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Hexengold und andere Erzählungen

Elisabeth Werner: Hexengold und andere Erzählungen - Kapitel 23
Quellenangabe
typenarrative
authorElisabeth Werner
titleHexengold und andere Erzählungen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger G.m.b.H.
year
illustratorM. Flashar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080923
projectid86a408db
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»Und es war doch so schön!« rief Paula. »Ich bin ja zum erstenmal in den Bergen, ich habe ja immer nur in der großen lärmenden Stadt gelebt. Hier ist alles so frei, so mächtig! Sie wissen gar nicht, wie schön es war heut im Dollinawalde! Das sauste und brauste in den Tannenwipfeln, das wallte und wogte in den Bergen, und tief unten lag der See wie ein großes, weißes Nebelmeer. Das war alles so seltsam, so geheimnisvoll, als müßte irgend etwas auftauchen aus dem Nebel, irgend ein Märchen, das dann leibhaftig vor einem steht!«

»Ja, ja, mit achtzehn Jahren glaubt man noch an solchen Unsinn,« sagte der Alte mit gutmütigem Spott. »Und da klettert man auch noch umher in den Bergen, die der Herrgott nur zur Plage erschaffen hat. Erst geht es hinauf, dann wieder herunter, man wird müde und matt dabei und zerreißt sich die Stiefel. Und es gibt Menschen, die das aus reinen Vergnügen thun – ich kann's nicht begreifen!«

Das junge Mädchen lachte wieder hell auf bei diesem ärgerlichen Ausbruch.

»Ja, Ullmann, das glaube ich! Sie stehen ja förmlich auf dem Kriegsfuß mit den Bergen und leben doch mitten darin.«

»Ja, Gott sei's geklagt!« brummte Ullmann. »Aber ich habe die buckligen Länder mein Lebtag nicht leiden können. Da ist's anders in unserer lieben pommerschen Heimat! Da gibt es keinen Berg weit und breit, nichts als Felder, überall nur das schöne gesegnete Korn! Und mitten darin das Herrenhaus, mit den blitzblanken Fenstern, und ein Wirtschaftshof, an dem jeder Landmann seine Freude hat – aber hier! Wenn Sie nur wüßten, Fräulein, wie das hier aussah, als wir ankamen, die reine Räuberwirtschaft! Der Herr hat ja schon einigermaßen Ordnung geschafft in den fünf Jahren, aber ich glaube, er braucht zehn, um sein Restovicz nur menschlich zu machen.«

»Warum hat Herr von Berneck sein Auenfeld denn nur verkauft und ist hierher gegangen?« fragte Paula unbefangen. »Frau Almers schien auch nicht einverstanden damit zu sein.«

In dem Gesichte des Alten zeigte sich eine gewisse Verlegenheit, und er entgegnete ausweichend: »Das war so eine eigene Sache! Es war ihm verleidet worden, und er wollte fort, aber deshalb brauchte er doch nicht gerade in die Wildnis zu gehen, er konnte unter den Menschen bleiben. Aber das Volk hier, das ist ja eine Bande, bei der man seines Lebens nicht sicher ist! Der Herr und ich, wir werden sicher noch einmal totgeschlagen.«

»Um Gottes willen!« fuhr das junge Mädchen entsetzt auf. »Sind die Leute so schlimm?« »Wie man's nimmt! Gegen einen von ihrer Sorte sind sie es nicht, aber den Fremden hassen sie bis aufs Blut, und nun vollends Herrn Ulrich, der ihnen Zucht und Ordnung beibringt. Das kennen sie freilich nicht hier zu Lande; bei ihren früheren Herren, da konnten sie machen, was sie wollten, kein Mensch kümmerte sich darum, und wenn die ganze Wirtschaft dabei zum Teufel ging. Jetzt heißt es, Ordre parieren, jetzt werden sie regiert, daß es nur so eine Art hat! Zu mucksen wagen sie ja nicht, sie kennen den Herrn, aber wenn sie ihm hinterrücks etwas anthun können, dann geschieht's. Ich sage Ihnen, Fräulein, man wird hier keine Stunde seines Lebens froh!«

»Dann hätten Sie doch wenigstens in der Heimat bleiben sollen,« warf Paula ein, aber da richtete sich der Alte förmlich beleidigt auf.

