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Hexengold und andere Erzählungen

Elisabeth Werner: Hexengold und andere Erzählungen - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
authorElisabeth Werner
titleHexengold und andere Erzählungen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger G.m.b.H.
year
illustratorM. Flashar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080923
projectid86a408db
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Er hielt inne und schien eine Antwort zu erwarten, als sie nicht erfolgte, schloß er ruhiger, aber mit tiefer Bitterkeit: »Ich habe das in der That nicht versucht. Der Tod meines Vaters galt als Schuldbekenntnis, und wäre ich mit einer Anklage aufgetreten, der auch nicht der Schatten eines Beweises zur Seite stand, man hätte mich wirklich für unzurechnungsfähig gehalten. Meine Ueberzeugung stand fest seit jener Stunde – und seit jener Stunde ist Ronald mein Todfeind gewesen!«

Edith stand noch immer regungslos da, aber ihre Augen hatten einen Ausdruck, als blicke sie in einen Abgrund. Das erste Zusammentreffen ihres Verlobten mit Raimar, dessen Zeuge sie gewesen war, sein wildes Auffahren, als er wissen wollte, was jener mit seiner Braut gesprochen, sein glühender Haß gegen den Mann, den er »zertreten« wollte, und den er doch offenbar fürchtete – das alles erhob sich jetzt in ihrer Erinnerung und zeugte wider Ronald. Es ging ein krampfhaftes Beben durch ihren Körper, als sie fragte: »Und das sagen Sie mir – jetzt!«

»Weil ich muß!« erwiderte er tiefernst. »Sie trauen mir doch wohl keine niedrige Rache zu? Sie wissen es, Edith, ich habe auch damals in Gernsbach noch geschwiegen, als ich aus Ihrem eigenen Munde vernahm, daß Sie Ronalds Braut seien. Ich glaubte, die Enthüllungen meiner Schrift, der Prozeß, der ja vorherzusehen war, würden Sie frei machen von dem unheilvollen Manne. Ich rechnete auf das Eingreifen Ihres Vaters, der jenes Band zerreißen würde. Ich hielt es für längst zerrissen und höre nun von Ihnen, daß es noch besteht, daß Sie sich einer vermeinten Pflicht opfern wollen – nun denn, so sollen Sie wissen, wem dies Opfer gilt!«

Edith richtete sich empor, das lähmende Entsetzen wich jetzt einem plötzlichen Entschlusse.

»Ich werde es erfahren!« sagte sie fest. »Er soll mir Rede stehen.«

»Ihnen, die er liebt? Glauben Sie, daß er sich selbst vernichten wird in Ihren Augen?« »Ich glaube, daß ich allein die Macht habe, ihn zu zwingen, vielleicht ich allein auf der ganzen Welt. Er wird ja nichts bekennen, aber was sein Mund verschweigt, das wird mir sein Auge sagen.«

Raimar blickte sie mit unverhehlter Besorgnis an.

»Sie haben recht, ich kann nicht erwarten, daß Sie mir blindlings glauben, aber – das wird eine furchtbare Stunde für Sie!«

»Ja,« sagte Edith mit zuckenden Lippen. »Leben Sie wohl!«

Sie ging, und Ernst versuchte nicht, sie zurückzuhalten. Er trat nur an das Fenster und sah, wie sie in ihren draußen harrenden Wagen stieg und fortfuhr. Da schlug es vier Uhr vom Turme der gegenüberliegenden Kirche. Arnold mußte gleich zurückkommen, aber Raimar fühlte, daß er in seiner jetzigen Stimmung dem Uebermut des glücklichen Bräutigams, dem frohen Lachen Wilmas nicht werde standhalten können. Nur jetzt allein sein! Er ging hinunter, ließ dem Portier eine Bestellung zurück und verließ das Hotel.

Fünf Minuten später kam der Major mit Frau von Maiendorf angefahren und hörte zu seinem Aerger, daß sein Freund allerdings dagewesen, aber wieder fortgegangen sei. Der etwas unklare Bericht des Portiers ließ ihn an ein Mißverständnis glauben, aber vielleicht war Ernst bei seinem Onkel gewesen und hatte dort eine Nachricht zurückgelassen.

