Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Elisabeth Werner >

Hexengold und andere Erzählungen

Elisabeth Werner: Hexengold und andere Erzählungen - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorElisabeth Werner
titleHexengold und andere Erzählungen
publisherVerlag von Ernst Keil's Nachfolger G.m.b.H.
year
illustratorM. Flashar
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080923
projectid86a408db
Schließen

Navigation:

Er sprach mit rücksichtsloser Offenheit, aber man sah doch, wie schwer es dem stolzen Manne wurde, das seiner Braut zu bekennen, der er die Freiherrnkrone als Morgengabe hatte bringen wollen. Er bekannte damit doch auch die Tragweite jenes Angriffs, die er bis jetzt geleugnet hatte. Edith erbleichte, sie ahnte, was diese Zurücknahme des gegebenen Wortes bedeutete. Zum erstenmal scheiterte die bisher so schrankenlose Macht ihres Verlobten, zum erstenmal wankte das Gebäude seines Glückes. Vielleicht fühlte er das selbst, denn die tiefste Gereiztheit verriet sich in jedem seiner Worte.

»Rechtfertigen!« wiederholte er mit einem bitteren Auflachen. »Gegen eine anonyme Schmähschrift, die da aus irgend einem dunklen Winkel auftaucht! In jedem andern Lande würde man die Achseln darüber zucken und es mir überlassen, solches Gewürm zu zertreten, aber hier in unserem biederen, spießbürgerlichen Deutschland nimmt man solche Dinge ernst. Da fordert man mich vor das Forum der öffentlichen Meinung, da verlangt man, daß ich mit all meinen Schöpfungen einer Krämermoral Rede stehen soll. Ich, der ich gewohnt bin, mit Millionen zu rechnen! Auf meine Erfolge werde ich sie verweisen. Das bin ich geworden! Das habe ich geschaffen! – Da habt ihr meine Rechtfertigung!«

Es war wieder das Aufflammen seines ganzen mächtigen Selbstbewußtseins, jener Zug von Größe, der auch Edith geblendet und gefesselt hatte, aber seltsam, jetzt versagte dieser Eindruck.

»Man thut dir unrecht mit jenen Anklagen, ich weiß es,« sagte sie, aber es lag weit mehr geheime Angst als Ueberzeugung in ihrer Stimme. »Du hast vielleicht manche Grenzen überschritten, überschreiten müssen – ich begreife das, dir stand das Recht des Ungewöhnlichen zur Seite. Aber Felix, in jener Schrift werden dir Dinge vorgeworfen, denen du Rede stehen mußt. Man ruft ja Steinfeld selbst zum Beweise gegen dich auf, deine eigene Schöpfung.«

»Wer thut das?« fragte Ronald verächtlich. »Erkaufte Federn, denen jedes Mittel recht ist. Die Hetzjagd gegen mich und Steinfeld wird wohl gut bezahlt werden – wütend genug ist sie dazu.« »Das ist nicht wahr!« brach Edith unvorsichtig aus. »Raimar läßt sich nicht erkaufen!«

»Raimar?« Felix zuckte zusammen wie von einer Natter gestochen. »Du kennst den Namen? Wer verriet ihn dir?«

Es war zu spät, die Uebereilung wieder zurückzunehmen, und Edith dachte auch nicht daran, zu leugnen, aber Ronald war aufgesprungen und wiederholte mit vollster Heftigkeit: »Woher kennst du den Namen? Er war Geheimnis, ich selbst erfuhr ihn erst heute morgen, und du weißt ihn? Woher? Durch wen?«

»Durch Raimar selbst – er war heute in Gernsbach.«

»So! Du scheinst ja merkwürdige Gespräche mit diesem Herrn zu führen. Das erste Mal, als du ihn sahst, bekannte er sich vor dir als meinen Feind, heute bekennt er sich als Verfasser der Schmähschrift. Hat er wirklich die Stirn gehabt, dir das zu sagen, und du hast es angehört?«

Er sprach mit herbem Vorwurf, aber er hielt den Besuch Raimars, dessen Verkehr in Gernsbach er ja kannte, offenbar für zufällig, und eine geheime Stimme mahnte Edith, ihn dabei zu lassen. Doch das stolze, furchtlose Mädchen empfand die Aufrichtigkeit jetzt als eine unabweisbare Pflicht.

