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Heu Heu oder das Monster

Henry Rider Haggard: Heu Heu oder das Monster - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorHenry Rider Haggard
titleHeu Heu oder das Monster
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1988
isbn3-453-00988-6
firstpub1925
translatorNiko Karapancsa
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160615
projectida6f828bd
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3
Der ›Eröffner der Wege‹

Ich starrte und starrte, bis mich Schwäche überkam und ich mich zu Boden setzen mußte.

Ich sehe, Sie lachen, junger Mann (dies galt mir, der ich diese Geschichte der Nachwelt übergebe), denn Sie haben zweifellos bereits die Überzeugung gewonnen, daß dieses Bild das Werk eines phantasiebegabten Buschmanns war, der verrückt geworden war und auf dem Felsen die höllische Traumgestalt eines zerrütteten Geistes dargestellt hatte. Dies war auch tatsächlich der Schluß, zu dem ich selbst am nächsten Morgen kam, obwohl ich später meine Meinung darüber änderte. Aber in diesem Augenblick berührte es mich gewiß nicht so.

Der Ort war einsam und schauerlich, ein fürchterlicher Aufenthalt in der Nähe des knochenerfüllten Abgrundes. Todesschweigen lag darüber, nur selten hörte man entferntes Geheul einer Hyäne oder eines Schakals. Auch hatte ich an diesem Tag bereits manche nervenanspannende Minute erlebt, wie zum Beispiel den Übergang über den Todesschacht, der mich an die Verliese gewisser altertümlicher Normannenschlösser erinnerte, in welche Gefangene hinabgestürzt wurden. Außerdem unterscheidet sich, wie auch ihr selbst in eurem kurzen Reiseleben erfahren haben werdet, Mondlicht einigermaßen vom Sonnenschein, und wir, oder mindestens einige von uns, werden durch schauerliche Dinge bei Nacht bedeutend mehr erregt als bei Tage. Wie dem auch sei, ich setzte mich nieder, weil ich plötzlich schwach wurde und dachte, ich würde in Ohnmacht fallen.

»Was gibt's, Baas?« fragte der scharfsichtige Hans noch immer voll Spott. »Wenn du ohnmächtig werden willst, bitte, geniere dich nicht vor mir, denn ich werde wegschauen. Ich erinnere mich, daß auch mir übel wurde, als ich das erstemal ›Heu-Heu‹ sah, gerade an dieser Stelle«, setzte er in Erinnerung verloren hinzu und deutete auf einen gewissen Fleck.

»Warum nennst du dieses Ungeheuer Heu-Heu?« fragte ich, während ich mich bemühte, meine innere Erschütterung zu verbergen.

»Weil das sein Name ist, Baas, der ihm vielleicht, als es klein war, von seinem Mütterchen gegeben wurde.«

(Hier war ich nahe daran, tatsächlich in Ohnmacht zu fallen, denn der Gedanke, daß dieses Wesen eine Mutter haben könnte, gab mir den Rest – wie dies der Anblick und der Geruch von fettem Speck in einem Seesturm tun.)

»Wie weißt du denn das?« stöhnte ich.

»Weil es mir die Buschleute gesagt haben, Baas. Sie erzählten mir, daß ihre Väter vor Tausenden von Jahren diesen Heu-Heu in einem fernen Lande gekannt und daß sie dieses Gebiet seinetwegen verlassen hätten. Denn sie konnten nie bei Nacht schlafen, genauso wie ein Bure, wenn ein anderer Bure kommt, und im Umkreis von sechs Meilen ein Haus baut. Ich denke, sie meinten, daß sie Heu-Heu hören konnten, wenn er brüllte, denn sie erzählten mir, daß ihre Groß-Groß-Väter hörten, wie er schrie und an seine Brust schlug, daß es dröhnte, selbst wenn er noch Meilen entfernt war. Aber ich glaube eher, daß sie logen, denn ich zweifle daran, daß sie tatsächlich etwas über Heu-Heu oder den Mann, der sein Porträt an den Felsen gemalt hatte, wußten.«

»Nein«, entgegnete ich, »ich glaube es auch nicht. Nun, Hans, denke ich, daß ich für heute abend genug von deinem Heu-Heu habe. Es wird besser sein, wir gehen zu Bett.«

»Ja, Baas, tun wir dies. Wirf noch einen Blick auf ihn, bevor wir gehen, denn du siehst nicht jede Nacht so ein Bild, und du weißt, daß es dein Wunsch war hierherzukommen.«

Jetzt hätte ich Hans wieder einen Fußtritt geben wollen, aber glücklicherweise erinnerte ich mich noch zur rechten Zeit an die Nägel in seiner Tasche; so warf ich nur noch einen matten Blick auf das Scheusal, dann stand ich auf und machte ihm ein Zeichen voranzugehen.

Das war das letzte, was ich vom Abbild Heu-Heus oder Beelzebubs oder wer immer das Untier gewesen sein mochte, sah. Denn, obwohl ich ursprünglich die Absicht hatte, bei Tageslicht zurückzukehren und es genauer zu besichtigen, wollte ich doch, als es Morgen wurde, nicht einen zweiten Übergang über die Felsleiste wagen, sondern beschloß, mich mit der Erinnerung an meinen ersten Eindruck zufriedenzugeben.

