Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Henry Rider Haggard >

Heu Heu oder das Monster

Henry Rider Haggard: Heu Heu oder das Monster - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorHenry Rider Haggard
titleHeu Heu oder das Monster
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1988
isbn3-453-00988-6
firstpub1925
translatorNiko Karapancsa
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160615
projectida6f828bd
Schließen

Navigation:

2
Das Bild in der Höhle

Wir hatten die Höhle gerade zur richtigen Zeit erreicht. Denn kaum waren die Burschen hineingeklettert, als hinter uns der Hagel prasselnd niederging. Ihr wißt, meine Freunde, oder habt zumindest davon gehört, was afrikanischer Hagel bedeutet, besonders in der Gegend der Drakensberge. Ich habe ihn einmal Platten von verzinktem Eisenblech durchbohren sehen, als ob es sich um Flintenkugeln gehandelt hätte, und ich glaube, daß einige der Hagelkörner, die bei dieser Gelegenheit fielen, auch zwei übereinander gelegte Blechplatten durchschlagen hätten, da sie so groß und so kantig wie Feuersteine waren. Wenn jemand in diesem Unwetter auf dem offenen Feld überrascht worden wäre, ohne einen Wagen, um sich darunter zu verkriechen oder einen Sattel, um ihn über den Kopf zu legen, zweifle ich, ob er mit dem Leben davongekommen wäre, um den Himmel wieder heiter zu sehen.

Der Kutscher, der bereits fast vor Verzweiflung über den Verlust von ›Kaptein‹ und ›Deutchman‹, wie die zwei Deichselochsen hießen, weinte, wurde beinahe verrückt bei dem Gedanken, daß der Hagel auch die anderen töten könnte und wollte wirklich in das Unwetter hinauslaufen, in der tollen Absicht, sie irgendwo unter Dach zu bringen. Ich befahl ihm, ruhig zu bleiben und keine Tollheit zu begehen, da wir ja nichts tun konnten, um ihnen zu helfen. Hans, der die Gewohnheit hatte, religiös zu werden, wenn es blitzte, bemerkte gedankenvoll, daß er nicht daran zweifle, daß der ›große Große‹ im Himmel nach den Tieren sehen werde. Er sagte, daß mein ›verehrter Vater‹ (der ihn zu dem besonderen Glauben oder der Mischung von Glaubensbekenntnissen bekehrt hatte, welche bei Hans als Christentum galten) ihm gesagt hätte, daß das Vieh auf tausend Hügeln ›Sein‹ besonderes Eigentum sei. Und wären wir nicht unter den tausend Hügeln hier, in den Drakensbergen? Der Zulukutscher, der noch nicht seinen ›Glauben gefunden‹ hatte, sondern ein roher Heide war, antwortete mit Beziehung, daß, wenn dies der Fall wäre, der ›große Große‹ gewiß ›Kaptein‹ und ›Deutchman‹ beschützt hätte, was er offensichtlich versäumt habe. Sodann begann er, nach Art wütender Frauen, um seine Nerven zu erleichtern, auf Hans zu fluchen, den er einen ›gelben Schakal‹ nannte, indem er hinzusetzte, daß der Schwanz des schlechtesten Ochsen wertvoller sei, als sein ganzer Körper, und daß er wünschte, daß seine wertlose Haut von den Hagelkörnern getroffen würde an Stelle ihrer unschätzbaren Felle. Diese giftigen Bemerkungen über sein persönliches Aussehen reizten Hans, der seine Lippen aufzog wie ein wütender Hund und in passender Sprache entgegnete, indem er Bemerkungen über die Familie des Zulus und im besonderen über seine Mutter äußerte. Kurz, hätte ich nicht vermittelt, es hätte sich ein netter Raufhandel entwickelt, der sicher mit einem Messerstoß geendet hätte. So trat ich aber energisch dazwischen, indem ich sagte, daß ich den, der noch ein einziges Wort spräche, aus der Höhle hinauswerfen werde, damit er mit dem Hagel und den Blitzen Bekanntschaft mache. Dies stellte den Frieden wieder her.

Der Sturm dauerte lange Zeit, da er, als er schon abzuziehen schien, wieder von der anderen Seite zurückkam; denn solche Unwetter pflegen öfters im Kreise zu ziehen. Als nun der Hagel zu Ende war, folgte wolkenbruchartiger Regen. So fanden wir uns in Finsternis gehüllt, als endlich der Widerhall des Donners in den Bergen verstummte. Es war klar, daß wir an der Stelle übernachten mußten, wo wir waren, zumal, da die Burschen, die ausgegangen waren, um die Ochsen zu suchen, berichteten, daß sie keinen von ihnen finden konnten.

