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Hexengold und andere Erzählungen

Elisabeth Werner: Hexengold und andere Erzählungen - Kapitel 21
Quellenangabe
typenarrative
authorElisabeth Werner
titleHexengold und andere Erzählungen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger G.m.b.H.
year
illustratorM. Flashar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080923
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»Ich bitte ausdrücklich darum. Man hat in Konstantinopel schwerlich Interesse für solche Dinge, wenn man sich in so vortrefflicher Gesellschaft befindet.«

Die Worte klangen in herbster Bitterkeit, aber der Geheimrat hielt es für besser, die Anspielung nicht zu verstehen.

»Elfriede ist allerdings in guter Gesellschaft,« sagte er mit anscheinender Unbefangenheit. »Ich erzählte Ihnen ja, daß sie in Kairo mit Mister und Mistreß Thornton zusammentraf, der englischen Familie, bei der sie im Sommer zum Besuch war. Sie hatten schon damals dies Zusammentreffen verabredet und machten nun gemeinschaftlich die ganze Reise.«

»Mit dem unvermeidlichen Anhängsel, dem geistreichen Herrn Ferdinand Wellborn?«

»Ja, den scheinen sie allerdings nicht losgeworden zu sein! Von Aegypten ist er mit nach Palästina gegangen, von da nach Konstantinopel, und ich bin überzeugt, er taucht auch in der Schweiz auf. Ich fürchte jetzt auch, er steuert auf ein ganz bestimmtes Ziel los, und solch ein unermüdliches und beharrliches Werben wirkt schließlich bei jeder Frau. Elfriede besonders ist unberechenbar in mancher Hinsicht. Wenn sie sich wirklich überreden ließe, ihr Jawort zu geben, dann –«

Robert stand plötzlich auf und griff nach seinem Hute.

»Dann verdient sie einen solchen Gatten,« sagte er mit äußerster Schroffheit. »Ich wünsche der gnädigen Frau Glück dazu.«

»Sie wollen schon fort?« fragte Rottenstein bestürzt. Er war ärgerlich auf sich selbst, er wußte es ja längst, daß Adlau die Berührung dieses Punktes nun einmal nicht vertrug, und hatte sich doch dazu verleiten lassen.

»Sie sind ja kaum eine halbe Stunde hier gewesen,« fuhr er bittend fort. »Haben Sie es denn so eilig?«

»Jawohl, ich will noch nach dem Reichenauer Forste und mir den dortigen Bestand ansehen. Das Waldrevier soll verkauft werden, es wurde mir angeboten und es liegt mir sehr bequem. Da heißt es, sich rasch entschließen und zugreifen. Also auf Wiedersehen!«

Er ging nach flüchtigem Gruße; der alte Herr blickte ihm nach und schüttelte den Kopf. »Er kann's nicht verwinden – trotz alledem!« sagte er halblaut. »Er wirtschaftet zwar in Brankenberg herum, daß einem Hören und Sehen vergeht, aber Freude hat er nicht daran, und dies Einsiedlerleben kommt auch nur von dem Groll und der Verbitterung her. Ja ja, Friedel, den Robert hast du auf dem Gewissen!«

Ob Elfriede wirklich so ganz gleichgültig war gegen die Nachricht, die er ihr geschrieben hatte? Man hatte ihn damals mit der Schreckensbotschaft vom Schreibtische fortgerufen, und als er zurückkam, noch ganz unter dem ersten Eindruck des Unfalls, der im Anfange gefährlich genug schien, hatte er nur eine Nachschrift unter den halb vollendeten Brief gesetzt: »Ich komme eben von Brankenberg, wo Robert schwer verwundet liegt. Ein Sturz mit dem Pferde – es steht leider alles zu befürchten!«

Das war ja nun glücklicherweise ganz anders gekommen, aber antworten mußte man doch wenigstens auf eine derartige Meldung.

Der Geheimrat sah allein bei seinem Glase, aber der Wein schmeckte ihm nicht mehr, und er versank in trübe Gedanken. Nun kam der Sommer, die schönste Zeit am Rhein, und andere kamen aus weiter Ferne, um das zu genießen, aber er selbst mußte sein behagliches Heim verlassen und auswandern, nach der großen, von Menschen überfüllten Sommerfrische der Schweiz. Es blieb ihm ja nichts anderes übrig, wenn er sein einziges Kind wiedersehen wollte. Elfriede hatte ihm in ihren Briefen mit vollstem Nachdruck wiederholt, sie werde nie wieder Lindenhof betreten, solange der Herr von Brankenberg in seinem Schlosse wohne. Bei der Nähe der beiden Orte hätte sich allerdings eine Begegnung nicht vermeiden lassen!

Da hieß es also wieder monatelang in ungemütlichen Hotelzimmern wohnen und den ganzen Lärm des Reiseverkehrs aushalten, der dann auf seiner Höhe stand. Da ging es wieder Tag für Tag hinaus, auf alle möglichen Berggipfel, zu Pferd, zu Wagen, mit den Bahnen, eine ruhelose Hetzjagd vom Morgen bis zum Abend. Diesmal aber dachte der geplagte Vater nicht daran, durchzugehen, er hatte genug an dem einen Male.

