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Heu Heu oder das Monster

Henry Rider Haggard: Heu Heu oder das Monster - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorHenry Rider Haggard
titleHeu Heu oder das Monster
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1988
isbn3-453-00988-6
firstpub1925
translatorNiko Karapancsa
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160615
projectida6f828bd
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11
Die Schleuse

Die ganze Nacht hindurch regnete es, und zwar nicht in den gewöhnlichen, kurzen tropischen Wolkenbrüchen, aber ununterbrochen und buchstäblich wie aus Eimern. Selten habe ich in meinem Leben so einen Regen gehört, wie er auf das Dach unseres Hauses herniederströmte, welches im übrigen ausgezeichnet gebaut sein mußte, da es sonst nachgegeben hätte. Als wir uns morgens erhoben und zur Tür traten, um hinauszublicken, war der ganze Boden überschwemmt und eine dichte Wassermauer schien sich von der Erde bis zum Himmel zu erstrecken.

»Ich denke, da wird es wohl eine Überschwemmung geben, Baas«, bemerkte Hans.

»Ich glaube es auch«, entgegnete ich, »und wenn wir nicht hier wären, möchte ich wünschen, daß sie tief genug wäre, um alle diese menschlichen Scheusale auf dieser Insel zu ersäufen.«

»Das ist unmöglich, Baas, denn schlimmstenfalls würden sie auf den Berg hinaufklettern, obwohl es bestimmt in die Höhle hinabfließen und Heu-Heu eine Abkühlung zuteil werden lassen würde – die ihm auch nottut.«

»Wenn es in der Höhle hinabflösse, würde es ebenso gut in das Innere des Berges dringen«, begann ich, dann hielt ich inne, denn mir kam ein Gedanke.

Ich hatte bemerkt, daß die Höhle sich ziemlich steil gegen den Fuß des Berges und nach seiner Mitte hin senkte; wahrscheinlich war sie der Entstehung nach ein Ausbruchsschlot, der in grauer Vorzeit, als der Vulkan noch in voller Tätigkeit war, durch den Fels gesprengt worden war und aus unbekannten Gründen unverschlossen oder nur leicht verschlossen blieb. Angenommen, daß jetzt eine große Wassermenge die Höhle hinablief und sich ins Innere des Berges ergoß, war es da nicht wahrscheinlich, daß sich etwas Ungewöhnliches ereignen würde? Der Vulkan war noch nicht erloschen – dies sah man an dem Rauch, der über seinem Gipfel hing und an dem glühenden Lavastrom, den wir an seinem südlichen Abhang hatten herabfließen sehen – und Feuer und Wasser passen nicht gut zusammen. Es entsteht Dampf und Dampf breitet sich aus. Dieser Gedanke setzte sich derart in meinem Kopf fest, daß ich ihn bereits für eine Art Inspiration zu halten begann, doch sagte ich Hans nichts davon, denn als Wilder verstand er derartige Dinge nicht.

Etwas später wurde uns durch einen der dienenden Priester Nahrung hereingebracht. Er brachte uns auch die Botschaft Dachas, daß er es bedauere, sich uns an diesem Tage nicht widmen zu können, denn er hätte viele Angelegenheiten, die ihn in Anspruch nähmen, aber daß Dramana dies übernehmen und uns alles zeigen würde, was zu sehen wäre, so weit es der Regen gestattete.

Nach kurzer Zeit kam sie auch – allein, wie ich es erhofft hatte – und begann sofort über die Regengüsse der vergangenen Nacht zu sprechen; sie behauptete, daß derartige Regenfälle sich in diesem Land noch niemals ereignet hätten. Sie fügte hinzu, daß an diesem Morgen bereits alle Priester draußen gewesen wären, um den großen Schleusenstein an seinen Platz zu ziehen. Denn nur so könnte das Wasser des Sees gehindert werden, das fruchtbare Land zu überfluten und die Ernte zu zerstören.

Ich sagte ihr, daß ich mich für derartige Dinge überaus interessiere, und stellte einige Fragen über diese Schleuse, die sie nicht beantworten konnte, denn sie wußte nichts über ihre Wirkungsweise. Sie sagte jedoch, sie würde mir diese zeigen, so daß ich ihr System untersuchen könnte.

