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Heu Heu oder das Monster

Henry Rider Haggard: Heu Heu oder das Monster - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorHenry Rider Haggard
titleHeu Heu oder das Monster
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1988
isbn3-453-00988-6
firstpub1925
translatorNiko Karapancsa
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160615
projectida6f828bd
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8
Die heilige Insel

Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, wandte ich mich zu Issicore und fragte ihn offen, ob er irgendeinen Plan vorzubringen habe. Er schüttelte seinen edlen Kopf und entgegnete: »Keinen«, denn es sei unmöglich, sowohl dem Willen des Volkes als auch den Gesetzen der Priester Widerstand zu leisten.

»Zu welchem Zweck hast du mich also diesen ganzen Weg hierhergeschleppt?« fragte ich entrüstet. »Kannst du denn gar keinen Vorschlag machen? Wäre es, zum Beispiel, nicht möglich, daß du und diese Jungfrau mit uns den Strom hinab und in ein Land entfliehen würdest, in dem es nicht so viele böse Geister gibt?«

»Nein, Herr, dies wäre nicht möglich«, entgegnete er mit trauriger Stimme. »Tag und Nacht sind wir bewacht und würden ergriffen werden, bevor wir noch eine Meile zurückgelegt hätten. Und dann würde sie ihren Vater und ich alle meine Verwandten zurücklassen, die unseren Frevel mit dem Tode zu büßen hätten.«

»Ja, hast du denn gar keine Idee?« fragte ich wieder. »Gibt es denn wirklich nichts, das Sabeela retten könnte?«

»Nichts, Herr, außer die Vernichtung Heu-Heus und seiner Priester. Auf dich, großer Häuptling, vertrauen wir, du wirst einen Weg finden, um ihren Untergang herbeizuführen, wie es die Prophezeiung vorausgesagt hat.«

»Zum Teufel mit der Prophezeiung! Ich habe noch nie gehört, daß Prophezeiungen jemandem geholfen hätten«, rief ich auf Englisch und betrachtete dieses wunderschöne, aber hilflose Paar. Dann fügte ich auf Arabisch hinzu: »Ich bin jetzt müde und gehe zu Bett. Ich hoffe, daß ich in meinen Träumen mehr Rat finden werde als bei dir, Issicore«, sagte ich und warf ihm einen Blick zu. Dabei schien es mir, als wäre mit ihm eine leichte Veränderung vorgegangen, und als hätte ihn ein Anfall von hilflosem Fatalismus, ja sogar Verzweiflung überkommen.

Da ergriff Sabeela das Wort, als sie sah, daß ich erzürnt war:

»O Herr, sei nicht ergrimmt, denn wir sind alle nur Fliegen in einem Spinnennetz, dessen Fäden die Priester Heu-Heus sind. Und dieses Netz ist im Aberglauben meines Volkes verankert, und Heu-Heu selbst ist die Spinne, deren Klauen in meine Brust geschlagen sind.«

Als ich diese Allegorie hörte, dachte ich bei mir selbst, daß das Bild einer Schlange und eines Vogels eher am Platze gewesen wäre, denn in der Tat, dieses arme Mädchen schien, wie alle übrigen hier, vor Schrecken hypnotisiert zu sein und sich damit abgefunden zu haben, den Biß der giftigen Fangzähne zu erwarten.

»Herr«, fuhr sie fort, »wir haben getan, was wir konnten. Hat nicht Issicore eine große Reise unternommen, um dich zu suchen? Ja, hat er nicht den Fluch auf sich genommen, der auf das Haupt derer fällt, die das Land zu verlassen suchen, als er südwärts zog, um den Rat des großen Zauberers zu erbitten, der einstens Boten hierher gesandt hatte, um Blätter vom Baum der Träume aus Heu-Heus Garten zu erhalten?«

»Gewiß«, entgegnete ich, »dies tat er, Fürstin, doch kann ich sagen, daß seine Gesundheit hierdurch nicht im geringsten verschlechtert erscheint. Jener Fluch, von dem du sprichst, hat ihm also nicht geschadet.«

»Es stimmt, daß er ihm am Leibe keinen Schaden zugefügt hat – bis jetzt«, entgegnete sie mit nachdenklicher Stimme, als ob ihr ein neuer Gedanke gekommen wäre.