Dies war nicht sehr angenehm, denn die Höhle war ungewöhnlich kalt und der Wagen so vom Regen durchnäßt, daß man auf keinen Fall darin übernachten konnte.

Hier jedoch bewährte sich wieder einmal Hansens Gedächtnis. Nachdem er meine Zünder an sich genommen hatte, kroch er tiefer in die Höhle hinein und tauchte plötzlich wieder auf, eine ansehnliche Menge Holz hinter sich herziehend. Es war staubiges, wurmzerfressenes Holz, aber trocken und zum Feuermachen sehr gut geeignet.

»Wo hast du denn das her?« fragte ich ihn.

»Baas«, entgegnete er, »ich habe dir erzählt, daß ich mit den Buschleuten diese Höhle bewohnte. Dies war lange, bevor diese schwarzen Kinder ›von ihren unbekannten Vätern‹ gezeugt wurden. (Diese Beschimpfung bezog sich auf den Kutscher und den Vorläufer, Mavoon und Induka genannt.) Damals verwahrte ich einen großen Vorrat von Holz für den Winter oder für den Fall, daß ich jemals wieder hierher kommen würde. Da ist es nun, staubig und mit Steinen bedeckt. Die Ameisen, die am Boden herumkriechen, machen dasselbe, Baas, damit ihre Kinder Nahrung haben, wenn sie selbst gestorben sind. Wenn mir also diese Kaffern helfen werden, werden wir bald ein gutes Feuer haben und uns wärmen können.«

Voll Bewunderung für die Voraussicht des kleinen Hottentotten, der durch die Bedürfnisse von Hunderten von Generationen seiner Ahnen ihm ins Blut eingepflanzt war, befahl ich den anderen, ihn zum Versteck zu begleiten. Dies taten sie denn auch mit mürrischen Gesichtern, mit dem Erfolg, daß wir bald ein herrliches Feuer hatten. Nun holte ich einige Nahrungsmittel herbei, denn zum Glück hatte ich morgens einen ›Duiker‹-Bock geschossen, dessen Fleisch wir in glühender Asche brieten, und außerdem eine Flasche echten Grogs und bald waren wir mit einem herrlichen Abendessen beschäftigt. Ich weiß, daß viele Leute es nicht billigen, wenn man Eingeborenen Alkohol gibt, aber ich für meinen Teil habe gefunden, daß, wenn sie ermattet und erschöpft sind, ihnen ein Schnäpschen nicht schadet und ihre Leistungsfähigkeit wunderbar erhöht. Es galt nur, Hans abzuhalten, mehr als ein Gläschen zu sich zu nehmen, weshalb ich mir angewöhnt hatte, mit der Flasche zu schlafen.

Als wir uns gesättigt hatten, entzündete ich meine Pfeife und begann mit Hans zu plaudern, dem der Grog Erzählungen entlockte, die stets hörenswert waren. Er fragte mich, wie alt wohl die Höhle sein möge, und ich sagte ihm, daß sie so alt sei, wie die Berge ringsum. Er entgegnete, daß er sich dies gedacht habe, denn weiter drinnen gäbe es Fußspuren im Felsboden, die von keinem der ihm bekannten Tiere stammten. Er werde mir diese Fußspuren am nächsten Morgen zeigen, wenn ich mich dafür interessiere. Ferner sagte er, daß da sonderbare Gebeine herumlägen, welche seiner Ansicht nach Riesen gehört haben müßten. Er glaube, daß er einige dieser Gebeine finden könne, wenn die Sonne frühmorgens in die Höhle schiene.

Hierauf erklärte ich Hans und den Kaffern, wie einst, vor tausend und abertausend Jahren, bevor noch der Mensch die Erde bevölkert hatte, riesige Lebewesen da gelebt hätten. Da waren riesenhafte Elefanten und Reptilien, so groß wie hundert Krokodile zusammen, und, wie ich gehört hätte, gewaltige Affen, bedeutend größer als jeder Gorilla. Sie hörten mir aufmerksam zu und Hans sagte, daß das mit den Affen wohl stimmen könne, denn er hätte ein Bild eines solchen gesehen oder das Bild eines Riesen, der wie ein Affe aussah.

»Wo?« fragte ich. »In einem Buch?«

»Nein, Baas, hier in der Höhle. Die Buschleute haben es vor 10 000 Jahren gemacht.« Damit meinte er eine unbestimmte Zeit in der Vergangenheit.