Nicht, daß ich Heu-Heu hätte vergessen können; im Gegenteil, es ist nicht zu viel gesagt, wenn ich behaupte, daß dieses teuflische Untier mich verfolgte. Ich konnte das Bild nicht als Auswuchs der verrückten Einbildungskraft eines Wilden abtun. Von hundert Anzeichen war ich überzeugt, oder dachte zumindest überzeugt zu sein, daß es das Werk von Buschleuten sei. Es war ein Irrtum, wie ich jetzt weiß. Dabei wurde mir klar, daß kein Buschmann, selbst nicht im Säuferwahnsinn – überdies ein Leiden, an dem dieses Volk mangels der nötigen Voraussetzungen niemals gelitten hat – dieses schauerliche Werk aus seiner Seele hätte schöpfen können, wenn ein Buschmann überhaupt eine Seele hat. Nein, Buschmann oder nicht, der Künstler hatte etwas dargestellt, das er gesehen hatte oder wenigstens gesehen zu haben glaubte!

Dafür gab es mehrere Anzeichen – so war an Heu-Heus rechtem Arm das Ellbogengelenk stark geschwollen, als hätte er dort einmal eine Verwundung erlitten, dann war die Klaue einer seiner schrecklichen Hände – der linken, glaube ich – gebrochen und an der Spitze gespalten. Ferner hatte er eine Warze oder Wucherung auf der Stirn, gerade unterhalb der Stelle, wo die langen eisgrauen Haarbüschel sich in der Mitte teilten und an jeder Seite seines dämonischen, weiblichen Antlitzes herabhingen. Der Maler mußte sich also an diese Gebrechen erinnert und sie getreulich wiedergegeben haben, indem er ein wirkliches oder eingebildetes Original kopierte. Sicherlich, überlegte ich, hätte er sie nicht frei erfinden können.

Wo also hatte er sein Modell hergenommen? Ich habe bereits erwähnt, daß ich Gerüchte über Untiere gehört hatte, die man ›Ngolokos‹ nannte und welche ich, wenn sie überhaupt existierten, für besonders fürchterliche Affen einer unbekannten Art hielt. Dann könnte Heu-Heu ein besonders ausgezeichnetes und vergrößertes Exemplar dieser Affen gewesen sein. Aber das konnte kaum der Fall sein, denn dieses Untier war mehr Mensch als Affe, trotz seiner gewaltigen Klauen an Stelle der Daumen und großen Zehen. Oder vielleicht sollte ich sagen, daß es mehr Teufel war, als alles andere!

Auch eine andere Idee tauchte in mir auf: Er konnte vielleicht auch der Gott dieser Buschleute gewesen sein, doch hatte ich nie gehört, daß sie einen Gott außer ihrem eigenen Magen gehabt hätten. Später befragte ich Hans über diesen Punkt, aber er entgegnete, daß er nichts darüber wisse, denn die Buschleute, mit denen er in der Höhle zusammengewohnt habe, hätten ihm niemals in dieser Hinsicht etwas erzählt. Allerdings pflegten sie nicht den Ort zu betreten, wo das Bild sich befand, außer wenn sie von Feinden bedrängt wurden, und vermieden es in diesem Falle, das Bild anzusehen und darüber mehr, als unvermeidlich war, zu sprechen. Vielleicht, deutete er mit seiner gewöhnlichen Schlauheit an, wäre Heu-Heu der Gott eines anderen Volkes, mit dem die Buschleute nichts zu tun hätten.

Eine andere Frage war auch, zu welcher Zeit das Werk ausgeführt worden war. Dank seiner geschützten Lage waren die Farben noch ziemlich hell. Dennoch mußte es vor langen Zeiten geschehen sein. Hans sagte mir, daß die Buschleute behaupteten, nicht zu wissen, wer das Bild gemalt habe, noch was es darstelle, aber daß es ›alt, alt, alt!‹ sei. Dies konnte bei einem Volk, das des Schreibens unkundig war, viel oder gar nichts bedeuten, denn da werden bereits fünf oder sechs Generationen zu grauer Vorzeit. Immerhin, eins war sicher, nämlich, daß ein anderes der Gemälde in dieser Höhle zweifellos alt war. Ich meine jenes, das Phöniker darstellte, die einen Kraal beraubten, und welches kaum in der Zeit nach Christi Geburt hätte ausgeführt werden können. Davon bin ich überzeugt, denn ich untersuchte es sorgfältig am folgenden Morgen und fand, daß es nicht mehr verblaßt war als jenes, welches das Untier darstellte. Ferner war im letzteren ein Stückchen Felsen gerade oberhalb des linken Knies abgebröckelt und ich hatte bemerkt, daß die dort offenliegende Oberfläche ebenso verwittert war, als die Umgebung des Felsens außerhalb des Umrisses der Zeichnung.

Andererseits muß man in Betracht ziehen, daß das phönizische Bild unter Dach war, während das Bild Heu-Heus der Luft ausgesetzt war und daher schneller verwittern mußte.

Nun, die ganze Nacht träumte mir von diesem schauerlichen Heu-Heu. Ich träumte, daß er lebendig war und mich zum Kampf herausforderte, träumte, daß irgend jemand mich anflehte, sie – es war ganz gewiß ein weibliches Wesen – aus der Gewalt des Ungeheuers zu befreien; ich träumte, daß ich mit ihm kämpfte und daß er mich überwältigte und eben daran war, meinen Kopf abzureißen, wie er dies mit dem Mann auf dem Bild getan hatte, als sich irgend etwas ereignete – ich weiß nicht, was es war – und ich schweißbedeckt und voll furchtbaren Entsetzens erwachte.

