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Hexengold und andere Erzählungen

Elisabeth Werner: Hexengold und andere Erzählungen - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorElisabeth Werner
titleHexengold und andere Erzählungen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger G.m.b.H.
year
illustratorM. Flashar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080923
projectid86a408db
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Heilsberg war ein altertümliches Städtchen, das sich sogar einer historischen Vergangenheit rühmen konnte. Es hatte im Mittelalter bei den Fehden des in der Gegend ansässigen Adels öfter eine Rolle gespielt, die Stadtchronik gab beglaubigte Kunde davon. Die noch erhaltenen Reste des ehemaligen Wallgrabens und seiner Türme, das Rathaus und verschiedene Bürgerhäuser stammten noch aus der alten Zeit, und der nahe Burgberg trug die zerfallenen Mauern eines alten Grafenschlosses.

Für die undankbare Gegenwart war das freilich verschollen und vergessen, denn Heilsberg lag abseits von allen Verkehrslinien. Die nächste Eisenbahnstation war mehrere Stunden entfernt, und sonst gab es keine größeren Orte in der Nachbarschaft, nicht einmal eine Sommerfrische. Die bescheidenen Reize der Landschaft zogen die Fremden nicht an, und so kam es, daß das Städtchen sich einer idyllischen Ruhe und Abgeschlossenheit erfreute, wie sie im Zeitalter des Verkehrs selten sind.

Die Heilsberger waren freilich nicht einverstanden damit, sie empfanden diese Abgeschlossenheit als eine Zurücksetzung, um so mehr, als Neustadt, die erwähnte Bahnstation, sie längst überflügelt hatte. Dort lagen die Steinfelder Gruben und Hüttenwerke in unmittelbarer Nähe, fast vor den Thoren der Stadt, und das brachte dieser unberechenbare Vorteile. Das große industrielle Unternehmen war förmlich aus dem Boden emporgeschossen und hatte in wenigen Jahren einen Umfang und eine Bedeutung erlangt, zu der andere ein halbes Menschenalter brauchten.

Dem Besitzer der Werke standen freilich der Einfluß und die Mittel zu Gebote, um jeder seiner Schöpfungen den Erfolg zu sichern, Felix Ronald spielte eine erste Rolle in der Finanzwelt und galt für einen der kühnsten, aber auch der genialsten Spekulanten. Er hatte sich in unglaublich kurzer Zeit zu der Höhe des Reichtums emporgeschwungen. Vor zehn Jahren noch in einer abhängigen Stellung in einem Bankhause, hatte er durch glückliches Börsenspiel den Grund zu seinem Vermögen gelegt und damit Unternehmungen begonnen, die bald genug in das Große gingen. Was andere erst nach jahrelanger Arbeit erreichten, das gewann er mit einem kecken Wagnis in Monaten. Das alte Sprichwort vom Wagen und Gewinnen bewährte sich auch hier.

Ronald schien in der That das Geheimnis zu besitzen, Glück und Erfolg an sich zu fesseln, sie blieben ihm treu, mochte der Einsatz auch noch so hoch sein, und er wagte oft genug ein hohes Spiel. Jetzt war er eine Macht geworden, deren Einfluß sich nicht nur an der Börse, auch in der Presse, selbst bei der Regierung geltend machte, deren rastlose Thätigkeit sich auf alle möglichen Gebiete erstreckte. Er wußte alles an sich zu ketten, alles seinen Zwecken dienstbar zu machen und beherrschte das ganze weite Feld seiner Unternehmungen mit bewundernswerter Energie.

Nach den Steinfelder Werken kam er nur selten, die technische Leitung lag in den Händen seiner Oberbeamten, die geschäftliche in Berlin, wo der Chef seinen Wohnsitz hatte. Jedenfalls wurde der Betrieb in großartigster Weise geführt. Neustadt war eigentlich nur der Vorort der großen Steinfelder Kolonie geworden, aber die zahlreichen Beamten, die sämtlichen Arbeiter verkehrten in der Stadt, wohnten sogar zum Teil dort. Neustadt hatte die Bahnlinie erhalten und spielte eine große Rolle in der Provinz, Das kannte jeder, davon sprach alle Welt – von Heilsberg wußte man auf einige Kilometer Entfernung kaum mehr, daß es auf der Welt sei, und Heilsberg war doch »historisch«!

