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Hexengold und andere Erzählungen

Elisabeth Werner: Hexengold und andere Erzählungen - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
authorElisabeth Werner
titleHexengold und andere Erzählungen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger G.m.b.H.
year
illustratorM. Flashar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080923
projectid86a408db
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Der arme Geheimrat, der nur seine Muttersprache redete, stand in der That ganz hilflos vor einem der Kommissionäre der Hotels, die jetzt an Bord kamen, um sich der Reisenden und ihres Gepäcks zu bemächtigen. Er hatte den fremden Herrn vergebens englisch und französisch angeredet und versuchte es nun mit dem Italienischen. Frau von Wilkow war bei jener Begrüßung rasch zurückgetreten, als wollte sie von den Insassen des Bootes nicht gesehen werden, erst auf den Hilferuf ihres Vaters kam sie herbei und gab dem Dienstbeflissenen die nötigen Befehle.

Im goldigen Scheine der Mittagssonne lag die griechische Insel vor ihnen wie ein fremdartiger Zaubergarten. Ringsum schlossen sich die Berge, bald in sanft geschwungenen Linien, bald in zackigen Gipfeln wie zu einem Kranze, und um sie her wogte und wimmelte das malerisch bunte Treiben des Hafens. Ueberall südliche Farbenpracht und südliches Leben, berauschend für jedes Auge, aber die Augen der jungen Frau blickten so müde, so gleichgültig darauf hin wie vorhin in die ferne Meeresweite und glitten dann langsam zu jenem Boote mit der lustig wehenden Flagge hinüber, das soeben am Ufer landete.

.

Im Norden war längst schon der Herbst eingezogen, mit kalten Regengüssen und düsteren Nebeltagen, aber hier in Korfu blaute der Himmel über Myrten- und Lorbeergebüschen und in die weiche, warme Luft des Südens mischte sich der Meereshauch, der ihr eine köstliche Frische gab. Ein Tag glich dem anderen in klarer, wolkenloser Schönheit, und die fremden Gaste, die sich hier zusammenfanden, hatten alle Ursache, mit der Wahl ihres Aufenthaltes zufrieden zu sein.

Das hatte fast drei Wochen gedauert, aber gestern war ein heftiges Gewitter über die Insel hingezogen und hatte böses Wetter hinterlassen. Draußen auf dem Meere herrschte Sturm, an den Bergen hingen dichte Wolkenschleier und der Regen strömte unaufhörlich nieder.

In dem Lesezimmer des Hotels, wo er mit seiner Tochter wohnte, saß Geheimrat Rottenstein. Zum Glück befand sich hier eine deutsche Zeitung, das große rheinische Blatt, das neben der Politik auch allerlei Nachrichten aus der engeren Heimat brachte. Doch das pflegte stets das Heimweh des alten Herrn zu steigern; er gehörte zu jenen Menschen, die sich nur im engen, vertrauten Kreise wohl fühlen, deshalb hatte ihm auch der Aufenthalt in Berlin, wo sein Amt ihn fesselte, nie recht zugesagt.

Als braver Beamter hatte er redlich seine Pflicht gethan, ohne den Ehrgeiz, etwas Besonderes zu leisten, und ohne Neid auf die anderen, jüngeren, die ihn überholten. Als sein Dienstalter ihm eine ausreichende Pension sicherte, hatte er den Abschied genommen und war sehr gerührt und dankbar, als der Staat seine Pflichttreue durch Verleihung des Geheimrattitels anerkannte. Ein hübsches Vermögen, das ihm erst in den letzten Jahren durch Erbschaft zugefallen war, ermöglichte ihm den Ankauf eines Landgutes, wo er sein Alter in Ruhe zu verleben dachte, und einige Jahre lang gab es in der That keinen glücklicheren und zufriedeneren Menschen als den Besitzer von Lindenhof.

Aber das ging zu Ende, als seine Tochter zurückkehrte und vorläufig bei ihm ihren Aufenthalt nahm. Sie hatte es verlernt, in der Heimat auszuhalten, und riß den Vater mit hinein in ihr unstetes, unruhiges Reiseleben. Da sie als Witwe über ein bedeutendes Einkommen verfügte, so konnte sie unbeschränkt ihren Neigungen folgen, und Rottenstein war viel zu schwach, um seinem einzigen Kinde, das er zärtlich liebte, einen entschiedenen Widerstand entgegenzusetzen, obgleich er bisweilen den Versuch dazu machte. Er gab immer wieder nach, aber da er weder Sinn für landschaftliche Schönheiten noch für Kunstgenüsse besaß, fühlte er sich äußerst unbehaglich in der Fremde und kam sich inmitten all der Pracht des Südens wie ein Verbannter vor.