Hartmut stieg die Treppe zum zweiten Stock hinauf, wo der Notar wohnte. Auf sein Anklopfen ertönte ein merkwürdig düster klingendes Herein. Treumann saß am Tische und schrieb so eifrig, daß er sich kaum Zeit nahm, den Gruß zu erwidern.

»Ich wollte nur fragen, ob Ernst bei Ihnen gewesen ist,« sagte der Major. »Bitte um Entschuldigung, wenn ich störe.«

»Nein, Ernst war nicht hier,« versetzte der Notar aufblickend. »Sie stören mich durchaus nicht, ich bin sogleich fertig, nur noch zwei Minuten.«

»Vermutlich der gestrige Bericht für die ›Burgwarte‹,« bemerkte Arnold, aber der alte Herr schüttelte den Kopf und antwortete in einem wahren Grabestone: »Nein – mein Testament!«

»Was? Ich denke, das ist längst gemacht, und wenn Sie wirklich ein Kodizill beabsichtigen, so hat das doch Zeit, bis Sie wieder in Heilsberg sind.«

»Nein, das hat nicht Zeit. Ich kann heut oder morgen sterben, ich habe gestern abend schon geglaubt, daß mich der Schlag treffen wird, und ich will wenigstens meine Ruhe im Grabe haben!«

Treumann schaute den Major dabei so grimmig an, daß dieser das Bedürfnis fühlte, sich zu verteidigen.

»Nun, ich störe Sie doch gewiß nicht darin,« sagte er. »Aber was ist denn eigentlich passiert? Gestern waren Sie in einem fortwährenden Zustande der Verklärung über Ernsts Sieg und seine Erfolge, und heut haben Sie Todesgedanken und machen ein Testament!«

»Franz Philipp Treumann – Punktum!« Der Notar setzte einen dicken Punkt hinter die eben vollzogene Unterschrift und betrachtete dann mit höchster Befriedigung sein Werk. »Warum ich testiere, wollen Sie wissen? Weil ich einen anständigen Erben haben will, und das ist der Maxl nicht. Der Maxl ist ein Lump! Ein ausgemachter Lump!«

»Das stimmt,« versetzte Hartmut mit Seelenruhe. »Ernst und ich haben diese betrübende Entdeckung schon längst gemacht, aber wie sind Sie denn dahinter gekommen?«

Der alte Herr schluckte ein paarmal heftig, wie das seine Gewohnheit war, wenn er sich in äußerster Erregung befand, dann aber brach er los.

»Ich bin schon hinter manches gekommen, denn ich habe Maxls Wirtin ausgefragt, und da bekam ich erbauliche Dinge zu hören. Aber ich glaubte, er sei nur leichtsinnig geworden hier in der großen Stadt, und wenn er auf einige Zeit nach Hause käme, würde er wieder solid und vernünftig werden. Ich wollte ihn mitnehmen in die historische Rumpelkammer, wo die Menschen verschimmeln – das ist nämlich Heilsberg! Und zu dem alten Fossil – das bin ich!«

Jetzt wurde dem Major doch bange um den Verstand des Testators, er wollte ihm eben nach dem Puls greifen, als ihn die nächsten Worte glücklicherweise beruhigten.

»So sagt nämlich der Maxl! So spricht er von seiner Heimat und seinem Onkel! Ich wollte ihn gestern abend noch sprechen und traf ihn nicht zu Hause; aber ich kenne das Lokal, wo er gewöhnlich verkehrt, und da fand ich ihn denn auch mit seinem Busenfreunde, dem Neustädter Redakteur. In einem Separatzimmer saßen sie, und Champagner tranken sie.«

»Dieser Redakteur scheint doch ein sehr leichtsinniger Mensch zu sein,« meinte Hartmut. »Gestern, am Tage der schmählichen Niederlage seines Chefs, durfte er doch höchstens Selterwasser trinken, und nun feiert er das mit Champagner!«

»Der Maxi bezahlt ja alles – von meinem Gelde!« rief Treumann mit einem krampfhaften Auflachen. »›Trinke nur, mein Junge!‹ sagte er. ›Das geht schon auf die Erbschaft vom alten Fossil, darauf habe ich mir einen Wechsel verschafft, hoffentlich fährt er bald ab, der Alte‹ – und darauf haben sie angestoßen!«