»Nun gut, Sabeela, wenn dies wahr ist, mag es dann nicht auch der Fall sein, daß das ganze Märchen über die Macht Heu-Heus barer Unsinn ist? Sag mir, hast du jemals mit Heu-Heu gesprochen oder ihn gesehen?«

»Nein, Herr, nein, doch ich werde ihn bald sehen, wenn ich mich nicht retten kann!«

»Gut, und hat ihn jemand anderer gesehen?«

»Nein, Herr, niemals hat jemand mit ihm gesprochen, außer natürlich seine Priester, wie zum Beispiel ein entfernter Vetter von mir, Dacha, der ihr Oberhaupt ist und den ich kannte, bevor er von Heu-Heu zum Mitglied der Priesterschaft gewählt wurde.«

»Ah! So hat ihn also niemand gesehen? Dann muß er wohl ein recht geheimnisvoller Gott sein, der keine Anbetung entgegennimmt, sondern, wenn ich recht verstehe, in einer Höhle mit seinen Priester zusammenwohnt!«

»Ich habe nicht gesagt, daß niemand Heu-Heu gesehen hat, Herr. Viele behaupten, daß sie ihn gesehen haben, wie zum Beispiel Issicore, als er in einer Opferungsnacht aus der Höhle hervorkam. Aber es bedeutet den Tod, wenn man darüber spricht, was man gesehen hat. Frage mich und Issicore nicht mehr über Heu-Heu, Herr, ich flehe dich an, sonst trifft uns der Fluch. Es ist nicht gesetzmäßig, daß wir dir über ihn erzählen, dessen Geheimnisse selbst seinen Priestern heilig sind«, fügte sie voll Erregung hinzu.

Da gab ich voll Verzweiflung meine Fragen nach Heu-Heu auf und erkundigte mich, wie viele Priester er habe.

»Etwa zwanzig, glaube ich, Herr«, entgegnete sie und hörte auf, Ausflüchte zu machen, »ungerechnet ihre Frauen und Kinder, und man sagt, daß sie nicht bei Heu-Heu in der Höhle, sondern in Häusern davor wohnen.«

»Und was tun sie, wenn sie Heu-Heu nicht anbeten, Sabeela?«

»Oh, sie bebauen das Land und herrschen über das wilde Volk der Wälder, von dem es heißt, daß es nur aus Kindern und Heu-Heus besteht. Auch kommen sie hierher, um uns auszuspähen.«

»Wirklich, tun sie das?« bemerkte ich, »und ist es wahr, daß sie hoffen, auch die Herrschaft über die Walloos zu erlangen?«

»Ja, ich glaube, es ist wahr. Wenigstens heißt es, daß Dacha die Absicht hat, falls mein Vater und ich sterben, den Walloos den Krieg zu erklären und die Häuptlingswürde an sich zu reißen, nachdem er meinen Vetter und Verlobten, Issicore, abgesetzt oder getötet hätte. Dacha war immer einer, der die erste Rolle spielen wollte.«

»So hast du wohl Dacha sehr gut gekannt, Fürstin?«

»Gewiß, Herr, als ich noch sehr jung war, zur Zeit, als er noch nicht Priester Heu-Heus war. Außerdem«, fügte sie errötend hinzu, »habe ich ihn auch nachher noch gesehen.«

»Und was sagte er dir da?«

»Er sagte, daß ich vielleicht Heu-Heu entkommen könnte, wenn ich ihn zum Gatten nähme.«

»Und was antwortetest du, Fürstin?«

»Herr, ich entgegnete, daß ich da lieber zu Heu-Heu gehe!«

»Warum?«

»Weil es heißt, daß Dacha bereits viele Frauen hat. Auch hasse ich ihn, und dann kann ich mich letzten Endes immer vor Heu-Heu retten.«

»Wie denn?«

»Durch den Tod, Herr. Wir haben schnelles Gift in diesem Lande, und ich trage welches in meinem Haar verborgen«, fügte sie mit Nachdruck hinzu.

»So, so, ich verstehe; aber, Sabeela, da du so gut warst, mich um meinen Rat in dieser Angelegenheit zu fragen, so will ich ihn dir geben. Er lautet, daß du dieses Gift nicht berühren sollst, bis alles, alles übrige versagt hat und es keine Hoffnung mehr gibt! Solange wir atmen, gibt es Hoffnung. Und alles, was verloren scheint, kann wieder gewonnen werden, aber die Toten kehren nicht mehr ins Leben zurück, Fürstin Sabeela!«

»Ich höre und will dir gehorchen, Herr«, entgegnete sie weinend. »Und dennoch ist der Tod besser als Dacha oder Heu-Heu!«

