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Heu Heu oder das Monster

Henry Rider Haggard: Heu Heu oder das Monster - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorHenry Rider Haggard
titleHeu Heu oder das Monster
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1988
isbn3-453-00988-6
firstpub1925
translatorNiko Karapancsa
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160615
projectida6f828bd
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6
Der schwarze Fluß

Am folgenden Abend versammelten wir vier, das sind Curtis, Good, ich selbst (der Herausgeber) und der alte Allan uns wieder um das Feuer seiner bequemen Höhle im Meierhof, angenehm ermüdet nach einer erfolgreichen Jagd und einem guten Abendessen.

»Nun also, Allan«, sagte ich, »fahren Sie fort in ihrer Erzählung.«

»Was für einer Erzählung?« fragte er, als hätte er es vergessen, denn er war immer schwer zum Sprechen zu bringen, so weit es sich um seine eigenen Erinnerungen handelte.

»Nun, die Geschichte mit dem Affenmenschen und dem Burschen, der wie Apoll aussah«, erwiderte Good. »Ich träumte die ganze Nacht davon, und daß ich die Dame rettete – ein dunkles Mädchen im blauen Gewand – und eben dabei war, einen wohlverdienten Dankeskuß zu bekommen, als sie ihre Absicht änderte und sich in Stein verwandelte.«

»Was sie auch gewiß getan haben würde, wenn sie auch nur ein wenig Vernunft gehabt hätte und Sie der Glückliche gewesen wären, Good«, sagte Allan streng und fügte hinzu: »Vielleicht war es dieser Traum, der Sie heute noch elender als gewöhnlich schießen ließ. Ich selbst sah, wie Sie an der letzten Ecke sechs Fasanhähne hintereinander verfehlten.«

»Und ich sah Sie an der ersten Ecke achtzehn hintereinander herunterholen«, entgegnete Good freundlich, »Sie sehen also, daß der Durchschnitt stimmt. Aber jetzt vorwärts, setzen Sie Ihre Story fort. Ich liebe romantische Erzählungen besonders abends nach einer Menge nüchterner Tatsachen des Lebens in Gestalt von unmöglichen Fasanhähnen.«

»Romantisch!« begann Allan entrüstet. »Bin ich romantisch? Bitte, verwechseln Sie mich nicht mit sich selbst Good!«

Hier mischte ich mich drein und flehte ihn an, keine Zeit mit diesen Diskussionen zu verlieren, denn Good sei seiner Beachtung nicht wert. Schließlich besänftigte er sich und hub an:

+++

»Nun will ich mich aber beeilen und hoffe mit der Sache bald fertig zu werden, die mir die Kehle austrocknet. Da ich soviel in der Einsamkeit gelebt habe und nicht gewöhnt bin, wie ein Politiker zu schwatzen, zwingt mich das viele Reden, mehr Whisky und Wasser zu trinken, als ich sollte. Auch ihr seid schon ungeduldig, besonders Good, der es kaum erwarten kann, das Ende der Geschichte zu erfahren und darüber seine Bemerkungen zu machen, um darzulegen, daß er sich dabei viel besser benommen hätte, und Sie, mein Freund, weil Sie morgen sehr früh abreisen und wohl noch vor dem Schlafengehen Ihre Koffer packen wollen. Ich will deshalb eine ganze Menge weglassen, zum Beispiel alles, was unsere Reise betrifft, obwohl sie in der Tat eine der interessantesten war, die ich jemals gemacht habe, und sie mich größtenteils durch Gebiete brachte, die mir vollkommen neu waren und über die man wohl Bücher schreiben könnte.

So will ich einfach erwähnen, daß wir nach den nötigen Vorbereitungen und der Zeit, die wir brauchten, um den Wagen umzupacken – denn wir ließen alle Waren, deren wir nicht bedurften, unter Zikalis Obhut zurück –, von Black Kloof fortzogen. Die Ochsen, die ich auf Pump von Zikali gekauft hatte, gingen in den Jochen, und wir trieben zwei Reservetiere sowie vier der besten meines alten Gespanns für unvorhergesehene Fälle mit.

Außerdem nahm ich außer meinem eigenen Kutscher und Vorläufer, Mavoon und Induka, zwei andere Zulus auf, Diener Zikalis, denn ich wußte, daß sie aus Furcht vor ihrem unheimlichen Gebieter treu sein würden. Allerdings wußte ich auch, daß sie mich als seine Spione beobachteten und, sollte ich jemals lebend zurückkehren, ihm über alles Bericht erstatten würden.

