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Hexengold und andere Erzählungen

Elisabeth Werner: Hexengold und andere Erzählungen - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
authorElisabeth Werner
titleHexengold und andere Erzählungen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger G.m.b.H.
year
illustratorM. Flashar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080923
projectid86a408db
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Das Entzücken des alten Herrn über seine Wichtigkeit als Onkel seines Neffen war so naiv und harmlos, daß der Major es nicht über das Herz brachte, ihn auszulachen, er bemerkte nur: »Herr Notar, Ihr Enthusiasmus für Ernst wird nachgerade beängstigend. Ihr Liebling, der Maxl, wird das übelnehmen, er ist ja doch das patentierte Genie in der Familie. Wo treibt er sich denn eigentlich herum? Bei uns ist er erst ein einziges Mal aufgetaucht, und da brauchte er Geld. Sonst glänzt er durch Abwesenheit, was wir mit Fassung ertragen.«

In dem Gesicht Treumanns zeigte sich eine gewisse Verlegenheit, er zögerte mit der Antwort. »Das geschieht Ihretwegen,« gestand er endlich, »Maxl sagt, Sie hätten ihn beleidigt, und seine Selbstachtung verbiete ihm, die Schwelle zu überschreiten, wo Sie weilen.«

»Nun, das Geld hat er sich doch geholt von der besagten Schwelle,« spottete Hartmut, »das gilt vermutlich als Ausnahme. Was übrigens die Selbstachtung des Maxl betrifft, so heißt die, ins Deutsche übersetzt: Neid! Ganz gemeiner Neid! Er kann es nicht ertragen, daß Ernst jetzt immer und überall die Hauptperson ist, während sich um ihn kein Mensch kümmert.«

»Glauben Sie?« Die Frage klang etwas kleinlaut. »Mir ist es auch schon so vorgekommen. Er will nie von seinem Bruder und dessen Erfolgen hören, neulich sagte er mir sogar sehr unartig: ›So höre doch endlich auf mit deinem Ernst, das wird ja langweilig!‹«

Maxl war offenbar nicht mehr Alleinherrscher bei seinem Onkel, man sah es, aber für jetzt machte der Eintritt Ernst Raimars dem Gespräch ein Ende. Der alte Herr eilte ihm entgegen.

»Da bist du ja endlich, Ernst! Ich sitze seit einer Stunde hier und warte auf dich – habe unendlich viel zu thun, aber ich muß dir nochmals gratulieren zu deiner gestrigen Rede. Ich habe das zwar schon gethan –«

»Ja, Onkel, schon zweimal,« unterbrach ihn Ernst abwehrend, aber das half ihm nichts. Der begeisterte Onkel gratulierte zum drittenmal, zog eine höchst schmeichelhafte Parallele zwischen seinem Neffen und Cicero und berichtete dann ausführlich über das »Interview«. Das befreite denn auch die beiden Herren von seiner Gegenwart, er wollte es schleunigst niederschreiben für die »Burgwarte« und verabschiedete sich, strahlend vor Glück.

»Da hast du einen Erfolg errungen, größer als all die anderen,« sagte der Major lachend, als sie allein waren. »Onkel Treumann ist ganz außer Rand und Band. Uebrigens bin ich nur auf eine halbe Stunde nach Hause gekommen, um zu fragen, ob du dich heute abend frei machen kannst? Wilma möchte dich natürlich sehen, dürfen wir auf dich rechnen?«

»Für einige Stunden gewiß,« versetzte Ernst, »Ich werde freilich erst spät kommen können, du weißt es ja, wie ich in Anspruch genommen bin.«

»Ja, sie lassen dich kaum zu Atem kommen, alle Welt reißt sich ja um dich! Uebrigens bekommt dir das ausgezeichnet, es scheint, du brauchst Kampf und Streit, um dich völlig zu entwickeln, je ärger es dabei zugeht, desto mehr wächst deine Kraft.«

Hartmut hatte recht mit seiner Bemerkung. Der Mann, der da mit hoch erhobener Stirn und feurig blitzenden Augen vor ihm stand, war ein völlig anderer als der frühere Ernst Raimar. Er zuckte leicht die Achseln.

