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Hexengold und andere Erzählungen

Elisabeth Werner: Hexengold und andere Erzählungen - Kapitel 20
Quellenangabe
typenarrative
authorElisabeth Werner
titleHexengold und andere Erzählungen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger G.m.b.H.
year
illustratorM. Flashar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080923
projectid86a408db
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Er hielt inne, als wartete er auf eine Antwort, doch diese erfolgte nicht; wohl aber bebte der Stift in der Hand der jungen Frau, die sich tief auf ihre Zeichnung herabbeugte, und sie merkte es nicht einmal, daß sie mit allerlei wirren Linien die ganze Skizze verdarb. Robert schien doch etwas anderes erwartet zu haben als dies hartnäckige Schweigen, allein er machte keinen Versuch, es zu brechen, sondern ließ das Thema plötzlich fallen.

»Doch das sind alte, vergessene Geschichten, die uns beide nichts mehr angehen! Wir haben ja beide Carriere gemacht im Leben, jeder auf seine Weise. Ich will nicht undankbar sein gegen die Fremde, mir hat sie viel gegeben. Was ich bin und habe, danke ich ihr, aber zum ›Lebensquell‹ ist sie mir nie geworden. Der war fern in der Heimat zurückgeblieben, und ich habe mich oft genug danach gesehnt, wie ein Wanderer in der Wüste. Jetzt will ich mich wieder satt trinken daran, will endlich wieder schaffen auf heimischem Boden! Ich frage nicht danach, ob er im kalten, grauen Norden liegt, denn auf meiner Scholle bin ich der Herr und das Dach über meinem Haupte ist mein. Mehr brauche ich nicht – was sonst noch notthut, nehme ich auf mich!«

Er hatte sich emporgerichtet und seine Augen blitzten in stolzer Genugthuung. Es lag etwas wie Neid in dem Blick, mit dem Elfriede auf den Mann schaute, der wie die verkörperte Kraft und Energie vor ihr stand. Er war gesund geblieben im heißen Kampfe des Lebens, gesund an Leib und Seele, und sie, der dies Leben alles gegeben hatte, was es an Gütern nur schenken konnte, sie? – Es stieg plötzlich bitter und verzweiflungsvoll in ihr empor, wie das Weh um etwas unwiederbringlich Verlorenes.

»Sie sehen, ich habe doch kein rechtes Talent zum Weltfahrer,« hob Adlau wieder an. »Aber ein anderer scheint sich unter Ihrer Leitung dazu ausbilden zu wollen. Der getreue Ritter begleitet Sie ja auch nach Aegypten, wie ich höre.« Herr Wellborn hat allerdings gebeten, sich uns anschließen zu dürfen,« sagte Elfriede, ohne den Spott beachten zu wollen. »Wir haben nichts dagegen. Er ist ein angenehmer Reisegefährte, eine harmlos heitere Natur.«

»Jawohl, sehr harmlos – wie alle Schwachköpfe!«

Die junge Frau schlug heftig ihr Skizzenbuch zu und erhob sich.

»Herr Adlau, Sie sind sehr rücksichtslos in Ihren Urteilen.«

»Aber nicht ungerecht, das werden Sie zugeben. Trotzdem steht Herr Wellborn in hoher Gunst bei Ihnen. – Bitte, gnädige Frau, nicht diese Miene der Entrüstung! Ich thue Ihrem Geschmack wirklich nicht die Beleidigung an, da irgend ein Interesse vorauszusetzen. Der gute Narr ahnt es gar nicht, daß er diese Gunst im Grunde nur mir verdankt.« »Ihnen?« wiederholte Elfriede mit scharfer Betonung. »Ich wüßte doch nicht –«

»Aber ich weiß es!« fiel Robert mit ausbrechender Gereiztheit ein. »Ich weiß, wem dies Spiel gilt, das ich oft genug habe mit ansehen müssen, wer damit gestachelt und gereizt werden soll. Sie kennen nur zu gut noch meine alte eifersüchtige Schwäche. Nun denn ja, es hat mich gereizt, trotz alledem, ich will's nicht leugnen! Aber jetzt, wo wir uns trennen, werden Sie den albernen Menschen doch wohl endlich fortschicken. Auf Ihrer Reise nach Aegypten ist er doch überflüssig, sollte ich meinen!«