Ihm gegenüber, an der anderen Seite des Tisches, saß Herr Wellborn, der sich gerade in der entgegengesetzten Lage befand: er war mit sich und aller Welt zufrieden. Aus den drei Tagen, die er anfangs in Korfu zubringen wollte, waren nun bereits drei Wochen geworden und sein Entschluß stand fest, nicht eher abzureisen, als bis Frau von Wilkow mit ihrem Vater die Insel verließ, um sich ihnen dann selbstverständlich für die Fahrt nach Aegypten anzuschließen. Seiner Auffassung nach gehörte zu dem »höheren Reiseleben« notwendig immer etwas Roman, er hatte sich daher schleunigst in die junge Witwe verliebt und erschöpfte sich in Aufmerksamkeiten, die zwar ziemlich kühl aufgenommen, aber doch wenigstens nicht zurückgewiesen wurden.

Auch »dieser Herr aus Amerika« erwies sich als eine äußerst schätzbare Bekanntschaft, obgleich es nicht zu leugnen war, daß er sich bisweilen etwas schroff benahm gegen den jungen Reisegefährten, der seinerseits die Höflichkeit selbst war. Aber diese hinterwäldlerischen Manieren mußte man dem Manne hingehen lassen, der so lange außerhalb der Kultur gelebt hatte und sich offenbar nicht so schnell wieder hineinfinden konnte. Jedenfalls hielt es Herrn Wellborn nicht ab, dem »Hinterwäldler«, der natürlich bei seinem Schwager, dem Konsul, wohnte, einen Besuch zu machen und die Einladungen des gastfreien Hausherrn anzunehmen. Dort lernte man die ganze Gesellschaft der Stadt kennen, und der Verkehr in dem großen Hotel, dessen Gäste aus allen Ecken und Enden der Welt stammten, war gleichfalls höchst anregend und interessant – kurz, der junge Mann schwamm und plätscherte im Strome des Reiselebens wie der Fisch im Wasser.

Da es noch früh am Vormittage war, so befand sich außer den beiden Herren niemand im Lesezimmer. Eine ganze Weile lang herrschte Schweigen, dann legte Wellborn die Zeitung nieder und bemerkte mit einem gewissen Nachdruck: »Es regnet!«

Er hätte nicht nötig gehabt, diese Thatsache erst festzustellen, denn der Regen schlug prasselnd gegen die Fenster. Jetzt blickte auch Rottenstein von seiner Zeitung auf und bestätigte im Tone tiefster Befriedigung: »Ja, es regnet! Endlich einmal –Gott sei Dank!«

»Aber Herr Geheimrat, das klingt ja, als freuten Sie sich darüber,« sagte der junge Mann vorwurfsvoll. »Alle Welt ist verzweifelt, denn bei diesem Wetter ist natürlich nicht an einen Ausflug zu denken.«

»Eben deshalb – da hat man endlich einmal Ruhe. Sonst geht es ja Tag für Tag hinaus nach allen möglichen Orten, wo doch immer nur dasselbe zu sehen ist, blitzblaues Meer und graue Olivenwälder, eins so langweilig wie das andere. Ich wollte, es regnete so weiter, acht Tage lang!«

Mit diesem frommen Wunsche lehnte sich der alte Herr behaglich zurück und blickte mit einer gewissen Zärtlichkeit in die strömende Regenflut.

Wellborn schüttelte den Kopf über diese Anschauung und zog sein Wetterglas zu Rate, das er mitgenommen hatte, und von dem er sich überhaupt nur selten trennte. Es war ein merkwürdiges Ding, das schon in der Form von allen anderen abwich, steckte in einem noch merkwürdigeren Gehäuse und wies eine Menge sibyllinischer Zahlen und Zeichen auf, deren Bedeutung wahrscheinlich nur der Erfinder und der glückliche Besitzer kannten. Leider hatte es die für ein Wetterglas etwas bedenkliche Eigenschaft, sich stets im Widerspruch mit dem Wetter zu befinden, und das war auch heute der Fall.

»Wie steht denn das Glas?« fragte der Geheimrat nach einer Pause.