Nun, zur Zeit, als ich diese Höhle besuchte, war ich nicht weit von den Grenzen des Zululandes entfernt. Ich befand mich eben auf einer Handelsreise und führte im Wagen eine Ladung von Decken, Perlen, Eisentöpfen, Messern, Hacken und anderen derartigen Gegenständen mit, wie sie einfache Wilde mit Vieh zu bezahlen pflegen oder wenigstens damals zu bezahlen pflegten. Immerhin hatte ich, bevor der Sturm uns überraschte, überlegt, ob ich nicht die Zulus beiseite lassen sollte, um unberührtes Gebiet im Norden von Prätoria aufzusuchen, wo weniger verwöhnte Eingeborene lebten, die meinen Waren einen höheren Wert beimessen würden. Nachdem ich aber Heu-Heu gesehen hatte, änderte ich aus zwei Gründen meine Absicht.

Der erste davon war der, daß ich durch den Blitz zwei meiner besten Ochsen verloren hatte. Ich dachte, daß ich sie im Zululand ohne Barauslagen würde ersetzen können; denn ich hatte dort noch Forderungen ausständig, die ich jetzt ohne weiteres einfordern konnte.

Der zweite Grund hing mit diesem verdammten Heu-Heu zusammen, der meine Gedanken ununterbrochen beschäftigte. Ich war überzeugt, daß nur ein Mann in der Welt mir über das Ungeheuer Aufklärung geben konnte, wenn es da tatsächlich etwas aufzuklären gab. Es war dies der alte Zikali, der Zauberer von ›Black Kloof‹, das ›Ding, das niemals hätte geboren werden sollen‹, wie ihn Chaka, der große Zulukönig, nannte.

Ich denke, daß ich euch bereits alles Wissenswerte über Zikali erzählt habe, aber für den Fall, daß ich es nicht getan habe, will ich nur bemerken, daß er der größte Hexenmeister war, der jemals im Zululande gelebt hatte und zugleich der Schrecklichste von allen. Niemand wußte, wann er geboren worden war, aber ohne Zweifel war er uralt und war unter seinem Eingeborenennamen ›Eröffner der Wege‹ seit vielen Generationen im Lande bekannt und gefürchtet. Seit manchen Jahren, in der Tat, seit meiner Kindheit, waren er und ich in gewisser Weise Freunde gewesen, obwohl ich natürlich genau wußte, daß er mich vom ersten Moment an für seine eigenen Zwecke verwendete. Dies trat auch tatsächlich klar zutage, noch bevor alles zu Ende war und er über das ihm verhaßte Königshaus der Zulu triumphierte.

Immerhin pflegte Zikali, wie ein kluger Kaufmann, mit offener Hand auf eine oder die andere Weise diejenigen zu belohnen, die ihm Dienste geleistet hatten, so wie er diejenigen bestrafte, die er haßte. Mich belohnte er durch Aufklärung, sei es in geschichtlicher Beziehung oder auch bezüglich der verborgenen Geheimnisse des dunklen Erdteils, von denen wir Weißen trotz allem unserem Wissen so wenig verstehen. Wenn irgend jemand mir also Aufklärung über das Gemälde in der Höhle und seine Entstehung geben konnte, so war es sicher Zikali, und deshalb wollte ich Zikali aufsuchen. Denn, wie Ihr vielleicht schon bemerkt haben werdet, war Neugierde in solchen Fällen eine meiner Hauptsünden.

Nur mit großer Mühe gelang es uns, unsere übrigen vierzehn Ochsen wieder zu erlangen, denn manche von ihnen waren ziemlich weit davongelaufen, um vor dem Unwetter Deckung zu suchen. Schließlich wurden alle Ochsen, bis auf einige Abschürfungen durch Hagelkörner unverletzt wiedergefunden. Es ist wirklich wunderbar, wie Rinder es zuwege bringen, sich gegen die Naturgewalten zu schützen, wenn sie sich selbst überlassen werden! In Afrika zum Beispiel suchen sie während eines Unwetters selten Schutz unter Bäumen, wie es ihre Gewohnheit in England ist, vielleicht, weil sie infolge der Häufigkeit derartiger Gewitter von ihren Vorfahren das instinktive Wissen ererbt haben, daß der Blitz in Bäume schlägt und alles darunter Befindliche tötet. Wenigstens ist das meine Erfahrung.

Wir spannten also ein und zogen fort von dieser bemerkenswerten Höhle. Beiläufig bemerkt, habe ich viele Jahre später, als Hans bereits tot war, versucht, sie wiederzufinden, aber es gelang mir nicht. Ich glaubte denselben Bergabhang erreicht zu haben, worin sie sich befand, aber ich muß annehmen, daß ich mich geirrt habe; denn in dieser Gegend gibt es eine Unmenge solcher Abhänge und an diesem einen, den ich zu erkennen glaubte, konnte ich keine Spur einer Höhle entdecken.

Vielleicht deshalb, weil ein Bergrutsch stattgefunden hatte. Es war möglich, daß die Öffnung, die, wie ihr euch erinnern werdet, sehr klein war, mit Felsblöcken verschüttet worden war. Es kann aber auch sein, daß ich an einem falschen Abhang suchte, denn ich hatte mir den Ort damals im Unwetter und wegen unserer großen Eile nicht genügend einprägen können.

Außerdem war ich auch damals in Eile und konnte nur etwa eine Stunde der Nachforschung widmen, da ich einen gewissen Lagerplatz zu erreichen wünschte, bevor die Nacht hereinbrach, und daher gezwungen war, trotz meines Mißerfolges die Suche aufzugeben. Ich habe auch niemals jemanden getroffen, der die Höhle kannte, so daß ich annehme, daß sie nur den Buschleuten und Hans bekannt war, die nun alle tot sind. Und das ist jammerschade, denn sie enthielt wunderbare Gemälde.