»Ich habe hier keine Wahl, ich muß kämpfen. Ronald hat seinen ganzen Heerbann aufgeboten; seine Presse, seine gesamte Anhängerschaft toben förmlich gegen mich. Glaubst du, ich hätte mich herbeigelassen, schon vor den Gerichtsverhandlungen zu sprechen, wenn ich nicht gezwungen war, mich zu wehren?«

»Das hast du aber gründlich gethan! Das ging ja gestern wie mit Keulenschlägen nieder! Hast recht, sie machen dir das Leben schwer genug. Da muß man um sich schlagen. Eins freilich, was ich am meisten für dich fürchtete, weil du das am schwersten ertrügst, das ist völlig ausgeblieben. Ich glaubte, man würde die alten unseligen Erinnerungen beim Sturze deines Vaters gegen dich ins Feld führen, um dir den festen Boden zu untergraben, auf dem du stehst.«

Ernst schwieg, er schien auf dies Thema nicht eingehen zu wollen, aber der Major hielt es fest.

»Dem Ronald ist doch wahrhaftig jedes Mittel recht,« fuhr er fort. »Der kennt doch keine Rücksichten, und hier, wo er dich verwunden kann, schweigt er völlig. Es ist, als ob er das Losungswort ausgegeben hätte, an den Punkt nicht zu rühren.«

»Das hat er auch gethan,« sagte Raimar kalt. »Ich warnte ihn damals bei unserer Unterredung in Heilsberg, den Stachel nicht einzusetzen, wenn er mich nicht zum Aeußersten treiben wolle, und er hat sich das gesagt sein lassen. Ronald weiß, was er thut!« »Hast du wirklich die Macht, ihn zu zwingen?« fragte der Major stutzend.

»In dem einen Punkte – ja!«

Hartmut schüttelte den Kopf und sah seinen Freund forschend an. »Ernst, da liegt noch etwas, was du mir verschweigst.«

»Was ich verschweigen muß! Frage nicht, Arnold, hier handelt es sich nicht um Thatsachen, sondern um Empfindungen, und das bleibt mein Geheimnis.«

»Meinetwegen, wenn es dir nur hilft, endlich die Vergangenheit zu überwinden! Du hast ihn so gefürchtet, den alten Schatten, Du siehst es ja, er zerrinnt, sobald du ihm klar und fest ins Auge blickst. Die paar Stimmen, die sich im Anfange regten, sind völlig untergegangen in der Woge, die dich emportrug.«

»Solange der Kampf währt!« sagte Raimar mit einem Anflug seiner alten Schwermut. »Was später geschieht, gleichviel! Ich weiß es ja, daß ich nicht rechts noch links blicken darf, daß ich nur geradeaus auf das Ziel schauen muß, aber es wird mir nicht immer leicht.«

»Komm mir um Gottes willen nicht wieder mit der Heilsberger Stimmung!« schalt der Major. »Die können wir hier am wenigsten brauchen, komm lieber heute abend eine Stunde früher zu uns und sieh dir ein echtes, rechtes Menschenglück an. Wir werden die Ehre haben, es mit unseren ganz bescheidenen Persönlichkeiten dem großen Cicero vorzuführen, zu dem dich Onkel Treumann proklamiert hat, das wird dir die Grillen vertreiben.«

Ernst lächelte. »Ich komme bestimmt, und ich gönne dir dein Glück von Herzen, Arnold.«

»Mach es mir lieber nach!« rief Arnold lachend. »Aber ich muß fort, Wilma erwartet mich zu Tische. Auf Wiedersehen!«

Er ging und traf auf dem Wege zu seiner Braut wieder mit Treumann zusammen, der in dem gleichen Hotel wohnte. Aber der alte Herr hatte das frühere strahlende Aussehen völlig verloren, er ging mit düsterer Miene, den Blick auf den Boden geheftet, und wäre beinahe gegen den Major geprallt.

»Was ist denn los?« rief dieser. »Sie sehen ja so gekränkt aus!«

»Ich bin auch gekränkt,« entgegnete der Notar. »Eben bin ich dem Maxl begegnet, aber wie! Er ging mit einem Menschen – einem Menschen –« »Nun ja, ein Mensch wird es wohl gewesen sein,« meinte Hartmut. »Das ist doch weiter nichts Verfängliches.«

»Der Redakteur des Neustädter Tageblattes war es!« brach Treumann grimmig aus. »Dieser Leibsklave des Pascha von Steinfeld, der mit seinem Herrn durch dick und dünn geht, der in jeder Nummer auf Heilsberg und auf Ernst schimpft – der mich damals verhöhnt hat wegen meiner Prophezeiung –«

»Der Ihnen die fossile Beleidigung an den Kopf geworfen hat?«

»Derselbe! Und mit dem geht mein Neffe Arm in Arm auf offener Straße. Ich habe den Maxl natürlich zur Rede gestellt – was gibt er mir zur Antwort? Der Herr wäre auch als Berichterstatter hier, es wäre ein ganz netter Junge, und wenn man sich öffentlich befehde, so hindere das nicht, daß man privatim gemütlich miteinander kneipe. Sie hatten allerdings sehr gekneipt, sie waren beide nicht mehr nüchtern. Da habe ich ihm freilich derb den Text gelesen, und er schien sein Unrecht auch einzusehen, aber ich fürchte –« Der Notar brach ab und starrte düster vor sich hin.