»Und das Leben ist besser als alle drei zusammen«, entgegnete ich, »besonders ein Leben voll Liebe.«

Dann verneigte ich mich und zog mich zurück, gefolgt von Hans, der sich ebenfalls verneigte – wie ein Affe auf einer Drehorgel. An der Tür blickte ich zurück und sah diese zwei armen Menschen einander in den Armen liegen, denn sie dachten ohne Zweifel, daß wir sie bereits nicht mehr sehen könnten. Sabeelas Kopf lag an Issicores Schultern und an den zuckenden Bewegungen ihrer Gestalt sah ich, daß sie schluchzte, während er sie in der altbekannten Weise zu trösten versuchte. Ich hoffe nur, daß sie bei Issicore mehr Beistand fand als ich. Mir schien er bloß ein besonders hilfloser Angehöriger einer niedergehenden Rasse zu sein, obgleich es ja wahr ist, daß er mutig war, denn sonst hätte er die Reise in das Zululand gewiß nicht unternommen. Außerdem hatte er sich, wie ich bereits erwähnt habe, ganz plötzlich in nachteiliger Weise verändert.

Sobald wir unser eigenes Zimmer erreicht und die Tür hinter uns geschlossen hatten (es hatte keine Fenster, sondern erhielt Licht und Luft durch Öffnungen in der Decke), gab ich Hans etwas Tabak und hieß ihn, sich an der anderen Seite der Lampe niederzusetzen, wo er sich wie eine Kröte zu Boden kauerte.

»Nun, Hans«, sagte ich, »erzähl mir, was du von dieser ganzen Sache hältst und was wir tun sollen, um dieses hübsche Mädchen und den alten Häuptling, ihren Vater, zu retten.«

Hans blickte auf die Decke und dann auf die Mauern. Hierauf spuckte er auf den Boden, was ich ihm verwies.

»Baas«, sagte er schließlich, »ich denke, das Beste, was wir tun können, ist, herauszufinden, wo diese glänzenden Steine sich befinden, unsere Taschen damit zu füllen und uns aus diesem Lande voller Narren und Teufel davonzumachen. Ich bin überzeugt, diese Schöne würde besser daran tun, den Priester Dacha, ja sogar Heu-Heu zu nehmen, als Issicore, der jetzt nichts als ein geschnitztes und bemaltes Stück Holz geworden ist, das einem Mann gleichsehen soll.«

»Es kann sein, Hans, aber der Geschmack der Frauen ist höchst sonderbar, und sie liebt dieses Stück Holz, das nach allem mutig genug ist, außer, wo es sich um Geister und Dämonen handelt. Sonst wäre er gewiß nicht um ihretwillen so weit gereist. Außerdem müssen wir unser Geschäft zu Ende führen. Was sollen wir denn dem ›Eröffner der Wege‹ sagen, wenn wir ohne seine Medizin zurückkommen? Nein, Hans, wir müssen dieses Spiel zu Ende spielen!«

»Gewiß, Baas, ich habe gewußt, daß der Baas in seiner Verrücktheit das sagen würde. Wäre ich allein, so würde ich jetzt oder doch etwas später, wieder in jenem Kanu sitzen und stromabwärts treiben. Der Baas hat jedoch beschlossen, daß wir das Mädchen retten, und dem Holzklotz zum Weibe geben müssen. Ich denke also, ich lege mich jetzt schlafen, und morgen oder übermorgen kann der Baas daran gehen, sie zu retten. Ich habe keine hohe Meinung von dem Bier in diesem Lande – es ist zu süß; und alle diese hübschen Narren langweilen mich mit ihrem Geschwätz über Teufel und Priester. Außerdem ist das Klima hier schlecht und sehr feucht. Mir scheint, es wird wieder regnen, Baas.«

Da ich nichts anderes bei der Hand hatte, warf ich Hans meinen Tabaksbeutel an den Kopf. Er fing ihn gewandt auf und steckte ihn wie geistesabwesend in seine eigene Tasche.

