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Hesperus oder 45 Hundposttage

Jean Paul Richter: Hesperus oder 45 Hundposttage - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 1
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleHesperus oder 45 Hundposttage
pages471-1236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1795
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Bei einem Zusammentreffen solcher Unsterne wurde freilich dem Kammerherrn der Absagebrief, der anfangs mit sympathetischer Dinte auf Jenners Gesicht geschrieben war, allmählich immer leserlicher – doch las er ihn wöchentlich etliche Male durch, um recht zu lesen – er konnte jetzo keinem Schoßhunde eine Stelle mehr verschaffen, nämlich einen Schoß – seine Empfehlschreiben wurden Uriasbriefe – als er nun gar durch den Lord die Charge eines Obrist-Kammerherrn erstand, hielt ers für hohe Zeit, gegen seine Kniegicht das Bad auf seinem Rittergut St. Lüne jahraus, jahrein zu brauchen, und zog ab, nachdem er vorher dem ganzen Hof geloben müssen, bald genesen zurückzukommen. –

– Eigentlich wäre jetzt diese Vor-Geschichte versprochnermaßen aus, so daß ich gut in der neuern dieses Werkes weitergehen könnte, müßt' ich nicht des Hofkaplans wegen durchaus noch dieses nachholen:

Die einzige Stelle, die Le Baut gleichwohl am Hofe noch besetzen konnte, war die Pfarrei in St. Lüne. Er fand als ihr Patronatherr damit den Ratten-Kontradiktor Eymann ab, der ihm in London die mündliche Vokation zur Hofkaplanei abgebettelt hatte, und der sie nicht mehr kriegen konnte. Daher nennen ihn die Hundposttage immer den Hofkaplan, wiewohl er in der Tat nur ein Landpastor ist.

Aus dem kleinen Umstande, daß Eymann als Reiseprediger mit in Jenners Gefolge ging, entspann sich viel. Eymann machte auf dem Landgut des Lords seiner jetzigen Frau mit dem Hals- und Brustgehenke seiner von der Schwindsucht durchgrabenen Herzkugel ein kleines Präsent, das angenommen wurde. Beide zeugten noch in England ihren Flamin. Die Lady liebte in der Hofkaplänin eine würdige Mitschwester ihres Geschlechts und eine würdige Mitbürgerin ihres Vaterlands; sie drang in sie mit heißen Bitten, in England zu bleiben, und als alle abgeschlagen waren, erbat und erzwang sie es von ihr, daß wenigstens ihr Flamin – um doch ein halber Brite zu werden – so lange in der Gesellschaft des Infanten und Viktors bleiben durfte, bis das freundliche Kleeblatt auf einmal in die deutsche Erde verpflanzet würde.

Die Pfarrerin war stark genug, für die schönere Erziehung ihres Flamins den Genuß seines Anblicks hinzugeben, und ließ ihn unter den Augen der Liebe und in den kleinen Armen der kindlichen Freundschaft zurück. Dieselbe erziehende Hand – Dahore hieß der Lehrer – richtete und begoß die drei edlen Blumen, die aus einerlei Beete und Äther dreierlei Farben sogen und sich mit unähnlichen Staubfäden und Honiggefäßen ausbildeten. Dahore hatte das Herz aller Kinder in seiner weichen Hand, bloß weil seines niemals brausete und zürnte, und weil auf seiner jungen Gestalt eine ideale Schönheit und in seiner reinen Brust eine ideale Liebe wohnte. Die drei Kinder liebten und umarmten sich unter seinen Augen wärmer, wie vor der Venus Urania die Grazien einander umschlingen: sie trugen sogar alle einen Namen, wie die Otaheiter aus Liebe ihre Namen tauschen.

Als sie einige Reife hatten, kam der Lord, um sie samt Dahore nach Deutschland einzuschiffen. Aber vor der Abfahrt bekam der Infant die Blattern und wurde blind – und Dahore mußte mit ihm zur ängstlichen weinenden Lady umkehren. Viktor hatte sich lange und sprachlos an den Hals des kranken Freundes gehangen und um Dahores Knie geschlungen und wollte von den zwei Geliebten nicht scheiden; aber der Lord schied sie. – Flamin und Viktor wurden dann in Flachsenfingen erzogen, jener zum Juristen, dieser zum Arzte.

– Es sind in der Kürbisflasche Spitzius Hofmanns einige Unwahrscheinlichkeiten; aber der Hund muß für das stehen, was er liefert. Jetzo geht die Historie wieder geradeaus.

Der Lord entfernte sich, unter dem Kanonenlösen der löcherichten Garnison, mit Viktor in ein anderes Zimmer, und sein erstes Wort war: »Binde mich ein wenig auf und lasse deine Hand in meiner, damit ich deine Aufmerksamkeit bemerken kann; denn ich habe dir viel zu sagen.« Guter Mann! wir merken es alle, daß du zärtlicher bist, als du scheinen willst, und wir loben es alle; nicht Kälte, sondern Abkühlung ist die größere Weisheit; und unser innerer Mensch soll, wie ein heißer Metallguß in seiner Form, nur langsam erkalten, damit er sich zu einer glättern Gestalt abründe: eben darum hat ihn die Natur – wie man für Bildmetall die Form erwärmt – in einen heißen Körper gegossen.

