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Hexengold und andere Erzählungen

Elisabeth Werner: Hexengold und andere Erzählungen - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
authorElisabeth Werner
titleHexengold und andere Erzählungen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger G.m.b.H.
year
illustratorM. Flashar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080923
projectid86a408db
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»Ja, das warst du!« unterbrach sie der Vater. »Und deshalb hätte ich damals eingreifen müssen. Ich wußte es ja, auf welcher Seite dein Herz war, aber das Eingreifen hat deine liebe Mama immer ganz allein besorgt. Jetzt aber sage ich dir, Friedel, gerade ein solcher Mann wie Robert hätte dir gefehlt – und mir,« schloß er in rührender Selbsterkenntnis.

Das war zu viel für die schon überreizten Nerven der jungen Frau. Sie fand keine Erwiderung, aber sie warf sich in einen Sessel, brach in Thränen aus und kämpfte mit einem Ohnmachtsanfall.

Der Geheimrat hegte sonst einen unbedingten Respekt vor diesen Nervenzufällen, er pflegte bei ihrem Eintritt stets nach Kölnischem Wasser zu stürzen und Abbitte zu leisten für Dinge, die er gar nicht begangen hatte. Aber heute verfing auch das nicht bei ihm. Er war nun einmal ins Rebellieren geraten, und da ihm dies zu seiner eigenen Verwunderung so ausgezeichnet glückte, fing er an, sich darin zu gefallen. Anstatt Beruhigungsversuche anzustellen, blieb er sitzen und sagte ganz gelassen: »Ja, nun weinst du wieder. Das solltest du dir abgewöhnen, Friedel! Robert sagt, er würde seiner Frau die Nervenzufälle sofort abgewöhnen – und ich glaube, er ist der Mann dazu!«

.

Die Worte hatten eine ungeahnte Wirkung. Die Thränen versiegten plötzlich, und Elfriede sprang auf. Flammendrot im Gesicht, mit sprühenden Augen; ihr ganzes Wesen schien sich aufzubäumen in leidenschaftlicher Heftigkeit, und außer sich rief sie: »Robert und immer nur Robert! Für dich scheint es überhaupt gar nichts anderes mehr zu geben auf der Welt. Ich will aber diesen Namen nicht mehr hören! Ich will überhaupt nichts mehr hören von der Vergangenheit! Sie ist tot für mich!«

Damit eilte sie stürmisch in das Nebenzimmer und schlug die Thür hinter sich zu, den Vater allein lassend, der durch diesen Ausbruch gar nicht aus der Fassung gebracht wurde. Um seine Lippen spielte im Gegenteil ein zufriedenes Lächeln, als er ihr nachblickte.

»Ganz meine alte Friedel! Nun, wenn der Trotz und der Eigenwille erst wieder da sind, dann wird auch wohl das Lachen wiederkommen. Also ›tot‹ ist die Vergangenheit für sie, und für den Robert ist sie ›begraben und vergessen‹? Die beiden stellen sich doch etwas merkwürdig an bei dem ›Totsein‹ und ›Vergessen‹! Ich glaube, wenn sie einmal allein wären, so Auge in Auge, dann –«

Er brach ab und versank in Gedanken. Der alte brave Herr, dem nichts auf der Welt so zuwider war wie Intriguen, der sich in seiner langen, ehrenwerten Laufbahn nie so etwas hatte zu schulden kommen lassen, er spann jetzt eine ganz regelrechte Intrigue, vorläufig noch im Kopfe, aber als er damit fertig war, stand er auf und sagte mit hohem Selbstgefühl: »Jetzt werde ich auch einmal eingreifen! Wofür bin ich denn Vater und Geheimrat!«

Die Sonne brannte heiß nieder auf den steilen, schattenlosen Felspfad, den die Maultiere langsam erstiegen. Drei Tage lang hatte der Sturm angehalten und die sonnige griechische Insel war gar nicht wiederzuerkennen gewesen, mit der schäumenden See ringsum und den flatternden Nebelschleiern an den Bergen. Jetzt aber war es wieder ruhig geworden auf dem Meere wie in den Lüften, und die Landschaft ringsum zeigte sich in der alten leuchtenden Pracht.

