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Hexengold und andere Erzählungen

Elisabeth Werner: Hexengold und andere Erzählungen - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
authorElisabeth Werner
titleHexengold und andere Erzählungen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger G.m.b.H.
year
illustratorM. Flashar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080923
projectid86a408db
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»Du hast einen schuldlosen Mann in den Tod gejagt, du hast seinem Sohne die Zukunft vernichtet, und jetzt stürzt dich dieser Sohn herab von deiner Höhe. Fühlst du denn nicht das Walten der Nemesis?«

»Nemesis?« Er zuckte verächtlich die Achseln. »Ja so, du glaubst noch an dergleichen, ich bin längst darüber hinaus. Raimar hat eben einen Haupttrumpf ausgespielt, als er dich zur Vertrauten machte, und ich bin matt gesetzt von euch beiden. Aber sucht nicht etwa nach Beweisen, es existieren keine.«

»Ich weiß – nur dein Geständnis kann es beweisen.«

Ronald streifte sie mit einem langen, seltsamen Blick.

»Traust du mir im Ernste eine solche romantische Tollheit zu? Man kann zum Selbstmord greifen, wenn alles verloren ist, das kann man nicht. Und ich gebe mich noch nicht verloren! Sturz – pah! – Ich werde kämpfen bis aufs Blut, um das, was noch mein ist; ein Verzweifelter wagt alles.«

Er machte eine Bewegung, als wollte er gehen, hielt aber plötzlich inne.

»Lebe wohl!«

Edith regte sich nicht.

»Hörst du nicht, Edith? Ich will noch ein Lebewohl von dir – und müßte ich es erzwingen!«

Sie verharrte in ihrem Schweigen, aber sie wich langsam noch weiter zurück. Ronald biß die Zähne zusammen, mit ein paar Schritten war er an ihrer Seite und faßte ihren Arm.

»Ein Wort will ich hören! Reize mich nicht oder –«

Edith riß sich nicht los, aber ein Wort fiel von ihren Lippen, nur ein einziges.

»Dieb!«

.

Ronald taumelte zurück, sein Gesicht wurde leichenfahl, es kam kein Laut mehr über seine Lippen, aber in dem letzten Blick, der auf seine einstige Braut siel, lag doch etwas, was sie erbeben machte. Das war nicht mehr Drohung, das war Todesqual!

Er war gegangen, ohne sich noch einmal umzuwenden, und jetzt, wo sie sich allein wußte, brach Edith zusammen mit einem Aufschrei, in dem sich die Verzweiflung einte mit dem Aufatmen der Erlösung: »Frei! Frei! Aber, o mein Gott, um welchen Preis!«

Der Anfang vom Ende! So hatte Marlow die Gerichtsverhandlung genannt, aber das Ende kam viel schneller, als er und alle vermuteten. Zwar wurde das Aeußerste versucht, um zu retten, was noch zu retten war, Ronald hielt Wort, er kämpfte wie ein Verzweifelter gegen das nun von allen Seiten hereinbrechende Unheil. Alle Hilfsquellen, über die er verfügte, wurden aufgeboten, was er noch an Macht und Einfluß besaß, das wurde eingesetzt, und hätten die großen Werke der Industrie, die er in das Leben gerufen, eine Stütze in sich selbst gehabt, er hätte sie trotz alledem gerettet. Aber Raimar hatte nicht umsonst der Welt zugerufen: »Seht euch die anderen Schöpfungen des unheilvollen Mannes an, sie tragen alle den Zerfall in sich!«

Jetzt sah und urteilte man. Jene Unternehmen arbeiteten mit Hunderttausenden, mit Millionen, weil man ihnen ein unbeschränktes Vertrauen entgegenbrachte, weil ihnen immer neue Mittel zuströmten, sobald der Name Ronald an der Spitze stand. Jetzt, wo das Vertrauen vernichtet war, wo die Mittel versagten, zeigte es sich, daß jene riesigen Schöpfungen sämtlich auf thönernen Füßen standen, sie wankten alle.

Steinfeld fiel zuerst, und nun gab es keinen Halt mehr. Eins riß das andere mit sich, und das Publikum sah mit einer Art von Grauen zu, wie das scheinbar so glänzende Gebäude dieses vielbewunderten und vielbeneideten Reichtums in sich selbst zerfiel. Noch war kein Jahr vergangen, da war das Ende da – über das Vermögen Felix Ronalds wurde der Konkurs eröffnet.