Dies Geständnis der Eifersucht brach grollend, fast wider Willen aus seinem Innern hervor, aber es war doch immer ein Geständnis und es verfehlte nicht seinen Eindruck auf die junge Frau, deren Antlitz sich plötzlich tief und glühend färbte. Ihre Stimme bebte, als sie unsicher und halblaut sagte: »Was kümmert Sie denn das, wenn Sie in Brankenberg sind? Da liegen ja Länder und Meere zwischen uns.«

»Müssen Sie denn nach Aegypten, Elfriede?« Es klang ein alter, lang nicht gehörter Ton auf in der Frage, in dem Namen, den er zum erstenmal wieder aussprach. »Ihr Vater bringt Ihnen ein Opfer mit dieser Reise, er sehnt sich fortwährend nach seinem Lindenhof. Es steht ja nur bei Ihnen, die Orientfahrt aufzugeben – und heimzukehren.«

Elfriede antwortete nicht, sie fühlte, welches Opfer hier verlangt wurde; nicht das Opfer einer Reise, die ihr höchst gleichgültig war: der Stolz, der Starrsinn in ihr sollten sich beugen. Sie kämpfte augenscheinlich mit sich selber. Ein gutes Wort, eine Bitte hätte in diesem Augenblick alles entschieden, aber Robert Adlau verstand es nun einmal nicht, zu bitten, am wenigsten da, wo er sich im Rechte fühlte. Ihr Zögern reizte ihn aufs äußerste.

»Werden Sie bleiben? Werden Sie den zudringlichen Burschen ein für allemal verabschieden?« fragte er, beinahe drohend, und der herrische Ton rief den ganzen Trotz der jungen Frau wach. Sie richtete sich beleidigt empor.

»Ich weiche keinem Befehl!«

»Und ich verlange keinen Gnadenbeweis, sondern eine Entscheidung! Gehen Sie nach Aegypten? Ja oder nein?«

»Ja!« kam es kurz und hart von Elfriedens Lippen.

In den tief verfinsterten Zügen Adlaus zuckte es, ob vor Zorn oder Schmerz, das ließ sich nicht entscheiden, denn schon in der nächsten Minute verneigte er sich mit eisiger Kälte.

»So wünsche ich Ihnen glückliche Reise, Frau Baronin – leben Sie wohl!«

Er ging, ohne sich noch einmal umzuwenden, sonst hätte er es vielleicht gesehen, wie die junge Frau eine Bewegung machte, als wollte sie ihm nacheilen – zu spät, denn er verschwand bereits hinter der Mauer.

Sein Schritt war längst verhallt und Elfriede stand noch immer bleich und regungslos an dem weinumrankten Pfeiler und schaute hinaus in die Landschaft. Aber sie sah nichts von all der lachenden, sonnigen Schönheit da draußen. Endlich wandte sie sich langsam zum Gehen, ihr Blick glitt noch einmal mit dem alten müden Ausdruck durch das verlassene Gemäuer. Ringsum Verödung und Verfall – und dort der versiegende Quell!

Der Dampfer, der von Alexandrien kam und für einige Stunden in Korfu anlegte, war rechtzeitig eingelaufen und die Reisenden, die ihn zu der Fahrt nach Triest benutzen wollten, rüsteten sich, an Bord zu gehen. Die Träger schleppten von allen Seiten Gepäck herbei, während ein Teil der Boote bereits abstieß und nach dem Schiffe steuerte, das ziemlich weit draußen im Hafen lag.