Die kleine Gesellschaft, die auf dem Wege zu einem vielgerühmten, aber etwas entfernten Aussichtspunkte war, hatte sich in zwei Gruppen geschieden; voran ritt Frau von Wilkow mit Herrn Wellborn, und in einiger Entfernung folgten Robert Adlau und Geheimrat Rottenstein. Der letztere parlamentierte fortwährend mit dem Führer, der zum Glück etwas Deutsch verstand und das Tier am Zügel leitete. Er empfahl ihm immer wieder von neuem, es ja nicht loszulassen und vor allen Dingen zu verhüten, daß es durchgehe.

»Auf solchem Wege geht kein Maultier durch,« sagte Adlau, der unmittelbar vor ihm ritt, »Es hat genug mit dem Klettern zu thun, aber da oben liegt ja schon das kleine Bergnest, in einer halben Stunde werden wir dort sein!«

»Das thut auch not,« meinte der alte Herr, indem er sein Taschentuch hervorzog und sich den Schweiß abtrocknete. »Zwei Stunden sich langweilen in der Sonnenglut und zum Schluß noch dieser halsbrecherische Felsweg als Spezialvergnügen! Ich habe mir die Sache nicht so schlimm gedacht, sonst –«

»Hätten Sie uns nicht dazu angestiftet,« ergänzte Adlau. »Diesmal tragen Sie allein die Verantwortung für jeden vergossenen Schweißtropfen. Mir lag gar nichts an der Partie, ich gab nur Ihrem ausdrücklichen Wunsche nach.«

Rottenstein widersprach nicht, er seufzte nur verstohlen. Es war ja richtig, er, der geschworene Feind aller unbequemen und anstrengenden Ausflüge, hatte den heutigen selbst angestiftet und trotz aller Hindernisse auch durchgesetzt. Der arme Geheimrat, der »auch einmal eingreifen wollte«, war längst zur Erkenntnis gelangt, daß dazu Talent gehörte, wie es seine selige Frau in so hervorragendem Maße besaß, das ihm aber völlig abging.

Zuerst hatte er Not und Mühe mit Robert gehabt, der durchaus nicht mit wollte, wie er denn überhaupt jede Gelegenheit vermied, die ihn zu einem längeren Zusammensein mit Elfriede von Wilkow zwang. Endlich gelang es, ihn zu überreden, aber nun gab es wieder eine Scene mit Elfriede, die, als sie von seiner Teilnahme hörte, die ihrige entschieden verweigerte. Sie wich schließlich nur der Vorstellung, daß das als eine Art Flucht gedeutet werden könnte.

Zuletzt kam noch die schwerste Aufgabe, Herrn Wellborn abzuschütteln.

Das hatte auch Mühe gekostet, war aber leider nicht gelungen. Ferdinand Wellborn war überall, erfuhr alles; er erfuhr auch von diesem Ausfluge, den man ihm verheimlichen wollte, und stellte sich pünktlich beim Aufbruch ein, aber mit einer Kassandramiene. Er kam als Warner – sein Wetterglas hatte wieder einmal trübe Ahnungen. Jedenfalls war es gefährlich, sich bei solchen Anzeichen in das Innere zu wagen. Der Geheimrat fand das auch und redete ihm eifrig zu, zurückzubleiben, aber umsonst. Als der junge Mann sah, daß seine Warnungen nichts fruchteten, beschloß er opfermütig, das Schicksal seiner Reisegefährten zu teilen. Er setzte sich auf das erste beste Maultier, vorsichtshalber nahm er jedoch sein Wetterglas mit, das unter anderen ungewöhnlichen Eigenschaften auch die besaß, daß es jede Bewegung und jeden Ortswechsel vertrug.