Es war ein finsterer, stürmischer Abend im Spätherbste, mit dicht verschleiertem Himmel und kalten Regenschauern. Im Ronaldschen Hause war alles still und dunkel, nur im Erkerfenster im ersten Stock schimmerte noch Licht hinter dem herabgelassenen Vorhange. Ronald war allein in seinem Arbeitszimmer, morgen sollte er das Haus verlassen, dessen Herr er nicht mehr war, sollte als Bettler von den Trümmern seines einst so unermeßlichen Besitzes gehen.

Er konnte ja freilich Europa verlassen und in einem anderen Weltteil wieder von vorn anfangen. Das hatte mancher gethan, der hier gescheitert war, und mancher war wieder emporgestiegen. Dort drüben, in Amerika oder Australien, brauchte man die Leute von rücksichtsloser Thatkraft, da stürzte man sie nicht mit einer »Krämermoral«. Aber es war etwas zerbrochen in dem Manne, der da so düster in dem Sessel vor seinem Schreibtische lehnte, schon damals als er das Marlowsche Haus verließ, um es nicht wieder zu betreten. Bisher hatte ihn das Fieber des Kampfes aufrecht erhalten, jetzt versagten Wille und Kraft. Er hatte Unmögliches versucht, um das Unmögliche zu erzwingen – umsonst!

Edith Marlow war gleich nach der Vermählung ihrer Cousine nach Italien gereist mit einer älteren Verwandten. Sie war noch nicht zurückgekehrt, auch hier wurde erst »das Ende« abgewartet. Ein bitteres Lächeln zuckte um Ronalds Lippen, sie hatte ja recht. Das konnte nicht verziehen und vergessen werden, das konnte nicht einmal ein liebendes Weib verzeihen, und sie hatte ihn ja nie geliebt. Jetzt stand er allein, er hatte Schmeichler und Anhänger besessen in Menge – Freunde nicht. Und sie hatten ihn alle verlassen, die einen mit brutaler Rücksichtslosigkeit, die anderen mit heuchlerischem Bedauern, gegangen waren sie alle.

»Hexengold!« Das unheilvolle Wort war an ihm zur Wahrheit geworden. Er hatte seine Seele dafür verkauft, und es war ihm ja auch zugeströmt in unerschöpflicher Fülle. Da wurde der Bann gebrochen, und da wurde es auch in seiner Hand zu Staub und Asche, er selbst war ihm verfallen, er wußte es. Und nun trat auch eine Gestalt heran, die er kannte, sein einstiger Chef, den er in den Tod gejagt hatte.

Raimar hatte seinen ersten Beamten nicht beargwöhnt, er war wohl überhaupt nicht mehr fähig, klar zu urteilen und nachzuforschen, nachdem er jene furchtbare Entdeckung gemacht hatte: Er fühlte nur, daß seine Ehre rettungslos verloren war in den Augen der Welt, und das ertrug er nicht. Ronald sah ihn noch deutlich vor sich, wie er in sein Arbeitszimmer ging und sich auf der Schwelle noch einmal umwandte. »Gute Nacht, Ronald!« dann schloß sich die Thür, und man hörte das leise Klirren des Schlüssels, der umgedreht wurde, und Felix Ronald stand draußen und wußte, was da drinnen geschah: Wohl trieb es ihn gewaltsam, sich gegen die Thüre zu stürzen, zu rufen und den Einlaß zu erzwingen, ehe das Entsetzliche geschah, aber da schoß es ihm durch den Kopf, daß dies Entsetzliche ja seine Rettung war. Wenn es geschah, dann hatte ein Schuldiger sich selbst gerichtet, denn es gab nur eine Erklärung, und man fragte und forschte nicht weiter. Dann war die Spur verwischt, die man sonst wohl entdeckt hätte. »Er oder ich!« Das grausame Wort entschied – und dann fiel der Schuß da drinnen!

Jetzt stand sie wieder da, die Gestalt mit dem stillen bleichen Gesichte, und der finstere, einsame Mann wußte, was sie von ihm wollte, die geraubte Ehre und den reinen Namen für den Sohn, der den Vater jetzt gerächt hatte. Der Tote war oft wiedergekommen in den vergangenen Monaten, sehr oft. Heute kam er zum letztenmal, denn wenn er heute ging – dann ging er nicht allein!

Ronald sprang auf und begann ruhelos im Zimmer auf und ab zu wandern. Er hatte die »romantische Tollheit« der Selbstanklage verhöhnt, wie er den Gedanken an die Nemesis verhöhnt hatte, aber mitten im Kampf und Sturm des Lebens denkt man anders darüber als in der Todesstunde. Jetzt fühlte er, daß er unter einer dunklen, rächenden Gewalt stand. Freilich, was kümmerte es ihn, wenn man hinter ihm her zeterte, er war ohnehin beladen mit dem Fluch aller, die sich nicht rechtzeitig zurückgezogen und nun durch ihn ihre Habe verloren hatten. Er hatte die Menschen und ihr Urteil stets verachtet, und ein Jenseits gab es für ihn nicht. Wenn der dunkle Vorhang fiel, dann war es zu Ende.

