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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 93
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Zweiter Pfingsttag
(34. Hundposttag)

Der Morgen – die Äbtissin – der Wasserspiegel – stummer Injurienprozeß – der Regen und der offne Himmel

Um zwei Uhr zog der Morgenwind lauter und kühler durch Viktors offnes Zimmer und rüttelte schon Tautropfen von geglättetem Laub, das nahe Blätter-Geflüster wirbelte sich durch seine Ohren in seine Träume. Die Lerche fuhr als Ouvertüre des Tages hoch ins Himmelgrau hinauf und läutete das Trommetenfest des Morgens ein. Dieser Wecker wurde durch sein Träumen zum umherfliegenden Nachhall, das sich mit dem Morgen vermischte; unter dem sanften Einfallen des nachbarlichen Getönes schloß er langsam die Augen auf und träumte weiter und tat sie wieder zu und erwachte mehr, und der Schlaf fuhr nicht wie ein dickes Leichentuch aus Nacht hinweg, sondern wallete wie ein Schleier aus Morgenduft empor, und seine Seele schloß sich, ohne eine einzige Bewegung mit dem Körper zu machen, mit dem stillen Erwachen eines Blumenkelchs vor dem Morgen auseinander....

– Jetzt bin ich schon wieder im Sieden und Flammen – und doch nehm' ich mir, sooft ich eintunke, vor, die Kunstrichter zu gewinnen und mit meiner Feder zu schreiben wie mit einem Eiszapfen. Aber es ist mir unmöglich – erstlich weil ich in die Jahre komme. Bei den meisten Menschen hört zwar wie bei den Vögeln das Singen mit der Liebe auf; aber bei denen, die ihren Kopf zu einem Treibhaus ihrer Ideen machen, geben die Jahre, d. h. die Exerziertage darin, der Phantasie wie den Leidenschaften einen höhern Wuchs. Dichter gleichen dem Glase, das im Alter bei dem Zerfallen bunte Farben annimmt. – Aber zweitens, wenn ich auch erst in meinem zwanzigsten Jahre blühete: so könnt' ich doch jetzo nicht frostig schreiben, maßen der Winter vor der Tür ist. Rousseau sagt, im Stockhause brächte er das beste Gedicht auf die Freiheit heraus – daher die staatsgefangenen Franzosen sonst bessere Prosa darüber schrieben als die freiern Briten – daher dichtete Milton im Winter. Ich nahm oft im Sommer meine Schreibtafel hinaus und wollte ihn an dieses Silhouettenbrett anpressen und dann abschatten; aber die Phantasie kann nur Vergangenheit und Zukunft unter ihr Kopierpapier legen, und jede Gegenwart schränkt ihre Schöpfung ein – so wie das von Rosen destillierte Wasser nach den alten Naturforschern gerade zur Zeit der Rosenblüte seine Kraft einbüßet. Daher mußt' ich allemal warten, bis ich untreu wurde, eh' ich mit meinem Reißzeug an die Liebe gehen konnte.... Hingegen ein Mensch, der jetzt auf einer molukkischen Insel gegen den Nachsommer hin den Frühling grundiert und auszeichnet, muß ihn aus den vorigen Gründen und noch aus dem neuen, weil der fliegende Sommer der sehnen-erregende Nachklang und die Silberhochzeit des Frühlings ist, mit viel zu hellen Saftfarben den Galerieinspektoren einhändigen. –

Die bunt ausgenähete Beschreibung von Viktors Aufenthalt in Maienthal kann so lang werden wie die von Voltairens seinem in Paris, mit deren Ehrensolde der magere Spaßvogel den Mietzins seiner chambres garnies hätte bestreiten können. Denn eben hat der Hund gar einen vierten Pfingsttag abgeliefert und die trinomische Wurzel der Freudenpotenz zu einer quadrinomischen ausgebreitet. Da in dieser Freuden-Quadruplik wiederum kein Jammer steht, kein Mord, keine Landplage, sondern nichts als Gutes: so fang' ich freudig die übrigen Bilder dieses Frühlings in meiner dunkeln Kammer auf und schwebe nicht in der Angst, daß ich meinen Helden (Knef hat mir alle Pfingsttage übermacht und sendet nur ein kleines Ergänzblatt gar nach), wie etwan meinen Gustav, aus dem zusammengestürzten Schutt seines Lust- und Sommerhauses zu ziehen habe. –