»Schändlich!« fuhr Arnold diesmal mit wirklicher Entrüstung auf, während der alte Herr weiter berichtete: »Sie waren beide schon so bekneipt, daß sie es gar nicht merkten, wie ich an der Thür stand und zuhörte. Maxl wußte überhaupt nicht mehr, was er sprach, aber im Wein ist Wahrheit! Das alte Sprichwort bewährte sich wieder einmal. ›Dann ziehst du am Ende ganz nach Heilsberg?‹ sagte der Busenfreund. Das sollte ein Witz sein, und Maxl wollte sich darüber ausschütten vor Lachen. ›Denkst du, ich werde verschimmeln in der historischen Rumpelkammer?‹ rief er. ›Der Alte wohnt natürlich auch in solch einem windschiefen, mittelalterlichen Bau, wie der Fuchs im Loche, aber ein Gutes hat er darin, einen ganz erträglichen Weinkeller. Den trinken wir erst zusammen aus, Bruderherz, und dann wird der ganze historische Kram verkauft, ich bin ja Universalerbe! Kannst dich immer unter der Hand in Neustadt umsehen, ob du einen Käufer findest.‹ – Ein Neustädter in meinem Hause! Da hielt ich nicht mehr an mich – nun kam ich!«

»Wie ein Racheengel, ich kann es mir denken!« warf Hartmut ein, der mit dem größten Behagen zuhörte.

»O nein, ich war ganz ruhig, aber vernichtend. Den Maxl habe ich überhaupt keines Wortes gewürdigt, ich wandte mich an den Redakteur und sagte: ›Mein Herr! Dieser Mensch da war bisher mein Neffe – er ist es fortan nicht mehr! Um einen Käufer für den ›historischen Kram‹ brauchen Sie sich nicht zu bemühen, denn ich mache morgen ein neues Testament und setze meinen nunmehr alleinigen Neffen Ernst auch zum alleinigen Erben ein. Und um meinen Weinkeller brauchen Sie sich auch nicht zu bemühen, den wird Ernst in Gemeinschaft mit seinem Freunde Major Hartmut austrinken, ich werde ihnen das testamentarisch zur Pflicht machen. – Und nun bringen Sie diesen Menschen da nach Hause, er hat zuviel getrunken!‹«

»Bravo!« rief der Major, »Das war großartig! Es ist wirklich rührend, daß Sie dabei auch meiner gedacht und mir testamentarisch eine so höchst angenehme Pflicht auferlegt haben. Der Maxl wird allerdings de- und wehmütig Abbitte leisten, wenn er wieder nüchterner geworden ist.«

»Das soll er sich unterstehen!« Treumann richtete sich kampflustig auf. »Ich werfe ihn zur Thür hinaus! Heute habe ich das Testament niedergeschrieben für alle Fälle, und in Heilsberg werde ich es feierlich niederlegen, vor zeugen. Niet- und nagelfest soll werden, damit dieser Mensch nicht daran rütteln kann. Wofür bin ich denn Jurist!«

Er faltete das Testament zusammen und verschloß es, dann aber schlug seine Stimmung plötzlich in das Elegische um. »Und ich habe den Jungen so lieb gehabt!« sagte er wehmütig. »Von Kindheit an habe ich ihn verwöhnt und verzogen und die größten Hoffnungen auf ihn und sein Talent gesetzt. Ich hatte immer eine offene Hand für ihn, und nun lohnt er es mir so!«

Ein paar Thränen rollten langsam über die Wangen des alten Mannes, aber der Major legte ihm tröstend die Hand auf die Schulter.

»Lassen Sie den dummen Jungen laufen,« sagte er. »Gut, daß Sie ihn jetzt kennen in seiner ganzen Erbärmlichkeit! Eigentlich hat das Familiengenie doch nur gewechselt, jetzt ist es auf Ernst übergegangen, und der bringt auch seinen Onkel zu Ehren. Sie waren ja gestern der eigentliche Mittelpunkt auf der Journalistentribüne. Was an Ernst nicht herankommen konnte, das drängte sich um Sie und gratulierte Ihnen.«

Er hatte das rechte Trostmittel ergriffen, die Augen Treumanns strahlten auf bei der Erinnerung.