Er griff schließlich nach der Zeitung, um auf andere Gedanken zu kommen, und hatte wohl eine Stunde lang gelesen, da fuhr draußen am Gitterthor ein Wagen vor. Er sah auf: die beiden Koffer deuteten auf Fremde, und der Herr, der soeben ausstieg, schien auch den Kutscher nach dem Namen des Landhauses zu fragen. Rottenstein wurde aufmerksam, die Gestalt kam ihm so bekannt vor. Das konnte doch unmöglich – aber jetzt kam der junge Mann durch den Garten, im eleganten, hellen Reiseanzuge, einen Strohhut auf dem sorgfältig gekräuselten Haar, den unvermeidlichen Baedeker in der Hand – wahrhaftig, das war Ferdinand Wellborn und kein anderer!

Dem Geheimrat fuhr der Schrecken in alle Glieder. Das konnte nur einen Grund haben. Elfriede hatte ihr Jawort gegeben und ihr Verlobter kam nun, um sich den väterlichen Segen zu holen. Eine andere Erklärung gab es gar nicht für dies plötzliche Auftauchen.

»Friedel, das hättest du mir und dem Robert doch nicht anthun sollen!« stöhnte der alte Herr verzweiflungsvoll. »Solch einen Schwiegersohn, das halte ich nicht aus!«

Wellborn kam bereits die Stufen der Veranda herauf, prallte aber förmlich zurück, als er den Hausherrn erblickte, den das Weinlaub seinem Blick bisher entzogen hatte. »Herr Geheimrat – Sie sind wirklich noch am Leben?«

»Warum soll ich denn nicht am Leben sein?« fragte der Geheimrat, der seinen künftigen Schwiegersohn in ziemlich gereizter Stimmung empfing. »Haben Sie vielleicht etwas dagegen?«

»O nein, durchaus nicht – ganz im Gegenteil! Aber es ist doch merkwürdig, daß Sie so dasitzen!«

»Ich finde es noch weit merkwürdiger, daß Sie da sind. Ich glaubte Sie in Konstantinopel.«

»Ja, dort war ich nsch vor drei Tagen, aber jetzt bin ich hier,« sagte Ferdinand verwirrt. »Sie sind also wirklich ganz munter und lebendig?«

»Das sehen Sie doch!« rief der alte Herr, höchst beleidigt durch diesen fortwährenden Zweifel an seiner Lebendigkeit. »Haben Sie vielleicht geglaubt, mich als Leiche zu finden?«

»Ja, das glaubten wir allerdings – das heißt, wir fürchteten es,« verbesserte sich Wellborn schnell, als jener entrüstet auffuhr. »Die gnädige Frau war in Todesangst und wollte auf der Stelle abreisen, die Kammerjungfer erklärte, in den zwei Stunden nicht packen zu können, da wurde sie einfach mit dem Gepäck zurückgelassen. Die Frau Baronin nahm nur das Allernotwendigste mit – mich hat sie auch mitgenommen. Das heißt, sie wollte es durchaus nicht, aber Mistreß Thornton bestand darauf, daß sie in dieser Angst und Aufregung nicht allein reisen dürfe – und die Kammerjungfer wird mit den Koffern nachkommen.«

»Aber so erklären Sie mir doch endlich die Ursache!« unterbrach ihn Rottenstein, der bei diesem ohne jede Pause hervorgesprudelten konfusen Bericht die Geduld verlor. »Ich verstehe kein Wort von der ganzen Geschichte, so reden Sie doch vernünftig!«

Der Aufgeregte mochte es wohl selbst fühlen, daß sein Vortrag einigermaßen der Klarheit entbehrte, und so fing er denn noch einmal von vorn an.

»Wir waren in Konstantinopel, mit unseren englischen Reisegefährten, da kam der Unglücksbrief, mit der Nachricht von Ihrem Unfall, von dem schweren Sturze. Mister Thornton wollte erst telegraphisch nähere Nachrichten einziehen, aber die gnädige Frau wollte nichts davon hören und beschloß die sofortige Abreise. So nahmen wir denn den Orientexpreßzug und sind nur so durch die Länder geflogen, es war eine höchst anstrengende Fahrt. Und nun sitzen Sie hier bei einer Flasche Wein und man sieht Ihnen gar nichts mehr an. O, das ist merkwürdig, höchst merkwürdig!«

Dem Geheimrat ging jetzt ein Licht auf und sein ganzes Gesicht verklärte sich dabei. Das also war die Wirkung jener Nachricht aus Brankenberg gewesen! Nun kommst du doch, Friedel, und noch dazu mit dem Orientexpreßzug! triumphierte er innerlich, aber er sah doch ein, daß er den Vorwand bestätigen müsse, den seine Tochter für ihre plötzliche Abreise erfunden hatte.

