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Heu Heu oder das Monster

Henry Rider Haggard: Heu Heu oder das Monster - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorHenry Rider Haggard
titleHeu Heu oder das Monster
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1988
isbn3-453-00988-6
firstpub1925
translatorNiko Karapancsa
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160615
projectida6f828bd
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12
Der Anschlag

Wir verließen den Schuppen, und nachdem Dramana seine Tür sorgfältig verschlossen und den Steinschlüssel in dem dazu bestimmten Sack verwahrt hatte, führte sie uns zu dem berühmten Baum der Träume, dessen Saft und Blätter, wenn sie pulverisiert und entzündet wurden, die bekannten sonderbaren Träume und Vergiftungserscheinungen hervorriefen. Er wuchs in einem großen, ummauerten Platz, der ›Heu-Heus Garten‹ genannt wurde, obwohl darin sonst nichts gedieh. Dramana versicherte uns, daß dieser Baum einen vergiftenden Einfluß auf jede andere Vegetation ausübe.

Wir durchschritten eine Tür in der Mauer, zu der sie auch einen Schlüssel aus dem Sack holte, und standen vor dem berühmten Baum, wenn man ihn so nennen kann, denn sein Wuchs war eher buschartig und die Spitzen seiner höchsten Zweige nicht höher als zwanzig Fuß vom Boden entfernt. Andererseits bedeckte er aber ein großes Stück Land, und aus seinem zwei oder drei Fuß dicken Stamm verzweigten sich eine große Anzahl von Ästen, deren äußerste Spitzen auf dem Boden lagen und, so glaube ich, dort in der Art wilder Feigen Wurzel faßten, obgleich ich das nicht bestimmt behaupten kann.

Dieser Baum war ein unheiliges Produkt der Natur! Er trug kein eigentliches Laub, sondern nur dunkelgrüne euphorbienartige fleischige Finger – tatsächlich, ich glaube, er muß eine Art Euphorbie gewesen sein. An den Spitzen dieser Finger erschienen purpurfarbene Blüten mit einem überaus widerlichen Geruch, der mich an den Gestank von Aas erinnerte. Dieser Baum schien übrigens wie die Orange die Eigentümlichkeit zu haben, Blüten und Früchte zu gleicher Zeit hervorzubringen –, denn neben diesen Blüten trug er gelbe Samenschoten in der Größe von Feigendisteln. Sonst ist nichts über diesen Baum zu sagen, außer, daß sein Stamm mit verwitterter, grauer Rinde bedeckt war und daß seine fingerartigen Blätter mit einer harzartigen, weißen Milch, gleich der anderen Euphorbienarten, gefüllt waren. Ich füge hinzu, daß Dramana uns erzählte, es gäbe kein anderes Exemplar dieses Baumes, weder auf dem Festland, noch auf der Insel, und der Versuch, ihn anderwärts zu züchten, sei Gotteslästerung. Kurz, der Baum der Träume war ein Monopol der Priester.

Hans machte sich ans Werk und schnitt ein tüchtiges Bündel der Blätter oder Finger ab, die er mit einem Stück Schnur aus seiner Tasche zusammenband, um sie Zikali mitzubringen, obwohl nur geringe Aussicht vorhanden schien, daß sie ihn jemals erreichen würden. Es war dies keine angenehme Arbeit, weil beim Abschneiden der weiße Saft des Baumes ausfloß und, wo er auf die Haut kam, wie Höllenstein brannte.

Ich war froh, als er damit zu Ende war, denn die Blüten stanken erbärmlich. Aber ich ergriff die Gelegenheit, als Dramana wegsah, einige der reifsten Früchte zu pflücken und sie in meine Tasche zu stecken, mit der Absicht, die Samen zu pflanzen, falls wir jemals aus diesem Land entkommen sollten. Leider muß ich gestehen, daß ich diese Absicht niemals ausführen konnte. Die scharfen Stacheln, die auf den Früchten wuchsen, rissen ein Loch in das Futter meiner Tasche, das bereits durch den Gebrauch fadenscheinig geworden war, und sie fielen unbemerkt heraus. Offenbar hatte der Baum der Träume nicht die Absicht, sich anderswo fortzupflanzen; wenigstens war dies Hansens Erklärung.