»Ja, sie haben mir alle gratuliert!« rief er. »Der Vertreter der ›Times‹ hat mir die Hand geschüttelt und gesagt: ›Mr. Treumann, Sie werden einmal einen großen Neffen haben! Er ist ja ein Rednergenie ersten Ranges!‹ Ich lehnte natürlich bescheiden ab und antwortete: ›O, das liegt bei uns so in der Familie!‹ Es war der schönste Tag meines Lebens!«

»Ja, das liegt in der Familie!« stimmte Hartmut bei, »Aber nun kommen Sie mit hinunter zu meiner Wilma und unserem kleinen Wildfang, der Lisbeth. Kommen Sie, Onkel Treumann, Sie müssen schon erlauben, daß ich Sie in Zukunft auch so nenne, Sie haben mich ja doch zum Miterben eingesetzt, bei dem Weinkeller« – damit ergriff er den Arm des alten Herrn, dem diese neue Onkelschaft höchst schmeichelhaft war. Nun hatte er vollen Ersatz für »diesen Menschen« da, der nicht mehr sein Neffe war, und den er nunmehr in aller Form enterbt hatte.

In seinem Arbeitszimmer saß Bankier Marlow mit finsterer Stirn und sorgenvoller Miene. Der gestrige Tag hatte seine schlimmsten Befürchtungen noch übertroffen. Das hatte er nicht erwartet! Diese unbedingte Freisprechung seines, Gegners war die moralische Vernichtung Ronalds. Freilich verdankte Raimar den Sieg nur seiner glänzenden Selbstverteidigung, und Marlow gehörte auch zu den widerwillig Gezwungenen. Auch ihm war gestern ein Spiegel vorgehalten worden, wie so manchem seiner Kollegen von der hohen Finanz, die jahrelang gewußt und geduldet hatten, was sie, zur Ehre ihres Standes bekämpfen mußten. Auf den Namen und Ruf des Hauses Marlow fiel allerdings kein Schatten. Der Bankier hatte schon damals, als Raimars Schrift erschien, die Gefahr erkannt und seine Maßregeln getroffen. Er konnte sich darauf berufen, daß er sich sofort zurückgezogen hatte, als ihm das Unlautere jenes Unternehmens klar wurde, aber sein Kind, seine Tochter!

Bis jetzt war das Geheimnis der Verlobung ja gewahrt worden, aber wenn es nun zum Bruche kam und Ronald sich rächte mit der öffentlichen Erklärung, daß Edith Marlow seine Braut gewesen war, und daß man ihn jetzt, wo sein Sturz drohte, schmählich im Stiche ließ? Das wäre mehr als peinlich gewesen der Welt gegenüber, und Marlow war gewohnt, deren Urteil in die erste Reihe zu stellen. Das schlimmste war, daß Edith selbst widerstrebte, daß sie mit voller Entschiedenheit erklärte, sie halte sich noch für gebunden, nur Felix selbst könne sie freigeben. Ihr Vater kannte den Charakter Ronalds doch hinreichend, um zu wissen, daß dieser einer solchen Großmut nicht fähig war, aber zu jedem Gewaltschritt, wenn man ihn reizte.

Eine heiße Angst wallte plötzlich in Marlow auf, denn hier empfand er doch nur als Vater, alles andere trat davor zurück. Er wollte seine Tochter wieder haben, wollte sie frei machen von der Gewalt des Mannes, dem er sie selbst ausgeliefert. Einmal hatte er sich verleiten lassen, den alten Grundsätzen seines Hauses untreu zu werden, er hatte auch die Hand ausgestreckt nach dem »Hexengolde«, – das rächte sich jetzt an seinem einzigen Kinde!

Edith war heute nachmittag bei ihrer Rückkehr von Wilma so seltsam verstört und aufgeregt gewesen, hatte aber dem Vater nicht Rede gestanden, sondern nur verlangt, er solle sie mit Ronald, der heute abend kommen wollte, allein lassen und die Unterredung unter keiner Bedingung stören. Widerstrebend hatte er nachgegeben, Gott weiß, was zwischen den beiden da entschieden wurde!