»Du irrst, Felix,« antwortete sie, »Raimar kam nicht zufällig, ich selbst habe ihn hergerufen. Ich wollte ihn zwingen, das geschlossene Visier zu öffnen, das Geheimnis zu lösen – ich mußte Gewißheit haben, wenn ich auch kaum mehr zweifelte!«

»Du hattest den Namen erraten, den ich nicht einmal erriet! Du kanntest bereits die Wahrheit?«

Der dumpfe, heisere Ton, der Blick hätte Edith warnen sollen, aber sie ließ sich unvorsichtig fortreißen, freilich ohne zu ahnen, wie sie in diesem Augenblick aussah, wie ihr ganzes Wesen aufzuflammen schien, als sie rief: »Ich wußte sie, als ich die Schrift las! Mit so unerhörter Kühnheit vorgehen gegen einen Mann von deiner Macht und Stellung, sich so rücksichtslos einsetzen für das, was ihm Recht heißt, konnte nur einer, das konnte nur –«

»Edith!« Das Wort brach wie ein wilder, halberstickter Aufschrei von Ronalds Lippen. Er war leichenblaß, und seine Augen bohrten sich förmlich in das Antlitz seiner Braut, als suche er etwas darin. Noch verstand sie ihn nicht, diesen starren, glühenden Blick, aber sie fühlte, daß etwas Furchtbares darin lag.

»Nun?« fragte Felix nach einer Pause. »Warum sprichst du nicht weiter? Das konnte nur einer, dieser Held des Rechtes! Denn das scheint er ja zu sein in deinen Augen, und ich – was bin ich dir dann?«

»Felix, ich bitte dich,« hob Edith beklommen an, aber er ließ sie nicht ausreden, seine Hand schloß sich wie eine Eisenklammer um ihren Arm, und er beugte sich zu ihr nieder, so nahe, daß sein heißer Atem ihre Wange streifte.

»Ich that dir unrecht vorhin,« sagte er mit bitterem Hohne. »Du kannst empfinden, ich sehe es ja! Nur mir starrt immer und ewig das Eis entgegen, mir, dem du deine Hand zugesagt hast! Oder hast du das vielleicht vergessen?«

Es lag eine kaum verhüllte Drohung in der Frage, aber Drohungen war Edith nicht zugänglich, sie gab den Blick fest und kalt zurück, und ebenso klang ihre Antwort: »Nein! Ich gab dir mein Wort und werde es halten – aber laß meinen Arm los, Felix, du thust mir weh mit diesem harten Druck!«

Ronalds Finger lösten sich langsam, er gab ihren Arm frei, aber sein Blick hing noch immer mit jenem wilden Forschen an ihren Zügen.

»Du mußt verzeihen, daß ich so spät kam,« begann er von neuem. »Ich hatte noch etwas abzumachen vorher – drüben in Heilsberg!«

»Doch nicht etwa – mit Raimar?« fragte Edith mit stockendem Atem.«

»Mit dem Herrn Notar, jawohl! Wir haben uns nun auch mündlich die Fehde angesagt. Ich glaube, du erschrickst darüber? Sei ruhig, ich stehe ja heil und gesund vor dir, und auch ›er‹ ist noch am Leben. Einen Augenblick freilich, als ich ihm so gegenüberstand, hatte ich einen Gedanken – eine bare Tollheit wäre es gewesen, die ich hätte büßen müssen! Ich wußte das ganz genau, aber es gibt Momente, wo man trotzdem fähig ist zu solchen Tollheiten. Ich kam noch rechtzeitig zur Besinnung, zum Glück für uns beide, aber wäre ich vorher in Gernsbach gewesen, vielleicht –«

Er vollendete nicht, aber sein Blick ergänzte die Worte. Edith erhob sich plötzlich und trat an den Schreibtisch, der seitwärts stand, ihr war, als müsse sie flüchten vor dem Manne, der in diesem Augenblick etwas Tigerartiges hatte.

