, so würde ich es offen bekennen, aber mir ist noch niemand so nahe getreten, daß ich ihn hätte lieben können.«

Die Worte trugen so sehr das Gepräge der Aufrichtigkeit, daß die Dame ihren Argwohn fahren ließ, aber sie erhob sich jetzt vollends, in zürnender Majestät: »Nun, dann weiß ich in der That nicht, was ich sagen und denken soll! Dir wird ein Glück geboten, wie es unter hundert Mädchen kaum einem zu teil wird, und du willst es von dir stoßen? Was hast du gegen Ulrich?«

»Ich habe nichts gegen Herrn von Berneck, aber ich kann auch kein Herz zu ihm fassen. Er hat mir immer wie ein Fremder gegenübergestanden.«

»Das ist kein Grund!« fiel Frau Almers entrüstet ein.

»Für Sie vielleicht nicht, gnädige Frau, aber für mich!«

Es war ein eigentümlich herber Ton, den die Dame gar nicht kannte an ihrer jungen Gesellschafterin. Sie ließ jenen Grund allerdings nicht gelten, denn ihr wie ihrer Schwester war der Gatte von den Eltern zugeführt worden. Man hatte für die ältere Tochter den reichen Gutsherrn Berneck bestimmt und für die jüngere den noch reicheren Industriellen Almers. Das Leben beider Frauen war in all dem Glänze und der Behaglichkeit verlaufen, den Vermögen und Lebensstellung nur geben können. Sie hatten das ganz natürlich gefunden und nichts vermißt. Und nun wagte es solch ein blutjunges und blutarmes Ding, die Hand eines Ulrich von Berneck zurückzuweisen, weil es ihn nicht liebte! Vielleicht war es der unbewußte Vorwurf in jener Antwort, der Frau Almers verletzte, ihre Stimme konnte eine eisige Schärfe annehmen, wenn sie gereizt war.

»Das Blut deiner Mutter scheint sich in dir zu regen, es ist, als ob ich Lena hörte! Gerade so sprach sie, als man ihr Vernunft predigen wollte, da sie einen reichen, angesehenen Mann zurückwies, um deinen Vater zu heiraten. Aber sie hatte wenigstens die Entschuldigung einer Jugendliebe, der sie dies Opfer brachte. Dein Herz ist noch frei! Bei dir ist es also nur romantische Ueberspanntheit, Phantasterei eines Mädchenkopfes! Denkst du, ich werde das so ohne weiteres hinnehmen? Du hast dir wohl noch gar nicht klar gemacht, daß dein Nein eine direkte Beleidigung für meinen Neffen ist?«

»Herr von Berneck wird mein Nein sehr ruhig hinnehmen,« sagte Paula mit einer tiefen, ihr sonst ganz fremden Bitterkeit. »Er hat sich ja nicht einmal die Mühe gegeben, mir seine Neigung zu zeigen, und er hält es auch nicht der Mühe wert, mich selbst zu fragen, sondern läßt mir einfach ankündigen, daß er mir seine Hand zugedacht hat. Nein, gnädige Frau, für eine solche Werbung habe ich kein Ja und für ihn am wenigsten!«

»Für ihn am wenigsten?« wiederholte Frau Almers entrüstet. »Was hast du dir denn eigentlich gedacht von der Werbung eines Mannes, der, wie Ulrich, sich seines Wertes und seiner Stellung bewußt ist? Sollte er vielleicht eine Romanscene mit dir spielen, vor dir auf die Kniee sinken und um deine Liebe flehen? Dergleichen kommt ja vor bei Männern, die eben nichts weiter zu geben haben als solche wohlfeile Tändeleien. Deine Mutter hat sie kennen gelernt in ihrer Brautzeit, leider lernte sie dann auch die Kehrseite der Medaille kennen – das ist immer das Ende solcher Romanspielereien!«

Dem jungen Mädchen schossen die heißen Thränen in die Augen bei dieser schonungslosen Hindeutung.