Dort gab es meist nur Bauerngüter in der Umgegend, der einzige herrschaftliche Besitz war Gernsbach, das eine Stunde von der Stadt entfernt lag. Es gehörte einer verwitweten Dame, die es mit ihrem kleinen Töchterchen bewohnte, und das geräumige, etwas altertümliche Herrenhaus, mit der breiten Steinterrasse und dem großen, schattigen Park war in der That ein behaglicher Wohnsitz. Die ziemlich umfangreiche Gutswirtschaft war verpachtet für eine recht ansehnliche Summe. Frau von Maiendorf galt überhaupt, wenn nicht für reich, doch für sehr wohlhabend.

Es war in den Morgenstunden eines sonnigen Maitages, auf der Terrasse des Herrenhauses saßen zwei Damen am Frühstückstisch, während ein kleines, etwa siebenjähriges Mädchen sich mit Ballspielen vergnügte und dabei lustig die steinernen Stufen auf und ab sprang.

»Ich fürchtete schon, du würdest nicht Wort halten mit dem versprochenen Besuche,« sagte die ältere. »Freilich, was kann ich dir bieten, du verwöhnte Prinzessin, hier in der Stille und Einsamkeit des Landlebens!«

»Du ahnst nicht, Wilma, wie wohl mir diese Stille thut,« erwiderte die jüngere. »Wenn du wüßtest, was man uns alles zugemutet hat in dieser Saison – es war wirklich etwas zu viel.«

»Ja, ich hielte diesen ewigen Strudel des Gesellschaftslebens nicht aus,« erklärte Wilma. »Du bist freilich daran gewöhnt, Edith, Du hast ja schon seit dem Tode deiner Mutter die Dame des Hauses vertreten müssen, eine schwere Aufgabe, du warst damals erst sechzehn Jahre alt.«

»Das lernt sich,« sagte Edith ruhig. »Wenn es nur auf die Dauer nicht so ermüdend wäre! Immer neue Gesichter und immer dieselben Menschen, dieselben Redensarten und Komplimente! Wie selten findet man einen darunter, mit dem es sich überhaupt lohnt, zu reden, und wenn man näher zusieht, hält das Interesse auch nicht stand – er ist eben wie all die anderen.«

Das herbe Urteil kam aus dem Munde einer jungen Dame von zwanzig Jahren. Edith Marlow war in der That ein schönes Mädchen, mit regelmäßigen, etwas kalten Zügen und großen braunen Augen, die sehr klug in die Welt blickten. Kühle, vornehme Ruhe war überhaupt der hervorstechende Zug in ihrem Aeußeren, und dazu gesellte sich eine gewisse Herablassung gegen alles, was ihr nicht als ebenbürtig erschien. Sie war im hellen Morgenkleide, das braune Haar nur lose aufgesteckt, aber sie verleugnete selbst hier, in dieser zwanglosen Umgebung, nicht die Weltdame.

Wilma von Maiendorf stand dagegen schon am Ende der Zwanzig, sah aber noch sehr jugendlich aus. Die zierliche Gestalt mit dem blonden Haar und den hellen Augen konnte freilich nicht auf Schönheit Anspruch machen, aber es lag ein eigener Reiz in diesen weichen Zügen, der selbst neben der blendenden Erscheinung ihrer Cousine noch standhielt.

»Du wohnst recht behaglich hier,« hob die letztere wieder an. »Gernsbach ist ein sehr hübscher Sommersitz, aber wie hältst du es nur das ganze Jahr hier aus?«

»Ich komme ja in jedem Jahre nach Berlin,« warf Wilma ein.

»Auf sechs oder acht Wochen, und dann sitzest du wieder allein hier in Schnee und Einsamkeit. Weshalb denn? Dein Vermögen erlaubt dir doch einen regelmäßigen Winteraufenthalt in Berlin. Papa meint überhaupt, du solltest dich wieder vermählen, du bist ja seit fünf Jahren Witwe. Es hat sich schon so mancher um dich bemüht, aber du läßt es nie zu einer Bewerbung und Aussprache kommen.«

»Weil ich stets im Zweifel war, ob diese Bewerbung mir oder Gernsbach galt.«

»Vermutlich beiden! Das ist nun einmal nicht anders in unserer Zeit. Die Männer rechnen alle, müssen es meist thun, deine Eltern haben es auch gethan, als sie dir Maiendorf zum Gatten auswählten. Er rechnete allerdings nicht, denn das Vermögen war auf seiner Seite, aber – warst du denn so glücklich mit dem Manne, der dich nur um deiner selbst willen nahm?«