Natürlich war Herr Wellborn heute wie immer an seinem gewohnten Platz, an der Seite der jungen Frau. Die beiden waren stets voran, und Adlau machte gar keine Miene, sie einzuholen, sondern ritt im langsamsten Schritt neben dem alten Herrn.

»Sie sind mir doch nicht böse, Robert,« begann jetzt Rottenstein, »daß ich Sie für heut noch in Beschlag nahm, aber morgen, am letzten Tage Ihres Hierseins, gehören Sie ja doch ganz Ihrer Familie, und wir sehen uns schwerlich vor dem Frühjahr wieder.«

»Vielleicht auch dann nicht einmal. Wenn Sie erst in Aegypten sind, ist es eigentlich nur eine Spazierfahrt nach Indien hinüber, und von da nach China ist's auch nicht weit. Es wurde ja vorhin bereits eine Reise um die Erde in Vorschlag gebracht.«

»Ja, von Wellborn, der heut wieder einmal das Blaue vom Himmel herunter schwatzt. Aber mit der Idee findet er doch keinen Anklang bei meiner Tochter, denn in dem Falle streike ich, trotz aller Vaterliebe! Das weiß Elfriede!«

Adlaus Blick richtete sich mit einem eigentümlichen Ausdruck auf die Voranreitenden, dann zuckte er spöttisch die Achseln.

»Ich glaube kaum, daß auf Ihre Teilnahme dabei gerechnet wird. Den Schwiegervater nimmt man gewöhnlich nicht mit auf die Hochzeitsreise.«

»Schwiegervater? Hochzeitsreise?« Der alte Herr ließ vor Schreck den Zügel fallen. – »Sie meinen?«

»Ich meine, daß dieser junge Herr da vorn ganz plötzlich einmal vor Ihnen stehen wird, um den väterlichen Segen zu erbitten.«

Der Geheimrat sah ganz entsetzt aus; er hatte nie auch nur entfernt daran gedacht, daß die allerdings sehr augenfälligen Huldigungen des jungen Fabrikherrn einen ernsteren Hintergrund haben könnten. Das fehlte noch, daß er die Gelegenheit benutzte, die man einem anderen geben wollte!

»Sie scherzen,« sagte er halb unwillig, halb ängstlich. »Da traue ich meiner Tochter denn doch einen besseren Geschmack zu. Sie wird doch nicht einen solchen Schwachkopf –«

»Bitte, Sie unterschätzen den jungen Mann,« fiel Robert ein. »Sie ahnen gar nicht, was sich in dieser Tiefe birgt. Die Fabrik, die ihm sein Geld eingebracht hat, verachtet er als höchst trivial und will sich ganz und gar höheren Richtungen zuwenden. Er will berühmt werden und mit seinen Werken die ganze Welt in Erstaunen setzen, wie er mir neulich anvertraute. Vorläufig leistet er sich eine Reisebeschreibung. Er wollte mir absolut das erste Kapitel vorlesen, das er immer mit sich herumschleppt, ich habe aber nachdrücklichst dafür gedankt.«

Der Spott dieser Worte hatte doch einen etwas herben Beigeschmack, aber Rottenstein achtete nicht darauf. Das drohende Gespenst dieses so ganz unerbetenen Schwiegersohnes, das da plötzlich vor ihm auftauchte, raubte ihm alle Fassung. Er traute freilich seiner Tochter einen derartigen Geschmack nicht zu, aber er kannte auch den Starrkopf seiner Friedel, die sich schon einmal aus Trotz zu einem Jawort hatte hinreißen lassen. Inzwischen ritt Wellborn ahnungslos an der Seite seiner Dame und erschöpfte sich in Aufmerksamkeiten, die heute besonders gnädig aufgenommen wurden. Endlich war das Ziel erreicht, ein kleiner, hochgelegener Bergort, malerisch und armselig wie die meisten in der Umgegend. Aber die Unterkunft in dem häufig von Fremden besuchten Wirtshause war leidlich, und selbstverständlich wurde hier eine mehrstündige Rast gemacht.

