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Hexengold und andere Erzählungen

Elisabeth Werner: Hexengold und andere Erzählungen - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
authorElisabeth Werner
titleHexengold und andere Erzählungen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger G.m.b.H.
year
illustratorM. Flashar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080923
projectid86a408db
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In dem Hause, das Herwig mit seiner Tochter bewohnte, war man mit den letzten Reisevorbereitungen beschäftigt; es zeigte sich niemand am Fenster oder in der Thür, im Garten dagegen wandelte eine hohe Gestalt mit langsamen Schlitten auf und ab. Es lag sonst gar nicht in der Art des Professors Normann, so feierlich und würdevoll einherzuschreiten, er war im Gegenteil meist hastig und formlos in seinen Bewegungen, heute aber schien ihm diese feierliche Haltung eine Ehrensache zu sein, bei der Veränderung, die er mit seinem äußeren Menschen vorgenommen hatte.

Er hatte in der That das Erstaunlichste geleistet, die »Urwaldmähne« war mit Hilfe des Haaröls gebändigt, nur hatte Norman, der ganz unbekannt mit diesem Verschönerungsmittel war, leider einen allzu ausgiebigen Gebrauch davon gemacht. Auf seinem Haupte glänzte es wie der Tau ringsum auf den Gebüschen, der sonst so starr emporstrebende Haarwuchs lag jetzt glattfromm gescheitelt über der Stirn und klebte förmlich an den Schlafen. Der Professor war kaum wiederzuerkennen, und es war nicht zu leugnen, daß sein Aussehen bedeutend an Grimmigkeit verloren hatte; aber vorläufig fühlte er sich noch sehr unbehaglich in seiner nagelneuen »Menschlichkeit«.

Friedel befand sich gleichfalls im Garten mit einem riesigen Blumenstrauß. Er wußte besser als sein Herr, was mit den Blumen anzufangen sei, wenn eine junge Dame abreiste, und hatte das Gärtchen seiner Wirtin nachdrücklich geplündert. Uebrigens war auch er in einer ungewöhnlichen Verfassung. Da der Herr Professor fast die ganze Flasche Oel verbraucht hatte zur Bändigung seines Haarwuchses, so hatte Friede! die Erlaubnis erbeten und erhalten, sich nun seinerseits mit dem Reste zu verschönern. Auch seine blonden Haare glänzten, wenn auch in bescheidenerem Maße, und er kam sich wundervoll dabei vor.

Da öffnete sich die Thür des Hauses, und Dora, schon im vollen Reiseanzuge, trat heraus. Sie nickte freundlich ihrem Schützlinge zu, den sie zuerst erblickte, und wollte eben seinen Morgengruß erwidern, als plötzlich Professor Normann vor ihr auftauchte und mit einer gewissen Feierlichkeit sagte: »Guten Morgen, Fräulein Dora!«

Dora wandte sich um, sah ihn an, stand einen Augenblick starr vor Verwunderung und brach dann in einen förmlichen Lachkrampf aus.

»Aber mein Fräulein!« Normann richtete sich tief beleidigt empor, er hatte eine ganz andere Wirkung seiner Erscheinung erwartet.

.

»Entschuldigen Sie, Herr Professor –« die junge Dame bemühte sich vergebens, ihre stürmische Heiterkeit zu mäßigen. »Ich wollte Sie gewiß nicht – aber – o, das ist köstlich!« Und sie erstickte fast vor Lachen.

»Fräulein Dora, lachen Sie mich nicht wieder aus!« rief der Professor drohend und wollte sich seiner Gewohnheit nach mit beiden Händen in die Haare fahren, besann sich aber noch rechtzeitig, daß das in seiner jetzigen Verfassung nicht angehe. Er preßte die Hände krampfhaft an den Körper und fuhr in einem beinahe wehmütigen Tone fort: »Sie haben es mir doch angeraten, das Haaröl, fast eine ganze Flasche davon habe ich verbraucht, und der Friedel hat den Rest genommen.«

»Ja, der sieht auch aus wie ein Oelgötze!« rief Dora und gab sich von neuem einer unbändigen Heiterkeit hin.