»Meine Eltern sind tot!« sagte sie leise. »Sie wissen es ja, daß mein armer Vater mitten in seinem Schaffen und Streben gelähmt wurde durch die schwere, jahrelange Krankheit, die ihm endlich den Tod brachte. Das war ein Unglück – und ich habe es doch so oft von Ihnen hören müssen, daß es ein verdientes Schicksal war. Er und meine Mutter waren ja arm, und sie wollten sich doch angehören. Das war ihre ganze Schuld!«

Es lag ein so bitteres Weh in den Worten, daß selbst die kalte, stolze Frau nicht unempfindlich dagegen blieb. Ihre Stimme milderte sich, als sie antwortete: »Ich habe dir nicht wehe thun wollen, Paula, ich wollte dich nur bewahren vor einem gleichen Schicksal. Du bist noch so jung und hast es doch schon erfahren, wie bitter das Leben sein kann. Du hast schon als Kind Kummer und Sorgen kennen gelernt in deinem Elternhause. Hast du vergessen, wer es war, der dich und deine Mutter vor dem Schlimmsten bewahrte, als die nackte, bittere Not vor euch stand?«

Paula senkte den Kopf, ihre Thränen versiegten, und kaum hörbar erwiderte sie: »Nein, gnädige Frau, ich habe es nicht vergessen. Ich weiß, was wir Ihnen danken!«

»Du zeigst mir aber nichts von dieser Dankbarkeit. Du weißt es, daß diese Verbindung mein Wunsch ist, daß ich damit auch dein Glück begründen will, und sträubst dich dagegen mit kindischem Eigensinn. Du kannst Ulrich nicht lieben? Was weißt du denn überhaupt von Liebe? Die findet sich bald genug in einer glücklichen Ehe, das habe ich an mir selbst erfahren. Du bist eine Waise, bist arm, und wenn ich meine Hand von dir abziehe, mußt du unter Fremden dein Brot suchen. Jetzt sollst du eine reiche, vornehme Frau werden, die Herrin von Restovicz, die Gattin eines Mannes, auf dessen Werbung du stolz sein kannst. Gibt es denn da überhaupt noch eine Wahl?«

Das wurde mit der ganzen kühlen Gelassenheit gesprochen, die der Dame eigen war, aber Paula kannte diesen Ton und wußte, daß sich die vollste Ungnade dahinter barg. Sie verstand auch die versteckte Drohung in den Worten: wenn ich meine Hand von dir abziehe! Die Scheu vor der Frau, die ihr im Grunde doch nur eine Gebieterin war, der langgewohnte Gehorsam, die Erinnerung an die empfangenen Wohlthaten – das alles schloß dem jungen Mädchen die Lippen und ließ Frau Almers glauben, daß der Widerstand bereits gebrochen sei.

»Wir sprechen morgen weiter darüber,« sagte sie, indem sie ihren Stuhl zurückschob. »Jetzt bist du ja noch ganz fassungslos, und ich verlange nicht, daß du dich augenblicklich entscheidest. Auf morgen also! Da wirst du mir eine andere Antwort geben!«

.

»Nein! Nein!« brach Paula plötzlich mit vollster Leidenschaftlichkeit aus. »Soll ich denn nicht einmal glauben dürfen an das Leben und an das Glück wie all die anderen, nur weil ich arm bin? Soll ich das alles begraben an der Seite eines Mannes, dessen ganzes Wesen mir fremd und unheimlich ist, der mir noch nicht ein warmes, herzliches Wort gesagt hat, der mir seine Hand bietet wie ein Gnadengeschenk. Es liegt etwas in ihm oder um ihn, irgend etwas Dunkles, das mich ängstigt. Ich werde nie Vertrauen zu ihm haben, ich fürchte schon seine bloße Nähe. Und dieses Mannes Frau soll ich werden? Das kann ich nicht, und wenn ich könnte, ich will nicht! Es suchen und finden ja so viele arme Mädchen ihr Brot in der Welt, ich werde es auch finden. Dann darf ich doch wenigstens noch träumen und hoffen auf ein Glück, das vielleicht nie kommt, aber es ist doch mein, solange ich darauf hoffe. Das gebe ich nicht hin für all den Reichtum Ihres Neffen – ich verkaufe mich nicht!« Es war, als habe dieser stürmische Ausbruch etwas in dem Mädchen befreit und erlöst, das sich nun gewaltsam Bahn schaffte. Sie stand da, wie zum Kampfe bereit, das vorhin so blasse Gesicht heiß gerötet, die Augen flammend in dem ganzen hoffnungsreichen Trotz der Jugend, die sich um ihr Glück und ihre Zukunft wehrt. Jener Trotz, den sie oft so hart büßen muß im Leben, und der doch ihr schönstes, heiligstes Vorrecht ist, weil er noch alles wagt und alles hofft.

