Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Henry Rider Haggard >

Heu Heu oder das Monster

Henry Rider Haggard: Heu Heu oder das Monster - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorHenry Rider Haggard
titleHeu Heu oder das Monster
publisherWilhelm Heyne Verlag
year1988
isbn3-453-00988-6
firstpub1925
translatorNiko Karapancsa
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160615
projectida6f828bd
Schließen

Navigation:

9
Das Fest

Als sie nur noch einige Schritte von uns entfernt waren, blieben die Männer stehen, anscheinend überrascht durch unsere Erscheinung, welche gewiß nicht vorteilhaft von der ihrigen abstach, denn sie hatten alle das prächtige Äußere der Walloos. Offenbar waren sie aber noch viel mehr verblüfft über das Zündholz, mit dem ich meine Pfeife entzündete und ebenso über die Pfeife selbst, denn, obwohl dieses Volk Tabak pflanzte, verwendete man ihn dort nur zum Schnupfen.

Das Zündholz erlosch, und ich strich ein zweites an. Bei diesem plötzlichen Aufflammen von Feuer traten die Männer entsetzt zwei oder drei Schritte zurück. Schließlich fragte einer von ihnen, auf das brennende Zündholz deutend, in derselben Sprache, wie die Walloos:

»Was ist das, Fremdling?«

»Magisches Feuer«, entgegnete ich und fügte wie in plötzlicher Erleuchtung hinzu, »das ich als Geschenk für den großen Heu-Heu hierhergebracht habe.«

Diese Aufklärung schien sie zu besänftigen, denn sie senkten ihre Speere und wandten sich einem Mann zu, der eben jetzt hinzutrat. Es war ein kräftiger, gut aussehender Mann von repräsentablem Äußern mit einer gekrümmten Nase und flammenden schwarzen Augen. Er trug eine Priestermütze auf dem Kopf, und seine weißen Gewänder waren bestickt.

»Ein großer Kerl, der da, Baas«, flüsterte mir Hans zu, und ich nickte. Gleichzeitig bemerkte ich, daß die anderen Priester sich vor ihm verneigten, wenn sie mit ihm sprachen.

Dacha in Person, dachte ich bei mir, und sicherlich hatte ich recht.

Er trat vor und sagte, auf das Wachszündhölzchen blickend:

»Wo lebt dieses magische Feuer, von dem du sprichst, o Fremdling?«

»In dieser, mit heiligen Geheimzeichen bedeckten Büchse«, entgegnete ich und hielt ihm eine Schachtel mit der Aufschrift »Wax Vestas, Made in England« vor die Augen. Dann fügte ich feierlich hinzu: »Wehe dem, der sie berührt oder dem, der sie ohne Verständnis an sich nimmt, denn zweifellos schlagen dann die Flammen hervor und verzehren den Tollkühnen, o Dacha.«

Jetzt folgte Dacha dem Beispiel seiner Gefährten und trat etwas zurück, wobei er bemerkte:

»Wie kennst du meinen Namen, und wer ist der, der Heu-Heu dieses Geschenk von selbst entstehendem Feuer sendet?«

»Ist nicht der Name Dacha bekannt bis an die Grenzen der Erde?« fragte ich, und diese Bemerkung schien ihm überaus zu gefallen. »Ja, er ist bekannt bis dahin, wo seine Zauberformel hinreicht, das ist, bis zum Himmel empor und wieder zurück. Der aber, der das magische Feuer sendet, ist ein großer, ein hervorragender Zauberer, wenn auch nicht ganz so hervorragend wie Dacha. Er ist ein Mann, der Zikali, der ›Eröffner der Wege‹ und ›Das Ding, das niemals hätte geboren werden sollen‹ genannt wird!«

»Wir haben von ihm gehört«, sagte Dacha. »Seine Boten kamen hierher in unserer Väter Tagen, und was wünscht Zikali von uns, o Fremdling?«

»Er bittet euch um Blätter von einem gewissen Baum, der in Heu-Heus Garten wächst und den man den ›Baum der Träume‹ nennt, denn er braucht diese, um sie mit seinen Zaubermitteln zu vermengen.«

Dacha nickte, und auch die anderen Priester senkten zustimmend das Haupt. Anscheinend war ihnen dieser ›Baum der Träume‹, wie ich, oder besser gesagt Zikali, ihn genannt hatte, sehr gut bekannt.