»Wenn der Baas tatsächlich wissen möchte, was ich denke«, sagte er gähnend, »so kann ich ihm sagen, daß der Medizinmann namens Dacha das hübscheste Fräulein für sich selbst haben möchte; er wünscht auch selbst über dieses blöde Volk zu herrschen. Was Heu-Heu betrifft, so weiß ich nichts über ihn, aber er ist vielleicht einer dieser haarigen Männer, die zu Beginn der Welt hierhergekommen sind. Ich denke, daß es am besten wäre, wenn wir morgen früh ein Boot nehmen und auf diese Insel hinüberfahren würden, wo wir vielleicht selbst die Wahrheit herausfinden können. Vielleicht kann uns der ›Holzklotz‹ mit einigen seiner Leute hinüberrudern. Jetzt habe ich nichts weiter zu sagen, und wenn der Baas nichts dagegen hat, gehe ich schlafen. Halte deine Pistole bereit, Baas, für den Fall, daß einer dieser haarigen Leute bei uns vorsprechen möchte –, du weißt, um wegen des einen Erschossenen mit uns zu sprechen.«

Hierauf zog er sich in eine Ecke zurück, rollte sich in eine Felldecke und im nächsten Augenblick schnarchte er bereits laut, obgleich ich genau wußte, daß er die ganze Zeit ein Auge offen behielt. Kein Haarmensch oder sonst jemand hätte sich unserem Zimmer nähern können, ohne daß Hans ihn gehört hätte, denn sein Schlaf glich dem eines Hundes, der seinen Herrn bewacht.

Während ich mich anschickte, seinem Beispiel zu folgen, überlegte ich, daß seine Bemerkungen, hingeworfen, wie sie waren, doch voll Weisheit steckten. Die Leute hier waren abergläubische Narren und zu gar nichts nütze. Wahrscheinlich wurden jene von ihnen, die einen hellen Kopf hatten, Priester. Aber die haarigen Eingeborenen waren eine widerwärtige Tatsache, wie die Priester genau wußten, denn anscheinend hatten sie über jene die Herrschaft erlangt! Übrigens hatte Hans recht, die einzige Sache, die geschehen konnte, war, die heilige Insel zu besuchen und selbst die Wahrheit herauszufinden! Gewiß, es würde gefährlich sein, aber wenigstens würde es auch einen Reiz für mich haben!

Am nächsten Morgen erhob ich mich nach ausgezeichnet durchschlafener Nacht und suchte den Weg in den Garten. Ich vergnügte mich dort mit der Betrachtung der Büsche und Blumen, von denen einige mir völlig unbekannt waren. Dann blickte ich prüfend auf den Himmel, der mit bleischweren, tief herabhängenden Wolken bedeckt war und neuen Regen ankündigte. Ich konnte sonst nichts tun, denn hohe Mauern verwehrten nach allen Seiten die Aussicht, so daß ich eben noch den Gipfel des Vulkans sehen konnte, der in der Entfernung von einigen Meilen aus dem See emporstieg. Plötzlich ging die Gartentür auf, und es erschien Issicore, der müde und ziemlich verstört aussah. Es fiel mir ein, daß er wohl lange mit Sabeela aufgeblieben war. Da sie sich ja so bald trennen sollten, war es nur natürlich, daß sie soviel als möglich zusammen zu sein wünschten. Auch wußte ich, daß er gewiß zu den Geistern seiner Vorfahren gebetet und versucht hatte, einen Rettungsplan zu entwerfen, was unter den gegebenen Umständen zweifellos ein schwieriges Unternehmen war. Ich ging gerade aufs Ziel los und sagte: »Kannst du so bald als möglich nach dem Frühstück ein Kanu für mich und Hans bereit halten, Issicore, das uns nach der Insel hinüberbringen soll?«

»Zu der Insel im See, o Herr?« rief er entsetzt. »Das wäre Sünde, sie ist ja heilig!«

»Gewiß, aber ich bin auch heilig und wenn ich sie besuche, werde ich noch heiliger werden.«

Nun brachte er eine Menge von Einwänden aller Art vor und schleppte sogar den Walloo und seine Grauköpfe herbei, um seine Argumente zu bekräftigen. Auch Hans und Sabeela traten hinzu. Letztere erschien mir bei Tag noch schöner, als bei Lampenlicht. Sabeela erwies sich schließlich als meine einzige Unterstützung, denn als die anderen sich heiser geredet hatten, sagte sie plötzlich:

»Der weiße Häuptling ist hierhergebracht worden, damit wir, die verstört und toll sind, aus dem Gefäß seiner Weisheit trinken. Wenn seine Weisheit ihn heißt, die heilige Insel aufzusuchen, so laß ihm seinen Willen, Vater.«

Als noch immer niemand überzeugt zu sein schien, sagte ich nichts mehr, denn ich wußte nicht, was ich noch hätte vorbringen sollen. Da griff Hans ein und sagte in seinem schlechten Küstenarabisch:

»Baas, alle diese Leute und auch Issicore, obgleich er so groß und stark ist, fürchten sich vor Heu-Heu und seinen Priestern, aber wir, die wir gute Christen sind, kennen keine Furcht vor Teufeln, denn wir wissen, wie mit ihnen umzugehen ist. Auch können wir rudern und deshalb möge uns der Häuptling ein ganz kleines Boot zur Verfügung stellen und uns den Weg nach der Insel zeigen – dann werden wir schon selbst hinfinden.«

Um als Sportsmann zu sprechen: Dieser Schuß traf den Bullen ins Auge! Issicore, der, wie, ich bereits erwähnt habe, im Grunde ein tapferer Mann war, fuhr auf und entgegnete:

»Bin ich denn ein Feigling, daß ich solche Worte aus dem Munde deines Dieners anhören sollte, Häuptling Macumazahn? Ich und einige andere, die ich schon finden werde, wollen euch zu der Insel hinüberrudern, obwohl wir sie nicht betreten werden, denn dies ist uns durch das Gesetz verboten. Aber du darfst mich nicht tadeln, Herr, wenn du nicht mehr zurückkommen solltest.«

»Dann ist die Sache erledigt«, erwiderte ich ruhig, »und jetzt laßt uns frühstücken, wenn ich bitten darf, denn ich bin hungrig.«

+++

Etwa zwei Stunden später stießen wir vom Damm ab und nahmen sämtliche Gepäcksstücke mit, bis hin zu einer Quantität Reservepulver in Flaschen, das wir dabei hatten, um abgefeuerte Patronenhülsen frisch zu laden, denn Hans weigerte sich, irgend etwas unbewacht zurückzulassen. Das Kanu, das uns zur Verfügung gestellt wurde, war viel kleiner als jenes, das wir zu unserer Reise den Fluß herauf benützt hatten, doch war auch dieses aus einem einzigen Stamm ausgehöhlt. Seine Bemannung bestand aus Issicore, der am Steuer saß und vier weiteren Walloos, die uns ruderten, alle kräftige, entschlossen blickende Burschen. Die Insel war etwa fünf Meilen entfernt, aber wir machten einen großen Umweg nach Süden, ich denke, um unsere Absicht zu verschleiern, und wir brauchten daher gute zwei Stunden, um ihre südliche Küste zu erreichen.

Während wir uns näherten, musterte ich die Küste sorgfältig durch mein Glas und bemerkte, daß das Eiland viel größer war, als ich gedacht hatte. Es hatte tatsächlich mehrere Meilen Umfang, denn neben dem zentralen Vulkankegel gab es eine große Fläche niedrigen Landes rund um seinen Fuß, das kaum mehr als ein oder zwei Fuß über dem Spiegel des Sees lag. Es hatte, außer an den Niederungen am See, steinigen und unfruchtbaren Charakter. Überall lagen Lavablöcke, die bei jüngeren Ausbrüchen des Vulkans ausgeworfen worden waren.

Issicore unterrichtete mich allerdings, daß der nördliche Teil der Insel, wo die Priester wohnten, nicht vom Lavastrom berührt worden war und deshalb fruchtbar sei. Ich muß hier erwähnen, daß der Krater des Vulkans deutlich die Richtung, die der Strom genommen hatte, ersehen ließ, denn sein südlicher Rand war bis zu großer Tiefe weggerissen, während der nördliche Teil eine hohe, undurchbrochene Felsmauer bildete.

Der Tag war überaus neblig – ein Umstand, der unsere Annäherung erleichterte –, und der Himmel, der, wie bereits erwähnt, mit schwarzen, regenschweren Wolken bedeckt war, schien beinahe bis auf den Gipfel des Vulkans herabzuhängen. Infolgedessen war es uns nicht möglich, vor unserer völligen Annäherung zu bemerken, daß ein Strom glühender Lava, allerdings nicht sehr breit, den Bergabhang herunterfloß. Als die Walloos dies entdeckten, wurden sie furchtbar erregt, und Issicore sagte mir, daß so etwas sich bereits seit ›hundert Jahren‹ nicht ereignet hätte, und daß er denke, daß dies etwas Ungewöhnliches bedeute, da der Berg als ›schlafend‹ gelte.

»Er ist immerhin wach genug, um zu rauchen«, entgegnete ich und setzte meine Beobachtungen fort.