Frau Almers hörte zu, als redete man zu ihr in einer fremden Sprache, dergleichen verstand sie einfach nicht, aber es wäre das erste Mal in ihrem Leben gewesen, daß sie einen wohlüberlegten und lange vorbereiteten Plan aufgegeben hätte, sie dachte nicht daran.

»Paula, du vergißt dich!« sagte sie schneidend, und der Ton legte sich wie ein Eishauch auf das heiße Aufflammen des jungen Mädchens. »Man sieht es, unter was für Einflüssen du aufgewachsen bist. Wenn ich dem nicht Rechnung tragen wollte, so würde ich dich jetzt dem Schicksal überlassen, das du dir selbst bereiten willst, dem harten Kampf mit dem Leben, an dem deine Eltern zu Grunde gegangen sind. Doch aus dir spricht mehr die Erziehung als die eigene Verblendung. – Wir bleiben noch vierzehn Tage in Restovicz, so lange hast du Bedenkzeit. Ich werde dich natürlich nicht zwingen, aber ich bin auch nicht gesonnen, Undankbarkeit und offene Auflehnung zu unterstützen. Bleibst du bei deinem Nein, dann müssen wir uns selbstverständlich trennen, weder ich, noch Ulrich werden eine solche Beleidigung hinnehmen. Ich stelle dir noch einmal die Wahl – hoffentlich kommst du zur Besinnung!«

Damit verließ sie das Zimmer. Paula blieb allein oder glaubte wenigstens allein zu sein, als sie jetzt beide Hände auf die Brust preßte und tief aufatmete. Sie ahnte nicht, daß da draußen im Vorzimmer der Blick eines Mannes wie gebannt an ihr hing, als sie so dastand, in der roten Abendsonne, die dunklen Augen halb verschleiert von Thränen, aber mit dem Ausdruck trotziger Energie in den sonst so weichen Zügen. Ulrich Berneck fühlte es in diesem Augenblick, wie sehr er das Mädchen unterschätzt hatte, und fühlte auch, was er verlor, ohne es je besessen zu haben.

Am Ufer des Sees, unterhalb des Schlosses von Restovicz, lag die Marienkapelle, ein altes Kirchlein, schmucklos und einfach, wie man es oft in den Bergen findet. Nur an einigen Wallfahrtstagen wurde dort Messe gelesen, und dann kamen auch wohl die Bewohner der nächsten Ortschaften, sonst lag das kleine Gotteshaus meist in stiller Einsamkeit. Eine Steintreppe mit tief eingesunkenen, moosbewachsenen Stufen führte vom See herauf, und dicht hinter den grauen Mauern begann der Wald, der den ganzen Schloßberg bedeckte.

Das Kirchlein war uralt. Vor ein paar hundert Jahren, bei einem Einfall der Türken, war es zerstört worden, bis auf die nackten Mauern, und die Glocke hatten die heidnischen Eroberer in den See gestürzt. Später, als wieder Friede im Lande war, hatte man die Marienkapelle wieder aufgebaut, aber die Glocke ruht noch heute da unten im See und an stillen Abenden klingt sie leise und geheimnisvoll, als flehe sie um Erlösung. Es war die alte Sage, die sich so oft wiederholt, sei es am Meeresstrande oder an den Ufern der einsamen Bergseen. Die feuchte Tiefe hat eben ihre seltsamen, rätselhaften Stimmen, und der Volksglaube schafft sich dann die Märchen dazu.