Langsam trat Ronald wieder zum Schreibtische und nahm aus einem der Fächer ein Bild, das dort monatelang verschlossen gewesen war. Er blickte lange nieder auf das schöne Antlitz, das immer so kalt gewesen war für ihn und doch in Glut und Wärme aufstrahlen konnte für einen anderen. Er haßte jetzt diesen anderen nicht mehr, auch das war vorbei, war erstorben, nur jene Leidenschaft starb erst mit ihm, sie war nun einmal sein Verhängnis gewesen.

Als er Edith das letzte Mal sah, da traf ihn jenes furchtbare Wort aus ihrem Munde wie ein Peitschenschlag in das Gesicht, das war ihr Lebewohl gewesen! So stand er in ihrer Erinnerung! Eins freilich würde es auslöschen, in Thränen auslöschen, die sie ja wohl weinen würde, wenn er ihr dies Vermächtnis hinterließ. Warum sollte er sich diese Thränen nicht erkaufen?

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Er setzte sich zum Schreiben nieder, es war bald gethan. Der Brief an Edith Marlow enthielt überhaupt nur drei Worte: »Lebe wohl! – Felix.« – Der zweite, an Ernst Raimar gerichtet, war auch nur kurz, aber inhaltreich, er setzte mit fester Hand die Unterschrift darunter: »Felix Ronald.« Dann schloß er beide Briefe in ein größeres Couvert, versiegelte es und adressierte an Bankier Marlow. Nun war es geschehen, nun hatte er Ruhe – auch vor dem Toten!

Felix Ronald trat an den Kamin, wo noch die Glut leuchtete, und warf das Bild hinein. Die Flamme züngelte auf und erlosch nach einigen Minuten, es war vernichtet. Jetzt verschloß er die Thür – mit leisem Klirren drehte sich der Schlüssel um, wie damals – und dann waltete die Nemesis ihres Amtes!

Erwachen! Das verheißungsvolle Wort auf dem alten, verwitterten Grabdenkmal des kleinen Waldfriedhofes war wieder einmal zur Wahrheit geworden für die Erde. Drei Jahre waren dahingegangen, und über vergessenen Menschenschicksalen erblühte die Welt aufs neue im Frühlingsleben.

Die gute Stadt Heilsberg erfreute sich noch immer ihrer idyllischen Ruhe und Abgeschlossenheit. Hier hatte sich nichts verändert, nur der bisherige Notar war fortgezogen, und die Heilsberger Kanzlei hatte einen neuen Vertreter. Sonst war nichts passiert, aber die Stadt war und blieb »historisch«, und das genügte.

In Steinfeld und Neustadt dagegen hatten sich tiefgreifende Aenderungen vollzogen, allerdings nicht zum Vorteil der beiden Orte. Die Steinfelder Werke, die anfangs für die Ronaldsche Konkursmasse verwaltet wurden, hatten wieder einen Herrn gefunden, der sie für einen verhältnismäßig sehr geringen Preis erstand, aber nicht daran dachte, den großen Betrieb aufrecht zu erhalten. Dieser ganze riesige Bestand von Arbeitermassen, Gebäuden und kostspieligen Einrichtungen war ja nur Blendwerk gewesen, das zeigte sich bei dem Zusammensturze. Ein wirklicher Ertrag war nur möglich, wenn man das alles auf ein ganz bescheidenes Maß zurückführte, und das geschah denn auch. Die Arbeiter wurden zum größten Teil entlassen, die überflüssigen Baulichkeiten verkauft oder an Pächter abgegeben und das Hüttenwerk selbst fortan so betrieben, wie die anderen Unternehmungen zweiten oder dritten Ranges.

Neustadt, das seine Bedeutung ja nur den Steinfelder Werken verdankte, verlor sie naturgemäß mit ihnen. Die Arbeiterquartiere in der Vorstadt standen teilweise leer, der rege Verkehr mit den Kolonien, der der Stadt unberechenbare Vorteile gebracht hatte, wurde sehr eingeschränkt, und die Beziehungen, in denen die Werke durch ihren früheren Chef zu Berlin und zu dem Auslande standen, hörten völlig auf. Wenn auch nicht gerade das Gras in den Straßen Neustadts wuchs, wie die »Burgwarte« es prophezeit hatte, so war doch seine Blütezeit als Industrieort unwiederbringlich dahin.