Nach einem in Anbetracht der Verhältnisse ganz annehmbaren Frühstück wandte man sich nach dem eigentlichen Aussichtspunkte, der, noch eine Strecke entfernt, am Ausgange des Dorfes lag.

Dort, auf einem felsigen Abhange, wo ein einsames, halb zerfallenes Gehöft stand, öffnete sich ein weiter und umfassender Ausblick über den schönsten Teil der Insel. Der Punkt war in der That herrlich. Adlau, der mit dem Fernglase in der Hand die Landschaft musterte, nannte dem Geheimrat die einzelnen Ortschaften und Berggipfel, da Herr Wellborn mit seinem unvermeidlichen Reisebuche anderweitig in Anspruch genommen war. Er half der gnädigen Frau, die ihr Skizzenbuch mitgenommen hatte, einen geeigneten Platz zum Zeichnen aussuchen. Als man endlich die Wahl getroffen hatte, breitete er mit der äußersten Sorgfalt seinen Plaid über die Steinmauer, um einen bequemeren Sitz zu schaffen. Rottenstein sah in stiller Verzweiflung zu, er hatte schon verschiedene, aber ganz erfolglose Versuche gemacht, den Diensteifrigen von der Seite seiner Tochter wegzubringen, – da auf einmal kam ihm ein rettender Gedanke.

»Bitte, Herr Wellborn, auf ein paar Worte, ich möchte Sie etwas fragen!«

Damit faßte er den jungen Mann ohne weiteres beim Arm und zog ihn einige Schritte seitwärts, während er mit gedämpfter Stimme fortfuhr: »Was muß ich denn da von Adlau hören! Sie stellen sich uns ganz bescheiden als Fabrikbesitzer vor, und dabei sind Sie Schriftsteller, werden ein großes Reisewerk veröffentlichen, ein berühmter Mann werden – und das erfährt man erst jetzt nach wochenlanger Bekanntschaft!«

Herr Wellborn sah unendlich geschmeichelt aus bei diesem Vorwurf, aber er erwiderte stolz bescheiden: »Das ist vielleicht noch verfrüht – die Berühmtheit meine ich – ich beabsichtige allerdings – das Werk ist nämlich noch nicht geschrieben.«

»Ja, das sagte mir Adlau, aber er sprach doch von einem Manuskripte, das Sie ihm vorlesen wollten.«

Wellborn nahm eine tiefbeleidigte Miene an. »Ich wünschte allerdings seine Kritik über das erste Kapitel – ich habe natürlich bis jetzt nur unsere Seereise und Korfu behandelt – aber er nahm das sehr merkwürdig auf, durchaus ablehnend, man möchte beinahe sagen – grob!«

»Das sieht ihm ähnlich, er kann ja stellenweise recht grob sein,« gab der Geheimrat zu. »Aber das ist bei ihm nur äußerlich, er hat trotzdem sehr eingehend mit mir darüber gesprochen, und ich interessiere mich ungemein für solche Dinge. Da könnten Sie ja –« er zögerte doch einen Augenblick, in der dunklen Vorahnung dessen, was er damit auf sich herabzog, vollendete dann aber opfermutig: »Da könnten Sie es ja mir vorlesen.«

Das Gesicht des angehenden Schriftstellers verklärte sich förmlich bei diesem Vorschlag.

»Herr Geheimrat – Sie wollen es kennen lernen?«

»Selbstverständlich – aber hier wird das nicht angehen. Meine Tochter hat jetzt nur Sinn für ihre Skizze, und Adlau ärgert Sie am Ende wieder mit irgend einer rücksichtslosen Bemerkung, er scheint mir heute sehr kritisch angelegt. Kommen Sie, wir gehen nach dem Wirtshause zurück, da sind wir ganz ungestört.«

Wellborn zögerte, er hätte es offenbar vorgezogen, auch Frau von Wilkow als Zuhörerin zu haben, aber die letzte Bemerkung entschied. Er hatte keine Lust, nochmals die »stellenweise Grobheit« des Hinterwäldlers auszuhalten, und willigte deshalb ein.