Emanuel tat vormittags sein Schreibtagwerk in seinen astronomischen Tabellen ab, um den ganzen Nachmittag mit seinem Gaste bei der Äbtissin zu verbringen; auch trug er ihm eine kleine Mitarbeiterstelle bei seinen Blumen an, nämlich die Rosmarinblüten auszupflücken und über das Nelkengestell den Sonnenschirm zu spannen. Bei Emanuel hingen auch in der prosaischen Ruhe des Tages immer die Flügel noch weit unter den Halbflügeldecken hervor. Viktor hielt die Bitten seines Lehrers für Geschenke. Da er draußen am Rosmarin abblattete: so öffnete die aufgehende Sonne das Ventile des Windes, und dann fingen, von ihm angeweht, alle Register der großen Wesen-Orgel zu gehen an, und vor seinem Ohre wogte der Tremulant der Bäche, schrie das Flötenwerk der Vögel und brauste das zweiunddreißigfüßige Pedalregister der Waldungen. Ein eingepfarrter kleiner Kopf um den andern, der seine zwölf Jahre samt ebensoviel Herkules-Arbeiten des Gedächtnisses zum heiligen Abendmahl trug, schlich hinter dem Vater mit einem Kranz-Knauf und überhaupt mit Goldflittern gestickt und aufgesteift vor ihm vorüber. Welchen schönen zweiten Pfingsttag, der sonst voll Regenwolken ist, habt ihr Kleinen jetzt! – Viktor gönnte recht gern der Grandezza des Dorfes, d. h. den Vollspännern und dem Schulmeisters-Sohne, den Haarformer und Zopfprediger Meuseler, der am zweiten Pfingsttag die benachbarten Dörfer frisierte, und der mit seinem Puder-Weihwedel die letzte Pfingstausgießung auf die kleinen Köpfe betrieb, die der Pfarrer schon sechs Wochen eingefeuchtet hatte. Viktors Herz schlug vor Freude, als wenn er ein Kind mit darunter hätte oder eins wäre, als die bunte gepuderte Wesenkette mit hüpfenden Flittern, mit hochstämmigen Blumensträußern, mit schwarzgleißenden geistlichen Musenalmanachs, vor dem Kommando- und Hirtenstab ihrer zwei Konsuln, singend und besungen und eingeläutet und angeblasen durchs Kirchen-Siegtor einzog. – Ach! Kindern steht die Freude noch schöner wie uns, so wie ein unglückliches, ein bettelndes, dem das Schicksal das erste Kindergärtchen zertritt, und vor dessen Augen beim ersten Aufschlagen ins Sein nichts hängt als schwarzes ungestaltetes Morgengewölk, unser Herz betrübter macht als der Vater desselben neben ihm. –

»Beeret jede Minute eures ersten Triumphtages ab, ihr guten Kinder, und ich wollte, die Predigt würde recht lang, damit ihr den schönen Anzug länger anbehieltet!« sagte Viktor und sah sich nach dem Kloster um, dessen Fenster voll unkenntlicher Zuschauerinnen waren; er setzte sich vor, bei der Rückkehr der Kinder-Prozession sich unter den Fenstern das mit dem schönsten Inhalt auszusuchen durch ein Taschenperspektiv. – Gehe nur, menschenfreundlicher Mensch, der die schönen Seelen liebt wie die schöne Natur und die kalten erträgt wie die Wintergegend, und der sich nie rächt, gehe nur an den Bächen auf und ab, weil da der Fußsteig der Fischer ist, und weil du auf deinen dichterischen Ringrennen keinem Bauern nur einen Zwieselwagen voll Heu, wie ihn die Kinder aus Haselruten flechten, niedertreten willst! Fülle den Zwischenraum zwischen dem ersten und dem dritten Himmel, wo du mittags nicht mit Abraham, sondern mit deiner Klotilde am Tische der Äbtissin sitzest, mit einem zweiten, nämlich mit dem Umarmen der ganzen Natur, die nie holder in die Seele hineinschauet, als wenn auf ihr nicht weit von der Seele eine – Geliebte wohnt! –