Ernst Raimar war nach Berlin übergesiedelt, allerdings zum großen Mißbehagen der Heilsberger. Die ganze Stadt sonnte sich in seiner Berühmtheit, und nun ging er auf und davon. Sein »Hexengold«, dieser kühne Angriff auf den damals noch allmächtigen Ronald, und seine glänzende Verteidigungsrede in jenem Prozeß hatten ihn mit einem Schlage dem Dunkel seines bisherigen Lebens entrissen und überall bekannt gemacht.

Die Woge der Zustimmung und Begeisterung, die ihn emportrug, war noch nicht verrauscht, als ein anderes Ereignis ihn aufs neue in den Vordergrund stellte – die Selbstanklage Ronalds, der noch sterbend der Wahrheit die Ehre gegeben und sich als den Schuldigen bekannt hatte beim Diebstahl jener Depots. Es war selbst an der Schwelle des Grabes noch ein Akt der schwersten Selbstüberwindung, aber es nahm den Makel von dem Namen und der Ehre des verstorbenen Raimar und das »Verhängnis« aus dem Leben seines Sohnes.

Jetzt konnte Ernst die so lange gebundenen Flügel regen, und er regte sie so mächtig, daß man nicht begreifen konnte und wollte, wie ein Mann von dieser Begabung so lange unbemerkt geblieben war. In Berlin fand er überall offene Thüren, und es war nur natürlich, daß alle, die den Vater gekannt und ihm unrecht gethan hatten, Bankier Marlow an der Spitze, nun dem Sohne eine Art von Abbitte leisteten, indem sie ihm das äußerste Entgegenkommen zeigten.

Es war eigentlich merkwürdig, daß dabei immer nur von dem älteren Bruder die Rede war. Max erfreute sich doch auch noch des Daseins und galt auch für ein Talent, obgleich man noch immer nichts davon merkte. Er hatte zwar die Popularität seines Namens nach jener Enthüllung nach Kräften ausgenutzt und überall seine Studien ausgestellt, denn bis zu einem großen Bilde war er auch jetzt nicht gekommen. Seine Leistungen wurden auch freundlich bemerkt und besprochen, weil er eben Raimar hieß, aber dauernd war dieser Erfolg nicht in dem bewegten Treiben der Großstadt, wo ein Interesse das andere verdrängte. Ernst blieb im Vordergrunde, weil er eine bedeutende Persönlichkeit war und seinen Platz zu behaupten wußte; Max trat wieder vollständig in den Hintergrund und hatte es trotz krampfhafter Anstrengungen noch immer nicht zu einer reichen Heirat gebracht, die bekanntlich der Zweck seines Lebens war. Er sehnte sich noch immer nach einer Lebensgefährtin mit der nötigen Vergoldung, die ein grausames Geschick ihm hartnäckig vorenthielt.

Gernsbach wurde wie sonst von dem Pächter bewirtschaftet, das Herrenhaus lag meist still und verschlossen da, aber um so lauter und lustiger ging es dort zu, wenn Major Hartmut mit Frau Gemahlin und Fräulein Tochter einrückte. Er brachte stets seine Urlaubszeit auf dem Gute zu, aber während die junge Witwe sehr zurückgezogen gelebt hatte, war Gernsbach jetzt ein gastfreies Haus mit dem angenehmsten Verkehr, und die Heilsberger wußten das zu schätzen.

Auf der Terrasse saßen Frau Major Hartmut und Herr Notar Treumann, der noch immer Vorstand des historischen Vereins und Mitarbeiter der »Burgwarte« war, aber die Polemik mit dem Neustädter Tageblatt hatte aufgehört. »Gegen den besiegten Feind muß man Großmut üben, und Neustadt ist gar nichts mehr!« pflegte Treumann zu sagen. Diese Großmut wurde ihm um so leichter, als jener Redakteur mit der fossilen Beleidigung längst verduftet und das Tageblatt überhaupt sehr zahm geworden war, seit es nicht mehr die Ronaldschen Interessen vertrat.

Der Besuch des alten Herrn war diesmal übrigens kein zufälliger. Man erwartete heute in Gernsbach seinen Neffen Ernst und »seine Nichte Edith, geborene Marlow«, wie er nie versäumte hinzuzusetzen, denn man kannte ja die Bedeutung dieses Namens in der Finanzwelt. Sie kamen von der Hochzeitsreise.

