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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 92
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Er hätt' es für einen Engels- und Petrus-Abfall von der Freundschaft gehalten, bei Emanuel nicht geradezu anzufragen, wann er diese Geliebte – der Tugend sehen dürfe. »Jetzt!« sagte dieser, der ungeachtet seiner indischen achtenden Milde gegen die Weiber die Nasenringe, Bindeschlüssel und Dämpfer unserer Harams-Dezenz nicht kannte. Aber Viktor handelte anders und dachte doch ebenso. Er hatte schon im Auslande gefragt: »Warum läßt man die elende Reichspolizeiordnung für Mädchen stehen, daß sie z. B. nicht einzeln, sondern immer wie Nürnberger Juden unter dem Meßgeleite einer Alten oder wie die Mönche paarweise auswandeln müssen? Nicht etwan als ob mich dies beschwerte, wenn ich einen Roman spielte, aber doch, wenn ich einen schriebe, wo ich mich an das weibliche Marschreglement auf Kosten des kunstrichterlichen halten und ein Geleite von Auxiliar-Weibern durchs ganze Buch mit mir zum Verhack meiner Heldin herumschleppen würde. Müßt' ich nicht, wenn ich sie nur über die Haustüre hinaushaben wollte, mit einer Kronwache von Siegelbewahrerinnen neben ihr herziehen? Wär' ich nicht durch diese verdammte Mitbelehnschaft und Kompagniehandlung mit der Tugend – es fehlte an einer Proprehandlung – genötigt, meiner Heldin wider alle Wahrscheinlichkeit Freundinnen aufzuheften? Ich würd' es zwar einem spanischen Mädchen verdenken, wenn sie mir ihren Fuß, und einem türkischen, wenn sie ihr Gesicht vorwiese, und einem deutschen, wenn es allein zum besten Jüngling ginge; aber eben weil die tollsten blauen Gesetze, die doch blauer Dunst an blauen Montagen werden, zum wahren Sittengesetze für sie werden: so ärger' ich mich über die jämmerliche Kleinherzigkeit und wünsche nichts verboten zu sehen als das – Walzen und Fallen.«... Er hat hier vielleicht Satire in petto; denn ernsthaft davon zu sprechen, hat diese Heils-Ordnung, daß sich Mädchen bei uns allemal wie Gesuche bei Fürsten in Duplikaten einreichen müssen, offenbar die Absicht, sie alle aneinander zu gewöhnen, weil sie ihre Freundschaft haben müssen zu Besuchen – zweitens sollen Geschwister einander aus den Haaren kommen, weil sie nicht wissen, wenn sie einander bedürfen zu Rückbürgen ihrer Tugend und zu Sekundawechseln der Liebe – drittens geben diese Menschensatzungen der weiblichen Tugend durch den kleinen Sitten- Dienst (weil große Versuchungen zu selten sind) tägliches Religion-Exerzitium und höhere Wichtigkeit und verhalten sich wie die Talmudischen Artikel zur Bibel, wiewohl ein rechter Jude lieber gegen die Bibel als den Talmud verstößt – viertes verdanken wir diesen symbolischen Büchern des Wohlstandes die frühere Bildung des weiblichen Scharfsinns, dem wir leider keine andern Gelegenheiten der Aufmerksamkeit verschaffen, als die der Schwur auf jene Bücher gibt.

Viktor tadelte und befolgte zugleich, wie ein gutes Mädchen, die weiblichen Ordenregeln; der Hof hatte ihn beherzter, aber auch feiner gemacht, und unter den Weibern wurd' er wie jeder mit dem Linienblatt des Zeremoniells versöhnt. Daher wollt' er erst am zweiten Pfingsttage sein ordentliches Gesandtenauffahren bei der Äbtissin abtun, da heute alles zu spät war und er überdies in die schönen frommen Bewegungen drüben nicht wie ein Haarstern fahren wollte. Und seine Zufriedenheit sagte ihm ja auch, wie wenig die Nachbarschaft eines geliebten Herzens verschieden ist von der Gegenwart desselben, die ohnehin nichts ist als bloß eine nähere Nachbarschaft.