Nun, ich besann mich auf ein märchenhaftes Wesen ›Ngoloko‹ genannt, welches ein ungewisses Sumpfgebiet an der Ostküste oder sonstwo bewohnen sollte. Dieses Tier, an welches ich, wie ich hinzusetze, nicht im geringsten glaubte, denn ich hielt es für ein Schreckgespenst der Eingeborenen, sollte wenigstens acht Fuß hoch, mit grauem Haare bedeckt sein und an Stelle von Zehen eine Klaue haben. Mein Hauptgewährsmann war ein alter, wunderlicher portugiesischer Jäger, den ich einmal gekannt hatte, und dieser schwor, daß er seine Fußstapfen im Schlamm gesehen hätte und auch, daß es einen seiner Leute getötet und ihm den Kopf vom Leibe gerissen hätte. Ich fragte Hans, ob er jemals davon etwas gehört habe. Er entgegnete bejahend, doch nannte er das Tier ›Milhoy‹, wenn ich mich recht erinnere. Doch sei der Teufel, der in der Höhle abgebildet sei, bedeutend größer als dieses.

Nun, ich dachte, daß er mir ein Garn vorspänne, wie es die Eingeborenen zu tun pflegen und sagte ihm, es wäre besser, er würde mir dieses Bild gleich zeigen, wenn daran etwas Wahres sei.

»Es ist besser, wir warten bis zum Morgen, wenn die Sonne scheint, Baas«, entgegnete er, »denn wir werden dann besseres Licht haben. Überdies ist dieses Untier bei Nacht gar nicht angenehm zu betrachten.«

»Zeig es mir!« wiederholte ich mit Schärfe, »wir haben ja Laternen vom Wagen.«

So führte mich denn Hans, wenn auch unwillig, etwa 50 Schritte oder mehr in die Höhle hinein, denn der Raum war sehr groß. Er trug eine Laterne und ich eine andere, während die Zulus uns mit Kerzen in den Händen folgten. Als wir dahinschritten, sah ich an den Wänden viele Buschmannzeichnungen, sowie eine oder zwei Schnitzarbeiten dieses sonderbaren Volkes. Einige dieser Bilder schienen ganz frisch zu sein, andere wieder waren verblaßt, oder es war der Ocker, den die primitiven Künstler benutzt hatten, abgebröckelt. Sie hatten alle den gewöhnlichen Charakter, Zeichnungen von Elenantilopen und anderen Böcken, gejagt von Menschen, welche mit Pfeilen auf sie schossen. Auch gab es da Elefanten und einen Löwen, der auf einige Speerträger losging.

Eines jedoch, welches, sonderbar genug, das besterhaltene Bild der ganzen Sammlung war, erregte mich gewaltig. Es stellte Menschen dar, deren Gesichter weiß gemalt waren und die eine Art von Rüstung und sonderbar spitze Mützen auf ihren Köpfen zu tragen schienen, von der Art, wie sie als phrygische bekannt sind. Sie griffen einen Eingeborenenkraal an, dessen Schilfeinzäunung ebenso deutlich zu erkennen war, wie die runden Hütten dahinter. Außerdem gab es da auf der linken Seite einige dieser Männer, die damit beschäftigt waren, Frauen zu einer Menge wellenförmiger Linien wegzuschleppen, die wohl in primitiver Weise das Meer andeuten sollten.

Erregt starrte ich auf das Gemälde, denn gewiß hatte ich hier vor meinen Augen die Darstellung eines phönizischen Beutezuges, von denen uns alte Schriftsteller erzählen. Wenn dies der Fall war, so mußte dieses Gemälde von einem Buschmann gemalt worden sein, der vor mindestens 2000 oder noch mehr Jahren gelebt hatte. Die Sache war erstaunlich. Hans hingegen schien gar nicht interessiert, sondern eilte voraus, wie um seine unangenehme Aufgabe möglichst rasch zu beenden, und ich war gezwungen, ihm zu folgen, um mich nicht in den Winkeln der ausgedehnten Höhle zu verlieren.

Plötzlich kamen wir zu einer Spalte in der Wand der Höhle, an der ich vorbeigegangen wäre, ohne ihr weitere Beachtung zu schenken, denn die unterschied sich in nichts von vielen anderen.

»Hier ist der Ort, Baas«, sagte Hans, »genau so, wie er immer war. Folge mir jetzt und achte genau, wohin du trittst, denn hier gibt es Sprünge im Boden.«

Ich quetschte mich also in die Öffnung, wo, obwohl ich nicht sehr groß bin, kaum Platz für mich war. Sie ging in einen engen Tunnel über, der entweder durch Wasser ausgewaschen, oder durch den Druck explodierender Gase vor Hunderttausenden von Jahren gebildet worden war. Ich glaube eher das letztere, denn die Decke, welche nicht mehr als acht oder neun Fuß vom Boden entfernt war, hatte scharfe Spitzen und Unebenheiten, welche nicht von Erosion herrühren konnten. Aber da ich nicht die blasseste Ahnung habe, wie diese gewaltigen afrikanischen Höhlen entstanden sind, will ich mich in keine Diskussion darüber einlassen. Der Boden allerdings war ganz glatt, als ob er durch unzählige Generationen von Menschenfüßen abgetreten worden wäre, was auch zweifelsohne der Fall war.

