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Heu Heu oder das Monster

Henry Rider Haggard: Heu Heu oder das Monster - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorHenry Rider Haggard
titleHeu Heu oder das Monster
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1988
isbn3-453-00988-6
firstpub1925
translatorNiko Karapancsa
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160615
projectida6f828bd
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13
Die fürchterliche Nacht

Wie verließen leise das Haus und fanden, daß der wolkenbruchartige Regen in eine Art beständigen Nieselns übergegangen war, das die Luft undurchsichtig machte, während auf der Oberfläche des Sees und den tiefer gelegenen, bebauten Gebieten ein schwerer Nebel lagerte. Dies war für uns natürlich sehr von Vorteil. Selbst wenn Wächter aufgestellt waren, konnten uns diese nicht wahrnehmen, bis wir direkt über sie stolperten. Tatsächlich, glaube ich, gab es aber keine, da die ganze Bevölkerung des Ortes zur Feier in der Höhle versammelt war. Wir konnten weder einen Menschen hören noch sehen, nicht einmal ein Hund bellte, denn diese Tiere, von denen es nur wenige auf der Insel gab, schliefen infolge der Nässe und Kälte innerhalb der Häuser. Oberhalb des Nebels allerdings leuchtete der große Vollmond in einem wolkenlosen Himmel und deutete einen bevorstehenden Witterungsumschlag an. Dieser erfolgte auch tatsächlich, denn das Regenwetter, das, wie wir später erfuhren, seit Monaten mit kurzen Unterbrechungen fortgedauert hatte, mußte sich schließlich erschöpfen.

Wir erreichten das Schleusenhaus, und fanden zu unserer Überraschung die Tür unversperrt. In der Annahme, daß sie infolge der Sorglosigkeit der inspizierenden Priester offen geblieben war, durchschritten wir sie leise und schlossen sie hinter uns. Dann entzündete ich eine Kerze, denn ich trug immer eine bei mir, und hielt sie empor, damit wir uns umsehen konnten. Im nächsten Augenblick trat ich, von Entsetzen gerührt, zurück, denn auf dem Vorsprung der Brunnenmauer saß ein Mann mit einem großen Speer in der Hand.

Während ich noch überlegte, was zu tun sei und auf den Mann starrte, der anscheinend aus dem Schlaf aufgeschreckt und sogar noch mehr entsetzt zu sein schien als ich, handelte Hans mit der größeren Geschwindigkeit des Wilden. Wie ein Leopard sprang er auf den Burschen los. Ich denke, er zog sein Messer, aber ich weiß es nicht gewiß. Auf alle Fälle hörte ich einen Schlag und dann beleuchtete das Licht der Kerze die Sohlen dieses Mannes, der hinterrücks im Wasserschacht verschwand. Was mit ihm geschah, weiß ich nicht. Was uns betrifft, verloren wir ihn für immer aus den Augen.

»Wie ist das möglich? Du sagtest uns doch, daß niemand hier sein würde«, sagte ich wild zu Dramana, denn ich argwöhnte eine Falle.

Sie fiel auf die Knie, denn sie dachte wahrscheinlich, ich würde sie mit dem Speer des Mannes, den ich an mich genommen hatte, töten, und entgegnete:

»Herr, ich weiß es nicht. Ich nehme an, daß die Priester Verdacht schöpften und eine Wache hierher gesetzt haben. Oder taten sie dies auch nur wegen der ununterbrochen steigenden Flut.«

Ich glaubte ihrer Erklärung und hieß sie aufstehen. Dann schritten wir ans Werk. Nachdem wir die Tür von innen verschlossen hatten, kletterte Hans den Hebel hinan und beim Licht der Kerze, das uns nicht verraten konnte, denn der Schuppen hatte keine Fenster, befestigte er die beiden Pulverbüchsen in der Aushöhlung der Verschlußplatte, gerade unter den Hebelbolzen. Hierauf keilten wir sie, wie besprochen, mit Kieseln fest, die wir mit uns gebracht hatten.