Er fuhr fort: »Ich habe, mein Teurer, in meiner Blindheit nur leere Briefe an dich diktieren können; ich wollte erst für deine Ankunft meine Geheimnisse aufsparen. Eine kleine Pulververschwörung beobachtet mich.« Viktor unterbrach ihn mit der Frage, wie er so plötzlich blind geworden. Der Lord antwortete ungern: »Das eine Auge war es wahrscheinlich schon vor deiner Abreise nach Göttingen, aber ich wußt' es nicht.«

»Aber das andere?« sagte Viktor. Über das Angesicht des Lords strich der kalte Schatten eines begrabnen Schmerzes; er sah den Sohn lange an und antwortete wie zerstreut und eilig: »Auch! – Ich sehe dich an, du kommst mir viel länger und größer vor.« – »Das ist vielleicht« (versetzt' er, denn er erriet ihn) »Augen-Täuschung der empfindlichern NetzhautNach dem Starstechen bildet die empfindlichere Netzhaut alles größer vor. . – Sie sprachen von der Pulververschwörung.« – »Diese hat erfahren,« (sprach der Lord weiter) »daß der Sohn des Fürsten nicht in London sei; sie vermutet sogar, daß die Blattern absichtlich damals inokuliert wurden – und der Fürst spricht täglich von dem Augenblick, wo ich ihm seinen Sohn wiederbringe: er weiß vielleicht jene Vermutungen. Ich mußte meine Abreise nach London auf meine Heilung verschieben. Jetzo reis' ich in kurzem ab nach England, wo der Sohn nicht ist, und hole seine Mutter; ihn bringe ich anders woher und mit ebenso guten Augen, als du mir gegeben hast.«

»Dann«, fuhr Viktor heraus, »wird der beste Mann nicht gestürzt, wohl aber seine Feinde.«

»Nein, ich bin vorher gestürzt, um mich wie du auszudrücken. – Aber du hast mich unterbrochen. Ich habe nie den Mut gehabt, andere Leute zu unterbrechen als Toren. – Denn meine Abwesenheit will man eben.«

Ich als bestallter Historiograph frage nichts nach allem und unterbreche, wen ich will. Einer, den man unterbricht, kann zwar spaßen, aber nicht mehr beweisen. Der auf den Plato gepelzte Sokrates, der keinen Sophisten ausreden ließ, war eben darum selber einer. In England, wo man noch Systeme unter den Weingläsern duldet, kann sich ein Mann so sehr ausbreiten wie ein Royalbogen; in Frankreich, wo sich die Brille der Weisheit in glänzende Spitzen zersplittert, muß einer so kurz sein wie ein Besuchblatt. Hundertmal schweigt der Weise vor Gecken, weil er dreiundzwanzig Bogen braucht, um seine Meinung zu sagen – Gecken brauchen nur Zeilen, ihre Meinungen sind herauffahrende Inseln und hängen mit nichts zusammen als mit der Eitelkeit.... Noch merk' ich an, daß zwischen dem Lord und seinem Sohne eine höfliche feine Behutsamkeit obwaltete, die in einem so nahen Verhältnisse nur aus ihrem Stande, aus ihrer Denkart und ihrer häufigen Abtrennung zu beurteilen ist. –

»Aber meine Gegenwart ist vielleicht noch schlimmer. Die Prinzessin« – –

(Die Braut des Fürsten, da seine erste Gemahlin bald und kinderlos starb, wie Spitz sagt)

»Die Prinzessin bringt einen Strom von Zerstreuungen mit, worin er keine Stimme als die, die zum Vergnügen lockt, mehr hören wird. Ein unterbrochner Einfluß ist ein verlorner. Auch bin ich bis zu einem gewissen Punkte dieses Spieles so müde, daß ich den neuen Verbindungen, in die mich diese neue Erscheinung zöge, gern entfliehe. Sollte sie ihn nicht lieben, wie man sagt, so könnte sie ihn um so leichter beherrschen; und dann wäre meine Abwesenheit wieder nicht gut. – Mich beiseite! aber was nimmst du vor, solang' ich weg bin?«

Nach einer Viertelpause antwortete er selber. »Du wirst sein Leibarzt, Viktor!« Viktors Hand zuckte in der väterlichen. »Du bist ihm schon versprochen, und er sehnet sich nach dir, bloß weil ich dich oft genannt habe. Er kann es nicht erwarten, zu erfahren, wie jemand aussieht, dessen Vater er so gut kennt. Als Leibarzt kannst du ihn mit deiner Kunst und mit deiner Laune so lange fremden Fesseln entziehen, bis ich wiederkomme; dann leg' ich ihm noch sanftere an und gehe auf immer zurück. Meine Verbindung hatte bisher bloß die Absicht, fremde abzuwenden, besonders eine gewisse« – (Mit voller Brust und andrer Stimme) »Mein Geliebter! Es ist auf der Erde schwer, Tugend, Freiheit und Glück zu erwerben, aber es ist noch schwerer, sie auszubreiten; der Weise bekömmt alles von sich, der Tor alles von andern. Der Freie muß den Sklaven erlösen, der Weise für den Toren denken, der Glückliche für den Unglücklichen arbeiten.«