Edith befand sich allein in ihrem Zimmer, die Dunkelheit war längst eingebrochen, aber hier in dem großen, reich und behaglich ausgestatteten Gemach herrschte blendende Helle. Das elektrische Licht, das aus gläsernen Blumenkelchen sprühte, wurde sonst durch einen rosigen Schleier gedämpft, heute war er entfernt worden. Grell und scharf floß das Licht nieder und beleuchtete jeden Gegenstand im Zimmer, jeden Zug in dem Gesicht des Mädchens, das bleich, aber in entschlossener Haltung am Kamin stand. Die »furchtbare Stunde« war da!

Ronald war gestern fern geblieben, erst heute morgen, hatte er einige Zeilen gesandt, um sich für den Abend anzumelden. Jetzt trat er ein, die Thür schloß sich hinter ihm, die beiden waren allein.

Edith ging ihm anscheinend ruhig entgegen, aber als er sich zu ihr niederbeugte, um sie nach gewohnter Art in die Arme zu schließen, zuckte sie leicht zusammen, und das entging ihm nicht. Er streifte sie mit einem raschen, funkelnden Blick, dann berührten seine Lippen nur ihre Stirn und er richtete sich wieder empor.

»Hast du mich gestern erwartet?« fragte er. »Meine Stimmung war begreiflicherweise nicht die beste. Ich taugte schlecht zur Gesellschaft, deshalb blieb ich dir fern.«

»Zur Unterhaltung habe ich dich auch nicht erwartet,« entgegnete Edith leise.

»Vielleicht zur Aussprache? Ich gehöre nicht zu den Menschen, die Trost brauchen, ich pflege das mit mir allein abzumachen.«

Er stand ungebeugt vor ihr und sprach in einem völlig beherrschten Tone, nur die fahle Blässe in seinem Gesichte und das nervöse Zucken darin verrieten, wie ihn die gestrige Niederlage getroffen hatte, Edith war an den Kamin getreten, wo zwei niedrige Sessel standen, ihr gewöhnlicher Platz bei den Besuchen Ronalds. Sie ließ sich auch jetzt dort nieder, er folgte ihrem Beispiel.

»Ich fürchte dich auch heute noch mit jedem Worte zu verletzen,« entgegnete sie, »Ich war ja gestern bei der Verhandlung, da brauchen wir es uns nicht erst zu sagen, wie der Ausgang uns beide getroffen hat.«

»Uns beide?« wiederholte er. »Rechnest du dich wirklich noch, zu mir? Dein Vater thut das nicht mehr!«

»Du kommst von Papa?« fragte Edith rasch.

»Nein, ich kam direkt zu dir, aber es ist mir längst kein Geheimnis mehr, daß er dringend eine – Aenderung unseres Verhältnisses wünscht. Ich nehme ihm das nicht besonders übel, denn wir beide haben uns von jeher auf den geschäftlichen Standpunkt gestellt. Seine etwaige Abneigung kümmert mich sehr wenig. Ich habe mit dir zu thun, Edith, mit dir allein!«

Seine brennenden Augen ruhten in fieberhafter Unruhe auf ihren Zügen, aber es vergingen einige Sekunden, ehe Edith antwortete. Die entscheidende Frage drängte sich auf ihre Lippen und wurde doch nicht ausgesprochen. Das wilde, stürmische Klopfen ihres Herzens erstickte ihr fast die Stimme.

»Ich lasse mich nicht von äußeren Ereignissen beeinflussen, das weißt du, Felix,« erwiderte sie endlich. »Und eben deshalb verlange ich Offenheit von dir. Mein Vater hält deine Stellung für schwer erschüttert, er meint, der gestrige Tag –«

»Sei der Anfang vom Ende!« unterbrach er sie mit bitterem Hohne. »Das glauben sie so ziemlich alle, man denkt sehr schnell mit mir fertig zu werden. Das ›Götzenbild des Mammons‹ wie mein genialer Gegner es nannte, ist ja nun gestürzt! Ich glaube, er hat nicht übel Lust, sich selbst an diese Stelle zu setzen, und Aussicht hat er auch dazu. Man warf sich ihm ja gestern schon beinahe zu Füßen, dem großen Redner! dem Anwalt des Rechtes! Hat er dich nicht auch hingerissen mit seinen flammenden Tiraden? Du bist ja sehr empfänglich dafür!«

In den Worten verriet sich seine ganze furchtbare Gereiztheit, die er nicht länger zurückhalten konnte. Edith schwieg, sie wußte, daß sie an diesen Punkt nicht rühren durfte, ohne seine volle Leidenschaftlichkeit zu entfesseln, und hier galt es doch, ruhig zu sein. Felix fuhr mit steigender Heftigkeit fort.