»Ausgezeichnet! Wir werden am Nachmittage herrliches Wetter haben.«

Rottenstein zuckte ungläubig die Achseln. »Das haben Sie gestern auch gesagt, als ich nicht mitfahren wollte. Ich traute gleich den Wolken nicht, die da so urplötzlich am Monte Salvatore aufstiegen, aber Sie garantierten uns ja Sonnenschein und dann faßte uns das Gewitter, mitten in den Bergen, im offenen Wagen. Ganz durchweicht kamen wir zurück, und heute meldet sich natürlich mein Rheumatismus wieder. Dafür habe ich mich bei Ihrem berühmten Glas zu bedanken!«

»Aber Herr Geheimrat!« Der junge Mann nahm eine gekränkte Miene an, »wie können Sie nur das unschuldige Glas für dies gänzlich unmotivierte Gewitter verantwortlich machen! Auf dieser Insel herrschen abnorme Witterungszustände, mit denen nicht zu rechnen ist. Als wir damals abreisten, in Triest –«

»Stand Ihr Barometer auf Sturm – jawohl, und wir haben drei Wochen Prachtwetter gehabt.«

»Das kam von der Seereise,« behauptete Wellborn, jetzt aber lachte der alte Herr laut auf.

»Nun verträgt das Ding gar die Seefahrt nicht! Ist es vielleicht seekrank geworden?«

Wellborn war tief beleidigt, er hob sein Glas hoch empor und begann dessen Vorzüge ausführlich auseinanderzusetzen, wurde aber darin durch den Eintritt Robert Adlaus unterbrochen, der den Geheimrat begrüßte, ohne viel Notiz von dem jungen Manne zu nehmen.

»Ich komme eigentlich, um Ihnen zu sagen, daß ich in der nächsten Woche abreise,« wandte er sich an den Geheimrat. »Ich gehe mit dem Dampfer nach Triest und von da ohne Aufenthalt nach Hause.«

»Sie wollen fort? So bald schon?« rief der Geheimrat fast erschrocken.

»So bald? Ich bin lange genug hier gewesen. Meta und mein Schwager wollen mich zwar durchaus nicht fortlassen, aber es bleibt dabei, ich reise.«

»Meta ist eben bei meiner Tochter,« sagte Rottenstein, »Ah, Sie wußten das nicht? Nun, jedenfalls kommen Sie doch mit hinauf und fahren dann mit Ihrer Schwester nach Hause. Sie hat den Wagen zum Abholen bestellt.«

Adlau zögerte einige Sekunden, ehe er die Einladung annahm, dann aber sagte er kurz: »Das wird wohl bei diesem Wetter das beste sein. Also gehen wir!«

Die drei Herren brachen auf, denn auch Wellborn benutzte die Gelegenheit, sich anzuschließen. Er hatte die gnädige Frau heute noch nicht gesehen und mußte sich notgedrungen nach ihrem Befinden erkundigen. Möglicherweise hatte ihr die gestrige Regenpartie eine Erkältung zugezogen, die Frau Baronin war eine äußerst zarte Natur und der Süden schützte durchaus nicht vor katarrhalischen Zuständen, aber hoffentlich ... so schwatzte er unausgesetzt weiter, und es störte ihn gar nicht, daß niemand zuhörte, er war dergleichen schon gewohnt.

In dem Salon, der die Zimmer der Frau von Wilkow und ihres Vaters trennte und zu ihrer Wohnung gehörte, hatten unterdessen die Damen eine lebhafte Unterhaltung geführt, die Glasthüren waren fest geschlossen. Sonst hatte man vom Balkon aus eine prächtige Aussicht über den Hafen, über den Meeresarm, der die Insel vom Festlande schied, und die jenseitigen Berge; aber heute verschwand das alles in grauer Nebel- und Regenflut.

Auf dem Eckdiwan saßen die beiden jungen Frauen, die zusammen aufgewachsen waren in der sonnigen Rheinstadt, wo Rottenstein mit den Seinigen gelebt hatte, bis er nach Berlin versetzt wurde. Freilich hatte die einstige Mädchenfreundschaft nicht jene Entfremdung überdauert, die später zwischen den beiden Familien eintrat und schließlich jedem Verkehr ein Ende machte. Aber jetzt, nach vollen zehn Jahren, als man sich so unvermutet wiederfand, waren die zerrissenen Fäden wieder angeknüpft und hier wenigstens die alte Vertraulichkeit wiederhergestellt worden.