Ronald folgte ihr nicht, er blieb am Tische stehen, und der volle Schein der Lampe fiel auf sein Gesicht, das noch immer jene fahle Blässe zeigte. Das Stillschweigen dauerte minutenlang, auch Edith war bleich geworden, aber es kam keine Silbe über ihre Lippen, bis endlich Felix wieder das Wort nahm.

»Du botest mir vorhin die öffentliche Erklärung unserer Verlobung an, und ich wiederhole dir: Ich will dies Opfer nicht, die Sache bleibt Geheimnis! Das Wort aber, das du mir gabst, behalte ich, auch wenn du dich – anders besinnen solltest. Ich lasse nicht mit mir spielen! Was mein ist, das bleibt mein, das halte ich fest, solange noch Leben in mir ist. Ich sagte es dir ja am Tage unserer Verlobung, ich bin nicht der kühle, berechnende Mann der Zahlen, für den mich die Welt hält, weil die Zahlen mich groß gemacht haben. Wenn der Dämon in mir geweckt wird – hüte dich vor ihm!«

Er sprach mit einer unheimlichen Ruhe, die schlimmer war als sein drohendes Aufflammen vorhin, dann wandte er sich zum Gehen, blieb aber an der Thür noch einmal stehen.

»Ich muß fort – lebe wohl!«

»Jetzt willst du fort?« fragte Edith leise, »die Nacht bricht an.«

»Gleichviel, ich muß nach Steinfeld zurück. In vierzehn Tagen bin ich in Berlin, bis dahin – leb wohl!«

Er ging, und wenige Minuten später hörte Edith seinen Wagen davonrollen. Sie war in den Sessel vor dem Schreibtische niedergesunken und verbarg das Gesicht in den Händen. Sie fühlte nur noch eins, eisiges Grauen vor dem Manne, der sich ihr heute erst in seiner wahren Gestalt zeigte – und dieses Mannes Weib sollte sie werden!

Indessen fuhr Felix Ronald nach Steinfeld zurück, wo er in der That notwendig war. Dort hatte man ihn zuerst angegriffen, dort mußte er sich auch verteidigen.

Aber das schreckte den Mann nicht, der da, im finsteren Brüten in die Ecke seines Wagens gelehnt, durch die dunkle Herbstnacht dahinfuhr. Er hatte ja so oft schon va banque gespielt in seinem Leben, eigentlich immer. Wie oft schon hatte das Glück gedroht, ihn zu verlassen, er hatte es immer wieder zurückgezwungen an seine Seite, als stehe es bei ihm in Dienst und Pflicht. Noch hielt er die Macht in den Händen, noch gebot er über einen zahlreichen Anhang, der mit ihm gehen mußte, weil er mit ihm fiel – damit ließ sich dem heranziehenden Sturme die Stirn bieten. Es war etwas anderes, was jetzt in seinem Innern stürmte, die wild auflodernde Eifersucht, und der Instinkt dieser Eifersucht ließ ihn die Wahrheit ahnen. Er mit all seiner heißen Leidenschaft, seinem stürmischen Werben hatte immer nur kühle Duldung gefunden bei der schönen, eisigen Braut, aber er kam nicht los von dieser Leidenschaft. Sie war ihm in der ruhelosen Jagd nach Gold und Macht, die sein ganzes Leben ausfüllte, eine Verheißung von Frieden und Glück gewesen, hatte seine ganze Natur in Fesseln geschlagen, und jetzt? Er dachte an Ediths Aufflammen, als sie von Raimar sprach, und es lag eine grausame Entschlossenheit in den Worten, die er jetzt halblaut hervorstieß: »Nehmt euch in acht, ihr beide! Ich kann vernichten, was mein ist – lassen werde ich es nicht!«

