Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jean Paul Richter >

Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 90
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
Schließen

Navigation:

Ich hab's doch durch außerordentliches Rennen dahin gebracht, daß ich mit dem 32sten Hundposttage fertig bin, eh Spitz mit seinem Freudenpokal am Halse über das indische Meer gesetzt ist – Und da ich ohnehin nach der capitulatio perpetua mit dem Leser (bei der bekanntlich die Fürsten- und Städtebank ins Gras beißet) jetzt einen Schalttag machen muß: so will ich dazu die Vakanz des Hundes verwenden; aber ich flehe alle meine Tagwähler und Kunden, die bisher am Springstabe des Zeigefingers über die Schalttage weggesetzt sind, ernsthaft an, es bei diesem nicht zu tun, erstlich weil ich erbötig bin, mich erschießen zu lassen, wenn ich in diesem Schalttage mein obwohl unter mehren Regierungen bestätigtes Schalttags-Privilegium, die witzigsten und tiefsinnigsten Sachen vortragen zu dürfen, nur im geringsten exerziere – und zweitens weil der Hund schon am Schalttage in den Hafen laufen und mir Fakta bringen kann, die ich nicht im 33sten Hundtage auftische, sondern schon am – VIII.  Schalttage oder an der VIII.  Sansculotide.

– Der Inhalt davon ist, gleich der Gegenwart, ein toller Vorbericht von der Zukunft. –

Ich muß sagen, wenn erstlich Bellarmin (der katholische Vorfechter und Kontradiktor) behauptet, jeder Mensch sei sein eigner Erlöser – woraus meines Erachtens folgt, daß er auch seine eigne Eva und Schlange für seinen antiken Adam ist – wenn zweitens die Feder eines außerordentlich guten Autors eine Lichtputze der Wahrheit ist, so wie umgekehrt dem Herrn von Moser im Gefängnis die Lichtputze die Feder war – wenn drittens der Despotismus statt der lebendigen Baumstämme zuletzt (denn er sägt in die Welt hinein wie blind) den Thron-Sägebock selber zersägen kann – ferner muß ich sagen, wenn viertens jede Handlung (sogar die schlimmsten) wie Christus zwei unähnliche Geschlechtregister hat – wenn vollends fünftens ein und der andere Rezensent sein kritisches Auge, womit er alles besieht, nicht auf dem Scheitel-Wirbel trägt (wie etwan Muhammeds Selige, um die Schönheiten nicht zu sehen), noch wie Argus hinten und vornen, sondern wirklich vornen gleich unter dem Magen über dem Gedärm mitten im Nabel, wenn dieser Mann noch dazu kein anderes Herz besitzt als das leinene, das die Nähterin unten im Winkel des Hemdjabots einflickt und das auf der Herzgrube aufliegt, die man gescheuter die Magengrube nennen sollte – endlich muß ich sagen (wenigstens kann ichs), wenn sechstens wahrer Zusammenhang, strenge Paragraphen- Verkettung vielleicht die größte Zierde und Seele der ungebundnen Rede ist, die aber einem gebundnen Klaviere gleicht, und wenn daher der Verstand, wie eine epische Handlung, am Ende der (rhetorischen und der Zeit-) Periode anfangen muß, weil sonst gar keiner dawäre:..