Frau Meta Rahnsdorf, eine hübsche, zierliche Blondine, ungemein lebhaft in Sprache und Bewegungen, war nur zwei Jahre jünger als Elfriede von Wilkow; sie unterhielt heiter die Freundin, während jene, den Kopf in die Hand gestützt, meistenteils zuhörte. Jetzt aber fragte sie, ohne ihre Stellung zu verändern: »Also du bist glücklich in deiner Ehe, Meta? Wirklich glücklich?«

Die kleine Frau, der das Glück nur so aus den blauen Augen lachte, fuhr in komischer Entrüstung auf.

»Hör, Elfriede, die Frage ist eigentlich eine Beleidigung für meinen Mann. Denkst du, er verstände es nicht, mich glücklich zu machen? Er hat es meinem Vater hoch und teuer versprochen, als er mich fortführte in das fremde Land, und er hielt Wort. Trotz alledem hatte ich arg mit dem Heimweh zu kämpfen in der ersten Zeit, wenn ich es auch meinem Fritz nicht zeigen wollte, aber dann kamen die Kinder –«

»Die Kinder!« wiederholte Elfriede leise.

»Sind sie nicht herzig alle beide, der Bub und das Mädel?« fragte die Mutter mit strahlenden Augen. »Ja, wenn solch kleines Volk erst anfängt im Hause zu krähen und herumzutappen, dann hat man an anderes zu denken als an die ferne Heimat! Du weißt das freilich nicht, deine Ehe ist ja kinderlos gewesen.«

»Ja – Gott sei Dank!«

Die Worte klangen so schroff, so seltsam bitter, daß Meta fast erschrocken aufblickte.

»Aber, Elfriede!« Elfriede preßte die Lippen zusammen, als sei ihr die Antwort wider Willen entfahren. »Das heißt – du darfst mich nicht mißverstehen. Ich meine nur, in diesem Falle hätten wir unser Reiseleben aufgeben müssen, und Wilkows Gesundheit forderte den Aufenthalt in einem südlichen Klima, er ertrug den Norden nicht.«

Sie sprach wieder im gleichgültigsten Tone. Die kleine Frau Konsul besaß noch nicht viel Menschenkenntnis, sonst hatte die tiefe Bitterkeit des so jäh hervorbrechenden Ausrufs ihr doch vielleicht zu denken gegeben, so aber sagte sie nach einiger Zeit unbefangen, wenn auch etwas zögernd: »Willst du mir noch immer nicht sagen, was das damals zwischen dir und Robert gewesen ist?«

Elfriede richtete sich heftig empor, man hatte es ihren müden, dunklen Augen gar nicht zugetraut, daß sie noch so aufblitzen konnten wie jetzt, wo sie sich mit einer beinahe zornigen Bewegung frei machte.

»Was quälst du mich mit diesen Fragen? Ich habe dich doch gebeten, mich damit zu verschonen!«

»Ja, du machst es gerade so wie Robert!« sagte die kleine Frau, mehr erstaunt als beleidigt über diese Zurückweisung. »Der wird auch immer gleich wütend, wenn ich davon anfange, und setzt eine Miene auf, daß ich schleunigst aufhöre. Aber du könntest mir doch beichten, wir sind Jugendfreundinnen. Freilich, ich wurde von euch beiden immer noch als Kind behandelt, weil ich ein paar Jahre jünger war als du, mir wurde nie etwas anvertraut. Aber so klug war ich doch, zu merken, daß die Sache zwischen euch nicht richtig war.«

Elfriede machte eine Bewegung der äußersten Ungeduld, es schien, als wollte sie um jeden Preis dies Gespräch abbrechen, aber Meta hielt es hartnäckig fest, sie plauderte weiter.

»Als die Nachricht deiner Verlobung aus Berlin kam – Robert war ja damals schon in Amerika –, konnte ich mir die Sache nicht zusammenreimen; doch du schriebst mir seit jener Zeit überhaupt nicht mehr und Robert schwieg hartnäckig auf jede briefliche Frage. Ich habe mir damals oft genug den Kopf darüber zerbrochen.«

»Du hättest dir dein blondes Köpfchen über etwas Besseres zerbrechen sollen,« sagte Elfriede kalt. »Das war wirklich nicht der Mühe wert.«

»Nicht? Nun, weshalb seid ihr beide denn so gereizt bei der bloßen Erinnerung?« »Weil es nicht angenehm ist, an Kindereien erinnert zu werden, die längst vergessen sind. Du solltest das mir und deinem Bruder wirklich ersparen.«