»Ja, die Geschichte war gar nicht so gefährlich, als sie anfangs aussah,« sagte er im gemütlichsten Tone. »Ich bin allerdings die Treppe heruntergefallen –«

»Nein, Sie fielen ja in den Graben, weil der Wagen ein Rad verlor,« berichtigte Wellborn, der die Sache viel genauer wußte als der Betroffene selbst.

»Richtig, in den Graben! Ich weiß das nicht mehr so genau, mein Kopf hat doch etwas gelitten. Eine kleine Gehirnerschütterung, die aber Gott sei Dank nichts auf sich hatte. Doch nun sagen Sie mir vor allen Dingen, wo ist denn eigentlich meine Tochter?«

»Ist sie denn noch nicht hier?« fragte Ferdinand höchst betroffen. »Mein Gott, sie hat mich ja schon vor zwei Stunden verlassen und einen Fußweg nach Lindenhof genommen, der bedeutend näher sein soll als die Fahrstraße – durch den Reichenauer Forst, wie sie sagte.«

Der alte Herr sprang vom Stuhle auf. Der Reichenauer Forst! Da gab es nur einen Fußweg und der Wald war überhaupt nicht so groß, daß man sich darin verfehlen konnte. Da lief die Friedel dem Robert ja geradezu in die Arme! »Bravo!«

Er hatte das letzte Wort ganz laut gerufen und fügte nun erklärend hinzu: »Ich freue mich nämlich sehr, daß meine Tochter da ist!«

»Bitte, vorläufig ist sie noch nicht da,« warf Ferdinand mit besorgter Miene ein. »Wir fanden keinen Wagen auf der kleinen Station, wo wir ausstiegen; es mußte erst in das Dorf geschickt werden, und der Stationsvorsteher sagte, es könne wohl eine Stunde dauern. So lange wollte die gnädige Frau aber nicht warten, sondern zu Fuß vorausgehen. Ich wollte sie natürlich begleiten, aber sie meinte, ich müsse bei dem Gepäck bleiben. Das that ich denn auch und habe die Koffer gleich mitgebracht.« Der gute Ferdinand erzählte das ganz naiv, ohne zu merken, welche klägliche Rolle er dabei spielte. Er war es freilich längst gewohnt, von der Dame seines Herzens als eine Art höherer Kammerdiener behandelt zu werden, der auf der Reise alles Nötige besorgte, und den man dann, je nach Bedarf, entweder mitnahm oder bei dem Gepäck zurückließ, das fiel ihm gar nicht mehr auf. Geheimrat Rottenstein aber wurde jetzt auf einmal die Liebenswürdigkeit selbst. Er lud den jungen Mann zum Sitzen ein, bot ihm Wein an und äußerte gar keine Besorgnis wegen des Ausbleibens seiner Tochter. Sie kenne den Weg ja genau, man müsse eben warten. Ihm war diese Verspätung der sicherste Beweis, daß Elfriede »jemand« begegnet sei.

Wellborn war sehr angenehm berührt von dieser Liebenswürdigkeit. Er nahm Platz und begann zu erzählen, wobei er wie gewöhnlich alles mögliche durcheinander schwatzte. Zunächst von der Reise, die er das Glück gehabt hatte, in Gesellschaft der gnädigen Frau zu machen. Es herrsche so unendlich viel Sympathie zwischen ihnen beiden, die Frau Baronin liebe das Reiseleben, er auch, er habe sich jetzt sogar zu einer Reise um die Erde entschlossen. Dann kam er plötzlich ganz unvermittelt auf seine Fabrik, die schon seinen Papa zum reichen Mann gemacht habe und fortwährend glänzende Geschäfte mache. Er habe zwar nicht Rang und Titel zu bieten, aber sonst ständen alle Annehmlichkeiten des Lebens zu Gebote, ihm, dem glücklichen Erben, und einem Wesen, das er nicht nennen wolle, das aber vielleicht erraten werde, da es dem Herrn Geheimrat sehr nahe stehe – kurz, er steuerte, zwar noch etwas schüchtern, aber doch unverkennbar, auf den väterlichen Segen los.

Das hatte nun zwar jetzt keine Gefahr mehr, aber der Geheimrat sah doch ein, daß er es nicht zu einem förmlichen Antrage kommen lassen dürfe. Er lenkte deshalb rasch ab und erkundigte sich angelegentlich nach dem Befinden des Wetterglases.

In dem Gesicht des jungen Mannes zeigte sich eine gewisse Verlegenheit bei dieser Frage, aber er zog sofort das Glas hervor, das er natürlich wieder bei sich hatte, stellte es auf den Tisch und betrachtete es mit nachdenklicher Miene.

»Ja, das ist eine merkwürdige Geschichte,« gestand er. »Denken Sie nur, mein Wetterglas stand in Aegypten fortwährend auf Regen, monatelang – und am Nil regnet es ja überhaupt nicht.« »Da hat sich das Ding eben geirrt, das passiert ihm ja gewöhnlich,« meinte der alte Herr wohlwollend. »Da hat mein Gärtner ein zuverlässigeres Wetterglas. Sein Laubfrosch saß gestern abend trotz des Regens auf der höchsten Stufe seiner Leiter, und heut haben wir wirklich herrliches Wetter.«

»Das zeigt mein Glas ja auch an!« rief Wellborn triumphierend. »Da sehen Sie selbst – Beständig – höchster Stand! Nein, wie mich das freut!«

»Wohl weil es so selten vorkommt?« sagte der Geheimrat, aber Ferdinand lächelte etwas verschämt.

