Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jean Paul Richter >

Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 94
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
Schließen

Navigation:

– Endlich war die Insel der Seligen, die schon durch den Nebel seiner Kinderträume weit, weit vorgeschimmert hatte, jetzo der Boden unter seinen Füßen, und er machte die Entdeckreisen durch seinen Himmel – er und Klotilde schwiegen einige Minuten, weil ihre Herzen sanft vor Freude zu wallen anfingen, daß sie endlich allein nebeneinander und vor der großen Esplanade des Frühlings standen. Unter dem seligen Lächeln, dem stummen Buchstaben der Wonne, und unter zitternden Atemzügen, dieser heiligen Sankritsprache der Liebe, waren sie schon am ersten Teiche, über dessen Kristallspiegel sich eine Brücke wie vergoldetes Laubwerk schlängelt. – Sie stockten in der Mitte dieser glatten Mond- und Spiegelscheibe geblendet, weil der Sonnenschirm nicht gegen zwei Sonnen auf einmal, die im Wasser dazu gerechnet, decken konnte; sie kehrten sich halb um und suchten mit den Blicken im malenden Wasser das tiefere Himmelblau und zwei stille beglückte Gestalten auf, die einander mit ihren feuchten Augen anblickten. O sein Auge ruhte warm in ihrem widergestrahlten, wie die Sonne in der unterirdischen Sonne, und sein zitternder Blick wurde das lange Beben und Aushalten eines einzigen Tons; denn die im Wasser wohnende Göttin sank mit ihren Augen seiner Seele entgegen, weil sie die verdoppelte Entfernung seiner Gestalt benutzen wollte, die sich auf 10 Fuß belief. – Um endlich das übermächtige Entzücken zu schließen, führt' er seine Augen weg von dieser Glasmalerei und richtete sie (d. h. er verdoppelte es bloß) an das Urbild selber; und das Ineinanderrinnen der Blicke, das Zusammenzittern der Seelen warf in den engen Augenblick die Gefilde eines langen Himmels. – Und sie sahen, daß sie sich gefunden hatten und daß sie sich geliebt hatten und daß sie sich verdienten. Unter dem Weitergehen konnte Viktor nur sagen: »O möchten Sie so unaussprechlich glücklich sein wie ich heute.« – Und sie antwortete leise, wie ein unter weiche blätterlose Blüten verhauchter Zephyr so leise: »Ich bin es wohl.«.... Ach ich habe mir oft es vorgemalt, wenn wir uns alle einander so liebten wie zwei Liebende, wenn die Bewegungen aller Seelen, wie bei diesen, gebundne Noten wären, wenn die Natur uns allen zugleich den Nachklang ihres bis über die Sterne reichenden Saitenbezuges ablockte, anstatt daß sie nur ein liebendes Paar wie ein Doppelklavier bewegt – dann würden wir sehen, daß ein Menschenherz voll Liebe ein unermeßliches Eden einschlösse, und daß die Gottheit selber eine Welt erschuf, um eine zu lieben. –

Aber ich will wieder so schreiben, wie Klotilde sprach, die den dichterischen Geist nur durch Taten, nicht durch Worte offenbarte, gleich Schauspielern, die den Reim und das Silbenmaß ihres Dichters im Sprechen zu umgehen wissen.

Das Dorf oder das Wirtshaus vielmehr gab ihrer Himmelleiter eine vierte Sprosse, den vierten Pfingsttag. – Der Engländer Kato der Ältere fuhr heraus, der aus Kussewitz mit einem wandernden Orchester Prager Virtuosen von seiner Gesellschaft weggelaufen war, um das Maienthal auch zu sehen. Er konnte nie in seinem Leben auf etwas warten. Er sagte zu Viktor, morgen komm' er zu ihm, heute beschau' er die besäeten Prospekte, und er passe mit der Ouvertüre der Prager nur auf das Ausläuten der Vesperpredigt. Endlich sagt' er ihm, daß Flamin und Matthieu übermorgen verreiseten und wieder zurückgingen nach Kussewitz und folglich da länger verweilten, als sie gewollt. Diese Gegenwart des Engländers und die spätere Zurückkehr des Eifersüchtigen machte auf einmal den letzten Willen in Viktor fest, auch den vierten Pfingsttag als die vierte Saite auf dieses Freuden-Tetrachord aufzuziehen. Und da an diesem vierten Tage gerade das durch alle Heftlein dieses Buchs laufende Rätsel mit dem Engel in die Entzifferkanzlei der Zeit getragen wird, weil Julius den Brief desselben Klotilden zum Vorlesen übergibt: so konnt' er sich weismachen, er bleibe bloß deshalb, und zu sich sagen: »Wundershalber sollte mans doch abwarten, was es mit dem Engel für eine Bewandtnis habe.« – Guter Held! du vermengst jeden Engel mit deinem, und ich wüßte nicht, warum nicht!...