Nun gut, ich lasse alle Details dieser bemerkenswerten Reise aus, während welcher sich weder Zusammenstöße, Unglücksfälle oder andere schwere Unannehmlichkeiten ereigneten, und wir immer reichlich Nahrung fanden, da überall genug Wild vorhanden war, und beginne gleich mit unserer glücklichen Ankunft an der ersten Hügelkette, die ich ihnen hier auf der Landkarte zeige und die nach Zikalis Beschreibung die Wüste umsäumen sollte. Hier mußten wir den Wagen zurücklassen, denn es war unmöglich, ihn über die Hügel oder gar durch die Wüste zu bringen.

Glücklicherweise war es uns möglich, ihn in einer kleinen Niederlassung, die von friedlichen Leuten bewohnt wurde, an günstiger und wasserreicher Gegend zurückzulassen. Die Bewohner hatten keine bösartigen Nachbarn und konnten daher in Ruhe ihre Felder bestellen. Den Wagen vertraute ich der Obhut Mavoons und Indukas an und ebenso die Ochsen, von denen wir glücklicherweise nur drei verloren hatten. Außerdem ließ ich dort Zikalis Diener zurück, denn Issicore erklärte, daß wir allein vordringen müßten. Ich wußte, daß sie meine Leute im Auge behalten und andererseits auch von diesen beobachtet werden würden, und außerdem versprach ich dem Häuptling des Dorfes ein reichliches Geschenk für den Fall, daß wir bei unserer Rückkehr alles in Ordnung vorfinden würden.

Er sagte, er würde sein Möglichstes tun, doch fügte er mit Nachdruck hinzu – er war nämlich ein melancholischer Geselle –, daß wir wohl kaum zurückkehren würden, wenn wir in Heu-Heus Land zögen, denn es wäre dies ein Land voller Teufel. Er fragte, was er in diesem Fall mit dem Wagen und den Waren anfangen sollte. Ich teilte ihm mit, daß ich Befehl gegeben hatte, man möge ihn an den Ausgangspunkt unserer Reise zurückschaffen, falls wir nicht innerhalb eines Jahres wiederkehrten, und dort melden, daß wir zugrunde gegangen seien. Er möge sich jedoch über unser Schicksal keine grauen Haare wachsen lassen, denn ich sei ein großer Zauberer und wisse genau, daß wir lange vor dieser Zeit zurück sein würden.

Er zuckte die Achseln und schaute zweifelnd auf Issicore, worauf die Unterhaltung ein Ende fand. Es gelang mir jedoch, ihn zu überreden, uns drei seiner Leute als Führer über die Berge zu leihen, die uns auch Wasser durch die Wüste tragen sollten, unter der Voraussetzung, daß ihnen gestattet werde zurückzukehren, sobald wir den Sumpf erreicht hätten. Nichts hätte sie dazu bewegen können, sich dem Lande Heu-Heus noch mehr zu nähern.

So brachen wir denn auf und verließen Mavoon und Induka, fast in Tränen aufgelöst, denn die Schwermut des Häuptlings hatte sie angesteckt, und auch sie glaubten, daß wir uns nicht wiedersehen würden. Hans allerdings hätten sie nie vermißt, denn sie haßten ihn, wie er sie haßte, aber mit mir war es eine andere Sache, denn mich liebten sie auf ihre Weise.

Unser Gepäck war leicht: Büchsen (ich nahm eine doppelläufige ›Expreß‹ mit), so viel Munition, als wir tragen konnten, einige Arzneien, Notizblöcke, etwas Reservekleidung und Stiefel für mich, ein paar Revolver und möglichst viele Gefäße aller Art, um Wasser mitzunehmen, auch zwei Paraffinbüchsen, die in der Art von Milcheimern an den zwei Enden einer Tragstange befestigt waren. Außerdem hatten wir Tabak, einen reichlichen Vorrat von Streichhölzern, Kerzen und ein Paket trockenen Zwieback für den Fall, daß wir auf kein Wild stoßen sollten. Dies scheint nicht viel zu sein, aber bevor wir die Wüste hinter uns hatten, war ich geneigt, die Hälfte davon wegzuwerfen; wirklich, ich glaube nicht, daß wir alles über den Berg gebracht hätten, der sich als sehr steil erwies, wenn wir die Unterstützung der drei Wasserträger hätten entbehren müssen.