+++

Das Haus des Bankiers Mailow lag im älteren Teile Berlins und war eines jener alten, vornehmen Gebäude, die, vor mehr als einem halben Jahrhundert entstanden, sich noch ihre ganze Eigenart bewahrt haben. Die Geschäftsräume lagen im Erdgeschoß, die Wohnung der Familie im ersten Stock und im zweiten die Gesellschaftszimmer. Die innere Einrichtung des Hauses entsprach seinem Aeußeren, überall vornehme Behaglichkeit, gediegener Reichtum, aber nirgends ein Prahlen mit diesem Reichtum, nirgends eine aufdringliche Pracht. Man sah und fühlte es, daß man sich hier nicht bei einem der modernen Börsenfürsten befand, die solche Schaustellungen lieben. Etwas von dem ernsten, strengen Geiste des alten Handelsherrn, der einst das Haus Marlow gegründet hatte, wehte noch immer in den Räumen, die jetzt sein Enkel bewohnte.

Es war in den ersten Tagen des Dezember. Marlow befand sich bei seiner Tochter, die er in ihren eigenen Zimmern nur selten aufsuchte, und man sah es auch an seinem Gesichte, daß von ernsten Dingen die Rede war. Er ging in offenbarer Erregung auf und nieder, während Edith am Erkerfenster saß.

»Kurz, die Sache wird immer ernster und bedrohlicher!« schloß er soeben eine längere Rede. »Ronald leugnet das zwar noch immer, er will es eben nicht zugeben. Du sprachst ihn ja allein, was sagte er dir?«

Edith, die halb abgewendet dasaß, schien dem Vater nicht gern Rede zu stehen, sie antwortete ausweichend.

»Felix ist jetzt meist in einer Stimmung, mit der sich nicht rechten läßt. Ich begreife das und schone ihn so viel als möglich, du scheinst das nicht gethan zu haben, Papa, er war tief gereizt, als er von dir kam.«

»Wir haben Geschäftliches besprochen, da kann man keine Schonung üben,« erklärte Marlow. »Ich habe es ihm offen herausgesagt, daß er nicht so rücksichtslos vorgehen, nicht so alle Brücken hinter sich abbrechen darf. Er hat nicht mehr die Zügel in Händen, wie noch vor drei Monaten, Was da inzwischen in Steinfeld laut geworden ist, läßt sich nicht so ohne weiteres niederzwingen. Jetzt, wo die Unterbeamten, die Arbeiter nicht mehr für ihre Existenz fürchten, wo sie sich im Schutze der Öffentlichkeit wissen, jetzt redet alles. Aber er will ja nicht hören und kümmert sich nicht um meine Warnungen. Meinetwegen! Steinfeld ist sein Eigentum – ich habe nichts mehr damit zu schaffen.«

»Nichts mehr?« Edith wandte sich überrascht, fast erschrocken um.

»Nein, der Plan ist ja gescheitert und die Aktiengesellschaft unmöglich geworden. Glaubst du, daß sich jetzt noch jemand findet, der sein Geld an Steinfeld wagt, oder dafür eintritt?«

»Du bist doch einst dafür eingetreten, Papa, und mußt als Finanzmann doch ein Urteil darüber gehabt haben. Du stimmtest damals sofort dem Plane zu,«

Der Vorwurf wurde gefühlt und verstanden, der Bankier blieb stehen, und in seiner Stimme verriet sich eine gewisse Unsicherheit, als er hastig sagte: »Da lagen die Dinge anders. Ich habe manches nicht gewußt, manches vielleicht zu milde beurteilt. An ein Riesenunternehmen wie Steinfeld durfte man nicht den gewöhnlichen Maßstab legen, da ist vieles erlaubt, ja notwendig, was in kleineren Verhältnissen zu verwerfen wäre. Es läßt sich da unendlich schwer eine Grenze ziehen. Nach dem Einblick, den ich jetzt habe, würde ich mich unbedingt zurückziehen, selbst wenn die Bildung der Gesellschaft noch möglich wäre. Diese Unmöglichkeit erspart mir die immerhin peinliche Absage an Ronald.«