Auf einer schmalen, kunstlos gezimmerten Bank, die an der Kirchenmauer stand, saß Paula Dietwald und blickte träumend hinaus auf den See. Es war einer ihrer Lieblingsorte, sie kannte ja die ganze nähere und fernere Umgebung des Schlosses und hatte sie oft durchstreift, meist in den frühen Morgenstunden, die ihr allein gehörten, denn Frau Almers pflegte sehr lange zu schlafen. Sie waren so schön gewesen, diese sechs Wochen in Restovicz, hier war es dem jungen Mädchen zum erstenmal aufgegangen, wie eine Ahnung von Freiheit und Glück, und nun endete das mit einem solchen Mißklange!

.

Ueber den heutigen Tag hatte ja die Abwesenheit des Schloßherrn hinweggeholfen. Er hatte sich schon am Morgen bei seiner Tante entschuldigen lassen, er müßte in Geschäften nach der Stadt, die volle drei Stunden entfernt war, und würde erst gegen Abend zurückkommen. Paula hatte aufgeatmet bei der Ankündigung, aber das war doch nur für heute. Morgen ließ sich ein Zusammentreffen nicht vermeiden, und das sollte so noch volle vierzehn Tage währen! Der eine Tag hatte dem jungen Mädchen bereits hinreichend gezeigt, was sie von der Ungnade ihrer Dame zu erwarten hatte.

Ein Ja aus ihrem Munde konnte freilich alles ändern. Dann war sie die Braut des Schloßherrn, die künftige Herrin von Restovicz und – das Eigentum jenes harten, finsteren Mannes, vor dem sie nur Furcht empfand. Nein, nein, nur das nicht! Lieber wollte sie hinausgehen unter Fremde, lieber alles ertragen, als sich selbst eine Kette schmieden, die sie dann unlösbar gefesselt hielt, das ganze Leben lang. Paula Dietwald war eben die Tochter ihrer Mutter, und die verkaufte sich nicht.

Der frische Ostwind, der gestern abend mitten in das Regengewölk hineingefahren war, hatte einen völligen Umschlag der Witterung gebracht. Ein leuchtender Sonnentag war gefolgt, und gerade jetzt, wo die Sonne schon hinter die Berge tauchte, kam die ernste Schönheit der Landschaft zur vollen Geltung. Droben standen die Berggipfel noch in voller Abendglut, und ein Purpurschein lag über den Wäldern, welche den See wie mit einem dichten, dunkelgrünen Kranze umgaben. Aber auf der vorhin so hell glitzernden Flut ruhte schon kühler Schatten, und zarte, bläuliche Nebel schwebten darüber hin.

Da ließen sich Schritte vernehmen auf dem Fußwege, der sich vom Schlosse durch den Wald hinabzog. Paula achtete nicht viel darauf, vielleicht war es Ullmann, der wußte, wohin sie gegangen war, vielleicht einer von den Schloßleuten, die oft diesen Weg benutzten. Der Schritt kam näher und jetzt – das junge Mädchen zuckte zusammen – jetzt trat Ulrich von Berneck selbst aus dem Walde hervor und blieb eine Minute lang stehen, während sein Blick suchend die Kirche und deren Umgebung überflog.

Ein seltsames Zusammentreffen! Er konnte ja kaum zurückgekehrt sein, und Paula fühlte es auch, daß diese Begegnung keine zufällige war, er kam ja sonst niemals hierher. Hatte Frau Almers noch geschwiegen gegen ihren Neffen oder ihm die gestrige Unterredung in einer Form mitgeteilt, die ihn nicht an eine ernstliche Abweisung glauben ließ – jedenfalls war es ihr Werk, daß er sich nun doch herabließ, selbst zu dem Mädchen zu sprechen, das er mit seiner Hand beglücken wollte. Also eine zweite peinvolle Erörterung! Der ganze Trotz Paulas flammte wieder auf bei dem Gedanken. Wollte man sie denn durchaus zwingen? Er kam, sich die Antwort zu holen auf eine Frage, die er nicht einmal persönlich gestellt hatte – nun denn, er sollte sie haben!

