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Hexengold und andere Erzählungen

Elisabeth Werner: Hexengold und andere Erzählungen - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
authorElisabeth Werner
titleHexengold und andere Erzählungen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger G.m.b.H.
year
illustratorM. Flashar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080923
projectid86a408db
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Der Lebensquell

.

In voller Fahrt durchschnitt der Dampfer die tiefblaue Flut des Ionischen Meeres, die, leise wogend, nur von einem leichten Windhauche bewegt, das leuchtende Blau des Himmels widerzuspiegeln schien. Auf dem Vorderdeck stand eine kleine Gruppe von Reisenden und blickte in das Meer hinaus, wo fern am Horizont, noch in bläulich nebelhaften Umrissen, eine Küste mit steil aufragenden Bergen sich zeigte. Die schlanke Dame, die an der Brüstung lehnte, mochte am Ende der Zwanzig stehen. Es war eine zarte, höchst anziehende Erscheinung, mit einem etwas bleichen Gesicht und großen dunklen Augen, aber es lag ein Hauch tiefer Müdigkeit und Gleichgültigkeit auf dem noch so jugendlichen Antlitz. Auf dem dunklen Haar saß ein graues Filzhütchen, dessen Schleier in dem frischen Morgenwinde auf und nieder flatterte, und der graue Reiseanzug verriet trotz seiner Einfachheit, daß die Dame den vornehmen Ständen angehörte.

Sie beobachtete mit dem Fernglase in der Hand das auftauchende Land und wandte sich jetzt zu einem jungen Manne, der neben ihr stand.

»Sie haben recht, es ist die Küste von Korfu. Sie sehen es zum erstenmal?«

»Jawohl, gnädige Frau,« versetzte der Gefragte. »Ich habe bisher überhaupt noch nicht viel von der Welt gesehen und will jetzt das Versäumte nachholen. Mein seliger Papa hielt gar nichts vom Reisen, er saß jahraus, jahrein in seiner Fabrik und mochte das Herumtreiben in der Welt, wie er es nannte, nicht leiden. Merkwürdig, nicht wahr? Ja, mein Papa war überhaupt ein ganz merkwürdiger Mann. – Denken Sie lange in Korfu zu bleiben?«

»Wahrscheinlich einige Wochen, da wir den Winter in Aegypten zubringen wollen, und vor dem November kann man ja nicht dorthin.«

»O, Aegypten, das ist auch mein Reiseziel! Ich sagte es Ihnen ja bereits, gnädige Frau. Ich wollte sogar nur einige Tage auf der griechischen Insel zubringen, aber ich kann meine Pläne ändern.«

Der junge Mann, der ungefähr in dem gleichen Alter stand wie seine Nachbarin, schien bereits entschlossen zu dieser Aenderung. Viel Geist lag gerade nicht in seinen Zügen, aber sie waren sehr hübsch, und der höchst elegante Reiseanzug stand ihm vortrefflich. Er wandte sich jetzt zu einem alten Herrn, der, die Arme auf die Brüstung gestützt, eine Herde von Delphinen beobachtete, die in der durchsichtig klaren Flut ihr Spiel trieben.

»Da kommt das Land in Sicht, Herr Geheimrat, die Küste von Korfu. In einigen Stunden werden wir landen.«

»Gott sei Dank, dann hat man doch endlich wieder festen Boden unter den Füßen!« sagte der Geheimrat, sich emporrichtend. »Seit zwei Tagen sind wir unterwegs, und ich bin gar nicht angelegt für Seereisen; wenn nun vollends die Seekrankheit kommt –«

»Sie kommt nicht bei dieser ruhigen Fahrt,« unterbrach ihn die junge Frau. »Du siehst es ja, Papa, sie hat niemand auf dem Schiffe belästigt.«

»Sie hätte aber doch kommen können!« meinte der Vater bedenklich. »Ich habe mich fortwährend davor geängstigt, weil Ihr Wetterglas auf Sturm stand, Herr Wellborn. Da hat sich dies vielgerühmte Glas einmal gründlich blamiert!«

»Bitte, mein Wetterglas ist vorzüglich,« widersprach Wellborn eifrig, »Es ist eine ganz neue Art, und der Erfinder war ein Genie – das heißt, mein Papa behauptet, er wäre eigentlich ein Lump gewesen. Er wollte uns nämlich eine große technische Erfindung verkaufen und erhielt eine Anzahlung, um noch die letzten Proben zu machen, aber er brannte uns durch mit dem Gelde und mit der ganzen Erfindung. Er hat uns nur das Wetterglas zurückgelassen.«

»Das schon in Triest auf Sturm stand,« warf der Geheimrat ein.