– Es wird aber auch keiner mehr kommen. – Aber jene vier Punkte sehen wie die Hasenfährte im Schnee aus. – Kurz: der Spitzhund, unser biographischer Handlanger und Spediteur, liegt schon unter dem Tische und hat einige elysische Felder und Himmelreiche abgeladen. – Da ich ohnehin im obigen nicht ganz wußte, was ich haben wollte (ich will nicht gesund vor dem Publikum sitzen, wenn ichs gewußt): so erwies mir der Hund einen wahren Liebedienst, daß er dem Perioden den Nachsatz-Schwanz sozusagen gar abbiß. Es war ohnehin mein Plan, bloß so lange Hasensprünge zu machen in einem ellenlangen Perioden, bis der Hund mir die Angst über die Zweifelhaftigkeit der Pfingstreise benommen hätte. – Überhaupt wollt' ich nie Worte und Gedanken miteinander aufwenden, sondern diese sparen, wenn ich jene vertat; Peuzer schrieb längst an die Regensburger und Wetzlarer: viele Gedanken brauchen einen kleinen Wortfluß, aber je größer der Bach ist, desto kleiner kann das Mühlrad sein. – Einen rechtschaffenen Rezensenten kränkt ein lakonisches Buch auch schon darum (nicht bloß weil das Publikum es nicht versteht), weil ein Deutscher ja an den Juristen und Theologen die besten Muster vor sich hat, weitschweifig zu schreiben, und zwar mit einer Weitläuftigkeit, die vielleicht – denn der Gedanke ist die Seele, das Wort der Leib – unter den Worten jene höhere Freundschaft der Menschen stiftet, die nach Aristoteles darin besteht, daß eine Seele ( ein Gedanke) in mehrern Körpern (Worten) zugleich wohnet. –

– Ich hebe Viktors Vigilie, den heiligen Abend vor Pfingsten, jetzt an. Es war schon Sonnabend – der Wind ging (wie die Wissenschaften) von Morgen – das Quecksilber sprang in der Barometerröhre (wie heute in meinen Nervenröhren) fast oben hinaus. – Flamin war friedlich von seinem Freunde am Freitage geschieden und kehrte vor fünf Tagen nicht zurück. – Viktor will morgen, am ersten Pfingsttag, vor der Sonne aufbrechen, um am dritten wieder zurückzukommen, wenn sie in Amerika aussteigt. – (Ich wollt', er bliebe länger.) – Es ist ein schöner blauer Montag in der Seele (jeder blaue Tag ist einer) und eine schöne Dispensation von der Trauerzeit des Lebens, wenn man (wie mein Held) das Glück hat, an einem heiligen Abend, unter dem Gebetläuten, und wenn der Mond schon über die Häuser herauf ist, vor den Aussichten in die schönsten Pfingsttage und in die schönsten Pfingstgesichter, ruhig und schuldlos in Zeusels Erker zu sitzen, alle Voressen der Hoffnung anzuschneiden, alle Vorsteckrosen und Anzeigen des schönsten Morgens zu sammeln und unter den lärmenden Budenvorspielen des Festes den zweiten Teil der Mumien gerade in den Freudensektoren zu lesen, wo ich meinen und Gustavs Einzug in das himmlische Jerusalem zu Lilienbad abzeichne. – – Alles das hatte, wie gesagt, der Held....

Aber als er, der zwischen seiner Pfingstreise und jener Badreise im Buche so viele Verwandtschaft ausfand, endlich mit seiner bewegten Seele an die Zerstörung jenes Jerusalems kam: so sagte er mit dem ersten traurigen Seufzer für heute: »O du gutes Schicksal, ein solches Schlachtmesser lege nie am Herzen meiner Klotilde an: ach ich stürbe, wenn sie so unglücklich würde wie Beate.« – Und er dachte weiter nach, wie die roten Morgenwolken der Hoffnung nur schwebender erhöhter Regen sind und wie oft der Schmerz der bittere Kern der Entzückung ist, gleich dem goldnen Reichsapfel des deutschen Kaisers, der zwar 3 Mark und 3 Lot schwer ist, aber innen mit Erde ausgefüllet...