Wir benötigten zwölf Stunden, um den Berghang, in dessen Nähe wir lagerten, zu erreichen und bis zu seinem Kamm vorzudringen. Der Abstieg auf der anderen Seite dauerte sechs Stunden. An seinem Fuß wuchs dünnes, buschiges Gras, gelegentlich von Dornbüschen unterbrochen, und bildete eine unfruchtbare Ebene, die stellenweise in Wüste überging. Bei der letzten Wasserstelle lagerten wir die zweite Nacht; dann brachen wir auf, nachdem wir alle Gefäße mit Wasser gefüllt hatten, und betraten die öde, sandige Fläche.

Nun, ihr Burschen wißt, was eine afrikanische Wüste ist, denn auf unserer Reise zu Salomons Minen schritten wir durch eine noch ärgere, als diese es war.

Dennoch war der Fleck, von dem ich spreche, unangenehm genug. Denn erstens war die Hitze fürchterlich, dann bestand die Wüste teilweise aus Abhängen oder Wellen von Sand, auf die wir emporklettern und von denen wir hinabgleiten mußten, was uns überaus erschöpfte. Dann wuchsen hie und da eigenartige, dickblätterige Pflanzen mit scharfen Stacheln, welche beim Berühren ein schmerzhaftes Brennen erzeugten. Dieses widerliche und nutzlose Gewächs machte es unmöglich, bei Nacht oder selbst bei herannahender Dämmerung zu reisen, weil man ihm dann nicht ausweichen konnte.

Wir brauchten drei Tage, um diese verteufelte Wüste zu durchqueren, die noch eine besondere Eigentümlichkeit hatte. Vereinzelt standen nämlich, gleich Obelisken, durch Sandstrahlen polierte Steinsäulen auf ihrer Fläche, manche davon aus einem Stück, Monolithen, andere wieder aus mehreren übereinandergetürmten Steinen zusammengesetzt. Ich nehme an, daß es Überbleibsel vergangener Gebirgsschichten waren, härteres Gestein, das der Verwitterung durch Wind und Wasser widerstanden hatte, welche im Laufe von Tausenden oder Millionen von Jahren den weicheren Felsen zu Staub gemahlen und davongetragen hatten.

Diese obeliskartigen Säulen gaben dieser Einöde ein überaus sonderbares Aussehen, denn sie machten den Eindruck von Monumenten. Außerdem waren sie überaus nützlich, denn sie halfen unseren Wasserträgern, wieder auf unseren Weg zurückzukommen, wenn sie, um Strauße zu jagen oder deren Eier zu suchen, durch die Wüste streiften. Wir sahen eine große Menge dieser Strauße. Dies bewies, daß die Wüste nicht besonders groß sein könne, denn es schien nichts in ihr zu leben, was ihnen als Nahrung dienen konnte, wenn sie nicht die stacheligen Pflanzen verzehrten. Anderes Leben gab es nicht an diesem Ort.

Glücklicherweise kamen wir infolge unserer Sparsamkeit und Selbstüberwindung mit unserem Wasser aus, bis wir am Nachmittag des dritten Tages, von der Sonne versengt und todmüde vom Gipfel einer der Sandwellen in weiter Entfernung einen Fleck dichten Grüns erblickten, der das Ende, oder besser gesagt, den Anfang des Sumpfes anzeigte. Nun hatten wir mit den Führern ein Abkommen dahin lautend getroffen, daß sie zurückkehren könnten, sobald wir in Sicht des Sumpfes gekommen wären, und wir hatten deshalb eine gewisse Menge Wasser für ihre Rückreise aufgespart.

Nach einer kurzen Besprechung aber entschlossen sie sich, mit uns zu kommen, und als ich sie fragte, warum, drehten sie sich um und zeigten auf dichte Wolkenmassen, die sich hinter uns am Himmel zusammenballten. Diese Wolken, erklärten sie, kündigten einen Sandsturm an, den kein Mensch in der Wüste lebend überstehen könne. Deshalb spornten sie uns zu höchster Eile an. Und wirklich legten wir, erschöpft wie wir waren, die letzten drei Meilen, die uns vom Rande des Sumpfes trennten, im Laufschritt zurück. Kaum hatten wir den Rohrbruch erreicht, als das Unwetter losbrach. Aber wir drangen weiter vor, bis wir zu einem Fleck kamen, wo das Rohr dicht wuchs und wo wir Löcher in den Schlamm graben und Wasser bekommen konnten, welches wir, so schlammig es war, begierig tranken. Hier verkrochen wir uns für einige Stunden, während der Sturm raste.