»Ich störe Sie wohl in Ihrer Einsamkeit, Fräulein Dietwald?« fragte Ulrich, indem er grüßte und näher trat. »Ich hörte bei meiner Rückkehr von Ullmann, daß Sie hier seien, und mir lag daran, Sie einmal allein zu sprechen. Da müssen Sie mich schon entschuldigen. Wollen Sie mich anhören?«

Das hieß allerdings geradeswegs auf das Ziel losgehen, er hielt sich nicht lange auf mit einer Einleitung. Paula neigte nur bejahend das Haupt, sie kämpfte schon wieder mit jener seltsamen Angst, gegen die kein Mut und kein Trotz half. Sobald sie die Stimme dieses Mannes hörte und im Bann seiner Augen war, fühlte sie sich wehrlos ihm gegenüber.

»Vor allen Dingen eine Erklärung!« fuhr er fort. »Ich bin nicht gekommen, um die Frage und Bitte an Sie zu richten, die Sie so sehr fürchten. Sie können unbesorgt sein.«

Das junge Mädchen senkte die Augen in peinlicher Verlegenheit.

»Herr von Berneck, ich weiß in der That nicht –«

»Sie wissen, was ich meine!« unterbrach er sie ruhig. »Sie ahnen wohl selbst nicht, wie deutlich das ›Nein!‹ aus Ihrer ganzen Haltung spricht. Sie haben es ja bereits gestern ausgesprochen, das genügt.«

Paula stand betroffen vor ihm. Das klang ganz anders, als sie erwartet hatte, aber sie sah, daß sie dieser Unterredung standhalten mußte, hier gab es kein Ausweichen.

»Frau Almers hat Ihnen das bereits mitgeteilt?« fragte sie, ohne aufzublicken.

»Nein, meine Tante hat mir nichts mitgeteilt. Sie wird mir überhaupt die gestrige Unterredung verschweigen, denn sie hat gegen meinen Willen gesprochen. Ich bat sie ausdrücklich, das mir zu überlassen, sie hat trotzdem eingegriffen in eine Sache, die ihren Eingriff am wenigsten vertrug. – Ich kehrte gestern zurück, um mein vergessenes Notizbuch zu holen, und da wurde ich im Vorzimmer Zeuge des ganzen Gespräches.«

»Sie haben es gehört?« fuhr das junge Mädchen auf, dessen Antlitz sich plötzlich mit einer tiefen Glut bedeckte. »Wenn ich das geahnt hätte –«

»So wären Sie weniger aufrichtig gewesen!« ergänzte Ulrich. »Ich habe Sie unterschätzt, Paula! Ich glaubte, mein Restovicz und mein Vermögen fiele bei Ihnen so schwer ins Gewicht, daß Sie mich dafür – hinnehmen würden. Das war es ja, was mir bisher immer noch die Lippen schloß Ihnen gegenüber. Nicht Ihre Weigerung, Ihr Jawort habe ich gefürchtet! Ich that Ihnen unrecht. Sie haben sich und Ihre Freiheit mutig genug verteidigt gegen den ungeliebten Mann, der Ihnen aufgedrungen werden sollte. Es war ja eine bittere Stunde für mich, aber – ich danke Ihnen für diese Wahrheit!«

Paula hörte in steigender Betroffenheit zu. Der Argwohn hatte ihm die Lippen geschlossen? Daher stammte seine Zurückhaltung, sein Schweigen, das sie so tief verletzt hatte? Langsam und scheu hob sie die Augen zu ihm empor. Er war bleicher als sonst, aber der herbe Ausdruck in seinen Zügen war gewichen, es lag nur eine ernste Ruhe darauf.

»Sie sollen nichts mehr von meiner Werbung hören, mein Wort darauf!« fuhr er fort. »Aber ich konnte es doch nicht ertragen, in dem Lichte vor Ihnen zu stehen, in dem Sie mich gestern sahen. Sie können kein Herz zu mir fassen – ich begreife das. Aber fürchten sollen Sie mich nicht mehr! Wollen Sie mir das versprechen?«

»Ja!« sagte das junge Mädchen mit einem tiefen Atemzuge, sie empfand in der That keine Furcht mehr, aber ein Gefühl, das fast der Beschämung glich.