Jetzo lief ein Wolkenschatten über sie, gleichsam als Vorläufer eines dunklern, der ihre Seelen suchte. Denn Viktor, der vor einem schönen Herzen niemals seines versperren konnte, der in der Heiligung der Liebe alle Verstellung verschmähte, erzählte Klotilden mit jener Herzlichkeit, die sich so leicht mit Feinheit vermählen läßt, die Ursachen von Matthieus Reise, nämlich seine eigne kleine Torheit in Kussewitz, wo er der Fürstin das geschriebene billet doux mitgab. Er hätt' ihr auch ohnedas diese Eröffnung machen müssen, um der fremden eines Anklägers vorzubauen. Aber er setzte bei Klotilde voreilig die Zeitrechnung seiner kleinen Jahrbücher voraus und merkte nicht an, daß er das Billet geschrieben, eh' er wußte, daß Klotilde nicht Flamins Geliebte, sondern nur dessen Schwester seiDenn erst als er von Kussewitz zurückkam, erfuhr er auf der Insel von seinem Vater die Verwandtschaft Klotildens. . Sie schwieg lange. Er befürchtete diese Pantomime des Zürnens; und wagt' es nicht, sich davon zu überzeugen durch einen Blick in ihr Angesicht. Endlich bat sie ihn an ihrem Lieblings-Grünplatz, wo in der größten Vertiefung des Tals grüner Schatten seine gemalten Zweige im Sonnen- und Wasserscheine wiegt, da bat sie ihn weder mit kalter noch stolzer Stimme, sondern mit einer fast gerührten, sie ein wenig auf ihrer Lieblings-Grasbank, deren Seitenlehnen große Blumen waren, ausruhen zu lassen. Als er vor ihr stand: so erblickte er erschrocken in ihrem beseelten Angesicht – nicht einen mit der Höflichkeit ringenden Groll, sondern – den rührenden Kampf gegen das Schicksal, das ihr den Liebling ihrer Seele verdunkelte, den uneigennützigen Schmerz über die geschlossene Narbe, die sie aus seiner Tugend wegwünschte. Ihr war, ihm war, als wenn das vorige Jahr sich wieder erhöbe von seinem Totenkissen aus Freudenblumen, die es beiden ertreten hatte; sie waren recht traurig, Klotilde war kaum ihrer Augen mächtig und Viktor kaum seiner Zunge – bis diesem endlich das Mißverständnis einleuchtete. Er sagte ihr daher leise und auf englisch: »hätte sein Vater ihm alle seine Eröffnungen früher gemacht, so hätt' er ihm mehr als einen Kampf, mehr als eine trübe Stunde und zuerst die vorige Torheit erspart.«

In der höhern Liebe ist der Zorn nur Trauer über den Gegenstand. Klotilde setzte gleichwohl die Sonnenfinsternis ihrer schönen Mienen fort – aber es kam nicht von Fortdauer des vorigen Seufzers, noch von dem gewöhnlichen Unvermögen, eine ausgesöhnte Seele sogleich in ein zürnendes Gesicht zu übertragen, sondern die Unzufriedenheit mit ihrer eignen Voreiligkeit sah allemal wie eine mit einer fremden aus. Daher stand sie auf, um ihm ihren Arm und gleichsam das nahe liegende Herz wieder zu geben. Viktor erlaubte sich den Bruch des doppelstimmigen Schweigens nicht. – Emanuel kam nach, und da sagte Klotilde bewegt, als wenn sie erst aufs vorige antwortete: »Ach ich bin meinem Bruder nur zu sehr verwandt von der Seite meiner Fehler.« – Meinte sie Flamins Eifersucht oder Argwohn oder wahrscheinlicher sein Temperament? – Viktor wandte sich zu ihr, um sie gleichsam für das um Verzeihung zu bitten, was sie gesagt – und ihre Augen sagten: »o ich hätte dich nicht verkennen sollen« – und seine sagten: »ich hätte dich, auch ungekannt, nie verleugnen sollen« – und ihre Herzen machten Frieden, und der Ölzweig wand zwischen den alten Blumen der Freude ihre Seelen aneinander.