Es war ein furchtbarer Anblick. Denn jetzt war die Oberfläche der Wüste hinter uns durch Wolken und aufgepeitschtem Sand verborgen, der selbst zwischen den Rohrbüschen dicht auf uns niederfiel, so daß wir von Zeit zu Zeit aufstehen mußten, um sein Gewicht abzuschütteln. Wären wir noch in der Wüste gewesen, so hätte uns der Sand lebendig begraben. So aber kamen wir davon, wenn auch halb erstickt und mit vom Sande ganz wundgeriebener Haut.

So kauerten wir die ganze Nacht hindurch bis Tagesanbruch, als der Sturm sich legte und die Sonne auf einem vollkommen klaren Himmel aufging. Nachdem wir mehr Wasser getrunken hatten, wovon wir ungeheure Mengen zu benötigen schienen, schlugen wir uns bis an den Rand des Sumpfes durch und blickten von dem Hügel einer Sandwelle aus um uns. Issicore streckte die Hand gegen Norden aus und berührte mich an der Schulter. Ich folgte seiner Bewegung und weit, weit entfernt erblickte ich, wie einen Fleck im zarten Blau des Himmels, eine dunkle, pilzförmige Wolke.

»Es ist eine Wolke«, sagte ich. »Kehren wir in die Schilfbüsche zurück, denn der Sturm scheint wieder zu kommen.«

»Nein, Herr«, entgegnete er, »es ist die Rauchsäule des Feuerbergs meiner Heimat.«

Ich betrachtete die Wolke und entgegnete nichts, denn ich überlegte, daß Zikali auf alle Fälle auch in dieser Beziehung nicht gelogen hatte. Konnte er also nicht auch in anderer Hinsicht die Wahrheit erzählt haben? Wenn es dort einen Vulkan gab, der noch nicht durch einen Reisenden entdeckt worden war, konnte es nicht auch eine verschüttete Stadt dort geben, in der versteinerte Bewohner, ja vielleicht sogar ein ›Heu-Heu‹ zu finden waren? Nein, an ›Heu-Heu‹ konnte ich nicht glauben!

Jetzt verließen uns die drei Eingeborenen aus dem Dorf hinter der Hügelkette, nachdem sie sich selbst und ihre Kürbisse mit Wasser vollgefüllt hatten, denn sie wollten uns nicht weiter begleiten und behaupteten, daß sie jetzt sicher die Rückreise antreten könnten, da der Sandsturm nun bestimmt einige Wochen ausbleiben würde. Sie fügten hinzu, daß unser Zauber sehr kräftig sein müsse, denn wenn wir nur einige Stunden zu spät gekommen wären, würden wir sicher getötet worden sein.

Sie zogen also fort, und wir lagerten zwischen dem Schilf in der Hoffnung, uns nach dieser anstrengenden Reise ausruhen zu können. Wir mußten jedoch darin eine Enttäuschung erleben, denn kaum war die Sonne untergegangen, machten wir die Erfahrung, daß dieses weite Gebiet sumpfigen Landes der Wechsel mannigfaltigen Wildes war, das, wie ich annehme, aus dem ganzen weiten Land ringsum herbeikam, um sich an den hier wachsenden, saftigen Gräsern gütlich zu tun und seinen Durst zu löschen.

Beim Schein des Mondes sah ich große Elefantenherden aus den Schatten auftauchen und sich majestätisch dem Wasser nähern. Auch gab es hier ganze Trupps von Büffeln, die offenbar aus dem Rohrbruch hervorbrachen, in dem sie sich tagsüber versteckt hatten, sowie fast jede Art Antilopen in Hülle und Fülle. Außerdem konnten wir in dem Morast selbst Flußpferde sich wälzen und grunzen hören und vernahmen oft das Aufklatschen schwerer Körper, das wahrscheinlich durch aufgeschreckte Krokodile hervorgerufen wurde, die in Wasserlöcher sprangen. Und das war nicht alles, denn die große Menge von Tieren, die ihnen als Beute dienen konnten, lockte natürlich viele Löwen herbei, die knurrten und brüllten und niederrissen, was ihnen in den Weg kam. Sobald einer von ihnen einen hilflosen Bock ansprang, folgte eine Panik unter dem Wild in der Umgebung. Das Geräusch, das sie beim Durchbrechen des Schilfes rings um uns machten, war schrecklich, und keiner von uns konnte ein Auge zutun. Außerdem war immer die Möglichkeit vorhanden, daß die Löwen Lust verspüren könnten, ihre Speisekarte aufzufrischen und uns aufzufressen, um so mehr, als wir keine Büsche hatten, um ein »Boma« oder eine Hürde zu errichten. Deshalb machten wir ein großes Feuer von trockenem, vorjährigem Schilf, welches uns glücklicherweise in großer Menge zur Verfügung stand, und hielten Wache. Ein paarmal sah ich den langgestreckten Schatten eines Löwen an uns vorbeistreichen, aber ich schoß nicht, aus Angst, das Tier nur zu verwunden und zum Angriff zu reizen. Kurz, der Ort war im wahrsten Sinne des Wortes ein Paradies für Sportsleute und dennoch vom Standpunkt eines Jägers aus nicht zu gebrauchen; denn wer tötet Elefanten, wenn es unmöglich ist, das Elfenbein durch die Wüste zu transportieren? Nur einen dummen Jungen freut es, sinnlos Tiere hinzuschlachten, bloß um sie dann der Verwesung zu überlassen.