Ein Wandelgang zwischen zwei zusammenblitzenden Bächen und zwischen ihren lackierten, von Schaumwürmern beschneieten Weiden überzog das ganze Innere bis auf jeden Winkel einer dunkeln Träne mit Morgenglanz. – Noch dazu schauete Viktor immer über die Wiese hinauf zu Emanuels offnem Fenster und ließ sich ein Lächeln von ihm wie eine laufende Welle voll Licht herunterwehen. – Noch dazu blieb er nicht da, sondern ging zweimal hinauf und störte ihn mitten in seinem Schreiben durch ein kindliches Umfassen. – Noch dazu legt' er seinen Augen Meilenstiefel an und lief über die ganze, sich hier bäumende, dort sich bückende, hier leuchtende, dort schattende Landschaft, um eine Post- und Reisekarte zu den schönsten Stellen für die Nachmittag-Spaziergänge mit Klotilden schon hier voraus aufzunehmen und zu leimen, weil nachmittags die Entzückungen vielleicht die Wahl der Entzückungen verfälschen! – Und so schuf die Natur in seinem Geiste ihren Morgen und ihren Frühling noch einmal aus dem Erdenkloß des ersten Frühlings, d. h. aus der heißen Sonne, aus dem kühlen Bache, aus dem Schmetterling, den der Mai aus der Hülse schälte, aus den bunten Mücken, welche die gebärende Erde aus dem Larvensamen wie fliegende Blümchen hervortrieb. – Da schloß er unter dem Spatzen- und Schwalbengetobe im Dorfe und unter dem Feldgeschrei der Lerchen und vor den blendenden Wellen der Bäche die Augen zu und ließ seine Seele in das klingende Meer und in das vom Augenlid gemalte Helldunkel untertauchen; aber dann wäre sein Herz erdrückt worden von der Schöpfungflut, die über dasselbe ging aus allen Röhren und Betten und Mündungen des Lebens um ihn, aus dem verstrickten Geäder des Lebensstroms, der zugleich durch Blumenrinnen, durch Baumgassen, durch weiße Mückenadern, durch rote Blutröhren und durch Menschennerven schießt.... er wäre Freuden-ohnmächtig ertrunken im tiefen weiten Lebens-Ozean, den Lebensströme durchkreuzen und nachfüllen, hätt' er nicht wie jener Ertrunkne ein Glockengeläute in die Wellen hinunter gehört....

Kurz – die Kirche war aus, und er mußte hinter einen Blätter-Jagdschirm gehen, um, wenn die kleinen Abendmahls-Panisten aus der nachorgelnden Kirche und unter dem nachtrompetenden Turm vorbeizögen, dann mit dem Taschenperspektiv zuzuschauen, wer zuschaue aus dem Kloster. Klotildens Angesicht schwebte, wie durch Magie vorgerufen aus der zweiten Welt, dicht am Glase, und er konnte unvertrieben seine Schmetterlingflügel um diese Blume schlagen; er konnte frei in ihre großen Augen wie in zwei mit Tauglanz gefüllte Blumenkelche sinken. Er sah nie einen so reinen Schnee des Augapfels um die blaue Himmelöffnung, die weit in die schönere Seele ging; und wenn sie das Auge in den Garten niederschlug, stand das große verhüllende Augenlid mit seinen zitternden Wimpern ebenso schön darüber wie eine Lilie über einer Quelle. Die Liebe fängt sich, wie das Zeichnen und der keimende Mensch, beim Auge an. – Da die Kinder vorüber waren: so wandte Klotilde ihr Angesicht langsam und frei gegen Emanuels Laubhütte und schauete mit dem weiten sehnsüchtigen Blicke der Liebe herüber....

Und mit einer solchen Liebe, die wie ein Herz in seinem Ich pochte, kam Viktor samt seinen zwei Freunden droben im Kloster an. Die Äbtissin (ihr Name wird mir gar nicht berichtet, nicht einmal ein falscher) empfing ihn mit einem hohen Air, das ihr Stand nicht gegeben, sondern gemildert hatte. Ihre Seele wurde gekrönt geboren. Die ** Fürstin, deren Oberhofmeisterin sie war, spielte zuweilen gern das Kind (Kinder erwidern es umgekehrt und repräsentieren ihre Repräsentanten): aber ob sie gleich einen dreißigjährigen Stolz besaß, so fiel sie doch ihrem Steckenpferd in den Zügel, sobald die monarchische Oberhofmeisterin erschien, die im ganzen Lande (die Schwanen ausgenommen) den Kopf am meisten zurückbog. Eine Frau wie diese, deren Blicke Throninsignien und deren Worte mandata sacrae caesareae majestatis propria waren, hatte aus den Händen der Natur selber die Huldigungmünze und das Throngerüste, um ihren Reichsapfel gegen die Schönheitäpfel junger Mädchen abzuwägen – eine solche konnte die Klotilden beherrschen und formen. Ihre Seele war von drei Meistern gemalt: der Hintergrund von der Welt – der Vorgrund von der Kirche – der Mittelgrund von der Tugend. Ihre aszetischen Bestandteile setzten sie auf eine sonderbare Weise in einige Wahl-Verwandtschaft mit Emanuels indischen. –