»Wir gehen nach dem Wirtshause!« rief der alte Herr jetzt laut den beiden anderen zu. »Laß dich nicht stören, Elfriede, vollende ruhig deine Skizze, und Sie, Robert, werden wohl auch noch etwas hier herumsteigen wollen. Ihr braucht euch gar nicht zu beeilen, wir haben ja Zeit, mindestens noch eine Stunde!«

Damit faßte er das Opfer seiner Intrigue freundschaftlich unter den Arm und zog es mit sich fort. Jetzt brauchte er sich nicht mehr anzustrengen mit dem Reden, das besorgte Wellborn, der sich in seinen litterarischen Plänen erging und dabei sein Manuskript, ein sehr dickleibiges Heft, aus der Tasche zog.

Unter anderen Umständen hätte der Umfang dieses ersten Kapitels dem Geheimrat einen gelinden Schauer verursacht, heute aber blickte er mit außerordentlichem Wohlgefallen darauf und ließ sich sogar die Schrift zeigen. Das dauerte ja jedenfalls noch viel länger als eine Stunde, da konnte sich jene andere Angelegenheit hinreichend entwickeln! Wellborn dagegen war sehr angenehm berührt durch diese so lebhaft kundgegebene Teilnahme, und so langten denn beide im allerbesten Einvernehmen beim Wirtshause an.

»So, nun wollen wir es uns gemütlich machen!« sagte der alte Herr. »Bestellen Sie uns noch etwas von dem ausgezeichneten Tropfen, den sie da drinnen haben! Dann setzen wir uns drüben unter die Oliven, und es kann losgehen.«

Der Platz war gut und der Wein war noch besser. Zwar gaben die Oliven nur spärlichen Schatten, aber man wußte sich zu helfen. Der Reiseschirm wurde an den Zweigen befestigt, gerade über dem Haupte des Geheimrats, der seelenvergnügt dasaß, sich und seinem Gefährten fleißig einschenkte und im stillen meinte, nun könne er allenfalls das Unvermeidliche aushalten.

.

Wellborn hatte sein Wetterglas vor sich auf den Tisch gestellt, dann sein Manuskript aufgeschlagen und las jetzt. Er begann mit der Abfahrt von Triest, lichtete dort pünktlich um zwei Uhr dreiundzwanzig Minuten die Anker und steuerte hinaus in die blaue Adria, dann verzeichnete er gewissenhaft nach dem Reisebuch jede Insel und jede Küste, die nur irgendwie in Sicht kamen, und landete endlich glücklich in Korfu, wo nun die Geschichte erst eigentlich begann. Der Geheimrat hörte kaum zu, er trank behaglich seinen Wein und malte sich dabei in Gedanken die Scene aus, die jetzt voraussichtlich droben am Felsenabhang spielte. Im Anfange würde sie etwas stürmisch verlaufen, davon war er überzeugt. Bei einem Eisenkopf wie Robert und einem Starrkopf wie seiner Friedel waren keine friedlichen Auseinandersetzungen zu erwarten, aber schließlich würde die Sache doch in Ordnung kommen, und dann fiel auch diese verwünschte ägyptische Reise ganz von selbst weg. Dann brauchte er nicht mehr aufs Kamel und auf die Pyramiden zu steigen, sondern steuerte fröhlich heimwärts mit seinen Kindern, und in Lindenhof ... hier spielte der griechische Wein dem alten Herrn doch einen Streich, die Umgebung wurde nebelhaft und undeutlich und die Gedanken auch. Aus den Oliven wurden die Linden des heimischen Gartens, zwischen denen befremdlicherweise die Kamele umherspazierten, und drüben in Brankenberg ragte eine riesige Pyramide auf. Dazu schwatzte und klapperte irgend etwas eintönig und unermüdlich, wie das Rad der Sägemühle am Fuße des Weinberges, aber die alte rheinische Mühle klapperte nur griechische Ortsnamen, und dann sah und hörte der Geheimrat nichts mehr, er war sanft und fest eingeschlafen.