Zwischen den Felsen und teilweise durch die Blöcke verschüttet, sah ich etwas, das ich für die Überbleibsel jener Gebäude hielt, von denen man mir erzählt hatte. Issicore sagte, daß sie einst zu der Stadt seiner Vorfahren gehört hätten und fügte hinzu, daß, wie er gehört habe, in einigen von ihnen diese Vorfahren noch zu Stein verwandelt zu sehen seien. Dies erinnerte mich an die Erzählung Zikalis.

Man kann sich nichts Trostloseres und Niederschlagenderes vorstellen, als den Anblick dieses Ortes an diesem grauen Tag unter dem unheilverkündenden Himmel. Dennoch brannte ich darauf, ihn genauer zu untersuchen, denn dieses Märchen von versteinerten Menschen reizte mich, und ich habe immer viel für altertümliche Überreste und sonderbare Anblicke übrig gehabt.

Für den Augenblick vergaß ich vollkommen Heu-Heu und seine Priester und hieß die Walloos, an die Küste zu rudern, was sie nach kurzer, stummer Weigerung auch taten, und wir glitten in eine kleine Bucht. Leichtfüßig sprangen Hans und ich auf die Felsen und begannen, beladen mit unseren Säcken und Flinten, unsere Nachforschung. Vorher waren wir aber mit Issicore übereingekommen, daß er unsere Rückkehr abwarten und uns dann die Insel entlang heimrudern sollte, damit wir einen Blick auf die Niederlassung der Priester werfen könnten. Mit einem Seufzer versprach er uns dies, worauf das Boot sofort etwa hundert Yards von der Küste weggerudert und mittels eines schweren Steines verankert wurde. Hans und ich schritten vorwärts gegen die nächste Gruppe von Ruinen. Als wir uns dieser näherten, sagte Hans:

»Schau, Baas, dort liegt ein Hund zwischen den Felsen.«

Ich blickte in die Richtung, die er mir zeigte, und dort sah ich ganz deutlich einen großen grauen Hund mit spitzer Schnauze, der in tiefem Schlafe zu liegen schien. Wir kamen näher und, da er sich nicht bewegte, nahm Hans einen Stein und warf ihn ihm an den Rücken. Dennoch blieb er unbeweglich und so gingen wir hin und betrachteten ihn genauer.

»Es ist ein steinerner Hund«, sagte ich. »Die Leute, die hier lebten, scheinen Statuen gemacht zu haben«, denn noch immer glaubte ich nicht an die Erzählung von versteinerten Lebewesen, die ich gehört hatte und die immerhin höchst unwahrscheinlich klangen.

»In diesem Fall müssen sie Knochen in ihre Bildwerke gesteckt haben, Baas, schau her!«, und er ergriff eine der Vorderpfoten des Hundes, die abgebrochen war. Wirklich, in ihrem Innern sah man den versteinerten Knochen! Jetzt ging mir ein Licht auf!

Das Tier war auf der Flucht gegen die Küste hin begriffen gewesen, als die giftigen Gase der Eruption es erreichten. Hierauf, nehme ich an, war ein Regen irgendeiner versteinernden Flüssigkeit gefallen und hatte es zu Stein verwandelt. Das war eine ganz erstaunliche Sache. Aber ich konnte an meinen eigenen Augen nicht zweifeln! Die Erzählung war also wahr, und ich hatte eine große Entdeckung gemacht!

Wir eilten auf die Häuser zu, die jetzt natürlich dachlos und an manchen Stellen von Lava erfüllt waren. Die äußeren Mauern waren aber widerstandsfähig gewesen und standen noch. An einzelnen dieser Wände waren ganz verblaßte Überbleibsel freskenartiger Malereien, deren eine zum Beispiel einen Festzug, eine andere eine Jagdszene zeigte.

Wir schritten zu einer anderen Gruppe von Gebäuden, die in einiger Entfernung an den Abhang des Berges gebaut und mehr oder weniger durch einen überhängenden Felsgrat geschützt waren. Es schien dort ein Palast oder ein Tempel gestanden zu haben, denn die Gebäude waren sehr groß und ihre Dächer offensichtlich von steinernen Säulen getragen worden. Wir schritten durch die große Halle eines der Gebäude zu den rückwärtigen Räumen. Im allerletzten, der unter diesem Felsvorsprung gelegen war und wahrscheinlich als Magazin gedient hatte, bot sich uns ein ungewöhnlicher Anblick. Dort lagen übereinandergeworfen und stellenweise aneinandergeklammert, eine Anzahl von Menschen – vielleicht zwanzig oder dreißig –, Männer, Frauen und Kinder, alle versteinert! Zweifellos war die versteinernde Flüssigkeit durch Risse im Felsen in den Raum herabgeflossen und hatte dort ihr Werk getan. Sie waren alle nackt, was darauf schließen ließ, daß ihre Gewänder entweder verbrannt oder vor Beendigung des Prozesses zersetzt waren. Die erstere Annahme wurde durch die Tatsache unterstützt, daß keiner dieser Menschen Haare auf dem Kopf trug. Die Züge waren nicht genau zu erkennen, jedoch glichen die Körper in ihrem allgemeinen Typus den Walloos.