»Daß er trotzdem weiter kneipt mit diesem schändlichen Redakteur,« ergänzte Hartmut. »Ja, das fürchte ich auch, denn wenn der Maxl vor einer Weinflasche sitzt, ist er im stande, mit dem Ronald selbst Brüderschaft zu trinken, das gehört auch zu seiner Selbstachtung.«

Sie hatten inzwischen das Hotel erreicht, und während sie die Treppe hinaufstiegen, hob der alte Herr in unsicherem Tone wieder an: »Herr Major, mir sind da in der letzten Zeit doch Bedenken aufgestiegen wegen meines Testamentes, das ich schon vor Jahren gemacht habe. Der Maxl ist nämlich mein Universalerbe, Ernst bekommt nur ein kleines Legat. Er war ja hinreichend versorgt durch seine Stellung und auch ganz einverstanden mit der Bestimmung, denn Maxi hatte gar nichts und sollte seine Künstlerlaufbahn erst beginnen, aber wenn er solchen Umgang hat! Das ist der Weg zum Verderben.«

»Ja und dann verjubelt er die ganze Erbschaft mit dem Neustädter Redakteur,« sagte der Major, »Dann gehen sie von einem Wirtshaus in das andere und bringen alles durch.«

»Im Grabe würde ich mich umdrehen!« rief Treumann heftig. Da wurde im ersten Stock eine Thür geöffnet, Klein-Lisbeth guckte heraus, und hinter ihr wurde das rosige, glückliche Gesicht Wilmas sichtbar. »Da ist der Papa!« rief die Kleine jubelnd.

»Natürlich ist er da!« bekräftigte Arnold und verschwand urplötzlich von der Seite seines Gefährten. Dieser sah nur noch, wie er seine Braut umfaßte und Lisbeth sich an ihn hing, dann schloß sich die Thür.

Dem alten Junggesellen wurde es ganz wehmütig um das Herz. Er gönnte ja der jungen Frau ihr Glück, sie hatte nicht viel davon gehabt in ihrer ersten Ehe. Diesmal hatte sie es besser getroffen, Major Hartmut war ein prächtiger Mensch, und Ernst war ein großer Mensch – aber der Maxl, der Maxl!

Der Berliner Aufenthalt hatte dem Onkel die Augen geöffnet über vieles, wovon er bisher nichts geahnt. Jetzt wollte das düstere Bild, das Hartmut heraufbeschworen hatte, nicht wieder weichen. Er sah den Maxl als seinen Erben, wie er, Arm in Arm mit seinem Todfeinde, dem Neustädter Redakteur, die ganze Erbschaft verjubelte, und sah sich selbst empfindlich dadurch gestört in seiner Grabesruhe. Ganz niedergebeugt ging er weiter, richtete sich aber plötzlich mit einem förmlichen Ruck empor.

»Aber ich bin ja noch gar nicht tot!« sagte er ganz laut. »Vorläufig hast du noch nichts zu verjubeln, Maxl, vorläufig bin ich noch am Leben – sehr bin ich das!« Und mit dieser tröstlichen Gewißheit stieg er die Treppe vollends hinauf. – –

Die Gerichtsverhandlungen hatten begonnen, und die fieberhafte Teilnahme, die sich nicht nur in der Hauptstadt, sondern im ganzen Lande kundgab, zeigte am besten die Tragweite der Interessen, die hier auf dem Spiele standen. Dem Wortlaute nach handelte es sich ja nur um eine Klage wegen Verleumdung und Beleidigung, in Wahrheit galt es einen Kampf zwischen der Macht des Geldes und dem öffentlichen Rechtsbewußtsein, das sich auch hatte blenden und einschläfern lassen, jahrelang, bis ein Mann auftrat, der es wach rüttelte mit seinem Mahnworte.