Als dies getan war, nahm ich eine Menge des feuchten Tons, mit dem die Wände des Schuppens beworfen waren, von einem Fleck, wo die Feuchtigkeit des Regens durchgedrungen war und ihn erweicht hatte. Diesen Ton stampften wir über die Pulverbüchsen und die Steine in einer Dicke von mehreren Zoll fest. Nur gerade unter dem Bolzen ließen wir eine Öffnung und hofften dadurch die Kraft der Explosion auf den oberen Rand des Loches im Schleusenstein zu konzentrieren. Die Lunten, die jetzt trocken waren, hatten wir in Löchern, die wir in die Büchsen gebohrt hatten, befestigt und führten sie, eingeschlossen in zwei lange hohle Schilfrohre, die wir aus dem Dach unseres Hauses gezogen hatten, durch den Ton; so hofften wir nämlich, die Feuchtigkeit von ihnen abzuhalten.

In dieser Anordnung hingen ihre Enden bis etwa sechs Fuß vom Boden herab, wo sie, selbst in größter Eile, leicht entzündet werden konnten.

Es war jetzt Viertelzwölf und der entsetzlichste und gefährlichste Teil unserer Aufgabe mußte ins Auge gefaßt werden. Wir hoben den Leichnam der Frau empor, und Hans und ich – Dramana war nicht dazu zu bringen, ihn zu berühren – trugen ihn aus dem Schuppen hinaus. Von Dramana gefolgt, die alle unsere Habseligkeiten trug, da wir sie aus Furcht, von ihnen abgeschnitten zu werden, nicht zurücklassen wollten, trugen wir die Tote mit ungeheurer Anstrengung – denn sie war überaus schwer – etwa fünfzig Yards fort an einen Ort, den ich hierfür während unserer Besichtigung am Morgen ins Auge gefaßt hatte. Es war dies ein Fleck neben dem Opferungsfelsen, der sich glücklicherweise etwa sechs Fuß über den umgebenden Boden erhob. Es gab dort eine kleine Aushöhlung, die durch das Wasser in die Felsoberfläche eingegraben war, eine schmale Grube, die jedoch ausreichend groß war, uns drei und den Leichnam zu verbergen.

An diesem Ort versteckten wir uns, denn hier verdeckte glücklicherweise der Felsvorsprung das Licht der zwei ›Ewigen Feuer‹, die in dieser Nässe düster und unter enormer Rauchentwicklung zu brennen schienen. Das nähere der beiden loderte in einer Entfernung von höchstens zwölf Schritten. Der Pfosten, an den das Opfer gebunden werden sollte, war vielleicht einen Kricketschlag weit entfernt.

In diesem Versteck konnten wir wohl schwerlich entdeckt werden, wenn nicht zufällig jemand auf uns zukam oder sich uns von rückwärts näherte. Wir kauerten uns nieder und warteten. Nach kurzer Zeit, knapp vor Mitternacht, vernahmen wir in der großen Stille das Geräusch von Rudern auf dem See; das Kanu näherte sich. Eine Minute später vernahmen wir bereits menschliche Stimmen, ganz in unserer Nähe.

Ich hob den Kopf und lugte überaus vorsichtig über die Spitze des Felsblockes hinweg. Ein großes Kanu näherte sich den Landungsstufen, oder besser gesagt der Uferstelle, an der sich diese befunden hatten, denn jetzt waren sie außer der obersten infolge der Überschwemmung unter Wasser.

Auf dem Felsen schritten vier Priester in weißen Gewändern und mit Schleiern, in welche Augenlöcher geschnitten waren, über dem Kopf, auf diese Treppen zu; sie glichen Mönchen auf alten Gemälden aus der Zeit der spanischen Inquisition. Als sie die Treppen erreichten, legte das Kanu an. Im nächsten Augenblick wurde von seinem Bug ein schlankes Weib, völlig in einen weißen Mantel gehüllt, der Kopf und Körper zugleich verbarg, herabgehoben, das, nach ihrer Körpergröße zu urteilen, Sabeela sein mochte.