»Aber warum ist er dann nicht selbst gekommen, um sie zu holen?«

»Weil er alt und kränklich ist, weil er durch große Geschäfte zurückgehalten wird. Weil es leichter für ihn war, mich auszusenden, der ich mich als Verehrer alles Heiligen danach sehnte, Heu-Heu meine Ehrerbietung zu erweisen und die Bekanntschaft des berühmten Dacha zu machen.«

»Ich verstehe«, entgegnete der Priester, in höchstem Grade geschmeichelt, wie ich an seinem Gesichtsausdruck sah. »Aber wie wirst du genannt, Bote Zikalis?«

»Mich nennt man den ›Blasenden Wind‹, denn ich dringe überall hin und niemand sieht mich kommen und gehen; deshalb bin ich auch der beste und schnellste aller Boten. Und dieser kleine Mann hier, in dessen schwachen Körper eine große Seele wohnt« – ich deutete auf den grinsenden Hans, der jetzt den Humor der Situation und die Vorteile, die sie uns für unsere Absicht bringen konnte, wohl zu würdigen verstand – »heißt ›Herr des Feuers‹ und ›Licht in der Finsternis‹ (dies paßte ausgezeichnet und machte einen großen Eindruck), denn er ist der Hüter des magischen Feuers.« Dies stimmte, denn er hatte etwa ein halbes Dutzend Reserveschachteln in seiner Tasche, die er im Laufe der Zeit zusammengestohlen hatte. »Mit diesem Feuer«, fuhr ich fort, »ist er imstande, die ganze Insel in Flammen aufgehen zu lassen, wenn er beleidigt wird, und alles darauf Lebende zu vernichten. Ja, er verfügt über mehr davon, als in dem Schlunde dieses Berges verborgen ist.«

»Kann er das wirklich, bei Heu-Heu!« sagte Dacha und betrachtete Hans mit großem Respekt.

»Gewiß kann er dies; so mächtig ich auch bin, ich muß wohl achten, ihn nicht zu erregen, sonst ist er imstande, auch mich zu Asche zu verbrennen.«

In diesem Augenblick schien Dacha ein Zweifel zu kommen, denn er fragte:

»Sagt mir, ›Blasender Wind‹ und ›Herr des Feuers‹, wie seid ihr auf die Insel gekommen? Wir bemerkten ein von einigen unserer frevelhaften Diener bemanntes Kanu, das jetzt verfolgt wird, damit seine Besatzung getötet werde wegen des Verbrechens, das sie durch Annäherung an diesen heiligen Ort begangen habe. Wart ihr vielleicht in diesem Kanu?«

»Gewiß, wir waren darin«, entgegnete ich frech. »Als wir in der Stadt dort drüben ankamen, traf ich eine Jungfrau von großer Schönheit, namens Sabeela. Diese fragte ich, wo der große Dacha wohne, und sie wies mich her. Sie sagte auch, daß sie dich kenne und daß du der schönste und edelste, wie auch der weiseste der Männer seist. Ferner sagte sie, daß sie selbst uns mit einigen ihrer Diener, einschließlich eines einfältigen Burschen namens Issicore, von dem sie sich nicht losmachen kann, auf die Insel hinüberrudern würde, denn sie hoffe, dich wieder einmal zu sehen.« (Ich bemerke, meine Freunde, daß ich diese Lüge vollkommen ruhig aussprechen konnte, da ich wußte, daß Issicore mit seinen Leuten entkommen war.) »So brachte sie uns hierher und setzte uns ans Land, damit wir zunächst die verschüttete Stadt besichtigen konnten. Aber dann vertrieben sie deine Leute, so daß wir gezwungen waren, zu Fuß hierher zu kommen. Das ist alles.«

Jetzt wurde Dacha sichtlich erregt. »Ich bete zu Heu-Heu«, sagte er, »daß diese Narren sie nicht gefangen und gleich den übrigen getötet haben!«

»Ich bete auch darum, denn sie ist zu schön, um zu sterben«, entgegnete ich, »sie, die dem besten Mann ein liebliches Weib sein könnte! Aber halt, ich werde dir sagen, was geschehen ist! Herr des Feuers, entzünde deine Flammen!«

Hans zog ein Zündholz hervor und entzündete es am Hosenboden, der der einzige trockene Teil an ihm war. Er hielt es mir in seinen geschlossenen Händen entgegen, und ich starrte mit leisem Gemurmel darauf. Da flüsterte er: »Mach schnell, Baas, es verbrennt mir die Finger!«

»Alles ist gut«, sagte ich feierlich. »Das Kanu mit Sabeela, der Wunderschönen, ist deinen Leuten entkommen, denn andere Kanus, sieben – nein, acht an der Zahl«, verbesserte ich mich, indem ich die Asche des Zündhölzchens und die Blase an Hansens Finger aufmerksam betrachtete, »erschienen von der Stadt her und vertrieben deine Leute in dem Augenblick, als sie die Fürstin Sabeela einholen wollten.«

Dieser Trumpf kam zur rechten Zeit, denn in diesem Augenblick erschien ein Bote und gab Dacha denselben Bericht, den er mit vielen Verbeugungen begleitete.