Auf unserem Rückweg nach dem Haus hatten wir ein Lavafeld auf der Seeseite des Schleusenschuppens zu umgehen und überschritten auf einer kleinen Brücke den Wasserkanal in der Nähe von Landungsstufen, die von Fischern benützt wurden. Ich unterzog diesen Kanal, der den Deich durchbrach, und hier außerhalb der Schleuse etwa zwanzig Fuß breit war, einer Untersuchung. An seiner Seite befand sich, in die Wand eingemauert, eine Steinplatte mit eingegrabenen Markierungen, zweifellos zur Feststellung des Wasserstandes und der Steiggeschwindigkeit. Ich stellte fest, daß die oberste dieser Markierungen bereits von den Fluten umspült wurde und daß sie während der kurzen Zeit, die ich dort stand und beobachtete, völlig verschwand, was auf das rasche Steigen des Wassers hindeutete.

Dramana bemerkte, daß ich dafür Interesse zeigte, und teilte mir mit, daß die Priester behauptet hätten, es wäre noch niemals, selbst während der stärksten Regengüsse, das Wasser bis zur obersten Markierung gestiegen.

»Es ist gut, daß ihr eine so feste Schleuse habt, um das Wasser abzuhalten«, sagte ich.

»Gewiß, Herr«, entgegnete sie, »denn wenn sie bräche, würde diese ganze Seite des Eilandes unter Wasser gesetzt. Wenn du hinsiehst, wirst du bemerken, daß der See bereits höher als das bebaute Gebiet steht und sogar höher, als die Mündung der Höhle Heu-Heus. Die Überlieferung sagt, daß, als zuerst vor Hunderten von Jahren, diese Gebiete dem See entrissen wurden und der Deich gebaut wurde, um sie zu schützen, die Priester Heu-Heus auf den Regen vertrauten, der sie bewässern sollte. Aber dann kamen viele trockene Sommer und so gruben sie einen Kanal durch den Damm und ließen das Wasser zur Bewässerung herein. Damals erbauten sie auch die Schleuse, die du gesehen hast, um die Fluten im Falle einer Überschwemmung zurückzuhalten. Ein alter Priester sagte zu jenen Zeiten, daß dies Wahnsinn sei und eines Tages ihre Vernichtung herbeiführen werde, aber sie lachten über ihn und bauten die Schleuse. Er schien ja auch im Unrecht zu sein, denn seither brachten ihre Felder den doppelten Ertrag, und die Schleuse ist so fest, daß sie niemals von der Flut, wie groß sie auch gewesen war, durchbrochen wurde; dies kann auch niemals der Fall sein, denn der Schleusenstein erhebt sich etwa bis in Kindeshöhe über den Deich, der den See von den Marschen trennt.«

»Es könnte doch der See über den Deich emporsteigen«, bemerkte ich.

»Nein, Herr. Wenn du genau hinsiehst, wirst du bemerken, daß der Deich so hoch über seine Oberfläche emporragt, daß er niemals überflutet werden kann.«

»Dann hängt wohl alle Sicherheit von der Schleuse ab, Dramana?«

»Ja, Herr. Wenn die Flut hoch genug wäre, was sich bis jetzt seit Menschengedenken nicht ereignet hat, dann würde die Sicherheit der Stadt und auch der Höhle Heu-Heus von der Schleuse abhängen. Schon bevor der Berg in Flammen ausgebrochen war und die Stadt unserer Vorfahren zerstört hatte, wurde ihr neuer Eingang vom Boden aus hergestellt, denn vorher, heißt es, war ihr Zugang oben am Abhang. Außerdem ist ja keine Gefahr vorhanden, denn wenn irgendein Unfall sich ereignen und die Flut durchbrechen sollte, könnten alle den Berg hinauffliehen. Nur würden dann die bebauten Felder auf einige Zeit zerstört werden und Mangel Platz greifen. Dann müßte man sich Korn vom Festland herschaffen oder von den Vorräten leben, die in Schächten am Berghang verwahrt sind, um im Falle eines Krieges oder einer Belagerung verwendet zu werden.«

Ich dankte ihr für die Erklärung dieser interessanten, hydraulischen Probleme, und nach einem weiteren Blick auf den Wasserstandsfelsen, dessen oberste Markierung – wie gesagt – bereits verschwunden war, gingen wir zum Haus zurück, um uns auszuruhen und zu speisen.