Die Priester empfingen sie wortlos, denn dieses ganze Drama spielte sich in äußerster Stille ab. Halb führten, halb trugen sie Sabeela zu dem Steinpfeiler zwischen den Feuern, wo sie diese, so weit ich durch den Nebel sehen konnte, festbanden. Hierauf wandten sie sich, noch immer in tiefstem Schweigen, um und schritten den abfallenden Felsen hinab, auf den Eingang der Höhle zu, in der sie verschwanden. Das Kanu ruderte etliche Yards zurück – nicht weit, wie ich an der Zahl der Ruderschläge erkannte, und ließ sich dann treiben.

Bis jetzt hatte sich alles ereignet, wie es uns Dramana vorhergesagt hatte. Flüsternd fragte ich sie, ob die Priester zurückkehren würden. Sie entgegnete, nein, kein Mensch würde erscheinen, bis die Sonne aufginge und Heu-Heu, von seinen Frauen begleitet, aus der Höhle hervortreten würde, um seine Braut zu holen. Sie schwor mir, daß sie die Wahrheit spreche, denn es wäre das größte Verbrechen, einen Blick auf die heilige Braut in der Zeit zwischen ihrer Ankunft und dem Sonnenaufgang zu werfen.

»Je schneller wir also handeln, um so besser ist es«, sagte ich, und biß die Zähne zusammen. Ich hielt mich gar nicht damit auf, Dramana zu fragen, was sie mit dem Erscheinen Heu-Heus meine, da es doch, wie wir genau wußten, kein solches Wesen gab, und rief:

»Komm, Hans, solange der Nebel noch dicht genug ist; er kann sich jeden Augenblick heben«, fügte ich hinzu.

Flink und mit der Kraft der Verzweiflung kletterten wir bis zu dem Felsen hin und schleppten den Leichnam mit uns. Wir stolperten um das nähere der beiden Feuer und kamen mit unserer schauerlichen Last bis hinter den Pfeiler; aber es schien mir, daß wir zu dieser Strecke ein Menschenalter gebraucht hätten. Hier vereinigte sich, Gott sei Dank, der dunstige Rauch des Feuers, der durch einen leichten Windhauch aufgewirbelt wurde, mit dem herabhängenden Nebel, um uns beinahe unsichtbar zu machen. Auf der anderen Seite des Pfeilers stand Sabeela, gefesselt, und ihr Kopf hing herab, als ob sie ohnmächtig wäre. Hans schwor, daß es Sabeela sei, denn er erkenne sie ›an ihrem Geruch‹, was ihm ganz ähnlich sah, doch war ich nicht ganz so überzeugt, da ich in dieser Hinsicht weniger begabt bin. Dennoch wagte ich es und sprach sie an, wenn auch fast zögernd. Ich fürchtete mich, einen Blick auf sie zu werfen. Um die Wahrheit zu sagen, ich war besorgt, daß sie ihre Drohung ausgeführt und als letztes Hilfsmittel das Gift genommen haben könnte, das sie im Haare verborgen trug.

»Sabeela, stoß keinen Schrei aus. Sabeela, wir sind es, der ›Wächter in der Nacht‹, und er, der ›Licht in der Finsternis‹ genannt wird, und wir kommen, um dich zu retten«, sagte ich und wartete mit angehaltenem Atem, ob ich eine Antwort vernehmen würde.

Plötzlich seufzte ich erleichtert auf, denn sie bewegte schwach den Kopf und flüsterte:

»Es ist ein Traum – ich träume!«

»Nein«, entgegnete ich, »du träumst nicht, oder wenn du es tust, wach auf, sonst könnten wir alle für ewig in Schlaf versinken!«

Hierauf kroch ich um den Pfosten herum und bat sie, mir zu sagen, wo sich der Knoten des Seiles befände. Sie deutete mit ihrem Kopf nach unten – mit den Händen konnte sie nicht deuten, denn sie waren gebunden. Hierauf flüsterte sie mit gebrochener Stimme:

»An meinen Füßen, Herr.«

Ich kniete nieder und suchte den Knoten. Wenn ich nämlich das Seil zerschnitten hätte, würden wir nichts gehabt haben, womit wir den Leichnam an den Pfeiler hätten binden können. Glücklicherweise war er nicht fest zusammengezogen, da man dies für unnötig gehalten hatte; es war ja nicht bekannt, daß jemals eine heilige Braut versucht hatte, ihrem Schicksal zu entfliehen. Deshalb konnte ich ihn trotz meiner erstarrten Hände ohne Schwierigkeiten aufknüpfen. Eine Minute später war Sabeela befreit und ich hatte die Schnur zerschnitten, die ihre Arme fesselte. Nun kam die schwierigste Aufgabe, die Leiche an ihre Stelle zu stellen, deren ganzes Gewicht an den Seilen hing. Immerhin brachten es Hans und ich irgendwie zuwege, nachdem wir zuerst Sabeelas Mantel und Schleier über ihre erstarrte Gestalt geworfen hatten.

»Ich hoffe, Heu-Heu wird sie hübsch finden!« flüsterte Hans, als wir einen prüfenden Blick auf unser Werk warfen.

Hierauf zogen wir uns zurück, wie wir gekommen waren, indem wir uns tief niederbeugten, um unsere Körper in der Nebelschichte zu verbergen, die jetzt immer dünner wurde und nur noch etwa drei Fuß über dem Boden lagerte, wie etwa ein Herbstnebel auf den englischen Marschen. Wir erreichten unser Loch, und Hans stieß Sabeela respektlos über seinen Rand, so daß sie auf den Rücken ihrer Schwester Dramana rollte, die ganz entsetzt darin kauerte. Niemals, glaube ich, hatten zwei so tragisch getrennte Verwandte ein derartig außergewöhnliches Zusammentreffen! Ich war der letzte der Gesellschaft, und ehe ich in unser Versteck hinabglitt, warf ich noch einen Blick um mich.

Ich sah folgendes: Aus der Öffnung der Höhle tauchten zwei Priester auf. Sie rannten eilig den sanften Felsabhang hinan, bis sie die zwei Säulen brennenden Naturgases oder Erdöls, oder was es war, erreichten und jeder von ihnen blieb bei einer derselben stehen. Hier blickten sie um sich und starrten durch die Löcher in ihren Masken oder Schleiern auf das an den Pfeiler gebundene Opfer. Anscheinend befriedigte sie, was sie sahen, denn sie wandten sich hierauf um und liefen ebenso rasch, wie sie gekommen waren, zur Höhle hinab, doch zeigten ihre planmäßigen Bewegungen weder Überraschung noch Aufregung.

»Was soll dies heißen, Dramana?« rief ich aus. »Du sagtest mir, daß es nach dem Gesetz jedermann verboten sei, die heilige Braut zu betrachten, bevor die Sonne aufgeht.«

»Ich weiß es nicht, Herr«, entgegnete sie, »gewiß ist dies wider dem Gesetz. Ich nehme an, daß die Wahrsager gefühlt haben müssen, daß etwas nicht in Ordnung sei, und deshalb Boten ausgesandt haben. Wie ich dir gesagt habe, sind die Priester Heu-Heus Meister der Magie, Herr.«

»Dann sind sie schlechte Meister darin, denn sie haben nichts herausgebracht«, erwiderte ich geringschätzig.

Aber im Innern war ich froher, als es Worte ausdrücken hätten können, daß ich darauf bestanden hatte, die tote Frau an Sabeelas Stelle an den Pfeiler zu binden. Während wir sie vom Schuppen hinschleppten und dann, als wir sie von unserem Loch emporhoben und zum Felsen trugen, hatte Hans behauptet, daß dies vollkommen überflüssig sei, denn Dramana schwur, daß niemals ein Mann auf die heilige Braut einen Blick geworfen habe, bis die Sonne aufginge und daß unsere ganze Aufgabe sei, Sabeela zu befreien. Glücklicherweise hatte mich die Vorsehung davor bewahrt, nachzugeben. Hätte ich dies getan, dann wäre alles entdeckt worden, und nach menschlichem Ermessen hätten wir zugrunde gehen müssen. Dies wäre wahrscheinlich auch dann geschehen, wenn ich nicht daran gedacht hätte, zurückzulaufen und die Schnurteile aufzuheben, die ich von Sabeelas Handgelenken geschnitten und auf dem Felsen zurückgelassen hatte. Denn die Boten würden sie bemerkt und einen Anschlag geahnt haben. Wie die Sache lag, waren wir aber bis jetzt in Sicherheit.