»Ich werde doch Herrn Ulrich nicht allein lassen! Ich war schon bei seinen Eltern im Dienst und habe ihn auf dem Arm getragen, als er noch nicht laufen konnte. Er hat mir freilich gesagt, als er fortging: ›Ullmann, für dich ist reichlich gesorgt, wenn du hier bleiben willst,‹ aber da sagte ich: ›Das gibt's nicht, Herr Ulrich, ich gehe mit Ihnen bis ans Ende der Welt!‹ Ich war ja auch der einzige, den er mitgenommen hat, und so ziemlich ans Ende der Welt sind wir auch geraten.«

Das junge Mädchen hob nachdenklich den Blick empor zu den grauen Mauern des Schlosses, die wohl schon mehr als ein Jahrhundert überdauert hatten.

»Und nun hausen Sie das ganze Jahr allein hier, mit Ihrem Herrn und all den fremden Dienstleuten? Er könnte sich seine Leute doch aus Deutschland kommen lassen.«

Ullmann zuckte die Achseln. »Er will ja nicht, er sagt, sie passen nicht hierher, aber ich weiß es besser. Er will eben nichts mehr hören und sehen von da oben. Es ist ja auch das erste Mal in den fünf Jahren, daß wir Besuch haben. Die gnädige Frau – nun die ist freilich sehr vornehm, für die ist unsereins kaum vorhanden, aber Sie, Fräulein Paula! Mit Ihnen ist doch der leibhaftige Sonnenschein gekommen; ich meine immer, es ist heller geworden in Restovicz, seit Sie da sind!«

Das Kompliment kam etwas ungeschickt, aber so treuherzig heraus, daß das junge Mädchen ihm lächelnd zunickte.

»Ja, Ullmann, wir beide sind schon recht gute Freunde geworden, aber der ›Sonnenschein‹ ist nur für Sie allein da. Da drinnen im Schlosse bin ich immer äußerst gesetzt und verständig. Frau Almers fordert das von ihrer Umgebung und nun vollends Herr von Berneck – da darf man doch nicht lachen und lustig sein. Ich glaube, wenn ich mich einmal dergleichen unterstände, er verwiese mich auf der Stelle aus seinem Restovicz.«

»Nun, so schlimm ist es nicht,« meinte der Alte. »Ernst ist er freilich, und das Lachen hat er ganz verlernt, aber früher, da konnte er es gerade so gut wie Sie. Haben Sie einmal das Bild angeschaut, das da oben im großen Saale hängt, gleich rechts am Eingang? Den Jägersmann mit dem grünen Spitzhut und der Büchse in der Hand? So hat er ausgesehen, noch vor neun Jahren!«

»Das Jägerbild?« fragte Paula betroffen. »Jawohl, das kenne ich! Aber das soll doch nicht etwa Herr von Berneck sein?«

»Natürlich ist er es, und das Bild war sehr ähnlich damals.«

»Der junge Jäger? Aber wie alt ist er denn eigentlich jetzt?«

»Gerade siebenunddreißig! Das wundert Sie, Fräulein? Ja, er sieht freilich um zehn Jahre älter aus. Damals war er eben ein junger, lustiger Patron, den alle Welt gern hatte, und es fehlte ihm auch nichts im Leben. Die Eltern waren ja früh gestorben, aber sie hatten ihm das schöne Auenfeld hinterlassen, und die reiche Tante in Berlin war kinderlos, deren Erbe wurde er auch einmal. Sie hätten ihn nur sehen sollen, unseren Jungherrn, wenn er durch die Felder ritt oder in den Wald zog mit seiner Büchse. Er konnte ja nicht leben ohne seine geliebte Jagd, und er war der beste Schütze weit und breit. Was ihm vor den Lauf kam, das traf er – ja, das waren andere Zeiten!«

Paula hörte halb gefesselt, halb ungläubig zu und war eben im Begriff, eine Frage zu thun, als auf den Steinfliesen der Terrasse ein lauter Schritt hörbar wurde und Berneck selbst die Freitreppe herunterkam. Er verneigte sich flüchtig gegen das junge Mädchen und wandte sich dann an Ullmann.