Kaum waren wir 10 oder 12 Schritte den Tunnel entlanggekrochen, rief mir Hans plötzlich zu, stehen zu bleiben und jede Bewegung zu vermeiden. Verwundert gehorchte ich ihm und sah im Lichte meiner Laterne, daß er seine emporhob und vermittels der Lederschlinge, die durch eine an deren Oberseite befindliche Blechöse durchgezogen war, so um seinen Hals legte, daß die Laterne auf seinem Rücken hing. Dann drückte er sich flach gegen die Wand der Höhle, mit dem Gesicht zum Felsen, als ob er vermeiden wollte zu sehen, was hinter ihm war, und tastete sich, vorsichtig seitwärts tretend, weiter, indem er sich mit den Händen an den Felsvorsprüngen festklammerte. Nachdem er in dieser krabbenartigen Weise etwa zwanzig oder dreißig Fuß zurückgelegt hatte, wandte er sich um und sagte:

»Nun, Baas, tue, was ich getan habe.«

»Warum?« fragte ich.

»Halte deine Laterne niedriger, und du wirst es sehen, Baas.«

Ich tat, was er verlangte, und sah, daß in einem Abstand von einem oder zwei Schritten eine riesige Kluft von unerforschter Tiefe im Boden des Tunnels klaffte, deren Grund das Lampenlicht nicht mehr erreichte. Auch bemerkte ich, daß die Felsleiste an der Seite, welche die Brücke bildete, über welche Hans geschritten war, nirgends mehr als zwölf, und an manchen Stellen sogar weniger als sechs Zoll breit war.

»Geht es hier tief hinab?« fragte ich.

Als Antwort ergriff Hans ein abgebröckeltes Felsstückchen und warf es in den Abgrund. Ich horchte und es dauerte eine geraume Weile, bevor ich es unten aufschlagen hörte.

»Ich habe dem Baas gesagt«, sagte Hans in überlegenem Ton, »daß wir lieber bis morgen hätten warten sollen, bis etwas Licht in dieses Loch herabdringt, aber der Baas wollte nicht auf mich hören und zweifellos weiß er es besser. Will jetzt der Baas vielleicht schlafen gehen, wie ich es für das beste halte, und morgen wieder hierher kommen?«

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, gab es nichts, was ich lieber getan hätte, denn der Ort war widerwärtig; aber mich hatte eine derartige Wut gegen Hans erfaßt, weil er mir diesen Streich gespielt hatte, daß ich ihm selbst um den Preis eines Halsbruches nicht das Vergnügen machen wollte, sich in seiner schlauen Weise über mich lustig zu machen.

»Nein«, antwortete ich ruhig, »ich gehe erst zu Bett, wenn ich dieses Bildnis gesehen habe, von dem du erzählt hast.«

Jetzt wurde Hans aufgeregt und bat mich in vollstem Ernst, nicht zu versuchen, den Abgrund zu überschreiten. Dies erinnerte mich einigermaßen an die Parabel von Abraham und Dives in der Bibel, wobei ich der Dives war – nur war ich nicht durstig und Hans ähnelte in keiner Weise Abraham.

»Ich sehe schon, woran ich bin«, sagte ich, »es gibt wohl gar kein solches Bild, und du hast mir nur einen deiner Affenstreiche gespielt. Wart nur, ich komme hinüber, um nachzusehen, und wenn ich finde, daß du mir etwas weis gemacht hast, werde ich dich so prügeln, daß du über deine eigene Jammergestalt weinen wirst.«

»Das Bild ist da, oder war hier, als ich jung war«, sagte Hans mürrisch, »und überhaupt weiß der Baas am besten, was er tun soll. Wenn er sich jeden einzelnen Knochen im Leibe bricht, so soll er nicht mich tadeln. Ich bete, daß er die Wahrheit über alles sagen möge, wenn ihn sein ›verehrter Vater‹ im Himmel fragt, der ihn in meiner Obhut zurückgelassen hat. Daß er ihm sagen möge, daß Hans ihn gebeten habe, die Sache bleiben zu lassen, aber daß er wegen seiner Eigenwilligkeit nicht darauf hören wollte. Indessen täte der Baas gut daran, seine Stiefel abzulegen, denn die Füße aller dieser Buschleute, die ich um mich herumspuken fühle, haben den Vorsprung recht glitschig gemacht.«