Da unter all diesem Tumult der Gedanke an Schlaf fallen gelassen werden mußte, benützte ich die Gelegenheit, Issicore über sein Land und das, was uns bevorstand, zu befragen. Während der Reise hatte ich nicht viel mit ihm über diese Sache gesprochen, denn er schien sehr schweigsam und zurückhaltend zu sein und seine ganze Energie darauf zu konzentrieren, möglichst rasch vorwärts zu kommen. Außerdem war auch keine Veranlassung dazu, solange wir noch so weit entfernt waren. Jetzt aber schien mir die Zeit zum Reden gekommen zu sein.

Er entgegnete auf meine Fragen, daß wir, wenn wir mit Aufbietung aller Kräfte vordrängen, indem wir den Sumpf auf seinem kürzeren, nördlichen Rande umgingen, in etwa drei Tagen zum Eingang einer Schlucht gelangen würden, durch welche der Fluß aus seinem Land herabfloß. Die Berge, die dieses Land umgaben, hatten wir als eine schwarze Linie in weiter Ferne erblickt, als wir die Wüste betreten hatten. Dies zeigte, daß sie hoch sein mußten. Er hoffte, beim Eingang dieser Schlucht ein Boot zu finden, in welchem wir zu seiner Stadt hinaufgerudert werden würden. Doch konnte ich nicht aus ihm herausbekommen, warum uns überhaupt jemand erwarten sollte.

Er ließ diesen Gegenstand fallen und fuhr fort, mir über das Regierungssystem unter den Walloos Aufklärungen zu geben, welches offenbar in einer erblichen Häuptlingswürde bestand, die sowohl an einen Mann als auch an eine Frau gebunden sein konnte. Der gegenwärtige Häuptling, ein alter Mann, hieß wie das Volk ›Walloo‹, wie alle Häuptlinge seines Stammes, denn ›Walloo‹ war in Wirklichkeit ein Titel, der, wie er glaubte, aus jenem unbekannten Lande mit herübergenommen worden war, das sie in dunklen, vergessenen Zeitaltern bewohnt hätten. Dieser Walloo besaß nur noch eine Tochter, Sabeela, von der er mir in der Hütte des ›Eröffners der Wege‹ erzählt hatte, die Jungfrau, die zur Opferung bestimmt war. Er selbst, Issicore, sei ihr Vetter in zweiter Linie, denn er stamme vom Bruder ihres Großvaters ab und gehöre daher dem Herrscherhause an.

»Wenn also dieses Mädchen stirbt, dann wirst du Häuptling, nicht wahr, Issicore«, sagte ich.

»Ja, Herr, durch Erbfolge«, entgegnete er; »und doch vielleicht auch nicht. Es herrscht nämlich noch eine andere Macht über das Land, größer als die der Könige oder Häuptlinge, die Macht der Priester Heu-Heus. Ihre Absicht, Herr, ist, die Häuptlingswürde für sich selbst in Anspruch zu nehmen, falls Sabeela sterben sollte. Ein gewisser Dacha, der auch dem Königshaus angehört, ist der Oberpriester, und er hat Söhne, die ihm nachfolgen könnten.«

»Dann hat also dieser Dacha ein Interesse am Tod Sabeelas?«

»Gewiß, Herr, es ist in seinem Interesse, daß sie sterben soll und auch ich, oder besser noch wir beide zusammen, denn dann würde sein Weg frei sein.«

»Aber wie steht es mit ihrem Vater, dem Walloo? Er kann doch nicht den Tod seines einzigen Kindes wünschen.«