Wilma Hartmut hatte sich nicht verändert, es war noch dieselbe zarte, anmutige Erscheinung, aber man sah es ihr an, daß sie jetzt eine glückliche Frau war. Da erschien drüben in der Allee der Major zu Pferde und neben ihm auf einem Pony Lisbeth. Sie gewahrten die beiden auf der Terrasse und bogen ab, das ging quer durch die Wiesen in vollem Trabe. Das Blondhaar der Kleinen flatterte im Winde, aber sie saß fest im Sattel und zügelte das kleine, lebhafte Tier mit Sicherheit.

»Halt!« kommandierte Hartmut, und der große Fuchs und der kleine Pony standen wie die Mauern. Der Major grüßte militärisch, was Lisbeth mit großer Sachkenntnis wiederholte, dann stiegen sie ab und übergaben die Pferde dem herbeikommenden Diener, und Arnold führte sein Fräulein Tochter im Triumphe dem Gaste vor.

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»Sehen Sie sich dies Mädel an!« sagte er, »die reitet schon besser als ihre Mama. Furcht kennt sie nicht, das geht über Stock und Stein – meine Schule!«

»Ja, so reite ich immer mit dem Papa!« rief die jetzt zwölfjährige Lisbeth, die auf dies Lob offenbar sehr stolz war. »Sah es nicht lustig aus?«

»Etwas halsbrechend sah es aus,« versetzte der Gefragte. Lisbeth lachte und stahl einige Stückchen Zucker vom Theetische, um die Pferde damit zu füttern, aber es fiel ihr nicht ein, die Steintreppe zu benutzen. Sie setzte sich quer auf die Brüstung und turnte dann mit einem kühnen Sprunge hinunter, was ihr ein tadelndes »Aber Lisbeth« der Mutter und ein lautes »Bravo!« von seiten des Vaters eintrug.

»Das hat Kraft und Leben!« rief er, »Rede mir nicht darein, Wilma, Lisbeth ist ein Prachtmädel!«

»Aber viel zu wild für ein Mädchen,« warf Wilma ein. »Das ist deine Schuld, du machst einen vollständigen Jungen aus ihr mit deiner Erziehung.«

»Nein, das ist deine Schuld,« widersprach Arnold. »Warum bist du mir die Jungen schuldig geblieben? Jetzt muß ich mich an der Lisbeth schadlos halten. – Also nun sind wir versammelt zum Empfange! Sehen Sie nicht so feierlich aus, Onkel Treumann, wir sind im Familienkreise. Bei der Hochzeit hatten Sie allerdings noch einen heillosen Respekt vor der Millionärin.«

»Respekt?« wiederholte Treumann halb beleidigt. »Ich konnte meiner Nichte doch nicht näher treten bei dem großen, glänzenden Feste. Ich habe von jeher für sie geschwärmt, das wissen Sie ja von der ersten Begegnung her auf dem Burgberge.«

»Aber damals glaubten Sie im vollen Ernst, der dumme Junge, der Maxl, würde den Preis davontragen!« rief der Major lachend. »Der erholt sich jetzt in Karlsbad von dem Schrecken. Gallenzustände! so schrieb er wenigstens an Ernst, von dem er sich natürlich das Reisegeld geben ließ.«

»Das hat mein Mann auf dem Gewissen,« sagte Wilma vorwurfsvoll zu dem Notar gewandt. »Wir waren ja gerade in Berlin, als Ernst sich verlobte, und begegneten Max auf der Straße. Da erzählte ihm Arnold die Neuigkeit mit einer Schonungslosigkeit –«

»Bitte, mein Kind, das hast du mißverstanden,« unterbrach sie Hartmut. »Ich war im Gegenteil äußerst zart und schonend. – Siehst du, Maxl, so geht es! sagte ich tröstend. Du hattest schon längst abgeschlossen mit der Zukunft deines Bruders damals in Heilsberg, als du um die Millionärin freitest, und nun bekommt er die Million und die schöne Frau! Den Ernst liebt sie nun einmal, und dich konnte sie nicht ausstehen. Aber tröste dich, du bekommst schon noch irgend ein Ehegespons. – Da wurde er erst grün, dann gelb, murmelte von ›Verrat‹ und stürzte davon wie ein Besessener, und jetzt trinkt er Sprudel, um sich dies Farbenspiel wieder abzugewöhnen. Mich soll nun wundern, wie lange der Maxl noch hausieren geht mit seinem hübschen Gesicht und seiner Dummheit. Er wird doch endlich unter die Haube kommen!« Treumann zuckte nur mit verächtlicher Miene die Achseln. Er liebte es nicht, wenn von »diesem Menschen« gesprochen wurde, den er nicht mehr als seinen Neffen betrachtete. Er hatte ihn in Acht und Bann gethan und blieb in diesem Punkte unbeugsam. Da kam Lisbeth die Treppe hinaufgestürmt und rief atemlos: »Sie kommen! Sie kommen! Ich sehe schon den Wagen!«

Man bemerkte allerdings, wenn auch noch in ziemlicher Entfernung, einen Wagen. Das konnten nur die Erwarteten sein, und der Herr Notar schlug sofort wieder in eine verklärte Stimmung um.