Ihr werdet euch erinnern – ich erzählte euch –, daß wir knapp vor dem Ausbruch des Unwetters von einer Gruppe von Kaffern überholt worden waren, die zu einem Fest gingen oder von einem solchen kamen. Nachdem wir etwa eine halbe Meile zurückgelegt hatten, fanden wir einen dieser Kaffern tot vor, ob er aber durch den Blitz oder durch den Hagel erschlagen worden war, konnte ich nicht feststellen. Offenbar waren seine Begleiter derart erschrocken, daß sie ihn im Stiche ließen, wo er lag, vielleicht in der Absicht, später zurückzukehren und ihn zu begraben. Daraus könnt ihr entnehmen, welche guten Dienste uns die Höhle geleistet hatte, indem sie uns vor dem Gewitter beschützte.

Ich will jetzt alle Details meiner Reise ins Zululand überspringen, denn sie war so wie viele andere, nur etwas langsamer, denn es kostete uns harte Mühe, den schwerbeladenen Wagen mit nur vierzehn Ochsen fortzubringen. Einmal blieben wir sogar in einem Fluß, dem Weißen Umfolozi, stecken, ganz nahe bei dem Nongelafels, welcher an einer Ausbuchtung des Flusses dräuend emporragt. Niemals werde ich diesen Unfall vergessen, denn er ließ mich den ungewollten Zeugen eines schrecklichen Anblickes werden.

Während wir schon weit in der Furt drin staken, erschien eine Gruppe von Männern auf dem Gipfel dieses Nongelafelsens, in der Entfernung von etwa 250 Yards, die zwei junge Frauen mit sich schleppten. Ich beobachtete sie mit meinem Fernrohr und erkannte aus der Art, wie die zwei jungen Frauen ihre Köpfe bewegten und entsetzt um sich starrten, daß sie blind oder geblendet worden waren. Als ich noch auf sie schaute und eben überlegte, was zu tun sei, ergriffen die Männer die zwei Frauen bei den Armen und warfen sie über den Rand des Felsens hinab. Mit einem kläglichen Schrei stürzten die armen Wesen über den Fels in den tiefen Fluß, wo sie von den Krokodilen verschlungen wurden. Ich sah ganz deutlich das Heranschießen der Bestien. In der Tat schienen sie an dieser Stelle immer auf der Lauer zu liegen, denn es war dies ein bevorzugter Hinrichtungsplatz der Zulukönige.

Als die ›Schlächter‹ ihr furchtbares Geschäft erledigt hatten, kamen sie – es waren etwa fünfzig Mann – den Abhang herab, um uns auszufragen. Zuerst dachte ich, daß es einen Zusammenstoß geben würde und, um die Wahrheit zu sagen, ich hätte dies gar nicht bedauert. Der Anblick dieser grausamen Hinschlachtung hatte mich wild und rücksichtslos gemacht. Sobald sie aber herausgefunden hatten, daß der Wagen mir, Macumazahn, gehörte, wurden sie die Liebenswürdigkeit selbst, wateten ins Wasser und griffen in die Räder, so daß wir bald sicher am jenseitigen Ufer angelangt waren.

Dort befragte ich den Führer, wer die zwei ermordeten Mädchen wären. Er entgegnete, daß es die Töchter des Königs Panda seien. Ich fragte gar nicht weiter nach der Wahrheit dieser Behauptung, obwohl ich, da ich Pandas freundlichen Charakter kannte, starken Zweifel hegte, daß es tatsächlich seine Töchter gewesen seien. Dann fragte ich, warum sie blind gewesen seien und was für ein Verbrechen sie begangen hätten. Der Führer antwortete, daß sie über Auftrag des Prinzen Cetywayo geblendet worden seien, der der eigentliche Beherrscher des Zululandes war, weil sie ›geschaut hätten, wohin sie nicht durften‹.

Durch weitere Fragen brachte ich heraus, daß diese unglücklichen Geschöpfe sich in zwei junge Leute verliebt hatten und gegen des Königs oder Cetywayos Befehl – was auf dasselbe herauskam – mit ihnen geflohen waren. Die armen Teufel wurden erwischt, bevor sie die Grenze von Natal erreichen konnten, wo sie in Sicherheit gewesen wären; die jungen Männer wurden sofort getötet, die Mädchen jedoch vor den Richterstuhl geschleppt und zu der beschriebenen Strafe verurteilt. So endeten ihre Flitterwochen!

Außerdem berichtete mir der Führer freundlich, daß eine Truppe Soldaten ausgesendet worden sei, um die Väter und Mütter der jungen Männer und alle, die in deren Kraalen gefunden werden konnten, zu töten. Dieser Art von freier Liebe, sagte er, mußte ein Ende gemacht werden, denn es wäre schon zu arg getrieben worden. Tatsächlich wüßte er nicht, was aus den jungen Leuten im Zululand geworden sei, daß sie in letzter Zeit so zuchtlos geworden waren, zweifellos nach dem Beispiel der Zulus in Natal, wo die Weißen sie ungestraft tun ließen, was sie wollten.