Hier verließ uns Dramana und versprach, bei Sonnenuntergang zurückzukehren. Ich bat sie, dies ganz bestimmt zu tun, und zwar um ihrer selbst willen, was ich ihr aber nicht erklärte. Mir persönlich war es vollkommen gleichgültig, ob sie wiederkäme oder nicht, denn ich hatte alles von ihr erfahren, was sie uns sagen konnte. Aber da ich eine Katastrophe herbeiführen wollte, wollte ich ihr doch für den Fall, daß mir dies gelänge, jede Gelegenheit zum Entkommen geben, die sich uns bieten würde. Alles in allem war sie uns eine gute Freundin gewesen und sie haßte Dacha und Heu-Heu und liebte ihre Schwester Sabeela.

Hans begleitete sie zur Tür und machte sich in ungeschickter Weise viel zu schaffen, um ihr beim Anlegen ihres Blätterregenmantels behilflich zu sein, den sie abgelegt hatte und über dem Arm trug. Denn plötzlich hatte der Regen, der während unseres Spaziergangs fast aufgehört hatte, wieder in Strömen zu fallen begonnen.

Als wir gegessen hatten und innerhalb geschlossener Türen allein waren, hielten Hans und ich Rat.

»Was soll jetzt geschehen, Hans?« fragte ich, denn ich wünschte seine Ansicht kennenzulernen.

»Folgendes Baas, glaube ich«, entgegnete er. »Wenn es auf Mitternacht geht, müssen wir uns nahe den Stufen in der Nähe des Opferungsfelsens verbergen. Nicht bei denen an der Schleuse. Wenn dann das Kanu kommt und Sabeela zu ihrer Hochzeit herbeibringt, müssen wir, sobald sie übernommen und angebunden worden ist, zum Boot hinausschwimmen, es besteigen und nach Walloo zurückkehren.«

»Aber das würde Sabeela nicht retten, Hans.«

»Nein, Baas, ich habe mir nicht den Kopf über Sabeela zerbrochen, die, hoffe ich, mit Heu-Heu glücklich werden wird. Aber es würde uns retten, obwohl wir vielleicht einige unserer Habseligkeiten werden zurücklassen müssen. Wenn Issicore und die übrigen wünschten, Sabeela zu retten, wäre es besser, daß sie aufhörten, Feiglinge zu sein, die sich vor einem steinernen Götzen und einer Handvoll Priester fürchten, und sie selbst ans Werk gingen!«

»Höre, Hans«, sagte ich. »Wir sind hierhergekommen, um ein Bündel stinkender Blätter für Zikali zu bekommen und Sabeela zu retten, die ein Opfer von Narretei und Schlechtigkeit ist. Ersteres haben wir bekommen, das zweite muß noch getan werden. Ich habe die Absicht, diese unglückliche Frau zu retten oder bei diesem Versuch zu sterben.«

»Ja, Baas, ich habe gedacht, daß der Baas dies sagen würde, denn wir sind alle, jeder in seiner Art, Narren. Und wie kann einer aus seinem Herz die Narrheit ausgraben, die ihm seine Mutter hineingepflanzt hat, bevor er geboren wurde? Deshalb müssen wir, da der Baas ein Narr oder in Sabeela wegen ihrer Schönheit verliebt ist – ich weiß nicht, welches von beiden –, einen anderen Plan entwerfen und versuchen, uns bei seiner Ausführung umbringen zu lassen.«

»Was für einen Plan?« fragte ich, ohne auf seinen rohen Sarkasmus einzugehen.