Ueber Bernecks Antlitz zuckte ein flüchtiges Lächeln bei diesem Ton, der unbewußt ein erwachendes Vertrauen verriet, aber es ging schnell unter in dem gewohnten Ernst.

»So lassen Sie uns Frieden schließen, jetzt dürfen wir es ja wohl! Ich habe Sie gestört, aber der Abend ist so schön, und ich habe so selten eine Stunde des Ausruhens – wollen wir nicht den Sonnenuntergang hier abwarten?«

Er deutete auf die Bank an der Kirche. Paula hatte nicht den Mut, sich zu weigern. Halb willenlos folgte sie, und sie nahmen beide dort Platz. Ein seltsames Beisammensein! Da saß der Mann, den ihre gestrigen Worte doch tödlich gekränkt haben mußten, ganz ruhig an ihrer Seite. Er schien ihr in der That nicht zu zürnen, und doch war es ihr, als hätte er ein Recht dazu.

Langsam zerfloß das Abendrot droben am Himmel, und mit ihm erlosch der verklärende Schein, der Berge und Wälder so seltsam erglühen ließ, sie standen ernst und dunkel da, und auf dem See stiegen die Nebel dichter empor. Die Dämmerung begann ihre träumerischen Schleier zu weben.

Nach einem sekundenlangen Schweigen hob Ulrich wieder an: »Sie wollen also meine Tante verlassen?«

»Sobald wir wieder in Berlin sind. Sie hat mir ja selbst die Trennung angekündigt, und ich –«

»Sie werden aufatmen, wenn endlich die Kette bricht, die Sie so schwer gedrückt hat!« unterbrach sie Berneck mit voller Bestimmtheit. »Scheuen Sie sich, mir das einzugestehen? Ich habe es längst gewußt, ich kenne ja meine Tante! Sie ist eine sehr kluge Frau und meint es auch gut in ihrer Weise, besonders mit mir. Aber sie vergißt immer, daß andere Menschen so etwas wie ein Herz in der Brust haben. Mit dem armen Dinge rechnet sie nie, und da scheitert bisweilen der klügste Plan.«

Es lag ein bitterer Spott in den Worten, und doch sprachen sie nur aus, was das junge Mädchen Tag für Tag erfahren und sich selbst kaum eingestanden hatte.

»Sie werden mich für sehr undankbar halten, Herr von Berneck,« sagte sie, noch kämpfend mit der alten Scheu vor ihm und doch zugleich mit schüchterner Vertraulichkeit. »Frau Almers ist meine Wohlthäterin, ich habe ihr alles zu danken und fühle das tief genug, aber sie kann zu Boden drücken mit ihren Wohlthaten. Ich war an so viel Liebe gewöhnt in meinem Elternhause, und ich bin so grenzenlos einsam und unglücklich gewesen in all dem Glanz des fremden, reichen Hauses. Erst hier in Restovicz habe ich es gefühlt, daß ich noch froh sein kann, denn da durfte ich stundenlang frei und allein sein. Ich bin so glücklich hier gewesen –« Sie brach plötzlich ab, denn es kam ihr erst in diesem Augenblick zum Bewußtsein, zu wem sie sprach. Bernecks Stirn war wieder finster zusammengezogen, aber die drohende Falte, die dort stand, galt nicht ihr.

»Armes Kind!« sagte er halblaut. »Ja, es ist nicht leicht, mit meiner Tante auszukommen. Man muß ihr frei und unabhängig gegenüberstehen, ihr keinen Schritt weichen, wie ich – oder man muß eine Sklavennatur sein, die sich willenlos beugt. Sie haben ihr den eigenen Willen gezeigt, das verzeiht sie Ihnen nie! Wohin werden Sie denn zunächst gehen?«

»Ich will einstweilen zu meinem Vormunde, bis sich eine andere Stellung findet. Hoffentlich brauche ich seine Güte nicht lange in Anspruch zu nehmen.« Das kam unsicher und stockend heraus, denn Paula wußte, was sie von dieser »Güte« zu erwarten hatte. Ihr Vormund würde außer sich sein über diesen Bruch mit der reichen, vornehmen Gönnerin, über dies Aufgeben der gesicherten Stellung, und ihr die bittersten Vorwürfe machen. Und doch blieb ihr keine Wahl, sie hatte sonst keine Zuflucht auf der ganzen Welt.