Dann seufzte dieser alte eingefleischte Konservative tief über den Verfall der Sitten, nahm eine Prise Schnupftabak und wünschte mir ein herzliches Lebewohl. Ein kleines Liedchen singend, das er, glaube ich, erfunden haben mußte, denn es bezog sich auf die Liebe der Kinder zu ihren Eltern, zog er von dannen. Wenn ich es ohne Gefahr hätte tun können, hätte ich ihm gerne eine Ladung Pulver zu schmecken gegeben, um ihm ein Andenken zu geben, aber leider durfte ich unsere Sicherheit nicht aufs Spiel setzen. Außerdem war er ja nach allem nur der Beauftragte, nichts als ein Sklave des eisernen Systems, das im Zululand während der Regierungszeit Chakas herrschte.

So zog ich denn weiter, auf meinem Vormarsch Handel treibend, und bekam Kühe und Färsen als Bezahlung, die ich alle nach Natal zurücksandte. Ich konnte aber keine zu Zugdiensten geeignete Ochsen bekommen und noch viel weniger solche, die bereits eingefahren waren, denn zu jener Zeit waren solche im Zululand fast unbekannt. Doch hörte ich von einem Gespann, das von einem weißen Händler zurückgelassen worden war, weil es krank war oder sich die Füße wundgelaufen hatte und wofür er Jungvieh im Austausch genommen hatte. Es hieß, daß die Tiere jetzt wieder in guter Kondition wären, aber niemand konnte mir sagen, wo sie sich befänden. Ein freundlicher Häuptling sagte mir jedoch, daß der ›Eröffner der Wege‹, das ist der alte Zikali, es mir wahrscheinlich würde sagen können, da er allwissend wäre und überdies die Ochsen in seiner Gegend ausgetauscht worden wären.

Nun hatte ich aber zu dieser Zeit, obwohl mich noch immer der Gedanke an Heu-Heu verfolgte, schon beinahe beschlossen, meine Absicht, Zikali auf dieser Reise zu besuchen, aufgegeben, denn ich erinnerte mich, daß ich jedesmal, wenn ich dies tat, in gefährliche und unangenehme Abenteuer verwickelt worden war. Da ich jedoch einen Ersatz für meine verlorenen Zugtiere dringend benötigte und außerdem noch mehrere andere Ochsen meiner Bespannung sich nicht mehr von der Wirkung der Hagelschläge erholen konnten und Zeichen einer Erkrankung zeigten, so genügte diese Nachricht, meinen ganzen Plan umzustoßen. So schlug ich denn nach einer Besprechung mit Hans, der mir vollkommen beipflichtete, die Richtung nach Black Kloof ein, welches nur zwei kurze Tagereisen entfernt war.

Als ich am Nachmittag des zweiten Tages diese verhaßte und unzugängliche Schlucht erreichte, ließ ich an der Quelle ausspannen und wanderte mit Hans weiter, während ich die Zugtiere Mavoon und Induka anvertraute. Der Platz sah ebenso aus wie immer, und doch machte er, jedesmal von neuem, einen absonderlichen Eindruck auf mich. In ganz Afrika kenne ich keine Schlucht, die mir so unheimlich und bedrückend erscheint. Diese ragenden Felswände, die aussehen, als ob sie jeden Augenblick auf den Reisenden herabstürzen wollten, die verkrüppelten, melancholischen Aloen, welche zwischen den Felsen wachsen; die bleiche Vegetation; die Schakale und Hyänen, die beim Geräusch sich nähernder Stimmen oder Schritte davonhuschen; die dichten dunklen Schatten, die wispernden Winde, die selbst dann einen zu umwehen scheinen, wenn die Luft ganz ruhig ist, und die vermutlich durch den Zug in der engen Schlucht hervorgerufen werden – all das gehört zu den Eigentümlichkeiten dieses Orts. Die Alten pflegten zu behaupten, daß es Gegenden gäbe, die ihre eigenen Genien oder Geister besäßen, aber es ist mir nicht bekannt, ob sie durch den Ort hervorgebracht werden sollen oder ob man annahm, daß sie diesen aufsuchten, weil er ihrem Charakter entsprach.

In Black Kloof und anderen Orten, die ich besuchte, habe ich oft an dieses Märchen gedacht und war fast geneigt, es als wahr anzusehen. Aber was für ein Geist konnte es dann sein, der diese furchtbare Felsenenge als Wohnung wählte?! Ich denke, eine Art von Verkörperung – nein, dieses Wort enthält einen Widerspruch – eher den Kern irgendeines tragischen Schicksals, eine verdammte Seele, deren Kopf geneigt war und auf deren Schwingen die Bleigewichte unverwischbarer und unbereuter Verbrechen lasteten.

Nun, wozu brauchte man ein Märchen heranzuziehen und sich so einen unsichtbaren Bewohner vorzustellen, wenn Zikali, ›das Ding, das niemals hätte geboren werden sollen‹, seit ungezählten Jahren der Bewohner dieses gruftartigen Tales war? Gewiß war er die personifizierte Tragödie und sein eisgrauer Kopf war sicherlich von unverwischbaren und unbereuten Verbrechen gekrönt. Wie viele hatte dieser verhaßte Zwerg gerichtet und wie viele waren noch bestimmt, in den Schlingen zugrunde zu gehen, die er Jahr um Jahr für sie knüpfte? Und doch zahlte dieser Sünder nur alle Leiden zurück, die er von anderen erlitten hatte, er, dessen Weiber und Kinder ermordet und dessen Familie durch den grausamen Fuß Chakas zertreten worden war. Von Chaka, dessen Haus er haßte und für dessen Vernichtung er lebte! Selbst für Zikali konnte man Entschuldigungen finden: er war nicht ganz und gar schlecht! Ich zweifle, ob überhaupt irgendein Mensch ganz und gar schlecht sein kann.