Inzwischen überwand er sich doch so weit, daß er mit seinen Zwillingbrüdern des Herzens – hinausging ins Kolosseum der Natur, ob er gleich sich nicht verbarg, draußen werd' er den Schrecken haben, Klotilden zu begegnen. Und Emanuel verringerte diese Sorge schlecht, da er ihm gestand, sie sei bisher alle Tage mit ihrem verwundeten Leben um die Teiche wie um magnetische Heil-Wannen und durch die Flur wie durch Feldapotheken gegangen. – Eilet endlich hinaus, ihr drei guten Menschen, ins Jubiläum des Frühlings, das die Erde jährlich zum Andenken der Schöpfung begeht. Eilet, eh' die Minuten auf eurem Leben, wie die breiten Wellen auf den zwei Bächen, jetzo noch fliehend und schillernd und tönend, zerspringen und auslöschen an einer Trauerweide – eilet, eh' die Blumen eurer Tage und die Blumen der Wiese von dem Abende überzogen werden, wo sie statt der Lebens- und Feuerluft nur giftige verhauchen – und genießet den ersten Pfingsttag, eh' er verrinnt!

– Und er ist verronnen, und ein Sommer liegt heute schon wie ein Grab auf ihm; aber die drei lieben Menschen haben geeilt und ihn genossen, eh' er sich entfärbte.... Sie wandelten unter die aus allen Gesträuchen fliegenden Zephyre hinein, welche die Säemaschinen der Blumen sind – sie traten vor die fünf Taschenspiegel der Sonne, vor die Teiche, da die Flüsse Pfeilerspiegel sind und die bunten Ufer die Spiegeltische – sie sahen, wie die Natur gleich Christus ihre Wunder verbirgt, aber sie sahen auch die Brautfackel des vermählenden Maies, die Sonne, und eine Hochzeitkammer in jedem singenden Gipfel und ein Brautbett in jedem Blumenkelch – sie, die Hochzeitgäste der Erde, schlugen die Biene nicht weg, die um sie honigtrunken taumelte, und trieben die ätzende Mutter nicht auf, vor der der junge Vogel mit zitternden Flügeln zerfloß – und als sie auf alle Erdenstufen des ewigen Tempels, dessen Säulen Milchstraßen sind, gestiegen waren: so sank die Sonne, wie die Gedanken des Menschen, einer andern Welt entgegen....

Der Springbrunnen im Garten des EndesSo hieß der Park der Abtei, den der Lord Horion in seinem romantischen Geschmack anfangen, aber nicht vollenden lassen, weil er auf die Insel der Vereinigung fiel. Ich webe die Beschreibung davon nur stückweise in die Begebenheiten ein. , der mitten auf dem Abhange des südlichen Berges sich emporrichtet und hoch über den Berg wegschimmert, trug schon auf seiner kristallnen dünnen Säule einen von der Abendsonne zu einem Rubin umgegossenen Schaft, und diese glimmende aufgeblätterte Rose zog sich wie andere entschlafende Blumen schon zu einer roten Spitze ein – und die hängenden Marschsäulen der Mücken im letzten Strahle schienen zu sagen: morgen wird es wieder schön, geht zurück, ach ihr spielt doch länger in der Sonne als wir. –

