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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 95
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Dritter Pfingsttag
oder 35. Hundposttag
oder Burgunder-Kapitel

Der Engländer – Wiesenball – selige Nacht – die Blütenhöhle

Bei den Menschen wie bei den Geizigen schlägt es immer nur Viertel zur frohen Stunde, aber gleich einer schlechten Uhr schlägt es die Schäferstunde unserer Hoffnung nie aus. Aber in Rücksicht der Pfingsttage ist das grundfalsch – sie sind prächtig, und wie man sonst die Ausgießung des Heiligen Geistes in alten Kirchen durch das Herunterwerfen der Blumen vorstellte: so bilden wir sie in Maienthal durch das Auswerfen figürlicher ab. Ich habe daher gar eine Flasche Burgunder aufgesiegelt und neben die Dintenflasche gestellt, um erstlich durch mein größeres Feuer in diesem Kapitel die Natur- und Kunstrichter auf meine Seite zu bringen, die leichter den Stab über Autoren als eine Lanze mit Autoren brechen – und um zweitens überhaupt den Wein zu trinken, welches schon an sich Endzwecks und Teleologie genug ist. Ein wahres Schlaraffenland und Himmelreich hätten wir, wenn auch der Leser bei solchen Kapiteln etwas Spirituöses zu sich nähme. Betrinkt sich der Autor allein, so geht der halbe Eindruck zum Henker; und es ist ein Unglück, daß die Rezensenten nichts zu leben und zu trinken haben; sie könnten sonst mir als einem Stern zur Brechung durch ihren Dunstkreis dienen und mich höher und breiter zeigen, als ich stände.

Viktor war kaum ins nasse Gras des Morgens gelaufen, als er den Engländer mit dem Kopfe unter den Gießkannen des Wasserrades aufjagte. Er vergab diesem Kato dem Ältern gern alle seine Sonderbarkeiten und das Idiotikon seiner tollen Natur und seinen Kometen-Gang; denn er war in seinem achtzehnten Jahr selber ein solcher Schwanzstern gewesen und sah diesen für eine auf sich geschlagene Kometenmedaille an. Obgleich der Brite Sonderbarkeit suchte: so wußte Viktor aus eigner Erfahrung, daß es nicht aus Eitelkeit (man kann, wenn man will, aus allen Handlungen, sogar aus den unschuldigsten, Eitelkeit ausziehen, wie aus allen Körpern Luft), sondern aus Laune geschah, für welche der Genuß einer exzentrischen Rolle, man mag sie lesen oder spielen, ebenso viele Reize hat wie für das Gefühl der Freiheit und der innern Kraft. Eitle erliegen dem Lächerlichen, dem der Sonderling trotzt; und jene hassen, diese suchen ihre Ebenbilder. Das einzige, was Viktor ihm verübelte, war, daß er andern kleine Schonungen bloß darum nicht erwies, weil er auch keine begehrte; und eben dieser vom Humor unzertrennliche Krieg mit allen kleinen Schwächen und Erwartungen der Menschen hatte dem menschenliebenden Viktor diese exzentrische Bahn verleidet. Das Unglück macht daher leichter Sonderlinge als das Glück.

Ihm gab die Freude über die Schilderungen, die ihm Kato von Flamins ähnlichen Himmelfahrten und Freudenfeuern machte, den Gedanken ein, seine Quaterne schöner Tage durch etwas anders zu verdienen als durch seine vorigen trüben – nämlich dadurch, daß er auch fremde seinen ähnlich machte. Kurz er redete es mit dem ältern Kato ab – dems recht lieb war –, die Prager zu etwas zu verwenden, nämlich abends in der Kühle damit den maienthalischen Kindern einen Wiesen-Ball zu geben. Was hatten beide dazu nötig, als – was sie sogleich taten – in die Tasche und in die Börse zu greifen und dem Nachtwächter loci mehr zu geben, als das Heu seiner großen Wiese zu Johannis wert sein konnte, die heute zu einem Tanzsaal ausgemähet werden mußte? Der Mann gab sie ohnehin mit tausend Freuden her, weil sein Sohn heute – Hochzeit hatte. Die zwanzig Maienbäume, die Kato in den Saal pflanzen wollte, standen schon als Autochthonen einverleibt darin. Und als sie noch bei den Eltern des saubern Dorfes – sonst aber gleicht der arme Ackerbauer dem Schweine, das nach Älian dessen Ackern erfand – die jungen Tanz-Hälften mit der größten Ernsthaftigkeit – denn Bauern und Damen finden sich nicht in Sonderbarkeiten – zusammengebettelt und gepresset hatten: so war alles richtig.