»Dann wird der Sturm auch kommen, verlassen Sie sich darauf,« behauptete der junge Mann mit unerschütterlicher Zuversicht. »Aber hoffentlich kommt er erst, wenn wir am Lande sind.«

Die Dame schien sich bei diesem Gespräch zu langweilen, das zeigte der Ausdruck ihres Gesichtes. Sie hatte wieder das Fernglas zur Hand genommen und schaute nach der Küste hinüber, deren Umrisse immer klarer und deutlicher wurden. Sie bemerkte es nicht, daß ein anderer Reisender, der soeben aus der Kajüte heraufgekommen war und jetzt in einiger Entfernung stand, sie und ihren Vater scharf beobachtete; auf einmal trat er an den letzteren heran und verbeugte sich.

»Herr Geheimrat Rottenstein, habe ich die Ehre, noch von Ihnen gekannt zu sein, oder muß ich mich in aller Form vorstellen?«

Rottenstein sah verwundert auf, und musterte die kraftvolle Erscheinung des vor ihm Stehenden, der bereits über die Jugend hinaus war. Er blickte in ein von der Sonne tiefgebräuntes Gesicht mit nicht schönen, aber festen, energischen Zügen und durchdringenden grauen Augen. Das dichte dunkelblonde Haar und der dichte Vollbart gaben dem Manne etwas Fremdartiges, aber er sprach ein vollkommen reines Deutsch.

»Ich bedaure,« sagte Rottenstein verlegen. »Ich erinnere mich wirklich nicht – mit wem habe ich das Vergnügen?«

Der Fremde lächelte flüchtig und wandte sich zu der jungen Frau.

»Dann darf ich wohl bei Frau Baronin Wilkow noch weniger auf eine Erinnerung hoffen?« Die Baronin hatte sich bei dem Klange der Stimme mit einer jähen Bewegung umgewendet, ihre Augen begegneten denen des Fragenden, die mit einem eigentümlichen, beinahe finsteren Ausdruck auf ihrem Antlitz hafteten. Sie senkte langsam die Wimpern unter diesem Blick, aber sie erwiderte in kühlem Tone: »Herr Adlau – wenn ich nicht irre.«

Er verneigte sich tief und förmlich.

»Sie irren in der That nicht, gnädige Frau – Robert Adlau.«

»Was, der Robert?« rief der alte Herr in maßlosem Erstaunen. »Wie in aller Welt kommst du – ich bitte um Verzeihung, wie kommen Sie hierher, Herr Adlau?«

»Bitte, bleiben Sie bei dem Robert,« sagte Adlau herzlich. »Es klingt mir wie ein Gruß aus der Heimat, die ich lange genug entbehrt habe. Aber Ihre Frage möchte ich Ihnen zurückgeben. Bei mir ist es gerade nicht wunderbar, wenn ich an irgend einem entlegenen Punkte der Welt auftauche, doch wo kommen Sie her?«

»Wir kommen von Triest und wollen nach Korfu.«

»Dann haben wir den gleichen Weg, dahin gehe ich auch, aber ich bin erst in der letzten Nacht an Bord gekommen, als der Dampfer in Brindisi anlegte.«

Es trat ein kurzes Schweigen ein, fast wollte es scheinen, als waltete bei diesem unerwarteten Zusammentreffen irgend ein Zwang vor; aber jetzt mischte sich Herr Wellborn in das Gespräch und bat, dem fremden Herrn vorgestellt zu werden, in dem er so etwas wie einen Weltreisenden witterte. Er stürzte sich deshalb schleunigst auf diese neue Bekanntschaft, die sich nur leider sehr kühl verhielt. Adlau streifte ihn mit einem flüchtigen Blick, nahm die Vorstellung mit einer ziemlich nachlässigen Verbeugung entgegen und sagte gar nichts, während der junge Mann auf ihn einsprach.