Das klang noch immer sehr ärgerlich. Die kleine Frau schüttelte nachdenklich den Kopf. Sie fand indessen keine Zeit zu weiteren Fragen, denn jetzt wurde die Thür des Salons geöffnet und man hörte Herrn Wellborn draußen bereits schwatzen, ehe noch jemand sich zeigte. Er ließ zwar den beiden anderen Herren den Vortritt, eilte dann aber schleunigst zu der Baronin, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen und ihr den bereitgehaltenen Strauß blühender Rosen zu überreichen. Er sprach die ganze Litanei seiner Befürchtungen in Bezug auf ihr Befinden nochmals herunter und beglückte dann, nach der beruhigenden Versicherung der Baronin, daß sie ganz wohl sei, Frau Konsul Rahnsdorf mit seiner Unterhaltung. »Hast du es schon gehört, Elfriede, daß Robert in der nächsten Woche fort will?« wandte sich der Geheimrat an seine Tochter.

Elfriede hob die Augen, ein rascher fragender Blick glitt zu Adlau hinüber, dann aber sagte sie mit höflich kühlem Bedauern: »Sie wollen Korfu schon wieder verlassen, Herr Adlau. Ist denn Meta damit einverstanden?«

»Der Bösewicht ist ja nicht länger zu halten,« schmollte Meta. »Fritz und ich haben alles mögliche aufgeboten, aber er thut, als brenne ihm der Boden hier unter den Füßen.«

»Ich muß fort, Meta,« sagte der Bruder bestimmt. »Die Zeit der Uebergabe von Brankenberg rückt heran und ich habe noch manches vorzubereiten. Ueberdies habt ihr mir ja im nächsten Sommer einen Besuch versprochen. Es bleibt dabei, ich reise am nächsten Mittwoch, und Mitte November hoffe ich, meinen Einzug in Brankenberg zu halten.«

»Mitte November?« wiederholte der Geheimrat mit einem wehmütig fragenden Blick auf seine Tochter. »Dann sind wir ja wohl in Aegypten?«

»Gewiß, Papa, du weißt es ja, wir gehen direkt von hier nach Kairo.«

»O Kairo! Die Pyramiden!« rief Wellborn begeistert, »Sie müssen mit hinauf, Herr Geheimrat! Auf diesen Riesendenkmalen der Vergangenheit zu stehen, das ist so erhebend!«

»Und so unbequem!« seufzte der Geheimrat, aber der Begeisterte ließ sich nicht stören: »Und dann die Kamele, darauf freue ich mich ganz besonders. Wir werden Wüstenritte unternehmen, wir werden uns tragen lassen von diesem Schiff der Wüste –«

»Hören Sie auf, um Gottes willen!« unterbrach ihn der alte Herr verzweiflungsvoll. »Was mich betrifft – ich möchte am liebsten –«

»Was möchtest du lieber, Papa?«

Die Frage klang sehr ruhig, aber der Herr Papa, der so vollständig unter dem Kommando seiner Frau Tochter stand, kannte den Ton. Er hätte sich beinahe zu dem Geständnis aufgeschwungen, daß er weit lieber mit Adlau die Rückreise antreten würde, jetzt aber lenkte er schleunigst ein.

»Ich meine nur, daß ich eigentlich doch ein wenig zu alt bin für solche Reisen.«

»Aber Papa, du bist ja von einer beneidenswehrten Rüstigkeit und nimmst es noch mit all den Jüngeren auf! Du liebst nur etwas zu sehr die Bequemlichkeit, aber man darf solcher Schwäche nicht nachgeben. Es war ein Glück, daß ich noch rechtzeitig eingriff, denn du warst auf dem besten Wege, in deinem einsamen Lindenhof vollständig zu versumpfen.« Das hieß den alten Herrn aber an seiner empfindlichsten Stelle treffen, einen Spott über seinen geliebten Lindenhof ertrug er nicht.