Geheimrat Rottenstein kam aus seinem Hotel und schlenderte langsam und anscheinend ganz absichtslos durch das Gewühl am Ufer. In Wirklichkeit war er auf dem Wege nach dem Rahnsdorfschen Hause, hatte das aber weislich seiner Tochter verschwiegen, sonst hätte es vermutlich wieder einen Sturm gegeben wie vorgestern. Der alte Herr befand sich in sehr niedergedrückter Stimmung, denn er konnte sich nicht verhehlen, daß sein »Eingreifen« auf das er so stolz gewesen, kläglich gescheitert war. Zwar wußte er nicht, was eigentlich zwischen Elfriede und Adlau geschehen war, und hatte auch nicht gewagt, danach zu fragen, aber die Sache war zu Ende, ganz zu Ende, das stand fest.

Der arme Geheimrat war aus dem süßen Schlummer, dem er sich damals unter den Oliven so behaglich hingegeben hatte, jäh und unliebsam geweckt worden, zunächst durch den Sonnenschirm, der seinen Halt in den Zweigen verlor und ihm gerade auf die Nase fiel. Herr Wellborn, der ebenso jäh in seiner Vorlesung unterbrochen wurde, sprang erschrocken auf und warf dabei den Tisch mit Krug und Gläsern um, während er sein kostbares Wetterglas noch glücklich auffing und vor dem Fall bewahrte. Da erschien auf einmal Frau von Wilkow ganz allein, sehr bleich und in einer Aufregung, die sie sich vergebens zu verbergen bemühte.

Sie hatte sich, ihrer Erklärung nach, beim Zeichnen da oben, in dem »abscheulichen Gemäuer«, einen heftigen Kopfschmerz zugezogen und wollte sofort aufbrechen, da sie ihre Migräne im Anzug fühlte. Die Frage ihres Vaters, wo denn Robert bleibe, wurde mit der kurzen Bemerkung abgefertigt, Herr Adlau mache noch eine Kletterpartie in die Berge hinauf und komme später nach, er werde die Gesellschaft wohl noch einholen. Wellborn eilte in das Haus, um die Maultiere zu bestellen, und zehn Minuten später brach man wirklich auf.

Der Rückweg war freilich sehr ungemütlich. Elfriede sprach überhaupt gar nicht, der Geheimrat nur das Notwendigste, so mußte Ferdinand Wellborn denn allein die Kosten der Unterhaltung tragen, was er auch mit Vergnügen übernahm. Er hatte natürlich nichts bemerkt, glaubte an den Kopfschmerz und brachte sechs oder acht verschiedene Mittel dagegen in Vorschlag. Schließlich kam er wieder bei seinem Lieblingsthema an und erklärte, die Unheilsatmosphäre, die sein Wetterglas verkünde, sei allein schuld an dem Kopfschmerz der gnädigen Frau.

Adlau hatte die Gesellschaft natürlich nicht eingeholt, überhaupt nichts weiter von sich hören lassen. Er hatte nur heute morgen dem Geheimrat seine Karte mit einigen Abschiedsworten gesandt, eine Empfehlung an Frau von Wilkow war nicht beigefügt.

Der alte Herr wußte nun Bescheid, er hatte es vorausgesehen, aber so fremd und kalt wollte er doch nicht von dem Manne scheiden, den er am liebsten Sohn genannt hatte, er wollte ihm wenigstens persönlich lebewohl sagen und war jetzt gerade auf dem Wege zu ihm. Da stieß er natürlich wieder auf den unvermeidlichen Wellborn, der ein eigenes Talent besaß, gerade da aufzutauchen, wo er am unbequemsten war, und in solchen Fällen war er überhaupt nicht wieder loszuwerden. Er blieb auch heute dieser freundlichen Gewohnheit treu und hing sich sofort an den Geheimrat, dem er nicht von der Seite wich. Dieser machte zwar einige krampfhafte Versuche ihn abzuschütteln, vergebens, Ferdinand blieb und ließ vergnüglich das Mühlwerk seiner Rede klappern.