Sie gingen zurück; aber als Viktor im Abend die fünf hohen weißen Säulen am westlichen Ende des geliebten Gartens blinken sah: wurde sein erhöhtes Herz sehnsüchtig und beklommen, und er wehrte ihm nicht, zu seufzen: »Gute Klotilde! ach ich möchte wohl dich heute noch sehen, mein Herz ist voll Freudentränen über diesen heiligen Tag, und ich möchte es wohl ausschütten vor dir.« – Und als der ganze Park der Abtei sich stolz neben den Abendhimmel stellte und in ihre Herzen trat: sagte auf einmal Emanuel – der sich immer gleich blieb, sogar in seinen Entzückungen –: »Ich will es der Äbtissin schon heute sagen, damit Klotilde sich auf morgen freut«, und er trennte sich.... Schöner Mensch! der du in vier Wochen aus diesem Blumenfrühling zu gehen hoffst in die Sterne über dir – du denkst mehr die Unsterblichkeit als den Tod, dich hat keine drohende Rechtgläubigkeit, sondern die indische Blumenlehre erzogen, darum bist du so selig; du bist ohne Zorn, wie jeder Sterbende, und ohne Gier und ohne Angst; in deiner Seele, wie am Pole, wenn jeden Morgen die schwüle Sonne ausbleibt, geht der Mond der zweiten Welt den ganzen Tag, die ganze Nacht nicht unter! –

Viktor führte allein den Blinden nach Haus, und beide schwiegen und umarmten sich mit Brudertränen hinter jeder Verhüllung und fragten einander weder um die Ursachen der Umarmung noch der Tränen. Da sie durchs stille Dorf waren und dem Park der Abtei vorbeikamen: sah Viktor seinen Emanuel aus der letzten Laube in das blendende Kloster treten. Es war ihm, als kennte ihn schon jede darin, als müßt' er sich verstecken. Der Garten der Begeisterung sollte in dem Tale nur das Blumenbeet in einer Wiese sein und nicht durch grelle Schranken an der Natur zurückprallen, sondern sanft wie ein Traum ins Wachen durch blühende, belaubte Grenzen in sie überhängen und überfließen durch Hopfengärten, durch grüne, dicht zusammengerückte Zäune um Fruchtfelder und durch versäete Kindergärtchen. Eine weite Kastanien-Säulenreihe, von zwei Bächen in Silber gefasset, schloß sich frei und weit gegen die fünf von Blüten durchbrochenen Teiche auf. Der nördliche Berg richtete sich dem Parke gegenüber wie eine Terrasse empor und führte das Eden scheinbar über ungesehene Täler fort.

Viktor wich jedem aufgehenden Fenster des Klosters durch die Kastanien aus, unter die er seinen Blinden führte und hinter denen er näher und doch unbeobachtet beobachten konnte. Auf dem aus grünenden Dachlatten verwachsenen Wetterdach der Allee lag der Abend, wie ein Herbst, mit rotem durchfallenden Schimmer. Er ging trotz der Gefahr der Ertappung bis in die Mitte, wo die Allee in zwei Arme zerspringt; aber hier wählte er den rechten Arm der belaubten Halle, der sich mit ihm vom Kloster wegbog, so wie von einer Nachtigall, die mitten im Garten aus einer geheiligten Dornhecke ihre Jungen und ihre Töne aussandte. Der Baumgang tat ihm durch die sanften Entfernungen von den Bravourarien der gefiederten Primadonna die Dienste eines Dämpfers und Lautenzugs – leise wurd' er von den Krümmungen, die die allmähliche Verdunkelung und Verengerung der Allee verbargen, fortgezogen zwischen den nachfliegenden Tönen der Nachtigall, zwischen den dünner durch die Blätter tropfenden Abendstrahlen, zwischen den zwei Bächen, die jetzt innerhalb der Kastaniengasse dahinschlüpften. – Die Bäche gingen enger aneinander und ließen nur für die Liebe Raum. – Der Portikus senkte sich tiefer herein. – Die zerstreuten Blumen der zwei Ufer drängten sich zusammen und gingen in Gesträuche über. – Die Gesträuche verwuchsen zur Gartenwand und berührten sich anfangs in lose und durchsichtig zuhängenden Gipfeln und endlich in finster zusammengestrickten. – Und die Allee und der unter ihr aufgewachsene Laubengang grünten ineinander hinein, um mit ihren zusammenfallenden Blütenhüllen nur eine einzige Nacht zu machen. – Dann versperrte in der grünen Dämmerung ein Jelängerjeliebergespinst und Blütengeniste die Laube, aber fünf aufsteigende Stufen lockten zum Zerreißen des blühenden Vorhangs an. Und wenn man ihn zerteilte: sank man in ein Blütengeklüft, in eine enge durchwachsene Gruft, gleichsam in einen vergrößerten Blumenkelch. In dieser delphischen Höhle der Träume war der Polster aus hohem Grase gemacht und die Arme des Sitzes aus Blütenzweigen und die Rückenlehne aus gedrängten Blumen und die Luft aus dem Hauche von stäubendem Zwergobst. Dieses Blumen-Allerheiligste wurde nur von Bienen und Träumen bewohnt, nur von weißen Blüten erhellt, es hatte statt des Abendrots nur den Purpur der Nachtviole, statt des Himmelblaues nur den Azur der Holunderblüte, und der Selige darin wurde nur von Bienenflügeln und von den um ihn versammelten fünf Mündungen der Bäche in den Schlummer eingesungen, in welchem die ferne Nachtigall die Harmonika- und Abendglocken des Traumes anschlug....