»Ich weiß es nicht, Baas«, entgegnete er und starrte zur Decke. »Wenn ich etwas zu trinken hätte, dann würde ich vielleicht imstande sein, einen zu ersinnen, denn all diese Nässe hat meinen Kopf mit Nebel angefüllt und mein Magen ist voll Wasser. Dennoch, Baas, glaube ich den Baas recht zu verstehen. Er sagt, daß nach der Zerstörung der Steinschleuse der See hereinbrechen und diesen Ort und die Höhle Heu-Heus überfluten würde, in der die Priester und ihre Frauen versammelt sein werden, um ihn anzubeten?«

»Ja, Hans, dies glaube ich, und zwar in kürzester Zeit. Sobald das Wasser zu strömen begänne, würde es den Wall zu beiden Seiten der Schleuse durchbrechen und in gewaltigem Schwalle sich über das Land ergießen, um so mehr, als es jetzt wieder zu regnen begonnen hat.«

»Dann, Baas, müssen wir den Stein herabfallen lassen, und da wir selbst nicht stark genug dazu sind, müssen wir dies hier zu Hilfe nehmen«, und er brachte aus seinem Sack die zwei Pfundbüchsen Pulver zum Vorschein, aus kräftigem, verlötetem Blech verfertigte Behälter, in der Packung, in dem sie die Fabrik in England verlassen hatte. »Da ich der Herr des Feuers genannt werde, werden dies die Priester Heu-Heus ganz natürlich finden«, fügte er grinsend hinzu.

»Gewiß, Hans«, sagte ich nickend, »aber die Frage ist, wie wir dies tun sollen?«

»Ich denke auf folgende Weise, Baas: Wir müssen diese zwei Büchsen fest in das Loch im Felsen unter dem Zapfen einklemmen, und zwar mit Hilfe kleiner Steine. Dann müssen wir sie dick mit Lehm verkleiden, um dem Pulver Zeit zur Wirkung zu geben, bevor die Büchsen aus dem Loch herausgetrieben werden. Aber zunächst müssen wir Löcher in die Büchsen bohren und Lunten anfertigen, deren Enden wir in diese Löcher stecken. Es fragt sich nur, wie wir diese Lunten herstellen sollen?«

Ich schaute mich um. Da standen auf einem Brett im Zimmer die Tonlampen, mit denen der Raum bei Nacht beleuchtet wurde, und daneben lag eine Rolle des Dochtes, der hierzu verwendet wurde. Es waren dünne, trockene, geflochtene Binsenschnüre, mehrere Fuß davon.

»Da ist, was wir brauchen!« sagte ich.

Wir nahmen den Docht herunter und tränkten ihn mit einer Mischung von Öl und Schießpulver, das ich einer Patrone entnahm und – beim Zeus! – in einer halben Stunde hatten wir zwei ausgezeichnete Lunten, die, wie ich durch ein Experiment feststellte, volle fünf Minuten glimmen würden, bevor das Feuer das Pulver erreichte. Das war alles, was wir für den Augenblick tun konnten.

»Nun Baas«, sagte Hans, als wir unsere Vorbereitungen beendet und die Lunten verwahrt hatten, um sie trocknen zu lassen, »all dies ist ja sehr nett, aber angenommen, daß der Stein fällt und das Wasser hereinstürzt und alles glatt vonstatten geht, wie sollen wir die Insel verlassen? Wenn wir die Priester Heu-Heus ertränken – obwohl ich nicht glaube, daß uns dies gelingen wird, denn sie werden den Bergabhang hinaufklettern wie Kaninchen –, ertränken wir auch uns und werden in ihrer Gesellschaft an den Ort des ewigen Feuers reisen, von dem dein verehrter Vater mit solcher Vorliebe erzählte. Es wird sehr nett sein, zu versuchen, Heu-Heus Priester zu ertränken, doch werden dadurch weder wir noch Sabeela besser gestellt sein, wenn wir sie an diesem Pfeiler gebunden zurücklassen.«

»Wir werden sie nicht zurücklassen, Hans, das heißt, wenn alles nach meinen Erwartungen geht; wir werden jemanden andern dort lassen.«

Hans ging ein Licht auf und sein Gesicht erhellte sich.