»Bist du schon drüben in den Ställen gewesen? Du solltest ja nachsehen, wie es meinem Rappen geht nach dem Fehltritt, den er gestern gethan hat. Du weißt doch, daß auf das Stallpersonal kein Verlaß ist.«

Ullmann wußte das allerdings und ging nun schleunigst nach den Ställen hinüber. Paula hatte sich erhoben; aber als der Schloßherr jetzt rasch auf sie zutreten wollte, wich sie mit sichtbarer Scheu zurück. Er hielt sofort inne.

»Sie haben dem Sturm und Regen getrotzt?« fragte er mit verhaltener Stimme. »Waren Sie weit hinaus?«

»Ich war im Dollinawalde.«

»Und da haben Sie vermutlich den Abstieg nach dem See genommen, sonst könnten Sie noch nicht zurück sein. Das ist aber kein Weg für zarte Mädchenfüße.«

»Ich bin nicht so zart und verweichlicht, wie Sie glauben, Herr von Berneck,« sagte Paula mit einem Anfluge von Trotz.

»Ich habe nicht von Verweichlichung gesprochen. Der Dollinawald bei solchem Wetter, und der Steig da an der Felswand herunter, das ist eine Leistung selbst für mich, und Sie sind zum erstenmal in den Bergen, soviel ich weiß.«

»Jawohl!«

Ulrich biß sich auf die Lippen. Seine Tante hatte ja recht, er durfte nicht immer so schweigsam sein, wo er doch werben wollte; aber bei jedem Versuch einer Annäherung traf er immer nur auf dies scheue Ausweichen, und das nahm ihm den Mut.

Paula stand stumm und befangen vor ihm. Sie war sonst nichts weniger als furchtsam, allein dies dunkle, rätselhafte Gefühl, das sich ihr in der Nähe dieses Mannes immer so seltsam und beklemmend auf die Brust legte, mußte doch wohl Furcht sein. Und wenn vollends seine düsteren, grauen Augen so unverwandt auf ihr ruhten wie eben jetzt, dann war sie wie unter einem Bann, dem sich nicht entfliehen ließ.

Nach einem sekundenlangen Schweigen hob Ulrich wieder an: »Im Sommer sind unsere Bergwälder sehr schön. Im Winter freilich, wenn alles ringsum verschneit ist, sind sie pfadlos. Ich bin trotzdem täglich draußen.«

»Sie jagen vermutlich täglich?« fragte das junge Mädchen, mit einem Versuch, der beklommenen Stimmung Herr zu werden. »Ich habe ja das Bild gesehen, das Sie in voller Weidmannstracht darstellt. Es stammt wohl noch aus Auenfeld?«

»Ja!« versetzte Berneck kurz.

»Mich wundert nur, daß es da oben in dem großen Saale hängt, der, wie Ullmann sagt, fast das ganze Jahr nicht betreten wird. Es gehörte doch in Ihre Zimmer!«

»Ich mag das Bild nicht! Es ist längst nicht mehr ähnlich, und es stammt überhaupt aus einer Zeit, die weit hinter mir liegt.« Das klang seltsam abweisend, beinahe rauh, als hätte die einfache Bemerkung ihn verletzt, und dann schwieg er wieder. Paula kannte bereits die langen Pausen im Gespräch mit dem Schloßherrn, die er gar nicht zu empfinden schien, und um nur etwas zu sagen, fuhr sie fort: »Ich begreife es, daß Restovicz gerade für Sie einen eigenen Reiz hat. Ullmann erzählte mir vorhin, welch ein leidenschaftlicher Jäger Sie sind. In diesen weiten, tiefen Forsten muß es sich ja prächtig jagen lassen.«

Berneck wandte sich ab und blickte nach den Ställen hinüber, »Gewiß – aber ich jage nicht mehr!«

»Sie jagen nicht mehr? Und Ullmann sagte mir doch –«

»Er sprach von früheren Zeiten. Ich habe die Jagd völlig aufgegeben, schon seit Jahren, sie reizt mich nicht mehr!«

Paula sah ihn betroffen und fragend an. Es war wieder der herbe Ton von vorhin und der harte, feindselige Ausdruck in seinen Zügen. Sie hatte eine dunkle Empfindung, als dürfte sie diesen Punkt nicht weiter berühren. Es war freilich nicht das erste Mal, daß Ulrich Berneck ihr rätselhaft und unverständlich erschien. Sie hatte diese plötzlich hervortretende Schroffheit schon öfter bemerkt, mitten im Gespräch, ohne daß sich irgend ein Grund erraten ließ, aber es vermehrte nur das unheimliche Gefühl, das sie stets in seiner Nähe hatte.