»Ich mache gegenwärtig meine erste größere Reise,« erklärte er. »Ich bin gewissermaßen noch Lehrling in dem höheren Reiseleben, hoffe aber mit der Zeit Meister darin zu werden, wie die Frau Baronin es ist, und wie Sie es ohne Zweifel sind, Herr Adlau. Habe ich vielleicht das Vergnügen, einen unserer kühnen Forscher und Entdecker in Ihnen zu begrüßen? Einen Afrikareisenden –«

»Bitte, nichts dergleichen,« schnitt ihm der andere ohne weiteres das Wort ab.

»Wirklich nicht? Aber Sie sehen so ungemein tropisch aus und Sie äußerten ja auch vorhin, daß Sie an den entlegensten Punkten der Welt zu finden seien. Wo waren Sie zuletzt, wenn ich fragen darf?«

»In Amerika.«

»O, Amerika! Das kenne ich auch noch nicht, aber ich will später jedenfalls hinüber. Waren Sie in New York, Chicago?«

»So ziemlich überall in dem ganzen Weltteil.«

»Das muß höchst interessant gewesen sein!«

»Je nachdem,« sagte Adlau trocken. »Es kann unter Umständen auch recht ungemütlich sein. Man entbehrt dort bisweilen die allernotwendigsten Kulturerrungenschaften. Handschuhe zum Beispiel kann man weder beim Goldgraben in Kalifornien noch in den Ranchos von Brasilien tragen.«

»Fatal, aber trotz alledem interessant,« meinte Herr Wellborn, der sehr enganschließende wildlederne Handschuhe trug und den Spott durchaus nicht merkte. Er fragte unermüdlich weiter, bis Robert Adlau ungeduldig wurde und ihn abschüttelte. Er wandte sich wieder dem Geheimrat zu mit den Worten: »Ich komme soeben vom Rhein, aus unserer gemeinsamen Heimat, und da darf ich wohl nicht versäumen, mich Ihnen als zukünftigen Gutsnachbar vorzustellen.«

»Als was?« fragte Rottenstein verwundert. »Ich wüßte wirklich nicht –«

»Nun, Sie sind doch Besitzer von Lindenhof, wie man mir sagte.«

»Gewiß, vor fünf Jahren, als ich meinen Abschied nahm, habe ich den hübschen kleinen Landsitz erworben.«

»Das hörte ich zufällig beim Abschluß meines Kaufvertrages; nun, unmittelbar daran grenzt das Gebiet von Brankenberg.«

»Brankenberg? Das haben Sie doch nicht etwa gek–« dem alten Herrn blieb vor Erstaunen das Wort im Munde stecken.

»Gekauft, allerdings,« ergänzte Adlau, »Herr von Brankenberg hat sich nur noch eine kurze Frist ausbedungen. Er will erst im November das Schloß räumen und das Gut übergeben, und da ich in der Zwischenzeit doch nichts beginnen konnte, so beschloß ich einen Besuch bei meiner Schwester, die gegenwärtig in Korfu lebt als Frau unseres dortigen Konsuls.«

Rottenstein sah noch immer aus, als traute er seinen Ohren nicht, aber auch Frau von Wilkow, die sich bisher gar nicht an dem Gespräch beteiligt hatte und kaum zuzuhören schien, wurde aufmerksam. Auch sie streifte den neuen Gutsherrn mit einem höchst erstaunten Blick, indessen äußerte sie nichts darüber, sondern sagte nur: »Wir erfuhren allerdings von Metas Heirat. Sie haben sie ja wohl jahrelang nicht gesehen?«

»Das letzte Mal vor zwölf Jahren, als ich Europa verließ.«

»Das ist allerdings eine lange Zeit.«

»O ja! Lang genug, um in der Heimat vergessen zu werden.«

Die Worte klangen so herb, als läge ihnen eine geheime Bedeutung zu Grunde. Die junge Frau hob den Kopf und schien im Begriff, eine gereizte Antwort zu geben, aber es kam nicht dazu. Der alte Ausdruck von Müdigkeit und Gleichgültigkeit legte sich wieder über ihre Züge, und sie erwiderte mit einem leichten Achselzucken: »Das Vergessen pflegt meist gegenseitig zu sein; aber ich finde es recht kühl hier oben, ich werde hinunter in die Kajüte gehen. Du bleibst wohl noch auf dem Deck, Papa?«