Ich dankte ihr und erkundigte mich, ob der See bereits stark angeschwollen sei. Sie entgegnete, daß dies noch nicht der Fall sei, aber daß wohl ein starkes Anschwellen im Laufe des Tages und der folgenden Nacht zu erwarten sei, wenn sein Wasser durch die Gewässer des angeschwollenen Flusses vermehrt würde. Auf alle Fälle befürchtete man dies, und es war für sicherer gehalten worden, den Schleusenstein an seinen Platz zu bringen, was infolge seines Gewichtes eine schwierige Aufgabe gewesen sei. Tatsächlich sei auch eine Frau, die aus Neugierde zu Hilfe gekommen war, von einem Hebel – ich verstand, daß sie dies meinte – erfaßt und getötet worden. Sie läge noch dort bei der Schleuse, denn es wäre den Priestern Heu-Heus und ihren Dienern nicht gestattet, in der Zeit zwischen dem Fest der Träume, das vorige Nacht gefeiert worden sei, und dem Fest der Hochzeit, das in der morgigen Nacht stattfinden werde, einen Leichnam zu berühren, obgleich sie dies sonst öfters taten, wie sie bezeichnenderweise hinzufügte.

»Es ist also ein blutiges Fest?« fragte ich.

»Ja, Herr, ein blutiges Fest und ich bete, daß es sich nicht um euer Blut handeln möge!«

»Sorge dich nicht darum«, entgegnete ich leichthin, obgleich ich mich in Wahrheit ziemlich niedergeschlagen fühlte. Hierauf bat ich sie, mir genau zu sagen, was bei der Überbringung der ›Heiligen Braut‹ stattfinden werde.

»Folgendes, Herr«, sagte sie. »Vor Mitternacht, wenn der Mond am vollsten sein sollte, kommt ein Kanu an, und bringt die Braut von der Stadt der Walloos. Priester übernehmen sie und binden sie an den Pfeiler, der auf dem Opferungsfelsen zwischen den »Ewigen Flammen« steht. Hierauf zieht sich das Kanu zurück und wartet in einiger Entfernung. Auch die Priester verschwinden und lassen die Braut allein. Ich weiß das alles, Herr, denn ich bin einst diese Braut gewesen. Dort steht sie nun, bis der erste Strahl der aufgehenden Sonne auf sie fällt. Da erscheint aus dem Mund der Höhle der Hohepriester, der, um dem Gott ähnlich zu sehen, in Felle gehüllt ist und von seinen Frauen und einigen wilden Haarleuten begleitet wird, die triumphierende Schreie ausstoßen. Er befreit die Braut, und sie schleppen sie in die Höhle und dort, Herr, verschwindet sie.«

»Und glaubst du, daß sie überhaupt gebracht wird, Dramana?«

»Gewiß wird sie gebracht werden! Wenn mein Vater oder Issicore, oder sonst irgend jemand sich weigerte, sie hierherzusenden, so würden sie durch ihr eigenes Volk erschlagen werden, das überzeugt ist, daß es sonst von Unheil betroffen würde. Wenn du, o Herr, sie nicht durch deine Kunst erretten kannst, muß meine Schwester Sabeela Heu-Heus – das heißt Dachas – Gattin werden.«

»Ich will mir die Sache überlegen«, sagte ich, »aber wenn ich mich entschließe zu helfen, dann wünschest du auch, wenn ich dich recht verstehe, von dieser Insel zu entfliehen?«

»Herr, ich habe es dir bereits gesagt und will nur noch folgendes hinzufügen: Dacha haßt mich, und wenn ich seinen Zwecken gedient habe und er Sabeela, die wirkliche Erbin der Fürstenwürde, in seinen Händen hat, wird es sicher mein Los sein, dort zu stehen, wo gestern dieses arme Weib gestanden hat, das sich selbst tötete, um einem ärgeren Schicksal zu entgehen. Rette mich, wenn du kannst.«

»Ich werde dich retten – wenn ich kann«, entgegnete ich, und ich meinte es ganz aufrichtig, ebensosehr, als ich mich selbst zu retten hoffte.