Er erkundigte sich zunächst nach dem Befinden der gnädigen Frau, die gestern leider für ihn unsichtbar geblieben war. Er hatte auf seine Anfragen nur die betrübende Thatsache erfahren, daß die Migräne noch immer anhalte. Dann kam er ganz unvermittelt auf den Dampfer zu sprechen, der draußen im Hafen lag, und mit dem auch Herr Adlau abreisen wolle. Dieser Herr aus Amerika habe sich vorgestern doch ganz merkwürdig benommen. So ohne weiteres zurückzubleiben und die Gesellschaft im Stiche zu lassen! Man merke es, daß ihm der Hinterwäldler noch im Blute stecke. Ob er denn wenigstens einen Abschiedsbesuch gemacht habe?

»Nein!« rief der Geheimrat, der jetzt den letzten Rest seiner Geduld verlor. »Aber ich habe hier noch einige Einkäufe zu machen, und Sie sollten sich bei meiner Tochter melden lassen. Sie befindet sich heute besser, viel besser, ich glaube, sie nimmt Besuch an.«

Dies Mittel that endlich die gewünschte Wirkung, der junge Mann machte schleunigst kehrt und wandte sich nach eiliger Verabschiedung zu dem Hotel zurück, während Rottenstein ebenso eilig nach dem Rahnsdorfschen Hause steuerte, das er denn auch ohne weiteren Zwischenfall erreichte.

Er kam gerade zur rechten Zeit. Adlau war eben im Begriff, von den Seinigen Abschied zu nehmen, und über seine heute sehr düsteren Züge flog der Ausdruck einer freudigen Ueberraschung, als er den alten Herrn erblickte, er hatte ein Lebewohl von dieser Seite wohl nicht erwartet. Auch der Konsul schien verstimmt, er sagte nach der ersten Begrüßung etwas ärgerlich: »Das trifft sich heute sehr ungeschickt, jetzt können wir unserem Robert nicht einmal das Geleit bis zum Dampfer geben! Sie wissen es vermutlich, daß Prinz Karl heute in Korfu erwartet wird. Seine Jacht ist bereits in Sicht und wird in einer halben Stunde landen, ich muß in meiner amtlichen Eigenschaft beim Empfange sein und Meta soll der Prinzessin einen Blumenstrauß überreichen. Es hilft nichts, Schwager, du mußt allein hinausfahren.«

»Aber ich bitte dich,« wehrte Adlau ab. »Je kürzer wir den Abschied machen, um so besser ist es, und übrigens wird es jetzt Zeit zum Aufbruch.«

»Ich werde Sie vertreten, Herr Rahnsdorf,« sagte der Geheimrat. »Keine Einwendung, Robert, ich gebe Ihnen das Geleit bei der Abfahrt. Die See ist ja heute spiegelglatt, und in spätestens einer Stunde bin ich wieder zurück.«

Robert fügte sich, und man ging gemeinsam zu dem Boote, das mit dem Gepäck bereits am Ufer harrte. Der Abschied war in der That kurz, aber um so herzlicher. Adlau hob noch einmal die Kinder empor, um sie zu küssen, schüttelte dem Schwager die Hand und ließ der Schwester eine letzte Umarmung zu teil werden.

»Also im Sommer in Brankenberg! Ich rechne auf euer Versprechen, und die Kinder bringt ihr selbstverständlich mit. Weine nicht, Meta, es ist ja diesmal nur eine Trennung auf Monate. Behüt' Gott, Schwager! Auf frohes Wiedersehen!«

Er sprang in das Boot und Rottenstein folgte ihm, noch ein Grüßen und Winken hinüber und herüber, dann steuerte die Barke hinaus und dem Dampfer zu.

Dort herrschte bereits reges Leben, die Boote legten an und stießen ab, die Reisenden kamen an Bord und auf dem Verdeck wurden die Vorbereitungen zur Abfahrt getroffen. Es war immer noch eine halbe Stunde bis dahin und die beiden Herren, die sich einen stilleren Platz auf dem Vorderdeck gesucht hatten, konnten ungestört plaudern. Aber das Gespräch stockte öfter, es lag doch ein gewisser Zwang darauf, obgleich der vorgestrige Tag und Adlaus Zurückbleiben von keiner Seite erwähnt wurde. Endlich sagte dieser, im Tone der Entschuldigung: »Ich habe im Drange der Abreise nicht einmal mehr Zeit gefunden, Ihnen einen Abschiedsbesuch zu machen. Ich konnte nur meine Karte senden, und es war sehr freundlich, daß Sie trotzdem gekommen sind.«