Edith schwieg, aber sie begriff vollkommen. Marlow hatte ja vielleicht manches nicht gewußt und vieles nicht wissen wollen, um nicht einem Unternehmen fern bleiben zu müssen, das ihm ungemessenen Vorteil versprach. Sobald die öffentliche Meinung sich dagegen erklärte, erwachte sein kaufmännisches Gewissen, da zog er sich vorsichtig und rechtzeitig zurück. »Der kühle, kluge Geschäftsmann« wußte immer, was er that, er hatte sich auch bei diesem Rückzuge keine Blöße gegeben, aber seine Tochter fühlte doch jetzt zum erstenmal, daß zwischen ihr und dem Vater eine Kluft lag. Freilich, er war derselbe geblieben, und sie war eine andere geworden – seit dem Frühjahr!

»In der nächsten Woche beginnt der Prozeß,« hob Marlow wieder an. »Da hatte Ronald ja allerdings keine Wahl; zu den Anklagen jener unseligen Schrift schweigen hieß sie zugeben. Er mußte die Klage wegen Verleumdung stellen, auf alle Gefahr hin. – Bestehst du denn noch immer darauf, den Verhandlungen beizuwohnen?«

»Ja,« sagte Edith mit voller Entschiedenheit. »Ich kann und will nicht fern bleiben, wo so viel für uns auf dem Spiele steht.«

»Für uns – ja so!« wiederholte der Bankier gedehnt, und dabei streifte ein eigentümlich forschender Blick die Tochter. »Nun, gerade deshalb möchte ich dich noch einmal bitten, gib den Gedanken auf! In solchen gerichtlichen Verhandlungen werden oft die peinlichsten Dinge erörtert. Bist du deiner Selbstbeherrschung so völlig sicher, um nur als fremde Zuhörerin zu erscheinen? Oder wäre es dir gleichgültig, wenn man gerade jetzt deine Beziehungen zu Ronald erriete?«

»Das Erraten wäre überflüssig gewesen. Ich habe Felix schon bei unserem letzten Zusammentreffen in Gernsbach vorgeschlagen, unsere Verlobung öffentlich zu erklären.«

»Edith!« Es war ein Ausruf des Schreckens, aber sie fuhr unbeirrt fort! »Er wollte das damals nicht annehmen, ich war bereit dazu,«

»Um Gottes willen, welch ein Gedanke!« brach Marlow aus. »Jetzt, wo Ronald von allen Seiten angegriffen wird, willst du dich öffentlich als seine Braut erklären? Ein Glück, daß er wenigstens vernünftig war. Er kann jetzt doch unmöglich verlangen – «

»Was er später unbedingt verlangen wird!« ergänzte Edith. »Und da fordert er nur sein Recht,«

Marlow schien einen Widerspruch auf den Lippen zu haben, unterdrückte ihn aber und nahm neben seiner Tochter Platz.

»Kind, du ahnst nicht, wie die Sache steht,« sagte er in gedämpftem Tone, »Ich habe dich nicht ängstigen wollen, jetzt aber muß ich dir doch die Wahrheit sagen, Ronald ist grenzenlos – unvorsichtig gewesen in seiner Geschäftsführung, er hat sich Dinge erlaubt, die man ihm nicht verzeihen wird und auch nicht verzeihen kann. Es handelt sich nicht mehr um Steinfeld allein, aber Steinfeld wird sein Verhängnis werden. Die teilweisen Enthüllungen dort haben bereits verraten, daß er die Werke nicht mehr halten konnte, daß er die Aktiengesellschaft nur zur Deckung für seine Verluste benutzen wollte. Damit hat er verspielt bei dem Publikum, damit hat er das Vertrauen verloren, das ihn und all seine Unternehmungen trägt. Stürzt da eins, so wankt alles andere. Und nun noch einen Gegner wie dieser Raimar – du weißt nicht, was das bedeutet!«

»Doch, ich weiß es!« sagte Edith leise.