.

»Sie könnten sich doch irren, all die weisen Propheten. Noch bin ich Felix Ronald, das sollen sie erfahren! Steinfeld werde ich ja aufgeben müssen, und auch um meine anderen Schöpfungen werde ich kämpfen müssen. Wenn dies liebe Publikum einmal aufgerüttelt ist, dann läßt es sich gar nicht mehr regieren, und man braucht sie doch nun einmal, diese blinde, urteilslose Herde, die nur einen Gott kennt, den Erfolg! Wenn ich den behaupte, dann bin ich auch wieder gerechtfertigt in ihren Augen, und die ganze Moralkomödie, die sich da gestern abspielte, verpufft unschädlich in die Luft. Ich habe schon einmal am Abgrunde gestanden und habe das Unheil bezwungen – ich will nicht unterliegen!«

Es war ein Ausbruch der herbsten Menschenverachtung, doch die wilde Energie dieses Mannes schien nur zu wachsen mit der Gefahr; wo andere sich verloren gegeben hätten, da bäumte er sich auf mit der alten Kraft. Aber jetzt schlug sein Ton plötzlich in volle, heiße Empfindung um.

»Ich scheue den Kampf nicht, aber eine Gewißheit muß ich haben – daß du mir bleibst, Edith, daß ich dich nicht verliere! Ich verlange ja jetzt kein Opfer, kein Zugeständnis, du sollst nur warten, bis ich wieder Herr der Verhältnisse geworden bin. Sage es mir, daß du mein bleiben willst, und ich zwinge es zurück, das fliehende Glück, ich zwinge alles, um deinetwillen!«

Er war aufgesprungen, all die Bitterkeit, der Haß, die eben noch so drohend aufflammten, gingen unter in der stürmischen Bitte. Edith hatte sich gleichfalls erhoben und trat jetzt an den Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand. Sie rang nach Atem, aber die Stimme gehorchte ihr doch wieder.

»Ich habe noch eine Frage an dich, Felix, die du mir beantworten mußt. Ich bitte dich darum.«

Felix war ihr gefolgt und stand ihr jetzt gegenüber, im vollen grellen Lichte, das jeden Zug seines Gesichtes deutlich hervortreten ließ. Er legte offenbar gar kein besonderes Gewicht auf die letzten Worte, sondern versetzte nur mit verhaltener Ungeduld: »Nun, so frage doch!«

Noch ein sekundenlanges Zögern, dann sagte Edith, den Blick fest und unverwandt auf ihn, gerichtet: »Wer war es, der damals die Depots nahm im Raimarschen Hause?«

Ronald zuckte zusammen, wie von einer Kugel getroffen, ein dumpfer, halb erstickter Laut rang sich von seinen Lippen, und in seinen Augen flammte wieder jener entsetzliche, dämonische Blick. Die Frage aus diesem Munde wirkte mit der Gewalt eines jäh niederfahrenden Blitzes, und der Blitz hatte getroffen.

Das dauerte freilich nur einen Moment, dann war er wieder Herr seiner selbst und stand da in der gewohnten Haltung, nur die Stimme klang rauh und heiser, als er erwiderte: »Seltsame Frage! Was soll das?«

»Ich frage nichts mehr – ich habe die Antwort!« sagte Edith tonlos.

Es folgte ein langes, furchtbares Schweigen, das keiner zu brechen wagte. Ronald fühlte es, daß er den Selbstverrat nicht ungeschehen machen konnte, und machte auch nicht den Versuch dazu. Als er wieder sprach nach Minuten, lag ein fremder Klang in seiner Stimme.

»Wer hat dir das eingegeben?«

Edith gab keine Antwort, sie kämpfte noch mit ihrem Entsetzen, ihrem Grauen vor dem Manne, dessen Weib sie hatte werden sollen und der sich ihr nun so enthüllte. Er lachte bitter auf.

»Was frage ich denn noch? Das hast du von ihm gelernt, das ist seine Taktik, ich kenne sie ja. Den Gegner sicher machen, mit der scheinbaren Arglosigkeit und dann plötzlich auf ihn niederstürzen, wie der Falk auf die Beute. Du bist eine gelehrige Schülerin!«

Er wollte sich ihr nähern, aber sie wich mit dem Ausdruck des Abscheues zurück.