»Die Karte war mir doch gar zu förmlich,« entgegnete der Geheimrat, mit einem leisen Vorwurf. »Ich wollte Sie wenigstens noch einmal sehen und Ihnen einen Gruß an die Heimat mitgeben.«

»Herzlichen Dank! Und Sie gehen also wirklich nach Aegypten?«

»Ich muß ja wohl, da Elfriede darauf besteht!« Die Antwort wurde in sehr beweglichem Tone gegeben, und dabei ließ der Geheimrat einen sehnsüchtigen Blick über den Dampfer hingleiten. »Wenn Sie wüßten, Robert, wie ich Sie um die Heimkehr beneide!« schloß er wehmütig, »Wie gern ginge ich mit Ihnen nach Haus!«

Adlau stäubte ruhig die Asche von seiner Cigarre und fragte ganz gelassen: »Nun, warum thun Sie es denn nicht?«

»Was – soll ich thun?«

»Mit mir nach Triest fahren und von da weiter nach dem Rhein.«

»Jawohl, nach unserem Rhein! Machen Sie mir doch das Herz nicht noch schwerer mit Ihrem Scherz!«

»Ich scherze durchaus nicht, es ist mir vollkommen Ernst mit dem Vorschlage. In meiner Kabine ist der zweite Platz noch frei, wie ich heute morgen zufällig erfuhr. Das Wetter verspricht uns eine ganz ruhige Seefahrt, es bedarf nur einer kurzen Rücksprache mit dem Kapitän, und an mir haben Sie einen bequemen Reisegefährten. Allerdings können Sie nicht mehr ans Land, aber das ist auch nicht nötig. Meine Reisekasse steht Ihnen zur Verfügung, meine Koffer gleichfalls. Für die paar Tage kann ich Ihnen mit dem Nötigen aushelfen, und in Triest ordnen wir telegraphisch die sofortige Nachsendung Ihres Gepäckes an, die Sache ist ganz einfach.«

Der Geheimrat blickte ihn höchst verdutzt an, jetzt wußte er wirklich nicht mehr, ob das Scherz oder Ernst sei.

»Aber Robert, was fällt Ihnen denn ein? Meine Tochter ist ja doch hier in Korfu und will nach Aegypten.«

»Nun, daran hindert Ihre Abreise sie doch nicht? Natürlich muß Frau von Wilkow benachrichtigt werden, Sie senden einige Zeilen ans Land, um sie zu verständigen. – Da ist ja noch Ihr Hoteldiener! soll ich ihn rufen?«

»Um Gottes willen, nein!« wehrte der alte Herr entsetzt ab. »Ich glaube wahrhaftig, Sie wären zu einem solchen Streiche fähig!«

Statt aller Antwort zog Adlau die Uhr und warf einen Blick darauf. »Wir haben noch zehn Minuten bis zur Abfahrt. Entschließen Sie sich rasch! Denken Sie an Ihr Lindenhof, an die gemütlichen Winterabende am Kamin. Warum wollen Sie durchaus in der Wüste schwitzen? Und dann die Pyramiden, die Kamele – Sie müssen ja hinauf, wenn Sie erst in Aegypten sind!« »Nein, nein!« rief der Geheimrat verzweiflungsvoll. »Aber ich kann doch nicht – lassen Sie mich in Ruhe, Robert – ich kann doch meine Tochter nicht allein im fremden Lande sitzen lassen.«

»Nun, was das betrifft – die Baronin ist selbständig, ist völlig vertraut mit dem Reiseleben und hat ihre erprobte Kammerjungfer bei sich. Wie viele Damen reisen nicht heutzutage allein! – Sie haben natürlich Checks auf Kairo genommen, tragen Sie sie bei sich?«