Emanuel führte sie, als ihr leitendes Gestirn, auf seine lieben Berge, diese Frontlogen der Erde – nur von seinem Berg mit der Trauerbirke wehrte er sie aus unbekannten Gründen freundlich ab –; und sein leichtes Aufsteigen gab ihnen die Freude über die Genesung seines Atems. Endlich kamen sie auf den Thron der Gegend, auf den Berg, wo Viktor am Morgen nach der durchreisten Nacht über Maienthal geschauet hatte. O wie zog sich die lebendige Ebene Gottes, der Vorgrund einer Sonne und eines Edens, in so unbändigen, grünenden, atmenden, wehenden Massen dahin! Wie hing der Himmel voll Berge aus Duft, voll Eisfelder aus Licht! Und sein sanfter Morgenwind schlich sich aus dem mit Wolkenflor verhangnen Morgentor und spielte mit Himmel und Erde, mit dem gelben Blümchen und mit der breiten Wolke darüber, mit der Augenwimper unter einer Träne und mit durchwühlten Kornfluren! – Wie wird das Auge so groß, wenn gejagte Nachtstücke der Wolkenschatten den hellen Sonnenschein der Erde durchschneiden, wie wird das Herz so groß, wenn der Morgenwind die geflügelten Schatten bald über Berge schleudert, bald in Glanzteiche, bald in gebückte Saaten! – Aber rund auf die Wälder hatten sich stille Eisberge aus Wolken gelagert. – – Ach dieses mit Tag und Nacht gefleckte Gefilde, dieser Wall aus Nebelgletschern stellte ja Viktors Herz in den alten Traum zurück, wo er Klotilde auf einem Eisberg mit ausgebreiteten Armen sah! – Ach auf dieser über den südlichen Berg reichenden Felsenspitze konnte er die Insel der Vereinigung dunkel mit ihren Gipfeln und mit ihrem weißen Tempel liegen sehen, und das trinkende Herz taumelte voll vom gemischten Trank aus Sehnsucht und Wehmut und Liebe. –

Dann sagt' er es ihr gern, daß er an jenem Morgen sie hier gesehen habe, wo er dem Blinden das Blättchen an Emanuel gegeben, und daß er sich doch ihren Besuch versaget – – gib ihm nur, Klotilde, den großen warmen Blick voll Dank für sein Schonen deines Bruders, für sein edles Lieben und für sein Überschleiern dieses Liebens! Sie sah ihn an, und als ihr Auge warm von einer Träne wurde, neigte sich der Himmel auf einem Sonnenwölkchen zu ihnen nieder und berührte die verwandten Menschen mit heißen herunterflatternden Tropfen. – O du gute Erde, du gute Natur! Du sympathisierst öfter (und allemal) mit guten Menschen als oft gute Menschen selber! – Vor ihn trat der Traum, wo Klotildens Tränen den Fußboden in ein hebendes Wölkchen zerteilten....