»O nein, aus einem anderen Grunde. Ich bekenne mich da einer gewissen Schwäche schuldig. Es ist eine Art Aberglaube – lachen Sie nur, Herr Geheimrat – aber ich nehme diesen günstigen Stand als ein glückliches Vorzeichen für mein Eintreffen in Ihrem Hause, für einen Wunsch, eine Hoffnung, die ich noch nicht nennen will, deren Erfüllung mich aber zum Glücklichsten der Sterblichen –«

Da steuerte er schon wieder auf den Segen los. Rottenstein mußte zum zweitenmal dazwischen fahren, und diesmal erkundigte er sich mit krankhaftem Eifer, wie weit denn das große Reisewerk gediehen sei. Er empfing auch ausführlichen Bescheid. Die Reisebeschreibung war fertig und sollte demnächst erscheinen, in glänzender Ausstattung, natürlich auf Kosten des Verfassers, dessen Mittel ihm das ja erlaubten. Damit geriet Ferdinand wieder ins Schwatzen und fand kein Ende dabei.

Der alte Herr hörte so wenig zu wie damals unter den Oliven, aber heute schlief er nicht ein, sondern schwelgte in dem erhebenden Bewußtsein, schließlich doch erfolgreich eingegriffen zu haben, wenn auch ganz absichtslos. Er war es ja doch gewesen, der die Nachricht aus Brankenberg gesandt hatte. Der Reichenauer Forst zog sich dicht an der Grenze von Brankenberg hin. Es war ein prächtiger Laubwald, dessen mächtige Baumkronen im Sommer tiefen, kühlen Schatten spendeten; jetzt flutete der Sonnenschein noch hell durch die Zweige, die das erste zarte Laub trugen, er glitzerte zwischen den Stämmen und spielte in goldenen Lichtern auf dem Boden, wo der Waldmeister duftete und allerlei lustiges Frühlingsleben summte und sich regte.

Etwas abseits von dem schmalen Fußwege, der sich durch den ganzen Forst schlängelte, lag ein schattiges Plätzchen. Das grüne Unterholz, das schon reicheres Laub trug, war hier hoch aufgeschossen und in seinem Schütze plätscherte ein kleiner Waldbrunnen, kunstlos in einer Röhre von Baumrinde aufgefangen. Der helle Wasserstrahl sprudelte aus moosigem Gestein hervor, das von blühenden Ranken dicht umsponnen war, und ein Wildrosenstrauch, ganz übersät mit zarten, rosig angehauchten Blüten, neigte sich tief herab auf den einsamen Quell.

Neben den Steinen, auf dem moosbedeckten Boden ausgestreckt, lag Robert Adlau; aber er schien sich wenig um den Forstbestand zu kümmern, den er doch besichtigen wollte. In finsteres Sinnen verloren, blickte er unverwandt in das niederrieselnde Wasser.

Jetzt, wo er allein war und keinem fremden Auge mehr standzuhalten brauchte, trat der Zug verbissenen Schmerzes in seinem Gesichte deutlicher hervor. Sein alter Freund hatte ganz recht gesehen, der Mann konnte noch immer nicht verwinden, was der Jüngling einst verloren hatte; es ließ ihn nicht los. Wohl hatte er geglaubt, es sei vergessen und begraben, als er aus der Ferne zurückkehrte: da kam jene Begegnung und da flammte die alte Jugendliebe hell wieder auf. Jetzt wußte er es freilich, daß sie nicht gestorben war, aber das füllte die Kluft nicht aus, die sich von neuem aufthat zwischen zwei Menschen, die sich einst so nahe standen. Sie hatten es eben verlernt, einander zu verstehen.

Ein Mann wie Adlau war freilich nicht geschaffen, sich in schmerzlicher Sehnsucht zu verzehren; im Gegenteil, er grollte bitter mit der Frau, die ihren Starrsinn so wenig beugen wollte wie er den seinen, aber vergessen konnte er sie nicht. Was half es, daß er sich in die Arbeit stürzte und sein Brankenberg zu einem ganz neuen Reiche umschuf: er hatte keine Freude daran!

.

In jeder einsamen Stunde regte sich wieder das alte Weh und regte sich um so schärfer, je trotziger er versuchte, es niederzuhalten, es war stärker als er.