»Ich werde mit sechzig Jahren doch wohl das Recht haben, zu ›versumpfen‹!« sagte er beinahe zornig. »Ich habe mich übrigens sehr wohl bei dieser Versumpfung befunden.«

»Das Recht kann Ihnen niemand bestreiten,« stimmte Adlau bei. »Uebrigens würden Sie jetzt Gesellschaft dabei haben, denn ich denke mich in Brankenberg ja ebenfalls dieser angenehmen Beschäftigung hinzugeben.«

Elfriede biß sich auf die Lippen, sie fühlte den Seitenhieb, der ihr galt, aber sie lächelte und zuckte nur leicht die Achseln bei der Antwort: »Ich werde den Papa noch vor Ihnen hüten müssen, Herr Adlau, Sie stiften ihn ja förmlich zur Rebellion an! Zum Glück habe ich sein Versprechen, und er liebt mich viel zu sehr, um mich allein reisen zu lassen. Nicht wahr, Papa?«

Der arme Geheimrat sah gar nicht nach Rebellion aus, und der Appell an seine Vaterliebe stimmte ihn nun vollends weichmütig. Er warf einen Blick auf seine Tochter, die in der That heute bleich und angegriffen aussah, und faltete dann ergeben die Hände.

»Gewiß, mein Kind. Also in Gottes Namen – gehen wir nach Aegypten! Und wenn Sie nach Brankenberg kommen, Robert, dann grüßen Sie mir auch mein liebes kleines Heim, es liegt Ihnen ja gerade vor Augen!«

»Merkwürdig, daß Herr Adlau gerade jetzt nach dem Norden will,« mischte sich Wellborn in das Gespräch. »Der November und Dezember pflegt ja dort gräßlich zu sein. Weshalb eilen Sie denn so mit der Abreise?«

»Weil in diesem ›gräßlichen Norden‹ Arbeit und Pflichten auf mich warten, Herr Wellborn. Wer kümmert sich denn eigentlich um Ihre Fabrik, während Sie in Aegypten sind?«

»O, das thut mein Direktor, ein sehr tüchtiger Mann, der schon unter meinem Vater alles leitete. Er kann mir ja seine Berichte nachschicken.«

Der junge Mann setzte nun seine völlige Ueberflüssigkeit in seiner eigenen Fabrik mit einer beneidenswerten Harmlosigkeit auseinander. Meta verbarg mühsam das Lachen und ihr Bruder sagte mit unverhohlenem Spott: »Ihr Direktor wird die Berichte wahrscheinlich gar nicht für nötig halten, er würde Sie ja nur damit stören. Mir wäre übrigens mit solchen ›verständnisvollen‹ Beamten nicht gedient. Ich will mein Reich selbst regieren.«

»Es wird Ihnen noch zu schaffen machen, Robert, dies Reich,« sagte der Geheimrat. »Es hieß in der ganzen Umgegend, Brankenberg müßte verkauft werden, um die Familie vor dem gänzlichen Ruin zu retten, und in der letzten Zeit sei es in der Wirtschaft drunter und drüber gegangen. Man hörte da arge Dinge.«

»Ich weiß,« versetzte Robert ruhig. »Eine ganz tolle Wirtschaft, ohne Sinn und Verstand! Von den reichen Hilfsquellen des Gutes scheint kein Mensch eine Ahnung gehabt zu haben. Ich wußte genau Bescheid, als ich den Kauf abschloß, und habe auch nur den entsprechenden Preis gezahlt. Da heißt es, von Grund aus Ordnung schaffen, und das wird Zeit und Arbeit kosten, aber gleichviel – es ist etwas zu machen aus Brankenberg.«

»Mein Gott, weshalb legen Sie sich denn aber eine solche Last auf?« warf Frau von Wilkow nachlässig ein. »Es gibt doch sicher Güter mit geordneten Verhältnissen, gerade in unserer Rheingegend.«

»Gewiß, aber ich hatte keine Lust, mich in ein warmes, bequemes Nest zu setzen, wo alles schon gethan ist. Ich muß schaffen, aufbauen können, muß Freude haben an dem Werdenden und Gewordenen, das ist für mich – doch Verzeihung, gnädige Frau, ich langweile Sie da mit Dingen, die Ihnen ganz fern liegen!«

»Warum gerade mir?« fragte Elfriede, gereizt durch die scharfe Betonung jenes Wortes.