»Ja, sie kommen!« wiederholte er. »Unser Sankt Georg! Das Wort habe ich übrigens erfunden, und dann wurde es zum Schlagwort für die ganze Presse in dem Ronaldschen Prozeß. O, er wird noch ganz andere Kämpfe bestehen, unser Ritter Georg, wenn er erst im Reichstage sitzt! Sie wollen ihn ja als Kandidaten aufstellen bei der nächsten Wahl, ja, solche Redner lassen sie sich nicht entgehen im Parlamente! Wenn Ernst gewählt wird, reise ich nach Berlin und wohne allen Sitzungen bei, keine einzige werde ich versäumen!« und der alte Herr wippte vor Wonne auf und nieder auf seinem Stuhle, was Lisbeth zu der naseweisen Bemerkung veranlaßte: »Onkel Treumann, du machst es gerade wie die Maikäfer, wenn sie auffliegen wollen!«

Jetzt bog der Wagen in die Allee ein, schon von weitem mit Winken und Tücherwehen begrüßt, und wenige Minuten später wurden die Heimgekehrten in Empfang genommen.

»Euch sieht man es an, daß ihr von der Hochzeitsreise kommt. Ihr seht beide noch ganz überirdisch aus!« rief der Major lachend, während er seinem Freunde die Hand schüttelte. Edith hatte inzwischen ihre Cousine umarmt und wandte sich nun zu Lisbeth, die sich die Scheu vor der schönen, vornehmen Tante abgewöhnt zu haben schien. Freilich hatte sich die Tante auch ihrerseits die kühle Vornehmheit abgewöhnt, sie schloß herzlich den kleinen Wildfang in die Arme. Dann kam der Herr Notar an die Reihe, der in der That noch schwankte zwischen der Vertraulichkeit des Onkels und dem Respekt vor der Erbin, aber die Liebenswürdigkeit »seiner Nichte« beseitigte bald den Respekt. Sie versprach, morgen nach Heilsberg zu kommen und sich sein Haus anzusehen, Ernst habe ihr von dem interessanten alten Bau erzählt. Dann verlangte sie von dem »Onkel Treumann«, er solle sie Edith nennen, und bot ihm die Wange zum Russe. Das war zu viel für den alten Herrn, er küßte sie allerdings, aber er weinte dabei vor Rührung.

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Die junge Frau mit den strahlenden braunen Augen war freilich eine andere als die verwöhnte Erbin, die man nur für das Gesellschaftsleben erzogen hatte, und die es mit zwanzig Jahren schon so leer und inhaltslos fand. Jetzt hatte sie den Lebensinhalt gefunden, das sah man an dem Aufleuchten dieser Augen, wenn sie denen des Gatten begegneten. Edith Marlow war ein schönes, kaltes Mädchen gewesen, das es gar nicht der Mühe wert hielt, auf irgend jemand Rücksicht zu nehmen, oder jemand näher zu treten. Edith Raimar besaß jene fesselnde Liebenswürdigkeit, die so leicht ist für eine schöne, gefeierte Frau. Sie hatte das ungemein schnell gelernt, seit sie lieben gelernt hatte.

Ernst hatte ja eine ganze Reihe von Jahren voraus vor seiner jungen Gattin, aber das merkte man kaum bei dem Manne, der jetzt in der blühenden Vollkraft des Lebens stand, getragen und gehoben von seinen Erfolgen, von dem Bewußtsein des endlich errungenen Lebensglückes. Die zehnjährige »Verbannung« in Heilsberg war versunken und mit ihr der blasse, ernste Träumer von damals. Jetzt stand er mitten im Leben und Wirken und holte sich täglich neue Kraft daraus.

Wilma geleitete jetzt die junge Frau nach dem Fremdenzimmer und war ihr dort beim Ablegen des Reisemantels behilflich.