Er hatte lange so dagelegen und erinnerte sich nun endlich, daß es Zeit sei, zu gehen. Mit einer unwilligen Bewegung schüttelte er die Träumerei ab und richtete sich halb empor, aber verharrte wie gebannt in dieser Stellung. Durch den frühlingslichten Wald, der noch einen vollen Einblick gestattete, kam eine Dame, ganz allein. Sie war noch in ziemlicher Entfernung, aber dem einsamen Manne stockte doch der Atem beim Anblick der schlanken Gestalt in dem grauen Reisekleide. Sein starres, ungläubiges Staunen hielt eine Weile an, dann blieb ihm kein Zweifel: es war Elfriede von Wilkow.

Sie kam rasch näher, ohne auf ihre Umgebung zu achten. Die Augen zu Boden gesenkt, eilte sie vorwärts, wie gejagt von einer inneren Angst. Jetzt betrat sie den kleinen Seitenpfad, der, eine Windung des größeren Weges abschneidend, zum Waldbrunnen führte, jetzt erreichte sie diesen, da sprang Robert auf und trat ihr entgegen.

Ein Aufschrei rang sich von den Lippen der jungen Frau, totenbleich, bebend an allen Gliedern, blickte sie auf den Mann, den sie tödlich verwundet, sterbend glaubte und der nun hier mitten im Walde ihr gegenüberstand. Das war zu viel für ihre schon durch die Angst erschöpfte Kraft, sie schwankte und griff nach den Holunderzweigen, als suchte sie einen Halt. Zu demselben Augenblick war Robert aber auch schon an ihrer Seite und stützte sie.

»Um Gottes willen, was ist Ihnen? – Habe ich Sie erschreckt? – Elfriede!«

Erst seine Stimme, seine unmittelbare Nähe schienen die junge Frau zu überzeugen, daß diese Erscheinung Wirklichkeit sei. Ihr Blick glitt scheu und fragend über ihn hin, er war wohl bleicher als sonst, aber doch unverändert; jetzt sah sie auch die Binde um seine Stirn, ein wirkliches Zeichen des Unfalls, und mit der Erkenntnis seiner Rettung kam ihr auch die Besinnung zurück. Mit einer raschen, beinahe heftigen Bewegung machte sie sich los von dem stützenden Arme.

»Mir ist nichts, gar nichts!« sagte sie, mit einem vergeblichen Versuche, sich zu fassen. »Sie traten nur so plötzlich hervor – ich war in der That erschrocken.«

Sie ließ sich auf einem der moosbewachsenen Steine nieder, notgedrungen, denn ihre Füße trugen sie nicht mehr. Adlau war zurückgetreten, die alte Gereiztheit erwachte wieder in ihm bei der fluchtähnlichen Bewegung, mit der Elfriede sich ihm entzog. Er ahnte ja nicht, daß sie von seinem Unfall etwas wußte, konnte nicht erraten, was sie hergeführt hatte. Aber sie war so bleich, sie zitterte noch immer, und dann ihr Aufschrei, als sie ihn erblickte; schwankend zwischen Unwillen und aufflammender Hoffnung, stand er vor ihr, aber seine Lippen waren fest zusammengepreßt. Die junge Frau bracht endlich das beklemmende Schweigen. »Ich bin auf dem Wege nach Lindenhof,« erklärte sie leise. »Ich will zu meinem Vater.«

»Und ich komme eben von ihm,« fiel Robert ein. »Er ahnt noch nichts von Ihrer Ankunft, Sie wollen ihn vermutlich überraschen.«

In das bleiche Gesicht Elfriedens stieg eine helle Glut bei dem Gedanken an die Veranlassung ihrer Reise. Sie hatte in besinnungsloser Angst zu dem Vater gewollt, um mit ihm nach Brankenberg zu eilen – der Todesgefahr gegenüber fielen ja alle Schranken, alle Rücksichten, Aber jetzt stand Robert lebend vor ihr, jetzt durfte er nicht ahnen, was sie hergetrieben hatte, um keinen Preis!

»Es gilt allerdings eine Ueberraschung,« bestätigte sie, und es gelang ihr wenigstens einigermaßen, das Beben ihrer Stimme zu beherrschen. »Ich weiß ja, wie schwer es meinem Vater wird, sein geliebtes Lindenhof zu verlassen, ich wollte ihm das ersparen, und dann – dann hatte ich auch Sehnsucht nach unserem Rhein.«

»Nach unserem Rhein! Gilt er Ihnen wirklich noch dafür?«

»Wie vorwurfsvoll das klingt! Trauen Sie mir denn gar kein Heimatsgefühl zu?«

»Für den kalten grauen Norden? Für die Enge der deutschen Verhältnisse? Damals in Korfu hatten Sie nur Spott dafür.«

»Nun, dann bin ich wohl dafür bestraft,« versuchte Elfriede zu scherzen. »Ich habe diesmal im Orient tatsächlich Heimweh gehabt, Sehnsucht nach einem deutschen Frühling.«

»Wirklich? Und findet er noch Gnade vor Ihren Augen?«

Die junge Frau schwieg. Sie hatte ja nichts gesehen von all der Frühlingspracht ringsum, nicht auf ihrer Fahrt durch Deutschland, nicht auf dem Wege hierher. Vor ihrer Seele stand nur das eine, Furchtbare: die Todesgefahr des Mannes, den sie liebte – wie sehr, das hatte ihr die Stunde gezeigt, in der sie jene Nachricht empfing. Jetzt hob sie das Auge zu ihm empor, mit einem tiefen Atemzuge der Erlösung, und dann floh es doch wieder scheu das seinige und schweifte hinaus in den sonnigen Forst, jetzt erst sah sie, daß es Lenz geworden war in der Welt.