Sie neigte flüchtig das Haupt gegen die Herren und ging; gleichzeitig verlor Herr Wellborn auch alle Lust, noch länger auf dem Deck zu bleiben. Er bemächtigte sich eiligst des Fernglases, das die Dame hatte liegen lassen, und trug es ihr nach. Zwischen den beiden Zurückgebliebenen aber wollte kein rechtes Gespräch in Gang kommen, obgleich dies Wiedersehen nach so langer Zeit doch Stoff genug dazu bot. Der alte Herr kämpfte sichtlich mit einer Verlegenheit, deren er nicht Herr zu werden vermochte, und Adlau blickte schweigsam und zerstreut in das Meer hinaus. Auf einmal aber richtete er sich empor, mit einer raschen Bewegung, als würfe er irgend etwas Lastendes von sich.

»Herr Geheimrat, wozu der Zwang zwischen uns beiden! Sind wir uns denn so fremd geworden? Als Sie mich erkannten, sah ich ja, daß Sie mir die alte freundliche Gesinnung bewahrt haben, und ich bin auch der alte geblieben – Ihnen gegenüber.«

»Wirklich, Robert?« rief Rottenstein, der jetzt zum erstenmal wieder die vertrauliche Anrede gebrauchte. »Das freut mich, freut mich von ganzem Herzen! Ich habe Sie immer gern gehabt, aber Sie waren ja ganz wild damals, als – nun, Sie wissen ja, was ich meine. Jetzt ist das hoffentlich vergessen.«

»Vergessen und begraben! Ich hatte anderes zu thun in den letzten zwölf Jahren, als alten Erinnerungen nachzuhängen. Also – auf gute Nachbarschaft zwischen Lindenhof und Brankenberg!«

»Auf gute Nachbarschaft!« Der alte Herr schlug herzlich in die dargebotene Hand ein, ihm war offenbar ein Stein von der Brust gefallen. Er nahm auf einem Feldstuhl Platz und fing behaglich an zu plaudern.

.

»Also vor allen Dingen, wie geht es Ihnen, Robert? Doch die Frage ist eigentlich überflüssig, wer Brankenberg kaufen kann, muß ein reicher Mann sein.«

»Wenigstens kein armer Mann,« sagte Robert gelassen. »Aber es ist mir nicht leicht gemacht worden, bis ich dahin kam. Jahrelang hatte ich nichts als Fehlschläge und Enttäuschungen; was ich heute gewann, zerrann morgen, bis es endlich aufwärts ging, und da ging es allerdings schnell, wie alles da drüben. Doch das erzähle ich Ihnen ausführlich, wenn wir im Winter behaglich am Kamin sitzen!«

»Im Winter! Da sitze ich ja in Kairo bei den Pyramiden!« rief der Geheimrat in kläglichem Tone. »Ich muß ja nach Afrika!«

»Sie müssen? Weshalb denn?«

»Weil Elfriede den Winter in Deutschland nicht aushält. Ich meine, sie könnte als Frau und Witwe füglich allein reisen, aber das will sie durchaus nicht. Unter uns gesagt, Robert, ich mache mir aus diesem vielgepriesenen Orient nicht das geringste. Diese Pyramiden sehen mir schon auf den Bildern so langweilig aus, bei den Mumien wird mir übel und die Kamele kann ich nicht ausstehen. Und nun vollends diese ungemütlichen Bestien, die Löwen und Krokodile –«

»Die kommen nicht nach Kairo,« warf Adlau ein. »Da müssen Sie schon weit nilaufwärts oder in die Wüste gehen.«

»Aber wir wollen ja bis an die Katarakte!« rief der alte Herr verzweiflungsvoll. »Und Elfriede will auch in die Wüste, sie will überallhin! Das ist sie noch von ihrem Manne gewohnt, der trieb sich auch am liebsten in der Nähe des Aequators herum, aus Gesundheitsrücksichten, wie er behauptete. Als sie den Baron heiratete –« er hielt plötzlich inne und blickte etwas unsicher zu seinem Gefährten auf, aber dieser ergänzte ruhig: »Vor zehn Jahren, ich weiß. Sie sandten mir ja die Verlobungsanzeige.«