Das befreundete Trio fand am Mittagtische der Äbtissin den gestrigen Tag. Viktor war überall sogleich zu Hause, er blieb nicht Gast, damit der andre nicht Wirt bliebe. Man findet sonst Mädchen selten so wieder, als man sie verließ, so wie ihr Empfang allemal wärmer oder kälter ist als ihr Briefchen vorher; aber in Klotildens zergehenden Zügen kündigte ein unendlicher Zauber die Erinnerung von gestern an, wo sie aus zwei Gründen ihr Herz allen seinen auf dem Altar der Natur und der Tugend geheiligten Flammen überlassen hatte. Erstlich war sie gestern wärmer, weil sie vorher kälter gewesen im kleinen Zank, den bloß ihr Gesicht über die Kussewitzer Uhr-Sache gehabt; nichts macht die Liebe süßer und zärter als ein kleines Keifen und Frieren vorher, so wie die Weintrauben durch einen Frost vor der Lese dünnere Schalen und bessern Most gewinnen. Zweitens betragen sich in einem hohen Grade der Rührung und Liebe die besten Mädchen gerade so wie die – guten.

Ich habe erst drei Kaffeetassen Burgunder zu mir genommen, weil ich zur Karnation und Rötelzeichnung des Nachmittags vielleicht nicht mehr brauche – aber o Himmel, die Nacht! – Meine Schuld ists nicht, wenn es der Nachwelt nicht zu Ohren kömmt, daß die meisten nachmittags der Hitze wegen aus dem Garten blieben. Aber sie sahen aus den Zimmern die Wiese, den Zimmerplatz eines schönen Abends, wo die Kinder schon im voraus herumliefen, das Gras hinaustrugen und mit Hornisten auf Bierhebern das Trommetenfest eröffneten. Es würde zu geringfügig sein, wenn ichs anmerken wollte, daß mehre Jungen durch geschossene rote Kappen oder Kronen tot hingestreckt wurden, weil sie Hasen vorstellten, der Mützen-Schütze Jäger und die übrigen Windhunde; man kanns aber metaphorisch nehmen, und dann wirds satirisch und erheblich genug.

Die Freude zarter Menschen ist verschämt, sie zeigen lieber ihre Wunden als ihre Entzückungen, weil sie beide nicht zu verdienen glauben, oder sie zeigen beide hinter dem Schleier einer Träne. Viktor war so und sah in jeder Freude seufzend nach Westen, ich weiß nicht, ob er an den Untergang der Sterne und der Menschen dachte oder an die Schwarzen, deren Ketten bis in unsere Halbkugel heraufklirren, oder an nähere Weiße, für die man die zersprengten wieder lötet mit Blut – – Aber dieses Schauen nach seiner Kiblah zwang ihn, seine Entzückung zu verdienen. Die gestrige und heutige war so groß, daß er gerührt zum Genius der Erde sagte: »So groß kann meine schwache Tugend nicht werden.« – Es half ihm nichts, daß er sich selber vor seinem Gewissen herauszustreichen suchte und diesem vorstellte, wie viel schöne Minuten und frohe Pulsschläge er hier in diesem Seifersdorfer Tal austeile an seine Freunde und an seine Freundin, die durch ihn genese, und an die Kinder, die er jetzt schon springen sehe und abends noch mehr – es fruchtete beim Gewissen etwas, aber doch nicht genug, als er es fragte, ob er denn vor der Sphärenmusik dieser Tage die Ohren zuhalten sollte; ob er nicht seine Leidenschaften überwunden habe und ob nicht der größere Spielraum und die größere Tätigkeit eines Menschen bloß in der größern Zahl besiegter Leidenschaften bestehe, so daß also eine Hofdame, ja sogar ein König keinen kleinern Wirkkreis innenhabe als der nützlichste Bürger; und ob nicht der Mensch wie sehr kleine Kinder bloß in die Erdenschule gesendet worden, um stille sein zu lernen – aber der eucharistische Religionkrieg des alten und neuen Adams hörte bloß durch eine Entzückung auf, nämlich durch die Entschließung, sobald ihm sein Vater die Hand- und Beinschellen des Hofes abnehme, mehr zu kurieren als der Stadt- und Landphysikus und alles umsonst und meistens bei Armen. – –

Nur auf ein Wort, Leser! Tugend kann nicht der Glückseligkeit würdig machen, sondern nur würdiger, weil schon das Dasein uns wie bei den nicht-moralischen Tieren ein Recht an Freude gibt – weil Tugend und Freude inkommensurable Größen sind und man nicht weiß, wird ein seliges Jahrhundert durch ein tugendhaftes Jahrzehend oder dieses durch jenes verdient – weil die Jahre der Freude vor den Jahren der Tugend laufen, so daß der Tugendhafte statt der Zukunft erst die Vergangenheit, statt des Himmels erst die Erde zu verdienen hätte.