»Jetzt Hans«, sagte ich, »ist die Zeit für dich gekommen, und du mußt dich beeilen, zum Kanu hinüberzuschwimmen, denn der Nebel scheint sich unter dem Mond aufzulösen, und du könntest gesehen werden.«

»Nein, Baas, ich werde nicht bemerkt werden, denn ich werde dieses Bündel vom ›Baum der Träume‹ an meinem Kopf befestigen und werde wie treibendes Unkraut aussehen, Baas. Aber möchte der Baas nicht lieber selbst gehen? Er schwimmt besser als ich und hat keine so große Abneigung gegen die Kälte; außerdem ist er klüger und die närrischen Walloos im Boot werden ihm eher gehorchen als mir, und sollte es zu einer Schießerei kommen, ist er der bessere Schütze. Ich glaube auch, daß ich auf Sabeela und dieses andere Mädchen da achtgeben kann und weiß auch ebensogut wie der Baas, wie man die Lunten entzündet.«

»Nein«, entgegnete ich entschieden, »es ist zu spät, um unseren Plan zu ändern, obwohl ich wünschte, ich könnte an deiner Stelle ins Boot gelangen, denn ich würde mich dort wohler fühlen.«

»Also gut, Baas, der Baas weiß es am besten«, entgegnete er resigniert. Hierauf entkleidete er sich, ohne sich um den Anstand zu kümmern, und hüllte seine schmutzigen Kleider in die Matte, in welche das Zweigbündel vom Baum der Illusionen gewickelt war. Wie er sagte, würde es ganz angenehm sein, im Boot oder im Jenseits trockene Kleider zum Anziehen zu haben. Nach diesen Vorbereitungen befestigte er das Bündel mittels der Schnüre, die wir von Sabeelas Händen geschnitten hatten, an seinem Kopf, und er begann seinen Ausflug, ein vor Kälte zitterndes, widerliches, runzliches, gelbes Ding. Zuerst aber küßte er mir die Hand und fragte, ob ich ihm eine Botschaft an meinen verehrten Vater am Ort der ewigen Feuer mitgeben wolle, wo es, bemerkte er, sicherlich wärmer sein würde, als hier. Außerdem erklärte er, daß er glaube, Sabeela sei die ganze Mühe, die wir uns um sie machten, nicht wert, besonders da sie im Begriff stünde, jemand anderen zu heiraten. Endlich sagte er mit Inbrunst, daß er, sollten wir jemals aus diesem Land davonkommen, sich zwei ganze Tage hindurch betrinken werde, und zwar bei der ersten Stadt, in der man Gin bekäme. Hierauf kroch er den Felsen hinab, und indem er seinen Revolver und eine kleine Patronenbüchse aus Antilopenleder über den Kopf hielt, glitt er geräuschlos wie ein Otter ins Wasser.

Jetzt begann, wie ich bereits gesagt habe, der Nebel rasch zu verschwinden, vielleicht infolge eines Luftzuges, der aus dem Osten herwehte. Ich habe es öfters in diesen Teilen Afrikas festgestellt, daß selbst in stillen Nächten zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang derartige Brisen auftreten. Die Oberfläche des Wassers war noch dunstig, so daß ich kaum den Umriß des Kanus in der Entfernung von etwa hundert Yards ausmachen konnte.

Plötzlich bemerkte ich mit Herzklopfen, daß dort etwas vorging, denn das Kanu schien umzuwenden, und ich glaubte, erstaunte Stimmen zu vernehmen und Leute sich erheben zu sehen. Dann gab es ein Plätschern und alles wurde wieder still. Offenbar hatte Hans das Boot sicher erreicht, doch wußte ich nicht, ob er es auch hatte besteigen können. Ich konnte dies nur hoffen.