»Ich habe den Angriff von Anfang an ernst genommen,« fuhr Marlow fort. »Daß er eine so furchtbare Tragweite annehmen, einen solchen Wiederhall im ganzen Lande finden würde, das habe ich nicht vorausgesehen. Alle Zeitungen sind ja voll von der Sache, in jedem Gespräch hört man die Namen Ronald und Raimar, und seit Raimar nun vollends hier ist, scheint es gar kein anderes Interesse mehr zu geben. Es werden ja förmliche Parteiversammlungen abgehalten für und gegen Ronald – es ist eine heillose Aufregung!«

»Raimar hat gestern gesprochen – ich las heute morgen den Bericht.« Die Worte kamen scheu und zögernd von Ediths Lippen, sie wußte es ja, daß der Vater dort gewesen war, aber es schien, als wage sie es nicht, eine Frage zu stellen.

Seine finstere Stirn furchte sich noch tiefer, als er entgegnete: »Der Bericht gibt nur einen Auszug. Man muß den Mann selbst gesehen und gehört haben, wie er dastand, wie er sprach, um die ungeheure Wirkung zu begreifen. Dieser Raimar hat eine fast unheimliche Gewalt der Rede, er bezwingt Feind und Freund damit. Gestern schon wurde er bejubelt und förmlich auf den Schild gehoben, und das war doch nur ein Vorspiel. Er will sich natürlich selbst verteidigen, und wenn er so vor den Schranken spricht, so alles mit sich fortreißt, wie gestern – dann ist das Schlimmste zu fürchten!«

»Das Schlimmste? Was heißt das, Papa?«

»Daß Raimar nur rein formell zu irgend einer Geldstrafe verurteilt oder gar – freigesprochen wird. Dann hat er gesiegt, dann gibt man ihm recht mit seiner Anklage, und der Verurteilte ist Ronald!«

Edith erwiderte nichts, aber sie war erschreckend bleich, und ihre Lippen preßten sich wie im Krampfe zusammen. Der Vater schloß ihre Hand fest in die seinige, und jetzt bebte auch seine Stimme.

»Mein armes Kind! Ich bin schonungslos gegen dich, ich weiß es, aber hier hilft kein Verbergen. Du mußt auf alles gefaßt sein,«

»Das bin ich längst. Felix will ja nichts zugeben, aber sein ganzes Wesen verrät mir, daß es sich hier für ihn um Sein oder Nichtsein handelt. An unserer Verlobung ändert das freilich nichts.«

»Eine Verlobung ist noch keine Ehe!« Marlow sprach die Worte langsam und bedeutsam, »Und wenn du ernstlich willst –«

»Ich will aber nicht!« erklärte Edith, indem sie sich erhob und ihre Hand aus der des Vaters zog.

»Liebst du Ronald?«

»Das hättest du mich fragen sollen, Papa, als du mir seinen Antrag überbrachtest. Du unterließest damals die Frage – jetzt erlaß mir die Antwort!«

Ein schwerer Seufzer rang sich aus der Brust Marlows. Er stand gleichfalls auf und sagte: »Wir können jetzt überhaupt nichts beschließen, bis der Prozeß entschieden ist. – Wilma ist bereits angekommen?« »Gestern abend, ich erhielt heute morgen einige Zeilen von ihr und werde später zu ihr fahren. Du weißt ja, weshalb sie nicht unser Gast sein wollte.«