Hierauf verlangte ich von ihr, daß sie mir ohne jede Frage in allen Stücken gehorchen müsse, und sie schwor es mir. Auch fragte ich sie, ob sie uns ein Kanu verschaffen könne.

»Dies ist unmöglich«, erwiderte sie. »Dacha ist klug; er hat daran gedacht, daß ihr in einem Kanu fliehen könntet. Deshalb sind alle Boote auf die andere Seite der Insel gebracht worden, wo sie von den Wilden bewacht werden. Das ist der Grund, weshalb er euch gestattet, frei hier herumzustreifen, denn er weiß, daß ihr ihn nicht verlassen könnt, außer ihr hättet Flügel. Der See ist zu breit, als daß ein Mann ihn durchschwimmen könnte, und außerdem ist die Küste bei Walloo von Krokodilen bevölkert.«

Nun, meine Freunde, ihr könnt euch denken, daß dies ein harter Schlag war. Nichtsdestoweniger behielt ich die Beherrschung und sagte, daß in diesem Fall ein anderes Mittel gefunden werden müßte. Ich fragte nur obenhin, ob es an dieser Stelle der Inselküste auch Krokodile gebe. Sie entgegnete, daß dies nicht der Fall sei, denn sie würden, wie sie glaube, durch die Flammen der ewigen Feuer oder durch den Gestank des Rauches abgeschreckt.

Als hierauf wenigstens für kurze Zeit der strömende Regen nachgelassen hatte, machte ich den Vorschlag, etwas auszugehen. Auch war mir das Wetter ziemlich gleichgültig, denn Dramana hatte, um uns davor zu schützen, für uns und sich drei der sonderbarsten Regenmäntel gebracht, die ich je gesehen hatte. Sie bestanden aus je zwei riesigen Blättern einer Art Wasserlilie, die am Ufer des Sees wuchs, welche zusammengenäht und oben an der Stelle, wo der Stiel ansetzte, mit einem Ausschnitt für den Kopf sowie seitlich mit zwei Löchern für die Arme des Trägers versehen waren. Übrigens hielt kein Mackintosh jemals besser die Feuchtigkeit ab, als diese Blätter, deren einziger Nachteil darin bestand, wie ich hörte, daß sie etwa alle drei Tage erneuert werden mußten. Mit dieser sonderbaren Bekleidung versehen, traten wir in den Regen hinaus, der bei uns immerhin noch außerordentlich stark genannt worden wäre, obgleich er im Vergleich zu dem, der vorher niederging, ein bloßes Nieseln war. Dieser Regen hatte für uns den großen Vorteil, wie ich gestehen muß, daß nicht einmal ein neugieriges Weib ihre Nase aus der Tür hervorstreckte. So kam es, daß wir die Niederlassung der Priester vollständig unbeobachtet und ganz nach unserem Wunsche besichtigen konnten.

Das Dorf war klein, denn es gab nie mehr als fünfzig Priester im Kollegium, wenn man es so nennen kann, zu denen natürlich noch ihre Gattinnen und sonstigen Weiber, durchschnittlich etwa drei oder vier pro Mann, hinzugezählt werden mußten.

Sonderbar war bloß, daß es weder Kinder noch Greise zu geben schien. Entweder wurden keine Sprößlinge geboren, oder die Leute starben jung auf der Insel, oder man schaffte sie alle beiseite, etwa, indem man sie Heu-Heu opferte. Es tut mir leid, daß ich mich nicht erinnere, unter dem Druck der großen Gefahren, die uns bedrohten, Erkundigungen über diesen Punkt eingezogen zu haben. Oder habe ich vielleicht die Antwort vergessen, die mir auf eine gelegentliche Frage erteilt wurde? Erst später kam ich dazu, mir über diesen sonderbaren Umstand Gedanken zu machen. Es bleibt die Tatsache bestehen, daß auf der Insel weder junge Leute noch Greise zu finden waren. Beiläufig bemerkt, gibt es noch eine andere mögliche Erklärung, nämlich, daß man sie auf das Festland hinübertransportierte.