»Nein, sie liegen noch in Korfu, bei unserem Bankier, aber –«

»Um so besser, dann kann Frau von Wilkow sie ohne weiteres dort erheben. Sie sehen – da wird schon der Anker aufgewunden, es ist die höchste Zeit! Hier ist mein Notizbuch, schreiben Sie nur ein paar Worte, das genügt für den Augenblick.«

Rottenstein wußte nicht, wie ihm geschah, er hatte plötzlich Stift und Notizbuch in der Hand und Robert, der neben ihm stand, diktierte ihm kurz und bündig: »Ich fahre mit Adlau nach Triest, von da weiter nach Haus – alles Nähere brieflich – Checks auf Kairo findest Du bei unserem Bankier – viel Vergnügen in Aegypten! – Dein Dich liebender Vater.«

Bis hierher hatte der alte Herr mechanisch nachgeschrieben, er stand ganz willenlos unter dem Zwange dieses fremden energischen Willens, als er aber nun gar noch seine Vaterliebe bekräftigen sollte, da hörte er auf.

»Aber Robert, ums Himmels willen, das geht ja nun und nimmermehr! Elfriede wird außer sich sein, und mit vollem Rechte. Sie wird –«

»Dein Dich liebender Vater,« wiederholte Adlau diktatorisch. »Haben Sie das? Gut! Die Adresse werde ich selbst schreiben. – Warten Sie noch eine Minute, Sie sollen eine Botschaft mit an das Land nehmen.«

Die letzten Worte waren an den Hoteldiener gerichtet, den er inzwischen herbeigewinkt hatte, und der eben das Schiff verlassen wollte. Robert faltete rasch das Blatt, adressierte es und übergab es dem Manne.

»An Frau Baronin von Wilkow, sofort zu übergeben, und mündlich bestellen Sie, der Herr Geheimrat sei soeben mit mir nach Triest abgefahren. – Hier!«

Das Geldstück, das in die Hand des Dieners glitt, machte diesen sehr bereitwillig. Er versprach pünktliche Besorgung und eilte dann nach der Schiffstreppe; es war in der That die höchste Zeit, denn eben wurde das Zeichen zur Abfahrt gegeben. Der Geheimrat that einen Schritt, als wollte er nacheilen, aber Robert ergriff ihn ohne weiteres am Arme und hielt ihn fest.

»Jetzt kein Schwanken mehr! Sie haben einmal den Entschluß gefaßt –«

»Nein, Sie haben ihn gefaßt!« rief der alte Herr, völlig außer sich. »Ich habe gar nichts gethan, ich habe überhaupt nicht gewußt, wie mir geschah, und bin gar nicht zu Atem gekommen bei der Geschichte. Sie standen ja neben mir und kommandierten wie ein General – Sie sind ein schrecklicher Mensch!«

Der »schreckliche Mensch« hielt ihn noch immer fest und sah in aller Gemütsruhe zu, wie die Schiffstreppe emporgezogen wurde und das letzte Boot abstieß, dann erst ließ er sein Opfer los, dessen Entweichen jetzt nicht mehr zu befürchten war, denn gleichzeitig setzte sich der Dampfer in Bewegung und glitt langsam aus dem Hafen.

»So, jetzt schwimmen wir!« sagte Adlau, im Tone tiefster Befriedigung. »Nun will ich nach der Kajüte und Rücksprache wegen Ihres Platzes nehmen. Freuen Sie sich doch, Herr Geheimrat, jetzt geht es nach Hause!« Damit ging er, aber der arme Geheimrat dachte nicht daran, sich zu freuen. Er war halb betäubt auf die Bank niedergesunken und überlegte sich jetzt erst die unerhörte Geschichte, Er konnte sich die Scene ausmalen, die dort im Hotel spielte, wenn Elfriede die Nachricht erhielt, mit der Adresse von Adlaus Hand. Das vergab sie ihm nie, er hatte ja auch selbst das vernichtende Bewußtsein, eine Art Rabenvater zu sein, der sein Kind allein im fremden Lande zurückließ!