»Ja, ich – das heißt, eigentlich hat es meine Frau gethan,« sagte Rottenstein. »Ich habe mich bei der ganzen Sache neutral verhalten, denn Wilkow war bedeutend älter als meine Tochter und sehr kränklich. Er mußte stets den Winter in den südlichen Kurorten zubringen, deshalb gaben sie auch bald ihren Haushalt in Berlin auf und führten nur noch ein Reiseleben. Das ging von einem Lande in das andere, ohne Rast und Ruhe, sie waren immer auf der Fahrt, bald in Italien, bald in Madeira oder Korfu, schließlich in Aegypten, und dort starb auch mein Schwiegersohn, vor zwei Jahren, Aber als Elfriede zurückkam – sie brachte die erste Zeit ihrer Witwentrauer bei mir zu – da war nichts mehr übrig von meiner rosigen, lustigen Friedel mit dem neckischen Uebermute und dem hellen Lachen, gar nichts mehr.«

Robert Adlau lehnte mit verschränkten Armen an der Brüstung, an demselben Platze, wo vorhin die bleiche, nervöse Frau gestanden hatte, er hörte mit völlig unbewegter Miene zu und fragte jetzt in kühlem Tone: »War die Ehe der Frau Baronin keine glückliche?«

»Doch, sie war glücklich; Wilkow trug seine Frau auf Händen und erfüllte ihr jeden Wunsch. Ich glaubte, dies ewige Reiseleben sei ihr nicht gut bekommen, und hoffte, sie würde sich nun endlich Ruhe gönnen, aber daran war nicht zu denken. Kaum daß sie den Sommer in Lindenhof aushielt, im Winter ging es nach Italien, und ich – ging mit!«

»Freiwillig oder gepreßt?«

Der alte Herr ließ die Frage unbeantwortet, er seufzte nur aus tiefstem Herzensgrunde; plötzlich aber faßte er seinen Nachbar beim Rock und zog ihn näher, während er halblaut fortfuhr: »Robert, wenn Sie wüßten, was ich ausgestanden habe bei diesen Kunststrapazen, bei diesen Antiken, die nie ein Ende nehmen und immer besichtigt sein wollen! Hätte ich in Rom nicht ein paar Landsleute aufgespürt, die sich abends zu einem kleinen gemütlichen Skat zusammenfanden, ich glaube, ich wäre an all den Galerien und Museen und Antiken zu Grunde gegangen.«

Das Geständnis klang so jämmerlich, daß Adlau laut auflachte.

»Armer Herr Geheimrat! Sie sind gar nicht angelegt für das ›höhere Reiseleben‹, wie dieser wißbegierige junge Mann mit den engen Handschuhen es nennt.«

»Nein, ganz und gar nicht,« bestätigte Rottenstein, der immer mitteilsamer wurde. »Ich dankte Gott, als es endlich wieder nach Hause ging. Im Sommer hatte ich Ruhe, da war Elfriede in England und Schottland zum Besuch bei irgend einer englischen Familie, die sie irgendwo da unten kennen gelernt hatte, aber jetzt geht die Plage wieder an. Ich wäre so gern daheim geblieben in meinem stillen Lindenhof. Sie sollten es nur sehen! Eine hübsche Villa, mit großem Garten und prächtigem Blick auf den Rhein, ein Weingütchen – da wird jetzt geherbstet! Ich gab meinen Leuten immer ein kleines Fest nach der Traubenlese, da war Tanz und Jubel bis in die Nacht hinein. Und nun –« hier schlug die wehmütige Stimmung des alten Herrn plötzlich um, er wurde zornig, »nun sitze ich hier in dieser blauen Wasserwüste, unter wildfremden Menschen, und soll nach Afrika, in die Wildnis – das halte ich nicht aus!«

»Das brauchen Sie ja auch nicht,« warf Adlau ein. »Warum weigern Sie sich nicht?«

»Weigern?« wiederholte der Geheimrat, der diese Zumutung unerhört zu finden schien. »Das versuchen Sie einmal bei meiner Tochter! Sie ist leider sehr nervös und verträgt keinen Widerspruch. Sie wissen freilich nicht, was das bei einer Frau heißt, nervöse Zufälle.«