Da es für uns nicht gut sein konnte, an unserem gegenwärtigen, sehr gefährlichen Standort zu verbleiben, unternahm ich es, zum Schleusenhaus zurückzukehren, wo es wichtige Dinge zu erledigen gab. Hierbei trug ich unser ganzes Gepäck wie vorhin, aber Gott sei Dank nicht mehr die schauerliche Last der Leiche. Sabeela schien noch halb betäubt zu sein, und so versuchte ich vorderhand gar nicht, sie zu befragen. Dramana ergriff sie beim linken Arm, und ich beim rechten, und wir liefen, indem wir sie so stützten, zum Schuppen zurück und betraten ihn unbehelligt. Hier verließ ich die beiden Frauen und ging hinauf auf die kleine Mole. Ich kauerte mich auf die oberste Stufe der Fischerstiege und lugte nach Hans und dem Kanu aus, denn, wie ihr euch erinnern werdet, war beschlossen worden, daß ich die Lunten nicht entzünden sollte, bevor er angelangt wäre.

Doch es erschien kein Kanu! Während all der langen Stunden vor Anbruch der Dämmerung, die mir wie eine Ewigkeit erschienen, wartete ich und hielt Ausschau, indem ich hin und wieder zum Schleusenhaus zurückkehrte, um mich zu überzeugen, daß Dramana und Sabeela in Sicherheit seien. Bei einem dieser Besuche erfuhr ich, daß sowohl ihr Vater, der Walloo, als auch Issicore im Boot seien, was das Ausbleiben unerklärlich machte, das heißt, wenn Hans das Boot tatsächlich erreicht hatte. Aber hatte er dies nicht oder war er vielleicht von einem anderen Unglücksfall ereilt worden, als er versuchte, es zu besteigen, dann war die Erklärung leicht genug, denn die Bemannung des Kanus würde unsere Lage nicht kennen und daher nicht wissen, daß wir auf Rettung warteten. Doch schließlich war es auch möglich, daß sie sich aus religiösen Gründen geweigert hatten, diesen Versuch zu unternehmen.

Die Unsicherheit war quälend. Über kurz oder lang mußte es hell werden, und wir würden zweifellos entdeckt und getötet werden, vielleicht auch gefoltert. Andererseits würde wahrscheinlich der Knall der Explosion gehört werden, wenn ich das Pulver losbrannte, was auch unsere Entdeckung herbeiführen mußte. Dennoch gab es ein Gegenargument, das dafür sprach, denn dann würde, wenn alles gut ginge, das Wasser hereinbrechen und den Priestern etwas anderes zu tun geben, als Jagd auf uns zu machen und uns zu fangen.

Ich blickte mich um. Das Kanu blieb unsichtbar. Es konnte noch dort sein oder war vielleicht bereits fortgefahren. Doch wußte ich, daß im letzten Falle Hans, wenn er noch am Leben war, wie abgemacht, seine Pistole abgefeuert hätte, um mich davon zu benachrichtigen, und außerdem hielt ich es für wahrscheinlich, daß er in diesem Fall lieber wieder zurück zur Insel gekommen wäre, um die Geschichte mit mir zusammen zu überstehen, als mich auf diese Weise zu verlassen. Je länger ich alle diese Dinge überlegte, und alle Möglichkeiten erwog, um so verwirrter und verzweifelter wurde ich. Offenbar hatte sich etwas ereignet. Aber was, was nur?

Das Wasser stieg noch immer; jetzt waren alle Stufen überflutet, und es stand nur noch einen oder zwei Zoll unterhalb der Mole, auf der ich mich niedergekauert hatte. Es war eine gewaltige Wassermasse, die aussah, als würde sie plötzlich den Deich überfluten, in welchem Fall der Schleusenschuppen zweifellos überschwemmt und unbetretbar gemacht würde.

Wie ich euch bereits gesagt zu haben glaube, befand sich einige Yards zu unserer Rechten ein großer Fels, der etwa sieben oder acht Fuß über den Deich emporstieg und dem Anschein nach ein einst aus dem Krater ausgeworfener Block war. Dieser Felsen war leicht zu besteigen und breit genug, um für uns drei Platz zu bieten. Außerdem konnte die Flut niemals seine Spitze erreichen; in diesem Falle hätte zunächst das ganze Land ringsum mehrere Fuß tief unter Wasser gesetzt werden müssen. Indem ich dies in Erwägung zog, kam ich plötzlich zu einem Entschluß; in der Tat, so plötzlich und so klar, daß ich fühlte, als ob ich durch einen außenstehenden Einfluß inspiriert worden sei.