»Wunderbar!« rief der Priester. »Wunderbar! Das sind einmal wirkliche Zauberer!« Und er betrachtete uns mit großer Ehrfurcht. Dann schienen ihm aber wieder Zweifel aufzusteigen.

»Herr«, sagte er, »Heu-Heu ist der Herrscher über das wilde haarige Volk, das die Wälder bewohnt und nach ihm Heuheuas genannt wird. Uns kam die Kunde, daß eines ihrer Weiber auf geheimnisvolle Weise mit einem Knall durch Fremdlinge getötet worden sei. Hast du etwas mit diesem Todesfall zu tun, o Herr?«

»Gewiß«, entgegnete ich. »Sie belästigte den ›Herrn des Feuers‹ mit ihren Aufmerksamkeiten, deshalb brachte er sie um, und das war nur recht und billig. Und ich schnitt einem anderen den Finger ab, der mir die Hand schütteln wollte, obwohl ich ihn von mir gewiesen hatte.«

»Aber wie tötete er sie, Herr?«

Nun muß ich bemerken, daß ein Bewohner dieses Ortes uns ohne jede Liebenswürdigkeit begrüßt hatte, und das war ein großer und ganz besonders wilder Hund, der die ganze Zeit knurrend um uns herumgestrichen war und schließlich nach Hansens Rock geschnappt hatte, den er noch immer knurrend zwischen seinen Zähnen festhielt.

»Scheet! Hans, Scheet een dood!« »Schieß ihn tot, Hans!« flüsterte ich und Hans, dessen Auffassungsgabe immer eine sehr rasche war, steckte seine Hand in die Tasche, in der er seine Pistole verwahrte und indem er die Mündung an den Kopf des Tieres drückte, feuerte er einen Schuß durch das Tuch seiner Hose, so daß der Hund ins Jenseits, das für böse Hunde reserviert ist, hinüberging.

Der Erfolg war allgemeine Bestürzung. In der Tat, einer der Priester stürzte zu Tode erschrocken zu Boden, und die übrigen machten kehrt und liefen davon, außer Dacha, der standhielt.

»Ein wenig von dem magischen Feuer«, bemerkte ich leichthin und klopfte wie von ungefähr an Hansens Hose, die zu glimmen angefangen hatte, wobei ich sagte: »Und hier ist noch genug davon. Aber jetzt, edler Dacha, wird die Nässe immer ärger, und wir sind hungrig. Habe die Güte, und gib uns Obdach und Nahrung.«

»Gewiß, Herr, gewiß!« rief er, und wir brachen auf, indem er mich ehrerbietig zwischen sich und Hans nahm, während die anderen, die inzwischen wieder herbeigekommen waren, uns mit dem toten Hund folgten. Dann plötzlich erholte sich Dacha von seiner Furcht und fragte mich, ob Sabeela noch etwas über seine Person gesagt hätte.

»Nur eines noch«, entgegnete ich, »nämlich, daß es jammerschade sei, wenn ein Mädchen gezwungen werde, einen Gott zu heiraten, wenn es solche Männer in der Welt gebe, wie dich.«

Hier hielt ich inne und beobachtete verstohlen den Eindruck meiner Worte. Sein grobes, aber hübsches Gesicht bekam einen schlauen Ausdruck, und er schnalzte mit den Lippen.

»Gewiß, Herr, gewiß«, sagte er hastig, »aber wer weiß? Die Dinge sind nicht immer so, wie sie erscheinen, Herr, und ich habe bemerkt, daß manchmal der treue Diener den Zehnten von den Opfern einhebt, die seinem Herrn dargebracht werden.«

Aha! Jetzt habe ich dich, dachte ich bei mir, du, mein Freund, bist Heu-Heu oder auf alle Fälle sein Kompagnon.

Aber laut bemerkte ich, einen Blick auf den gestrengen Hans werfend, daß Dachas Beobachtungsgabe sehr scharf sei und wie er richtig bemerkt habe, die Dinge tatsächlich nicht immer das wären, was sie schienen, was man auch am ›Herrn des Feuers‹ sehen könne.