Der Schirm, der zwischen den Olivenzweigen schaukelte, senkte sich tief herab. Ferdinand Wellborn, der auf diese Weise das Gesicht seines Zuhörers nicht sehen konnte, nahm dessen Schweigen für höchste Aufmerksamkeit und las ungestört weiter. Inzwischen vergnügte sich das »nervöse« Wetterglas auf dem Tische in aller Stille, indem es die ganze Wetterskala durchlief. Es hüpfte hinauf bis zum höchsten Stand, und dann sank es von neuem, tief, immer tiefer, bis es endlich beim Erdbeben angelangt war. Da schien es ihm zu gefallen, denn da blieb es stehen.

Robert Adlau und die junge Frau waren in der That zurückgeblieben, aber dies unerwartete Alleinsein schien beiden gleich unerwünscht. Elfriede hatte, als die beiden anderen Herren aufbrachen, eine unwillkürliche Bewegung gemacht, wie um sie zurückzuhalten, besann sich aber schon im nächsten Augenblick und vertiefte sich mit einem flüchtigen »Auf Wiedersehen, Papa!« ganz in ihre Skizze.

Adlau zog die Stirn kraus, blieb aber ruhig am Abhange stehen, wo er die Aussicht betrachtete. Keiner wollte dem anderen zeigen, wie peinlich ihm dieser Zufall war, denn dafür nahmen sie es doch beide.

Das Stillschweigen hatte schon ziemlich lange gewährt, da schien Adlau endlich einzusehen, daß er nicht immer so stumm durch das Fernglas blicken könne. Er schob es zusammen, trat zu der jungen Frau und machte eine Bemerkung über ihre Zeichnung und den malerischen Vorwurf, ein paar kurze Worte, die ebenso einsilbig beantwortet wurden.

Malerisch war der Vorwurf allerdings. Das kleine Gehöft, das hier so einsam und abseits von den anderen lag, war augenscheinlich längst von seinen Bewohnern verlassen. Das Dach war zerfallen, den Fenstern fehlten die Läden und im Innern regte sich nichts. Eine hohe Steintreppe, mit tief eingesunkenen Stufen, führte zu der geschlossenen Thür, über der sich, roh in Stein gemeißelt, die Umrisse eines Heiligenbildes zeigten. Die niedrige, zerbröckelnde Mauer, die den Vorplatz umgab, trug noch die steinernen Pfeiler der landesüblichen Veranda, aber das Weinlaub, das sie umspann, wucherte verwildert und ungepflegt, in wirren Ranken, die hier die Mauern umklammerten und dort, tief niederhängend, ein Spiel des Windes waren.

Durch das Blätterdach fielen die Sonnenstrahlen und spielten in zuckenden, goldigen Lichtern auf dem Boden. Sie huschten weiter bis zu der tiefen Mauerblende, wo es verstohlen aufblinkte wie von rinnendem Naß. Früher sprudelte wohl hier ein Felsenquell mit seinem hellen Strahl, das sah man noch an der kunstlosen Röhre und dem geborstenen steinernen Becken, das ihn auffing. Jetzt war er längst schon versiegt, nur eine kleine, kaum sichtbare Wasserader schlich über das feuchte Gestein und rann langsam, Tropfen um Tropfen, nieder, um sich dann in einer Spalte des felsigen Grundes zu verlieren. Ringsum Verfall und Verödung und hier der versiegende Quell!

Aber diese öde, verlassene Stätte lag in einer Umgebung, deren Reiz selbst das verwöhnteste Auge fesseln mußte. Die weinumrankten Pfeiler umschlossen wie mit einem Rahmen ein weites Landschaftsbild voll lachender, sonniger Schönheit. Es war in den letzten Tagen des Oktober, aber noch lag Sommerpracht und Lichtglanz auf allen Fluren, nur das rötlich schimmernde Weinlaub und der bräunlich goldene Hauch auf einzelnen Baumgruppen mahnte daran, daß es auch hier einen Herbst gebe.