Beim Himmel! wir versalzen uns da alle mit Nachtgedanken den heiligen Abend ohne Not, und es weiß keiner von uns, warum er so seufzet. – Ich habe ja das ganze Pfingstfest schon kopeilich vor mir, und es steht kein einziges Unglück darin, es müßte denn Viktor noch einen vierten Pfingsttag als Nachsommer anstoßen, und in diesem müßte es etwas absetzen. Ich gestehe es, ich bin gern ästhetischer frère terrible und setze der Welt, die in meine unsichtbare Mutter-Loge sich hineinlieset, gern den Degen auf die Brust und dergleichen Streiche mehr – das kömmt aber davon, weil man in der Jugend Werthers Leiden lieset und besitzt, von welchen man, wie ein Meßpriester, ein unblutiges Opfer veranstaltet, ehe man die Akademie bezieht. Ja wenn ich noch heute einen Roman verfaßte: so würd' ich – da der blauröckige Werther an jedem jungen Amoroso und Autor einen Quasichristus hat, der am Karfreitage eine ähnliche Dornenkrone aufsetzt und an ein Kreuz steigt – es auch wieder so machen....

– Aber es ist Zeit, daß ich mein Maienthal öffne und jeden einlasse. Ich will nur nicht länger verheimlichen, daß ich gesonnen bin, dieses ganze Paphos und Rittergut an den Leser gar zu verschenken, wie Ludwig XI. die Grafschaft Boulogne der heiligen Maria zuwarf. Ich gedenke dadurch vielleicht über andere Schriftsteller, die ihren Lesern nur ihre Kiele bescheren, ebenso weit vorzustechen als der König über den alten Lipsius, der der Maria nur seine silberne Feder vermachte. Anfangs wollt' ich dieses Elysium mit seinen dreimähtigen Wiesen und Nadelhölzern selber behalten, weil ich im Grunde ein armer Teufel bin und wirklich nicht mehr einzunehmen habe als ein Prinz von Württemberg sonst, nämlich 90 fl. rhn. Apanage und 10 fl. zu einem Ehrenkleide, und weil ich mir auf die mir von Gott und Rechts wegen zuständigen zwei Quadratmeilen Landes – denn soviel wirft die ganze Erde bei ihrer gleichen Zerschlagung nach einem guten Teilplane auf den Mann aus – wahrlich so wenig Rechnung mache, daß ich die zwei Meilen an jeden gern um einen elenden Schaf-Pferch hingeben will. – Und was mich am meisten zurückzog, diese Schenkung unter den Lebendigen mit meinem Maienthal zu machen, war die Sorge, daß ich ein Feudum Leuten, Lesern, Landboten, Knäsen zuwende, die tausendmal größere Woiwodschaften und Schatullgüter innenhaben und die man aufbringt, wenn man sie der Maria ähnlich macht, die aus einer Himmels- Königin eine Gräfin von Boulogne wurde, oder dem römischen Kaiser, der zugleich am Kröntage ein Mitglied des Marienstifts zu Aachen werden muß. –

Aber was können denn alle ihre Majorate – ihre Deutschmeistereien – ihre Afterlehn – und ihre patrimonia Petri (eine Anspielung auf mein patrimonium Pauli) – und ihre großväterlichen Güter und alles ihr auf das Erdenschiff geladne Schiffgut, kurz ihre europäischen Besitzungen auf der Erde, was können, sag' ich, diese Holländereien für Produkte liefern, die vor den maienthalischen nur von weitem beständen? Und wachsen auf ihren Kronengütern himmelblaue Tage, Abende voll seliger Tränen, Nächte voll großer Gedanken? – Nein, Maienthal trägt höhere Blumen, als die das Vieh abreißet, schönere Hesperiden-Äpfel, als die Obstkammern bewahren, überirdische Schätze auf unterirdischen, Eden-Kompetenzstücke, wie Klotilde und Emanuel sind, und alles, was unsre Träume malen und unsre Freudentränen begießen. –