»O Baas, jetzt verstehe ich, du meinst, daß du Dramana an den Pfeiler binden wirst, die älter und nicht ganz so hübsch ist wie Sabeela, und deshalb hast du ihr gesagt, daß sie die ganze Zeit bei uns bleiben muß, wenn sie zurückkommt? Das ist ein ausgezeichneter Plan, besonders weil er uns spätere Scherereien mit ihr erspart. Es wird nur nötig sein, Baas, ihr zuerst einen ganz kleinen Klaps auf den Kopf zu geben, sonst könnte sie Lärm machen und uns in ihrem Egoismus verraten.«

»Du bist ein Scheusal, Hans, daß du mir eine solche Absicht unterschieben kannst!« sagte ich empört.

»Ja, Baas, gewiß bin ich ein Scheusal, das zuerst an dich und mich selbst denkt, bevor es sich um andere kümmert. Wen sonst will der Baas dann dort lassen? Hoffentlich denkt er nicht daran, mich, in Brautgewänder gehüllt, festzubinden?« fügte er in ernstlicher Aufregung hinzu.

»Du bist ein ebenso großer Narr wie du ein Scheusal bist, Hans, denn so dumm du auch bist, wie sollte ich ohne dich weiterkommen? Ich habe nicht die Absicht, einen Lebenden zurückzulassen, sondern das tote Weib im Schleusenhaus.«

Mit offener Bewunderung starrte er mich an und entgegnete:

»Der Baas wird wirklich ganz gescheit! Das erstemal, daß er an etwas gedacht hat, das mir nicht zuerst eingefallen ist! Das ist ein ausgezeichneter Plan, vorausgesetzt, daß wir sie unbemerkt hinbringen können und uns Sabeela nicht dadurch verrät, daß sie Lärm schlägt, lacht oder weint, wie es dumme Weiber zu tun pflegen. Aber angenommen, daß alles gut vonstatten geht, so werden wir dann unser vier sein; und wie sollen wir in das Boot kommen, Baas, wenn diese feigen Walloos so lange zögern werden?«

»So, Hans: Wenn das Kanu Sabeela ans Land gebracht hat und sie an dem Pfosten festgebunden worden ist, dann wartet es, wenn Dramana die Wahrheit gesagt hat, in geringer Entfernung auf das Morgengrauen. Während es wartet, mußt du zu ihm hinausschwimmen und wirst deine Pistole mitnehmen, die du mit einer Hand über deinen Kopf halten wirst, um sie vor der Nässe zu bewahren, sonst aber alles zurücklassen. Du mußt dann in das Boot zu kommen trachten und dich dem Walloo oder Issicore, oder wer eben da ist, zu erkennen geben. Dann, wenn alles ruhig ist, werden Dramana und ich den Leichnam jener Frau zum Pfeiler bringen und ihn an Stelle Sabeelas daran festbinden. Hierauf wirst du das Kanu zur Landungstreppe bringen – zu der kleinen Landungstreppe beim großen Lavablock, die wir in der Nähe der Mündung des Kanals gesehen haben und von der uns Dramana sagte, daß sie von Fischern benützt werde, denen die geheiligte Treppe am Opferungsfelsen verwehrt sei. Kannst du dich an sie erinnern?«

»Ja, Baas. Du meinst jene Treppe am Ende einer kleinen Mole, die dazu dient, um den Schlamm des Sees von der Mündung des Kanals abzuhalten, damit diese nicht verstopft werde.«

»Wenn ich dich kommen sehe, Hans, werde ich die Lunten anzünden, und dann werden wir zu jener Mole laufen und das Kanu besteigen. Ich hoffe, daß die Priester und ihre Weiber in der Höhle, die sich ja doch in einer gewissen Entfernung befindet, die Explosion des Pulvers innerhalb des Schuppens nicht vernehmen, und beim Verlassen der Höhle alles überschwemmt finden und im eindringenden Wasser zugrunde gehen werden. Das wird sie von unserer Verfolgung abhalten, die sie sonst zweifellos aufnehmen würden, denn ich bin überzeugt, daß sie irgendwo in der Nähe Kanus verborgen haben, wenn auch Dramana nicht weiß, wo sie stecken. Verstehst du mich jetzt?«