Wir überschritten eine ebene Felsplatte, an deren rechter Seite ich jenseits einer Art Garten die Mündung einer großen Höhle bemerkte. An der Ecke dieser Plattform bot sich uns ein seltsamer Anblick, denn hier brannten am Ufer des Sees und in einer Entfernung von etwa zwanzig Schritten voneinander zwei riesige Flammensäulen, welche bis jetzt durch die Terraingestaltung und durch Bäume unseren Blicken verborgen gewesen waren und zwischen denen ein Felspfeiler errichtet war.

Die ›immerdauernden Feuer‹, dachte ich bei mir und erkundigte mich wie von ungefähr nach ihnen.

»Das sind Flammen, die seit jeher auf diesem Platze lodern, wir wissen nicht, warum«, entgegnete Dacha gleichgültig. »Kein Regen kann sie auslöschen.«

Ah, überlegte ich im stillen, natürliches Erdgas, das aus dem Vulkan strömt, wie ich derartiges in Kanada bereits gehört habe. Dann wandten wir uns nach rechts hin, der äußeren Mauer des bereits erwähnten Gartens entlang und kamen zu einigen schönen Häusern, die bei einiger Phantasie den Eindruck einer klösterlichen Niederlassung machten, denn sie waren alle einstöckig und mit dem Rücken an den Berg angebaut. Und in der Tat hatte ich auch recht, denn dies waren die Wohnungen der Priester Heu-Heus und ihrer zahlreichen weiblichen Angehörigen. Diese Priester hatten Privilegien, denn während auf dem Festland der Mann meistens bloß ein Weib nahm, waren sie polygam, und ihre Frauen wurden ihnen auf ihre Geisterdrohung hin von den unglücklichen Walloos zur Verfügung gestellt, oder sie verschafften sie sich, wenn diese Drohung keinen Erfolg hatte, durch das einfache, altbekannte Mittel des Frauenraubs. Sobald die armen Mädchen die Insel betreten hatten und so dem Gotte geweiht wurden, verschwanden sie auf immer für ihre Angehörigen, und es wurde ihnen späterhin nie mehr erlaubt, das Wasser zu überschreiten oder auch nur mit ihnen in Verbindung zu treten. Kurz, wer in Heu-Heus Leben eintrat, war tot für die Welt.

Man führte Hans und mich zum größten dieser Häuser, das unmittelbar an die Mauer des Gartens stieß, dessen Bewohner offenbar bereits von unserer Ankunft durch Boten verständigt worden waren, denn wir trafen sie bereits mitten in geschäftiger Vorbereitung. Ich sah hübsche, weißgekleidete Frauen umherhuschen und vernahm kurze Befehle. Man brachte uns in ein Zimmer, wo ein Feuer auf dem Herd entzündet worden war, denn die Nacht war feucht und kühl, und wir wärmten und trockneten uns daran, nachdem wir uns gewaschen hatten. Etwas später erschien ein Priester und lud uns zum Essen ein, worauf er sich vor die Tür zurückzog und wartete, bis wir bereit sein würden, ihm zu folgen.

»Hans«, sagte ich, »bis jetzt ist alles gut gegangen; man hat uns als Freunde Heu-Heus aufgenommen nicht als seine Feinde.«

»Ja, Baas, dank der Klugheit des Baas mit den Zündhölzchen und so weiter. Aber was hat der Baas vor?«

»Folgendes, Hans: Es muß auch weiter alles gut gehen, denn wir müssen daran denken, was unsere Pflicht ist, nämlich Sabeela zu retten, wenn wir es können, denn wir haben es geschworen. Wenn wir aber dies zustande bringen wollen, so müssen wir unsere Augen offen und unseren Geist klar halten. Ich mache dich aufmerksam, Hans, daß man hier sonderbare Getränke kennt, die man uns anbieten wird, um uns gesprächig zu machen, aber solange wir hier sind, dürfen wir nichts trinken als Wasser. Verstehst du, Hans?«

»Ja, Baas, ich verstehe.«

»Und schwörst du es, Hans?«

Hans rieb sich nachdenklich den Bauch und entgegnete:

»Mein Magen ist kalt, Baas, und mir würde ein Glas voll etwas Wärmendem nach dieser Feuchtigkeit und dem Anblick dieser Steinmenschen recht gut tun. Dennoch, Baas, schwöre ich es. Ja, ich schwöre bei deinem verehrten Vater, daß ich nichts als Wasser trinken werde oder Kaffee, wenn sie solchen bereiten sollten, was natürlich nicht der Fall ist.«