Ulrich mochte das auf ihrem Gesichte lesen, aber er berührte es mit keiner Silbe.

»Sie sind auch nicht geschaffen für eine Stellung, wie meine Tante sie ihrer Umgebung anweist,« sagte er. »Solch ein kleiner Vogel, der nur fliegen und singen möchte im Sonnenschein, der schlägt sich ja die Flügel wund an dem goldenen Gitter seines Käfigs! Was schauen Sie mich so verwundert an? Trauen Sie mir denn gar kein Herz zu? Es mag sein, daß ich hart und kalt geworden bin, aber. – Sie wissen nicht, was hinter mir liegt!«

Paula hörte in der That mit einem halb ungläubigen Staunen zu. Es war das erste Mal, daß Berneck sie einen Blick thun ließ in die sonst streng verschlossene Tiefe seines Innern. Sie hatte wirklich nicht geglaubt, daß er irgend eine Empfindung habe für das Wohl und Wehe anderer, und nun sprach er, als lese er ihr die geheimsten Gedanken aus der Seele. Jawohl, ihr war zu Mute wie einem armen gefangenen Vögelchen, das die kleinen Schwingen vergebens zu regen versucht in dem Käfig, dem es nicht entfliehen kann – aber wer lehrte ihn denn das verstehen, sie gestand es sich ja kaum selbst ein!

»Ich bin doch auch einmal jung und glücklich gewesen,« fuhr er fort, »sehr glücklich sogar! Sie kennen ja das Bild, das da oben im Saale hängt. Damals, vor neun Jahren, war es sprechend ähnlich, da war ich noch der junge, kecke Jägersmann, der da meinte, die ganze Welt gehörte ihm. Wir sprachen ja gestern davon.«

»Aber Sie brachen so schnell davon ab,« warf das junge Mädchen schüchtern ein. »Es schien Ihnen irgend eine peinliche Erinnerung zu erwecken.«

»Es ist für mich die letzte Erinnerung an die Jugend und das Glück! Dann kam jene Schicksalsstunde, die mein Leben vernichtete, und mich zu dem gemacht hat, was ich bin. – Ich kann das Bild nicht mehr vor Augen sehen!«

Es klang aus den Worten wie dumpfer Groll, wie ein Aufbäumen gegen jene »Schicksalsstunde«. Man sah es, der Mann hatte immer noch nicht gelernt, geduldig zu leiden, und seine Züge hatten in diesem Augenblick einen Ausdruck, daß Paula unwillkürlich eine Bewegung machte, als wolle sie aus seiner Nähe flüchten. Er bemerkte es, und ein bitteres Lächeln zuckte um seine Lippen.

»Nun scheuen Sie sich schon wieder vor mir, vor dem ›Dunklen, das in mir und um mich ist‹! Sie haben ganz recht gesehen, und es ist noch dunkler, als Sie glauben. Aber Sie scheinen mich für eine Art von Verbrecher zu halten, der irgend eine finstere Unthat mit sich herumträgt. Etwas dergleichen ist es ja auch, aber Schuld ist nicht dabei. Wollen Sie hören, was damals geschehen ist?«

»Wenn Sie es mir sagen können und wollen – aber ich fürchte, es wird Ihnen wehe thun.«

Es verriet sich eine unbewußte Angst in der Antwort. Ulrich streifte seine junge Gefährtin mit einem langen, düsteren Blick.