Hier möchte ich hinzufügen, daß mit Ausnahme Dramanas und einiger weniger Frauen die Weiber leidenschaftlicher ergebene und grausamere Anhängerinnen Heu-Heus waren als selbst die Männer. Das hatte ich während des Festes der Träume in der Höhle bemerkt.

Im übrigen lebten alle in Wohnungen, wie man auch uns eine gegeben hatte, und wurden von Dienern oder Sklaven aus dem Stamme des wilden Volkes der Heuheua bedient. So tiefstehend auch diese Heuheua waren und so widerlich auch ihr Äußeres erschien, so waren sie doch gleich unseren südafrikanischen Buschleuten in ihrer Weise klug und, wenn man sie anwies, zu mancherlei Diensten geschickt. Auch waren sie den Befehlen ihres Gottes Heu-Heu, oder besser gesagt, denen seiner Priester, überaus ergeben, obwohl sie die Walloos, von denen diese Priester abstammten, haßten und einen beständigen Krieg gegen diese führten.

Bald hatten wir die Häuser hinter uns gelassen und waren auf bebautes Land hinausgekommen, welches, wie uns Dramana sagte, vollständig von den Heuheuasklaven bestellt wurde. Diese arbeiteten hier in Abteilungen, etwa für die Zeit eines Jahres, und wurden dann zu ihren Frauen in die Wälder am Festland zurückgesandt, denn es war keinem von ihnen, außer den Dienern, gestattet, auf der Insel zu bleiben. Diese Felder waren außerordentlich fruchtbar, wie die darauf befindliche Frucht zeigte, die zwar von den Regengüssen etwas niedergeschlagen, sonst aber reif zur Ernte war. Sie waren durch eine Art aus Lavablöcken erbauten Deiches eingeschlossen und schienen vor Zeiten den schlammigen Urtiefen des Sees entrissen worden zu sein, was auch der Grund ihrer Ertragsfähigkeit war. Überall waren über sie Bewässerungskanäle verteilt, die während der heißen, trockenen Zeit der Aussaat benützt und durch die besprochene Schleuse reguliert wurden. Das ist alles, was man über die Felder sagen kann, außer vielleicht, daß dieses Bewässerungssystem meiner Ansicht nach ein weiterer Beweis dafür ist, daß die Walloos von einer hochkultivierten Rasse abstammten. Das bebaute Gebiet erstreckte sich bis zu jenem Teil der Insel, der der Küste der Walloos gegenüberlag. Wie weit es nach der anderen Seite reichte, weiß ich nicht.

Von dem Ort, an dem wir standen, sahen wir in einer Entfernung eine Anzahl beweglicher Punkte auf dem Wasser. Ich fragte Dramana, ob es Flußpferde seien, und sie entgegnete:

»Nein, Herr, das sind haarige Wilde, die, gehorsam dem Aufruf des Gottes gehorchend, auf Schilfbündeln über den See setzen, um sich für den bevorstehenden Krieg gegen den Walloo bereitzuhalten. Es sind bereits Hunderte von ihnen auf der anderen Seite des Berges versammelt und in dieser Nacht werden sämtliche ihrer kräftigen Männer gekommen sein, während nur die Weiber, Greise und Kinder in den Tiefen der Wälder verborgen zurückbleiben. Am dritten Tage, von heute an gerechnet, werden sie über den See zurückrudern und unter der Führung der Priester und Dacho Walloo angreifen.«

»In drei Tagen kann viel geschehen«, sagte ich und ließ den Gegenstand fallen.