In diese Gedanken verloren, stapfte ich, gefolgt vom ängstlich gewordenen Hans, die Schlucht entlang. Der Arme litt noch mehr als ich unter dem düsteren Eindruck des Ortes.

»Baas«, sagte er plötzlich in hohlem Flüsterton, denn hier wagte er es nicht, laut zu sprechen, »Baas, glaubst du, daß der ›Eröffner der Wege‹ einmal ›Heu-Heu‹ selbst war, der jetzt im Alter zu einem Zwerg zusammengeschrumpft ist oder daß vielleicht Heu-Heus Geist in ihm wohnt?«

»Nein«, entgegnete ich, »ich glaube es nicht, denn er hat Finger und Zehen, wie wir alle. Aber ich glaube, daß Zikali imstande sein wird, wenn überhaupt ein ›Heu-Heu‹ existiert, uns zu sagen, wo er zu finden ist.«

»Dann, Baas, hoffe ich, daß er es vergessen hat, oder daß ›Heu-Heu‹ in den Himmel gefahren ist, wo die Feuer von selbst weiterbrennen, ohne Holz zu benötigen. Denn, Baas, ich möchte nicht mit ›Heu-Heu‹ zusammentreffen; der bloße Gedanke an ihn läßt mir das Blut zu Eis gerinnen.«

»O, ich weiß, daß du lieber nach Durban zurückkehren möchtest, um dich an einer Flasche Branntwein zu erwärmen, Hans«, entgegnete ich, die Gelegenheit benützend.

Dann traten wir um die Ecke und kamen zu Zikalis Kraal. Wie gewöhnlich schien ich erwartet worden zu sein, denn einer seiner großen, schweigsamen Leibwächter wartete auf uns und grüßte mich mit erhobenem Speer. Ich denke, daß Zikali einen Mann irgendwo auf dem Auslug gehabt haben mußte, der die Ebene überblicken konnte und ihm meine Ankunft angezeigt hatte. Oder hatte er auch andere Wege, um seine Informationen zu erlangen? Auf alle Fälle war er immer über meine Ankunft orientiert und wußte oft auch, warum und woher ich kam, wie es auch diesmal der Fall war.

»Der Vater der Geister erwartet dich, Häuptling Macumazahn«, sagte der Leibwächter. »Er bittet den kleinen gelben Mann, der ›Licht in der Finsternis‹ genannt wird, dich zu begleiten. Er wird dich sofort empfangen.«

Ich nickte, und der Mann führte mich zum Tor der Umzäunung, die Zikalis große Hüte umgab, und klopfte mit dem Schaft seines Speers daran. Es wurde uns geöffnet, und als wir eintraten, glitt eine Gestalt aus dem Dunkel, schloß das Tor hinter uns und verschwand. Vor seiner Hütte hockte hinter einem lodernden Feuer der Zwerg, eingehüllt in eine Felldecke. Sein riesiger Schädel, an dessen Seiten, ähnlich wie am Bilde Heu-Heus die grauen Locken niederfielen, war vorgeneigt, und das Licht des Feuers, in das er starrte, spiegelte sich in seinen eingefallenen Augen. Wir überschritten den beleuchteten, gestampften Boden des Hofes und blieben vor ihm stehen. Aber er beachtete uns im Laufe von etwa zwei Minuten gar nicht. Endlich sprach er, ohne aufzublicken, mit jener hohlen, tönenden Stimme, die keiner anderen, die ich jemals gehört hatte, glich, und sagte:

»Warum kommst du immer so spät, Macumazahn, wenn die Sonne hinter der Hütte verschwunden ist und es kalt wird in den Schatten? Du weißt, ich hasse die Kälte wie alle alten Leute, und ich wollte dich schon gar nicht mehr empfangen.«

»Weil ich nicht früher kommen konnte, Zikali«, entgegnete ich.

»Du hättest bis morgen früh warten können, wenn du nicht geglaubt hast, daß ich während der Nacht sterben könnte, was ich aber nicht tun werde. Nein, noch viele Nächte nicht! Nun, hier bist du, kleiner weißer Wanderer, der gleich einem Floh von Ort zu Ort hüpft.«

»Ja, hier bin ich«, entgegnete ich gereizt, »um dich zu besuchen, der nicht wandert, sondern wie eine Kröte auf einem Fleck hocken bleibt.«

»Ha, ha, ha!« lachte er – jenes wunderliche Lachen, welches von den Felsen widerhallte und mir immer einen Schauer über den Rücken jagte, »ha, ha, ha, wie leicht ist es doch, dich wütend zu machen! Halte deinen Kopf fest, Macumazahn, sonst laufe ich dir mit ihm davon, wie deine Ochsen kürzlich am Tag des großen Unwetters. Was willst du also? Denn du kommst immer nur her, wenn du etwas von dem Manne wünschst, den du einst den alten Schwätzer nanntest. Also, ich wandere nicht, meinst du, sondern sitze wie eine Kröte auf einem Stein? Wie willst du das wissen? Kann denn nur der Körper wandern? Kann nicht auch der Geist wandern, weit, weit fort, selbst in den ›Himmel dort oben‹ und vielleicht auch in jenes Reich, unter der Erde, wo man sagt, daß die Toten sich befinden? Nun, was wünschest du also? Halt, ich will es dir sagen, da du dich so schlecht auszudrücken vermagst. Obwohl du glaubst, daß du Zulu wie ein Eingeborener sprichst, hast du es nie völlig erlernen können, denn um dies zu können, müßtest du in Zulu und nicht in eurer blöden Sprache denken, die für viele Dinge keine Ausdrücke kennt. Heda! Meine Medizinen!«