Das war nun vollends eine Beleidigung, allein über den Professor schien mit jener Salbung eine ganz merkwürdige Sanftmut gekommen zu sein, denn anstatt aufzufahren, sagte er im Tone des tiefsten Vorwurfs: »Sie spotten – und ich habe es doch nur Ihretwegen gethan.«

»Meinetwegen?« – Dora wurde plötzlich ernst, ihr Auge begegnete dem seinigen und dann streckte sie ihm die Hand hin und erwiderte leise: »Dann will ich nicht mehr lachen.«

Friedel hatte seinen Blumenstrauß, den er erst beim Abschied überreichen wollte, einstweilen in der Laube untergebracht und wunderte sich nur, daß der Herr Professor die kleine Hand, die in der seinigen lag, so lange festhielt. Dieser schien überhaupt heute morgen sehr friedlich gestimmt zu sein, denn er begann im eifrigen Gespräch mit dem Fräulein auf und ab zu gehen. Dem Knaben klopfte das Herz, jetzt kam gewiß die Geschichte mit dem Schleier zur Sprache – ob Fräulein Dora das wohl übelnahm?

Es war jedoch vorläufig weder von dem Schleier noch von dem Friedel die Rede in jenem Gespräch, denn Dora erwiderte soeben auf eine Bemerkung ihres Begleiters: »Papa meint, es hänge ja nur von Ihnen ab, ob Sie nach Heidelberg kommen wollen, und er werde sich freuen, wenn es geschehe.«

»Ja, Kollege Herwig!« sagte Normann mit etwas unsicherer Stimme. »Aber andere würden sich darüber nicht freuen, Ihnen zum Beispiel wäre es wohl gar nicht recht?«

»O gewiß, wenn Sie mir den Friedel mitbringen!«

»Schon wieder der dumme Junge!« fuhr der Professor auf. »Der liegt Ihnen allein am Herzen.«

»Seine Zukunft liegt mir am Herzen. Haben Sie sich die Geschichte überlegt?«

»Welche Geschichte?«

»Nun, ich zeigte Ihnen doch gestern das Bild, das Ihnen so wenig schmeichelhaft vorkam und das doch so charakteristisch ist in jeder Linie. Jetzt freilich hat die Ähnlichkeit bedeutend gelitten.«

Es zuckte wieder verräterisch um die Lippen der jungen Dame, als sie einen Blick auf das gesalbte Haupt ihres Begleiters warf; diesen aber schien die Erwähnung des Bildes sehr ungnädig zu stimmen, er nahm wieder die alte griesgrämige Miene an, als er entgegnete: »Es fällt mir gar nicht ein, dem Jungen die künstlerischen Mucken in den Kopf zu setzen, er ist schon übermütig genug geworden, der bleibt bei seiner Stiefelbürste. Reden Sie mir nicht darein, mein Fräulein, es bleibt dabei!«

»Punktum!« ergänzte Dora. »Soll ich Ihnen einmal sagen, Herr Professor, was Sie zunächst thun werden, wenn Sie nach der Stadt kommen?«

»Wissen Sie das so genau?«

»Ganz genau. Sie werden schleunigst zu irgend einem namhaften Künstler gehen und das Talent des Friedel prüfen lassen, dann werden Sie ihn in die Zeichenschule bringen, werden aufs freigebigste für alles sorgen, was er braucht, und mir hierauf mit bekannter Grobheit melden, die Sache sei in Ordnung, sie gehe mich gar nichts mehr an und ich brauche mich überhaupt nicht mehr darum zu kümmern, – Was sagen Sie zu meiner Hellseherei?«

Normann sagte gar nichts. Es grenzte in der That an Hellseherei, daß man ihm seine geheimsten Gedanken und Absichten so ins Gesicht sagte, er war völlig verblüfft darüber.