Hier freilich zeigte sich kein südliches Landschaftsbild mit Lorbeeren und Cypressen, keine mächtigen Berggipfel ragten auf, kein tiefblaues Meer wogte fern am Horizonte, aber hier rauschte ein deutscher Wald in seinem lichten Maiengewande. Durch die zartgrünen Schleier des jungen Laubes blickte der klare Frühlingshimmel mit den weißen Wolken, die hoch oben dahinschifften, und der Sonnenschein flutete herein und durchleuchtete den ganzen Wald mit goldigem Schimmer. Von allen Zweigen sang und klang es mit süßem Gezwitscher, mit hellem Lockruf, mit jubelndem Finkenschlag, und in den Gebüschen ringsum regte sich ein Wehen, ein Summen und Schwirren ohne Ende.

Und inmitten dieses Waldwebens rauschte und rieselte der einsame Quell, der da aus dem Gestein hervorbrach mit seinem hellen Wasserstrahl, überschattet von den blühenden Wildrosen. Es klang und flüsterte in diesem Rauschen geheimnisvoll, aber deutlich vernehmbar für die beiden, die sich hier so nahe und doch so fern gegenüberstanden: Habt acht! Laßt die Schicksalsstunde nicht wieder entfliehen! Sonst ist's vorbei – vorbei!

Robert harrte vergebens einer Antwort auf seine Frage, sein Blick ruhte mit schmerzlichem Ausdruck auf dem Antlitz der jungen Frau, als er fortfuhr: »Wie lange ist es denn her, daß wir zusammen einen deutschen Frühling erlebten? Wissen Sie es noch, Elfriede? Ich zog damals hinaus, um drüben jenseit des Ozeans das Glück zu suchen, aber ich hatte mir die Sache doch allzuleicht gedacht. Der Kampf um das Glück wurde zunächst nur ein verzweifelter Kampf um das Dasein überhaupt. Oft genug war ich am Unterliegen, aber da war eines, was mich immer wieder emporriß, was mir Mut und Kraft gab zu neuem Ringen, eine Hoffnung, die Erinnerung an jene Abschiedsstunde, wo meine Braut an meiner Brust lag und mir unter Thränen gelobte: ›Was auch kommen mag, Robert, ich lasse nicht von dir!‹«

»Robert, ich bitte Sie – nicht diese Erinnerungen!« Die Stimme der jungen Frau klang halb erstickt, aber er beachtete die Bitte nicht, sondern fuhr mit steigender Bitterkeit fort: »Zwei Jahre später freilich, da erhielt ich einen Brief, der ganz anders klang. Da wurde mir mitgeteilt, daß sich ein reicher, vornehmer Freier gefunden habe, der alles das bieten konnte, was mir fehlte, daß die Eltern drängten, daß – kurz und gut, ich las es deutlich zwischen den Zeilen, daß man der ›aussichtslosen Geschichte‹ müde war. Der Frau Mutter war sie ja stets ein Dorn im Auge gewesen; als sich nun vollends eine glänzende Partie fand, da war mein Urteil gesprochen. Und du, Elfriede – du gabst mich auf!« »Nein, du warst es, der mich aufgab!« fuhr Elfriede mit vollster Heftigkeit auf. »Ich stand allein, schutzlos, dem unermüdlichen Werben Wilkows, dem Drängen meiner Mutter gegenüber. Sie hielt es mir täglich vor, daß ich schon halb vergessen sei, deine Briefe würden ja immer kürzer, immer spärlicher – o, ich wußte das am besten! In meiner Angst, in meinem erwachenden Mißtrauen suchte ich bei dir Schutz. Ich schrieb dir alles, und was war die Antwort? Du sagtest dich los von mir mit den wildesten Anklagen gegen mich und meinen ›Verrat‹, mit dem Ausbruch eines maßlosen Hasses gegen den Mann, der um mich warb, und den du nicht einmal kanntest. Du gabst mir nicht mein Wort zurück – vor die Füße hast du es mir geworfen!« Der Vorwurf mochte wohl nicht ungerecht sein, denn Robert wies ihn nicht zurück und seine Stimme klang milder, als er erwiderte: »Meine Briefe – nun ja, die mögen kurz und karg gewesen sein, weil ich nichts Gutes zu melden hatte. Ich war ausgezogen mit dem stolzen Versprechen, uns ein Vermögen zu erringen, und sollte nun eingestehen, daß ich tagtäglich mit der bittersten Not rang! Es wollte mir ja nichts, nichts glücken! Was ich begann, schlug fehl, was ich wirklich einmal gewann, das ging wieder verloren. Und mitten in diesem verzweifelten Ringen kam der Brief, den ich für eine verhüllte Absage nahm – meine Antwort ist damals nur eine Verzweiflungsthat gewesen!«

»Und mein Jawort an Wilkow war es auch!« sagte Elfriede leise.