Wir schritten auf dem Deich zum Dorf und zur Mündung der Höhle zurück und gelangten schließlich auf dem Pfad, der über ihn hinlief, zum Opferungsfelsen, zu dessen beiden Seiten jene zwei sonderbaren Flammensäulen brannten, die nach meiner Ansicht mit natürlichem Gas aus dem Innern des Vulkans gespeist wurden. Es waren dies nicht sehr große Feuer, wenigstens damals nicht, als ich sie sah – die Flammen mögen etwa acht oder zehn Fuß hoch gewesen sein, nicht mehr. Dramana sagte, daß sie seit dem Anbeginn aller Dinge hier gebrannt hätten. Zwischen ihnen stand in einiger Entfernung ein Steinpfeiler mit steinernen Ringen, an welchen man die Braut zu binden pflegte. Ich bemerkte, daß an diesen Ringen neue Seile hingen, die für Sabeela vorbereitet waren.

Nachdem wir alles, was an diesem Opferungsfelsen zu sehen war, einschließlich der Stufen, an denen das Opfer gelandet wurde, besichtigt hatten, schritten wir zu einem langen Schuppen mit einem steilen Schilfdach. Dieser barg die Maschinerie, wenn man es so nennen kann, durch die die Bewässerungsschleuse reguliert wurde. Dieser Schuppen war durch eine schwere hölzerne Tür verschlossen, die Dramana mit einem sonderbar geformten steinernen Schlüssel, den sie einem Sack entnahm, aufsperrte. Dieser Schlüssel, sagte sie, wäre ihr von Dacha mit dem bestimmten Befehl übergeben worden, ihn wieder zurückzustellen, nachdem sie uns den Ort gezeigt hätte, falls wir ihn zu besichtigen wünschten.

Es stellte sich heraus, daß dort eine ganze Menge zu besichtigen war. An dem einen Ende des Schuppens floß der Bewässerungskanal, der etwa zwölf Fuß breit war, darunter durch. Hier, unter der Mitte des Daches, war ein Schacht, dessen Tiefe infolge des darin stehenden Wassers nicht zu ermitteln war. In die Wand dieses Schachtes waren an zwei gegenüberliegenden Stellen Rinnen eingemeißelt, in die eine riesige senkrechte Steinplatte, sechs oder sieben Zoll dick, genau hineinpaßte. Wenn dieser Stein oder sein oberer Teil aus dem Felsboden des Kanals, in dem er für gewöhnlich in einer Kerbung vollständig verschwand, emporgehoben wurde, so schnitt er vollständig den Wasserzufluß aus dem See ab und war außerdem groß genug, um eventuelles Hochwasser im Falle von Überschwemmungen abzuwehren.

Vielleicht kann ich die Sache in dieser Weise anschaulich machen. Als Good und ich letzthin zusammen in London waren, besuchten wir Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett und sahen dort die berühmte Guillotine, die in der Französischen Revolution Verwendung fand. Das Schlagbeil dieser Guillotine war, wie Sie wissen, zwischen zwei Pfosten aufgezogen. Wenn man es in Tätigkeit setzte, fiel es auf den Boden des Apparats hinab und durchschlug auf seinem Weg den Nacken des Opfers. Nun stellen Sie sich vor, daß dieser Pfosten die Felswände des Schachtes, und das Schlagbeil anstelle eines kleinen Dinges eine riesige Stahl- oder richtiger Steinplatte sei. Würde diese Platte dann von der Einkerbung am Boden bis an die Spitze der Pfeiler emporgezogen, dann würde sie den Raum bis zum oberen Ende der Rinnen vollkommen ausfüllen und das Wasser, das für gewöhnlich zwischen den Pfosten – den Felswänden – über ihren oberen Rand dahinfloß, würde vollkommen abgeschnitten sein. Versteht ihr jetzt?«

Da Good, der in solchen Dingen schwer von Begriff war, Zweifel zeigte, fuhr Allan fort:

»Eine bessere Illustration würde vielleicht ein Fallgatter abgeben; selbst Sie, Good, haben bereits ein Fallgatter gesehen, das – beiläufig bemerkt – eine in zwei Fugen gleitende Tür darstellt. Stellen Sie sich nun ein unterirdisches, beziehungsweise unter dem Wasser befindliches Fallgatter vor, das, wenn man es schließen wollte, von unten in seinen Fugen emporstiege, statt von oben hinabzufallen, und Sie werden eine genaue Vorstellung von der Schleuse der Priester Heu-Heus haben. Ich würde sie Ihnen aufzeichnen, wenn es nicht schon so spät wäre.«