Ja, dieser Robert war ein Gewaltmensch! Je mehr der alte Herr zur Besinnung kam, desto heftiger grollte er mit seinem einstigen Liebling, der an allem schuld war. Aber mitten in diesem Groll schlug er auf einmal mit der Hand auf die Banklehne und sagte überzeugungsvoll: »Aber wahr ist's doch! Gerade ein solcher Mann hat dir gefehlt, Friedel – und mir ein solcher Schwiegersohn!« Am Rhein war der Frühling eingezogen. Die Rebenhügel standen überall im zarten frischen Grün, im Walde sang und klang es von tausend neuerwachten Stimmen und die Wellen des Stromes blitzten im Sonnenschein. Es war ein Maientag von jener zarten duftigen Schönheit, die nur der deutsche Frühling kennt.

Die Besitzung des Geheimrats Rottenstein war nur ein kleines Landgut, aber wie geschaffen zum behaglichen Ruhesitze des Alters. Das nicht große, aber sehr freundliche Haus lag im Schatten der alten Linden, die ihm den Namen gegeben hatten. An den ausgedehnten Garten schloß sich das Weingütchen, die höchste Freude des alten Herrn, der seinen Wein selbst zu keltern pflegte. Von der rebenumsponnenen Veranda, die an der Hauptseite des Hauses lag, hatte man einen schönen Blick auf den Rhein, zur Linken stiegen die sonnigen Weinberge des Ufers empor und zur Rechten ragte in einiger Entfernung, aus den dichten Laubmassen eines Parkes, ein mächtiges Gebäude auf, Schloß Brankenberg, das langer als ein Jahrhundert im Besitz einer alten Adelsfamilie gewesen war und jetzt einen neuen Herrn hatte.

Auf der Veranda saßen der Geheimrat und sein Gutsnachbar und auf dem Tische funkelte in den Gläsern der Wein, »eigenes Gewächs«, auf das der alte Herr ungemein stolz war. Der heimische Winter schien ihm sehr gut bekommen zu sein, er sah weit wohler und frischer aus als im Herbst, er gehörte nun einmal zu den Naturen, die nur auf dem Heimatboden gedeihen. Robert Adlau hatte sich gar nicht verändert in seiner markigen, kraftvollen Erscheinung, nur etwas bleich sah er heute aus, und die breite schwarze Binde, die er um die Stirn trug, schien auf irgend eine Verletzung hinzudeuten.

»Also auf die glückliche Genesung!« sagte Rottenstein, sein Glas erhebend. »Das ist freilich schnell genug bei Ihnen gegangen, Robert. Ein anderer hat wochenlang mit einer solchen Kopfwunde zu thun, und Sie laufen schon nach acht Tagen wieder umher, als ob gar nichts geschehen sei.«

»Es war ja nicht all des Aufhebens wert, das davon gemacht wurde,« entgegnete Adlau mit einem Achselzucken. »Eine längere Betäubung infolge des Sturzes, ein etwas starker Blutverlust – mir thut nur mein schöner Fuchs leid, der bei der Geschichte draufgegangen ist.«

»Nun, besser doch der Fuchs als Sie! Uebrigens sah die Sache im Anfange recht gefährlich aus. Sie ahnen gar nicht, was das für ein Anblick war, als ich nach Brankenberg gerufen wurde und Sie anscheinend leblos und blutüberströmt daliegen sah. Der Doktor machte auch zuerst ein sehr bedenkliches Gesicht, und auch jetzt meint er, eine Natur wie die Ihrige sei ihm noch nicht vorgekommen.«

»Ja, meine Natur ist gut. Uebrigens habe ich dem Inspektor tüchtig den Kopf gewaschen, weil er nichts Gescheiteres wußte, als schleunigst zu Ihnen zu schicken und Sie zu erschrecken mit der Nachricht. Was ging denn das Sie an!«

»Was es mich anging?« rief der Geheimrat unwillig. »Glauben Sie, daß mir Ihr Leben und Sterben gleichgültig ist?«