Aus dem matten Graugrün der Oliven, die in endlosen Wäldern Thäler und Höhen bedeckten, tauchten schlanke Pinien und dunkle Cypressen auf. Hier oben an den Berghängen wucherte die Erika in mächtigen Gesträuchen, und Aloe und Kaktus senkten ihre Wurzeln in das Felsgestein. Dort drüben lag Korfu mit seinem Hafen, und vom Festlande herüber grüßten die Berge von Epirus schon im leichten Schneegewande. Sie hoben sich scharf und klar empor in die sonnige Luft. Weiter hinaus verschwammen all die Gipfel und Höhenzüge des Gebirges im schimmernden Duft, und dort, ganz in der Ferne, blaute das Meer – die nordischen Gäste, die an die ernsten Formen und Farben ihrer Heimat gewöhnt waren, konnten wohl geblendet sein von dieser Schönheitsfülle und diesem Sonnenglanz.

Frau von Wilkow schien nur Sinn für ihre Skizze zu haben. Sie zeichnete, nur dann und wann flüchtig aufblickend, eifrig weiter. Adlau lehnte ihr gegenüber an einem der Pfeiler, aber sie mochte es wohl fühlen, daß sein Blick auf ihrem Antlitz ruhte, denn jetzt war sie es, die das wiederum eingetretene Schweigen brach.

»Sie reisen also übermorgen, Herr Adlau?«

»Jawohl, gnädige Frau, wie es bestimmt war.«

»Werden Sie es denn aushalten in den engen Verhältnissen zu Hause, nach dem bewegten Leben, das Sie geführt haben? Ich fürchte, Sie werden dort –« »Versumpfen! Die Gefahr liegt allerdings sehr nahe.«

»Das Wort galt meinem Vater,« sagte Elfriede kühl.

»Vielleicht auch ein wenig mir. Unsere Ansichten sind in diesem Punkte nun einmal verschieden, freilich hat die Welt uns beiden auch ein ganz verschiedenes Gesicht gezeigt! Sie durchstreiften als vornehme Touristin die Länder und ließen sich tragen von den Wogen des Lebens bei voller Meeresstille. Ich habe im Sturm mit ihnen gerungen, da ist von Genuß nicht viel die Rede, man kommt überhaupt nicht zu Atem dabei.«

»Aber man kommt doch zum Ziele, wie der Augenschein lehrt.«

»Ich beklage mich ja auch nicht,« sagte Robert gelassen. »Eine harte Lehrzeit hat auch ihr Gutes, sie übt und stählt die Kraft. Aber nun sie überwunden ist, will ich mich auch nicht länger hin und her treiben lassen, nun steure ich ans Land. Ich muß endlich wieder festen Boden unter den Füßen haben, deutschen Boden! Sie, gnädige Frau, sind darin glücklicher beanlagt, und Sie hatten ja stets das beneidenswerte Vorrecht, Herrin Ihres Schicksals zu sein.«

Der Spott reizte Elfriede, sie nahm jenen vornehm nachlässigen Ton an, der unter Umständen recht verletzend sein konnte, und hier sollte er verletzen.

»Ich habe es allerdings verlernt, auszuhalten in unserem kalten, grauen Norden, in der Enge der deutschen Verhältnisse. Ich bin verwöhnt durch die Schönheitsfülle des Südens, durch den großen, freien Verkehr des Reiselebens, der keine kleinlichen Vorurteile und Rücksichten kennt. Das ist für mich der Lebensquell geworden, aus dem ich getrunken habe jahrelang; nun kann ich ihn nicht mehr entbehren.«

»Sie können nicht? Das heißt, Sie wollen nicht.«

»Vielleicht auch das – ich will nicht!«

»Und hat er Ihnen denn wirklich Glück gegeben, dieser gerühmte Zaubertrank?« fragte Adlau langsam, mit scharfer Betonung.