Eine Gestalt tauchte aus der Hütte auf, legte einen Sack aus Katzenfell vor ihm nieder und verschwand wieder. Zikali tauchte seine krallenartige Hand in den Sack und holte eine Anzahl polierter Knochenwürfel hervor, ganz vergilbte Würfel, die er nachlässig vor sich auf den Boden warf. Er blickte darauf und sagte:

»Ha – da ist etwas mit den Rindern los, wie ich sehe; jawohl, du möchtest Ochsen bekommen, eingefahrene, keine wilden Ochsen, und denkst, daß ich dir sagen kann, wo du diese billig besorgen kannst. Beiläufig gesagt, was hast du mir denn für ein Geschenk mitgebracht? Ist es etwa ein Pfund eures Schnupftabakes?« (In der Tat war es dies, wenn auch nur ein Viertelpfund.) »Nun, habe ich recht mit dem Ochsen?«

»Ja«, sagte ich ein bißchen verblüfft.

»Das wundert dich. Es ist wohl sonderbar, nicht wahr, daß der arme alte Schwätzer etwas über deine Wünsche wissen sollte? Gut, ich will dir sagen, wie es geschehen ist. Du hast durch Blitzschlag zwei Ochsen verloren, nicht wahr? Natürlich möchtest du jetzt andere haben, besonders, da einige der übrigen« – hier warf er noch einen Blick auf die Würfel – »verletzt wurden. Jawohl, durch Hagelkörner, große, schwere Hagelkörner verletzt wurden, und andere bereits Zeichen einer Erkrankung, Blutharnen, wie ich denke, zeigen. Da ist es wohl nicht sonderbar, daß der arme alte Schwätzer vermutet, daß du neue Ochsen brauchst, nicht? Nur ein dummer Zulu könnte so ein Ding der Zauberei zuschreiben, ebenso das mit dem Schnupftabak, den du eben aus deiner Tasche nimmst, wie ich sehe – übrigens ein recht kleines Paket. Du hast mir ja auch früher bereits Schnupftabak gebracht, nicht? So war wohl auch diese Vermutung nicht sonderbar? Alles keine Zauberei!«

»Nein, Zikali, keine Zauberei, aber wie erfuhrst du von dem Blitz, der meine Zugtiere getötet hat, und vom Hagel?«

»Wie ich erfuhr, daß der Blitz deine Deichselochsen, ›Kaptein‹ und ›Deutchman‹, getötet hat? Bist du denn nicht ein sehr berühmter Mann, für den sich alle interessieren, und ist es vielleicht sonderbar, daß man mir von Unglücksfällen berichtet, die einige hundert Meilen von mir entfernt sich ereignen? Du trafst eine Gesellschaft, die zu einer Hochzeit ging, bevor das Unwetter losbrach, nicht wahr, und fandest dann einen davon tot? Übrigens starb er weder durch den Blitz noch durch den Hagel. Der Strahl schlug nahe bei ihm ein und betäubte ihn, aber in Wirklichkeit wurde er durch die Kälte in der Nacht getötet. Ich dachte, es würde dich interessieren, das zu erfahren, da du über diesen Punkt so neugierig bist. Natürlich werden mir diese Kaffern alles darüber berichtet haben, glaubst du nicht? Wieder keine Zauberei, wie du siehst! Das ist der Weg, wie wir armen Hexenmeister unseren Ruf erlangen, nur, indem wir unsere Augen und Ohren offen halten. Wenn du alt genug bist, kannst du dasselbe Geschäft beginnen, Macumazahn, denn du machst das gleiche selbst bei Nacht, wie man sagt.«

Während er mich verspottete, hatte er die Würfel zusammengerafft und warf sie plötzlich mit einer eigentümlichen, kreisförmigen Bewegung wieder hin, so daß sie auf einen kleinen Haufen fielen, einer auf den anderen. Er warf einen Blick darauf und sagte:

»Woran erinnern mich diese dummen Dinge? Das sind so einige der Utensilien meines Geschäftes, die dazu dienen, Eindruck auf die Narren zu machen, welche uns Zauberer besuchen kommen und glauben, daß sie uns Geheimnisse erzählen und fernerhin dazu, ihre Aufmerksamkeit zu fesseln, während wir in ihren Herzen lesen. Irgendwie erinnern sie mich auf übereinandergetürmte Felsblöcke an einem Bergesabhang und, sieh her, hier ist eine Höhlung zwischen ihnen, wie der Eingang zu einer Höhle!

Hast du vielleicht vor dem Gewitter in einer Höhle Zuflucht gesucht, Macumazahn? Oh, du tatest es! Siehst du, wie geschickt ich es vermutete, auch hier keine Zauberei, nur eben eine Vermutung! Ist es nicht wahrscheinlich, daß du eine Höhle aufsuchen würdest, um einem solchen Unwetter zu entgehen und den Wagen davor stehen lassen würdest? Sieh her auf diesen Würfel, der etwas von den übrigen entfernt liegt. Dieser hat mich auf den Gedanken gebracht, daß der Wagen draußen blieb. Es erhebt sich bloß die Frage, was du in der Höhle gesehen hast? Wohl nichts Außerordentliches, denke ich? Die Würfel können mir dies kaum erzählen, ich muß das wohl irgendwie anders herauszubringen suchen. Gut also, ich will versuchen es zu tun, nur um dir, weißer Mann, einen weiteren Einblick in die Art zu gewähren, wie wir armen Spitzbuben von Zauberern unsere Sache machen, um Narren auf den Leim zu locken. Oder möchtest du es mir nicht vielleicht selbst sagen, Macumazahn?«

»Nein«, antwortete ich verdrießlich, denn ich wußte, daß der alte Zwerg mich zum Narren hielt.