Da ließ sich eine fremde Stimme hinter ihnen vernehmen, die in slowenischer Sprache einige Worte sagte. Berneck wandte sich rasch um und runzelte die Stirn, als er den Mann gewahrte, der eben aus den Gebüschen hervorgetreten war.

»Was wollt Ihr, Zarzo?« fragte er.

Zarzo verbeugte sich tief und unterwürfig und kam näher. Er sprach von neuem, aber der Schloßherr unterbrach ihn kurz und befehlend: »Sprecht deutsch! Ihr wißt doch, daß ich nicht anders rede mit den Leuten, die es verstehen, und Ihr versteht es sehr gut. Also, was gibt es?«

Der Mann, ein stattlicher Bursche, in dessen Gesicht sich die charakteristischen Züge seines Volkes scharf ausprägten, war in der Landestracht, die hier in den Bergwäldern auch für Jäger unvermeidlich war; aber er trug die Abzeichen der herrschaftlichen Förster und hatte eine Büchse über die Schulter gehängt. Das schwarze Haar fiel schlicht und straff zu beiden Seiten nieder, doch der Ausdruck der schwarzen, brennenden Augen stimmte nicht zu dem unterwürfigen, ja kriechenden Wesen, mit dem er sich dem Gutsherrn nahte. Er sprach übrigens das Deutsche ganz geläufig, das zeigte sich jetzt, wo er sich dazu bequemte.

»Ich wollte den gnädigen Herrn noch einmal bitten – ich soll ja doch fort aus Restovicz.«

»In acht Tagen – jawohl!«

»Ich weiß, gnädiger Herr, ich weiß. Aber ich habe immer gemeint, Sie nehmen es noch zurück.«

»Nein!« sagte Berneck hart und bestimmt. Aus den Augen des Slowenen schoß ein seltsamer Blick, aber er bewahrte seine demütige Haltung.

»Es geschieht nimmer wieder, bei meiner Seele! Wenn der Herr es mir nur noch diesmal verzeiht.«

»Ungehorsam und Widersetzlichkeit verzeihe ich nie, und am wenigsten das Wort, das da gefallen ist. Ihr wißt es doch wohl noch, Zarzo?«

Die Augen des Försters suchten scheu den Boden, aber er legte beteuernd die Hand auf die Brust.

»Bei meiner Seligkeit, nein! Ich weiß gar nicht mehr, was ich an dem Tage geredet und gethan habe. Ich war ja ganz –«

»Betrunken waret Ihr,« ergänzte Berneck kalt. »Das sah ich, sonst hätte ich es nicht bei der bloßen Entlassung bewenden lassen. Aber bewußt oder nicht! Ihr verlaßt Restovicz und laßt Euch nicht wieder hier blicken!«

Paula war seitwärts getreten, ungewiß, ob sie gehen oder bleiben sollte. Es war das erste Mal, daß sie den Gutsherrn im Verkehr mit den Leuten sah, die nicht unmittelbar zu der Schloßdienerschaft gehörten, und der Eindruck war kein wohlthuender. Er stand vor dem Slowenen, in jedem Zoll der strenge Gebieter, der keine Nachsicht und kein Verzeihen kennt. Zarzo ließ sich trotzdem nicht abschrecken. Er warf sich seinem Herrn zu Füßen, er bat und flehte, bald deutsch, bald slowenisch, und schwor hoch und teuer, er werde nie wieder ungehorsam sein. Er winselte in allen Tonarten, aber die wilde, versteckte Tücke, die dabei in seinen Augen lauerte, entging dem jungen Mädchen, das auf den Stufen der Terrasse stand. Berneck blieb völlig ungerührt dabei, er hatte nur ein verächtliches Schweigen für all die Bitten und Beteuerungen, endlich hob er gebieterisch die Hand und zeigte auf den Weg.

»Hinaus! Ich will nichts weiter hören. Es bleibt bei meinem Befehl!«

.