Wilma blieb die Antwort schuldig auf diese kluge, kühle Auseinandersetzung. Edith war ja noch ein Kind gewesen, als ihre Cousine sich vermählte, aber sie wußte durch ihren Vater, daß jene kurze Ehe keine glückliche gewesen war. Der derbe, rohe Landjunker, dem das junge Mädchen auf Andrängen der Eltern die Hand gereicht hatte, war ein sehr tyrannischer Ehemann gewesen. Er hatte die Zeit mit Trinken und Spielen vergeudet und, nachdem die erste verliebte Tändelei vorüber war, sich kaum mehr um Frau und Kind gekümmert. Die junge Frau hatte das schweigend getragen, ohne zu klagen, aber ein Geheimnis war es auch für ihre Verwandten nicht geblieben, und die Erinnerung that ihr noch jetzt weh, das sah man an dem schmerzlichen Zucken ihrer Lippen, auch Edith sah es und lenkte ein.

»Verzeih, ich wollte dich nicht kränken, aber du bist achtundzwanzig Jahre, da hat man doch noch ein Anrecht an das Leben.«

»Soll ich meiner Lisbeth einen Stiefvater geben, der kein Herz für sie hat, dem sie vielleicht sogar im Wege ist, mit ihren Ansprüchen an Gernsbach?« fragte Wilma gepreßt. »Um keinen Preis! Dein Vater meint es gut, ich weiß es – er kommt also erst übermorgen?«

»Jawohl, er ist erst noch mit Herrn Ronald nach Steinfeld gefahren, in Geschäften natürlich. Die Werke sollen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden, und Papa wird die Finanzierung übernehmen, sie haben da weitgehende Pläne. Vermutlich kommt Ronald auch einmal nach Gernsbach herüber, wenigstens sprach er davon bei seiner Abreise. Du hast ihn ja in unserem Hause kennen gelernt, da wird er dir wohl einen Besuch machen.«

»Mir?« die junge Frau lächelte. »Nein. Edith, so eitel bin ich nicht, zu glauben, der Mann, der eine solche Rolle in der Welt spielt und nie eine Stunde übrig hat, würde mich in meinem einfachen Hause aufsuchen. Er kennt mich ja nur ganz flüchtig, aber freilich, du bist hier – das ändert die Sache.«

»Hat dir Papa etwa schon eine Andeutung gemacht?« fragte Edith mit einem raschen Aufblick.

»Nein, aber ich sah ja selbst, wie Ronald dich auszeichnete, und der Onkel ist offenbar ganz von ihm eingenommen.«

»Gewiß, er schätzt seine Thatkraft und Energie sehr hoch, er nennt ihn eine geniale Kraft, die das Glück zu zwingen versteht und in Zukunft noch weit mehr leisten wird. Bis jetzt ist Ronald freilich nur ein kühner glücklicher Spekulant gewesen; vielleicht läßt er sich zu Größerem spornen.«

»Und dieser Sporn wirst du sein?« neckte Wilma. »Ich dachte es mir, daß diese Verbindung der Wunsch und Wille des Onkels war.«

»Hier kommt es doch wohl auf meinen Willen an,« sagte die junge Dame hoheitsvoll. »Ich lasse mir darin nichts vorschreiben. Das weiß mein Vater. Uebrigens hat sich Ronald noch nicht erklärt, wenigstens mir gegenüber nicht.«

»Ist er denn wirklich ein solcher Krösus?« fragte die junge Frau. »Man spricht von, ich weiß nicht wie vielen Millionen.«

Die Lippen des schönen Mädchens kräuselten sich verächtlich und ihre Augen blitzten auf.

»Denkst du, daß mich das bestimmt? Ich will nicht nur die Frau eines reichen Mannes heißen. Der Mann, dessen Namen ich trage, soll mehr sein als all die anderen. Er soll sich und mich emportragen zu den Höhen des Lebens, ich muß auf ihn stolz sein können. Ronald steht bereits auf einer Höhe, wo ihm so leicht keiner nachklimmt, er ist eine Macht geworden, vor der sich alles beugt – es würde sich schon lohnen, an seiner Seite zu leben!«

»Ja – hast du ihn denn auch lieb?« fragte die kleine Frau von Maiendorf ganz naiv.