Die meisten hatten es gemacht wie Bankier Marlow, sie hatten nicht sehen wollen, bis ihnen gezeigt wurde, daß der erträumte Gewinn trügerisch war und sich in Verlust verwandelte, und nun waren sie die ersten, die sich gegen den Mann wandten, den sie früher umschmeichelt hatten. Als Ernst Raimar seine Schrift in die Welt hinaussandte, stand er allein und wußte nicht, ob ihm auch nur ein einziger folgen würde, jetzt stand er inmitten einer immer wachsenden Partei, die nur auf den Führer gewartet zu haben schien. Jetzt wurde er gefeiert als der Mutige, der allein zu reden gewagt hatte, wo alles schwieg.

Zwei Tage schon hatten die Verhandlungen gewährt, und immer drohender zog sich das Ungewitter zusammen über dem Haupte des Mannes, der hier als Kläger auftrat und nun zum Angeklagten wurde, denn Steinfeld selbst zeugte wider seinen Herrn. Zwar die Oberbeamten, die Vertreter jener Presse, die er beeinflußte, standen zu ihm oder schützten zum mindesten Unkenntnis vor. Sie durften ja nicht reden, wenn sie nicht eingestehen wollten, daß ihr Schweigen jahrelang erkauft worden war. Aber ihre Untergebenen, denen man den Einblick doch nicht ganz hatte verwehren können, redeten jetzt, und da wurden Dinge enthüllt über den Betrieb der Werke, über das Lohn- und Bedrückungssystem den Arbeitern gegenüber, daß man sich fragte, wie dergleichen möglich gewesen war auf großen Industriestätten, die doch aller Welt offen standen. Die Macht des Geldes, die alles geknebelt hatte, zeigte sich hier in wahrhaft unheimlicher Weise.

Daß Steinfeld, diese große, vielbewunderte Schöpfung Ronalds, vor dem Ruin stand, galt bereits als öffentliches Geheimnis. Der Meister der Spekulation hatte mit der Aktiengesellschaft wieder einen meisterhaften Zug versucht, nur daß er diesmal damit scheiterte. Was kümmerte es ihn, was hinter ihm zusammenstürzte! Ein Mahnruf in letzter Stunde! hatte Raimar seine Schrift genannt, sie war in der That in der zwölften Stunde gekommen.

Der heutige Tag brachte die Schlußverhandlung, wo die Entscheidung fallen sollte, brachte die große Verteidigungsrede Raimars. Er sprach seit länger als einer Stunde, und in atemloser Spannung hing die gesamte Zuhörerschaft an seinen Lippen. Dergleichen freilich hatte man kaum jemals gehört vor den Schranken, wo man sonst nur mehr oder weniger geistvolle Auseinandersetzungen, kühle Beweisführung vernahm.

Ernst Raimar stand an dem Platze, der ihm so lange verschlossen geblieben war und sprach – der geborene Redner in jedem Worte, in jeder Bewegung! Hoch aufgerichtet, mit flammenden Augen stand er da, die einst so müde, verschleierte Stimme füllte jetzt mit vollem, mächtigem Klange den ganzen weiten Raum, und wie ein Sturm brauste es dahin und riß alles mit sich fort. Die Verteidigung wurde zu einer Anklage, jedes Wort wurde eine Waffe, und Streich auf Streich fiel nieder auf jenen anderen, der nie nach den Rechten und dem Schicksal der Menschen gefragt hatte, die er niederwarf. Jetzt fühlte er selbst, was es heißt, niedergeworfen zu werden. Und nun schloß Raimar seine Rede: »Ich halte jedes Wort aufrecht, das ich in meiner Schrift ausgesprochen habe, ich habe nichts zurückzunehmen, nichts zu mildern. Hexengold ist es, was man euch gezeigt hat, mit seinem gleißenden Schimmer! Hexengold, das den verdirbt, der es sich zu eigen macht, das in seinen Händen zu Staub und Asche wird. Ich habe das als Mahnwort laut in die Welt hinausgerufen, ehe es nochmals Tausenden zum Verderben wird. Ich habe gethan, was mir Recht und Pflicht hieß – ich erwarte den Spruch!«

Er trat zurück, und eine mächtige Bewegung ging wie eine mühsam zurückgehaltene Woge der Zustimmung und Bewunderung durch die gesamte Zuhörerschaft. Er hatte gesiegt, noch ehe der Spruch des Gerichts gefallen war, das fühlte man, und jetzt, wo er nicht mehr alles mit dem Banne seiner Rede gefesselt hielt, jetzt wandten sich aller Blicke auf den Mann, der mit eherner Stirn, als ginge ihn die ganze Rede nichts an, ihr standgehalten hatte. Felix Ronald bewahrte seine Selbstbeherrschung, regungslos, mit gekreuzten Armen saß er da, und nicht eine Muskel zuckte in seinem Gesichte. Nur in den Augen brannte ein unheimliches Feuer, und bisweilen wandten sich diese Augen von dem Gegner hinüber zu den Tribünen, wo sie stets nur an einem Punkte hafteten. Für Ronald gab es nur zwei Menschen unter dieser ganzen Menge, den Mann, den er haßte bis zum Tode, und das Weib, das er liebte, und jener glühende, drohende Blick galt ihnen beiden.