»Versuchen Sie nur nicht, es mir abzuleugnen,« fuhr Dora triumphierend fort. »Als wir damals den Aufstieg von der Alm aus unternahmen, hielten Sie mir eine lange Vorlesung darüber, daß es sehr erfreulich und nützlich für die Menschheit sei, wenn das ›Jammerpflänzchen‹, der Friedel, so bald als möglich umkomme, und dann trugen Sie ihn eine Stunde lang in der glühenden Sonnenhitze, um ihm so bald als möglich Hilfe zu schaffen. Als er nach Schlehdorf gebracht wurde, und ich ihn pflegen wollte, wurden Sie grob und erklärten, Sie könnten das ganz allein besorgen. Sie haben auch die ganze Nacht an seinem Bette gesessen und ihm Umschläge gemacht. Jetzt bestehen Sie hartnäckig auf der Stiefelbürste, und sobald ich Ihnen den Rücken gewandt habe, bekommt der Friedel doch den Zeichenstift in die Hand. Sehen Sie nicht so grimmig aus, Herr Professor! Ich glaube Ihnen nichts mehr, kein Wort, Sie haben bei mir verspielt mit Ihrer sogenannten Herzlosigkeit.«

Norman hatte allerdings einen Versuch gemacht, die alte Grimmigkeit zu behaupten, aber es gelang ihm nicht, er fühlte das selbst und auf einmal beugte er sich nieder und fragte mit verhaltener Stimme: »Fräulein Dora, werden Sie bisweilen an mich denken?«

Der Ton der Frage war so ernst, daß er keine unbefangene Antwort zuließ, Dora senkte den Blick.

»Ich denke, Sie kommen nach Heidelberg?«

»Vielleicht im nächsten Frühjahr. Jedoch bis dahin – haben Sie mich wohl längst vergessen.«

»Nein!« sagte das junge Mädchen leise, aber fest und hob langsam wieder die schönen braunen Augen empor; sie tauchten tief in die des Fragenden, tief und ernst, und er mußte der Versicherung wohl Glauben schenken, denn seine Hand umschloß plötzlich mit festem leidenschaftlichen Drucke die ihrige.

Da öffnete sich die Thür und Professor Herwig erschien. Auch er bemerkte mit dem höchsten Befremden die Oelpracht seines Kollegen, da er aber dessen Empfindlichkeit kannte, so äußerte er nichts darüber, sondern schüttelte ihm die Hand, während Dora in das Haus ging, um Hut und Handschuhe zu holen. Gleich darauf vernahm man drinnen ihre Stimme: »Wenn ich nur wüßte, wo mein Schleier geblieben ist! Er war doch um den Hut gelegt, und jetzt finde ich ihn nirgends.«

Friedel, der mit seinem Blumenstrauß soeben wieder herbeigekommen war, wurde blutrot und schielte ängstlich zu seinem Herrn hinüber. Jetzt mußte dieser doch den vermißten Schleier übergeben, was er bisher wahrscheinlich vergessen hatte, aber seltsamerweise geschah das nicht. Der Professor, der auf einmal auch merkwürdig rot im Gesicht aussah, wandte sich vielmehr zu seinem Kollegen und begann mit krampfhafter Lebhaftigkeit von irgend welchen Moosarten zu sprechen, zur Verwunderung Herwigs, der es etwas sonderbar fand, jetzt, im Augenblick der Abreise, ein wissenschaftliches Thema zu erörtern.