Edith sah sie mit einem etwas erstaunten Blick an, sie hatte sich diese Frage offenbar noch gar nicht vorgelegt, dann aber erwiderte sie mit voller Gelassenheit: »Wir sind uns ja bisher noch gar nicht so nahe getreten. Ein Mann wie Ronald hat wenig Zeit, auch für seine Werbung, aber mit der Gemeinsamkeit der Interessen kommt auch die Neigung, das findet sich in der Ehe.«

»Nein, das findet sich nicht!« sagte Wilma leise. »Man kann sich fremd bleiben und immer fremder werden. Wenn ich mein Kind nicht gehabt hätte – Lisbeth, komm zu mir!«

Die Kleine folgte dem Rufe und kam herbeigelaufen, es war ein munteres, rosiges Ding, mit den hellen Augen der Mutter, die ihm jetzt zärtlich die Arme entgegenstreckte.

»Siehst du, Edith, ich habe trotzdem nicht gedarbt an Liebe. Ich hatte ja meine Lisbeth, und die hat mir alles, alles ersetzt. Gelt, mein süßer kleiner Wildfang?«

Die Kleine antwortete mit stürmischen Liebkosungen. Edith lächelte flüchtig, aber sie sagte zugleich tadelnd: »Du verwöhnst das Kind mit dieser überschwenglichen Zärtlichkeit. Ich lerne das ausgelassene kleine Ding wirklich erst hier kennen, in Berlin ist es so scheu und fremd, aber das kommt von dieser einsamen Erziehung. Lisbeth kennt und sieht ja nichts als dich allein; was soll denn daraus werden, wenn sie einmal in das Leben treten soll? – Doch ich will mich jetzt umkleiden und einen Spaziergang in den Wald machen. Auf Wiedersehen!«

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Sie erhob sich, küßte mit kühler Freundlichkeit das Kind und ging in das Haus. Lisbeth hatte andächtig zugehört, wie ihre Mama von der viel jüngeren Verwandten abgekanzelt wurde: Ganz unbegründet mochte jener Vorwurf wohl nicht sein, denn die Kleine hegte eine sichtbare Scheu vor der schönen, vornehmen Tante. Auch jetzt blickte sie ihr nach und fragte in einem äußerst respektvollen Tone: »Mama – Tante Edith ist wohl sehr klug?«

Wilma lachte laut auf bei der naiven Frage, es war ein frisches, beinahe kindliches Lachen, dann aber nahm sie das blonde Köpfchen zwischen ihre Hände und küßte es.

»Ja, Lisbeth, sehr klug!« bestätigte sie. »Viel klüger als ich und du, aber es wird einem so kalt dabei. Du brauchst nicht so eisig klug zu werden – deine Mama ist es auch nicht!«

+++

Die Umgebung von Heilsberg bot keine malerischen Reize, nur Wälder und Wiesen und fern am Horizont einen duftig blauen Höhenzug, aber der Wald war hier von einer seltenen Schönheit. Die prächtigen alten Forste, die als Staatseigentum sorgfältig geschont und geschützt wurden, dehnten sich stundenweit aus, man konnte sich verlieren in diesen tiefen, stillen Waldgründen.

Draußen flutete der helle Sonnenschein des Maitages, aber hier im Tannendunkel war es schattig kühl, und auf dem moosbedeckten Boden lag noch der Morgentau, als Edith Marlow den schmalen, halb verwachsenen Fußweg dahinschritt. Sie hatte den Spaziergang gar nicht so weit ausdehnen wollen, aber es war ihr so neu, ganz allein durch den einsamen Forst zu streifen. Sie kannte als Sommeraufenthalt ja nur die großen Seebäder und Kurorte, wo man immer von einem Schwarm von Menschen umgeben war, wo man auf Schritt und Tritt Bekannten begegnete und der Begriff Einsamkeit überhaupt nicht vorhanden war. Diese Waldesstille umfing sie mit dem ganzen Reiz des Fremden, Ungewohnten und lockte sie immer weiter und weiter.

Da plötzlich endete der Weg an einer niedrigen, halb zerbröckelten Mauer, hinter der sich so etwas wie eine grüne Wildnis auszudehnen schien. Die junge Dame blieb befremdet stehen, sie sah weder ein Haus noch sonst eine Wohnstätte, und doch war der Platz umfriedet und sogar durch ein Gitterthor abgeschlossen. Der Zugang war freilich leicht genug, das verrostete Gitter hing nur lose in den Angeln und gab einem leisen Drucke nach. Edith that noch einige Schritte vorwärts und stand nun inmitten eines kleinen Friedhofes, der einsam und ganz verwildert und verwachsen tief im Herzen des Waldes lag.