Edith Marlow saß neben ihrem Vater, auch sie hielt äußerlich stand, in der Schule der großen Welt lernt man die Selbstbeherrschung. Das schöne, anscheinend so kalte Antlitz verriet nichts von dem, was im Innern wogte, aber Marlow, der ihre Hand in der seinen hielt, als wolle er sie schützen, fühlte das krampfhafte Beben dieser Hand. Als Raimar zurücktrat, neigte er sich zu seiner Tochter nieder.

»Edith, komm, laß uns gehen!«

Sie schüttelte mit Entschiedenheit das Haupt.

»Nein, ich bleibe bis zum Ende!« Der Vater sah es, daß er hier machtlos war, und fügte sich.

Die Beratung der Richter dauerte nur kurze Zeit, dann wurde unter atemlosem Schweigen der Zuhörer der Spruch verkündet: Ernst Raimar war freigesprochen! Das Gericht erkannte an, daß er nur als Anwalt des öffentlichen Rechtsbewußtseins gehandelt hatte, und erkannte damit auch die Wahrheit seiner Anklagen an.

Das Urteil wurde mit einem wahren Sturm der Begeisterung begrüßt. Auf den Tribünen gab es einen förmlichen Aufstand, und im Saale drängte sich alles um Raimar, um ihn zu beglückwünschen. Man jubelte ihm zu wie einem Helden nach gewonnener Schlacht und bemerkte es kaum, daß sein Gegner und dessen Anhänger sich entfernten – Felix Ronald war gerichtet! Es war am Tage nach der Gerichtsverhandlung, in den Nachmittagsstunden, als Ernst Raimar in das Hotel trat, wo Frau von Maiendorf wohnte. Er hatte eine Verabredung mit seinem Freunde getroffen, den er hier abholen wollte, und hatte sich eine halbe Stunde früher frei machen können. Der Portier berichtete, der Herr Major sei mit der gnädigen Frau und der Kleinen ausgefahren, habe aber eine Karte mit einigen Worten für Herrn Raimar zurückgelassen. Arnold bat ihn darin, zu warten, falls er früher kommen sollte, er selbst werde zur verabredeten Zeit wieder dasein.

Wilma, die einige Wochen zu bleiben beabsichtigte, bewohnte im ersten Stock mehrere Räume, einen hübschen Salon mit angrenzendem Schlafzimmer und einem kleinen Vorgemach, die ziemlich abgeschlossen von den übrigen Hotelzimmern lagen und die Behaglichkeit einer eigenen Wohnung gewährten. Da man Raimar kannte, wurde er äußerst dienstbeflissen nach dem Salon geleitet, und ihm war ein kurzes Alleinsein gerade erwünscht, er brauchte wirklich Erholung.

Seit gestern mittag war er in der That nicht mehr zu Atem gekommen. Jetzt half kein Abwehren und kein Zurückziehen mehr, er hatte der allgemeinen Bewunderung standhalten müssen, und jetzt, wo die Aufregung des Kampfes vorbei war, kam naturgemäß auch die Abspannung. Aber es lag nichts von Siegesfreude in den Zügen des Mannes, der sich da in einen Sessel geworfen hatte und düster vor sich hin blickte. Der Sieg war ja erfochten, aber er hatte das Lebensglück gekostet!

Da wurde die Thür des Vorzimmers geöffnet, Ernst richtete sich empor in der Meinung, daß die Erwarteten zurückkehrten, doch er hörte eine fremde Stimme.

»Bitte nur einzutreten! Die gnädige Frau muß bald kommen, sie wollte um vier Uhr zurück sein.«

Dann schloß sich die Thür wieder und eine Dame im Pelz und dunklen Seidenkleide trat in den Salon. Raimar war aufgesprungen, er erkannte Edith Marlow.

Auch sie sah ihn beim Eintritt und wich jäh zurück, um dann wie angefesselt stehen zu bleiben. Ernst verneigte sich stumm, er hatte jene fluchtartige Bewegung gesehen, und das nahm ihm den Mut zur Anrede. Einige Sekunden lang herrschte völliges Schweigen.