»Oh, gewiß, Baas. Wie ich schon sagte, ist der Baas ganz plötzlich recht klug geworden. Ich denke, es muß dies an dem Wein der Träume liegen, den er gestern abend getrunken und der seinen Geist belebt hat. Nur an eines hat der Baas nicht gedacht. Angenommen, daß ich sicher bis ins Kanu gelange, wie soll ich jene Leute veranlassen, an die Landungsbrücke zu rudern und euch aufzunehmen? Wahrscheinlich werden sie voller Furcht sein, Baas, oder behaupten, daß es gegen ihr Gesetz geht oder daß Heu-Heu sie ergreifen wird, falls sie es tun oder sonst etwas Derartiges.«

»Du wirst freundlich mit ihnen sprechen, Hans. Und wenn sie nicht hören wollen, dann nimm deine Pistole und sprich ernst mit ihnen. Ja, wenn nötig, wirst du einen oder mehrere von ihnen erschießen, worauf dir die übrigen gehorchen werden, denke ich. Doch hoffe ich, daß dies nicht nötig sein wird. Wenn Issicore dabei ist, wird er sicher wünschen, Sabeela von Heu-Heu zurückzugewinnen. Nun haben wir alles abgemacht, und ich will eine Zeitlang schlafen und nehme die Lunten unter mich, damit sie trocknen. Dir rate ich, dasselbe zu tun. Wir haben wenig Ruhe in der vergangenen Nacht gefunden und heute nacht werden wir gar nicht ruhen können. Es wird uns daher gut tun, uns auszuruhen, so lange wir es können. Aber zunächst bring jene Matte her und binde die Äste des stinkenden Baumes darauf, die wir Zikali bringen sollen, damit sie trocknen können. Übrigens soll diesen alten Schwindler der Teufel holen dafür, daß er uns auf dieses Abenteuer ausgesandt hat!«

Alles in Ordnung! wiederholte ich mir mit innerlichem Sarkasmus, als ich mich niederlegte und die Augen schloß. In Wirklichkeit war niemals etwas weniger in Ordnung gewesen; denn in einer derartig verzweifelten Angelegenheit hing der Erfolg von einer endlosen Kette von Hypothesen ab, einer von hier bis nach Kapstadt reichenden Kette. Unser Fall war ein ausgezeichnetes Beispiel für das alte Sprichwort:

Wenn nur die Wenn's und alle Und's
Schon Topf und Pfanne machten uns,
Dann gäb es nichts zu tun am Ende
Für alle Kesselflickerhände.

Wenn das Kanu kam; wenn es in einer Entfernung vom Felsen wartete; wenn Hans unbemerkt bis zu ihm hinschwimmen und an Bord klettern konnte; wenn er jene abergläubischen Walloos überreden konnte, uns abzuholen; wenn wir unser kleines Spiel mit dem Pulver unentdeckt ausführen konnten; wenn das Pulver plangemäß explodierte und den Schleusenhebel sprengte; wenn wir Sabeela vom Pfosten losbinden konnten; wenn sie sich nicht nach Frauenart hysterisch benahm; wenn nicht geheime Spione während aller dieser Arbeiten uns den Hals abschnitten, und noch eine ganze Masse anderer ›wenn‹ – dann, dann würden unsere Töpfe und Pfannen in befriedigender Weise repariert und vielleicht die Priester Heu-Heus in ebenso befriedigender Weise verscheucht oder ertränkt werden! Wie die Sache lag, schien es mir, als würden wir nicht nur diese Nacht Ruhe finden, sondern noch tiefer schlummern als uns lieb war – nämlich den letzten langen Schlaf auf dieser Welt.

Nun gut, das war nicht zu ändern. Und so kam ich wieder auf meinen beliebten Fatalismus zurück, sprach mein Gebet und versank in Schlaf, was ich Gott sei Dank zu jeder Zeit unter allen Umständen zustande bringe. Hätte ich diese Gabe nicht besessen, so wäre ich bestimmt schon lange tot.