Er mochte wohl aus der alten Zeit stammen, wo es hier noch Waldbauern gab, die in ihren abgelegenen, weit zerstreuten Gehöften wohnten und dort gemeinsam ihre Kirche und ihre Grabstätten hatten. Die Lebenden waren längst schon hinausgezogen aus dem düstern Forst in die Dörfer, das Kirchlein war zerfallen, aber man schonte pietätvoll die Ruhestätte der Toten, die hier vergessen schlummerten. Mächtige dunkle Tannen erhoben sich darüber, und dazwischen war ein ganzer Wald von Flieder- und Holundergebüschen emporgewachsen. Dichtes Riedgras wucherte auf dem Boden und auf den eingesunkenen Hügeln. Die schlichten Holzkreuze waren längst zerfallen und vermodert, die eisernen Gedenktafeln vom Roste zerfressen, nur die Grabsteine trotzten der Zeit und der Vergänglichkeit. Sie hoben sich grau und verwittert aus dem Moos und dem wilden, üppigen Rankenwerk, das sich darüber hinspann, und hie und da waren noch einzelne Worte der Inschriften erkennbar.

Drüben unter den Tannen war ein uraltes Gemäuer sichtbar, die Ueberreste der einstigen Waldkirche, dorthin lenkte Edith ihre Schritte, als sie zu ihrer Ueberraschung gewahrte, daß sie nicht allein hier sei. Vor der Mauer stand die hochgewachsene Gestalt eines Mannes, der ein altes Denkmal sehr angelegentlich zu betrachten schien, sich aber beim Nahen der Schritte umwandte. Auch er schien überrascht, zog aber, als er eine Dame erblickte, leicht grüßend den Hut und trat seitwärts, um sie vorbeizulassen. Edith dankte flüchtig und wollte vorübergehen, geriet aber dabei in ein Brombeergesträuch, dessen wuchernde Ranken ihr den Weg verlegten, und ein ungeduldiger Versuch, sich zu befreien, verstrickte sie noch tiefer darin. Der Fremde kam ihr artig zu Hilfe, aber die eigensinnigen Ranken, die sich an ihr Kleid festgeklammert hatten, wollten nicht loslassen. Es dauerte einige Minuten, bis es ihm gelang, sie zu entfernen.

»Ich danke,« sagte die junge Dame in ihrer kühlen, herablassenden Weise, sie hielt es aber jetzt doch für nötig, noch einige Worte zu sprechen, und so warf sie die Bemerkung hin: »Ein seltsamer Ort, dieser einsame Friedhof, mitten im tiefen Walde!«

»Und ein schöner Ort! Hier dringt kein Laut des Lebens herüber, hier stört nichts den ernsten, heiligen Todesfrieden.«

Edith blickte überrascht auf, sie hatte auf ihre gleichgültige Bemerkung eine ähnliche erwartet. Die Worte berührten sie ebenso eigentümlich wie der halb verschleierte Klang der Stimme. Sie ließ sich jetzt erst herab, den Fremden näher anzusehen. Es war ein Mann in mittleren Jahren, eine schlanke, durchaus vornehme Erscheinung mit dunklen Augen, in denen ein ernster, ja düsterer Ausdruck lag. Die Art, wie er sprach, wie er sich verneigte und ihr jenen kleinen Dienst leistete, verriet, daß er mit den Formen der höheren Gesellschaft vollkommen vertraut war. Das konnte doch kein Heilsberger Bürger sein! In der jungen Dame begann sich eine flüchtige Neugier zu regen.

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»Ich bin ganz zufällig auf einem Spaziergange hierher geraten, Sie sind vermutlich in dem gleichen Falle,« sagte sie, wie mit einer halben Frage.

»Nein, ich bin auf dem Wege nach Steinfeld, aber ich wollte die Fahrt auf der sonnigen, staubigen Landstraße abkürzen und habe meinen Wagen vorausgesandt. Der Waldweg ist so schön, und da lockte es mich hier zum Eintritt,« war die einfache Antwort.