Schweigend setzte ich mich nieder und legte meine Stiefel ab, während ich dachte, daß ich mit Freuden alle meine Ersparnisse, die bei der Bank zu Durban lagen, hergeben würde, um mir dieses Gottesurteil zu ersparen. Was für ein sonderbares Ding ist doch der Stolz eines weißen Mannes, oder was man so nennen kann, besonders, wenn er der angelsächsischen Rasse angehört! Ich war durch nichts gezwungen, dieses Wagnis auf mich zu nehmen und dennoch war ich daran, es lieber zu tun, als mich dem geheimen Spott von Hans und dem der Kaffern auszusetzen. Innerlich fluchte ich auf Hans und die Höhle, den Abgrund, das Bild und das Unwetter, das mich hierher verschlagen hatte und auf alles, was mir einfiel.

Sodann nahm ich den furchtbar stinkenden Blechbügel der Laterne in den Mund, da meine keine Schlinge wie die von Hans hatte. Aber so war es allein möglich, sie mitzunehmen; dann sprach ich ein leises, aber ernstes Stoßgebet und begann den Übergang, wobei ich so tat, als ob mir die Sache Spaß bereite.

Um die Wahrheit zu sagen, kann ich mich nur dunkel an diesen Ausflug erinnern, höchstens daran, daß er etwa drei Stunden statt weniger als eine Minute zu dauern schien. Dann entsinne ich mich noch der klagenden und jammernden Stimmen der beiden Zulus hinter mir, die mir unter anderen Liebesbezeigungen ununterbrochen ein zärtliches Lebewohl nachriefen, während ich vorwärts kroch, indem sie mich ihren Vater und ihre Mutter auf vier Generationen hinaus nannten.

Ich drückte mich irgendwie auf dem verdammten Felsband hin, indem ich meinen Magen so dicht als möglich gegen die Wand preßte, als ob dieser Körperteil eine besondere Haftfähigkeit besäße. Ich klammerte mich an Felserhebungen an, wodurch ich zwei meiner Nägel abbrach. Immerhin, ich kam ganz gut hinüber, obwohl ich gerade am Ende des Bandes mit einem Fuß ausglitt und den Mund öffnete, um etwas zu sagen. Dies hatte den Erfolg, daß die Laterne in den Abgrund stürzte und einen lockeren Vorderzahn mit sich riß. Aber Hans streckte seine magere Hand aus und zog mich, in der Meinung, meinen Rockkragen zu erfassen, bei meinem linken Ohr an sich. So kam ich, mit dieser schmerzlichen Unterstützung, auf festen Boden, wo ich gewaltig auf ihn zu fluchen begann. Obgleich man meine Rede fast heftig hätte nennen können, schien er dies gar nicht zu bemerken, so erfreute ihn mein glückliches Bestehen des Abenteuers.

»Macht nichts, Baas«, sagte er, »es ist besser, daß sich der Zahn so unauffällig davongemacht hat! Siehst du, jetzt kannst du wieder Brotrinden und harten Zwieback essen, was du seit Monaten nicht hast tun können! Mit der Laterne allerdings ist es eine andere Sache, obwohl wir vielleicht eine neue in Prätoria, oder wohin wir sonst gelangen, bekommen können.«

Langsam gewann ich wieder die Beherrschung zurück und schaute über den Rand des Abgrunds hinab. Dort, tief, tief unten, sah ich meine Laterne auf einem Untergrund von etwas Weißem lodern, denn der Behälter war zersprungen und das ganze Öl stand in Flammen.

»Was ist denn das für ein weißes Zeug dort unten«, fragte ich ihn, »vielleicht Kalk?«

»Nein, Baas, es sind zerbrochene Menschenknochen. Als ich noch jung war, ließ ich mich einmal mit Hilfe der Buschleute an einem Seil, das wir aus Binsen und Wildfellen zusammengeflochten hatten, hinab, um danach zu schauen. Es gibt da eine weitere Höhle unter dieser hier, Baas, aber ich wagte sie nicht zu betreten, denn ich hatte Furcht.«

»Wie sind denn diese Knochen hinabgekommen, Hans? Es müssen ja Hunderte sein, die dort unten liegen.«

»Ja, Baas, viele Hunderte. Und sie kamen so hierher: Vom Urbeginn an lebten die Buschleute in dieser Höhle und verfertigten hier eine Falle, indem sie Zweige über die Spalte legten und sie mit Erde bedeckten, so daß sie aussah wie der Felsen. Gerade so, wie man eine Wildfalle legt, Baas. – Ja, dies taten sie, bis der letzte von ihnen vor gar nicht so langer Zeit von den Buren und Zulus getötet wurde, deren Schafe und Rinder sie stahlen. Dann, sobald ihre Feinde sie angriffen, was sich oft ereignete, denn es galt immer als Recht, Buschleute zu töten, liefen sie in die Höhle hinein und krochen in die Spalte und über das schmale Felsband, das sie mit geschlossenen Augen schafften. Aber die dummen Kaffern oder wer es war, rannten hinter ihnen her und stürzten durch die Zweige in die Höhle hinab, wo sie zerschmettert liegen blieben. Dies muß sehr oft geschehen sein, Baas, da eine Unmenge von Knochen dort unten liegt, viele davon schon ganz schwarz vor Alter und versteinert.«