Zarzo erhob sich, er mochte endlich einsehen, daß jeder weitere Versuch nutzlos sei, aber als er sich jetzt zum Gehen wandte, schoß er einen Blick auf seinen Herrn, in dem sich wild aufflammender Haß und dämonische Tücke mischten – in der nächsten Minute verschwand er im Gebüsch.

Ulrich wandte sich zu dem jungen Mädchen, so gelassen wie vorhin, die Scene schien ihn nicht im mindesten erregt zu haben.

»Ich bedaure, daß Sie das mit anhören mußten –«, er hielt plötzlich inne, und mit einem forschenden Blick auf ihr Gesicht setzte er langsam hinzu: »Sie halten mich wohl für sehr hart und unbarmherzig?«

»Ja!« sagte Paula mit herber Aufrichtigkeit.

Ulrich stutzte, er hörte diesen Ton zum erstenmal von den Lippen des jungen Mädchens, das er meist nur in Gegenwart seiner Tante sah. Es schien ihn zu überraschen, und seine Antwort klang wie eine halbe Entschuldigung.

»Sie kennen das Volk hier nicht. Lasse ich ein einziges Mal eine offene Widersetzlichkeit hingehen, wie Zarzo sie versuchte, so ist meine Autorität rettungslos verloren bei den anderen, und keiner gehorcht mir mehr. Sie wollen eben mit eiserner Hand regiert sein, das ist nicht zu ändern.«

»Aber der Mann lag Ihnen zu Füßen,« es klang ein unverhüllter Vorwurf aus den Worten, »er bat und flehte wie ein Verzweifelter!«

»Jawohl, er winselte beweglich genug, aber das würde ihn nicht abhalten, mich in der nächsten Stunde niederzuschießen, wenn es straflos geschehen kann. Ob ich da gewähre oder versage, das gilt gleich. Ihm bin ich ja nicht der Herr, der ihm Brot gibt, sondern der Fremde, der hier eingedrungen ist, und den er und seinesgleichen hassen bis aufs Blut. Wissen Sie, wie das Wort lautete, das er mir damals zurief, als ich mir gewaltsam Gehorsam verschaffte? ›Das werde ich dir gedenken, du deutscher Hund!‹ Würden Sie das verzeihen?«

»Nein!« sagte Paula gepreßt. »Aber der Mann war betrunken, Sie sagten es ja selbst.«

»Gewiß, er wußte nicht mehr, was er sprach, sonst hätte er es auch nicht gewagt. Der Bursche ist feig, das sind sie freilich alle, aber sie nennen mich überhaupt nicht anders, wenn sie unter sich sind. Ich weiß das sehr genau.«

»Und unter diesen Menschen leben Sie – freiwillig?« fragte das junge Mädchen mit unverhehlter Entrüstung.

Er zuckte die Achseln. »Daran gewöhnt man sich! Das scheint Ihnen unbegreiflich! Oder vielmehr, Sie meinen, man muß schon zum Tyrannen angelegt sein, um sich daran zu gewöhnen? Geben Sie sich keine Mühe, das zu leugnen, ich lese es deutlich genug auf Ihrem Gesichte.«

Paula verneigte sich kühl und gemessen. »Entschuldigen Sie mich, Herr von Berneck, ich muß in das Schloß. Frau Almers liebt es nicht, wenn ich unpünktlich bin, und ich muß mich noch umkleiden zur Theestunde. Also verzeihen Sie!«

Damit eilte sie die Stufen hinauf und verschwand im Terrassenzimmer. Ulrich stützte sich auf den steinernen Pfeiler, an dem sie vorhin gesessen hatte, und sah ihr nach.

»Daß sie auch dabei sein mußte!« murmelte er halblaut. »Jetzt habe ich vollends verspielt bei ihr!«

Es lag ein unendlich bitterer Ausdruck auf dem Gesichte des Mannes, der es nur zu tief fühlte, daß er und seine Persönlichkeit nicht gemacht waren, einer Frau zu gefallen. Dies Bewußtsein war es ja, was ihm bisher die Lippen geschlossen hatte dem Mädchen gegenüber, das er liebte mit der ganzen Glut einer spät erwachten Leidenschaft. Er täuschte sich durchaus nicht über den Eindruck, den jene Scene auf sie machte, er hatte ihr die Empfindungen vom Gesicht abgelesen. Wenn sie bisher den düsteren, unzugänglichen Mann gefürchtet hatte, so verabscheute sie jetzt in ihm den Tyrannen, der nur die Zuchtrute über seine Untergebenen schwang, und so sollte er mit einer Werbung vor sie hintreten?