»Du tust recht daran, Hans, du weißt, wenn du deinen Eid brichst, wird mein ›verehrter Vater‹ über dich kommen, und was das jetzige Leben betrifft, wirst du es mit mir zu tun bekommen!«

»Gut, Baas. Aber der Baas soll daran denken, daß die Ginflasche nicht der einzige Köder ist, den der Teufel auf seinem Buckel trägt. Nicht jeder hat den gleichen Geschmack, Baas. Was aber, wenn irgend eine hübsche Dame daherkäme und dem Baas erzählen würde, daß er, oh! so schön sei, und daß sie ihn, oh! so sehr liebe, so eine wie Mameena zum Beispiel, von der der alte Zikali immer als von einer guten Freundin des Baas spricht? Will da der Baas bei seinem ›verehrten Vater‹ schwören ...«

»Schweig und hör auf mit deinem Unsinn!« sagte ich herrisch. »Ist hier der Ort und die Zeit, um über schöne Frauen zu schwätzen?«

Nichtsdestoweniger mußte ich die Schlauheit von Hansens schlagfertiger Entgegnung anerkennen und tatsächlich wurde einst der Versuch gemacht, mir einen Streich dieser Art zu spielen. Doch, wenn ich ans Ende der Geschichte kommen will, werde ich nicht die Zeit haben, euch davon zu erzählen.

Als unser Pakt geschlossen war, traten wir durch die Tür und fanden den Priester draußen auf uns wartend. Er führte uns durch einen Gang in eine schöne Halle, die reichlich mit Lampen beleuchtet war, denn die Nacht war bereits angebrochen. Hier waren mehrere Tische gedeckt, aber wir wurden zu einem Tisch am oberen Ende der Halle geführt, wo wir von Dacha im feierlichen Zeremonienkleid und anderen Priestern willkommen geheißen wurden. Auch Frauen waren da, alle hübsch und schön herausgeputzt in ihrer wilden Art, und ich hielt sie für die Weiber dieser Ehrenmänner. Ich bemerkte, daß eine von ihnen eine deutliche Ähnlichkeit mit Sabeela hatte, obgleich sie um einige Jahre älter zu sein schien als diese.

Wir nahmen am Tisch auf sonderbaren geschnitzten Stühlen Platz, und ich fand mich zwischen Dacha und dieser Frau, deren Name Dramana war. Das Fest begann, und ich muß gleich zu Beginn sagen, daß es ein treffliches Fest war, denn es schien, daß wir zufällig an einem hohen Feiertag angekommen waren. In der Tat, schon seit Jahren hatte ich nicht so ein Mahl zu mir genommen! Natürlich war es in seiner Art barbarisch. So wurde uns die Nahrung auf großen, tönernen Platten serviert, und zwar alles bereits in fertig vorgeschnittenem Zustand; es gab keine Messer und Gabeln, die Finger der Teilnehmer nahmen ihre Stelle ein. Die Teller bestanden aus den dicken grünen Blättern einer Art von Wasserlilien, die zahlreich im See wuchsen und wurden nach jedem Gang fortgenommen und durch neue ersetzt.

Der Qualität nach war das Mahl ausgezeichnet und bestand aus schmackhaftem Fisch, junger Ziege mit Gewürzen, wildem Geflügel und einer Art von Pudding, der aus gemahlenem und mit Honig versüßtem Korn gemacht war. Auch gab es jenes süße starke Eingeborenenbier in Mengen, das in ornamentierten irdenen Krügen herumgereicht wurde, die zwar nicht mit Diamanten und Rubinen, aber mit Perlen eingelegt waren. Diese Perlen wurden in den Schalen von Süßwassermuscheln gefunden, wie ich erfuhr, und in den Ton eingedrückt, so lange er noch feucht war. Sie hatten eine unregelmäßige Form und waren meistens nicht groß, aber ihre Wirkung in dieser Verwendung war ausgezeichnet. Dennoch erreichten einige von ihnen eine besondere Größe, denn Dramana und andere Frauen trugen Halsketten davon.

Ohne mich in nähere Beschreibungen einzulassen, kann ich sagen, daß dieses Fest und seine Ausstattung mich mehr denn je davon überzeugten, daß die Walloos einst einer unbekannten, aber hochkultivierten Rasse angehört hatten, die jetzt in dieser letzten Heimat ausstarb und vor ihrem Aussterben in Barbarei versank.