»Ich begreife jetzt«, sagte Good, »und ich nehme an, daß sie das Ding mit einer Hebewinde emporzogen.«

»Warum nicht gleich mit einer Hilfsmaschine, Good? Hebewinden waren den Walloos noch nicht bekannt. Nein, sie verfuhren auf eine einfachere und ältere Weise. Sie hoben den Stein mit einem Hebel. Nahe beim oberen Ende der Felsplatte oder Wassertür war ein Loch gebohrt. Durch dieses Loch war ein Steinbolzen gesteckt, dessen Enden in Aushöhlungen des Hebelgrundes gelagert waren, so daß eine Art Gelenk entstand. Der Hebel selbst war ein massiver Steinbarren – offenbar vertrauten sie diese wichtige Aufgabe keinem Holzbalken an, da er verfaulen könnte –, etwa zwanzig Fuß lang, um die bestmögliche Wirkung zu erzielen. Wenn die Schleusenplatte vollständig in die Einkerbung am Grund des Kanalbettes eingelassen war, stand natürlich das Ende des Hebels hoch in die Luft empor, das heißt, fast bis zur Spitze von dem steilen Schilfdach des Schuppens. Wenn man nun wünschte, das Schleusentor zu heben, um den Zufluß des Wassers im Bewässerungskanal zu regeln oder ihn im Falle einer Überschwemmung völlig abzuschneiden, wurde der Hebel vermittels Seilen, die an seinem Ende befestigt waren, durch die Kraft mehrerer Männer herabgezogen und dieses Ende unter einen oder den anderen mehrerer Steinvorsprünge geschoben, die aus der Oberfläche des Felsens an der Seite ausgehauen waren. Hier blieb es unbeweglich, bis es wieder durch die vereinten Kräfte einer Anzahl von Leuten freigemacht wurde und zum Dach emporschnellte, so daß die Fallgatterplatte in ihre Einkerbung am Boden des Kanals hinabfiel und so den Wasserzufluß wieder freigab.

Gegenwärtig war diese Platte, da man hohen Wasserstand erwartete, vollständig emporgehoben und als ich sie besichtigte, stand diese fünf oder sechs Fuß aus dem Wasser hervor, während das Ende des Hebels unter dem untersten Felsvorsprung, etwa einen Fuß oberhalb des Bodens, festgemacht war.

Hans und ich besichtigten diese primitive aber wirkungsvolle Vorrichtung zur Abwehr von Überschwemmungen überaus sorgfältig. Angenommen, dachte ich, daß irgend jemand diesen Hebel zu befreien wünschte, so daß die Platte fiele und das Wasser sich über sie ergießen könne, wie könnte dies getan werden? Antwort: Es konnte nur durch die vereinten Kräfte einer großen Anzahl von Männern geschehen, die sich gegen das Ende des Hebels stemmten, bis der Hebel unter dem Felsvorsprung hervortrat und emporschnellte; oder dadurch, daß man den Hebel entzweibrach, was denselben Erfolg haben würde. Nun konnten zwei Männer, nämlich Hans und ich, unmöglich diesen Steinbarren von seinem Haken befreien; wirklich, ich zweifle, ob zehn Männer dazu imstande waren. Auch konnten zwei Männer diesen Balken nicht zerbrechen. Vielleicht hätten sie ihn, wenn sie über passende Steinsägen, wie sie die Steinarbeiter verwenden, und über genügend Zeit verfügten, in zwei Teile zerschneiden können, obgleich er aus einer überaus harten Felsart hergestellt schien. Aber wir hatten keine Säge, deshalb war, soweit es sich um uns handelte, diese Aufgabe undurchführbar; die Idee mußte aufgegeben werden.