Ich kenne nichts Rührenders und Schöneres als die weibliche Verbeugung aus jener tiefen Achtung, mit der gute Mädchen ihre Liebe allein zu sagen wagen. – Glücklicher Viktor! deine Klotilde empfing dich mit so vieler Achtung wie ihren Lehrer. Nur die Kokette wird durch die Liebe befehlhaberischer (ein kieselsteinernes Juristenwort!); aber die Stolze wird dadurch bescheiden und sanft. – Nie aß er froher als in diesem hellen Lustschloß, vor dessen offnen Fenstern ein blauer Horizont und näher brausende und mit Musik besetzte Alleen ruhten, als in dieser geputzten Orangerie aufblühender Mädchen, anstatt daß ein Gymnasium eine Menagerie ist, und ein Schwesternhaus eine Voliere. – Viktor, der Weiber noch besser zu lenken verstand als Männer, war im arbeitenden Ameisenhaufen dieser lebhaften Mädchen so gesund wie in einem Ameisenbad und war ein zweiter Bienenvater Wildau, der sich aus dem Immenschwarm bald einen Bart zusammensetzte, bald einen Muff. Es gehört mehr männlicher Verstand zu einer gewissen feinen Galanterie, als die haben, die sie in ihren Satiren mit der faden vermengen; so wie nur Gebirge den süßesten Honig darbieten. Der Ernst muß den Scherz grundieren, die Achtung und das Wohlwollen das Lob. Viktor konnte leichter vor zwei als vor 32 weiblichen Augen in Verlegenheit geraten, welche letzte übrigens der gröbste Donatschnitzer und Germanismus in der weiblichen Grammatik ist. Er hatt' es längst gelernt, die flüchtigen Salze des weiblichen Witzes mit den fixen des männlichen zu binden, so wie die Kunst, in großen Zirkeln jede Seele, jede Raupe auf das rechte Nährblatt zu setzen.

Für ihn, der einmal gesagt: »Ich wollte, ich hätte wenigstens viermal des Jahrs mit Damen zu konversieren, bei denen man so viel Tournure anbringen müßte, daß man gar nicht wüßte, was man wollte, und die fein bis zum Unsinn wären« – für ihn war eine hohe Dame wie die Äbtissin, die man seit dem Niederlegen ihres Oberhofmeistertums ein klein, klein wenig mit einer Preziösen verwechseln konnte, ein wahres Labsal; denn er konnte ihr doch die physiognomischen Fragmente vom Hofe mit tausend Wendungen, d. h. ein Vollgesicht durch fünf Punkte vorzeichnen. Aber er hatte dabei die noch edlere Absicht, seine anbetende Aufmerksamkeit, sein zuweilen in Gestalt einer Träne ins Auge tretendes Herz von seiner geliebten Klotilde wegzurufen, um ihr eine ganz andere Aufmerksamkeit zu ersparen als die seinige. Auf eine sonderbare Weise zog immer gerade sein satirisches Gefühl seinen ernsten Gefühlen, seiner erweichten Seele die Mosis-Decke ab – er schämte sich nämlich keiner Träne, bloß weil er wußte, daß ihn seine Laune gegen den Verdacht der Übertreibung und gegen den Spötter beschützen könnte; so wie wieder umgekehrt sein schillernder Witz unter Tränen, wie Phosphor unter Wasser, sein Licht aufbehielt und nährte. –

Zum Glück machte jetzt Emanuel, der mitten unter dem Essen in den Garten gegangen war, da er wiederkam, den Antrag eines Spazierganges. Denn in seiner Seele standen nur große Ideen noch vom Leben übrig, wie vom alten Ägypten nur Tempel, keine Häuser nachblieben; und seine Unwissenheit in kleinen Dingen muß kleinen Dingern lächerlich sein. – Die Äbtissin hatte Klotilde als Unterkönigin der feurigen Nonnen neben sich auf den Thron genommen. Viktor stellte mit seiner einzigen Person das kurmärkische Pupillenkollegium unter diesen flatternden Grazien vor. Klotilde übergab den Blinden gerade einem ganzen Tauben-Fluge der lebhaftesten Wegweiserinnen, weil sie alle um das Bootmanns- und Zeigefinger-Amt beim Blinden warben; sie liebten ihn alle wegen seiner himmlischen Schönheit, aber (da er die ihrige nicht sah) nur so, wie sie einen schönen Knaben von fünf Jahren herzen.... Zu einer andern Zeit würde Viktor sich gewiß umgesehen und fein angespielet haben, daß die Schönheit die Blindheit führe; aber heute sah er sich nur um aus andern Gründen.

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