»Man sollte denken, daß die Kaffern mit der Zeit klüger geworden wären, Hans.«

»Ja, Baas, aber die Toten behalten ihr Wissen. Ich glaube, daß, sobald alle Angreifer in dem engen Gang waren, andere Buschleute, die sich in der Höhle verborgen hatten, sie von rückwärts angriffen, sie mit vergifteten Pfeilen beschossen und sie in den Abgrund hineindrängten, so daß keiner von ihnen davonkam; in der Tat, Buschleute erzählten mir, daß das ihrer Vorfahren Absicht gewesen sei. Und sollte auch einer von ihnen entwichen sein, so war doch in einer oder zwei Generationen alles vergessen und dasselbe ereignete sich wieder. Denn, Baas, es gibt immer genug Narren in der Welt und der Narr, der später kommt, ist ebenso groß wie der Narr, der ihm voranging. Der Tod schüttet das Wasser der Weisheit in den Sand, Baas, und Sand ist ein durstiges Zeug, das bald wieder austrocknet. Wenn es nicht so wäre, Baas, dann würden die Männer bald aufhören, sich in Frauen zu verlieben, und doch verlieben sich auch bedeutende Männer – wie zum Beispiel, du, Baas!«

Nachdem Hans diesen Trumpf ausgespielt hatte, begann er, um jede Möglichkeit einer Antwort zu vereiteln, mit dem Kutscher und dem Vorlooper auf der anderen Seite des Abgrunds zu plaudern.

»Nun also, ihr mutigen Zulus dort drüben, beeilt euch und kommt herüber«, sagte er, »denn ihr laßt euren Häuptling und auch mich warten.«

Die Zulus streckten ihre Kerzen aus und guckten in die Schlucht hinab.

»Oh!« sagte einer von ihnen, »sind wir denn Fledermäuse, daß wir über ein Loch, wie dieses, fliegen können, oder Affen, daß wir an einem Gesimse, so breit wie ein Speer, herumklettern können, oder Fliegen, um an der Mauer zu kriechen? Oh! Wir kommen nicht hinüber, wir warten lieber hier. Dieser Weg ist nur für gelbe Affen wie du oder für solche Leute, die den Zauber des weißen Mannes haben, wie der Inkoo Macumazahn.«

»Nein«, sagte Hans bedächtig, »ihr seid keines von diesen Tieren, die alle in ihrer Art zu etwas nütze sind. Ihr seid nur ein paar erbärmliche Kaffernfeiglinge, schwarze Häute, aufgeblasen, um wie Männer auszuschauen. Ich, der ›gelbe Schakal‹ kann über den Abgrund klettern, und der Baas kann es auch, aber ihr Windbeutel könnt nicht einmal darüber hinwegtreiben aus Angst, daß ihr mitten darüber zerplatzen könntet. Gut, ihr Windbeutel, flattert zurück zum Wagen und bringt die Rolle dünnen Seiles herbei, das sich im Kutschbocke befindet, denn wir könnten sie gebrauchen!«

Einer von ihnen erwiderte mit untertäniger Stimme, daß sie von ihm, einem Hottentotten, keine Befehle entgegennehmen, worauf ich sagte:

»Geht, holt das Seil und kommt sofort zurück!«

Also gingen sie mit gedrückten Mienen, denn die beflügelten Worte von Hans hatten ihr Ziel erreicht und sie hatten wieder erfahren, daß sie in einem Streit mit ihm schließlich doch immer den kürzeren zogen.

In Wirklichkeit waren sie so tapfer, wie Männer sein können, aber kein Zulu ist unterhalb der Erde zu etwas nütze und am wenigsten im Finstern an einem Ort, den er für verhext hält.

»Nun, Baas«, sagte Hans, »wollen wir gehen und das Bild ansehen – das heißt, wenn du nicht überzeugt bist, daß ich gelogen habe und daß es kein Bild zu sehen gibt, in welchem Fall es nicht der Mühe wert ist und du lieber hier sitzen bleiben solltest und deine gebrochenen Nägel abschneiden, bis Mavoon und Induko mit dem Seil zurückkommen.«

»Schau, daß du weiterkommst, giftiges kleines Ungeziefer!« schrie ich, durch seine Sticheleien zur Verzweiflung gebracht, und verstärkte den Eindruck meiner Worte durch einen fürchterlichen Fußtritt.