»Kümmern Sie sich denn überhaupt darum, ob mir etwas wehe thut?« fragte er. »Ich habe es ja erlebt, da werde ich auch wohl davon reden können! Versucht habe ich es freilich nie, aber Sie sollen nicht so vor mir zusammenbeben, Paula, wie eben jetzt wieder, das ertrage ich nicht! Sie sollen die Wahrheit hören.«

Er fuhr mit der Hand über die Stirn, aber es vergingen noch Minuten, ehe er es über sich gewann, zu sprechen. In der tiefen Abendstille ringsum war kein Laut vernehmbar, und die Landschaft spann sich immer mehr ein in den blauen Nebelduft der Dämmerung. Der See lag regungslos, aber aus seiner Tiefe quoll es jetzt empor, weiß und gespenstisch, zog über die dunkle Flut hin und löste sich dann in wallenden Dunst. Ein unheimliches Spiel, in dem allerlei schemenhafte Gestalten auftauchten und wieder zerflossen, als seien es die Geister der Vergangenheit, die diese Stunde heraufbeschwor.

Berneck blickte unverwandt in dieses Nebelwogen und schien es fast zu vergessen, daß er nicht allein war, endlich aber richtete er sich empor und fragte: »Ullmann hat Ihnen wohl viel erzählt von alten Zeiten? Ich meine von der Zeit, als er noch mit mir in Auenfeld war?«

Das junge Mädchen schüttelte verneinend das Haupt. »Er sprach nur sehr selten davon, so vertraut wir auch sonst waren. Ich weiß nur, daß Sie Ihre Eltern früh verloren haben.«

»Ja, meine Mutter starb, als ich noch ein Knabe war, und auch der Vater verschied in vollster Lebenskraft. Mit zwanzig Jahren stand ich allein, aber in dem Alter überwindet man solchen Verlust. Ich hatte mein schönes Auenfeld, das mir ans Herz gewachsen war, hatte Jugend und Gesundheit und noch eins, was nur wenigen gegönnt wird – einen Freund, der mir das Liebste war auf der ganzen weiten Welt! Hans Dahlen war der Sohn unseres nächsten Gutsnachbarn, ein paar Jahre jünger als ich, eine jener sonnigen, glücklichen Naturen, die nur zur Freude geschaffen scheinen für sich und andere.«

Er hielt einen Augenblick inne und schaute wieder in jenen wallenden Dunst, der jetzt die ganze Fläche des Sees erfüllte. Ohne den Blick davon abzuwenden, fuhr er fort: »Wir waren zusammen aufgewachsen, wir hatten die Knabenspiele und die Studienjahre geteilt, und später, als wir heimkehrten, verging kaum ein Tag, wo wir uns nicht sahen. Ich war ja schon damals ernst, etwas düster angelegt, aber bei Hans war alles nur Lachen, alles froher, überschäumender Lebensmut, und gerade das kettete uns so unlöslich zusammen. Der alte Dahlen drang oft genug in seinen Sohn, doch endlich Anstalt zum Heiraten zu machen, und auch mir las er den Text deswegen, aber Hans lachte dann immer nur in seiner übermütigen Weise und rief: ›Ich habe ja den Ulrich, Papa, und er hat mich! Was sollen wir denn da mit einer Frau anfangen? Die käme bei uns doch erst in zweiter Linie, und das ließe sie sich schwerlich gefallen!‹ Er hatte recht, wir waren Freunde auf Leben und Tod – und sind es ja auch geblieben, bis ans Ende!«

Er sprach halblaut, anscheinend ruhig, aber es lag ein seltsam fremder Klang in seiner Stimme, der verriet, was er sich auferlegte mit dieser Erzählung. Paula hörte mit ängstlicher Spannung zu, und als er plötzlich abbrach, fragte sie leise und mitleidig: »Sie haben Ihren Freund verloren? Er ist Ihnen gestorben?«

»Nein – gefallen!« sagte Ulrich plötzlich laut und schneidend: »Ich habe ihn erschossen!«

Mit einem halb unterdrückten Aufschrei des Schreckens fuhr das junge Mädchen auf.

»Um Gottes willen – Herr von Berneck!«

»Auf der Jagd!« vollendete er dumpf. »Es war Verhängnis! Das trifft wie ein Blitzstrahl, und man bricht zusammen darunter!« »Aber wie war denn das möglich? Wie konnte das geschehen?« brach Paula aus, noch unter dem vollen Eindruck des Entsetzens.

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