Inzwischen war der Wagen vorgefahren, das Gepäck wurde herausgeschafft und aufgeladen, und die Wirtsleute mit ihrer ganzen Familie kamen herbei, um den scheidenden Gästen lebewohl zu sagen. Professor Normann aber war noch immer bei den Moosen, und Dora suchte noch immer ihren Schleier. Jetzt trat sie heraus und fragte: »Friedel, du hast ja meinen Hut gestern abend in das Haus getragen, hast du den Schleier nicht gesehen?«

Der arme Junge wagte nicht zu antworten und senkte schuldbewußt den Kopf; da kam ihm die Hilfe von einer Seite, von wo er sie am wenigsten erwartet hatte. Sein Herr wandte sich plötzlich um, nahm ihm den Blumenstrauß ohne weiteres aus der Hand und sagte, ihn der jungen Dame überreichend: »Hier, Fräulein Dora, ein Abschiedsgruß von Schlehdorf!«

Das war ein glücklicher Gedanke, denn nun kamen die sämtlichen Hausbewohner mit ihren Blumensträußen gleichfalls herbei und umringten die Scheidenden. Es begann ein allgemeines Abschiednehmen und Händeschütteln, und darüber geriet der fehlende Schleier glücklich in Vergessenheit. Nur Friedel sah tiefgekränkt aus. Er hatte doch die Blumen gepflückt und zusammengebunden, und nun nahm sie ihm der Herr Professor weg und schenkte sie dem Fräulein, und er selbst stand mit leeren Händen da. Er fühlte sich erst einigermaßen getröstet, als Dora ihn herbeirief und aufs freundlichste von ihm Abschied nahm.

Jetzt saßen die Reisenden im Wagen, noch ein letztes Winken und Grüßen, dann ging es fort, hinein in den sonnigen Morgen. Dem Friedel liefen die Thränen über die Backen, aber plötzlich fiel es ihm ein, daß der Weg um den ganzen See herum führe und daß man von der kleinen Anhöhe, am Ende des Gartens, den See überblicke. Er eilte spornstreichs dorthin, und der Professor, dem das gleichfalls einleuchtete, folgte ihm mit langen Schritten. Da standen sie nun beide und sahen dem Wagen nach, der in der That noch eine ganze Weile sichtbar war. Friedel schluchzte zum Herzbrechen, und Normann schalt ihn, aber dabei sah er aus, als hätte er mit dem trostlosen Jungen am liebsten ein Duett angestimmt.

»Flenne nicht!« sagte er endlich. »Im Frühjahr siehst du das Fräulein wieder. Wir gehen nach Heidelberg.«

Friedels Thränen versiegten plötzlich, seine Augen leuchteten auf, und fast atemlos vor freudiger Ueberraschung fragte er: »Ich auch?« »Natürlich! Fräulein Dora würde mir ein schönes Gesicht machen, wenn ich dich nicht mitbringen würde, aber erst hast du gesund zu werden – verstanden? Solch ein Jammerwesen, wie du jetzt noch bist, will ich nicht mitbringen; ein dicker, rotbackiger Bube hast du zu werden, damit ich Ehre mit dir einlege, sonst gnade dir Gott!«

»Ich geb' mir schon alle Mühe dazu,« versicherte der Knabe treuherzig.

»Ja, das thut mancher!« brummte der Professor – er sprach nicht aus, was er dachte: daß es jedenfalls leichter für den Friedel sei, dick und rotbackig, als für ihn selbst, »menschlich« zu werden, wie es von gewisser Seite gefordert wurde und leider mit Recht. Es ging doch nicht an, daß man ein grimmiger Sonderling, ein menschenfeindlicher Einsiedler blieb, wenn man – nun wenn man nach Heidelberg wollte.

»Friedel,« sagte er, das Auge noch immer auf den schon weit entfernten Wagen gerichtet. »Wie war doch der Singsang, den du gestern gelernt hast, das Lied von Heidelberg? Kennst du die Melodie noch?«

Friedel nickte und begann sofort mit seiner schwachen, aber wohllautenden Stimme:

»Alt Heidelberg, du feine!«

Er hatte Text und Melodie noch vollkommen im Kopfe und sang ganz richtig die Strophe herunter; aber als er damit zu Ende war, geschah etwas Unerhörtes, Unglaubliches, Herr Professor Normann fing selbst an zu singen. Ja, er sang wirklich und wahrhaftig, und als der Friedel ihn ganz entsetzt mit offenem Munde anstarrte, sang er allein den letzten Vers noch einmal. In greulich falschen Tönen, jedoch im kräftigsten Baß klang es über den See, dem eben verschwindenden Wagen nach:

»Auch mir bist du geschrieben
Ins Herz gleich einer Braut,
Es klingt wie junges Lieben
Dein Name mir so traut!«

In seinem Studierzimmer zu Heidelberg ging Professor Herwig ungeduldig und ein wenig ärgerlich auf und ab. Von Zeit zu Zeit warf er einen Blick auf die Uhr und dann trat er wieder an das Fenster, das auf die Straße hinausging.

Der Bahnzug war schon vor geraumer Zeit eingetroffen, und die Reisenden, die er gebracht hatte, mußten längst in der Stadt sein, aber noch immer ließ sich kein Wagen vor dem Hause blicken.

Man erwartete den Professor Normann, der die Berufung an die Universität Heidelberg nun in der That angenommen hatte und heute eintreffen sollte. Er kam vorläufig nur auf einige Tage, um die Übersiedlung vorzubereiten, die erst im nächsten Monat stattfinden sollte, und hatte für diesen kurzen Aufenthalt die angebotene Gastfreundschaft des Herwigschen Hauses angenommen.

Jetzt aber schlug die Uhr zwölf, eine volle Stunde war über die festgesetzte Zeit verstrichen, und es blieb nur die Annahme übrig, daß der Professor aus irgend einem Grunde den Zug versäumt habe. Wahrscheinlich traf im Laufe des Tages eine Nachricht von ihm ein, jedenfalls kam er jetzt nicht mehr. Etwas verstimmt über diese Unpünktlichkeit verließ Herwig endlich das Zimmer, um seiner Tochter, die sich im Garten befand, mitzuteilen, daß der erwartete Gast ausgeblieben sei.

Der Professor bewohnte eine der höher gelegenen Villen, und der Garten derselben, der am Bergeshang lag, bot den vollen Ausblick über die Stadt und deren Umgebung. Es war in den ersten Frühlingstagen, ringsum keimte, sproßte und grünte das Frühlingsleben. Die Bäume standen bereits in voller Blüte, überall, in den Gärten, zwischen den Häusern, am Bergeshang leuchteten die weißen oder zartrosigen Schleier, und drüben auf den Höhen schimmerte ein wahres Meer von duftigem Blütenschnee. Blitzend und funkelnd zogen die Wellen des Neckars dahin, im hellen Mittagssonnenschein, weit hinaus in das schöne Neckarthal, und wie in silbernen Duft eingehüllt verschwamm die Ferne. Das Lied hatte wohl recht, der Frühling hielt auf seinem Wege nach dem Norden wirklich hier Rast und webte der Stadt aus seinen Blüten »ein schimmernd Brautgewand«!

Herwigs Blicke schweiften mit stiller Freude über die Landschaft, die ihm so lieb geworden war. Er begriff es nicht, daß man gleichgültig dagegen sein konnte wie Kollege Normann. Ja dieser Sonderling machte ihm und der Universität vielleicht noch mancherlei zu schaffen. So hoch er dessen wissenschaftliche Bedeutung schätzte, so sehr er die Berufung als einen Gewinn ansah, so wenig verhehlte er sich, daß die Schroffheit und Rücksichtslosigkeit des neuen Professors vielfach verletzen werde. Dieser änderte sich schwerlich, wenn er in der neuen Stellung sein altes Einsiedlerleben fortführte und sich wie bisher hartnäckig jeder Geselligkeit verschloß.

»Ich werde ihm noch einmal ins Gewissen reden,« sagte Herwig halblaut, »obwohl ich kaum glaube, daß es helfen wird. Ich komme allenfalls noch mit ihm aus, ob das aber auch den anderen möglich sein wird –«

Er hielt urplötzlich inne und prallte förmlich zurück bei dem Anblick, der sich ihm bot.