Dennoch gibt es einen Weg aus fast allen Schwierigkeiten, nur muß man daraufkommen. Meine geistigen Hilfsquellen waren erschöpft, dies ist wahr, aber es blieb noch Hans, und vielleicht würde er imstande sein, einen wertvollen Vorschlag zu machen. Er war ein sonderbarer Kauz, Hans, und oft brachten ihn seine konzentrierten, primitiven Instinkte auf schnellerem Wege ans Ziel, als es meine vernunftgemäßen Schlußfolgerungen konnten. So legte ich denn, indem ich in ruhigem Tone mich der holländischen Sprache bediente, da ich nicht wünschte, daß Dramana meine innerliche Erregung bemerken solle, dieses Problem Hans vor und sagte:

»Angenommen, daß du und ich, Hans, ohne weitere Hilfe, als vielleicht die dieser Frau hier, es für nötig befinden würden, diesen Steinbarren zu zerbrechen und den Schleusenstein zum Fallen zu bringen, so daß die Wasser des Sees hereinbrechen könnten, wie wäre dies mit den uns hier zu Gebote stehenden Hilfsmitteln möglich?«

Hans blickte herum und bemerkte, während er seinen Hut in der gewöhnlichen ausdruckslosen Weise hin und her drehte:

»Ich weiß es nicht, Baas.«

»Dann trachte es herauszubringen, denn ich möchte wissen, ob deine Schlußfolgerungen mit den meinen übereinstimmen«, entgegnete ich.

»Ich denke, daß, wenn sie mit den Schlußfolgerungen des Baas übereinstimmen, sie mit gar nichts übereinstimmen werden«, sagte Hans, indem er diesen schlauen und vollkommen zielsicheren Schuß mit einem derart hölzernen Ausdruck von äußerster Stupidität abgab, daß ich ihm einen Fußtritt hätte geben mögen.

Hierauf entfernte er sich, ohne weiter ein Wort zu sagen, und begann den Hebel angelegentlich zu untersuchen, indem er seine Aufmerksamkeit ganz besonders der Felsnase zuwandte, die ihn an seinem Platz festhielt. Plötzlich bemerkte er auf Arabisch, damit Dramana ihn verstehen konnte, daß er zu sehen wünsche, wie tief der Schacht sei, was man vom Boden des Schuppens aus nicht sehen konnte und begann sofort den mächtigen Hebel mit der Geschicklichkeit eines Affen emporzuklettern. Oben angelangt, setzte er sich mit gekreuzten Beinen oberhalb des Steingelenkes nieder, das ich beschrieben habe. Dort blieb er einige Zeit und starrte anscheinend in die Finsternis des Loches oder Schachtes auf der anderen Seite der Steinplatte hinab, wo der Kanal natürlich fast leer war, da der Stein das Wasser im Bewässerungskanal zurückhielt.

»Dieses Loch ist zu finster, um hinabzusehen«, sagte er hierauf und krabbelte den Steinbarren wieder herab. Hierauf lenkte er meine Aufmerksamkeit auf den Körper des toten Weibes, das, wie Dramana uns sagte, durch den Hebel getroffen und getötet worden war, als er an seinen Platz gezogen wurde und der fast außer Sicht im Schatten an der Mauer des Schuppens lag. Wir traten näher, um die Leiche zu betrachten. Sie war ein großes Weib, jung und hübsch, wie fast alle diese Leute. Äußerlich zeigte sie keine Zeichen von Verletzungen, denn ihr langes, weißes Gewand war unbefleckt. Ich nahm an, daß sie zwischen dem Hebel und dem Felsvorsprung eingeklemmt oder vielleicht seitlich am Kopf von ihm getroffen worden war, als er herabgezogen wurde. Während wir den Körper dieser Unglücklichen untersuchten, sagte Hans auf Holländisch zu mir:

»Erinnert sich der Baas, daß wir zwei Pfundbüchsen des besten Gewehrpulvers in unserem Sack haben und daß er mich beschimpfte, weil ich sie nicht zurücklassen wollte, als wir das Haus des Walloo verließen? Er sagte damals, daß es Wahnsinn wäre, sie mit uns zu nehmen, da sie uns hier auf der Insel nichts nützen könnten.«

Ich entgegnete, daß ich mich wohl an die Sache erinnere und daß sie in der Tat schwer zu tragen gewesen seien. Dann fuhr Hans fort, in seiner aufreizenden, vielsagenden Art ein Rätsel aufzugeben und fragte:

»Wer, glaubt der Baas, weiß mehr über Dinge, die sich ereignen sollen: Der Baas oder sein verehrter Vater im Himmel?«

»Mein Vater, nehme ich an, Hans«, erwiderte ich gleichgültig.