»Weil ihr Bräutigam der nächste Freund Raimars ist?« Der Bankier zuckte die Achseln. »Eine ganz übertriebene Rücksicht! Wilma hat ihn allerdings mit unserer Zustimmung ins Vertrauen gezogen, das ließ sich nicht umgehen, aber sonst weiß niemand davon. Der Major konnte ruhig bei uns verkehren.«

»Aber Felix hätte das erfahren und wäre außer sich geraten.«

»Wenn ich den Verlobten meiner Nichte in meinem Hause empfange, ist das lediglich meine Sache,« bemerkte Marlow scharf. »Major Hartmut ist mir eine sehr sympathische Persönlichkeit, Wilma hätte gar keine bessere Wahl treffen können. Ich wäre mit ihrem Besuche ganz einverstanden gewesen, gleichviel ob Ronald das übelgenommen hätte oder nicht.«

Er vermied es offenbar absichtlich, seinen künftigen Schwiegersohn beim Vornamen zu nennen, und es war wohl auch Absicht, daß er, der sonst sehr viel auf Rücksichten gab, diesmal die Rücksichtslosigkeit vertrat. Das wäre es in der That gewesen, wenn der nächste Freund Raimars täglich im Marlowschen Hause verkehrt hätte; aber eine heftige Scene wäre dem Bankier vielleicht nicht unerwünscht gewesen. Das konnte einen Vorwand zum Bruch geben, und er wollte jetzt los um jeden Preis von der Verbindung, die er einst so sehr erstrebt hatte. Daß die Verlobung seiner Tochter gelöst werden müsse, stand bereits bei ihm fest, das war nur eine Frage der Zeit, und als er Edith jetzt verließ, um in sein Arbeitszimmer zurückzukehren, war er überzeugt, sie werde, nun sie die Sachlage kannte, auch diesmal fein »kluges, verständiges Kind« sein, wie immer.

Frau von Maiendorf war mit ihrem Töchterchen nach Berlin gekommen, denn ihre Hochzeit, die in sechs Wochen stattfinden sollte, und die Uebersiedlung nach der neuen Heimat machten noch mancherlei Einkäufe und Besorgungen notwendig. Major Hartmut wollte natürlich den Prozeßverhandlungen beiwohnen, in denen sein Freund eine Hauptrolle spielte, und hatte seine Braut bestimmt, die gleiche Zeit für ihre Reife zu wählen. Sie hatten sich seit der Verlobung nicht wiedergesehen, und sein Urlaub zählte diesmal nur nach Tagen.

Ernst Raimar, der in der That beabsichtigte, seine Verteidigung persönlich zu führen, war seit vierzehn Tagen hier, und ihm hatte sich Herr Notar Treumann angeschlossen, der natürlich auch mit dabei sein wollte. Er ging als freiwilliger Berichterstatter der »Burgwarte« nach Berlin und schickte Triumphartikel nach Heilsberg. Jeden Morgen beim Kaffee hatten die Heilsberger ihren großen Moment, da kam die »Burgwarte«, und da lasen sie es schwarz auf weiß, daß »ihr Notar« jetzt in Berlin der Mann des Tages war.

Die historische Stadt war denn auch vollständig auf der Höhe der Situation. Die Damen veranstalteten Kaffeekränzchen, wo der besagte Notar, an dem sie früher, seiner Ungeselligkeit wegen, kein gutes Haar gelassen hatten, als Sankt Georg gefeiert wurde. Die Herren hielten Extrasitzungen im historischen Verein, wo der Bürgermeister als Vizepräsident den abwesenden Präsidenten vertrat, und am besten befand sich dabei der Goldene Löwe, das Vereinslokal, denn in der allgemeinen Begeisterung fühlte man fortwährend das Bedürfnis, Toaste auszubringen und Gesundheiten zu trinken.