»Weil Sie Ihr Leben in ganz andere Bahnen gelenkt haben, mit vollem Rechte,« sagte Adlau mit einer Artigkeit, die nur mit dem Ausdruck seiner Augen nicht recht stimmen wollte. »Wer sich an die Arbeit gewöhnt hat wie ich, den läßt die Gewohnheit nicht los, auch wenn die Notwendigkeit zur Arbeit vorüber ist.«

»Haben Sie das denn an sich selbst erfahren?« fragte Wellborn mit naiver Verwunderung. »Ich glaubte immer, Sie seien zu Ihrem Vergnügen in Amerika gewesen und hätten als Tourist den Weltteil durchstreift.«

»Da sind Sie leider im Irrtum gewesen, Herr Wellborn. Ich hatte nicht das Glück, als Erbe eines reichen Fabrikherrn geboren zu werden, ich bin mit meiner Schwester in einem Pfarrhause aufgewachsen, und ein deutscher Pastor pflegt gewöhnlich keine Schätze aufzuhäufen. Mein Vater gab mir seinen Segen mit, als ich in die Welt hinausging, weiter konnte er mir nichts geben, aber schließlich bin ich damit und mit der eigenen Kraft doch ziemlich weit gekommen. Im Anfange freilich habe ich es oft genug fühlen müssen, daß ich ein armer Teufel war und als solcher gar kein Recht auf das Glück hatte; es wurde mir ziemlich schonungslos klar gemacht, daß das nur für die Reichen und Vornehmen da war. Ja, man muß bisweilen hartes Lehrgeld zahlen – da drüben in Amerika, meine ich.«

Der Geheimrat räusperte sich, er fand, daß die Unterhaltung eine etwas bedenkliche Wendung nahm, und wollte eben eingreifen, als zu seiner großen Erleichterung der Wagen der Frau Konsul gemeldet wurde. Damit nahm der Besuch ein Ende, Meta brach mit ihrem Bruder auf und auch Herr Wellborn empfahl sich, mit der Versicherung, daß am Nachmittage herrliches Wetter sein und daß er sich dann gestatten werde, wegen einer Spazierfahrt anzufragen.

Elfriede war an das Fenster getreten, um der Freundin nachzusehen, aber der Wagen war längst fort und sie stand noch immer, die Stirn gegen die Scheiben gelehnt, ohne sich zu regen. Auch ihr Vater, der auf dem Sofa Platz genommen hatte, schwieg einige Minuten lang, endlich sagte er: »Robert kann bisweilen recht ungemütlich werden in seinen Anspielungen. Ein Glück, daß die anderen beiden sie nicht verstanden, auch Meta Rahnsdorf scheint nicht eingeweiht zu sein.«

Frau von Wilkow antwortete nicht, sie blickte noch immer hinaus in den strömenden Regen, während der Geheimrat fortfuhr: »Und du legst es manchmal geradezu darauf an, ihn zu reizen. Wenn ihr beide zusammen seid, steht man immer wie unter einer Gewitterwolke, die jeden Augenblick losbrechen kann. Für diesmal trennen wir uns ja bald wieder, aber wie soll das werden, wenn wir nach Hause kommen, wo Robert unser nächster Gutsnachbar ist?«

Elfriede wandte sich langsam um, sie war auffallend bleich und ihre Lippen zuckten, als sie erwiderte: »Darüber brauchst du dir nicht den Kopf zu zerbrechen, Papa. Ich werde Lindenhof nicht wieder betreten, nun ich weiß, daß Rob–, daß Herr Adlau in Brankenberg leben wird.«

Der alte Herr fuhr förmlich entsetzt aus seiner Sofaecke empor, denn das Gespenst eines ewigen Herumwanderns tauchte drohend vor ihm auf. »Aber ich bitte dich, Elfriede!«

»Nie wieder!« wiederholte sie mit scharfem Nachdruck. »Und auch hier, Papa, hättest du Adlau vermeiden sollen, vermeiden müssen! Statt dessen suchst du ihn förmlich auf, ihr verkehrt ja fortwährend miteinander, und du hast ihm die Hand geboten, als ob gar nichts geschehen wäre!«

»Nein, er war es, der mir die Hand bot, schon bei unserer ersten Begegnung,« erklärte Rottenstein, nun auch seinerseits mit einigem Nachdruck. »Und das hätte ein anderer nicht gethan, denn er war es, dem damals unrecht geschah.«

Die junge Frau war an den Tisch getreten und zog einige Rosen aus dem Strauße, den Wellborn ihr vorhin überreicht hatte. Ihr Antlitz trug wieder den müden, gleichgültigen Ausdruck, der ihm sonst eigen war, aber ihre Hand zerpflückte in nervöser Aufregung die Blumen.