Er würde trotz alledem wohl ein Jawort erhalten, die kluge Tante würde schon dafür sorgen, daß ihr Schützling in diesem Falle auch »vernünftig« war, und gerade dies Jawort fürchtete er. Der Traum von Glück, der wie ein leuchtender Schein in seiner Seele lag, sollte ihm beim Erwachen nur kalte, nüchterne Berechnung zeigen. Er wußte es ja, der Argwohn würde ihm keine ruhige Stunde lassen. In jedem Liebeswort, in jedem Lächeln würde er die Heuchelei sehen und ein Marterleben führen an der Seite eines jungen Weibes, dessen Hand er nur seinem Reichtum verdankte. Mit einer jähen Bewegung richtete er sich empor, als wollte er die Gedanken abschütteln, die ihm sein »Glück« in diesem Lichte zeigten.

»Vielleicht war es am besten so!« sagte er finster. »Dann ist es ein für allemal zu Ende mit der Thorheit – und mit dem Träumen!«

Das Wetter hatte sich in der That aufgehellt. In den Thälern und auf dem See lagerten noch die Nebel, aber die Berge waren klar geworden, und die Sonne hatte sich Bahn gebrochen durch das Gewölk. Sie neigte sich jetzt schon dem Untergange zu und erfüllte das vorhin so düstere Terrassenzimmer mit ihren rötlichen Strahlen.

Die Unterhaltung am Theetisch war nicht besonders lebhaft gewesen. Frau Almers beherrschte sie fast allein, denn Ulrich zeigte die gewohnte Schweigsamkeit und Paula, die den Thee bereitete, mischte sich fast gar nicht in das Gespräch. Sie war freilich hier im Schlosse eine völlig andere als draußen in dem unbefangenen Verkehr mit dem alten Diener. Das zerwehte Haar war sorgfältig geordnet, der nasse Anzug durch ein leichtes, helles Sommerkleid ersetzt und der kleine rosige Mund, der vorhin so lustig gelacht und geplaudert hatte, schwieg hier äußerst »gesetzt und verständig«. Frau Almers verstand es schon, ihrer Umgebung die weitestgehenden Rücksichten aufzuerlegen. Paula war ihr Schützling, die Tochter ihrer Jugendfreundin, aber sie mußte es doch oft genug empfinden, daß die Beschützerin im Grunde eine Herrin war.

Erst hier in Restovicz hatte sich das einigermaßen geändert. Sonst wäre es dem jungen Mädchen nicht gestattet worden, stundenlange Spaziergänge allein zu machen oder mit Ullmann zu plaudern, wenn Berneck seiner Tante Gesellschaft leistete – jetzt wurde ihr das zugestanden. Sie hatte freilich keine Ahnung davon, daß die Dame bereits in ihr die künftige Braut ihres Neffen sah und dem Rechnung trug. Mit dem frohen, leichten Sinne der Jugend nahm sie die ungewohnte Güte und Nachsicht hin wie ein Geschenk, ohne viel zu fragen, woher es stammte. Man war schließlich auf Restovicz und die hiesigen Verhältnisse gekommen, das einzige Thema, bei dem Ulrich mitteilsamer wurde. Er hatte sein Notizbuch hervorgezogen und darin geblättert, um irgend eine Frage seiner Tante zu beantworten, und sagte jetzt, im Anschluß daran: »Ja, es ist ein wahrer Spottpreis, den ich für die Herrschaft gezahlt habe, bei uns daheim kauft man höchstens ein mäßiges Gut dafür. Aber mein Vorgänger hatte es gemacht wie die meisten seiner hiesigen Standesgenossen. Der Besitz war schon tief verschuldet, als er ihn erbte, allein das störte ihn nicht in seinem Vergnügen. Es wurde in der alten Art fortgewirtschaftet, gejagt, gespielt, getrunken und mit einem Heer von Gästen auf großem Fuße gelebt. Die Beamten und das Dienstvolk thaten, was ihnen gerade beliebte, und stahlen dabei, wo sie nur wußten und konnten, bis es dann eines Tages nicht weiter ging. Da wurde der Besitz einfach verschleudert. Es war die höchste Zeit, daß er in feste Hand kam! Ich werde noch einmal fünf Jahre brauchen, ehe Restovicz das wird, was es werden kann und soll.«