Gemäß unserer Vereinbarung tranken Hans, der sich auf einen Stuhl hinter mir niedergekauert hatte, denn er wollte sich nicht zu Tisch setzen, und ich nur Wasser, indem wir sagten, daß wir durch ein Gelübde gebunden wären, uns jedes anderen Getränkes zu enthalten. Allerdings hörte ich jedesmal, wenn ein Bierkrug vorbeigereicht wurde, einen tiefen Seufzer hinter mir. Ich kann hinzufügen, daß dies häufig der Fall war, und die Menge des konsumierten Getränks war bedeutend. Man sah dies auch an dem Benehmen der Trinker, von denen mehrere mehr oder minder trunken wurden, was die gewöhnlichen unangenehmen Zwischenfälle herbeiführte, die ich nicht zu beschreiben brauche. Auch wurden sie zärtlich, denn sie schlangen ihre Arme um die Frauen und begannen sie in einer Weise zu küssen, die mir unanständig erschien. Ich bemerkte immerhin, daß die Frau, die sich Dramana nannte, nur wenig trank. Auch blieb sie vor derartigen unwillkommenen Zärtlichkeiten unbelästigt, da sie zwischen mir und einem überaus tauben Priester saß, der bald über seinem Glas einschlief.

Alle diese Umstände und besonders die Tatsache, daß Dacha sehr mit einem hübschen Mädchen an seiner linken Seite beschäftigt war, gaben Dramana und mir Gelegenheit zur Unterhaltung, was ihr sichtlich willkommen war. Nach einigen allgemeinen Bemerkungen sagte sie plötzlich mit leiser Stimme:

»Ich höre, Herr, daß du Sabeela, die Tochter des Walloos, gesehen hast, der Herrscher auf dem Festland ist. Erzähl mir von ihr, denn sie ist meine Schwester, und ich habe sie seit langer Zeit nicht gesehen. Wir betreten niemals das Festland und seine Bewohner besuchen uns nie – wenn sie nicht dazu gezwungen werden«, fügte sie mit Betonung hinzu.

»Sie ist wunderschön, doch lebt sie in großer Angst. Sie, die einen Mann zu heiraten wünscht, soll einem Gott vermählt werden«, entgegnete ich.

»Sie hat recht in Angst zu sein, Herr, denn neben dir sitzt dieser Gott«, und mit einem Schauder von Ekel deutete sie mit einer unmerklichen Kopfbewegung auf Dacha, der bereits vollkommen betrunken und in diesem Augenblick damit beschäftigt war, die Frau an seiner Linken zu umschlingen; auch diese war durch den Alkoholgenuß bereits recht angegriffen, und schien nichts gegen die zudringlichen Zärtlichkeiten zu haben.

»Nein«, sagte ich, »der Gott, den ich meine, heißt Heu-Heu, nicht Dacha.«

»Heu-heu! Du wirst alles über Heu-Heu erfahren, bevor die Nacht verstrichen ist. Dacha ist es, den sie heiraten muß.«

»Aber Dacha ist doch dein Gatte.«

»Dacha ist der Gatte so mancher Frau, o Herr«, und sie schaute auf mehrere der hübschesten Frauen, »denn der Gott ist seinem Oberpriester gegenüber freigiebig. Seit ich zwischen den ewigen Feuern angebunden wurde, haben acht solcher Heiraten stattgefunden, obwohl manche der Bräute bald anderen Priestern übergeben oder wegen Verbrechen gegen den Gott, Fluchtversuche oder anderen Gründen geopfert wurden.

Herr«, setzte sie fort, indem sie ihre Stimme sinken ließ, so daß ich trotz meines feinen Gehörs kaum vernehmen konnte, was sie sagte, »laß dich von mir warnen! Wenn du nicht wirklich ein Gott bist, größer als Heu-Heu, und auch dein Gefährte, so erhebe weder deine Stimme, noch deine Hand, was immer du sehen oder hören wirst! Wenn du es tust, wirst du in Stücke gerissen werden und vielleicht den Tod vieler, vielleicht auch meinen Tod herbeiführen. Pst! Sprich von etwas anderem, er beobachtet uns. Doch, Herr, ich flehe dich an, hilf mir, wenn du es kannst! Rette mich und meine Schwester, wenn es dir möglich ist!«

Ich blickte um mich. Dacha, der aufgehört hatte, seine Genossin mit Zärtlichkeiten zu überschütten, warf uns einen mißtrauischen Blick zu, als ob er das eine oder andere Wort aufgefangen hätte. Vielleicht hatte Hans denselben Verdacht, denn er bemühte sich, einen großen Lärm zu machen, sei es, indem er mit seinem Stuhl rückte oder seinen Becher fallen ließ, und es gelang ihm so, Dachas halbtrunkene Aufmerksamkeit von uns abzuwenden und zu verhindern, daß er etwas hörte.