»Aber du wurdest doch sein Weib,« warf Robert mit bitterem Vorwurfe ein, »und wie zum Hohne kam bei mir schon im nächsten Jahre der Wendepunkt meines Lebens. Es gelang mir, Fuß zu fassen, und als ich erst fest stand, trotzte ich auch dem Schicksale ab, was es mir bis dahin versagte. Da ging es auf einmal aufwärts mit schwindelnder Schnelligkeit, da suchte mich das Glück förmlich, nachdem es mich so lange geflohen hatte, aber da war es zu spät – ich hatte dich verloren!«

»Verloren?« Die junge Frau sah nicht auf, sie beugte sich tief über den sprudelnden Quell, als sie kaum vernehmbar hinzusetzte: »Du bist ja frei geblieben, Robert, und ich – bin es wieder geworden!«

»Aber du bist eine andere geworden, Friedel, eine ganz andere,« sagte er herb. »Wie du es verlernt hast, die Heimat zu lieben, so hast du auch kein Herz mehr für mich. Damals, bei unserer letzten Begegnung in Korfu, hätte ein Wort von dir unser beider Schicksal entschieden. Ich harrte darauf. Du sahst es, aber du gingst und ließest mich zum zweitenmal allein.«

»Nun, so bin ich jetzt gekommen!« Sie hatte sich emporgerichtet und in den dunklen Augen standen heiße Thränen. »Ich kam freilich in Todesangst, aber ich kam ja doch zu dir!«

»Zu mir?« Adlau stutzte und sah sie einen Augenblick lang verständnislos an, dann aber erriet er die Wahrheit. »Du wußtest also – du hattest erfahren –?«

»Von deinem Sturze, ja. Der Vater schrieb mir, du seiest schwer verwundet, es sei alles zu fürchten; da faßte mich die Angst, die Verzweiflung. Ich ließ mich nicht halten, sondern flog hierher. O, es waren furchtbare Stunden und Tage, aber gleichviel – ich wollte zu dir!«

.

Sie lehnte in ausbrechendem Weinen ihr Haupt an seine Schulter, er hatte ja längst schon die Arme ausgestreckt und sie stürmisch an seine Brust gezogen. Da versiegten denn die Thränen bald.

»Friedel!« Die Stimme Roberts bebte, aber sie klang in vollster Innigkeit. »Friedel, wir können ja doch nicht voneinander lassen, wir haben es oft genug erprobt! Du und ich, wir gehören nun einmal zusammen, nun, so wollen wir es auch zusammen suchen, was noch keiner von uns allein gefunden hat – das Glück!«

Friedel antwortete nicht, sie schmiegte sich nur fester in seine Arme. Zu ihren Füßen rauschte und rieselte der Quell und wieder klang es empor, wie leises Flüstern, wie ein verhallendes Echo – das Glück! Das Glück!

Geheimrat Rottenstein saß noch auf der Veranda mit seinem Gaste und sah nach der Uhr: nun, meinte er, könne die Sache im Reichenauer Forst endlich erledigt sein. Wellborn, der sich die unbegreifliche Sorglosigkeit des Vaters nicht erklären konnte, war längst unruhig geworden über das lange Ausbleiben der jungen Frau. Er behauptete, es müsse ihr im Walde etwas passiert sein, und machte eben zum zweitenmal den Vorschlag, Nachforschungen anzustellen.

»Ist gar nicht nötig, da kommen sie schon!« rief der alte Herr und wies auf das Gitterthor, wo soeben die Vermißte erschien, aber nicht allein.

»Gott sei Dank!« sagte Wellborn. »Aber Herr Adlau ist auch dabei – natürlich, er ist ja Ihr nächster Gutsnachbar.«

»Ja, ich finde das auch ganz natürlich, aber jetzt entschuldigen Sie mich!« rief der Geheimrat, indem er mit jugendlicher Rüstigkeit aufsprang und die Stufen hinabeilte, den Ankommenden entgegen, Wellborn erhob sich gleichfalls und schickte sich an, zu folgen. Er fand es auch ›ganz natürlich‹, daß Elfriede in die weit ausgebreiteten Arme des Vaters flog und sich an seine Brust warf, aber dann kam etwas, das er ›merkwürdig‹ fand. Der alte Herr wandte sich zu Adlau und streckte ihm die Hand hin, aber dieser umarmte ihn ohne weiteres und küßte ihn herzhaft auf beide Wangen. Das schien ja eine sehr intime Freundschaft und Nachbarschaft geworden zu sein, ob die gnädige Frau wohl damit einverstanden war? Ferdinand setzte eben den Fuß auf die Treppe, da – da legte dieser Freund und Nachbar urplötzlich den Arm um die gnädige Frau und küßte sie, hier im offenen Garten, am hellen Mittage, und sie schien ganz einverstanden damit!