Auf einem kleinen rebenumsponnenen Altan, dessen Ranken die ersten zarten Blättchen trieben, stand seine Tochter und neben ihr – der vermißte Kollege, mit dessen Schroffheit und einsiedlerischen Neigungen er sich eben noch beschäftigt hatte. Augenblicklich war aber nichts von diesen beiden Eigenschaften an dem Herrn Professor wahrzunehmen, er hatte den Arm um das junge Mädchen gelegt und küßte wieder und immer wieder das rosige Gesichtchen, und Dora ließ sich das ganz ruhig gefallen.

.

Beide waren so vertieft in das Küssen und Geküßtwerden, daß sie gar nicht den Nahenden bemerkten, der starr und regungslos dastand wie eine Salzsäule und erst nach einigen Minuten die Sprache zurückgewann.

»Aber Dora! – Herr Kollege!«

Die Gerufenen schreckten auf, Dora stand da wie mit Glut übergossen, Normann jedoch stürzte auf den Ueberraschten los und überfiel ihn mit einer stürmischen Umarmung.

»Kollege! Schwiegervater! Da bin ich und stelle mich als Schwiegersohn vor!«

Wäre ihm ein Schwiegersohn aus den Wolken und geradeswegs vor die Füße gefallen, Herwig hätte nicht erstaunter und erschrockener aussehen können als bei dieser Ankündigung, und als nun auch Dora herbeiflog und ihren Kopf an seiner Schulter barg, rief er ganz fassungslos! »Aber Kind, ums Himmels willen, was soll das heißen? Hast du wirklich –«

»Ja, sie will mich, Kollege!« unterbrach ihn Normann triumphierend. »Sie will mich wirklich und wahrhaftig! Sie begreifen das nicht? Ich auch nicht, aber ich nehme sie. O, ich nehme sie unter allen Umständen!«

»Ja, Papa, du wirst uns wohl deinen Segen geben müssen,« sagte Dora leise mit einem glücklichen Lächeln. »Julius kam zu Fuß vom Bahnhof und sah mich im Garten, und da – da ist er zuerst zu mir gekommen.«

Herwig war vorläufig noch zu bestürzt, um den segnenden Vater zu spielen. Er hätte eher des Himmels Einfall erwartet als diese Verlobung. Seine heitere, übermütige Dora und dieser herbe, unzugängliche Mann, der jeder Lebensfreude abhold war, das ging doch nun und nimmermehr! Normann mochte ihm diese Bedenken wohl vom Gesichte ablesen, denn er sagte mit einem Spott, der aber nichts Herbes mehr hatte, sondern sehr gutmütig klang: »Kollege, Sie sehen aus, als möchten Sie vor Ihrem künftigen Schwiegersohn am liebsten drei Kreuze schlagen. Eigentlich verdenke ich Ihnen das gar nicht, denn ich bin ein verzweifelt unliebenswürdiger Geselle, doch das gibt sich, glauben Sie mir, das gibt sich, sobald Dora meine Frau ist. Den Anfang zum Menschlichwerden habe ich schon gemacht – sehen Sie mich nur an!«

Er fuhr sich mit beiden Händen durch das Haar, eine Bewegung, mit der er jetzt merkwürdig schnell fertig wurde, denn die »Urwaldsmähne« war verschwunden, Ihre Bändigung war nur möglich gewesen, wenn man täglich eine Flasche Haaröl dazu verbrauchte, und da der Professor keine Lust verspürte, zeitlebens als »Oelgötze« umherzulaufen, so hatte er den geliebten Hauptschmuck zum Opfer gebracht und sah nun mit dem kurzgeschnittenen Haar und dem förmlich verklärten Ausdruck in den einst so grimmigen Zügen um zehn Jahre jünger aus.