»Ich glaube, du bist noch schöner geworden, Edith!« sagte sie mit aufrichtiger Bewunderung. »Arnold hat recht, ihr seht noch immer nicht aus wie gewöhnliche Menschen.«

»Wir haben auch soeben erst ein Stückchen Eden durchwandert, äußerlich und innerlich,« erwiderte Edith heiter. »Es war das erste Mal, daß wir uns ganz allein angehören durften, und wie lange haben wir darauf geharrt!«

»Ja, aber warum denn eigentlich?« fragte die Frau Major. »Wir merkten ja längst schon, wie es mit euch beiden stand, und ich glaube, ihr seid auch längst einig gewesen. Die äußeren Verhältnisse hinderten euch doch nicht, du bist ja reich genug.«

Die junge Frau, die eben ihr Haar vor dem Spiegel geordnet hatte, wandte sich lächelnd um.

»Da kennst du meinen Ernst und seinen Stolz nicht! Er hätte um keinen Preis eine Abhängigkeit von meinem Vater ertragen, auch nicht einmal vorläufig. Er nahm mir das Versprechen ab, zu warten, bis er sich in Berlin eine Stellung geschaffen hatte und mir selbst etwas bieten konnte. Das geschah freilich viel schneller, als wir glaubten. Ich weiß es am besten, wie sehr er in Anspruch genommen wird.«

»Das ist ja gerade dein Geschmack,« neckte Wilma. »Dein Gatte sollte ja durchaus mehr sein als all die anderen, er sollte dich und sich emportragen zu den Höhen des Lebens – nun, dein Ernst nimmt einen ganz hübschen Anlauf dazu. Jetzt wollen sie ihn gar in den Reichstag wählen!«

»Ja, man will ihm ein Mandat anbieten,« sagte Edith, deren Augen in freudigem Stolze leuchteten. »Ernst ist ja längst in das politische Leben eingetreten, ich hoffe, er spielt noch einmal eine Rolle darin.«

»Und wir warten inzwischen ganz bescheiden auf den Oberst,« erklärte Wilma lachend. »Dein Herr Gemahl will höher hinaus, der reserviert sich zweifellos den Ministersessel als Abschluß seiner Laufbahn. Aber nun komm, Edith, wir wollen die Herren nicht länger warten lassen.«

Die Herren waren inzwischen auf der Terrasse zurückgeblieben und nahmen dort eine Neuigkeit in Empfang, die Ernst mitbrachte, und die doch einige Ueberraschung erregte.

»Ich habe vorgestern einen Brief von Max erhalten,« sagte er. »Er teilt mir darin seine Verlobung mit. Die Anzeigen werden in diesen Tagen versandt.«

»Hat er endlich eine erwischt – Gott sei Dank!« rief der Major. »Reich wird sie natürlich sein, unter dem thut es der Maxl nicht, nun, dann bist du ihn wenigstens los mit seinen ewigen Geldforderungen!« »Verlobt oder nicht, ich nehme keine Notiz mehr von ihm,« erklärte Treumann. »Weißt du etwas Näheres, Ernst?«

»Nur was Max selbst darüber schreibt. Er hat seine Braut in Karlsbad kennen gelernt, jung scheint sie nicht mehr zu sein, auch nicht sehr liebreizend, wie gewisse Andeutungen verraten. Reich ist sie allerdings, wie er mir mit großer Genugthuung meldet. Vielleicht kennst du die Dame, Arnold, sie lebt in Hannover und dort hast du ja vor vier Jahren noch gestanden. Es ist eine Frau Altringer.«

»Die Altringer – Gott steh' mir bei!« rief Hartmut mit hellem Entsetzen. »Hat die den Maxl am Kragen? Dann gnade ihm Gott, da muß er all seine Sünden abbüßen!«

»Du kennst sie also? Es ist die Witwe eines früheren Gutsbesitzers.«

»Ganz recht, sie sind durch Landspekulationen reich geworden und zogen dann nach der Stadt, aber man schlug drei Kreuze, wenn sie angefahren kamen. Das heißt er, der brave Altringer, war eigentlich unschädlich, er duckte nur vor seiner Frau Gemahlin. Das Kommando hatte sie, und sie plagte ihren Seligen Tag und Nacht, bis sie ihn glücklich unter die Erde gebracht hatte. Beiläufig ist sie etwa zwanzig Jahre älter als der Maxl. Halte dir die Schwägerin vom Leibe, Ernst, es ist der leibhaftige Satan!«

»Ich denke durchaus nicht daran, mit Max wieder anzuknüpfen,« sagte Ernst ruhig. »Wir sind uns sehr fremd geworden in den letzten Jahren, er kam und schrieb überhaupt nur noch, wenn er ein Anliegen hatte, und das kam allerdings häufig vor.«

»Ja, er brauchte immer Geld,« fiel der Notar ein, »und du ließest dich immer erweichen. Ich, das weißt du, habe ihm nie verziehen, diesem Menschen, der mein Haus einem Neustädter ausliefern wollte und auf meinen baldigen Tod anstieß.«