»Nun ja – Ihnen vielleicht nicht,« sagte Robert langsam. »Andere freilich –« er brach plötzlich ab, als habe er schon zu viel gesagt, der alte Herr aber fiel eifrig ein: »Ja, andere Freunde haben Sie freilich nicht hier, aber das ist doch nur Ihre eigene Schuld. Ich wollte Ihnen längst schon eine Strafpredigt halten wegen dieses Einsiedlerlebens, das Sie nun bereits seit sechs Monaten führen. Sie haben keinen einzigen Besuch in der Nachbarschaft gemacht, verkehren mit niemand, ziehen sich hartnäckig von jeder Geselligkeit zurück. Wie halten Sie es denn nur aus in dem großen, öden Schlosse, so ganz allein?«

»Nun, im Sommer wird es ja Leben genug geben, wenn meine Schwester mit Mann und Kindern kommt,« entgegnete Adlau ausweichend. »Für jetzt habe ich noch sehr viel zu thun, viel mehr, als ich anfangs glaubte. Ich habe bisher noch gar keine Zeit für die Geselligkeit gehabt.«

»Ja, Sie kehren in Ihrem Brankenberg so ziemlich das Unterste zu oberst,« lachte der Geheimrat. »Unsere Landwirte sperren Mund und Nase auf über all das Neue, das da aus dem Boden hervorwächst, aber um so mehr nimmt man Ihnen die Zurückgezogenheit übel. Ich muß es oft genug hören, daß ich in der ganzen Umgegend für Sie der einzige Mensch zu sein scheine.«

»Und der will mich jetzt auch verlassen,« warf Robert mit etwas gezwungenem Scherz ein. »Sie wollen ja nach der Schweiz.«

Rottenstein nickte und ließ einen schmerzlichen Blick über seinen Garten hingleiten, der in voller Lenzespracht blühte und duftete.

»Im nächsten Monat. Meine Tochter hat sich für den Sommeraufenthalt in Interlaken entschieden, und dort treffen wir uns. Ich habe sie ja seit einem halben Jahre nicht gesehen.«

Die letzten Worte klangen sehr weichmütig. Adlau blickte ihn mit halb spöttischer, halb mitleidiger Miene an.

»Ich fürchte, ich habe Ihnen einen schlechten Dienst geleistet mit der damaligen Entführung. Sie sind gar nicht angelegt für einen solchen Gewaltstreich und haben ihn gewiß längst schon bereut.«

»Nicht doch! Ich war ja froh, diesem ewig drohenden Aegypten, mit seinen Pyramiden und Mumien, zu entrinnen, aber freilich, Elfriede – sie nahm mir das sehr übel. Ich habe bittere Dinge lesen müssen.«

»Warum warfen Sie nicht die ganze Verantwortung auf mich allein, wie ich Ihnen riet?«

Der alte Herr schwieg verlegen, er hatte das allerdings gethan, aber das war nur ein erschwerender Umstand gewesen in den Augen seiner Frau Tochter. Er wußte am besten, was er brieflich hatte aushalten müssen.

»Nun, Sie können ja bald mündlich Abbitte leisten,« spottete Robert. »Malen Sie meine Unthat so schwarz als möglich, ich habe nichts dagegen. – Frau von Wilkow ist also noch in Konstantinopel?«

»Jawohl, und sie beabsichtigt noch einige Wochen dort zu bleiben. Ich erwarte jetzt bestimmte Nachricht darüber, ich schrieb ihr vor acht Tagen, gerade an dem Tage, wo Sie mit dem Pferde gestürzt waren.«

Adlau, der eben im Begriff war, das Glas zum Munde zu führen, setzte es jäh und heftig wieder hin.

»Sie haben das doch nicht etwa geschrieben?«

Rottenstein geriet etwas in Verwirrung, Er hatte es allerdings seiner Tochter geschrieben, sogar am Abend des Tages, an dem der Unfall stattgefunden hatte. Dieser zornigen Frage gegenüber wagte er es aber nicht, das einzugestehen, und deshalb klang seine Antwort sehr diplomatisch: »Wenn Sie es nicht wünschen, werde ich in meinem nächsten Briefe nichts davon erwähnen.«

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