Die Nahe Steinfelds erklärte allerdings den Besuch eines Fremden in dieser Gegend. Die dortigen Werke hatten ja Beziehungen in aller Welt, sie standen in regelmäßiger Verbindung mit Berlin, und die großartigen Anlagen galten überhaupt für eine Sehenswürdigkeit, sie wurden oft genug besichtigt, vielleicht war das auch hier die Veranlassung.

Wenn Edith sich noch im Zweifel über die Persönlichkeit ihres Gefährten befand, so war ihm die ihrige kein Geheimnis mehr. Ernst Raimar hatte längst erraten, mit wem ihn der Zufall hier zusammenführte. Die junge Dame trug zwar auf diesem Waldspaziergange nur ein einfaches Lodenkleid und einen ebenso einfachen Strohhut, aber ihr ganzes Aeußere verriet, welchen Lebenskreisen sie angehörte. Solche Erscheinungen gab es nicht in der Umgebung von Heilsberg, das konnte nur der Gast der Frau von Maiendorf sein.

Der schweigsame, zurückhaltende Mann würde unter anderen Umständen wohl die Unterhaltung abgebrochen und sich mit einem Gruße entfernt haben, jetzt blieb er. Er wollte doch Näheres über die Frau erfahren, an die sich die etwas verwegenen Hoffnungen seines Bruders knüpften. Schön war sie, gewiß! Ob aber dies schöne Mädchen mit den stolzen, kalten Zügen und der sehr selbstbewußten Haltung wirklich den jungen Maler liebte, der ihr noch nicht einmal einen Künstlernamen bieten konnte? Ob er in der That hoffen durfte? Es galt, darüber ins klare zu kommen.

»Der Friedhof ist sehr alt,« sagte Raimar, an seine letzte Bemerkung anknüpfend, »Man kann noch hie und da die Jahreszahl auf den Grabsteinen entziffern. Es ist auch ein Stück der historischen Vergangenheit, auf die Heilsberg so stolz ist.«

»Heilsberg? Sie stammen doch nicht aus dem kleinen Landstädtchen?«

Die Frage klang erstaunt und ungläubig, Ernst zögerte einen Augenblick, dann erwiderte er ruhig: »Nein, mein gnädiges Fräulein, meine Heimat ist Berlin.«

»Ah so!« Die Auskunft schien die junge Dame zu befriedigen, sie fuhr mit leichtem Spotte fort: »Jedenfalls ist dies Heilsberg eine längst verschollene Merkwürdigkeit, aber man weiß in Berlin wenigstens, daß es auf der Welt ist. Vor einigen Monaten waren im Kunstverein ein paar sehr hübsche Aquarelle ausgestellt, Heilsberger Studien, das Rathaus, ein altes Stadtthor und ähnliches.«

»Vielleicht von Max Raimar?«

»Ja – Sie kennen ihn?«

»Er ist augenblicklich in Heilsberg, und ich komme eben von dort. Man scheint Hoffnungen auf die Zukunft des jungen Mannes zu setzen, es wird ihm allseitig Talent zugesprochen.«

»Gewiß hat er Talent,« sagte Edith mit einiger Lebhaftigkeit, »und hoffentlich erobert er sich damit eine Zukunft. Freilich, wenn ein junger Künstler jahrelang ringen und arbeiten muß, um sich nur das Studium zu ermöglichen, wenn er fortwährend mit Verkennung, Unterdrückung, mit feindseligen Einflüssen in der eigenen Familie zu kämpfen hat, das muß ja seinen Flug hemmen.«

»Unterdrückung? Feindselige Einflüsse?« wiederholte Raimar, der mit steigender Verwunderung, aber für den Augenblick noch ganz verständnislos zuhörte. »Das Talent des jungen Mannes ist doch nur gestützt und gefördert worden, es standen ihm hinreichende Mittel zu Gebote – so hörte ich wenigstens.«

»Da sind Sie falsch berichtet,« erklärte Edith mit voller Bestimmtheit. »Ich weiß von Raimar selbst, wie schwer er sich hat losringen müssen von einer Umgebung, die nicht das mindeste Verständnis für Kunst und Künstlerberuf hatte und ihn in ihrem spießbürgerlichen Kreis festhalten wollte. Es zeugt immerhin von Charakter, daß er den Mut hatte, diese Fesseln zu zerreißen, und den Kampf mit dem Leben aufnahm, um, ganz auf die eigene Kraft gestellt, seinem inneren Drange zu folgen.«