»Du scheinst Dramana hübsch zu finden, ›Blasender Wind‹«, spöttelte Dacha. »Nun gut, ich bin nicht eifersüchtig und möchte Gästen wie dir, vom Besten geben, was ich habe, besonders wenn der Gott im Begriff ist, so gut zu mir zu sein. Auch weiß Dramana Besseres zu tun, als von Geheimnissen und den Strafen derer zu erzählen, die sie verraten. So sprich nur mit ihr, so viel du willst, ›Blasender Wind‹, bevor du dich selbst zum Teufel bläst«, und er blinzelte mir höhnisch zu, so daß ich mich sehr unbehaglich zu fühlen begann.

»Ich fragte Dramana über den heiligen Baum, von dessen Blättern der große Zauberer Zikali eine Anzahl wünscht, um seine Medizin daraus zu bereiten«, entgegnete ich, als ob ich ihn nicht verstünde.

»Oh!« entgegnete er mit einer Veränderung in seinem Wesen, die andeutete, daß sein Verdacht sich zu zerstreuen begann. »Oh, war es das? Ich dachte, du hättest dich nach anderen Dingen erkundigt. Nun gut, darüber herrscht kein Geheimnis, und sie soll ihn dir morgen zeigen, wenn du es wünschst; auch sonst soll sie dir alles zeigen, denn ich und meine Brüder werden anderwärts beschäftigt sein. Inzwischen kommt hier der »Becher der Träume« mit dem Getränk, das aus den Früchten jenes Baumes gebraut wird und davon mußt du trinken, obwohl du ein Wassertrinker bist und auch der gelbe Zwerg dort, der ›Herr des Feuers‹, denn damit geloben wir uns dem Gotte an, vor dem wir bald hintreten sollen.«

Ich entgegnete schnell, daß ich müde sei und den Gott nicht stören wolle, indem ich ihm bereits jetzt meine Verehrung bezeugte.

»Jeder, der hierher kommt, muß vor den Gott treten, ›Blasender Wind‹«, entgegnete er und fügte hinzu: »Entweder muß er dies lebend tun, oder, wenn er es vorzieht, tot. Hat dir Zikali das nicht gesagt, ›Blasender Wind‹? Also wähle! Willst du lebend des Gottes harren oder willst du ihn tot erwarten?«

Jetzt, dachte ich, war es an der Zeit, mein Ansehen zu wahren, und ich sagte langsam, indem ich diesem bösartigen Wilden fest in die Augen blickte: »Wer wagt es, zu mir von Tod zu sprechen? Wer weiß nicht, daß ich Herr über den Tod bin? Wünscht er vielleicht, das Schicksal jenes Hundes vor der Tür zu teilen? So erfahret denn, o Priester Heu-Heus, daß es gefährlich ist, mir oder dem ›Herrn des Feuers‹ gegenüber drohende Worte zu gebrauchen, denn wir könnten dies mit tödlichen Blitzen beantworten!«

Diese Bemerkungen oder etwas in meinen Augen schienen ihn einzuschüchtern. Auf alle Fälle wurde er nachgiebig, ja fast demütig, besonders da Hans sich erhoben hatte und an meiner Seite stand, indem er in seiner ausgestreckten Hand die Zündholzschachtel hielt, auf die alle mißtrauisch blickten. Wie hätten sie erst geschaut, wenn sie gewußt hätten, daß seine andere Hand, unschuldig in der Tasche vergraben, den Griff eines ausgezeichneten Coltrevolvers umfaßte. Ich hätte zu Anfang erwähnen sollen, daß wir unsere Büchsen, da wir sie nicht zum Fest hatten mitnehmen können, geladen und gespannt in unseren Betten hatten verstecken müssen, so daß sie sicherlich sofort losgegangen wären, wenn jemand sie betastet hätte.