– Und da heute Viktor neben dem Blinden die fünf Stufen betrat und die aus Blüten gewobene Tapetentür des Himmels auseinandertat: siehe! da – o der Selige diesseits des Todes! – ruhte darin eine Heilige mit weinenden Augen, in Philomelens verklungne Klagen untergesunken... Du, Klotilde, warst es und dachtest an ihn mit weicherer Seele und mit größerer Liebe – und er an dich mit der erwiderten! O wenn zwei liebende Menschen einander in der nämlichen Rührung begegnen: dann erst achten sie das menschliche Herz und seine Liebe und sein Glück! – Decke, Klotilde, mit keiner Blüte die Tränen zu, unter denen deine Wangen erröten, weil sie nur vor der Einsamkeit niederfallen sollten! Zittere, aber nur vor Freude, wie die Sonne zittert, wenn sie aus einer Wolke am Horizont herausrückt! Schlage dein von Blumen verhangnes Auge noch nicht nieder, das zum erstenmal so ruhig geöffnet und mit einem solchen Strom der Liebe an den Menschen sinkt, der dein schönes Herz verdient, und der alle deine Tugenden mit seinen belohnt!.... Viktor wurde vom Blitze der Freude getroffen und mußte im süßen Lächeln der Entzückung erstarren, da die Geliebte hinter dem Blumengewölk wie ein Mond hinter einem in voller Blüte stehenden Eden aufging und in der weiblichen Verklärung der Liebe einem in ein Gebet zerfloßnen Engel glich.

Der Blinde wußte noch nichts vom dritten Beglückten. Sie bewegte süßverwirrt die Hand nach einem zu dünnen Zweige, um sich von der tiefen Grasbank aufzuheben; dem Geliebten war, als reiche ihm aus den Wolken des zweiten Lebens diese Hand ein zweites Herz, und er zog die Hand zu sich an und sank mit seinem stummen überfließenden Angesicht durch die Blüten auf ihre klopfenden Adern nieder. Aber kaum hatte Klotilde beide stammelnd willkommen geheißen unter dem Heraustreten aus dem grünen Klosett: so erschien ihnen der Engel – Emanuel, der aus dem Kloster geeilet war, um die Freundin aufzusuchen. Er sagte nichts, aber er sah beide mit einer namenlosen Wonne an, um zu finden, ob sie sich recht freueten, und gleichsam um zu fragen: »Seid ihr denn jetzt nicht recht glücklich, ihr Guten, liebt ihr euch denn nicht unaussprechlich?« – – O, zum Mitleiden gehört nur ein Mensch, aber zur Mitfreude ein Engel; es gibt nichts Schöneres als den glänzenden Christuskopf, auf welchem das Weglegen der Mosisdecke den stillen frohen Anteil an fremden unbescholtenen Freuden, an fremder reiner Liebe zeigt; und es ist ebenso göttlich (oder noch mehr), einer fremden Liebe mit einem stumm-glückwünschenden Herzen zuzuschauen, als sie selber zu haben.... Emanuel, dein größeres Lob wird in verwandten Seelen aufbehalten, aber auf keinem Papier! –