»Ich wollte Wilma aufsuchen,« begann die junge Dame endlich. »Ich hatte keine Ahnung –«

»Von meinem Hiersein!« ergänzte Ernst, als sie innehielt, »Ich bin unschuldig an diesem Zusammentreffen, gnädiges Fräulein, ich erwarte meinen Freund, Major Hartmut.«

Edith stand noch immer an der Schwelle, ungewiß, ob sie gehen oder bleiben solle, schien sich aber doch für das letztere zu entscheiden. Sie trat langsam näher und schlug den Schleier zurück. Raimar sah erst jetzt, wie bleich sie war, aber ihre ganze Haltung zeigte jetzt wieder die stolze, eisige Abwehr, die er von den ersten Begegnungen her kannte.

»Sie erwarten wohl von mir keinen Glückwunsch, Herr Raimar,« sagte sie in herbstem Tone. »Aber Sie haben glänzend gesiegt.«

»Glauben Sie, daß ich Freude habe an diesem Siege?« fragte er ernst und vorwurfsvoll.

»Gleichviel, er trägt Sie doch empor und öffnet Ihnen die Zukunft.«

»Nein!« das Wort kam schwer und düster von Ernsts Lippen.

»Nein? Nach diesem Erfolge? Ihr Name ist ja jetzt in aller Munde!«

»Sie vergessen, was an diesem Namen hängt – Sie wissen es ja längst von Ihrem Vater.«

»Das ist ausgelöscht, seit gestern.«

»Das ist nicht ausgelöscht, nur vertagt. Jetzt hat man es vergessen, weil man vergessen wollte, weil ich die gesamte öffentliche Meinung vertrat. All die Feinde meines Gegners scharten sich um mich und deckten mich, der ganze Kampf stand ja überhaupt im Zeichen des Ungewöhnlichen. Wenn ich wieder dem Alltagsleben und der nüchternen Kritik gegenüberstehe, dann erinnert man sich auch wieder an das Vergangene, und dann muß ich büßen, was man mir jetzt verzeiht, weil man mich brauchte.« Betroffen, fast bestürzt blickte ihn Edith an, der Gedanke war ihr noch nicht gekommen.

»Sie thun der Welt unrecht,« sagte sie leise, aber es klang nicht mehr überzeugungsvoll. »Wenn Sie es überwinden können –«

.

»Das eben kann ich nicht!« fiel Raimar finster ein. »Was mich jetzt stählte und trug, das war der Kampf, den ich nun einmal begonnen hatte, und den ich durchführen mußte. Es galt ja meine eigene Verteidigung.

Aber wenn dieser Sporn fehlt, dann stehe ich wieder unter dem alten Verhängnis. Ich muß mit freier Stirn hintreten können vor die Welt, wenn ich zu ihr reden will, und ich weiß es doch, daß der Haß oder die Bosheit jedes Buben mir zurufen darf: Du sprichst von Recht und Ehre? Denke an den Namen, den du selber trägst! Ich habe schon diesmal schwer genug gekämpft mit diesem Bewußtsein, und da schwieg doch jeder Vorwurf. Das hängt wie ein Bleigewicht an mir und zieht mich immer wieder zu Boden, das verschließt mir auch jetzt die große Laufbahn, von der ich einst geträumt – Sie sehen, es bedarf keines Glückwunsches!«

Edith stand wortlos da, sie hatte stolzes Siegesbewußtsein, einen nur mühsam verhehlten Triumph erwartet und begegnete nun dieser düsteren Hoffnungslosigkeit, diesem völligen Verzicht auf die Zukunft. Ihr eigenes Urteil sagte ihr, daß Raimar recht hatte mit seinen Befürchtungen, sie kannte ja auch die Welt. Aber sobald sie ihn leiden sah, gingen Herbheit und Bitterkeit unter, ihre Stimme bebte hörbar, als sie erwiderte: »Ich habe Sie nicht anklagen wollen mit jenen Worten. Sie sprachen es ja gestern aus, daß Sie nur thaten, was Ihnen Recht und Pflicht hieß – es war wohl auch Verhängnis, daß Sie damit so unheilvoll in unser Leben eingriffen.«

»In unser Leben?« fuhr Ernst auf. »Denken Sie wirklich noch an eine Verbindung, an eine gemeinsame Zukunft mit diesem Manne –«

»Der noch derselbe ist wie damals, als ich seine Braut ward!« fiel Edith ein. »Man kannte längst ihn und sein Schaffen, man wußte, daß er immer über die Grenzen hinausging, die da gezogen sind, und niemand wagte, ihm das vorzuwerfen, niemand erhob sich gegen ihn. Da kamen Sie und hoben den ersten Stein, und nun rufen sie alle: Steinigt ihn!«

Raimar stand vor ihr und sah sie unverwandt an, als wolle er in ihren Zügen lesen.