»Nein, Herr, er liebt sie sehr, und unsere Heirat ist sein liebster Plan. Aber, wie ich dir sagte, er ist ein Greis und Furcht hält ihn im Bann. Er fürchtet den Gott, der ihm bereits eine seiner Töchter genommen hat; er fürchtet auch die Priester, die des Gottes Willen kundtun und so seinen Sohn ermordet haben, wie sie auch streben, mich zu beseitigen. Deshalb ist er machtlos, und ohne sein Gebot kann niemand handeln, denn alles muß im Namen des Walloos und durch seine Macht getan werden. Doch war er es, der mich aussandte, um vom großen Zauberer im Süden, mit dem er und seine Vorväter in vergangenen Jahren in Verbindung gestanden waren, Hilfe zu erbitten. Ja, er sandte mich aus, da er auf die alte Prophezeiung vertraute, daß der Gott nur durch einen weißen Mann aus dem Süden vernichtet und die Tyrannei seiner Priester gebrochen werden könne. Mich, der seiner Tochter verlobt ist, sandte er heimlich aus, ohne Wissen Dachas, und um Sabeelas Willen trotzte ich dem Fluch und zog auf ein Unternehmen aus, für das ich vielleicht werde bitter büßen müssen. Und er ist es auch, der ängstlich auf meine Rückkehr wartet.«

»Und wenn dieser Gott besteht, was du mir noch nicht bewiesen hast, Issicore, wie soll ich ihn töten? Soll ich ihn erschießen?«

»Ich weiß es nicht, Herr. Es heißt, daß er durch Waffen nicht verletzt werden kann, denn nur Feuer und Wasser haben Gewalt über ihn, da er, wie die Legende sagt, aus dem Feuer entstanden ist und vom Wasser umgeben lebt. Die Weissagung spricht nicht aus, wie er getötet werden wird.«

Nun, ich gestehe, daß ich bei dieser unheimlichen Erzählung aus dem Munde eines offensichtlich furchterfüllten Mannes, ermüdet wie ich war und umgeben von schrecklicher Wildnis, ebenfalls von Furcht ergriffen wurde und herzlich wünschte, daß ich niemals in dieses Abenteuer verwickelt worden wäre. Gewiß war ich, Allan Quatermain, hierher geschleppt worden, um die Rolle eines modernen Herkules zu spielen, und diesen Augiasstall von Mordlust und wüstem Aberglauben auszumisten, ohne vom Löwen zu sprechen, den ich in der Gestalt Heu-Heus zu bekämpfen hatte!

Immerhin, nun war ich da, und es wäre ebenso nutzlos als meiner unwürdig gewesen, Furcht zu zeigen, denn es gab wohl keinen Ausweg, wenn ich nicht kehrtmachen und in die Wüste zurückziehen wollte. Und das hätte mir mein Stolz nie erlaubt. Hatte ich einmal meine Hand an die Pflugschar gelegt, so mußte ich auch die Furche beenden. So schwieg ich und erwiderte nichts auf Issicores unklare Auskünfte. Erst nach einiger Zeit fragte ich ihn wie von ungefähr, wann die Opferung erfolgen sollte, worauf er mit sichtlicher Erregung antwortete:

»In der Nacht des vollen Erntemondes, das ist die Nacht in vierzehn Tagen! Wir müssen uns daher beeilen, denn im günstigsten Falle werden wir fünf Tage benötigen, um die Stadt Walloo zu erreichen; nämlich drei, um den Sumpf zu umgehen und zwei zur Reise auf dem Fluß. Zögere nicht, Herr, ich bitte dich, zögere ja nicht, denn wir könnten zu spät kommen und Sabeela nicht mehr vorfinden!«

»Nein«, entgegnete ich, »ich werde nicht zu spät kommen, und ich kann dir versichern, Freund Issicore, je schneller ich die Geschichte erledigt habe, um so glücklicher werde ich sein. Und jetzt werde ich versuchen zu schlafen, denn alle diese Bestien scheinen etwas ruhiger geworden zu sein.«

Glücklicherweise war dieser Versuch von Erfolg gekrönt, und ich genoß, bevor die Sonne aufging und Hans mich weckte, einige Stunden Ruhe, die ich dringend benötigte. Ich erhob mich, ergriff meine Büchse und schoß einen fetten Rohrbock, den ich aus einem Trupp auswählte, der ganz in der Nähe stand. Ein junges Tier, das uns ein ausgezeichnetes Frühstück lieferte. Wie ihr wißt, ist das Fleisch von Antilopen, wenn es zubereitet wird, bevor es erkaltet, oft ebenso zart, als ob es eine Woche lang abgehangen wäre. Das Sonderbare dabei war jedoch, daß der Knall des Schusses die anderen Tiere nicht im geringsten zu erschrecken schien. Anscheinend hatten sie bisher nichts Derartiges gehört und dachten, daß sich ihr Gefährte bloß niedergelegt habe.