»Aber hoffentlich kettest du dich nicht wieder so lange an deine Scholle,« fiel Frau Almers ein. »Jetzt im Sommer kommst du freilich kaum zu Atem. Ich sehe es ja, wie du den ganzen Tag lang reitest und fährst und kommandierst, aber im Winter rechne ich bestimmt auf einen Besuch, Ulrich. Da hast du doch hinreichend Zeit.«

»Schwerlich, Tante,« erwiderte er achselzuckend. »Restovicz will nicht nur bewirtschaftet, sondern auch regiert sein, und da darf ich die Zügel nicht locker lassen. Vorläufig bin ich noch immer im Kampf mit meinen Leuten, die sich nicht an Zucht und Ordnung gewöhnen können. Fräulein Dietwald wurde vorhin erst Zeuge einer unerquicklichen Scene, die ich mit einem meiner Förster hatte. Mir ist das freilich nichts Neues.«

Er blickte zu dem jungen Mädchen hinüber, als erwartete er irgend eine Aeußerung, doch Paula beschäftigte sich angelegentlich mit der Theemaschine und erwiderte keine Silbe. Frau Almers bemerkte das mit Mißfallen, sie hielt es natürlich für Schüchternheit, aber diese seltenen Annäherungen durften doch nicht so aufgenommen werden, es war Zeit, daß man da mit einer Aufklärung zu Hilfe kam.

.

Ulrich wußte sich dies Schweigen besser zu deuten. Er sah, daß ihm seine »Unbarmherzigkeit« gegen Zarzo noch nicht verziehen war, machte aber keinen Versuch, wieder einzulenken, sondern stand auf und erklärte, er müßte noch ausreiten, um einen Forstbestand zu besichtigen. Er verabschiedete sich kurz von den Damen und ging. –

Der Gutsherr war bereits fertig zu dem Ausritt und hatte eben Befehl gegeben, sein Pferd vorzuführen, als er das Notizbuch vermißte, das im Salon liegen geblieben war. Er ging also noch einmal hinüber, um es zu holen; aber als er die Thür des Vorzimmers öffnete, klang ihm Paulas Stimme entgegen, in so erregtem Laute, daß er betroffen stehen blieb: »Sie sind im Irrtum, gnädige Frau! Herr von Berneck hat mir das nie mit einem Worte oder auch nur mit einem Blick verraten. Sie müssen im Irrtum sein!« Ulrich begriff sofort: seine Tante hatte die Sache, die, ihrer Meinung nach, nicht von der Stelle kam, selbst in die Hand genommen und nach seiner Entfernung zur Sprache gebracht. Daß sie dabei seinem Wunsch und Willen direkt entgegen handelte, kam für sie nicht in Betracht, sie war es gewohnt, eigenmächtig zu handeln. Sie wollte ihrem Neffen den Weg ebnen, den er sich eigensinnig selbst verschloß, und griff nun mit voller Energie ein. Ihre kühle, gelassene Stimme bildete den vollsten Gegensatz zu der Erregung des jungen Mädchens.

»Ich weiß es, daß du keine Ahnung davon hattest, mein Kind, dennoch ist ein Irrtum hier ausgeschlossen. Ich habe die Sache mit meinem Neffen bereits erörtert und halte es jetzt doch für nötig, dich vorzubereiten, damit du nicht so fassungslos, so förmlich bestürzt bist wie in diesem Augenblick, wenn er mit seiner Werbung vor dich hintritt.«