Frau von Maiendorf hatte es aus dem schon erwähnten Grunde abgelehnt, die Gastfreundschaft ihrer Verwandten auch für diesmal anzunehmen, sie war im Hotel abgestiegen, während Hartmut bei seinem Freunde wohnte. Er hatte den ganzen Vormittag bei seiner Braut zugebracht und kam eben nach Hause, wo er Herrn Notar Treumann vorfand. Dieser fühlte wieder einmal die dringende Notwendigkeit, sich auszusprechen, und packte deshalb schleunigst den Major und begann die gestrige Rede seines Neffen zu erörtern, so ausführlich und unermüdlich, daß Arnold, der ja auch dabei gewesen war, endlich die Geduld verlor.

»Nun ja, es war ein großer Erfolg, aber das alles sind doch im Grunde nur Vorpostengefechte, die eigentliche Schlacht soll erst in der nächsten Woche stattfinden. Am Montag beginnen die Verhandlungen, haben Sie sich denn schon einen Platz auf der Tribüne gesichert? Der Andrang wird sehr groß werden.«

»Auf der Tribüne?« wiederholte Treumann mit überlegener Miene. »Ja, dort sitzen die Zuhörer, dort sitzen Sie, Herr Major – mein Platz ist natürlich bei der Presse.«

»Was der Tausend! Hat man der ›Burgwarte‹ das zugestanden?« rief Hartmut lachend. »Man hat schon Mühe und Not, die Vertreter der großen Blätter unterzubringen.« »Ich habe es auch erst durchsetzen müssen!« erklärte der Notar. »Man war anfangs sehr wenig entgegenkommend, einer von den Herren wurde sogar ausfallend. Er fragte sehr von oben herab: Heilsberg? Was ist das für ein Ding? Und Burgwarte? Das klingt ja ganz mittelalterlich – bedaure sehr! Aber ich bin die Antwort nicht schuldig geblieben. Meine Herren – habe ich gesagt – Heilsberg ist eine historische Stadt, Heilsberg ist die Heimat und der Wohnort eines gewissen Ernst Raimar, dessen Name Ihnen vielleicht nicht ganz unbekannt ist, und ich bin sein Onkel! Ich hoffe, Sie werden meinem Neffen die Rücksicht erweisen und dem Organ seiner Vaterstadt, vertreten durch seinen nächsten Anverwandten, einen Platz gewähren.«

»Eine ausgezeichnete Rede!« sagte der Major anerkennend, »Das mit der Vaterstadt stimmt zwar nicht, denn Ernst ist Berliner, aber das macht nichts, wenn es nur hilft.«

»Natürlich half es!« triumphierte der alte Herr. »Man wurde ungemein höflich und verbindlich, man sagte mir sofort den gewünschten Platz zu, und gleich an Ort und Stelle hatte ich noch ein Interview.«

Hartmut schüttelte etwas bedenklich den Kopf.

»Herr Notar, Sie lassen sich aber jetzt von aller Welt interviewen. Sie wissen, Ernst liebt das gar nicht, er selbst ist sehr zurückhaltend, er steht niemand Rede, und Sie lassen sich von dem ersten besten ausfragen!«

»Von dem ersten besten? Oho! Es war der Berichterstatter der ›Times‹!«

»Nun, dann hätte er Ernst selbst fragen können.«

»Das hat er ja versucht, aber Ernst war völlig unzugänglich wie immer, und nun hörte er die Verhandlung wegen des Platzes und stellte sich mir vor als Vertreter des Weltblattes. Er bat sehr artig um einige persönliche Notizen, die er seinem Berichte beizufügen wünsche. Mit Vergnügen, Herr Kollege – sagte ich – mit dem allergrößten Vergnügen! Ernst Raimar ist, wie schon erwähnt, mein Neffe, ich habe ihn aus der Taufe gehoben, ich kenne ihn von Kindesbeinen an. Sie finden in mir die allerbeste Quelle. Heute morgen habe ich nach Heilsberg telegraphiert: Interview des Berichterstatters der ›Burgwarte‹ durch den Berichterstatter der ›Times‹! Ich werde unserem Organ das ganze Interview mitteilen!«

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.