Eine Stunde später brachen wir zu unserer langen Wanderung um den Sumpf auf. Ich wollte den Marsch nicht früher beginnen, denn ich fürchtete, daß es zu Zusammenstößen mit den Elefantenherden und anderen Tieren, die mit Anbruch des Tageslichts nach allen Richtungen vom Sumpf wegzogen, kommen könnte. Bei alledem konnte ich mir jedoch nicht erklären, wohin sie auszogen, um Nahrung zu suchen. In meinem ganzen Leben hatte ich niemals derartige Wildmengen gesehen, wie sie an diesem Ort zusammengekommen waren, der wahrscheinlich die einzige Tränke im Umkreis von vielen Meilen war.

Wir konnten allerdings, wie ich bereits erwähnt hatte, daraus keinen Nutzen ziehen, und deshalb war es unsere Aufgabe, uns mit den Tieren möglichst wenig einzulassen. Selbst dann, als wir im wahrsten Sinne des Wortes über ein schlafendes, weißes Nashorn stolperten, das über das längste Horn verfügte, das ich jemals sah.

Es mußte beinahe sechs Fuß lang sein und hätte überall eine herrliche Trophäe abgegeben. Glücklicherweise blies der Wind auf uns zu, so daß es uns nicht witterte und sich in der anderen Richtung davonmachte, denn, wie Sie wissen, sind Nashörner beinahe blinde Tiere.

Ich will nicht alle Einzelheiten dieser unendlichen Wanderung durch den Sand wiedergeben. Wir mußten am Rande der Wüste gehen, denn im Schlamm des Sumpfes war es unmöglich, vorwärts zu kommen. Tagsüber wurden wir von der Hitze verbrannt und bei Nacht von Moskitos aufgefressen und durch den Lärm des Wildes belästigt. Auch Löwengebrüll hörten wir öfters, doch wurden wir von diesen Tieren nicht angefallen, da sie in dieser Gegend reichlich zu fressen hatten. In der dritten Nacht waren wir, uns immer nach rechts haltend, ganz nahe an die Bergkette herangekommen, die, obwohl sie nicht sehr hoch zu sein schien, sehr steil abfiel und von nackten Felszacken gekrönt war, die bis zur Höhe von etwa 500 bis 800 Fuß emporragten. Welchen außerordentlichen geologischen Bedingungen diese schwarzen Felsen und die Wüste, von der sie umgeben waren, ihren Ursprung verdankten, kann ich nicht sagen.

An diesem dritten Tag sammelten wir auf Issicores Aufforderung noch vor Sonnenuntergang einen riesigen Haufen von trockenem Schilf, welches wir auf den Gipfel eines Sandhügels zusammentrugen und nach Anbruch der Dunkelheit entzündeten, so daß es etwa eine Viertelstunde lang mit breiter Feuersäule brannte. Issicore gab keine Erklärungen zu dieser Handlung, aber es war sicherlich, wie Hans bemerkte, ein Zeichen für seine Freunde. Am nächsten Morgen brachen wir auf seine Aufforderung hin vor der Dämmerung auf, indem wir es darauf ankommen ließen, mit Elefanten oder Büffeln zusammenzustoßen und befanden uns bei Sonnenaufgang bereits knapp unter den Felsen. Wir folgten einer kleinen Ausbuchtung, in der sich kein Sumpf befand, da der Boden dort höher lag und kamen eine Stunde später zu einer Ecke. Kaum hatten wir diese umschritten, bemerkten wir einen großen weißgekleideten Mann, der, einen großen Speer in der Hand, auf einem Felsen stand und anscheinend Ausschau nach uns hielt. Sobald er uns bemerkte, sprang er mit der Gelenkigkeit eines Klippenspringers von dem Felsen herab und kam auf uns zu.