»Verzeihung, Herr, Verzeihung«, sagte Dacha, »konnte ich die Absicht haben, einen so mächtigen Häuptling zu beleidigen? Wenn ich etwas Ungehöriges gesagt habe – gib nicht mir die Schuld, denn dieses Bier ist stark.«

Ich nickte nachsichtig, entsann mich aber des alten Römers, der behauptete, daß im Wein Wahrheit liege. Hierauf wies er, gleichsam um das Thema zu wechseln, zum Ende des Raums hin; dort erschienen zwei hübsche Mädchen in außerordentlich leichter Kleidung und mit Kränzen im Haar, die einen großen Humpen eines Getränks herbeitrugen, in welchem rote Blumen schwammen. Die ganze Szene erinnerte mich lebhaft an ein Gemälde, das ich einst gesehen und das ein Fest der alten Römer oder vielleicht auch der Ägypter nach einem Fresko darstellte. Sie brachten diesen Humpen vor Dacha und erhoben ihn mit einer rhythmischen Bewegung ihrer zierlichen Körper, worauf die ganze Gesellschaft, soweit sie nicht total besoffen war, sich erhob, sich vor dem Gefäß verneigte und zweimal hintereinander ausrief:

»Der Trank der Träume! Der Trank der Träume!«

»Trink!« sagte Dacha zu mir, »trink zur Ehre Heu-Heus!«; dann, als er sah, daß ich zögerte, fügte er hinzu: »Gib her, ich will zuerst davon trinken, um dir zu zeigen, daß der Trank nicht vergiftet ist.« Hierauf murmelte er: »O Geist Heu-Heus steige herab auf deine Priester!« und tat einen langen Zug.

Hierauf brachten mir die Frauen den Humpen, der mich an den Liebesbecher an einem Bürgermeisterfest erinnerte, und hielten ihn an die Lippen. Ich nahm einen winzigen Schluck und bewegte meine Kehle, als ob ich eine größere Menge zu mir genommen hätte. In Wirklichkeit schluckte ich nur einen Tropfen. Hierauf kam Hans an die Reihe, dem ich über die Schulter hinweg ein holländisches Wort zuflüsterte, nämlich ›Beetje‹, das heißt ›wenig‹, und, da ich meinen Kopf nach ihm umwendete, dachte ich, er folge diesem Wink. Hierauf wanderte der Humpen, dessen Inhalt, wie ich hinzufügen will, eine grüne Farbe hatte und etwas nach Chartreuse schmeckte, von einem zum andern der Festgenossen, bis alle Anwesenden daraus getrunken, und die Mädchen, die ihn trugen, den letzten kleinen Rest genossen hatten.

Das sah ich noch, dann konnte ich eine Zeitlang nichts sehen, denn so klein der Schluck auch gewesen war, den ich gemacht hatte, stieg mir doch das Getränk augenblicklich zu Kopf und schien mein Gehirn zu benebeln. Außerdem zuckten mir alle Arten von Visionen, darunter auch weniger angenehme, durch den Kopf, und ich hatte ein Gefühl von riesiger Weite, bevölkert von unzähligen Figuren, wunderschönen und grotesken Gestalten, Schatten von Leuten, die ich gekannt hatte und die jetzt schon lange tot waren, und anderen Personen, die ich niemals gesehen hatte! Alle hatten die Eigentümlichkeit, daß sie mich mit unheimlicher Aufmerksamkeit anzuglotzen schienen. Auch vereinigten sich diese Gestalten zu Gruppen und begannen gleichsam allerlei Dramen aufzuführen, Dramen von Krieg und Liebe und Tod, die alle die Lebhaftigkeit eines Alpdrückens hatten.

Plötzlich aber verschwanden diese Spukgestalten, mein Kopf wurde wieder klar, und ein herrliches Gefühl von Ruhe und Wohlbefinden erfüllte mich. Zugleich schien meine Beobachtungsgabe bedeutend geschärft zu sein.

Ich blickte um mich und bemerkte, daß alle, die getrunken hatten, einen ähnlichen Prozeß durchzumachen schienen. Zunächst zeigten sie Zeichen von Erregung; dann aber wurden sie ganz still und saßen gleich Bildsäulen, während ihre Augen ins Leere gerichtet waren – wortlos, unbeweglich.

Dieser Zustand dauerte ziemlich lange Zeit, bis schließlich jene, die zuerst getrunken hatten, zu erwachen schienen, denn sie begannen mit leiser Stimme untereinander zu sprechen. Ich bemerkte, daß jedes Zeichen von Trunkenheit verschwunden war; jeder einzelne schien so nüchtern zu sein wie ein ganzes Richterkollegium. Ja, ihre Gesichter waren feierlich geworden, und ihre Augen schienen von einer kalten, unabänderlichen Absicht erfüllt zu sein.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.