Der Nachmittag lief wie eine lichte Quelle über bunte Kleinigkeiten wie über Goldsand hinüber, über kleine Freuden und über große Hoffnungen, über zarte Aufmerksamkeiten und über den Blumenstaub wohlwollender Feinheiten, der das beste Heftpulver der Herzen ist. Viktor fühlte, daß eine Geliebte, die viel Verstand hat, der Liebe einen eignen pikanten Geschmack mitteile; sie selber fühlte, daß das Herz, das man mit weichen bekleideten Händen und nicht mit rohen Griffen abgepflückt, sich besser erhalte, so wie sich Borsdorfer Äpfel länger halten, die man nur mit Handschuhen abgenommen. Obgleich nach meinen Tabellen die Liebe gerade am Tage nach dem ersten Kusse am höchsten, nämlich auf 112° Fahrenheit oder 10° de l'Isle steht: so war doch mit Viktors Liebe zugleich seine Ehrfurcht gestiegen – o die Liebe erhebt, worin die Gunstbezeugungen nicht kühner, sondern blöder machen! –

Unser Freund fühlte, wie glücklich in der Freude das Ansichhalten mache, und wie sehr der schäumende Freuden-Pokal durch einige Messerspitzen hineingeworfnes Temperierpulver sich aufhelle und veredle. Nach einem Nachmittag, wo die ganzen Stunden reizend waren, ohne daß man einzelne außerordentliche Minuten hätte herausheben können – wie die Fasanenfedern nicht einzeln, sondern in ganzen Büschen glänzen –, nach diesem Nachmittag zog alles in den Garten, aber Emanuel zuerst. Der Indier vertrug wie Grasmücken keine Zimmer und schwieg darin oder las nur, und zwar bloß – was mich nicht wundert – die Trauerspiele Shakespeares....

Unter dem großen Abendhimmel, den keine Wolke einschränkte, taten sich die Seelen wie Nachtviolen auf. Emanuel war der Cicerone und Galerieinspektor dieses malerischen Gartens. Er führte seinen Freund und die andern zu seinem kleinen Blumengärtchen, das am höchsten im Park lag. Der Park lief nämlich den Berg hinab mit fünf gleichsam aus diesem schubladenweise herausgezognen Absätzen und Stockwerken. Diese fünf Ebenen, diese eingehauenen grünenden Stufen, hielten ebensoviel verschiedene Gärten, Baum- und Staudengärten etc., empor – daher wurde durch jeden neuen Standpunkt, wie durch einen Umwandel-Spiegel, aus dem alten Garten ein neuer zusammengerückt. Den abschüssigen Park faßten auf beiden Seiten zwei Schlangengänge hoher, wankender, brennender Blumen wie zwei hinunterwehende Treppengeländer ein, und hinter jeder Blumen-Schlangenlinie ringelte sich oben vom Berge silbernes Geäder mit hellem, dünnen, auf- und niederspringenden Gewässer herabMan hielt den in Bogen auf- und niedergehenden Silberfaden für eine herunterrieselnde Quelle; aber die Bogen mehrer schief-springender Springbrunnen waren in solche Entfernungen gestellt, daß der eine den andern fortsetzte., das in der Abendsonne eine in aufrechten Windungen daliegende Goldschlange oder Ichor-Schlagader wurde. Auf der obersten letzten Terrasse standen einander die Abend- und die Morgenlaube als die Pole des Gartens gegenüber, und der Abendspringbrunnen glimmte über jener und der Morgenspringbrunnen über dieser empor, und beide sahen zu einander wie Mond und Sonne herüber.

Und gerade an dem Abendbrunnen hatte Emanuel seinen Zwischengarten. Denn er liebte als Indier physische Blumen wie poetische, und ihm war im Dezember ein Blumenbuch eine gewiegte Blumenau, und ein Nelkenblätterkatalog war für ihn die Hülse und Chrysalide des Sommers. Er führte seine Geliebten auf der blumigen Region des Berges durch die unschuldigen Blumen hindurch, die wie gute Mädchen weder Sonne noch Erdreich zum eignen Leben dem fremden nehmen – vor der Goldquaste der Tulpe vorbei – vor den Miniaturfarben des Vergißmeinnicht – vor den bunten Glocken, die auch wie die lauten in den Gießlöchern der Erde gegossen werden – vor den Ohrrosen des Augusts, nämlich den Rosen – vor dem Kato, der nicht der lustige Engländer, sondern eine ungeflammte Aurikel ist, die bei Herrn Klefeker in Hamburg zu haben – vor der geliebten Agathe, die an die andere in St. Lüne erinnerte und die eine schöne Schlüsselblume ist....