»Verzeihen Sie ihm, Onkel Treumann!« sagte der Major feierlich. »Jetzt dürfen Sie es, denn wer die Altringer als Ehegemahl hat, der ist besorgt und aufgehoben! Die kriegt auch den Maxl unter, der ist viel zu dumm, um sich zu wehren, und das Wehren hilft auch in diesem Falle nichts, überlassen wir ihn seinem Schicksale – er ruhe in Frieden!« –

Der nächste Morgen, verschleiert und nebelduftig, klärte sich bald zum vollen Sonnentage. Der Besuch in Heilsberg war auf den Nachmittag verschoben worden, weil Ernst und Edith erklärten, sie hatten noch eine kleine »Wallfahrt« in der Umgegend vor. Sie waren allein gegangen und standen nun wieder an dem Orte, wo sie sich vor vier Jahren zum erstenmal gesehen hatten, eine Begegnung, die über ihr Leben entschied.

Der kleine Friedhof lag ebenso einsam und vergessen wie damals in seiner Waldesruhe. Was da draußen auch vorübergerauscht war an Kämpfen und Stürmen, an Glück und Weh, hier war es still geblieben. Die Toten hatten so friedlich geschlummert unter dem fallenden Laub des Herbstes und dem Schnee des Winters, wie sie jetzt schlummerten unter dem lichten Frühlingsgrün. Wieder lag der Sonnenschein auf den eingesunkenen Hügeln, den verwitterten Grabsteinen, und all das Blühen und Duften, das er geweckt hatte ringsum, wehte und webte jetzt um die Stätte der Toten. Aus den verfallenen Mauern des Waldkirchleins, unter den Holunderbüschen, klang der Amselschlag, das alte jubelnde Maienlied – es war alles wie damals.

Nur für die beiden, die jetzt langsam durch das üppig wuchernde Riedgras schritten, war es anders geworden. Sie hatten sich freilich erst durchringen müssen durch schweren Kampf zu ihrem Lebensglück, und der eine, der damals so drohend zwischen ihnen stand, ruhte jetzt aus von Schuld und Leid, in seinem einsamen Grabe. Sie hatten von ihm gesprochen, das sah man an dem tiefen Ernst, der auf ihren Zügen lag, und an den Wimpern der jungen Frau hingen noch zwei Thränen, als sie mit verhaltener Stimme sagte: »Du ahnst nicht, Ernst, welchen furchtbaren Eindruck mir dieser letzte Gruß gemacht hat! Es waren ja nur drei Worte: ›Lebe wohl! Felix.‹ – Keine Erklärung, keine Bitte! Ich hatte ihn ja von mir gejagt mit jenem entsetzlichen Worte. Und in seiner Todesstunde gab er dir das eigentliche Leben zurück mit seinem Geständnis, dir, der ihn gestürzt hatte! Er konnte ja das Geheimnis mit sich in das Grab nehmen, und er belud sein Andenken auch noch mit diesem Vorwurf. Es war trotz alledem doch ein Zug von Größe in diesem Manne.«

Zwischen Ernsts Brauen stand eine Falte, seine Entgegnung klang nicht hart, aber sie hatte auch nicht den Ton der Weichheit. »Ich trage keinen Haß mehr gegen den Toten – vergessen kann ich es nicht, daß er meinen Vater in den Tod jagte und zehn Jahre lang den Makel auf seiner Ehre ließ. Aber was Ronald sterbend that, das galt nicht mir und nicht der Gerechtigkeit, das galt einzig dir, Edith! In deiner Erinnerung wollte er versöhnt dastehen, du solltest um ihn weinen.«

»Und ich habe geweint!« sagte Edith leise.

»Ich weiß, aber nun laß das ruhen! Diese Erinnerung war es doch nicht, die wir hier suchen wollten. Sieh, da steht unser ›Verheißungswort‹ – es hat doch recht behalten!«

Damit zog Ernst seine Gattin noch einige Schritte vorwärts. Sie standen wieder vor der Waldkapelle, wo sich aus dem grauen, zerfallenen Mauerwerk das alte Denkmal hob. Die Epheuranken hatten es noch dichter eingesponnen, aber dazwischen webte leuchtendes Sonnengefunkel auf dem dunklen, bemoosten Stein mit der halbverwischten Inschrift und jenem Verheißungswort, das auch einst leuchtend wie ein Sonnenstrahl in ein dunkles, schon halb aufgegebenes Dasein gefallen war: »Erwachen! Zu Leben und Licht!«

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