»Ja, der Anfang ist vielversprechend,« versicherte Dora schelmisch, »aber in den nächsten Wochen kommt die Feuerprobe, Herr Professor, da müssen wir Brautbesuche machen bei der halben Stadt.«

Das eben noch so strahlende Gesicht Normanns wurde sehr lang bei dieser Ankündigung und in kleinlautem Tone wiederholte er: »Brautbesuche? Muß das sein, Dora?«

»Ja, Julius, es muß sein,« erklärte die junge Dame mit der ganzen Entschiedenheit einer Braut, die entschlossen ist, sich in ihrer künftigen Ehe das Scepter nicht entwinden zu lassen. Der künftige Ehegemahl faltete denn auch ergebungsvoll die Hände und sagte wehmütig: »Wenn es denn durchaus nicht anders geht – in Gottes Namen!«

Das war nun allerdings eine großartige Selbstüberwindung, die auch ihren Eindruck auf Herwig nicht verfehlte. Er blickte in die bittenden Augen seines Kindes, das sich jetzt an ihn schmiegte und leise mahnte: »Papa, wir warten noch immer auf deine Einwilligung!« Er breitete die Arme aus und rief: »Nun, da wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als auch zu sagen: Wenn es durchaus nicht anders geht – in Gottes Namen!« –

»Wo steckt denn aber der Junge, der Friedel?« rief Normann, nachdem die allgemeine Umarmung vorüber war. »Ich habe ihn vorhin fortgeschickt, weil er gänzlich überflüssig war bei meinem Gespräch mit Dora. Friedel, wo steckst du?«

Der Gerufene kam hinter den Rosengebüschen am anderen Ende des Gartens hervor. Er hatte Dora bereits begrüßt, ehe er seiner gänzlichen Ueberflüssigkeit wegen fortgeschickt wurde, und näherte sich nun dem Professor Herwig, der ihn verwundert anblickte. Allerdings hatte Friedel die ihm so streng anbefohlene Entwickelung erst zur Hälfte durchgemacht. Dick war er nicht geworden, aber rotbackig, ein schlanker hübscher Bube, aus dessen Blauaugen jetzt auch die frohe Jugendlust leuchtete wie bei seinen Altersgenossen. Das arme, verkümmerte Pflänzchen hatte sich überraschend schnell in ein blühendes Menschenkind verwandelt. Was der Aufenthalt in Schlehdorf begonnen, das hatten die letzten sechs Monate vollendet, der Knabe war augenscheinlich völlig gesund. »Komm zu mir, Friedel! ich habe dich ja noch gar nicht recht gesprochen,« sagte Dora, »Nun, wie war es im Winter? Hast du brav Stiefel geputzt?«

Sie warf einen neckischen Blick zu ihrem Bräutigam hinüber, der die Frage nicht zu hören schien.

»Gezeichnet hab' ich!« rief Friede! mit aufleuchtenden Augen, »Der Herr Professor hat einen anderen Stiefelputzer angenommen!«

»Der Arzt behauptete ja, daß der Junge einstweilen noch geschont werden müsse,« brummte Normann in sichtlicher Verlegenheit, »und da hat er natürlich gekritzelt vom Morgen bis zum Abend. Aber wart nur, jetzt bist du gesund, nun nimmt das Herrenleben ein Ende und das Kritzeln auch – und übrigens kannst du jetzt Fräulein Dora und mir Glück wünschen, wir sind ein Brautpaar und werden uns heiraten.«

»Ja – das hab' ich schon in Schlehdorf gewußt!« versetzte Friedel mit Seelenruhe.

»Nun, da hast du mehr gewußt als wir selber,« scherzte Dora, aber ihr Schützling sah mit pfiffigem Lächeln zu ihr auf.

»Ich hab's auch erst gemerkt, als das Fräulein fort war und der Herr Professor nichts that, als den Schleier anschauen. Den Schleier hab' ich aber gestohlen und wurde so arg gescholten darum, und dann nahm ihn mir der Herr Professor fort und behielt ihn selbst und hat ihn angeschaut morgens und abends und mittags auch noch, und der Sepp –«

»Du verwünschter Junge, willst du wohl schweigen!« fuhr Normann auf und wollte ihn beim Schopf nehmen, allein seine Braut trat dazwischen.