»Sie betrachten sich noch immer als gebunden?«

»Gewiß! Sobald Ronald es fordert, werde ich sein Weib, und er wird es fordern!«

»Das werden Sie nicht!« sagte Ernst in einem beinahe drohenden Tone.

»Herr Raimar!«

»Nein, Edith, Sie werden nicht Felix Ronalds Weib! Ich lasse Sie nicht in das Verderben gehen, eher greife ich zum äußersten Mittel. Sie wissen nicht, wem Sie die Hand reichen wollen.«

»Ich weiß es!« erklärte Edith mit neu aufwallender Bitterkeit, »Sie haben uns ja keinen Zug erspart in dem Bilde, das Sie aller Welt hinstellten, Ronald ist eine groß angelegte Natur, die zügellos geworden ist im schrankenlosen Besitz der Macht und des Goldes. Er hat sich allmächtig gedünkt, weil alles vor ihm und seinem Reichtum auf den Knieen lag, und da hat er die Menschen verachtet und geknechtet. Er mag ja viel verschuldet haben, aber es ist nichts Gemeines und Niedriges darin, nichts, was mich frei macht von jenem Bande. Stände er noch mitten im Glück und Glanz, ich würde mein Wort zurückfordern, jetzt ist er im Unglück, jetzt verlasse ich ihn nicht!«

Sie sprach mit der Energie eines unbeugsamen Willens. Edith Marlow hatte sich ja auch blenden lassen von dem »Hexengolde«, und auch in ihren Händen wurde es jetzt Staub und Asche, aber die Seele hatte es ihr nicht verdorben. Was sie einst in Eitelkeit und Ehrgeiz verschuldet, als sie sich dem ungeliebten Manne zusagte, das sühnte sie nun mit dem Entschluß, dem ungeliebten Manne zu folgen, von dem Glück und Glanz gewichen war. In Raimars Innerem flammte ein heißes Weh auf, er fühlte erst jetzt ganz, was dies Mädchen ihm hätte sein und werden können.

»Und Steinfeld?« fragte er. »Ronald wußte, daß der Zusammensturz unvermeidlich war, und wir wissen alle, was er that. Wollen Sie das auch die Verirrung einer ›großen‹ Natur nennen?«

»Nein, es war der Verzweiflungsschritt eines Mannes, der nach jedem Mittel griff, um sich und seine Stellung im Leben zu behaupten. Das dürfen Sie nicht verurteilen, denn das, was Sie Ihr Verhängnis nennen, das war doch auch nur eine Schuld der Verzweiflung.«

»Mein Vater war nicht schuldig,« sagte Ernst langsam, aber mit schwerer Betonung, Edith trat in äußerstem Erstaunen einen Schritt zurück.

»Nicht schuldig? Er galt doch allgemein dafür!«

»Er gilt noch heute dafür in seinem Grabe! Hören Sie mich an, Edith, die Sache geht auch Sie an!«

Edith antwortete nicht, aber ihre Augen hefteten sich mit unruhiger Spannung auf sein Gesicht. Sie hatte keine Ahnung, wo das hinaus wollte, aber sie hatte das Gefühl, als tauche da etwas Dunkles, Furchtbares auf, das langsam näher kam. Raimar stand ihr gegenüber, in scheinbar ruhiger Haltung, aber in seiner Stimme verriet sich die mühsam zurückgehaltene Erregung.

»Es war vor zehn Jahren, mein Vater hatte sich durch einen seiner – Beamten, dem er volles Vertrauen schenkte, zu gewagten Spekulationen verleiten lassen, was er bisher stets vermieden hatte. Die Sache scheiterte, und infolge der ziemlich bedeutenden Verluste trat eine Geschäftskrisis ein, nur eine Krisis, kein Ruin, denn es war Deckung vorhanden für alle Forderungen, und der Name und Ruf des Hauses Raimar gaben ihm Anspruch auf die Stützen, deren es in der augenblicklichen Verlegenheit bedurfte. Da wurden, vielleicht veranlaßt durch ein Gerücht über jenen Verlust, zwei der größeren Depots plötzlich zurückgefordert, und da brach das Unheil herein. Ich war damals nicht in Berlin, ein Rechtsfall, bei dem ich die Verteidigung übernehmen sollte, hatte mich in die Provinz geführt. Eine Depesche rief mich nach Hause, und dort trat mir unser Prokurist entgegen mit Nachrichten, die mich völlig niederschmetterten: die sämtlichen Depots nicht mehr vorhanden – die Ehre unseres Namens rettungslos verloren, und mein Vater – in den Tod gegangen!« »Furchtbar!« sagte Edith leise, als er schwieg, überwältigt von der Erinnerung.