Ich wollte die Frauen herausbringen und sie auf der Spitze dieses Blocks unterbringen, wobei ich Dramanas dunklen Mantel für geeignet hielt, sie selbst auch in dem hellen Mondlicht vor jeder Beobachtung zu bewahren. Dann wollte ich zum Schuppen zurückkehren, die Lunten anzünden und hierauf ebenfalls den Felsen besteigen, von wo aus wir alles bemerken konnte, was vorging und nach dem Kanu Ausschau halten, obwohl ich bereits alle Hoffnung auf seine Rückkehr aufgab.

Ich überwand meine Angst und Befürchtungen und machte mich ans Werk, um diesen Plan mit kalter, verzweifelter Energie auszuführen. Ich holte die beiden Schwestern, die in der Hoffnung auf Rettung bereitwillig herbeikamen, ließ sie auf den Felsen klettern und sich dort flach niederlegen. Hierauf breitete ich Dramanas großen dunklen Mantel über beide und über unsere Habseligkeiten. Dann begab ich mich zum Schuppen zurück, zündete ein Streichholz an und brachte es an die Enden der Lunten, die ausgezeichnet Feuer fingen und zu glimmen begannen. Ich stürzte aus dem Schuppen heraus, verschloß die schwere Tür und eilte zum Felsen zurück, auf den ich emporkletterte.

Es vergingen fünf Minuten, und ich glaubte bereits, daß die Lunten irgendwie versagt hätten, als ich einen heftigen Krach vernahm. Er war nicht überaus laut; tatsächlich zweifle ich, ob man ihn hätte in einer Entfernung von fünfzig Yards vernehmen können, wenn man nicht aufmerksam auf ihn gewartet hätte. Der Schuppen war gut gebaut und gedeckt und erstickte den Ton. Außerdem hatte dieser besondere Knall nichts gemein mit der Entladung eines Gewehrs, sondern ähnelte vielmehr dem Geräusch, das durch Herabfallen eines schweren Gegenstandes auf den Boden erzeugt wird.

Hierauf ereignete sich eine Weile nichts Besonderes. Plötzlich aber sah ich, vom Felsen hinabblickend, daß das Wasser im Schleusenkanal, welches bisher ruhig geblieben war, wie ein Mühlbach zu fließen begann, und es durchzuckte mich ein triumphierendes Gefühl, denn ich sah, daß ich Erfolg gehabt hatte.

Die Schleuse war gefallen, und die Flut ergoß sich über diese in das Land!

Angespannt beobachtete ich, was geschah und sah eine Minute später einen Stein von der Brüstung des Kanals herabfallen, der bis zum Rand voll war. Dann noch einen und wieder einen, bis plötzlich der ganze Bau verschwand. An seiner Stelle war jetzt eine große, wassergefüllte Bresche im Deich, die sich immer mehr vergrößerte und durch welche die angeschwollenen Fluten des Sees unaufhörlich immer stärker werdend sich ergossen. Im nächsten Augenblick brach der Schuppen wie ein Kartenhaus zusammen, denn seine Grundmauern waren unterspült worden, und ich bemerkte, daß an seiner Stelle sich buchstäblich ein Fluß, an dessen Oberfläche Dachteile schwammen, in die tiefer liegenden Gebiete dahinter ergoß, die vorher durch den Deich geschützt gewesen waren.

Ich blickte nach Osten; es begann hell zu werden, und jetzt verwandelte sich die Finsternis des Himmels an der Stelle, wo er den See zu berühren schien, in Grau. Die Dämmerung stand bevor.