Die Frage kam so jäh und unvermittelt, daß die junge Frau leicht zusammenzuckte; aber schon in der nächsten Minute faßte sie sich und antwortete mit einem kurzen, entschiedenen Ja. Robert richtete das Auge fest und finster auf sie.

»Das sagen Sie einem anderen, aber nicht mir! Ich habe Sie ja einst gekannt, es ist freilich schon lange her, aber ich weiß es doch noch, wie das Glück aussieht in Ihrem Antlitz. Als ich Sie jetzt wiedersah, eine bleiche, müde Frau, ohne Lebensmut und Lebensfreude, da sah ich auch, daß Sie krank waren bis in die Seele hinein, und Sie sind es noch! Sie mögen sich im Anfange berauscht haben an diesem ›Lebensquell‹, aber das hat nicht standgehalten, jetzt betäuben Sie sich nur noch mit diesem Tranke. Sie haben mit der Heimat auch den Boden unter den Füßen verloren.«

Er sprach nur zu wahr, das wußte niemand besser als Elfriede, aber die verwöhnte Frau war es nicht gewohnt, die Wahrheit zu hören, und der schroffe Ton verletzte sie. Das war noch der Robert von einst, der mit seiner rücksichtslosen Energie überall durchgriff, ohne danach zu fragen, ob er die Empfindungen anderer verletzte. Er war der alte geblieben. »Es steht doch wohl einzig bei mir, wie ich mein Leben gestalten will!« erklärte sie mit aufflammendem Trotz. »Sie predigen mir und sind doch selbst eine Art Weltfahrer gewesen! Es zwang Sie ja niemand, die Heimat aufzugeben!«

Das übereilte Wort war kaum heraus, als Elfriede es auch schon bereute. Vor dem Blick voll herben Vorwurfs, der sie traf, senkte sich ihr Auge, und rasch ablenkend, fügte sie hinzu: »Pastor Adlau war wenigstens nicht einverstanden damit. Er wollte seinen einzigen Sohn nicht verlieren.«

»Und er hat ihn doch verlieren müssen!« sagte Robert bitter. »Ja, es traf ihn hart, daß ich mich meiner Stellung und all den heimischen Verhältnissen entriß, und er hat mich schweren Herzens fortziehen lassen! Aber ich hörte nicht auf ihn. Ich wollte mit aller Gewalt reich werden, und das in kürzester Frist. Warum – das wissen Sie vielleicht noch, Frau Baronin?«

Die junge Frau schwieg, sie hatte wieder den Stift zur Hand genommen und zog hastig Linie um Linie in ihrem Skizzenbuche.

Adlau hatte seinen Platz verlassen und stand jetzt dicht vor ihr: aber es bebte ein verhaltener Groll in seiner Stimme, als er fortfuhr: »Ihre Frau Mutter machte es mir ja in so überzeugender Weise klar, daß ein junger Landwirt ohne Vermögen, wie ich es damals war, keine Aussichten für die Zukunft habe, daß er sich vielleicht erst in zehn oder zwölf Jahren eine bescheidene Häuslichkeit gründen könne, und daß ihre Tochter sich nicht auf so lange binden dürfe. Ein bescheidenes Heim war ja überhaupt nicht nach dem Geschmack der Frau Rätin. Da hieß es: entweder entsagen oder sich ›Aussichten‹ schaffen, und ich zog das letztere vor. Drüben in der Neuen Welt war ja so mancher schon zu Glück und Reichtum gekommen, warum sollte es mir denn nicht glücken? Ich warf kurz entschlossen den Gutsinspektor über Bord und ging nach Amerika. Man ist bisweilen noch so unglaublich naiv mit fünfundzwanzig Jahren und meint, man könne ohne viel Mühe die halbe Welt erobern – ich meinte das damals auch!«

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