Dabei machte ich allerdings einen großen Fehler, denn ich vergaß, daß ich im Augenblick keine Stiefel anhatte, und entweder trug Hans eine Menge harter Gegenstände in den hinteren Taschen seiner fadenscheinigen Hosen oder war sein Hinterteil von einzig dastehender, steinharter Beschaffenheit! Kurz gesagt, ich verletzte meine Zehen ganz erbärmlich und ihn gar nicht.

»Oh, Baas«, sagte Hans mit einem süßen Lächeln, »du solltest dich daran erinnern, was mich dein verehrter Vater gelehrt hat – nämlich immer Stiefel anzuziehen, bevor man gegen einen Dornbusch stößt. Ich trage einen Bohrer und etliche Nägel in meiner Pistolentasche, Baas, die ich heute morgen zum Ausbessern deiner Kiste benützte.«

Dann machte er sich rasch davon, damit ich nicht an seinem Kopf probieren sollte, ob es auch dort Nägel gäbe, und da er die einzige Laterne hatte, war ich gezwungen, ihm nachzuhumpeln oder vielmehr zu hüpfen.

Der Tunnel, dessen Boden auch dort durch die Füße von Tausenden längst toter Geschlechter glattgetreten war, lief etwa acht oder zehn Schritte geradeaus und bog dann nach rechts. Als wir zu diesem Knick kamen, sah ich zu unseren Häuptern ein Licht, dessen Herkunft ich nicht begreifen konnte. Plötzlich befand ich mich in einer Art von Brunnen oder Schacht, der in einem Durchmesser von etwa dreißig Fuß vom Boden, auf dem wir standen, senkrecht durch alle Schichtungen des Gesteins achtzig bis hundert Fuß bis zum Bergabhang über uns emporstieg. Was ihn hervorgerufen hatte, weiß ich nicht, aber nun war er da – eine Art Trichter, genau in der Form derer, die man verwendet, um Bier in Fässer, oder Portwein in eine Karaffe abzufüllen, wobei wir uns an seinem engeren Ende befanden. Das Licht, das ich gesehen hatte, kam also vom Himmel, der jetzt, nach Abzug des Unwetters, strahlend schön und sternenbesetzt herabblickte. Eben in diesem Augenblick zog eine letzte dunkle Wolke, die vom Gewitter übriggeblieben war, über den Mond, dessen Licht die Sterne überglänzt hätte. Eine kurze Strecke, vielleicht fünfundzwanzig Fuß, waren die Wände dieses Tunnels fast senkrecht, dann traten sie nach obenhin gegen die Mündung des Trichters steil auseinander. Ich bemerkte noch eine weitere Besonderheit, nämlich, daß an der uns gegenüberliegenden Westwand des Tunnels, gerade an der Stelle, wo sie zurückzutreten begann, ein abschüssiger Fels, wie ein spitzes, schiefes Fabrikdach hervortrat und gerade über diese Seite hinweglief.

»Nun, Hans«, sagte ich, nachdem ich diese merkwürdige natürliche Aushöhlung betrachtet hatte, »wo ist denn dein Bild? Ich sehe nichts davon.«

»Wacht een Beetje Wart ein wenig, Baas, der Mond klettert eben über diese Wolke. Sofort wird er ihre Spitze erreichen, und dann wirst du das Bild sehen, wenn nicht irgend jemand es seit den Tagen meiner Jugend ausgelöscht hat.«

Ich wandte den Kopf, um auf die Wolke zu sehen und so einen Anblick zu genießen, an dem ich mich nie satt gesehen habe, nämlich das Emportauchen des strahlenden afrikanischen Mondes aus der Finsternis seines geheimnisvollen Versteckes. Schon schossen silberne Lichtstrahlen über die Weite des Himmels und ließen die Sterne erblassen. Dann erschien plötzlich sein gekrümmter Rand und wuchs und wuchs mit außerordentlicher Geschwindigkeit, bis der ganze glänzende Kreis aus einem Bett tintenschwarzer Dämpfe auftauchte und einen Augenblick in wundervoller Vollkommenheit an seinem Rand ruhte! Augenblicklich war unser Schacht mit einem so hellen, so klaren Licht erfüllt, daß man einen Brief hätte lesen können.