Er stand auf und setzte Viktors Ja voraus. Dieser mußte ihm also unter dem Gehen seinen Rednerfluß zutröpfeln. Er fing mit gehäuftem Atem an: »Ich verabscheue aufs heftigste den Samielwind der Hofluft«...

Bei mir hats der Lord zu verantworten, daß der Sohn hier die conjunctio concessiva » zwar« auslässet: wer sich die Erwartung des Gehorsams merken lässet, erhält ihn wenigstens unter einer stolzern Einfassung –

»die über lauter liegende Menschen streicht und den zu Pulver macht, der aufrecht bleibt – Ich wollt', ich wär' in einem Vorzimmer an einem Courtage; ich wollte zu allen in Gedanken sagen: wie hass' ich euch und euern tollen Sauerhonig von Lust- und Plag-Partien – die verdammten Wart- und Ruderbänke eurer Spieltische – die vollen Schlachtschüsseln hingerichteter Provinzen, ich meine eure Spiel- und Speiseteller – Aber ich weiß schon, ich drücke mich nie mit Stärke aus über die knechtischen lauernden Hofaustern, die nichts zu bewegen und aufzuschließen wissen – das Herz ohnehin nicht – als ihr Gehäuse, um etwas hineinzunehmen...«

»Ich habe dich noch nicht unterbrochen«, sagte der Lord und stand ein wenig still.

»Inzwischen«, fuhr der Sohn fort, »wate ich mit größter Lust zur Austerbank hinab.. O mein teurer Vater, wie könnt' ich nicht gehen! Warum ließ ich nicht bisher Ihr krankes Auge aufgebunden, damit Sie auf meinem Gesichte keine einzige Einwendung gegen Ihre Wünsche erblickten! – Ach, um jeden Thron stehen tausend nasse Augen, die von verstümmelten Menschen ohne Hände hinaufgerichtet werden: droben sitzt das eiserne Schicksal in Gestalt eines Fürsten und streckt keine Hand aus – warum soll kein weicher Mensch hinaufgehen und dem Schicksal die starre Hand führen und mit einer unten tausend Augen trocknen?« – Horion lächelte, als wollt' er sagen: Jüngling!

»Aber nur um einige prozessualische Weitläuftigkeiten und Fristen bitt' ich Sie, damit ich Zeit bekomme – stoischer und närrischer zu werden. Närrischer, mein' ich, vergnügter. Ich möchte unter den guten Leuten um uns und neben meinem Flamin und jetzt im Frühling des Kalenders und in dem meiner Jahre, und eh' das Lebenschiff im Alter einfriert, nur noch zwei Monate lachen und zu Fuß gehen. Stoisch muß ich ohnehin werden. Wahrhaftig, wenn ich nicht Epiktets Handbuch als einen Schlangenstein an mich und meine Wunden legte, damit der Stein den moralischen Gift heraussaugt, sondern wenn ich mit einer Brust voll Krebsschäden aus dem Hause ginge: was würde denn der Hof von mir denken?... Ach, ich meine es doch ernsthaft: der arme innere Mensch – von dem Wechselfieber der Leidenschaften ausgetrocknet – vom Herzklopfen der Freude ermattet – vom Wundfieber der Leiden glühend – braucht wie ein andrer Kranker Einsamkeit und Stille und Ruhe, damit er genese.« Wenn er das Wort Ruhe nannte, war sein Inneres bis zur Auflösung bewegt; so sehr hatten schon die Leidenschaften sein Blut umgewühlt und sein Herz erschüttert.

Jetzo gingen beide in schweigender Einigkeit wieder zu Eymann. »Ich habe eine Bitte für meinen Flamin.« – »Welche?« sagte der Lord. – »Ich weiß sie noch nicht, aber er schrieb mir, er werde sie mir bald sagen.« – »Meine an ihn ist,« sagte der Lord, »daß er, wenn er angestellt werden will, mehr die Pandekten als die Taktik und statt des Rapiers die Feder liebe.« – Der Sohn wurde zu höflich vom Vater behandelt, als daß er zur Bitte um seine Geheimnisse – besonders um das, wo Jenners Sohn sei – den Mut besessen hätte. Ich behandle den Leser ebenso fein, und ich hoffe, er hat ebensowenig den Mut; denn wenn sich jemand versteckt erklärt, so ist nichts unhöflicher als eine neue – Frage.

Der Lord fuhr nun geheilt zum Fürsten zurück.

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