Nach einem neugierigen Blick auf mich trat er gerade auf Issicore zu, kniete nieder, ergriff seine Hand und führte sie an seine Stirn. Dann sprachen sie mit leiser Stimme miteinander, worauf Issicore zu mir kam und sagte, daß soweit alles in Ordnung sei, denn unser Feuer sei gesehen worden und ein großes Kanu erwarte uns. Wir schritten weiter und kamen unter der Führung des Postens plötzlich zu einem ziemlich breiten Fluß, der hinter dem Schilf verborgen gewesen war. Nach links hin sah man tiefes, langsam fließendes Wasser, rechts aber verwandelte es sich in der Entfernung von etwa hundert Schritten in Sumpf, dessen Ränder mit großen und schönen Papyruspflanzen umgeben waren. Jede offene Wasserstelle war mit Wasservögeln aller Art dicht bedeckt, die in ganzen Schwärmen unter betäubendem Geschrei aufflogen. Dieser Strom, der ›Schwarze Fluß‹, wie ihn die Walloos nannten, war zu beiden Seiten von Felsabstürzen eingeschlossen, durch die er sich im Laufe von Jahrtausenden seinen Weg ausgewaschen hatte. Diese Felsen waren so hoch und steil abfallend, daß sie sich beinahe oben zu berühren schienen, wodurch die Oberfläche des Wassers fast schwarz erschien. Es war ein ebenso düsterer Fluß, wie der römische Styx, und bei seinem Anblick erwartete ich schon beinahe Charon und sein Boot sich nähern zu sehen, um uns in die Unterwelt hinüberzurudern. Mir kamen die Verse des Dichters ins Gedächtnis, die ich hoffentlich richtig zitiere:

In Kubla Khan ein Wasser rann
Durch Schluchten schauervoll heran
Bis zu der düstern See.

Ich gebe ehrlich zu, daß der Anblick dieses Ortes mich mit Schrecken erfüllte; er war schauerlich, tatsächlich gottlos, und ich dachte mit Schaudern, was für eine Art sonnenlosen Meeres jenseits dieses Höllentores liegen mochte. Wäre ich allein oder nur von Hans begleitet gewesen, hätte ich sicherlich kehrt gemacht und wäre längs des Sumpfes zurückmarschiert, über dem wenigstens die Sonne schien. Dann hätte ich versucht, die Wüste zu durchqueren und meinen Wagen zu erreichen. Aber in der Gegenwart des stattlichen Issicore und seines Myrmidonen konnte ich das infolge meines Stolzes als Weißer nicht tun. Nein, ich mußte bis ans Ende mithalten, was immer mich erwartete!

Wenn schon ich erschrocken war, so war es Hans noch viel mehr, denn seine Zähne begannen voll Entsetzen zu klappern.

»Oh, Baas«, sagte er, »wenn dies das Tor ist, wie schaut dann wohl das Haus dahinter aus?«

»Das werden wir in angemessener Zeit erfahren«, entgegnete ich, »jetzt hat es keinen Sinn, darüber nachzudenken.«

»Folge mir nun, o Herr«, sagte Issicore, nachdem er sich ein zweites Mal mit seinem Genossen beraten hatte.

Ich tat es, gefolgt von Hans, der so dicht als möglich zu mir trat. Wir schritten um den Felsen und entdeckten eine kleine Einbuchtung in dem Flußufer, in der ein großes Kanu, das aus einem einzigen riesigen Baum ausgehöhlt worden war, ein Stück auf die Sandbank hinaufgezogen dalag. In diesem Kanu saßen sechzehn Ruderer, ich erinnere mich genau, daß es sechzehn waren, denn Hans bemerkte sofort, daß die Zahl die gleiche war, wie die eines Wagengespanns und nannte diese Ruderer deshalb ›Wasserochsen‹.

Als wir uns näherten, erhoben sie grüßend ihre Ruder. Allerdings schien dies nur Issicore zu gelten, denn sie nahmen von mir und meinem Gefährten, außer durch schnelle, verstohlene Blicke, keine Notiz.

Mit einer Art schweigsamer, unaufdringlicher Eile ließ Issicore unser kleines Gepäck, das in der Hauptsache aus Patronensäcken bestand, in den Bug des Kanus verstauen, der einige Fuß tief in der Art eines Kastens ausgehöhlt war und dessen Dach ein Stück mit dem übrigen Bootskörper bildete. Dann wies er uns unsere Plätze an und bestieg selbst das Boot, während der Posten das Kanu entlang lief und das Steuerruder ergriff. Im nächsten Augenblick stemmten die Ruderer ihre Ruder gegen den Sand und das Boot glitt das Ufer hinab in den Fluß, der hoch angeschwollen war. Es hatte den Anschein, als ob hier seit einigen Monaten unaufhörliche Regengüsse niedergegangen wären, und der tiefhängende Wolkenhimmel zeigte, daß in nicht allzu langer Zeit neuer Regen bevorstand.

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