»Dann werde ich wohl versuchen müssen, es selbst herauszubringen, aber wie, wie nur? Komm her, du kleiner gelber Affe, und setz dich zwischen mich und das Feuer, so daß dich sein Licht durchleuchtet. Dann werde ich vielleicht imstande sein zu sehen, was in deinem dicken Kopf vorgeht, ›Licht in der Finsternis‹, um etwas Licht in meine Finsternis zu bringen.«

Widerwillig trat Hans vor und hockte sich auf dem Fleck nieder, den Zikali ihm mit seinem knochigen Finger zeigte. Dabei achtete er sorgsam darauf, daß keiner der Zauberwürfel einen Teil seines Körpers berührte, aus Angst, daß sie ihn verzaubern könnten. Da saß er nun, seinen verknitterten Hut auf seinen Magen drückend, gleichsam um die bohrenden Blicke aus Zikalis lodernden Augen abzuhalten.

»Ha, ha, gelber Mann!« sagte der Zwerg nach sekundenlanger Betrachtung, unter der Hans unruhig herumzurücken begann. Er verfärbte sich sogar unter seiner faltigen Haut, wie ein junges Mädchen, das von ihrem voraussichtlichen Gatten deshalb betrachtet wird, ob es für eine fünfte Frau passe oder nicht. »Ha, ha! Mir scheint, daß du diese Höhle kanntest, bevor du sie im Unwetter aufsuchtest, aber diese Vermutung ist nur natürlich, denn wie hättest du sie sonst in dieser Eile finden können! Außerdem scheint es mir, daß da auch Buschleute im Spiel waren, wie bei den meisten Höhlen in diesem Lande.

Fragt sich nur, was darin war? Nein, sag es mir nicht! Ich will es selbst herausfinden! Sonderbar, daß ich dabei an Bilder denken muß! Aber nein, es ist gar nicht sonderbar, denn die Buschleute pflegten öfters Bilder in ihren Höhlen anzubringen. Aber du solltest nicht mit dem Kopf nicken, gelber Mann, denn dies macht das Rätsel zu leicht. Starr mich nur an und denk an gar nichts! Bilder, Massen von Bildern, aber ein besonders wichtiges darunter, etwas, zu dem man nur schwer gelangen kann. Ja, sogar nur unter Lebensgefahr! War es vielleicht ein Bild von dir selbst, das ein Buschmann vor langen Zeiten gemalt hat, als du noch jung und hübsch warst, gelber Mann?

Da, schon wieder schüttelst du den Kopf! Halt ihn doch endlich still – wirst du wohl! -, daß sich die Gedanken darin nicht kräuseln, wie Wasser unter einem Windstoß! Wenigstens war es ein Bild von etwas Widerwärtigem, das viel größer war als du. Ah! Es wächst und wächst! Jetzt hab ich's! Macumazahn komm und stell dich zu mir, und du, gelber Mann, dreh dich um, daß du ins Feuer blicken kannst! Bah! Wie schlecht es brennt, nicht wahr? Und die Luft ist so kalt, so kalt! Ich muß es heller machen.

Bist du hier, Macumazahn? Ja? Nun schau dieses Zeug an, das ich hier habe. Schau, was es für eine Lohe erzeugt«, und er steckte seine Hand in den Sack und brachte eine Art Pulver zum Vorschein, nur eine kleine Menge davon, welche er auf die Glut streute. Dann streckte er seine dürren Finger, wie um sie zu wärmen, über diese und hob langsam die Arme empor. Tatsächlich, unter seinen Händen sprangen die Flammen empor bis zu einer Höhe von drei oder vier Fuß! Dann senkte er die Arme und die Flammen sanken herab. Noch einmal hob er sie und wieder loderten die Flammen empor, aber diesmal viel höher. Als er dies ein drittes Mal tat, sprang die Feuersäule volle fünfzehn Fuß in die Höhe und blieb, ruhig brennend wie eine Lampenflamme, in dieser Höhe!

»Schau auf das Feuer, Macumazahn, und auch du, gelber Mann!« sagte er mit einer seltsam neuen Stimme, einer Art Traumstimme, die aus weiten Fernen zu kommen schien, »und sag mir jetzt, ob du darin etwas erblickst, denn ich kann es nicht – ich kann es nicht.«

Ich starrte, und für einen Augenblick sah ich nichts. Dann begann eine Gestalt auf dem lodernden Hintergrund zu wachsen. Sie wallte; änderte sich; wurde klar und bestimmt, ja, ganz deutlich und wirklich! Da vor mir, in die Flamme geätzt, erblickte ich »Heu-Heu« – »Heu-Heu«, wie er in der Höhle dargestellt war, nur, wie es mir schien, lebendig, denn seine Augen bewegten sich! »Heu-Heu« mit dem Aussehen eines Teufels in der Hölle! Ich stöhnte, aber stand fest. Hans jedoch stieß in seinem schlechten Holländisch hervor:

»Allemaghte! Da is die leeliker auld deil!« »Allmächtiger, da ist der leibhaftige alte Teufel!«

Nach diesem Ausruf fiel er auf den Rücken und blieb schreckgelähmt liegen.

»Ha, ha, ha«, lachte Zikali, »ha, ha, ha«, und von allen Seiten widerhallten die Wände der Schlucht: »Ha, ha, ha!«

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