Aber der heranziehende Abend und die kleinen herunterrollenden zerrissenen Perlenschnüre von Regentropfen riefen die schönen Menschen in die Zimmer zurück. Die Mädchen, die mit dem Blinden nicht einmal den Berg ganz erklettert hatten, kehrten schon um und gingen voraus. Emanuel entfernte sich auf seinen Trauerberg, um dort seine Blumen dem Regen aufzudecken. Als unsere zwei liebenden Menschen unten im rauchenden Tale ankamen: wie himmlisch wurde der Abend und die Erde! – Am großen Abendhimmel über ihnen bewegten sich Tulpenbeete von rotem Gewölke, zwischen denen blaue Streifen wie dunkle Bäche liefen. – Hinter ihnen standen unter der Sonne Berge wie Vesuve in Flammen und die Waldung wie ein feuriger Busch, und das über die Blumen laufende Steppenfeuer ergriff die Wolkenschatten. – Und alle Lerchen hingen mit ihren Ripienstimmen der Natur nahe am roten Deckenstücke des Abends, und jeder tiefere Sonnenstrahl hielt eine summende Wesenkette von Mücken. – Und in der Schäferei am Berge liefen rufend hundert Mütter an hundert Kinder zusammen, und jedes Schaf eilte lärmend an sein durstiges niederkniendes Lamm. – –

Großer Abend! nur im Tal Tempe blühest du noch und verwelkest nicht; aber in wenig Minuten, Leser, brechen erst alle seine Blüten prächtig auf! –

Klotilde und Viktor gingen enger und wärmer aneinandergedrückt unter dem schmalen Sonnenschirm, der beide gegen den flüchtigen Regen einbauete. Und mit Herzen, die immer stärker schlugen und statt des Blutes gleichsam andächtige Freuden-Tränen umtrieben, erreichten sie den Park; die warmen Töne der Nachtigall zogen ihnen daraus entgegen; die abgewehten Töne des musikalischen Gefolges, womit der Engländer jetzt über die Berge ging, flossen ihnen wie Blumendüfte nach. – – Aber siehe, als die Erde noch die Vergoldung im Feuer der Sonne trug, als noch der Abendspringbrunnen wie eine Fackel oben brannte, als in einem großen Eichenbaum des Gartens, in welchem bunte Glaskugeln statt der Früchte eingeimpfet waren, zwanzig rote Sonnen aus den Blättern funkelten – da floß eine erwärmte Wolke auseinander und tropfte ganz in das Abendfeuer und auf die glimmende Wassersäule....

Die den Bäumen näheren Nonnen flogen unter das Laub; aber Klotilde, die den langsamen Gang schöner und tugendhafter für eine weibliche Seele fand, ging ohne Eil der nachbarlichen »Abendlaube« zu, die über den Garten erhoben, ihr dichtes Blätterwerk nirgends auftut als vor der untergehenden Sonne. – Nein, es war ein Engel, es war Klotildens Schwester, Giulia, die auf der zarten Wolke ruhte und durch sie ihre Freudentränen fallen ließ, um ihre Freundin, deren Arm in des Geliebten seinem wie in einem Verbande lag, in die glimmende Laube zu drängen, wo zwei selige Herzen am seligsten werden sollten. Klotilde verweilte noch unter dem Perlen- und Goldsand-Regen und glich den stillen Tauben um sie her, die auf allen Dächern ihre reinen Flügel wie bunte Regenschirme auseinanderschlugen und dem Bade unterhielten – und vor dem Eintritte zog Viktor sie zurück, der wonnebeklommen sagte: »Du Allgütiger!« und auf Emanuels Laube hinblickte, auf welcher die Paradieses-Pforte, aus musivischen Steinen aufgeführt, der Regenbogen, sich anfing und sich durch den Himmel hinüberwölbte über die Abendlaube und mit dem himmlischen Zauberkreis die drei liebenden Seelen einfaßte.

Und als sie in die dunkle Laube traten, die nur eine kleine Öffnung gegen die durch den Regen hereinbrennende Sonne hatte: lag vor der Öffnung das Abendgefilde mit den wankenden Feuersäulen, zwischen denen der goldne Fluß der zerschmolzenen Sonne schlug, und mit den Auen, die bis an die Blumen in einem Meer von Lichtkügelchen standen. – Und herabgefallene Regenbogen lagen mit ihren Trümmern auf den Blütenbäumen. – Und kleine Lüftchen wehten das Lauffeuer in den Wiesenblumen an und warfen Funken aus den Blüten. – Und das Menschenherz wurde von den Wonneströmen fortgezogen und schwamm brennend in seinen eignen Tränen. –