Mit ununterbrochenem Brausen ergossen sich die Wassermassen durch den Riß im Deich, der jeden Augenblick breiter wurde, in das Land, unaufhaltsam, unerschöpflich; ihr Anblick war furchterregend. Jetzt war unser Felsen eine kleine Insel, umgeben von den Fluten. Eben erschien im Osten der erste Strahl der noch nicht aufgegangenen Sonne und fuhr über den geklärten Himmel hin wie ein riesenhafter Speer. Es war ein wunderbarer Anblick, und ich beobachtete ihn mit großem Interesse, denn ich dachte, daß es der letzte sei, den ich auf Erde genießen würde können.

Jetzt begannen die Frauen an meiner Seite voll Entsetzen zu schluchzen, denn sie dachten, sie würden von den Fluten verschlungen werden. Ich muß sagen, daß ich nun derselben Ansicht war, denn ich fühlte, wie unser Felsen unter uns erzitterte, als ob er im Begriff stünde, umzukippen, da sein Bett unterspült wurde, und in grundlose Tiefen zu versinken. Aber ich konnte nichts dagegen tun. So gab ich denn vor, nichts von ihrem Entsetzen zu bemerken, sondern starrte unausgesetzt nach Osten.

Da, in diesem Augenblick, bemerkte ich, nur wenige Yards von uns entfernt, das Kanu, das aus dem Nebel auftauchte. Ich konnte wegen des Gebrauses des dahinströmenden Wassers das Geräusch seiner Ruder nicht vernehmen. An seinem Heck stand Hans und hielt die Pistole auf den Kopf des Steuermanns gerichtet.

Ich erhob mich, und er bemerkte mich. Ich machte ihm Zeichen, auf welchem Weg er sich nähern solle, indem er das Kanu genau über dem Rücken des gebrochenen Walles hielt, wo das Wasser seicht war. Es war ein gefährliches Unternehmen, denn jeden Augenblick dachte ich, das Kanu würde umkippen und von den Wirbeln drüben beim Schleusenkanal verschlungen werden; aber die Walloos waren sehr geschickte Ruderer und die Pistole von Hans verlieh ihnen großen Mut.

Jetzt stieß der Bug des Kanus gegen den Felsen, und Hans, der vorwärts gekrochen war, warf mir ein Seil zu. Ich hielt es mit einer Hand, während ich mit der anderen die zitternden Frauen hinabließ. Er ergriff sie und warf sie wie Kornsäcke hinter sich ins Boot. Hierauf warf ich unsere Habseligkeiten hinein und sprang selbst mit einem verzweifelten Satz nach, denn ich fühlte, wie unser Felsen umkippte. Ich fiel halb ins Wasser, aber Hans und noch irgend jemand ergriff mich, und ich wurde über die Bordwand gezogen. Noch ein Augenblick – und der Felsen verschwand unter der gelben schäumenden Flut!

Das Kanu schwankte und begann sich um seine Achse zu drehen. Glücklicherweise war es groß und kräftig und mit mindestens zwanzig Ruderern bemannt. Hans brüllte Befehle, und die Ruderer arbeiteten wie nie zuvor. Eine ganze Minute lang war unser Schicksal ungewiß, denn der tosende Strom riß uns mit sich, und wir schienen keinen Zoll vorwärts zu kommen. Schließlich bewegten wir uns dennoch ein Stückchen gegen den Opferungsfelsen hin und innerhalb sechzig Sekunden waren wir in Sicherheit und außer dem Machtbereich der landeinwärts strömenden Wassermassen.

»Warum bist du nicht früher gekommen, Hans?« fragte ich.

»Oh, Baas, weil diese Narren nicht vorrücken wollten, bevor sie das erste Licht sahen, und als der Walloo und Issicore ihnen dies befahlen, drohten sie, sie zu töten. Sie sagten, es wäre gegen ihr Gesetz, Baas.«

»Verflucht seien sie alle auf zehn Generationen hinaus!« rief ich aus. Dann aber schwieg ich, denn was nützte es, mit derart abergläubischen Leuten zu rechten?

Noch ist der Aberglaube König über den größten Teil der Welt, obwohl er sich oft Religion nennt. Diese Walloos hielten sich ja auch tatsächlich für überaus fromme Leute!

So endete jene fürchterliche Nacht.

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