Einige Augenblicke lang stand ich, durch die Schönheit der Szene erschüttert und alles andere in ihrer Betrachtung vergessend, bis Hans mit heiserem Kichern sagte:

»Jetzt dreh dich um, Baas, und schau dir das hübsche Bildchen an!«

Ich tat es und folgte der Richtung seiner ausgestreckten Hand, die auf die Oberfläche der Felswand mit dem geneigten, dachartigen Vorsprung wies, welche nach Osten blickte. Im nächsten Augenblick – ich übertreibe nicht, meine Freunde – stürzte ich beinahe rücklings nieder. Hat einer von euch, Burschen, jemals ein Alpdrücken gehabt, das euch träumen ließ, daß ihr in der Hölle wäret und plötzlich dem Teufel höchstselbst in eurer ganzen Kleinheit gegenüberständet? Auf alle Fälle, ich hatte es, denn hier, mir gegenüber, stand der Teufel, nur noch viel ärger, als unsere schwache Phantasie ihn selbst mit dem Pinsel der stärksten Übertreibung darstellen kann.

Stellt euch ein Ungeheuer in doppelter Lebensgröße vor – elf oder zwölf Fuß hoch – mit den besten Ockerfarben meisterhaft dargestellt und anscheinend mit Augen aus polierten Felskristallblöcken versehen. Stellt euch dieses Untier als einen riesigen Affen vor, im Vergleich zu dem der größte Gorilla nur ein Kind wäre, und dann doch nicht als einen Affen, sondern als einen Menschen, nein, nicht als Menschen, sondern eben – als Teufel!

Dieses Ungeheuer war gleich einem Affen mit Haaren bedeckt, mit langem grauen Haar, das in Büscheln wuchs. Es hatte einen großen roten buschigen Bart, wie ein Mann; seine Glieder waren erschreckend, die Arme von abnormaler Länge, wie die Arme eines Gorilla, aber, wohlgemerkt, es hatte keine Finger, nur eine große Klaue an Stelle des Daumens. Der Rest der Hand war zu einem Stück zusammengewachsen wie ein Puppenfuß, obwohl der Teil, der die Finger hätte tragen sollen, biegsam war und, wie man sehen wird, wie Finger greifen konnte. Zumindest war dies der Eindruck, den das Bild wiedergab, obwohl mir später einfiel, daß es vielleicht ein Wesen darstellte, das Fausthandschuhe an den Händen trug, wie die Leute in diesen Gegenden, wenn sie Dornenbüsche zu Zäunen schneiden. Die Füße jedoch, welche ganz deutlich unbeschuht gezeichnet waren, hatten dieselbe Form; ich meine, sie hatten keine Zehen, nur eine fürchterliche Klaue an Stelle der großen Zehe. Der Körper war gewaltig. Wenn ich annahm, daß er in Lebensgröße abgebildet war, mußte meiner Schätzung nach das Urbild mindestens 450 Pfund gewogen haben. Der Brustkasten war riesenhaft und zeugte von ungeheurer Kraft; der Wanst darunter vortretend und mit Falten bedeckt. Aber – und hier lag eine seiner menschlichen Eigenheiten – um die Mitte trug das Ungeheuer eine Art ›moocha‹ oder besser gesagt ein Fell geschlungen, dessen Füße um seinen Leib geknüpft waren, ein Fell, das als Bekleidung benützt zu werden schien.

So viel über den Körper. Nun zu Kopf und Gesicht! Ich weiß zwar nicht, wie ich diese beschreiben soll, aber ich will es versuchen. Der Nacken war stierähnlich und auf sein oberes Ende war in fürchterlicher Weise ein winziger Kopf gesetzt. Trotz dem großen roten Bart, der sein Kinn umwucherte und trotz dem riesigen Maul, von dessen oberem Kiefer gelbe Hakenzähne gleich denen eines Pavians hervortraten und über die Unterlippe herunterhingen, hatte dieser Kopf einen sonderbar weiblichen Ausdruck. In der Tat, den Ausdruck eines alten Weibsteufels mit einer Hakennase! Die Stirne indessen stand nicht im Verhältnis zu dem übrigen Gesicht und trat weit vor, während tief in sie und unnatürlich weit auseinander jene fürchterlichen starren Kristallaugen eingelassen waren.

Und das war nicht alles, denn das Vieh schien grausam zu lachen und die Zeichnung deutete auch an, warum es lachte; einer seiner Füße stand nämlich auf dem Körper eines Mannes, in welchen die große Klaue tief hineindrang. Eine seiner Hände hielt einen männlichen Kopf, der offenbar soeben vom Körper gerissen worden war. Die andere Hand faßte beim Haar ein lebendes nacktes Mädchen, das eben nur skizziert war, als ob dieses Detail den Künstler nicht interessiert hätte, und schien es davonzuschleppen.

»Nun Baas, ist das nicht ein hübsches Bild?« sagte Hans höhnisch. »Jetzt wird mir Baas vielleicht eine ganze Woche lang nicht mehr sagen, daß ich ihm etwas vorlüge!«

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.