Wie eine Verklärte schauete Klotilde in die Sonne, und ihr Angesicht wurde erhaben zugleich von der Sonne und von ihrer Seele. Und ihr Freund störte die schöne Seele nicht; aber er nahm das weiße Tuch aus ihrer Hand und trocknete die aus der Laube tropfenden Farbenkörner, mit Blumenstaub umzogen, sanft hinweg, und sie gab ihm freiwillig ihre Hand. Als sie ihre Augen voll Tränen auf ihn wandte: ließ er die Tränen stehen; aber sie nahm sie selber hinweg und schauete ihn mit einer Liebe an, über welche bald die alten zogen, und sagte mit einem Lächeln, das selig weiterfloß: »Mein ganzes Herz ist unaussprechlich gerührt; vergeben Sie ihm, teuerster Freund, heute alles, worin es bisher dem Ihrigen nicht ähnlich war!«...

– Siehe da wurde die warme Wolke in den Garten gleichsam wie ein ganzer Paradiesesfluß niedergeschüttet, und auf den Strömen flossen spielende Engel herab.... und als die Wonne nicht mehr weinen und die Liebe nicht mehr stammeln konnte, und als die Vögel jauchzeten und die Nachtigall durch den Regen schmetterte, und als der Himmel freudig-weinend mit Wolkenarmen an die Erde fiel: ja, dann zitterten zwei begeisterte Seelen zusammen und ruheten ohne Atem aneinander mit den zuckenden Lippen und Wange an Wange gepresset im glühenden zitternden Schauer – dann quollen endlich, wie Lebensblut aus dem geschwollnen Herzen, große Wonnetränen aus den liebenden Augen in die geliebten über. – Das Herz maß die Ewigkeit seines Himmels mit großen wonne-schweren Schlägen – die ganze Sichtbarkeit, die Sonne selber war dahingesunken, und nur zwei Seelen schlugen aneinander einsam in der ausgeleerten dämmernden Unermeßlichkeit, geblendet vom Tränenschimmer und vom Sonnenglanz, übertäubt vom Himmelbrausen und vom Echo der Philomele und erhalten von Gott im Ersterben aus Wonne.

Klotilde bog sich ab, um die Augen abzutrocknen; und ihr stummer Liebling sank um und kniete vor ihr und drückte sein Angesicht auf ihre Hand und stammelte: »O du Herz aus meinem Herzen, o du ewig, ewig Geliebte – ach könnt' ich für dich bluten, für dich untergehen –« Plötzlich stand er, wie von einer unermeßlichen Begeisterung gehoben, auf und sagte leiser, sie anschauend: »Klotilde! dich, Gott und die Tugend lieb' ich ewig.«

Sie drückte seine Hand und sagte leise: »O wie konnten die Menschen und das Schicksal ein solches Herz verwunden? Aber meines, Viktor,« (sagte sie noch leiser) »wird ihm nie mehr unrecht tun.« – – Sie traten aus der Laube – der Himmel hatte sich wie ihr Herz erschöpft in Freudentränen und war bloß heiter – die Sonne war zugleich mit der großen Minute untergegangen. Viktor ging langsam, als wenn er vor einem weiten Elysium vorbeiginge, das empfangne Eden auf seinem Herzen tragend, heim in Dahores stille Wohnung. Dahore sank, sitzend eingeschlummert, sanft hinüber und herüber, und Viktor, ob er gleich gern sein Herz an einer zweiten ähnlichen Brust auspochen lassen wollte, versagte sich es doch – und lehnte sich langsam an den wankenden Lehrer. Er hielt recht lange das schlummernde Haupt an seiner brausenden Brust. Sein Freudengewitter kühlte sich ab zum heitern Himmel, und die erquickten Freudenblumen schlossen die Duft-Kelche der Erinnerung auf. Dahore schlug die Arme um seinen Liebling, und dann erst wurde er wach: denn es hatte ihm geträumt, er umarme ihn, und als er aufwachte, war er froh, daß es ihm nicht bloß geträumt hatte.

Genug! – Und ihr, ihr Menschen, die ich liebe, ruht aus an der Erinnerung oder an der Hoffnung, wenn ihr wie ich diese kleinen Blätter aus den Händen legt!

 << Kapitel 93  Kapitel 95 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.