Sprachlos vor Erstaunen traten wir aus dieser Totenkammer heraus und durchwanderten den Platz. Da und dort fanden wir weitere Körper von Leuten, die in der großen Katastrophe zugrundegegangen waren und stießen einmal auch auf einen Arm, der aus einem Lavablock hervorragte und anzudeuten schien, daß viel mehr darunter begraben sei. Auch fanden wir eine Anzahl versteinerter Ziegen in einem Kraal. Was für ein Platz für Ausgrabungen! dachte ich bei mir. Was hätte man in diesen Ruinen mit Hilfe einiger Spaten, Piken und Sprengmittel für Entdeckungen machen können!

Vielleicht alle Überreste einer vergangenen Zivilisation; Inschriften, Juwelen, Statuen ihrer Götter; vielleicht Hausgeräte, die unter der Lava und dem Staub begraben waren, obgleich diese wahrscheinlich zerfallen sein mochten! Gewiß, hier war ein zweites Pompeji, und darunter vielleicht noch ein zweites Herkulanum!

Während ich über diese verschwundenen Herrlichkeiten nachdachte und zu ergründen trachtete, wann sie verschwunden waren, stieß mich Hans in die Rippen und sagte in seinem fürchterlichen Burenholländisch ein einziges Wort: »Kek!«, welches, wie ihr vielleicht wißt, »Schau!« bedeutet. Gleichzeitig deutete er auf den See.

Ich blickte hin und sah unser Kanu mit aller Kraft, wie von bösen Geistern gehetzt, gegen die Küste von Walloo davonrudern.

»Warum, zum Teufel, machen sie das?« fragte ich.

»Ich denke, weil irgend jemand ihnen am Halse sitzt, Baas«, entgegnete Hans resigniert. Dann setzte er sich auf einen Felsblock nieder, zog seine Pfeife heraus, füllte sie und setzte sie in Brand.

Wie gewöhnlich hatte Hans recht, denn plötzlich kamen hinter einer Krümmung der Inselküste zwei andere Kanus hervor, riesige Kanus, die mit großer Energie und Entschlossenheit und, wie mir schien, mit böser Absicht das unsere verfolgten.

»Ich denke, diese Priester haben unser Boot gesehen und wollen es fangen, wenn sie können«, bemerkte Hans und spuckte nachdenklich aus. »Obwohl es ihnen vielleicht nicht gelingen wird, da Issicore einen guten Vorsprung hat. Aber was sollen wir jetzt tun, Baas? Wir können hier nicht unter Toten leben und steinerne Ziegen sind ziemlich schwer zu kauen.«

Ich erwog die Situation, und mein Herz sank mir in die Stiefel, denn unsere Lage schien verzweifelt. Noch vor einem Augenblick war ich von Begeisterung über diese vernichtete Stadt und ihre versteinerten Überreste erfüllt gewesen. Jetzt war mir der bloße Gedanke daran widerlich, und ich wünschte, sie läge am Grunde des Sees. So ändern die Umstände manchmal die Lage und unser armes, schwankendes Urteil! Dann kam mir plötzlich eine Idee und ich sagte kühn:

»Was zu tun ist? Warum, da ist nur eins zu tun! Wir müssen uns an Heu-Heu oder seine Priester wenden.«

»Ganz schön, Baas. Aber der Baas erinnert sich vielleicht an das Bild in der Höhle. Wenn es ein lebensgetreues Abbild ist, dann ist Heu-Heu Meister in der Kunst, Menschen die Köpfe abzureißen.«

»Ich glaube nicht, daß es einen Heu-Heu gibt«, sagte ich entschieden, »du wirst bemerkt haben, Hans, daß wir eine ganze Menge von Geschichten über Heu-Heu gehört haben, aber daß ihn niemand genau genug gesehen zu haben scheint, um uns eine Beschreibung von ihm und seinem Treiben zu geben, nicht einmal Zikali. Er zeigte uns in seinen Flammen ein Bild dieses Monsters, aber nach allem war es ja nur das, welches wir in der Höhle gesehen hatten, und ich glaube, er hat es aus unserer eigenen Einbildungskraft erzeugt. Auf alle Fälle ist es ebenso gut, rasch ohne Kopf zu sterben, als langsam mit einem leeren Magen, denn ich bin überzeugt, daß diese Walloos nicht mehr zurückkommen werden, um nach uns zu sehen.«