Auf dem Kreuzwege der Allee teilte sich der schöne Bund auseinander, und der linke Zweig derselben führte Klotilde neben der Nachtigall vorbei in die Wohnung der sanften Herzen zurück. Viktor kam, von der vergrößerten Liebe für drei Menschen zugleich aufgelöset, in den dunkeln, nur von untergehenden Sternen erleuchteten Zimmern Emanuels an und fand da einen gedeckten Tisch, den die feine Äbtissin dem Gaste oder dem Wirte gesendet hatte (weil Emanuel abends nur Obst genoß). Man will alles mit der Geliebten teilen, sogar die Küche. Emanuel zündete nach Ostern kein Licht mehr an. Im Helldunkel, aus Mondsilber und Lindengrün zusammengegossen, blühte das selige Kleeblatt unter dem Abendstern. Viktor machte heute durch seine ärztlichen Schilderungen der Nachtkälte den siechen Freund abtrünnig von den Nachtwandlungen und ging nur allein mit dem Blinden noch hinaus an die Schlafstätte der verstummten Natur... Selig ist der Abend, der der Vorhof eines seligen Morgens ist. Der Maifrost hatte die Sterne vom warmen Dunsthauch gereinigt und das Blau des Halbhimmels vertieft, um eine schöne Nacht zum Bürgen eines schönen Tages zu machen. Alles schwieg ums Dörfchen, ausgenommen die Nachtigall im Garten und die rauschenden Maikäfer, diese Herolde eines hellen Tages. – Und als Viktor nach Hause ging mit einem emporgeseufzeten Dank für diese Pfingststunden, von denen jede der andern die Zuckerstreubüchse gab, um die engen Minuten eines stillen Menschen zu versüßen; als er vorbeiging vor den gedämpften Beichtliedern, die hier ein zwölfjähriger Mensch, der morgen das Abendmahl nahm, dort einer neben seiner Mutter sang; und als endlich ein verhauchtes Abendlied aus der Abtei, das gleichsam auf einem einzigen Lautenton fortschwamm, den schönen Tag mit einem Schwanengesang zu Ende führte, und da vom sanften Tage nichts mehr übrig war als dessen Nachhall im Herzen des Glücklichen und im Abendliede des Klosters, als dessen Widerschein in der ziehenden Abendröte am Himmel und in dem befriedigten, noch lächelnden Angesicht des schlafenden Emanuels: so sahen in Viktor die stummen Freuden wie Gebete aus, die ungestörten Tränen wie überlaufende Tropfen aus dem Freudenkelch, seine Stille wie eine gute Tat und sein ganzes Herz wie die warme Freudenzähre eines höhern Genius.

Viktor führte den blinden Geliebten leise an seine Lagerstelle, wo der Traum seine zerrütteten Augen herstellte und ihnen die kleinen Landschaften seiner Kindheit mit Morgenfarben heller um sie stellte. – Er selber legte sich unentkleidet, dem tief herabgerückten Monde gegenüber, auf die Baustelle unserer schönern Luftschlösser, auf den Resonanzboden der Kindheit, wo der Morgentraum den geheiligten Menschen aus der Wüste des Tages auf den Berg Mosis führt und ihn schauen läßt in das dunkle gelobte Land der Ewigkeit.....

Der erste Pfingsttag, lieber Leser, hat in diesem Wonne-Dreiklang verhallt; aber in diesen drei hohen Festen von Freude wird, wie bei denen im Kalender, das zweite noch schöner, und das dritte am schönsten. Ich werde mit dem Steigen meiner Feder durch diese drei Himmel gar nicht eilen – ja wenn ich gewiß wissen könnte, daß die handelnden Personen in dieser Geschichte mein Werk nie zu sehen bekämen, ich würde (zur Grenzenverrückung dieses Edens) gar manches dazumachen, was, näher besehen, nicht historisch wahr wäre. –

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