»Meinen Schleier, den ich bei der Abreise vermißte? Und was hat denn der Sepp damit zu thun?«

»Untersteh dich und sage ein Wort!« drohte der Professor, während Dora lachend den Knaben ermutigte: »Erzähle nur, Friedel! Es geschieht dir nichts.«

Friedel schien ein untrügliches Ahnungsvermögen zu besitzen, er wußte bereits ganz genau, wem er zu gehorchen hatte, und hielt es mit der stärkeren Partei. Unter ihrem Schutz fing er vergnüglich an zu schwatzen und erzählte die ganze Geschichte von Anfang bis zu Ende.

»Aber Kollege, Kollege!« sagte Herwig halb lächelnd, halb vorwurfsvoll. »Ein Mann der Wissenschaft und Aberglaube! Wie reimt sich das?« »Pah, die Liebe ist auch ungereimt,« erklärte Normann und sah seine Braut an, die ihn auslachte, so hell, so lustig und übermütig wie einst in den Bergen.

»Und da verlangte dieser Herr Professor, daß man Respekt haben soll vor seinem ›höheren Standpunkte‹! Julius, schämst du dich denn gar nicht vor Papa und mir?«

Der Herr Professor war viel zu glücklich, um sich zu schämen. Er hatte sich auf seinem höheren Standpunkte nicht halb so wohl befunden wie bei diesem Herabsinken zum schmählichsten Aberglauben, und was hatte es denn überhaupt mit dem Aberglauben zu thun, wenn man den Schleier seiner Dame bei sich trug und bisweilen anschaute? Das war Herzenssache. Daß aber der dumme Junge, der Friedel, plaudern mußte! Normann hatte große Lust, ihn dafür noch nachträglich beim Kragen zu nehmen; als er jedoch dies helle, herzerfrischende Lachen hörte, das er so lange hatte entbehren müssen, gab er die Rachegedanken auf und – lachte mit.

Der alte Gärtner erschien jetzt, um zu melden, daß das Gepäck des Herrn Professors vom Bahnhofe gekommen sei. Herwig ging voran ins Haus, um das Nötige anzuordnen, und das Brautpaar folgte langsam. Da blieb Dora auf einmal stehen und wies auf einen Rosenstrauch, der, all seinen Gefährten voraus, schon über und über voll frischer zartgrüner Triebe war.

»Das ist mein Pflegling vom vergangenen Jahre! Sieh nur, wie kräftig er treibt, im Sommer bringt er sicher wieder eine Fülle von Rosen. – Und was den Friedel betrifft – den behalten wir doch im Hause?«

»Damit er dort auch überall herumspioniert wie in Schlehdorf – ich werde mich hüten!« sagte Normann. »Morgen gehe ich mit ihm zu deinem Lehrer, der ihn wohl auch wieder für ein Wunderkind erklären wird, wie alle die Herren Künstler, die ich daheim um Rat fragte. Sie sind ja einig über dies sogenannte großartige Talent des Jungen. Er kommt in die Zeichenschule und später geht er zur Akademie, und wenn er in zehn Jahren nicht ein großer Mann ist, dann drehe ich ihm noch nachträglich den Hals um!«

Friedel vernahm weder diese Entscheidung über seine Zukunft noch die fürchterliche Drohung, die sich daran knüpfte. Er war mit dem Professor Herwig vorausgegangen, und die Geschichte mit dem Schleier ging ihm noch immer im Kopfe herum. Er hatte doch den Schleier gestohlen und der Herr Professor gewann die Braut, das paßte eigentlich gar nicht und wollte dem Friedel auch durchaus nicht einleuchten. Aber er tröstete sich schließlich mit der Ueberzeugung, daß er trotz alledem die Hauptperson bei der ganzen Sache gewesen war, denn – wie der alte Sepp so nachdrücklich betonte – »gestohl'n muß es halt sein!«

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