Als ich erwachte, war es finster, und ich fand Dramana über mich gebeugt; ja, es war ihr Eintritt, der mich erweckte. Ich sah auf meine Uhr und entdeckte zu meiner Überraschung, daß es bereits zehn Uhr abends vorbei war.

»Warum hast du mich nicht früher geweckt?« sagte ich zu Hans.

»Wozu denn, Baas, da doch nichts zu tun war, und es langweilig ist, ohne einen trinkbaren Tropfen müßig zu gehen.«

Das sagte er, aber in Wirklichkeit hatte er selbst fest geschlafen. Immerhin, ich war diesem Umstand ganz dankbar, denn so ersparten wir uns manche langweilige Wartestunde.

Da entschloß ich mich plötzlich, Dramana alles zu sagen und tat es auch. Diese Frau hatte etwas an sich, das mich veranlaßte, ihr zu vertrauen; auch war sie offenbar toll vor Sehnsucht, Dacha zu entkommen, denn sie haßte und von dem auch sie gehaßt wurde. Außerdem wußte sie, daß er entschlossen war, sie zu ermorden, sobald Sabeela in seinen Besitz gelangt war.

Sie lauschte und starrte mich an, verblüfft über die Kühnheit meines Planes.

»Es kann alles gut ausgehen«, sagte sie, »obgleich man noch die Zauberkunst der Priester zu fürchten hat, die sie über Wege unterrichten könnte, welche ihre Augen nicht sehen.«

»Ich will diesen Zauber riskieren«, entgegnete ich.

»Noch eines ist zu bedenken«, fuhr sie fort. »Wir können nicht in den Raum kommen, wo die steinerne Schleuse sich befindet, die du zerstören willst. Wie mir befohlen wurde, habe ich den Sack mit den beiden Schlüsseln nach meiner Rückkehr in die Höhle Dachas zurückgegeben, und er hat ihn an einem Ort verwahrt, den ich nicht kenne. Die Tür ist sehr stark, Herr, und kann nicht gesprengt werden, und wenn ich zu Dacha ginge, um ihn wieder um den Schlüssel zu bitten, würde er alles ahnen, besonders da das Wasser schneller als jemals seit Menschengedenken steigt und Priester hingegangen sind, um sich zu vergewissern, daß der Schleusenstein so befestigt ist, daß er nicht bewegt werden kann – jawohl, und den Hebel mit Seilen festgebunden haben.«

Ich saß ganz still, denn ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Ich hatte die Sache mit diesem Schlüssel vollkommen übersehen! Da hörte ich plötzlich Hans idiotisch kichern.

»Worüber lachst du denn, du Esel?« fragte ich. »Ist es jetzt Zeit zu lachen, wenn alle unsere Pläne ins Wasser gefallen sind?«

»Nein, Baas, oder besser gesagt, ja, Baas. Nämlich, Baas, ich ahnte, daß sich etwas Derartiges ereignen könne; deshalb nahm ich den Schlüssel aus Dramanas Sack und steckte einen Stein von ungefähr gleichem Gewicht an seine Stelle. Hier ist er«, und er zog aus seiner Tasche dieses gewichtige Schließinstrument von altertümlichem Aussehen.

»Das war gescheit! Nur sagtest du, Dramana, daß die Priester seither im Schuppen gewesen sind, wie konnten sie ihn ohne diesen Schlüssel betreten?« fragte ich.

»Es gibt zwei Schlüssel, Herr, der sogenannte ›Wächter der Schleuse‹ hat einen für sich. Seinem Eid getreu trägt er ihn stets am Gürtel mit sich herum und schläft bei Nacht mit ihm. Der Schlüssel, den ich hatte, ist jener des Hohepriesters, der sich seiner und anderer Schlüssel bedient, um in alles seinen Blick werfen zu können, wenn er es wünscht, obgleich er es selten, wenn überhaupt jemals, tut.«

»So ist denn alles so weit in Ordnung, Dramana, hast du uns sonst noch etwas zu sagen?«