»Der Baas hat recht. Sein verehrter Vater im Himmel weiß viel mehr als der Baas. Aber manchmal glaube ich, daß Hans noch mehr als beide zusammen weiß, auf alle Fälle hier auf Erden.«

Ich starrte auf den kleinen Frechdachs, sprachlos über seine unehrerbietige Unverschämtheit, aber er fuhr ohne Verlegenheit fort:

»Ich habe nicht vergessen, das Pulver mitzunehmen, Baas, denn ich dachte, daß es uns von Nutzen sein könnte. Mit Pulver kann man nämlich Menschen und andere Dinge in die Luft sprengen; auch wollte ich es nicht dort zurücklassen, wo wir es vielleicht niemals wiedergesehen hätten.«

»Nun gut, was ist mit dem Pulver?« fragte ich.

»Nichts Besonderes, Baas, nur das: Diese Walloos können Steine nicht gut bohren; sie machen die Löcher viel zu groß für das, was hineingesteckt werden soll. Jenes in der Wassertür ist groß genug, daß man zwei Pfund Pulver unter dem Bolzen unterbringen kann, jetzt, da der Zug ihn an das obere Ende des Loches drückt.«

»Und wozu sollte es wohl dienen, die zwei Pulverbüchsen an diesen Ort zu bringen?« fragte ich sorglos, denn in diesem Augenblick dachte ich an das tote Weib.

»Zu gar nichts, Baas; zu gar nichts. Nur dachte ich, daß mich der Baas gefragt habe, wie man diesen Steinarm lockern könne. Wenn zwei Pfund Pulver in das Loch gesteckt, mit etwas Lehm bedeckt und abgebrannt werden, denke ich, daß es das Stückchen Felsen oberhalb des Loches lossprengen oder den Bolzen brechen würde, oder vielleicht beides. Dann würde die steinerne Schleuse hinabstürzen, da sie nichts mehr halten würde und der See würde hereinströmen und die Felder der Priester überschwemmen, wenn der Baas in seiner Weisheit und Liebenswürdigkeit glaubt, daß sie dies zur Erntezeit und nach einem derartigen Regen wünschen.«

»Du kleiner Schuft«, sagte ich; »du teuflischer, kluger, kleiner Schuft. Ich lasse mich hängen, wenn ich nicht der Ansicht bin, daß du diesmal den Nagel auf den Kopf getroffen hast! Nur wird die Sache ein Gutteil Überlegung und Vorbereitungen erfordern.«

»Gewiß, Baas, und wir werden besser tun, dies im Hause vorzunehmen, das, wie der Baas weiß, ganz nahe von hier, nur etwa hundert Schritte weit, entfernt ist. Laß uns diesen Platz verlassen, Baas, bevor Dramana Lunte zu riechen beginnt; nur wirf noch einen guten Blick auf dieses Loch in der Steinplatte und den Felsbolzen da, bevor wir gehen.«

Hierauf neigte sich Hans, der die ganze Zeit auf den Leichnam der Frau gestarrt und anscheinend von ihr gesprochen hatte, tief vor der Toten und bemerkte auf Arabisch:

»Allah, ich will sagen Heu-Heu, möge sie in seinen Schoß aufnehmen!« worauf er achtungsvoll zurücktrat.

So entfernten wir uns. Ich aber blieb zurück und unterzog das Loch und den Bolzen einer sorgfältigen Besichtigung.

Hans hatte recht; da war genug Platz in der Höhlung, um die zwei Zinnbüchsen mit Pulver unterzubringen. Auch waren nicht mehr als drei Zoll Felsen über dem Loch vorhanden. Gewiß würden zwei Pfund Pulver genügen, um diesen Felsbogen zu sprengen und vielleicht auch den Bolzen zu zerschmettern!

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