»Das heißt mit anderen Worten: ich habe ihm unrecht gethan! Gehst du in deiner blinden Vorliebe für diesen Mann so weit, Partei für ihn zu nehmen gegen die eigene Tochter? Freilich, das hast du ja schon damals gethan!«

»Ich habe gar nichts gethan,« sagte der alte Herr sehr offenherzig. »Deine verstorbene Mama hatte die Sache in die Hand genommen. Ich wurde gar nicht gefragt –«

»Und Mama hatte recht,« fiel Elfriede ein. »Auf die Art, wie Adlau sich damals benahm, als er von jener anderen Werbung erfuhr, gab es nur eine Antwort – meine Verlobung mit Wilkow.«

»Nun, schmeichelhaft war das gerade nicht für Wilkow,« meinte der Geheimrat, in dem sich heute ein ganz ungewöhnlicher Geist des Widerspruchs regte. »Er hat es freilich nie erfahren, wie diese Verlobung eigentlich zu stande kam. Die Mama wollte dich ja durchaus als Baronin Wilkow, als reiche Frau sehen, und wenn deine liebe Mama sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann setzte sie es auch durch! Robert hat sich freilich wie ein Toller benommen. Das ist wahr, aber es ist ihm auch toll mitgespielt worden, und er liebte dich eben. Der arme Junge hat mir damals in der Seele leid gethan!«

Elfriede zerpflückte mechanisch die letzten Rosen aus dem Strauß, aber bei den letzten Worten des Vaters stieg eine dunkle Glut in ihrem Antlitz empor, und sie hielt die Augen gesenkt, als sie mit halb erstickter Stimme wiederholte: »Er hat dir leid gethan! Ich nicht – und ich habe doch auch gelitten in jener Zeit!«

Rottenstein richtete die ehrlichen blauen Augen fest auf sie, es stand ein stummer Vorwurf darin.

»Nun, du bekamst ja deinen Willen! Ob Wilkow gerade der rechte Mann für dich war, das ist eine andere Frage. Du hast freilich immer behauptet, du wärest sehr glücklich mit ihm gewesen, aber ich habe nie recht an dies große Glück geglaubt. Dein Aussehen und dein ganzes Wesen waren nicht danach.«

»Da bist du im Irrtum gewesen, Papa – ganz im Irrtum!« Die Stimme der jungen Frau klang halb erstickt bei dieser Versicherung. »Du warst überhaupt immer ungerecht gegen Wilkow, er war eine durchaus vornehme Natur!«

»Vornehm! Das bestreite ich gar nicht. Er war es sogar gegen seine Schwiegereltern; und dabei hat er mit aller Artigkeit oft genug den Herrn Baron gegen uns herausgekehrt. Dich mag er ja auf Händen getragen haben, es sah wenigstens so aus, aber mir wäre der Robert mit all seiner Schroffheit, mit feiner stürmischen, rücksichtslosen, aber durch und durch gesunden Natur lieber gewesen als dein höflicher, kühler, vornehmer Herr Gemahl mit seiner ästhetischen Bildung. Nimm's mir nicht übel, Elfriede, aber ich habe ihn immer recht langweilig gefunden, und du wahrscheinlich auch, sonst hättest du nicht in dies ruhelose, unsinnige Reiseleben gewilligt. Du hast eben draußen in der Welt gesucht, was du in deiner Ehe nicht fandest, und da draußen hast du es auch nicht gefunden!«

Nach dieser unerhörten Redeleistung setzte sich der alte Herr mit einem hörbaren Ruck wieder zurecht in seiner Sofaecke. Er empfand es als eine förmliche Heldenthat, seiner Frau Tochter endlich einmal die Wahrheit gesagt zu haben, und ihr maßloses Erstaunen darüber schmeichelte ihm sogar. O ja, er konnte auch etwas leisten, besonders wenn Robert Adlau ins Spiel kam, der schon als Knabe sein Liebling gewesen war!

Elfriede mochte das fühlen, und das reizte sie nur noch mehr. Sie zerdrückte krampfhaft die schon halb vernichteten Rosen vollends in der Hand und warf sie dann auf den Boden. Die Bewegung hatte durchaus nichts mehr von Müdigkeit oder Gleichgültigkeit, sie war im Gegenteil höchst energisch.

»Ich erkenne dich ja gar nicht wieder, Papa,« sagte sie im herbsten Tone. »Du bist sonst die Rücksicht selbst, und heute sagst du mir die verletzendsten Dinge ins Gesicht, erinnerst mich schonungslos an jene Zeit, wo ich noch ein halbes Kind war –«

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