»Ja, Herr, du wirst gut daran tun, noch heute nacht von dieser Insel zu entfliehen, wenn du irgend kannst, denn in der heutigen Beratung wurde durch Heu-Heu ein Orakel gegeben, daß du und dein Gefährte morgen beim Hochzeitsfest zu opfern seid. Es ist ein Opfer zugunsten der Waldbewohner, die jetzt wissen, daß jenes Weib durch euch getötet worden ist. Sie sagen, daß sie nicht gegen die Walloos kämpfen wollen, solange ihr am Leben seid, Ich glaube, daß auch ich mit euch geopfert werden soll.«

»So, so?« sagte ich und überlegte. Wenn ich je irgendwelche Gewissensbisse gehabt hatte, diese fanatischen Scheusale zu ertränken, waren sie jetzt durch Gründe beseitigt, die mich vollständig beruhigten. Ich hatte gar nicht die Absicht, mich opfern zu lassen, wenn ich dies irgendwie verhindern konnte, weder jetzt noch wann immer in der Zukunft. Sicherlich war es der beste Weg, dies zu verhindern, indem wir diesen Mordsüchtigen eine Dosis ihrer eigenen Medizin verabreichten. Von diesem Augenblick an wurde ich ebenso gewissenlos wie Hans.

Ich verstand jetzt, weshalb wir mit solcher Höflichkeit behandelt worden waren und man uns gestattet hatte, alles zu sehen, was wir wünschten. Es geschah, um unseren Verdacht einzuschläfern! Was machte es aus, wie viel wir erfuhren, wenn wir innerhalb weniger Stunden in ein Land gesandt werden sollten, von dem aus wir es niemandem mitteilen konnten?

Ich erkundigte mich eingehender nach diesem Orakel, doch erhielt ich von Dramana nur Antworten, die ich nicht verstand. Jedenfalls schien es nach dem, was sie sagte, auf die Bitten des wilden Waldvolkes hin erteilt worden zu sein, die Genugtuung für den Tod ihrer Gefährtin forderten. Dies erklärte alles, und in der Tat spielten Einzelheiten dabei keine Rolle.

Nachdem ich alle Informationen gesammelt hatte, ließen wir uns zum Abendessen nieder. Hierbei teilte uns Dramana mit, daß man beschlossen hatte, uns unsere Waffen, die als ›feuerspeiend‹ bekannt waren, vor Anbruch der Morgendämmerung im Schlaf zu stehlen, um uns bei unserer Ergreifung wehrlos zu machen.

So war es denn klar – wenn wir überhaupt handeln wollten, so mußte es sofort geschehen.

Ich aß so viel, als ich vermochte, denn Nahrung verleiht Stärke, und Hans tat dasselbe. In der Tat, ich glaube, daß er selbst beim Anblick der Schlinge, die sich mit seinem Hals beschäftigen sollte, mit dem besten Appetit gespeist hätte. »Laßt uns essen und trinken, denn morgen müssen wir sterben«, wäre seine Lieblingsdevise gewesen, wenn er sie gekannt hätte. Wir tranken sogar von dem Eingeborenenbier, das uns Dramana gebracht hatte, denn ich dachte, daß eine mäßige Quantität Alkohol uns beiden guttun würde, besonders Hans, der die Aussicht hatte, eine beträchtliche Strecke durchschwimmen zu müssen. Kaum hatte ich das Zeug geschluckt, bereute ich es, denn es fiel mir ein, daß es mit einer Droge versetzt worden sein könnte, doch war diese Befürchtung ungerechtfertigt, denn Dramana hatte darüber gewacht.

Als wir unser Mahl beendet hatten, nahmen wir unsere geringen Habseligkeiten an uns und verstauten sie so zweckmäßig als möglich. Einen Teil davon gab ich Dramana zu tragen, denn sie war ein kräftiges Weib, und natürlich konnte Hans, der zu schwimmen hatte, mit nichts als mit seiner Pistole und dem Blätterbündel vom Baum der Träume beladen werden. Dieses letztere, dachte ich, würde ihm helfen, sich über Wasser zu halten und ihn den Blicken zu entziehen.

Hierauf brachen wir auf – etwa um elf Uhr – und warfen über unsere Köpfe Moskitonetze, die zum Zudecken unserer Betten bestimmt waren, um möglichst jenen Wilden zu gleichen, so weit es ging.

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