»Das steuerlose Schiff scheiterte natürlich,« fuhr Ernst fort. »Die Nachricht verbreitete sich sofort, und von Hilfe und Stütze war nun selbstverständlich keine Rede mehr. Alle Forderungen wurden auf einmal geltend gemacht, es stürzte von allen Seiten über uns herein, und ehe wir noch überhaupt zur Besinnung kamen, war der Ruin da. Es galt für ausgemacht, daß mein Vater sich an den anvertrauten Geldern vergriffen und bei der Entdeckung sich aus Scham und Verzweiflung den Tod gegeben hatte, selbst meine Mutter hat das geglaubt.«

»Und Sie – Sie glaubten das nicht?«

»Ich wußte es, daß er schuldlos war. Ich fand in seinem Schreibtische einen Brief, nur wenige Zeilen, in seiner Todesstunde geschrieben und an mich, seinen Aeltesten, gerichtet, er wollte wenigstens vor seinem Sohne rein dastehen. Glauben Sie, Edith, daß ein Mann, dessen ganzes Leben rein und ehrenvoll gewesen ist, lügen kann, wenn er vor der Pforte der Ewigkeit steht, wenn er im Begriff steht, diese Pforte mit eigener Hand zu öffnen?«

»Nein!« sagte Edith mit einem tiefen Atemzuge, »Also der Schuldige war ein anderer?«

»Ja, ein anderer!« Raimar hielt einen Augenblick inne, dann sprach er halblaut, aber mit furchtbarer Bedeutsamkeit: »Die Depots waren nur einem zugänglich, außer dem Chef, seinem Prokuristen, und der hieß – Felix Ronald!«

Ein Ausruf des Entsetzens entrang sich Ediths Lippen. »Allmächtiger Gott! Was wagen Sie da anzudeuten?«

»Was ich nicht beweisen kann,« entgegnete Ernst mit herber Aufrichtigkeit, »was wohl überhaupt nicht zu beweisen ist. Mein Vater scheint keinen Verdacht gehegt zu haben, wenigstens machte er keine Andeutungen in jenem Briefe, aber in mir erwachte der Argwohn in der ersten Stunde, wo ich wieder klar denken und urteilen konnte, und ließ mich nicht wieder los. Ich habe nach den Beweisen wochenlang, monatelang gesucht mit dem ganzen Scharfsinn eines Juristen, mit der fieberhaften Angst eines Menschen, der seine und seines toten Vaters Ehre retten will – es fand sich nichts, jede Spur war vernichtet. Ich war ja fern gewesen bei der Katastrophe, Ronald behauptete, er habe sofort nach dem Selbstmord seines Chefs das Fehlen der Depots entdeckt, er warf alle Schuld und Verantwortung auf den Toten.«

.

Edith war totenbleich geworden, sie umklammerte mit beiden Händen die Lehne des vor ihr stehenden Sessels, endlich stieß sie abgebrochen hervor: »Das ist nur ein Argwohn – die Beweise fehlen – Sie sagen es ja selbst!« »Ja, aber ich habe mir die Gewißheit verschafft, auf anderem Wege. – Es war zu Ende, der Sturz unseres Hauses entschieden, ich hatte mit Ronald geordnet, was noch zu ordnen möglich war, und er kam nun, um sich von mir zu verabschieden. Bis dahin hatte ich mit keinem Worte, keinem Blicke meinen Verdacht verraten, jetzt waren wir beide allein im Arbeitszimmer meines Vaters, da überstürzte ich ihn plötzlich mit der Anklage und schleuderte es ihm in das Gesicht: der Schuldige sind Sie!«

»Und da?« Die Frage klang halb erstickt.

»Nun, da sah ich es – das jähe Erbleichen, das Zusammenzucken, sah in seinen Augen die Angst vor der Entdeckung. Das dauerte freilich nur eine Minute, dann hatte er seine volle Fassung wieder und trat mir mit eherner Stirn entgegen. Er wies meine Anklage mit kaltem Hohne zurück, forderte die Beweise für meine ›wahnsinnige Einbildung‹ und fragte achselzuckend, ob ich es denn durchaus der Welt zeigen wolle, daß die Verzweiflung mich unzurechnungsfähig gemacht habe.«

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