Es erfolgte keine Antwort, das junge Mädchen schien in der That fassungslos zu sein. Ulrich Berneck hätte sich sonst nie mit dem Lauschen abgegeben, sondern sich sofort bemerklich gemacht, aber was war aus ihm geworden in den letzten Wochen! Wie oft hatte er nicht da draußen auf der Terrasse gestanden, unter dem hängenden Weinlaub verborgen, und zugehört, wenn Paula mit dem alten Ullmann lachte und plauderte. Da allein sah und hörte er sie ja, ohne den Zwang, den seine und der Tante Gegenwart ihr auferlegten, da hatte auch er den »Sonnenschein« kennen gelernt, und auch für ihn war es hell geworden in Restovicz. Nun konnte er es ja erfahren, wie seine Werbung aufgenommen wurde, noch ehe Ueberredung und Beeinflussung sich geltend machten, und das entschied. Er trat leise einen Schritt seitwärts, wo die geöffnete Thür ihm einen Einblick in den Salon gestattete.

Frau Almers saß noch am Theetische, der Thür den Rücken zuwendend, und Paula stand vor ihr, ganz umflimmert vom Lichte der Abendsonne, aber trotzdem eigentümlich bleich, mit großen, erschrockenen Augen.

»Ich begreife deine Ueberraschung vollkommen,« hob die Dame wieder an, die dies völlige Verstummen vor dem »großen, unverhofften Glück« ganz natürlich fand. »Ulrich hat dir allerdings bisher seine Gefühle nicht verraten, er ist eben kein Jüngling mehr, der da schwärmt und schmeichelt, doch dem Ernste seiner Neigung darfst du trauen. Das hättest du dir wohl nicht träumen lassen, daß dein künftiges Geschick sich hier in Restovicz entscheiden würde?«

»Nein, gnädige Frau!« kam es gepreßt von den Lippen des jungen Mädchens. Paula hatte ihre Beschützerin nie anders genannt und war auch nie aufgefordert worden, es zu thun. Jetzt wurde es ihr gnädig zugestanden: »Du wirst mich fortan ›Tante‹ nennen, mein Kind. Die Braut meines Neffen hat ein Recht darauf, und ich billige seine Wahl vollkommen. Ulrich braucht eine Frau, eine Gefährtin in seiner Einsamkeit, damit er sich der Welt und den Menschen nicht ganz entfremdet. Du bist mein Schützling und ich habe es deiner Mutter versprochen, für deine Zukunft zu sorgen. Daß sie sich so glänzend gestalten würde, hast du wohl nicht gehofft, aber ich bin überzeugt, du wirst dankbar dafür sein und dem Manne, der dir mit seiner Hand so viel bietet, nun auch mit voller Hingebung und Aufopferung lohnen.«

Das klang trotz des gütigen Tones doch sehr gönnerhaft. Es fiel der Dame gar nicht ein, nach der Einwilligung des jungen Mädchens zu fragen. Für sie war diese Verbindung bereits eine vollendete Thatsache, die selbstverständlich in Demut und Dankbarkeit hingenommen wurde. Paula stand noch immer vor ihr, blaß und bestürzt; endlich sagte sie leise, mit hörbar bebender Stimme: »Ich hatte in der That keine Ahnung davon, daß Herr von Berneck mir seine Neigung zuwendet. Sie sind sehr gütig, daß Sie mich bereits als Verwandte begrüßen, aber ich – ich kann das nicht annehmen.«

»Was kannst du nicht?« fragte Frau Almers ruhig, denn sie verstand die Antwort gar nicht.

»Das Ja aussprechen, das Sie und Ihr Neffe erwarten – ich kann nicht, gnädige Frau!«

Jetzt fuhr die Dame vom Stuhle auf. »Was soll das heißen? Willst du ihn etwa zurückweisen?«

»Ich liebe Herrn von Beineck nicht,« die Stimme des jungen Mädchens gewann zusehends an Festigkeit. »Wenn er wirklich beabsichtigt, mir seine Hand zu bieten, so bitte ich, ersparen Sie ihm und mir eine peinliche Stunde. Ich müßte Nein sagen.«

Frau Almers sah die Sprechende an, als zweifelte sie an deren Verstände, auf einmal aber kam ihr ein Gedanke, dem sie sofort Worte lieh.

»Du liebst einen anderen?« fragte sie scharf. »Du hast irgend eine heimliche Neigung? Ich wüßte zwar nicht, wie das möglich wäre, denn du hast seit zwei Jahren ausschließlich an meiner Seite gelebt, allein es ist die einzige Erklärung. Gestehe!«

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