»Nein, und ich würde sie der meinigen auch bald abgewöhnen.«

»Ja, Sie waren immer so ein Gewaltmensch,« sagte Rottenstein, »und meine Friedel war ein eigensinniger Starrkopf. Deshalb wäre es auch nicht gut geworden, wenn ihr beide damals – nun runzeln Sie nur nicht so drohend die Stirn, Robert! Ich bin ja ganz Ihrer Meinung, daß wir das ›Einst‹ vergessen und begraben sein lassen.«

»Ich bitte auch dringend darum!«

Die Bitte ward mit solcher Entschiedenheit ausgesprochen, daß der alte Herr ganz verschüchtert wurde. Er stand auf und meinte, es werde ihm jetzt auch zu kühl, er wolle hinuntergehen in die Kajüte. Robert Adlau blieb allein zurück, aber die finstere Falte stand noch auf der Stirn, sie schien nur tiefer zu werden, als er halblaut sagte: »Also sie ist Witwe! Pah, was geht es mich an! Wir sind beide fertig miteinander, Frau Baronin von Wilkow!« –

Einige Stunden später landete der Dampfer in Korfu. In unmittelbarer Nähe stiegen die Berge der Insel und des nahen Festlandes auf, sie schienen von allen Seiten aus der Flut emporzuwachsen, ein mächtiger Rahmen für das in südlicher Schönheit leuchtende Landschaftsbild. Immer deutlicher wurden die Häuser und Villen der hellschimmernden Stadt am Ufer, und jetzt stieß ein Schwarm von Booten dort ab, um die Landenden aufzunehmen.

Die Reisenden waren sämtlich auf Deck gekommen, unter ihnen auch Geheimrat Rottenstein mit seiner Tochter und Herr Wellborn, der, das Reisebuch in der Hand, mit unendlicher Wißbegierde jeden Berggipfel und jede Meeresbucht studierte. Einige Schritte entfernt stand Adlau und spähte scharf nach den Booten hinüber, die pfeilschnell und zierlich wie Schwalben über die blaue Meeresfläche dahinschossen, allen voran eine größere Barke, die, von zwei Matrosen gerudert, an ihrer Spitze die deutsche Flagge zeigte. Die Insassen, ein stattlicher Mann und eine noch junge, hübsche Frau mit zwei Kindern, schienen gleichfalls an Bord des Dampfers jemand zu suchen. Jetzt flatterte ein weißes Tuch dort, und gleich darauf wurden über die Wellen hinweg jubelnde Grüße ausgetauscht.

»Da ist er! Robert! – Willkommen, Schwager!« und ein freudiges »Grüß Gott! Da bin ich!« kam von Bord zurück.

Der Dampfer hielt, die Schiffstreppe wurde hinuntergelassen, als das Boot eben anlegen wollte, aber Adlau wartete das nicht ab. Kaum die Stufen berührend, schwang er sich mit einem

kühnen Satze hinüber in das kleine Schiff, umfaßte die Schwester, schüttelte dem Schwager die Hand und wandte sich dann zu den Kindern, die dem fremden Onkel freudig die Aermchen entgegenstreckten.

»Dieser Herr aus Amerika scheint sehr wagehalsiger Natur zu sein,« bemerkte Wellborn, der diese Eigenschaft offenbar nicht besaß. »War das ein Sprung, mit dem er in das Boot hinuntersetzte! Um ein Haar wäre es umgeschlagen und er selbst wäre ins Meer gestürzt. Man soll das Schicksal nie herausfordern, meinen Sie nicht auch, Herr Geheimrat?«

Der alte Herr betrachtete halb teilnehmend, halb neidisch die Familienscene da unten in der Barke.

»Jawohl, der wird empfangen und begrüßt!« brummte er vor sich hin, »der ist gleich daheim bei seiner Familie, und unsereins muß ins Hotel, wo es natürlich wieder schändliches Essen gibt und Betten, wie – ums Himmels willen, wo ist denn meine Tochter geblieben? Da schreit mich dieser Mensch in drei verschiedenen Sprachen an, von denen ich keine einzige verstehe! Was will er denn? Ich glaube, jetzt spricht der Kerl gar griechisch oder arabisch. Elfriede, so komme mir doch zu Hilfe!«

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