»Gewiß, Baas, ich glaube es auch. Früher hatte Issicore Mut, aber er scheint verändert zu sein, als ob ihm irgend etwas passiert wäre, seit er in sein eigenes Land zurückgekehrt ist. Und jetzt glaube ich, tun wir besser daran, weiter zu marschieren, wenn der Baas bereit ist, und nicht vorher noch nach ein paar Steinleuten sehen möchte. Es fängt an zu regnen, und wir sind bereits beträchtlich länger hier, als der Baas glaubt, denn das Herumkriechen in diesen alten Häusern ist ein langwieriges Geschäft. Wenn wir also vor Einbruch der Nacht die andere Seite der Insel erreichen wollen, ist es Zeit aufzubrechen.«

So zogen wir denn weiter, indem wir die Richtung gegen die westliche Seite des Vulkans einschlugen, denn dort schien er nicht so weit in das flache Land hinaus vorzutreten. Etwas später wandten wir uns um und blickten auf den See hinaus. Dort, in weiter Entfernung, erschien unser Kanu bereits als undeutlicher Fleck und die zwei anderen Kanus mit den Verfolgern hinter ihm als zwei weitere Flecke. Während wir noch hinblickten, erschienen aus dem Nebel, der die Küste bei Walloo verhüllte, weitere kleine Punkte, die zweifellos Wallooboote waren, die zur Hilfe herbeieilten, denn die Kanus der Priester gaben die Jagd auf und wandten sich heimwärts.

»Issicore wird seiner Sabeela eine schöne Geschichte erzählen können«, sagte Hans; »aber sie wird ihn vielleicht nicht küssen, wenn sie die angehört hat!«

»Er tat ganz recht daran, sich aus dem Staub zu machen. Was hätte er durch sein Bleiben erreicht«, entgegnete ich, während wir weiterzogen und fügte hinzu: »Trotzdem hast du recht, Hans, Issicore ist ein anderer geworden.«

Es war ein anstrengender Marsch über den zerrissenen Boden, wenigstens zu Beginn, denn sobald wir um den Vulkanabhang herumgekommen waren, änderte sich der Charakter der Gegend, und wir befanden uns in fruchtbarem, bebautem Land, das bewässert zu sein schien.

»Diese Felder müssen sehr tief liegen, Baas«, sagte Hans, »denn wie können die Leute sonst das Seewasser hineinleiten, um sie zu bewässern?«

»Ich weiß es nicht«, entgegnete ich verdrießlich, denn meine Gedanken wurden durch den Regenschauer abgelenkt, der auf uns niederging. Nichtsdestoweniger behielt ich diese Bemerkung im Kopf, und sie wurde uns späterhin nützlich. So wanderten wir weiter, bis wir schließlich einen Palmenhain betraten, durch welchen eine Straße führte. Plötzlich kamen wir zum Ende dieser Straße und befanden uns in einem Dorf aus gut gebauten Steinhäusern, die ein größeres Gebäude aus demselben Material umgaben, dessen Rückwand von dem Bergabhang gebildet wurde. Da wir nichts anderes tun konnten, schritten wir weiter in das Dorf hinein, zunächst, ohne bemerkt zu werden, denn jedermann war infolge des Regens unter Dach. Allerdings begannen bald Hunde anzuschlagen und eine Frau, die aus der Tür eines Hauses blickte, bekam uns zu Gesicht. Sie schrie auf, und eine Minute später erschienen Männer mir rasierten Köpfen und langen weißen Gewändern und liefen, große Speere schwingend, auf uns zu.

»Hans«, sagte ich, »halte deine Büchse bereit, aber schieße nicht, wenn du nicht dazu gezwungen bist! Hier werden uns Worte bessere Dienste tun als Kugeln.«

»Gut, Baas, aber ich glaube, daß keines von beiden uns viel nützen wird.«

Hierauf setzte er sich auf den Stamm eines gestürzten Baumes, der an der Seite des Weges lag, nieder, um zu warten, und ich folgte seinem Beispiel, wobei ich die Gelegenheit benützte, meine Pfeife anzuzünden.

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