– Und eben dies entschuldigt mich, wenn ich das maienthalische Freuden-Tafelgut tausend Mitwerbern abschlage, wenn ich als dessen Lehnprobst mit diesem schwäbischen Schupflehn nicht belehnen kann solche Leute, die auch zu keinem eigentlichen Feudum taugen, moralische Blinde, Lahme, Minderjährige, Verschnittene etc. – Und hier muß ich mir viele Feinde machen, wenn ich aus den Vasallen und Mitbelehnten, denen man das Maienthal mit allen seinen poetischen Nutznießungen zu Lehn gibt, namentlich alte Salbader ausstoße, die den Rittersprung der Phantasie nicht mehr tun können – 47 Scheerauer und 103 Flachsenfinger, deren Herzen so kalt sind wie ihre Kniescheiben oder wie Hundschnauzen – die größten Minister und andere Große, an denen wie an großen gebratnen Fleischklumpen bloß die Mitte noch roh ist, nämlich das Herz – ½ Billion Ökonomen, Juristen, Kammer- und Finanzräte und Plus-, d. h. Minusmacher, in denen die Seele, wie an Adam der Leib, aus einem Erdenkloße geknetet worden, die einen Herzbeutel haben, aber kein Herz, Gehirnhäute ohne Gehirn, Pfiffigkeit ohne Philosophie, die statt des Buchs der Natur nur ihre Manualakten und Steuerbücher lesen – endlich die, die nicht Feuer genug haben, um vor dem Feuer der Liebe, der Dichtkunst, der Religion zu entbrennen, die statt weinen greinen sagen, statt dichten reimen, statt empfinden rasen....

Bin ich denn toll, daß ich mich hier so erbose, als wenn ich nicht auf der andern Seite das schönste Leser-Kollegium, das ich zum primus adquirens des maienthalischen Männer- und Kunkellehns erhebe, vor mir hätte; eine mystische moralische Person, die es einsieht, daß der Nutzen nur eine niedrigere Schönheit und die Schönheit ein höherer Nutzen ist? – Es ist allen Empfindungen eigen (aber nicht den Einsichten), daß man sie nur allein zu haben glaubt. So hält jeder Jüngling seine Liebe für eine außerordentliche Himmelerscheinung, die nur einmal in der Welt sei, wie der Stern der Liebe, der Abendstern, oft einem Kometen gleichsieht. Aber es wird nicht lauter Flachsenfinger und Holländer geben, die auf die Alpen steigen, weniger um große Gedanken und Erhebungen, als um SedesNach Scheuchzer sind Alpen die beste Arznei gegen Verstopfung. zu haben, oder zu Schiffe gehen, nicht um auf das erhabne Meer den Blick des Dichters zu werfen, sondern um die Schwindsucht zu verfahren... Sondern es wird überall in jedem Marktfleck, auf jeder Insel schöne Seelen geben, die der Natur am Busen ruhen – die die Träume der Liebe achten, wenn auch sie selber aus ihren eignen wach geworden – die mit rauhen Menschen umpanzert sind, vor denen sie ihre Idyllenphantasien über das zweite Leben und ihre Tränen über das erste verhüllen müssen – die schönere Tage geben, als sie empfangen – diesem ganzen schönen Bunde mach' ich das verschenkte Feudum von Maienthal, wovon schon so viel Redens war, endlich auf und gehe als beleihender Lehnhof mit einigen Freunden und Freundinnen und meiner Schwester vorn an der Spitze voran hinein.

 

Nachschrift oder eigenhändige Dispensationbulle. Der Berghauptmann kann nicht leugnen, daß der S. T. Verfasser dieser Lebensbeschreibung dadurch, daß der Hund faul ist, und daß diese Posttage voluminöser sind, und daß er in diesem Kapitel gar zwei in eines zusammengeschmolzen hat, hinlänglich bei denen entschuldigt ist, die das Recht haben, ihn zu fragen, warum er erst in der Mitte des Septembers oder Fruktidors den 32sten Posttag hinausgebracht. Vier Monate weit sitzet er noch mit seiner Beschreibung von der Geschichte ab. 1793.

J. P.

 << Kapitel 89  Kapitel 91 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.