Ein unendlich bitteres Lächeln zuckte um Ernsts Lippen, er begriff jetzt, auf welche Art sich sein Bruder »interessant« gemacht hatte in den Berliner Kreisen. Ein junger Maler, der stets als ein Wunderkind von den Seinen verwöhnt und verhätschelt worden war, der in aller Behaglichkeit, mit reichlichen Mitteln versehen, seine Studien vollendete, war eben nichts Besonderes. Aber das ringende, kämpfende Genie, das die unwürdigen Fesseln zerbrach und in die Welt hinausging, um sich mit eigener Hand Leben und Zukunft zu erobern, das erweckte Interesse und Bewunderung. Max mußte die Dame seines Herzens wohl ziemlich genau kennen, bei ihr war das Manöver entschieden geglückt, das zeigte ihre lebhafte Parteinahme.

»Das wußte ich in der That nicht,« sagte Raimar langsam. »Ich hörte nur, daß der junge Maler einen älteren Bruder besitzt, der ihn teilweise erzogen hat. Vermutlich ist dieser Bruder das ›Hemmnis‹ in seinem Leben gewesen.«

Edith zuckte mit sehr verächtlicher Miene die Achseln.

»Vermutlich! Ein alter, verknöcherter Hagestolz, der von der Welt nichts weiß und in seinem Heilsberg lebt und stirbt, wo er, glaube ich, Notar ist. Von dem ist allerdings nicht zu erwarten, daß er Höheres auch nur begreift. Ich habe dies kleine weltverlorene Städtchen kürzlich bei der Durchfahrt kennen gelernt, Raimar hatte es mir auch bereits geschildert – man ist ja wie lebendig begraben an einem solchen Orte!« »Lebendig begraben – jawohl! Dort ist man tot für die Welt und das Leben.«

Die junge Dame richtete den Blick groß und fragend auf den Sprechenden. Die Worte waren ja zustimmend, aber es klang darin wie ein dumpfer, mühsam niedergehaltener Groll, und in den dunklen Augen blitzte es auf, fast wie eine Drohung. Eine andere hätte das vielleicht befremdend und unheimlich gefunden, Edith Marlow wurde gefesselt dadurch. Der Mann fing an, sie zu interessieren, er war offenbar nicht wie »all die anderen«, über die sie heut morgen so verächtlich den Stab gebrochen hatte. In seiner Haltung, seinem ganzen Wesen lag etwas, das dem an sich so gleichgültigen Gespräch den Charakter des Ungewöhnlichen gab, oder war es nur dieser Ort und diese Stunde, die so ganz der Alltäglichkeit entrückt schienen?

Draußen lag der Wald in schweigender Mittagsruhe, die hohen, düsteren Tannen standen so dicht ringsum, als wollten sie die kleine vergessene Ruhestätte schützen und verbergen vor der Welt da draußen, aber auf dem grasbewachsenen Boden und den eingesunkenen Hügeln lag goldenes Sonnenlicht. Bunte Falter gaukelten darüber hin, wilde Bienen summten und hingen sich an Blumen und Gesträuche, der ganze Friedhof war ein blühender Garten.

Von der einstigen Waldkapelle standen nur noch die äußeren Mauern, und innen war ein ganzer kleiner Frühlingswald lustig emporgewachsen. Aus dem Maiengrün schimmerten überall die weißen Blüten des Holunders, und hundertjähriger Epheu umspann die Trümmer mit seinen dichten Netzen. Er umrankte auch das uralte Grabdenkmal, das, in die Mauer eingefügt, den Verfall überdauert hatte. Es war bemoost und verwittert, man unterschied nur noch ein Kreuz und darunter eine Inschrift, die sich nicht mehr entziffern ließ, aber es schien ein frommer Spruch zu sein, von dem noch hie und da ein Buchstabe zu erkennen war.

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Nur ein einziges Wort stand noch deutlich lesbar in dem schwarzgrauen Gestein:

Erwachen!

Tiefe Stille ringsum, nur das leise Wehen und Flüstern der Gesträuche, das Summen der Insekten, das wie ferne Musik klang, und jetzt der helle Ruf einer Amsel. Er kam aus jener grünen Wildnis, inmitten der zerfallenen Mauern, erst in einzelnen Locktönen, dann ward er zum Gesange. Ein Lied, so einfach süß und doch so voll jubelnder Maienlust, als gäbe es an dieser Stätte des Todes nur Licht und Leben.

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