»Komm mir nicht nahe! Rühre mich nicht an – du hast kein Recht mehr dazu!«

»Warum nicht?« fragte er eisig. »Weil ich mich fangen ließ in der Schlinge, die du mir legtest? Ich habe nichts zugestanden, werde nichts zugestehen. Er hat es trotz alledem nicht gewagt, mich anzuklagen. Wenn du es versuchen wolltest – hüte dich!«

»Ja, du hast aller Welt gelogen,« sagte Edith mit herber Verachtung, »willst du auch mir lügen? Sieh mir ins Auge und wage es zu sagen: Ich bin schuldlos!«

»Wozu? Du würdest mir ja doch nicht glauben!«

»Nein!«

»Also ersparen wir uns die Auseinandersetzungen. Was ich that oder nicht that, das kannst du nicht begreifen, das begreift überhaupt keiner, der nicht selbst einmal gescheitert ist, und nun die rettende Planke erreicht, die schon einen trägt. Zwei trägt sie nicht, da heißt es: Er oder ich! Es ist Notwehr in dem Kampfe um das Dasein.«

Edith begriff ihn in der That nicht. »Notwehr?« wiederholte sie völlig verständnislos.

»Nun ja! Ich stand damals auch vor dem Revolver, und wenn sich nicht jene Rettung fand, dann hätte ich losgedrückt. Er, mein Chef, hatte eine gewagte Börsenspekulation unternommen, auf mein Drängen, denn ich war selbst beteiligt daran, und einem Prokuristen mit ein paar tausend Mark Gehalt gestattet man kein Geschäft mit Hunderttausenden, ohne ihn zu beargwöhnen. Ich brauchte Raimars Namen und Eintreten, um das meinige zu decken; wenn die Sache glückte, dann hatte ich ein Vermögen, und das seinige verdoppelte sich,«

»Aber sie schlug fehl – ich weiß es!«

»Sie schien wenigstens fehl zu schlagen. Ich sah es freilich voraus, daß ein Umschlag kommen werde, kommen mußte, denn der Krieg, der ihn brachte, lag schon in der Luft, aber Raimar warf vorzeitig die Flinte ins Korn und zog sich zurück. Er war überhaupt nicht angelegt für Wagnisse, und er mit seinem Vermögen konnte den Verlust auch überwinden. Ich war verloren, wenn ich die Differenzen nicht zahlen konnte, und es galt doch nur, über die nächsten Wochen wegzukommen. Ich war kaum dreißig Jahre, ich hatte große Zukunftspläne und fühlte die Kraft in mir – und da warf ich den Revolver fort und nahm die Rettung, wo ich sie fand.«

»Und dann?« fragte Edith, so leise, als fürchte sie sich vor dem Laut ihrer eigenen Stimme.

»Dann kam die Entdeckung und damit die Katastrophe. Raimar, schon aufs äußerste erregt durch seine Verluste, durch die letzten Vorgänge, verlor den Kopf und that jenen Verzweiflungsschritt. Unmittelbar darauf trat der Umschlag ein, auf den ich gerechnet hatte, da wurde der Verlust zum Gewinn. Nur drei Wochen später, und man hätte alles in Ordnung gefunden, alles wäre ersetzt gewesen – es war ein Verhängnis!«

Er sprach in einem seltsam ausdruckslosen Tone, fast ohne Erregung, als erzähle er die Geschichte eines Fremden, und doch klang etwas darin, wie der Nachhall einer Verzweiflungsstunde, etwas, das verriet, der Mann war nicht ohne Kampf gefallen. Jetzt aber richtete er sich jäh empor, als sei es nun genug mit der Selbstfolter.

»Und nun geh hin und denunziere mich! Aber sage es ihnen auch, daß du meine Braut gewesen bist, daß du in meinen Armen gelegen, meine Küsse gefühlt hast – vergiß das nicht!«

Edith schauerte zusammen unter dem Hohne. »Ich werde nicht sprechen, das weißt du,« entgegnete sie. »Ich nicht – das ist deine Sache.«

»Ich?« fuhr Ronald auf. »Bist du von Sinnen?«

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