Endlich kamen sie an die Abendlaube und an Emanuels Blumen, nämlich an schneeweiße Hyazinthen, in deren Verschattung der durchstrahlte Abendspringbrunnen eine bleiche Röte tuschte. O wie schön, wie schön wehte da die Wärme der Abendsonne herüber und die Kühle des Abendwindes! – Aber warum sinket, Klotilde, dein Auge und dein Haupt hier so traurig gegen die Blumen zu? Ists, weil die Wassersäule erlischt, weil die Sonne untergeht? – Nein, sondern weil die weißen Hyazinthen in der Blumistensprache Julia heißen – o weil der Gottesacker herübersieht, dessen hohe wankende Grasblumen mit ihren Wurzeln über zwei geliebten Augen stehen, über den Augen der blassen Hyazinthe Giulia, die das heutige Fest nicht erlebt. – – Aber Klotilde verbarg sich, um nichts zu stören.

Das ausfunkelnde Gold der Wassersäule und die zurückschlagende Abendlohe an allen Fenstern zogen die Augen zur Sonne, die unter ihre Bühne sank. – Aber ein rollendes Feuerrad des Allegro, womit die Harmonisten auf der Wiese die weichende Sonne begleiteten, nahm die Augen zu den Ohren herab, und unten auf der eingehüllten Wiese stieg ein neues Theater der Freude mit neuen Schauspielern empor.... Zwei Rosen waren in den Himmel gepflanzt, die rote, die Sonne, die über der zweiten Halbkugel ihre Blüten auftat, und die weiße, der Mond, der in unsere niederhing; aber Sonnengold und Lunasilber und Abendschlacken wurden noch von einem rauchenden Zauberdufte eingesogen, und man konnte noch nicht die Schatten vom silbernen Grunde des Mondlichts absondern, und niederflatternde Blüten wurden noch mit Nachtschmetterlingen vermengt.

Die Glücklichen gingen durch die Kastanienallee hinab zu den jüngern Glücklichen, zu den Kindern, die, kühner durch die Gegenwart ihrer Mütter, zwanzig Freiheitbäume in veränderlichen Gruppen umzingelten und umkreiseten und nur auf tiefere Schatten warteten, um schneller zu tanzen. Der Engländer wurde von Klotilde wie ein Freund ihrer zwei Freunde empfangen. Das Brautpaar, dem die Wiese als Erbschaft gehörte, hatte die eigne Musik gegen diese vertauscht, und das Bundfest desselben rückte in seiner Feier unserem Helden den heitern Tag näher, wo er, er auch seine Klotilde Braut nennen durfte; aber er hatte nicht den Mut, sein errötendes Gesicht gegen diese zu wenden, weil er dachte, sie denke dasselbe und sei auch rot. Nur ein Liebender kann mit der Begeisterung eines Brautpaars sympathisieren; und nie stiegen schönere Wünsche für eines auf als für dieses in zwei Seelen voll Liebe. Eine vierjährige Schwester der Braut drückte sich an Klotilden an – jene war die kleine Luna dieser Venus bei ihren Spaziergängen – und diese entlud gern ihre Liebe in die kleine Hand, die der ihrigen den Vorzug vor einem Mittänzer ließ.

Der Mond gab jetzo durch den Widerschein der Sonne, womit er dieses Kinderparadies versilberte, der Freude hellere Farben, und unter dem vertieften Schatten der Maienbäume wuchs der kindliche Mut. Alles war beglückt – alles fesselnlos – alles friedlich – kein giftiges Auge warf Blitze – keine einzige Härte störte das metrische Leben – in melodischer Fortschreitung klangen die Minuten im Silbertone vorüber und verfingen und hielten sich in dem ausschlagenden Rosendickicht der Abendröte auf. – Der laue flatternde Äther des Frühlings sog an den Blüten sich voll Düfte und trug sie wie Honig in die Brust des Menschen. – Und als die Pulse voller schlugen, spielten stumme kühlende Blitze um die Nebel des Horizonts, und der Mond zog LebenluftIm Mondschein sondern die Pflanzen Feuer- oder Lebenluft ab. aus den Blättern, um auf ihr den abgezognen Geist ihrer Kelche gesünder zuzuführen.

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