Der junge Mann stand da wie eine Salzsäule. Er begriff überhaupt etwas schwer, bei diesem Anblick aber hörte sein Begriffsvermögen vollständig auf. Doch schon in der nächsten Minute ward ihm die Erklärung dafür, denn die laute, fröhliche Stimme des alten Herrn tönte bis zu ihm herüber: »Also verlobt habt ihr euch, Kinder? Das dachte ich mir, weil die Geschichte so lange dauerte, und eine Ueberraschung war das gar nicht für mich! Ich saß bereits seit einer halben Stunde auf der Veranda und wartete auf das Brautpaar. Aber eine Freude habt ihr mir gemacht, eine wahre Herzensfreude!«

Er breitete die Arme aus, und nun fing das Umarmen wieder an. Dem unglücklichen Ferdinand wurde es ganz schwarz vor den Augen. Er hatte gerade noch so viel Besinnung, sein Wetterglas vom Tisch zu raffen und damit in den Hausflur zu flüchten, der glücklicherweise auf der anderen Seite wieder hinaus und in den Hintergarten führte. Wie er eigentlich durch diesen Garten und hinausgekommen war, das wußte Wellborn dann selbst nicht. Er stand auf einmal am Ufer eines kleinen Baches, der lustig plätschernd zwischen Weinbergen dahineilte, und starrte wie geistesabwesend auf sein Wetterglas, das er krampfhaft festhielt. Dieses schändliche Glas wollte noch immer die günstige Vorbedeutung aufrecht erhalten, es stand unverrückt auf »Schön Wetter«. Da packte den jungen Mann die Wut.

»Du bist falsch, wie der, der dich erfunden hat, grundfalsch!« brach er ingrimmig aus. »Und sie ist auch falsch, die ganze Welt ist es! Fort mit dir!«

In weitem Bogen flog das Wetterglas hinein in die Weinreben, wo es klirrend aufstieß; aber diese außergewöhnliche Benutzung schien ihm Spaß zu machen. Es blieb nicht liegen, sondern hüpfte in lustigen Sprüngen den ganzen Berg hinunter und schließlich in den Bach. Da tauchte es noch einmal auf und verschwand dann in den Wellen. Merkwürdig, wie das ganze Dasein dieser Erfindung, war auch ihr Ende!

Dem Geheimrat Rottenstein war es eine große Erleichterung, als er bei der Rückkehr in die Veranda seinen Gast nicht mehr vorfand. Man wäre doch einigermaßen in Verlegenheit gewesen, was mit Ferdinand anzufangen sei, und erriet ungefähr, weshalb er so spurlos verschwand. Der alte Herr aber fand es jetzt für gut, in die Tiefe seines Kellers niederzutauchen, um dort etwas ganz Besonderes heraufzuholen. Er nahm eben den Schlüssel, da ertönte draußen ein Lachen, so hell, so übermütig und jugendfrisch, wie er es lange Jahre nicht gehört hatte.

»Gott sei Dank, sie kann wieder lachen, meine Friedel!« sagte er seelenvergnügt. »Das war ganz der alte Ton! Und jetzt brauche ich auch nicht mehr nach Aegypten oder gar nach Indien, jetzt ›versumpfe‹ ich fröhlich weiter hier in meinem Lindenhof!«

Zufällig hatte Robert draußen auf der Veranda dasselbe Wort ausgesprochen; er hatte seine Braut gefragt, ob sie denn wirklich entschlossen sei, in Brankenberg zu versumpfen, und damit jenes helle Lachen hervorgerufen; jetzt aber fügte er tröstend hinzu: »Aber gar zu eng wollen wir uns doch nicht einspinnen in unserem Nest. Ich bin ja auch lange genug ›da draußen‹ gewesen; da bleibt immer etwas hängen von der alten Wanderlust. Wir fliegen noch manchmal in die Welt hinaus, aber wir wissen dann doch, wo unsere Heimat ist. Wird dir das genug sein, Friedel?«

Die junge Frau war plötzlich ernst geworden und ihre Augen schimmerten feucht, als sie leise erwiderte: »Wenn du wüßtest, Robert, wie unglücklich ich gewesen bin in all den Jahren, wo sich die halbe Welt vor mir aufthat, wie öde und einsam es in mir war, während eine ganze Flut von Menschen mich umwogte! Eingestanden habe ich das freilich niemals, nicht einmal mir selber, aber sie ist mir wie ein verlorenes Paradies erschienen, jene Zeit, wo wir beide noch arm waren – und so jung, so hoffnungsreich!«

Robert lächelte nur und sah ihr tief in das Auge, »Nun, so uralt sind wir doch auch jetzt noch nicht, sollte ich meinen! Wir müssen es eben lernen, wieder jung zu sein. Den Reichenauer Forst aber kaufe ich jetzt unter allen Umständen. Da haben wir beide heute den Quell entdeckt, aus dem man sich neue Jugend trinkt und neues Leben, und den lassen wir keinem anderen, gelt Friedel? Den wollen wir hüten unser Leben lang!«

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